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Donnerstag, 4. Juli 2019

Was war vor den Pharaonen?


Die Medien melden Sensationelles aus Ägypten: »4000 Jahre alte Pyramide erstmals für Touristen geöffnet«.

Zu den Fakten: Bereits im 19. Jahrhundert haben Archäologen die Pyramide von Lahun entdeckt. Von Grabräubern abgesehen, erkundete kein ungebetener Gast das Innere der aus Lehmziegeln gebauten Pyramide. »4000 Jahre lang durfte kein Besucher das Innere des Grabmahls besuchen.« vermelden die Medien. Nun als Touristenattraktion war keine der ägyptischen Pyramiden gedacht.

Besonders attraktiv ist das äußere Erscheinungsbild der Lahun-Pyramide freilich nicht. Aus der Distanz betrachtet sieht sie wie ein natürlicher Felsen aus, der sich erst aus der Nähe als künstliches Bauwerk erweist.

Die Medien melden Sensationelles aus Ägypten. Wirkliche Neuigkeiten werden freilich keine geboten. Sensationell indes ist nach wie vor das packende Sachbuch »Was war vor den Pharaonen?«, verfasst von Doris Wolf. Der Untertitel des brisanten Werkes verrät, worum es im unbedingt lesenswerten Buch geht: »Die Entdeckung der Urmütter Ägyptens«.

»Was war vor den Pharaonen?« fragt die Autorin. Die Antwort: die Göttin(nen)! Es ist geradezu beschämend für die Ägyptologie, dass der vielleicht wichtigste Teil der ägyptischen »Vorgeschichte« bis heute verschwiegen und geleugnet wird!

Doris Wolf bietet eine Fülle von Fakten, die zum Umdenken zwingen. Jede Seite von »Was war vor den Pharaonen?« bietet Spannendes, Fakten, die die klassische Schulwissenschaft Archäologie einfach nicht zur Kenntnis nehmen will. Ist man zu feige auf den Elfenbeintürmen der Archäologie, oder ist man einfach nur zu bequem? »Was war vor den Pharaonen?« ist ein einzigartiges Kompendium des Wissens. Es wird ein weiter, weiter Bogen gespannt: von der beklagenswerten »Verharmlosung der Vergangenheit« bis hin zum machtpolitischen »Mord an der Großen Göttin«.
Die Pyramide von Lahun beflügelt den Tourismus. Was sehr viel wichtiger, faszinierender und spannender ist: Doris Wolf weist anhand bedeutender Fundstücke nach, dass es vor den Pharaonen im Land am Nil eine matriarchalische Kultur gab. Bislang wurden und werden Fundstücke aus der Zeit vor den Pharaonen leider bis heute missachtet und verschwiegen.
Mein Fazit: Doris Wolf hat das vielleicht wichtigste Buch über die vorpharaonische Zeit verfasst. Die alt-ägyptische Geschichte muss neu geschrieben werden!

Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens

»Was war vor den Pharaonen - Die Entdeckung der Urmütter Ägyptens« war und ist ein Meilenstein in der Erforschung Ägyptens. Bis heute scheint die Zeit vor den Pharaonen für die Ägyptologen so etwas wie ein Tabuthema zu sein. »Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens« ist sehr viel mehr als eine Neuauflage von »Was war vor den Pharaonen«. Doris Wolf hat ihren Klassiker nicht nur überarbeitet, sondern auch deutlich erweitert. Sie hat intensiv die frühesten Anfänge der Kultur im Reich der Pharaonen und Pyramiden erforscht. Sie hat wie kaum eine andere Expertin Reiserlebnisse und erstaunliches Wissen über die vorgeschichtlichen Muttergottheiten zu einem wirklich packenden Sachbuch verarbeitet, das die Vorgeschichtsforschung zum Umdenken veranlassen müsste. Der Untertitel »Eine Kriminalgeschichte« ist durchaus berechtigt.

Geschichte wird immer von den Gewinnern geschrieben. Die große Verliererin der Geschichte war mit dem brutalen Siegeszug des Patriarchats die »Große Göttin«. Indes: Wer sucht, der findet. Das gilt natürlich auch für die Erforschung des mutterrechtlichen Göttinnenkults. Wer Spuren der uralten Urkultur finden möchte, der wird auch fündig werden. Unübersehbar sind die Spuren eines wichtigen Teils der menschlichen Geschichte, die bis heute leider in der Forschung konsequent bewusst missinterpretiert, geleugnet und verdrängt werden.

Doris Wolf provoziert, aber nicht der Provokation wegen. Sie muss provozieren, weil das ihre einzige Chance ist, die verkrusteten Strukturen der Erforschung nicht nur des prä-pharaonischen Ägyptens aufzureißen. Studiert man die gängigen (wissenschaftlichen wie populärwissenschaftlichen) Werke über Ägypten, so spielt darin die Frau eine untergeordnete Rolle. Die frühe Geschichte, nicht nur Ägyptens, scheint von Männern und nur von Männern dominiert worden zu sein. Dieser Eindruck kann aber nur vermittelt werden, wenn einseitig geforscht, einseitig interpretiert und voreingenommen publiziert wird. Es geht offenbar der klassischen Archäologie weitestgehend nur darum, vorgefasste Bilder von der Vergangenheit zu bestätigen.

Doris Wolf hat Enormes geleistet. Gerade weil sie nicht der eingeschworenen Zunft der Ägyptologen angehört ist sie keiner »Schule« verpflichtet und kann – und das mit erfreulicher Sorgfalt und Liebe zur sauberen wissenschaftlichen Arbeit – das nach wie vor von patriarchalischem Denken geprägte Bild von der Vorzeit nicht nur Ägyptens zum Teil ad absurdum führen. Erschüttert stellt man lesend fest, wie unseriös doch manchmal etablierte Wissenschaft arbeitet, nur um bislang bewährte Sichtweisen nicht revidieren zu müssen!

»Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens« ist ein Buch von immenser Bedeutung, dem keine Rezension wirklich gerecht werden kann. Es thematisiert die Zerstörung der matriarchalen Urkultur Ägyptens, ja überhaupt des einst real existierenden Matriarchats. Doris Wolf verdeutlicht gern geleugnete Zusammenhänge zwischen Religion (Patriarchat! Monotheismus) und Gewalt. Es geht um die fatale Liaison zwischen männlichem Machtanspruch einerseits und theologischer Legitimation und Verherrlichung der angeblich gottgewollten Dominanz des Mannes über die Frau andererseits.

Doris Wolf hat ein im besten Sinne aufklärerisches Werk von höchster Wichtigkeit verfasst, dem weite Verbreitung  und möglichst großer Einfluss zu wünschen ist. Falsche Ideen sterben in der Regel erst aus, wenn ihre Verfechter von der Bühne des Lebens verschwinden. Es ist zu hoffen, dass Doris Wolf mit ihrem Gesamtwerk ein längst überfälliges, radikales Umdenken begünstigt und einläutet!

Meine Empfehlung? Unbedingt lesen!



Doris Wolf: »Was war vor den Pharaonen/ Die Entdeckung der Urmütter Ägyptens«, Kreuz Verlag, Zürich 1994, Hardcover, 240 Seiten, Eu 17.91 (Link: bei amazon)
Doris Wolf: »Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens«, DEWE Verlag,  Zürich 2009, Broschur, 350 Seiten, Eu 25,00 (Link: bei amazon)

Verfasser: Walter-Jörg Langbein




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Sonntag, 24. August 2014

240 »Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«


»Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«
Teil 240 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         

von Walter-Jörg Langbein


Wer einen Drachen sucht,
wird auch in Urschalling fündig ...

Das berühmte Nibelungenlied ist ein gewaltiges Heldenepos. Die vielleicht wichtigste Gestalt ist der hünenhafte Siegfried. Siegfried – er lebt als Sohn des Königspaares Siegmund und Sieglinde –  erfährt von einem geheimnisvollen Drachen. Das Untier haust in einer Höhle und bewacht einen gewaltigen Schatz, den »Hort der Nibelungen«. Was das Untier für Siegfried besonders anziehend macht: Angeblich macht das Blut des Drachens unverwundbar. Siegfried macht sich also auf die Reise, es gelingt ihm, das Monster zu töten und so badet er in seinem Lebenssaft. Tatsächlich wird er am ganzen Leibe unverwundbar, mit Ausnahme einer kleinen Stelle am Rücken. Im »dritten Abenteuer« lesen wir:

»Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt:
Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;
Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.
So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut.«

Generationen von Forschern haben gegrübelt, recherchiert und spekuliert, ob denn Siegfrieds Drachenkampf Ausgeburt reiner Fantasie sei. In der »Thidrekssage« wird sehr viel ausführlicher als im Nibelungenlied, wie ein gewisser Mime einem grässlichen Lindwurm den Auftrag erteilt, den jungen Sigfrid zu überfallen und zu töten. In der »Thidrekssage« hat dieses monströse Wesen einen Namen: Regen. Sigfrids Kampf mit dem Lindwurm oder Linddrachen wird gern mit dem Kampf des »Heiligen Michael« mit dem »Drachen« verglichen. (1)

Auch in Worms wurde ich
in Sachen Drachen fündig ...

Mich fasziniert die biblische Drachenmythologie schon seit Jahrzehnten. Im Buch Hiob wird der Drache erwähnt (2): »Bin ich denn das Meer oder der Drache, dass du eine Wache gegen mich aufstellst?« Psalm 91 beschreibt Drachen als eine Gefahr für jeden Menschen, der nicht von Gott selbst beschützt wird (3): »Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.« Jesaja (4) warnt vor einem »fliegenden Drachen«. An anderer Stelle (5) prophezeit Jesaja, dass Gott den Drachen töten wird. Und nochmal Jesaja (6): »Dies ist die Last für die Tiere des Südlandes: Im Lande der Trübsal und Angst, wo Löwe und Löwin, wo Ottern und feurige fliegende Drachen sind, da führen sie ihre Habe auf dem Rücken von Eseln und ihre Schätze auf dem Höcker von Kamelen zu dem Volk, das ihnen nichts nützen kann.«

Hesekiel siedelt Drachen im Meer an. Er beschreibt zwar nicht direkt derartige monströse Wesen, verwendet aber Drachen sehr anschaulich im Vergleich (7): »Du Menschenkind, stimm ein Klagelied an über den Pharao, den König von Ägypten, und sprich zu ihm: Du Löwe unter den Völkern, wie bist du dahin! Und doch warst du wie ein Drache im Meer und schnaubtest in deinen Strömen und rührtest das Wasser auf mit deinen Füßen und machtest seine Ströme trübe.«

In der »Apokalypse des Johannes« kommt der Drache immer wieder vor. Um einem Missverständnis vorzubeugen: »Apokalypse« wird heute gern grundsätzlich als »Weltuntergang« übersetzt. Tatsächlich aber bedeutet der biblische Begriff »Apokalypse« zunächst einmal nur »Offenbarung«. Sehr interessant ist der Hinweis (8), dass der Drache quasi göttliche Funktionen hat, sprich verehrt wird: »Und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen?«

Daniel in der Löwengrube.
Dom zu Worms. Foto Langbein

Das Buch Daniel findet sich nur äußerst bruchstückhaft in unseren Bibelausgaben. Der ursprüngliche Daniel-Text freilich war sehr viel umfangreicher, wurde aber der frommen Christenheit nur auszugsweise zugemutet. Warum? In manchen Luther-Ausgaben (9) der Bibel finden sich in der Abteilung »Apokryphe Schriften« Fragmente der »Zusätze zu Daniel«. Sehr viel ausführlicher freilich ist die nach wie vor beste Ausgabe der »verbotenen Bücher der Bibel«, nämlich in der Ausgabe von Prof. Emil Kautzsch (10). Ich zitier aus Kautzsch (11): »An dem gleichen Orte war auch ein Drache; dem erwiesen die Babylonier göttliche Verehrung.« Der biblische Daniel wird zum Drachentöter wie der »Heilige Georg«. Doch während der frühchristliche Georg dem Untier wie ein fahrender Ritter zuleibe rückt, wendet Daniel eine kurios anmutende Tötungsart an.

