Sonntag, 15. Mai 2011

69 »Das Gruselkabinett von Sechín«

Preisausschreiben: Nehmen Sie noch bis 26. 06. teil und gewinnen Sie 3 x 1 Exemplar des Buches »2012 - Endzeit und Neuanfang« von Walter-Jörg Langbein

Teil 69 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von
Walter-Jörg Langbein
.
Hätte ich nur ein Taxi genommen, dachte ich immer wieder. Warum musste ich auch dieses supergünstige Angebot annehmen ... Ich würde in einem Bruchteil der Zeit mit dem Flugzeug der Küste entlang förmlich meinem Ziel entgegen schweben. Dann kam es ganz anders als gedacht ... Der Flug von Lima nach Chimbote wurde zum reinsten Höllenritt. Die kleine Propellermaschine sackte mehrfach ab. Mein Magen sauste wie im Expressaufzug abwechselnd bis unter meine Schädeldecke oder in meine Füße. Und immer, wenn die kleine Maschine wie von unsichtbaren Fäusten getroffen wie ein störrischer Esel zur Seite geworfen wurde, lachte mein Pilot nur auf. Dann klatschte er sich mit der flachen Hand auf den Magen. Auf dieses Zeichen hin musste ich ihm eine dunkelbraune Flasche reichen, aus der er einen gewaltigen Schluck nahm. »Meine Magenmedizin..« kicherte er vor sich hin. Hätte ich doch nur ein Taxi genommen... dachte ich. Ich muss zugeben: Meine Angst wuchs von Minute zu Minute... und erreichte ihren Höhepunkt bei der Landung auf einer Art Feldweg außerhalb von Chimbote. Dankend lehnte ich das Angebot meines tüchtigen Piloten ab, mich gegen ein »kleines Trinkgeld« - wohl für die »Magenmedizin« - bis nach Llata zu fliegen. Ich nahm dann doch lieber ein Taxi.

Die Monstermauer vor dem Berg
W-J.Langbein
Von Llata war es nur noch ein Katzensprung zur vielleicht ältesten Tempelanlage Perus, vielleicht sogar Südamerikas. Die Hitze war unerträglich, als ich die letzten Schritte zu Fuß ging. Schwer zerrte meine Kameratasche mit meinen beiden Fotoapparaten an der Schulter. Ein schmutzig-brauner Hügel wirkte wenig einladend. Ich ging auf diesen kleinen Berg in der Wüste zu. Und stand plötzlich vor einer wahren Monstermauer. Bis zu vier Meter ist sie hoch. Zusammengesetzt wurde sie aus mächtigen Monolithen, zwischen die wuchtige Steinplatten eingesetzt wurden. Monolithen wie Platten sind mit Hunderten von kräftig ausgeführten Gravuren bedeckt. Diese Darstellungen sind es, die die Mauer zu einem Panoptikum des Grauens machen.

1937 hat der berühmte Archäologe Julio César Tello erste Ausgrabungen durchgeführt. Schnell, und wohl etwas voreilig, versah der renommierte Wissenschaftler die ersten Funde mit dem Etikett »Chavinkultur«. Für ihn stand fest: Sechín entstand um 1700 vor Christus. Ich erinnere mich sehr genau an eine Begegnung der unangenehmen Art... Ich nähere mich, müde von der Hitze, der Monsterauer von Sechín. Hinter einem wuchtigen Stein taucht ein ältlicher Archäologe mit grauem Bart auf. Argwöhnisch mustert er mich, tritt mir energisch entgegen. Wenn ich keine Grabungs-Lizenz vorzuweisen hätte, so möge ich umgehend wieder verschwinden.

