... Auf keinen Fall noch ein Opfer-Syndrom zulassen ...
»… Natürlich dürfte die Frage sein, ob ich manche Dinge einfach übertreibe. Nun meine ich, dass es auf den Standpunkt des Betrachtens ankommt. Schaue ich meinen Tretroller an. Das Teil hat keinen Motor, dafür muss ich mich natürlich anstrengen, wenn ich ihn nutze. Darf und muss mit meinem »besonderen Fortbewegungsmitteln«, sogar Gehwegen und in Fußgängerzonen nutzen. Es gibt dazu sogar das passende § 24 StVO, kennen wir doch als Straßenverkehrs-Ordnung, ist das nicht schön?Auch unkompliziert den Tretroller mit diesem Gedanken nutzen: »Der Gefahr ins Auge sehen!« Das gibt wirklich Sinn, denn meine Erfahrungen hatte ich bereits sammeln können. Es war nach der Körperverletzung meiner Person, was ich ja überlebte. Danach musste ich mich erst wiederaufbauen, was ich tat, indem ich fast jeden Tag durch die Bauernschaften rollte, auch Wege und Radwege dazu nutzte. Natürlich fuhr ich auch über schmale Straßen. Dort rollte ich auf dem Asphalt, der Seitenstreifen war unbefestigt. Mir entgegen kam ein PKW, der Fahrer fuhr weiter rechts und hielt an. Er schien Platz für einen entgegen kommenden Wagen zu machen, ich hörte auch das Geräusch, es geschah für mich auch sehr schnell, ich spürte seitlich das vordere Teil des Taxis. Entfernt von mir vielleicht eine Handbreite neben meiner linken Seite und dort von der Lenkung. So reagierte ich, zog den Tretroller in den Seitenstreifen und blieb umgehend stehen.
Es donnerten sowohl Wanda, als auch Emil, mit den Taxis an mir vorbei und mit dem Tempo auch an dem Autofahrer. Der kurbelte das Fenster an seiner Fahrerseite herunter und ich erinnere mich, dass ich ihn laut schimpfen hörte. Er fuhr los, blieb in meiner Höhe stehen. Fragte mich, ob bei mir alles in Ordnung sei. Schimpfte über die Unverschämtheit, die sich diese Taxifahrer erlauben würden, dass er schon einen Schrecken bekam, weil er zuerst dachte, dass ich angefahren worden sei.
Damals brachte ich keinen Ton heraus. So schüttelte ich leicht den Kopf. Der Fahrer fuhr weiter, ich stand unter Schock, das passte auch in mein erlebtes Trauma, das ich daran arbeiten musste, dass in der Regel, bei mir Kampf oder Flucht in solchen Situationen folgen muss.
Für mich war es klar, dass diese Wege für mich nicht mehr in Frage kommen durften. Wenn sie wüssten, wo ich fahre, würden sie auch das noch einmal versuchen. So beschloss ich, meine Touren nur noch auf Radwegen durchzuführen.
Das war mir natürlich nicht überall möglich. So gab es für mich eine kritische Straße, wenn ich eine Strecke in die nächste Stadt fahren musste. Die Radwege führten seitwärts der Hauptstraße und waren entsprechend gezeichnet, ich nutzte diese Wege und dabei galt für mich, dass ich immer der Gefahr ins Auge sehen müsste, was mir auch den Hauch von Sicherheit gab. Darum rollte ich einfach auf der anderen Seite. Was Radfahrer nicht durften, aber ich ja auch nur einen Tretroller fuhr.
Täter würden eher Opfer suchen und eben keine Gegner, so dachte ich. Die Erfahrungsart dieser Täter dürfte auch sein, auch Gegner, die das versuchen, von denen zu Opfern gemacht werden können, oder, sagen wir mal, das kann versucht werden.Warum werde ich mit diesen Gedanken ständig konfrontiert, so fühle ich. Das ist letzte Woche auch geschehen. Es war irgendwann um Mittag, als ich im Ort, in dem ich wohne, wieder auf der »anderen Seite« des Bürgersteiges rollte. So überholte mich in einem Moment zu meiner rechten Seite auf der Straße ein Taxi. Emil saß am Steuer des dunkelblauen mehrsitzigen Kinderfahrzeuges, er hatte sein Türfenster geöffnet, sein linke Unterarm lag wie lässig dort aufgelegt. Er kam von einer Fahrt, die wohl offensichtlich auf ihn sehr positiv gewirkt hat.
So konnte ich in dem Moment auch das Funkeln in den Augen bei ihm sehen und seine Stimme, die sehr laut über die Straße zu mir schallte. Er rief mir laut »Fotxx« zu. Das Wort habe ich vor einiger Zeit von seiner Frau sogar schriftlich erhalten. Danach schrie er mir auch zu, dass er mich kriegen wird, er wirkte, dass er überzeugt davon noch ist. Er wirkte auch, was diese Form der Darstellung angeht, tatsächlich voll durchtrainiert. Das galt ja auch für die Schläge, die er auf seine Frau anwandte. Was er mir noch zuschrie habe ich nicht verstanden.
Natürlich bin ich stehen geblieben, habe mich umgesehen, dürfte quasi nach Zeugen für mich gesucht haben. Es war niemand zu sehen. Was erklärt, warum Emil sich diese Art der Mitteilung erlaubt. Natürlich haben mir liebe Bekannte und Freunde auch geraten, eine Anzeige gegen Emil zu starten. Das bringt nichts. Wobei so mein Gedanke dabei ist, dass zu Emil viel geschrieben werden kann. Er trägt seine Leidenschaft, für jeden sichtbar, nach außen. Dieses Trauma bei mir sollte ich wirklich einfach nur weiter herausschreiben ...«
Der 6. Kriminalroman, der in »Ich-Form« entsteht, der als Münsterland-Kriminalroman auf wahren Begebenheiten basiert.
2. Leseprobe: Das missbrauchte Kind
3. Leseprobe: Der Pädophile, das Elefantengedächtnis und das missbrauchte Kind
4. Leseprobe: Der Kinderschänder, seine Frau und deren Anwalt
5. Leseprobe: Al Capone, der Kinderschänder und deren Anwälte
»Der Mörder und der Kinderschänder«
»Der hässliche Zwilling« 2011
»Mord in Genf« 2012
»Blauregenmord« 2013