Drachentod von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein

Der »Heilige Georg« ist uns aus zahllosen Darstellungen in christlichen Gotteshäusern bekannt. Hoch zu Ross rammt er dem Drachen einen Spieß in den Leib oder setzt dem Untier mit einem Schwert ein Ende. Mir kam allerdings der »Drachen« schon in meiner Kindheit oft nicht wie ein einem Horrorfilm entsprungenes Monster vor, sondern wie ein Fabelwesen aus dem Repertoire der »Augsburger Puppenkiste«. Im der kleinen Wehrkirche von Urschalling, am Chiemsee gelegen, fotografierte ich die spärlichen Reste eines Gemäldes. Eindeutig stellte es einen »Heiligen Georg« von beachtlicher Größe da, der hoch zu Ross einem eher kleinen »Drachen« in Hundegröße einen gewaltigen Spieß in den Leib rammt. Eine Heldentat sieht anders aus.


Drachentöter von Marienmünster.
Foto Langbein

In Marienmünster, wo ich für eine TV-Dokumentation gefilmt wurde, mutiert der Drachen zu einem weitestgehend »menschlichen« Teufel. Flügel am muskulösen Leib des sich windenden Sterbenden erinnern daran, dass der Teufel nach christlicher Tradition ein aus dem Himmel verbannter Engel war. Als satanisches Kennzeichen sind Hörner am Haupt des Teufels zu erkennen. Und in der Gesäßregion entspringt ein offensichtlich gewaltiger schlangenartiger Fortsatz, der jedem Lindwurm zur Ehre gereicht hätte. Im Dom zu Paderborn wiederum entdeckte ich in Holz geschnitzt einen Drachen, der eher als anmutig und graziös zu bezeichnen ist und ganz und gar nicht furchteinflößend auf mich wirkt.

Im Buch Daniel begegnen wird dem Vorgänger des »Heiligen Georg«. Der erledigt den Drachen nicht im ritterlichen Kampf, sondern als heimtückischer Fladen-Bäcker. Ausdrücklich bittet Daniel den König, den Drachen zu töten zu dürfen und schreitet dann perfide zur Tat (12): »Du aber, o König, gib mir die Erlaubnis, so will ich den Drachen ohne Schwert und Stab töten. Darauf nahm Daniel Pech, Fett und Haare, kochte sie zusammen und bereitete Fladen daraus und gab sie dem Drachen ins Maul. Nachdem der Drache sie gefressen hatte, zerbarst er.«  Wie gut, dass der »Heilige Martin« nicht auf derlei widerliche Fladen setzte. Drachen, die sich den Magen verderben und dann auch noch explodieren, sind kein ideales Bild für sakrale Kunst. Als Gemälde würden sie ekelhaft wirken, in Form von Statuen wären sie nicht darstellbar.

Was Daniel aber verdeutlicht: Der Drache steht für den »falschen« Glauben, der mit allen Mitteln vernichtet werden muss. In diesem Sinne hat sich Karl der Große (etwa 747 – 814 n.Chr.) als »Drachentöter« bewährt! Mit Gewalt bekämpfte er fanatisch vorchristliches Gedankengut, das sich bis in seine Zeit erhalten hatte. So war es vermutlich Karl der Große, der in Paderborn unweit des Doms einen heidnischen Tempel zerstören ließ. Reste einer Inschrift verweisen auf einen »Drachen«, dem dort die heidnischen Sachsen noch geopfert haben sollen. Offensichtlich ist es Karl dem Großen gelungen, den Drachenkult von Paderborn zu zerstören!

In einer Gruft von Worms wurde
ein Drache gefunden ... aus Stoff.

Folgen wir der Spur des Drachen. Sie führt uns zur biblischen Schöpfung, oder genauer … in die Zeit vor der biblischen Kreation. Denn was selbst emsige Bibelleser nicht wissen: Laut Bibel gab es vor der Schöpfung durch Gott … die Göttin. Und diese geheimnisvolle Geschichte wird im Text des »Alten Testaments« beschrieben. Dabei meinen wir doch genau zu wissen, was die Bibel über den Anfang der Schöpfung schreibt! Auch Atheisten meinen den einfachen Sachverhalt zu kennen, ob sie nun selten oder nie in der Bibel lesen! So beginnt die Bibel (13):

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.«

Eher harmlos wirkt der Drache von Paderborn.

Mit diesen Worten wird die Bibel eingeleitet. Versteckt – und selbst Theologen oft unbekannt – im »Alten Testament« findet sich aber ein anderer Anfang der Geschichte von Gott. Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (14): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.«    

Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann, das Meer aufgewühlt und Rahab getötet. Vor dem Beginn der biblischen Geschichte von Gott, wie sie das Alte Testament erzählt, war also Rahab. Wer oder was aber war Rahab? Diverse Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, Rahab sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Und in der Tat: der Prophet Jesaja umschreibt Rahab als Drachen. Jesaja appelliert an Gott (15): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Bevor der Gott des Alten Testaments mit der eigentlichen Schöpfung anfangen konnte, musste er erst einmal den »Drachen« Rahab töten. Rahab existierte also schon bereits vor der Schöpfung. Verschweigt uns die Bibel da etwas? Der Schlüssel zum Geheimnis um Rahab findet sich gleich zu Beginn des Alten Testaments, allerdings muss man den Text gründlich im hebräischen Original untersuchen. In der Übersetzung heißt es wenig aussagekräftig (16): 

»Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.«. Übersetzt man das hebräische Original wörtlich, lautet der zweite Teil des Verses: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.« Tehom aber lässt sich auf uralte babylonische Mythologie zurückführen: Auf die babylonische Gottheit Tiamat, die auch als Meeresdrachen bezeichnet wird. Ursprünglich aber war Tiamat die Meeresgöttin.