Ein Opfer ohne Beine -
abgeschlagene Schädel
Foto W-J.Langbein
Milde lächelnd antworte ich: »Mein Sohn, ich bin kein Archäologe... Ich bereise als Theologe die Welt ...« Der Archäologe blickt mich besorgt an. »Diese Wand ist nichts für schwache Nerven ...« Und schon führt er mich von Gravur zu Gravur, erklärt Bild für Bild. Die Mauer zeige, so erfahre ich eine Prozession der Sieger. Vielleicht sind es Krieger, die aus einer Schlacht nach Hause zurückkehren. Vielleicht sind es aber auch Opferpriester, die ihren Göttern auf grausige Weise gehuldigt haben.

In der wissenschaftlichen Literatur ist man sich nicht einig, ob darauf geistliche Zeremonienmeister oder weltliche Kämpfer zu sehen sind. Keinen Zweifel aber gibt es, dass neben den Mächtigen die Schwachen, neben den Gewinnern die Verlierer dargestellt wurden.... die Opfer! Grausamste Szenen sind da fast wie Einzelbilder eines Horrorfilms aneinandergereiht. Da hat man einen Mann in zwei Teile gehackt, einem anderen hat man die Beine abgeschnitten. Unzählige Opfer wurden enthauptet. Man hat ihre abgeschlagenen Schädel aufgetürmt zu blutigen Bergen des Triumphs, für einen zornigen Gott oder einen grausamen Regenten. Besonders häufig waren abgetrennte Köpfe zu sehen, aus denen Fontänen von Blut spritzten. Galt das Blut als Sitz der Lebenskraft und somit als besondere Opfergabe?
.
Ausgestochene Augen (links),
abgetrennte Arme und
Köpfe (rechts)
Foto W-J.Langbein
Texte haben die Erbauer der Anlage von Sechín keine hinterlassen, zumindest wurden bis heute keine entdeckt. So sind wir – noch – auf Vermutungen und Theorien angewiesen. »Die Opfer wurden nicht nur getötet, sie wurden grässlich verstümmelt...« erklärt mit beredt der Archäologe. »Man hat ihnen die Arme abgehackt und die Augen ausgestochen. Sie sollten im Jenseits hilflos sein, nicht sehen können...« Ich frage: »Wollte man so verhindern, dass sich die Toten als Geister rächen?« Das sei durchaus möglich.

Ich bin skeptisch, was die Rekonstruktion der Mauer angeht. Man war ja gezwungen, die uralten Brocken wieder zusammenzufügen... ohne dass man sich nach einer alten Vorlage hätte richten können. Der Archäologe pflichtet mir bei. »In welcher Reihenfolge die einzelnen Figuren ursprünglich zu sehen waren, wissen wir natürlich nicht. Aber keinen Zweifel gibt es daran, wer Sieger und wer Verlierer war!«

Interpretieren wird heute richtig, was da vor Jahrtausenden dargestellt wurde? Sammelten die Sieger von einst Augen und Rückgrat-Wirbel als Trophäen ihrer blutigen Erfolge? Oder sind wir voreingenommen, suchen wir nach Bestätigung für unser Bild von den blutrünstigen »Wilden«? Wir sollten nicht vergessen: Die »christlichen« Entdecker und Eroberer haben bei ihren brutalen Kriegen gegen die Ureinwohner Perus weitaus schlimmer gewütet als die sogenannten »Wilden«!
.
Zerteiltes Opfer (links) und abgetrennte
Schädel (rechts) Foto W-J.Langbein
1937 hat der Archäologe Julio César Tello Sechín auf die Zeit um 1700 vor Christus datiert. »Mein« Archäologe widerspricht. Da ich offenbar kein neidischer Konkurrent, sondern ein biederer Theologe bin, wird er immer gesprächiger. Es sei erst ein Bruchteil der einstmals riesigen Anlage von Sechín ausgegraben. Dabei handele es sich wohl um den jüngeren Teil. Der weitaus ältere müsse erst noch wissenschaftlich erfasst werden. Ich erfahre von der ältesten Schicht von Sechín... von einer wahrscheinlich gigantischen Pyramide, die aus monströsen Steinquadern aufgetürmt wurde... »vor mehr als fünf Jahrtausenden«.