Drache von Worms. Rekonstruktion 1


Nach Jahrzehnten der Forschung habe ich keinen Zweifel mehr: Der Drache aus christlichen Darstellungen ist eine Chiffre für die Zentralfigur sehr viel älterer Religionen, für die Göttin! Es lohnt sich nach diesem uralten Symbol zu suchen – in unseren Kirchen! Übrigens, ich wurde auch in Worms fündig! In einem uralten Bischofsgrab wurde ein schon arg zerfallenes Stück Stoff gefunden, das einst einen hohen christlichen Würdenträger geschmückt haben mag. Zu erkennen ist nach wie vor, was einst auf der Textile prangte….ein Drache. Mir stand ein schlechtes Foto von dem Drachen zur Verfügung. Ich habe versucht, die geheimnisvolle Kreatur zeichnerisch zu rekonstruieren….

 
Drache von Worms. Rekonstruktion 2


ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein 
Zeichnerische Rekonstruktionen des Drachen von Worms: Langbein

Fußnoten

1) Zum möglichen historischen Hintergrund des Nibelungenlieds hat sich sehr ausführlich Heinz Ritter-Schaumburg geäußert. Empfehlenswert ist die Lektüre von Heinz Ritter-Schaumburg: »Sigfrid ohne Tarnkappe«, München 1990 und, vom gleichen Verfasser: » Die Nibelungen zogen nordwärts«, 5. Auflage, München 1981

2) Buch Hiob, Kapitel 7, Vers 12
3) Psalm 91, Vers 13
4) Jesaja 14, Vers 29
5) Jesaja 27, Vers 1
6) Jesaja 30, Vers 6
7) Hesekiel 32, Vers 2
8) Offenbarung 13, Vers 4

9) »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers/ Neu durchgesehen nach dem vom deutschen Evangelischen Kirchenausschuß genehmigten Text«, Stuttgart 1915, »Anhang: Die apokryphischen Bücher«, »11. Vom Drachen zu Babel«, S. 133 und 134

10) Kautzsch, E.: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, »Erster Band: Die Apokryphen des Alten Testaments«, Tübingen 1900, S. 172-S.193
11) ebenda, S.191
12) ebenda, S. 191
13) 1. Buch Mose Kapitel 1, Verse 1-3
14) Hiob Kapitel 26, Vers 12
15) Jesaja Kapitel 51, Vers 9
16) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 2

»Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«,
Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.08.2014

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Sonntag, 29. Juni 2014

232 »Von Luxor zur Osterinsel«

Teil 232 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Luxor... Monstersäulen... Riesenstatuen.
Fotos W-J.Langbein

Im alten Griechenland erfreute sich ein Rätsel größter Beliebtheit. Die – oder der – Sphinx befragte jeden Passanten: »Was ist das? Am Morgen geht es auf vier, mittags auf zwei und abends auf drei Beinen?« Wer die Nuss nicht knacken konnte, wurde getötet. Die gesuchte Antwort: »Der Mensch! Als Baby krabbelt der Mensch auf vier ›Beinen‹, als Erwachsener geht er kraftvoll aufgerichtet auf zwei Beinen und als alter, schwacher Mensch nimmt er als drittes ›Bein‹ einen Stock zu Hilfe!«

Der Ursprung des Rätsels liegt allerdings nicht im alten Griechenland, sondern in Ägypten. Das harmlos wirkende Rätsel lässt uns einen Blick auf Jahrtausende alte Kosmologie werfen. Morgens ist die Sonne schwach und kriecht wie ein Käfer. Am Tag ist sie Re und abends Atum. Der ägyptische Re wurde als schlanker Pfeiler aus Rosengranit verkörpert. Seine steinerne Spitze war vergoldet und glänzte im Licht der Sonne. Gottheit Atum ging in Darstellungen am Stock.


Luxor. Eingang. Historische Aufnahme.
Foto Archiv W-J.Langbein

Betritt man den Tempel von Luxor von Norden her, so blickt man gen Süden.. wo die Sonne ihren Höchststand erreicht. Oder anders ausgedrückt: Stand die Sonne im Süden hoch am Himmel, schickte sie ihre Strahlen segnend herab, vor allem natürlich auf den mächtigen irdischen Herrscher, der nach seinem Tod zum Gott werden würde. Der Regent badete förmlich im Glanz göttlicher Autorität, ließ die frommen Gläubigen in Ehrfurcht erstarren. Wurde nicht ein irdischer Pharao durch die Huld der Sonne selbst auch zu göttlicher Autorität? Wurde dem Mächtigsten im Staate so das ehrenvolle »von Gottes Gnaden« verliehen?

Der Tempel von Luxor stand nicht zufällig in Theben. In der legendären Ilias ist in schnörkelloser Schlichtheit von »Thebai, Aigyptos´ Stadt« die Rede. Oder die mächtige Metropole wurde nur schlicht als »die Stadt« bezeichnet, also als Stadt der Städte. Der heilige Tempelbezirk »der« Stadt Ägyptens begann vor Jahrtausenden direkt am Nil. Pilger, die aus ihren Boten stiegen, betraten am Ufer sogleich den Vatikan Ägyptens. Niemand vermag zu sagen, welch gewaltige Mauerreste der Fundamente noch darauf warten, endlich wieder ausgegraben zu werden. Gewaltige Steinsäulen waren nicht in erster Linie praktische Pfeiler für ein gigantisches Dach, erklärte mir vor Ort ein Student der Archäologie, sie waren eher wie steinerne Bäume in einem steinernen Wald. Und dieser heilige Wald aus Schatten und Licht galt als der Nabel der Welt.

Der »Nabel der Welt« auf der Osterinsel.
Foto W-J.Langbein

Nabel der Welt? Als einer der ursprünglichen Namen der Osterinsel gilt »Te Pito O Te Henua«. Osterinselforscher Fritz Felbermayer (1): »›Te Pito O Te Henua‹ - ›Der Nabel der Erde‹ ist der wohl einst von den Eingeborenen gebrauchte Name, der immer wieder in ihren Sagen und Überlieferungen vorkommt. Der heutzutage von den Einheimischen gebrauchte Name ›Rapa Nui‹ - ›Große Insel‹ ist eigentlich modern.«

Eine weitere Parallele zwischen Osterinsel und Ägypten drängt sich mir auf. Auf dem fernen Eiland der Südsee wie im uralten Reich am Nil gab es offensichtlich ein Faible für kolossale Statuen. Fritz Felbermayer hält fest (2): »Die Osterinsel verdankt ihre Berühmtheit den riesigen Statuen aus Stein, die über die ganze Insel verstreut zu finden sind. Auf keiner der Inseln der Südsee findet man Steinstatuen in dieser Ausführung und Größe … Einige Statuen sind einen Meter hoch, andere ragen bis zu 20 Meter empor.«

Auch die »alten Ägypter« hatten ein Faible für kolossale Steinfiguren. Legendär sind die beiden Memnon-Kolosse, die im 14. Jahrhundert vor Christus errichtet wurden. Die südliche Memnon-Statue hat, Sockel inklusive, eine Gesamthöhe von 17,27 Metern, die nördliche Memnon-Riesenplastik ragt – Sockel inklusive – 18,36 Meter in den Himmel. Vom Format sind sie durchaus mit Riesen-Figuren der Osterinsel vergleichbar!

Die Osterinsel-Kolosse, so überliefern das einige uralte Legenden und Sagen, konnten einst aus eigener Kraft vom Steinbruch aus viele Kilometer zu ihren Bestimmungsorten gehen. Seltsam! Auch älteste Überlieferungen Ägyptens bringen Kolossalstatuen in Verbindung mit Leben! Trugen doch die Steinmetze und Bildhauer, die die gewaltigen Statuen schufen, die ehrenvolle Bezeichnung »Lebendigmacher«! Warum? War es die Aufgabe dieser Künstler, »Götter und Pharaonen in der Erinnerung der Nachkommen lebendig zu erhalten«, wie Bernd Mertz in seinem wirklich lesenswerten Werk »Ägypten« mutmaßt (3)?

Zwei Statuen von Abu Simbel.
Foto Walter Langbein sen.

Warum ließ zum Beispiel Ramses II. vier Statuen in den gewachsenen Fels von Abu Simbel schlagen, jede über zwanzig Meter hoch? Warum stellten die alten Ägypter Götter und Pharaonen so häufig als wahre Kolossalstatuen dar? Warum bauten sie – oftmals über Jahrhunderte hinweg – Tempel zu wahren Festungsanlagen aus, deren Größe den menschlichen Besucher winzig klein erscheinen lässt? Bernd A. Mertz erklärt (4): »Der Tempel musste großartig sein, weil die Götter es auch waren! Man kann einem Gott keine Lehmhütte bieten. Die Gottstatuen waren geschaffen, damit sich die Götter, wenn sie wollten, hier niederlassen konnten. Daher fielen auch die steinernen Figuren der Pharaonen so gigantisch aus, denn sobald sie bei Osiris waren, wurden sie selbst zu Göttern. Wollten sie nun wieder zurück, konnten ihre Seelen in den steingewordenen Abbildern Einzug halten.«

Mit anderen Worten: Götter und zu Göttern gewandelte Pharaonen konnten die Kolossalstatuen als »Eingangstore« nutzen, um von der überirdischen Welt in die profanen Gefilde des irdischen Alltags zu gelangen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Bezeichnung »Lebendigmacher« für die Erschaffer der Steinfiguren eine ganz andere Bedeutung. Hatten die Erbauer der steinernen Osterinselriesen ähnliche Vorstellungen? Der Überlieferung nach konnten die Osterinselkolosse gehen. Warum? Weil die Geister von Verstorbenen oder gar Götter in die toten Statuen fahren konnten und diese dann »lebendig« wurden?

Eine Verbindung zwischen den Riesenfiguren und den Toten gibt es in der Tat! Fritz Felbermayer berichtet (5): »Als ein zweites Wunder zieren die ›Ahu‹ die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Ahus sind Grabmäler, die sich fast alle an der Küste befinden; sie sind terrassenförmig aus Steinquadern aufgebaut. Auf ihrer höchsten Plattform standen einst Steinfiguren, die schon bei den ersten Besuchern das größte Erstaunen hervorriefen. Im Inneren dieser Steinterrassen befanden sich die Grabkammern, in denen vor langer Zeit die Bewohner der Insel ihre Toten beisetzten. Man kann deutlich sechs verschiedene Typen von Grabmälern unterscheiden. Von den beiden bedeutendsten ist der erste aus mächtigen, schön bearbeiteten Steinquadern so genau zusammengefügt, dass sich keine Figuren feststellen lassen. Seine Bauart weist auf die Inka in Peru.«


Eingang zu einer Grabkammer im »Ahu«.
Fotos W-J.Langbein

Die »Ahu« waren ursprünglich vom Aufbau her mit einfachen Stufenpyramiden vergleichbar, aufgetürmt aus tonnenschweren Blöcken, die in unglaublicher Präzision zusammengefügt worden sind. In diesen »Pyramiden« befanden sich Grabkammern. Von den alten Bestattungsriten der Ureinwohner ist einiges bekannt. Der Leichnam eines Verstorbenen wurde in eine Art Strohmatte eingewickelt, die an den Enden zugebunden wurde. Dann wurde der Tote mit dem Kopf in Richtung Meer auf einer »hölzernen Struktur« am Strand aufgebahrt. Manchmal wurde ein Leichnam aber auch eingewickelt und in einen Felsspalt am Strand gesenkt. Noch heute soll es tiefe Felsklippen an Steilküsten der Osterinsel geben, in denen Skelette ruhen. Ob auch in neuerer Zeit alte vorchristliche Bestattungsriten vollzogen werden?