In einer jüngeren, zweiten Bauphase habe man den unteren Teil der Pyramide als Fundament für einen Tempel verwendet... »Und wo befinden sich die Überreste der Pyramide?« Der Archäologe deutet mit dem Finger auf einen scheinbar natürlichen Hügel. »Unter diesem Haufen befindet sich die größte Sensation Südamerikas...«

Er zeigte mir stolz einige mächtige roh zugehauene und oberflächlich polierte Steinquader. »Davon gibt es riesige Mengen! Tausende habe ich gesehen! Sie wurden mit unglaublicher Präzision zu einer Pyramide zusammengefügt. Und das zu einer Zeit, als man in Ägypten noch nichts Vergleichbares zuwegebrachte!«

Aufgetürmte Schädel
Foto W-J. Langbein
Kühne Behauptungen... denke ich und habe so meine Zweifel. So mancher Forscher wähnte sich schon als Entdecker der großen Sensation... und wurde bitter enttäuscht. So mancher »Forscher« hat mich auf meinen Reisen auf vermeintliche Sensationen hingewiesen. Am 19.10.2006 bestätigte »Welt online« (1): »Deutsche Forscher finden riesige Pyramide in Peru. Im Casmatal im nördlichen Peru graben Berliner Archäologen gewaltige Spuren der ältesten Zivilisation Südamerikas aus. Die frühen Amerikaner bauten vor 5000 Jahren bis zu 100 Meter hohe Stufenpyramiden – und alles ohne Bagger.«

Und weiter heißt es im Bericht der renommierten Zeitung: »In Sechín Bajo im Casmatal, 370 Kilometer nördlich der peruanischen Hauptstadt Lima, stießen deutsche Archäologen auf Reste eines Bauwerks, dessen Fundamente mehrere hundert Meter im Quadrat ausmachen. Geschätzte Höhe: 70 bis 100 Meter. Doch nicht nur seine Maße, auch das Alter des Monumentalbaus, machen ihn zu einer Sensation: Geophysikalische Untersuchungen datieren den Komplex auf ein Alter von 5200 Jahren. Damit wäre es der älteste Steinbau Amerikas.«

Die Prozession an der Monstermauer von Sechín stellt – aus unserer Sicht – so etwas wie ein prähistorisches Gruselkabinett dar. Wurden die Gravuren von Künstlern geschaffen, die einer sterbenden Kultur angehörten? Wie weit zurück in der Geschichte mögen die ersten Anfänge dieser Kultur liegen, wenn sie vor mehr als 5000 Jahren eine große Pyramide hervorbrachte? Vieles spricht dafür, dass es in Peru eine uralte Kultur gab, die älter als die ägyptische ist! So wurden nicht nur in Sechín, sondern auch in anderen Flussoasen in der peruanischen Küstenwüste Hinweise auf riesige Bauwerke entdeckt, für die riesige Massen Steinmaterial verarbeitet wurden. In manchen wurden offenbar bis zu 100.000 Tonnen Stein verbaut. Der Ethnologe Hanns J. Prem ist überzeugt: Es gab eine »zentrale Autorität noch unbestimmbarer Form«.

Krieger oder
Opferpriester?
Foto W-J.Langbein
Die gruselige Mauer von Sechín ist steinerner Beleg eines uralten Volkes, von dem wir so gut wie nichts wissen. Rund fünfzig unscheinbare Hügel unterschiedlichen Ausmaßen bergen noch ungeahnte Schätze... Pyramiden!