Wie lange man gewartet hat, bis ein Toter in die Gruft im »Ahu« gebracht wurde? Alfred Metraux vermutet: Das geschah wahrscheinlich erst, wenn völlige Verwesung eingetreten war. Erst dann fand das Skelett seine vorerst letzte Ruhestätte in einer Kammer im »Ahu«. Damit endete dann die Trauerzeit. Nicht alle Skelette blieben für immer in den Gruften. Grund: Die Grabkammern in den »Ahus« sind recht beengt. Ein sehr schmaler, sehr niedriger, mit glatt polierten Steinen rundum ausgekleideter »Gang« führt in das Innere. Die Bezeichnung »Gang« irreführend. In einem Fall maß ich 1,20 Meter in Höhe und Breite. Pietätvoll kann es nicht gewesen sein, Skelette durch solche engen Röhren ins Innere der Grabkammern zu schaffen.

So ein Grab-»Ahu« diente einer Familie oder einem Clan viele Generationen. Es fielen also viele Tote an. Wenn Platzmangel eintrat, entfernte man wieder die Skelette bis auf den Totenschädel aus der Gruft. Die Knochen, so stellten frühe Osterinselbesucher fest, wurden dann verstreut: in der Nähe des »Ahu« oder auf dem ›Ahu‹. Nur noch die Totenköpfe blieben im Inneren der Ahus!

Übrigens: Pyramidale Strukturen gab es überall in der Südsee - von Maleden Island bis Tahiti..

Ahus in Form von Stufenpyramiden...
Foto Archiv Langbein

Was christliche Geistliche gar nicht gern hören: Auch nachdem die Osterinsel schon längst als christianisiert galt, hielten die Insulaner an ihren alten Riten fest. Sie duldeten es zwar, dass die Toten auf dem offiziellen, christlichen Friedhof beigesetzt wurden, gruben die Leichen aber nachts wieder aus, um sie nach den alten Riten zu »behandeln«. Öffentlich freilich blieb der Schein gewahrt.

Die Seelen von Menschen, die sich zu Lebzeiten an die religiösen Riten gehalten haben, sie konnten sich glücklich schätzen, gingen sie doch in ein »fernes Land« (Paradies?) ein. Die Seelen von bösen Menschen indes kehrten aus dem Jenseits zurück, litten Qualen und peinigten ihre Verwandten. Reine Geistwesen waren diese Spukgestalten wirklich nicht. Je weniger sie nach den damaligen Moralvorstellungen gelebt hatten, desto schlimmer wurden sie nach dem Tode als Geister von Hunger und Durst gequält. Verwandte stellten ihnen Speis‘ und Trank in Nähe der Begräbnisstätte auf. Das sollte die Geister milde stimmen.

Auf den »Pyramiden« thronten kolossale Steinfiguren. Staunend stand ich vor dem »Ahu Vinapú«, der nur noch erahnen lässt, wie imposant einst dieses Bauwerk gewesen sein muss. Ein großer Teil der Ruine scheint im Verlauf der Jahrhunderte abgetragen worden zu sein. Die Kolosse ragen nicht mehr stolz auf der einstigen Pyramiden-Plattform in den Himmel. Sie liegen zertrümmert am Boden. Im Verlauf der Zeit verwitterten die Statuen. Ein Eingang in die Grabkammer ist allerdings noch deutlich zu erkennen!


Millimeter genau sitzen mächtige
Steinquader in der Monstermauer.
Foto W-J.Langbein

Die glatt polierten mächtigen Steinquader von »Ahu Vinapú« sind millimetergenau aufeinander gefügt, ansonsten aber macht die einstmals stolze Plattform für riesige Statuen einen desaströsen Eindruck. Die Kolosse wurden vom Podest gestürzt und liegen in Trümmern am Boden. Umstritten ist, wie die Figuren zu Fall gebracht wurden. Eine These lautet, dass sich verfeindete Stämme bekriegten und gegenseitig die Statuen umwarfen. Diese Version wurde mir wiederholt von Osterinsulanern bestätigt. Demnach geht von den Statuen ein Zauber aus. Wer die größten Statuen hatte, dem stand die mächtigste Magie zur Verfügung. Wollte man einen feindlichen Stamm besiegen, musste dessen Magie zerstört werden. Also hat man versucht, möglichst viele »feindliche« Statuen unschädlich zu machen und selbst möglichst große Statuen zu errichten.

Fußnoten

1) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, S. 6, rechte Spalte, Zeilen 4-9
2) ebenda, S. 7, linke Spalte, Zeilen 19-25
3) Mertz, Bernd A.: »Ägypten/ Das Land von Isis und Osiris«, herausgegeben von Wulfing v. Rohr, München 2/1991, S. 107, 3. Zeile von oben
4) ebenda, S. 106, Zeilen 12-20 und S. 107, Zeile 1
5) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, S. 8, linke Spalte, Zeilen 3-17

Riesen, Pyramiden, Menschenfresser
Teil 233 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 6.7.2014


Sonntag, 19. Januar 2014

209 »Die Straße der Sphingen«


Teil 209 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         

von Walter-Jörg Langbein



Der Sphinx von Gizeh um 1900.
Foto: Archiv W-J.Langbein
Abu Ja´far al-Idrisi (1173-1251)  war einer der ersten Forscher, die die Geheimnisse der Pyramiden vom Gizeh-Plateau zu ergründen versuchten. Nach intensivem Quellenstudium kam er zum Ergebnis, dass die heute nach Cheops benannte Pyramide sehr viel älter als gemeinhin angenommen sei. Sie soll »vor der Sintflut« gebaut worden sein. Diese fantastisch anmutende Behauptung wird vom Historiker al Makrizi (1364-1442) bestätigt: Demnach baute König Saurid vor der großen Flut Pyramiden als Tresore für uraltes fantastisches Wissen.

Glaubt man al Makrizi, dann harren in den Pyramiden bis heute unentdeckte Räume voller kostbarer Schätze des Wissens auf mutige Forscher. Unter jeder Pyramide soll sich in einem unterirdischen Raum eine Art Roboter befinden, der die Kammern des Wissens bewacht. Altarabisches Märchen oder wahre Überlieferung?