Fußnote


»Chavin de Huantar, das Geheimnis der Anden«,
Teil 70 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22.05.2011

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 8. Mai 2011

68 »Das Kreuz des Henkers«

Teil 68 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Kilianskirche von Lügde
Foto W-J.Langbein
Vor hundert Jahren rankte wilder Wein am mächtigen Turm der Kilianskirche zu Lügde empor. Und so erinnerte das Gotteshaus damals an ein verwunschenes Märchenschloss. Wann der Grundstein zur ältesten Kirche Lügdes gelegt worden sein mag, wir wissen es nicht. Manfred Willeke schreibt in seinem Buch »Lügder Sagen« (1): »Den Bau der ersten Kirche zeitlich einzuordnen ist sehr schwer und durch kein Schriftstück zu belegen. Ihn jedoch – wie Pfarrer Nussbaum 1629 im Pfarrbuch (Pfarramt Lügde) schreibt – mit dem Besuch Karls des Großen 784 in Verbindung zu bringen ist unsinnig, ja irreführend.«

In der vergangenen drei Jahrzehnten bereiste ich die Welt von Australien bis Vanuatu, legte Zigtausende Flugkilometer zurück. Die mysteriöse Kilianskirche liegt nur wenige Kilometer von meinem Dörfchen entfernt... Ein Besuch des alten Gotteshauses lohnt sich allemal. Monate lang wurde daran gearbeitet. Kurz vor Ostern, vor wenigen Tagen also, wurden die mächtigen Gerüste von den Außenwänden entfernt.

Historisch Tatsache ist wohl der Besuch Karls des Großen anno 784 in Lügde. Er wird, Willeke weist darauf hin (2) in den »Annales Laurensis« (Codex 473, Nationalbibliothek Wien) urkundlich erwähnt. Der fränkische Regent feierte damals das Weihnachtsfest in Lügde. Ein christliches Gotteshaus, wohl eher eine kleine Kapelle, gab es damals schon. Indes: So rein christlich soll die Kapelle nicht gewesen sein. Iroschottische Mönche, so besagt es die Überlieferung, hätten sie gebaut. Sollten tatsächlich iroschottische Mönche – vielleicht schon im sechsten oder siebten Jahrhundert nach Christus – bis nach Lügde gekommen sein? Fakt ist, dass sie nicht nur in ihrer Inselheimat blieben, sondern missionarisch auch das europäische Festland besuchten.

Blick in die Kilianskirche
Foto W-J.Langbein
Drei Wege konnten von den iroschottischen Mönchen beschritten werden: der des »grünen«, der des »weißen« und der des »roten Märtyriums«. Der grüne Weg war der einfachste. Ein Mönch wählte einen einsamen Ort in der Heimat aus, um dort möglichst als Einsiedler entbehrungsreich zu leben. Der weiße Weg war schon schwieriger und führte den Mönch ins Ausland, um dort die christliche Botschaft zu verbreiten. Der rote Weg schließlich war der gefährlichste. Bewusst wählte der Mönch eine besonders gefährliche Region auf, wo durch kriegerische Heiden Lebensgefahr für christliche Missionare bestand. So mancher Missionar suchte wohl bewusst eine Chance zum Tod als Märtyrer.

Lügde dürfte von Mönchen aufgesucht worden sein, die das »rote Märtyrium« anstrebten. Das Heidentum war noch sehr stark. Ließ man doch dort zur Begrüßung des Frühlings brennende Feuerräder von allen Bergen ins Tal hinab rollen. Praktizierte man doch dort noch einen uralten Kult um eine Sonnen-Gottheit, als Lügde offiziell längst schon christlich war. Womöglich waren die iroschottischen Mönche erstaunt, wie friedlich die Heiden sein konnten! Vermutlich fanden die gewieften Missionare Parallelen zwischen Heiden- und Christentum. So mussten sie die Menschen nicht von grundlegend Neuem überzogen. Sie konnten darauf hinweisen, dass der neue Glaube durchaus Gemeinsamkeiten mit ihrem alten hatte! Wurde nicht im Heidentum die Wintersonnende (um den 21./22. 12.) als »Geburtstag« einer Sonnen-Gottheit gefeiert, die der Welt das Licht des Lebens brachte? Geschickte Prediger verkündeten Jesus als den Gott des Lichts und des Lebens, als Sonnen-Gottheit in christlichem Gewand.An eine Sonnengottheit erinnert noch heute der Brauch des Feuerräderlaufs von Lügde, der immer am Ostersonntag stattfindet... heute von der katholischen Kirche christlich interpretiert.