Im Verlauf der letzten tausend Jahre lockten die Pyramiden des Gizeh-Plateaus immer wieder  Laien wie Wissenschaftler an. Ihre Erkenntnisse werden bis heute ignoriert. Abu Ja´far al-Idrisis Werk erschien erst 1989 unter dem Titel »Buch von den Lichtern der oberen Himmelskörper«. Fazits gibt eine schier unüberschaubare Flut uralten Wissens, das bis heute verborgen blieb. Warum wurden diese Schätze bis heute nicht entdeckt? Wurde nicht gesucht, weil die alten Überlieferungen als unglaubwürdige Fantastereien abgetan werden?

Ich habe vor Ort den Eindruck gewonnen, dass sehr wohl immer wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit zum Teil mit brachialer Gewalt versucht wird, in den Pyramiden Zugänge zu versteckten Kammern ausfindig zu machen.

Stolz überstand der Sphinx Jahrtausende...
Foto: Walter-Jörg Langbein
Thomas Shaw (1694-1751), Reisender, Naturforscher und Theologe, setzte sich auch mit der »Cheops-Pyramide« auseinander. Es gebe eine fantastische Unterwelt unter dem Plateau von Gizeh, geheime Kammern, aber auch Gänge, die die drei großen Pyramiden miteinander verbinden. Unterirdisch könne man von der »Cheops-Pyramide« zum Sphinx gelangen.
Denken wir an Ägypten, kommt uns die »Cheops-Pyramide« in den Sinn... und die Sphinx. Die – eigentlich der Sphinx – ist uns als eine Art Symbol für das Mysteriöse, für das Rätselhafte, bekannt. Wie kam das Fabeltier zu diesem Ruf? In der griechischen Mythologie begegnet uns eine weibliche Sphinx als Hüterin des Mysteriösen. Die Sphinx – Tochter des Typhon und der Echidna – ist ein Mischwesen. Auf dem Rumpf einer mächtigen Löwin sitzt ein  Mädchenkopf.

Die Sphinx überwacht von einem steilen Felsen bei Theben aus die Menschen. Wer in ihre Nähe kommt, muss ein Rätsel lösen. Gelingt ihm das, darf er weiterleben. Weiß er keine Antwort, wird er von der wütenden Sphinx (griechisch für »Würgerin«) umgebracht und verschlungen.

Das Rätsel der Sphinx: »Was geht am Morgen auf vier Füßen, am Mittag auf zweien und am Abend auf dreien?« Der griechischen Mythologie zufolge wusste als erster Mensch Ödipus die Antwort: der Mensch. Als Baby krabbelt er auf allen Vieren, als Erwachsener geht er auf zwei Beinen und im Alter ist er auf einen Stock als drittes Bein angewiesen.
 
Sphingen vor dem Karnak-Tempel (»Eingang«) Foto: Ingeborg Diekmann, Bremen.
 
Ist die Sphinx Hüterin uralten Wissens? Wo mag es versteckt worden sein? Bei Herder (1744-1803) lesen wir (1): »Das Schicksal selbst aber sandte … ein Symbol von der ältesten Art, den Sphynx, das Bild verborgner Weisheit.« Eine meiner Studienreisen führte mich in den Bundesstaat Tamil Nadu.  Dort, an der Südostküste Indiens gelegen, entstanden unzählige Tempel aus Stein und das größte Steinrelief der Welt. Es zeigt überirdische Gottheiten, die über den kosmischen Fluss zur Erde gelangen.  Ein Bettelmönch beobachtete mich beim Fotografieren des gewaltigen Steinreliefs von Mahabalipuram und erklärte mir lächelnd: »Sie fotografieren nur die äußere Form, nicht aber das innere Wahre!«

Der fromme Man, der seit Jahrzehnten die altindischen Texte studierte, verwies mich auf »verborgenes Wissen im Stein«. »Wissen«, so erklärte er mir auf meine Nachfrage, »lässt sich in Stein verewigen wie Informationen auf einer CD.« Ewige Schwingungen seien »im Stein« verborgen und könnten auch noch nach Jahrtausenden abgerufen werden, während CDs womöglich schon nach Jahrzehnten verstummen.

»Wissen ist im Stein der Sphinx verborgen?«, fragte ich nach. »Das Größte ist im Kleinen, im Elektron!«  Der Nuklearphysiker und  Philosoph Jean Émile  Charon (2) (1920 -1998)   hat bewiesen,
dass das Elektron – verkürzt ausgedrückt – Informationen in sich aufsaugt wie ein »Schwarzes Loch« Materie. Soll das heißen, dass die Sphinx uraltes Wissen in sich gespeichert hat und bereit hält? Werden wir je dazu in der Lage sein, das verborgene Wissen der Sphinx abzurufen, wie die auf einer CD gespeicherten Informationen? Was wird uns die Sphinx zu erzählen haben?

Sphinx unter Palmen.
Foto Walter-Jörg Langbein
Die Sphinx? Oder richtiger, eigentlich, der Sphinx? Ägypten ist das Land der Pyramiden und der Sphingen. Allerdings gab es einst im Land am Nil sehr viel mehr Sphingen als Pyramiden. Vor dreieinhalb Jahrtausenden verband eine Prachtstraße die Tempel von Karnak und Luxor miteinander. 2700 Meter war sie lang und 76 Meter breit. Pharao Amenhotep III., heißt es, hat sie bauen lassen. Was diese wahrlich breite Straße allerdings zur Prachtstraße machte, das sind unzählige Sphinx-Statuen, die die Verbindungsstraße zwischen den Tempeln säumten! Wie viele mögen es einst gewesen sein? Man vermutet: mehr als 1350. Intensive Ausgrabungen förderten immerhin 650 Sphingen – zumindest in kleinen Teilen – zutage. Von einem »Geheimprojekt« habe ich aus gewöhnlich gut informierter Quelle erhalten: Man wolle die Sphinxallee wieder in altem Glanz erstehen lassen. Der damalige Staatspräsident Ägyptens, Husni Mubarak, sollte bereits vor Jahren die uralte Straße der Sphingen neu eröffnen.