Feuerräderlauf 24.4.2011
Foto W-J.Langbein
Iroschottische Mönche, so weiß es die Überlieferung, errichteten in Lügde eine Kapelle. War es gar der Mönch Kilian, der um 600 bis 700 n.Chr. Das Frankenland missionierte? Aus dem Würzburger Raum kamen Missionare, schließlich der Weser folgend, bis nach Hameln. Sie ließen schon sehr früh Kapellen und Kirchen errichten. In Lügde sei, so wird überliefert, eine Kilians-Kapelle gebaut worden... etwa vom Missionar Kilian? Tatsächlich benannten iroschottische Mönche Kapellen und Kirchen nicht nach längst dahingeschiedenen Heiligen, sondern nach ihren Stiftern! So erfolgreich sie als Missionare waren, so wurden die Mönche von der Obrigkeit der katholischen Kirche argwöhnisch beobachtet. Lehnten sie doch kirchliche Hierarchie weitestgehend ab!

Wo schriftliche Aufzeichnungen fehlen, ist man auf mündliche Überlieferungen angewiesen. Der Sage nach (3) soll es dort, wo heute die Kilianskirche steht, ein heidnisches Heiligtum gegeben haben, das »Ewige Licht«. Das nie erlöschende Licht habe eine heilige Quelle markiert. Salziges Wasser sei aus dem Boden gequollen. Eine Salzquelle in Lügde ist so unwahrscheinlich nicht. Wenige Kilometer entfernt spendet eine salzige Quelle an der Saline Wasser, sehr zur Freude der Kurgäste. Fakt ist Jahrtausende lang wurden Heiligtümer dort errichtet, wo Quellen ans Tageslicht sprudelten!

Das doppelte Kreuz
Foto: W.-J. Langbein
Karl der Große soll darüber empört gewesen sein, dass die Iroschotten viel zu bereitwillig Kompromisse mit den Heiden eingingen. Er ließ daher die Kilians-Kapelle abreißen und ein katholisches Gotteshaus errichten... wiederum eine Kapelle? Ist die Geschichte von Karls wahr? Oder wurde die Verwüstung eines alten Heiligtums dem Herrscher nur zugeschrieben?

Der Überlieferung nach schütteten christliche Mönche die heilbringende Quelle von Lügde zu... und vergruben ein heidnisches Götterbild, das im 17. Jahrhundert zufällig wieder entdeckt wurde. Ein katholischer Geistlicher, dem ich strikte Anonymität zugesagt habe, versicherte mir: Die einstige Heilquelle gab es. Sie wurde von Mönchen zerstört und verschüttet. Und das heidnische Heiligtum wurde tatsächlich vergraben und wieder gefunden. »Wo befindet es sich jetzt?« wollte ich wissen. Die Antwort des Geistlichen verblüffte mich. Sollte er recht haben mit seiner Behauptung, dann habe ich das »heidnische Idol« schon viele Male gesehen.

Vor dem Eingang der Kilianskirche steht ein steinernes Kreuz. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass es aus zwei Kreuzen besteht, die zusammengefügt wurden. Was ist nun die vordere Seite, was die Rückseite des Kreuzes? Auf der einen Seite sind drei »Engelsköpfe« zu sehen: an den beiden Enden des Querbalkens und ganz unten am Fußende des Balkens. Auf dieser Seite ist auch eine Inschrift angebracht. Sie verrät, dass Christian Brocker am 17. September 1628 in Osnabrück geboren wurde und am 6. Januar 1691 im Alter von 63 Jahren starb. Auch eine Berufsbezeichnung finden wir: »Ehrbarer Meister Scharf- und Nachrichter zu Lidia und Bermont«. Matthias Brocker war der letzte Henker von Lügde und Pyrmont.

Welches Geheimnis birgt
die Grabinschrift?
Foto W-J.Langbein
Gewöhnlich befindet sich der Name eines Verstorbenen, zusammen mit Geburts- und Sterbedatum auf der Vorderseite eines Grabsteins oder Grabkreuzes. Beim Kreuz des Henkers ist auf der einen Seite Jesus am Kreuz zu sehen. Ist das nun die Vorder- oder die Rückseite? Auf der anderen Seite finden sich drei Engelsköpfe und die Lebens- und Sterbedaten des Henkers. Ist das die Vorderseite? Man möchte davon ausgehen. Soll doch der Besucher auf dem Friedhof der vor dem Grabdenkmal steht, die Inschrift lesen können. Das würde aber bedeuten, dass der Gekreuzigte an der hinteren Seite des Kreuzes hängt. Nie und nimmer wurde Jesus an der Rückseite eines Kreuzes angebracht. Des Rätsels Lösung: das Henkerskreuz hat zwei Vorder- und keine Rückseite! Es wurden zwei steinerne Kreuze Rücken an Rücken miteinander verbunden, so dass das Grabkreuz des Henkers... tatsächlich zwei Vorderseiten hat.

Als besonders ehrbar wurde der Henkersberuf, der Berufsbezeichnung zum Trotz, aber nicht angesehen. Henker Bröcker musste sich in der Kilianskirche mit einem ungünstigen Platz begnügen. Wenn er einem Gottesdienst beiwohnen wollte, dann musste er hinter einer Säule sitzen, die ihm den Blick auf den Altar verwehrte. Offenbar sollte der Mann mit dem blutigen Beruf daran gehindert werden, durch direktes Hinsehen den Altar zu beschmutzen.

Das Kreuz des Henkers
Foto W-J.Langbein
Man muss schon genau hinsehen, um die doch schon stark verwitterte Inschrift entziffern zu können. Dabei fällt auf, dass der Buchstabe »N« konsequent spiegelverkehrt geschrieben wurde. Auch das »INRI« (Abkürzung für Iesus Nazarenus Rex Iudorum«, »Jesus aus Nazareth, König der Juden«) über dem Haupt Jesu enthält das spiegelverkehrt eingravierte »N«. Was mag das bedeuten? Es gibt ein weiteres Rätsel: Bei der Altersangabe hat sich ein »Schreibfehler« eingeschlichen, so es denn einer ist: »ALTERS 63 JAWRE«. Warum wurde das »H« durch ein »W« ersetzt? Soll auf den Gottesnahmen des Alten Testaments Jahwe hingewiesen werden, der nicht ausgesprochen werden durfte?

Betrachtet man den Gekreuzigten, so fällt zunächst auf, dass seine Arme nicht waagrecht nach außen am Kreuz befestigt sind, sondern nach oben erhoben. Das könnte als ein Hinweis auf einen iroschottisch-keltischen Hintergrund gesehen werden. Jesu Leib bildet, aus Sicht eines Christen mit keltischem Hintergrund, die Rune des Lebens. Das Zeichen des Lebens am Todespfahl... diese Botschaft verstanden heidnische Kelten wie Christen... Wer weiß, welche geheime Botschaft das Kreuz des Henkers mitzuteilen versucht. Im Inneren der Kilians-Kirche schlummern Geheimnisse.... uralte Malereien, die einfach übertüncht wurden. Wird man sie je wieder sichtbar werden lassen?

Fußnoten
1: Willeke, Manfred: »Lügder Sagen/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1986, S. 54
2: ebenda, S.7
3: ebenda, S. 52

Die Bücher von Walter-Jörg Langbein bestellen >>>

Das Gruselkabinett von Sechin,
Teil 69 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15.05.2011

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)