Was mag noch im Wüstensand verborgen sein? Weitere Ausgrabungen würden womöglich weitere Fragmente von Sphingen ans Tageslicht bringen. Man wolle so viele Sphinxfragmente finden we nur möglich und ergänzen.. und so Millionen von Touristen ins Land locken. Von diesem – in Archäologenkreisen mehr als umstrittenen – Projekt habe ich vor Jahren erfahren. Es wurde bis heute nicht in die Tat umgesetzt, allein schon wegen der fehlenden Millionen, die erforderlich wären.

Wer wurde da als Sphinx verewigt?
Foto: Walter-Jörg Langbein

Plausible Gründe sprechen gegen die »Wiederherstellung« der Straße der Sphingen: Horrende Kosten wären aufzubringen, wollte man weitere Ausgrabungen durchführen, »vollständige« Sphingen restaurieren und bruchstückhaft erhaltene Sphingen rekonstruieren. Die neu erstandene Straße der Sphingen müsste bewacht werden, vor Plünderern und religiösen Fanatikern. Religiöse Extremisten könnten sehr wohl figürliche Darstellungen wie die Sphingen sprengen wollen! Das Risiko ist unkalkulierbar. Die Situation in Ägypten ist alles andere als stabil!

Ich erinnere mich an die Tempelanlage von Karnak, die als die größte Ägyptens gilt. Massive Monstermauern haben einst die ineinander verschachtelten Bauten geschützt. Über viele Jahrhunderte wurde immer wieder altes Mauerwerk abgerissen und neues errichtet. Das alte Material wurde wieder verbaut.

Angebetet wurde in einem Teil des Komplexes die »Triade von Theben« (»Dreifaltigkeit von Theben«): Gott Amun, seine Gattin Mut und Sohn Chons. Vater Amun  war der mächtige Sonnengott, Mutter Mut war die imposante Himmelsgöttin und Sohn Chons ein Mondgott. Erinnert uns diese Triade nicht an die Dreifaltigkeit des Christentums? Im Katholizismus wird die Mutter des göttlichen Jesu immer mehr zur Himmelskönigin verklärt.

Jede(r) Sphinx trägt individuelle Züge. Foto W-J.Langbein

Die Riesenanlage von Karnak mutet bombastisch an... geheimnisvoll-mysteriös aber ist die Widder-Sphingen am Eingang zum Karnak-Tempel. Der Widder symbolisierte im Alten Ägypten die vier großen kosmischen Mächte. Ob sie bis heute nicht »lesbare« Informationen zu bieten haben, die weit über die in Lehrbüchern beschriebene Symbolik hinausgehen?

Führt die Straße der Sphingen zu den verborgenen Geheimnissen des »Alten Ägypten«?



Fußnoten


Griechische Sphinx, etwa 550 v. Chr.,
Kerameikos-Museum, Athen, wikicommons
Foto: Μαρσύας
1) Johann Gottfried Herder: »Der Sphinx/ Eine Erd- und Menschengeschichte«, keine weiteren Angaben

2) Siehe hierzu...

Capra, Fritjof: Das Tao der Physik/ Die Konvergenz von westlicher Wissenschaft und östlicher Philosophie, Neuausgabe, Bern, München, Wien,1984

Capra, Fritjof: Wendezeit/ Bausteine für ein neues Weltbild, Bern, München, Wien, 3. Auflage 1983

Charon, Jean E.: Der Geist der Materie, Wien und Hamburg 1979


»Die Monstermauer von Peru«,
Teil 210 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
von WalterJörgLangbein,                                                                                               erscheint am 26.01.2014




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Sonntag, 29. Dezember 2013

206 »In der unvollendeten Grabkammer«

Teil 206 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Querschnitt durch die Pyramide -
Pfeil weist auf
unvollendete Grabkammer
Mein Weg führte mich nicht in ... sondern unter die nach Cheops benannte Pyramide! Die „unvollendete Grabkammer“ liegt im massiven Fundament aus gewachsenem Stein unter dem gigantischen Bauwerk. Wann wurde sie in den Fels geschlagen? Wurden die Arbeiten begonnen, bevor der Grundstein für die Cheopspyramide gesetzt wurde? Bautechnisch wäre es die einfachste Lösung gewesen, zunächst die heute als unvollendete Grabkammer bekannte „Gruft“ auszuheben, um nach vollendeter Arbeit die Pyramide darüber zu bauen. Dann wäre es relativ leicht gewesen, den Abraum durch einen kurzen Schacht ins Freie zu schaffen.
   
Der Gang in die mysteriöse Unterwelt führt aber zum Großteil durch den mächtigen Leib der Pyramide. Wurden also gleichzeitig unterirdisch die geheimnisvolle Kammer und die riesige Pyramide darüber geschaffen?
  
Ich habe mit einer Gruppe von Touristen die „Cheops-Pyramide“ betreten. Dabei haben wir nicht den eigentlichen Eingang benutzt, sondern den von Grabräubern auf der Suche nach Schätzen wie einen Bergwerksstollen in die Pyramide getriebenen Gang. Ich habe bewusst die anderen Pyramidengänger vorausgehen lassen. Sie haben wohl inzwischen die große Galerie erreicht. Ihre Stimmen hallen seltsam, werden immer leiser.

Im Tunnel unterwegs zur unvollendeten Grabkammer.
Foto: Walter Langbein sen.

Meine Bummelei scheint einige Wächter zu verärgern. Durch Gesten deute ich den wachsamen Hütern der Pyramide an, dass ich in die „dritte Kammer“ hinabsteigen möchte. Sie verhalten sich zunächst höchst ablehnend. Einer packt mich am Ärmel und will mir anscheinend den Weg zur „Kammer der Königin“ weisen. Ein zweiter behauptet sogar in gutturalem Englisch, es gebe überhaupt keine dritte Kammer. „No third chamber exist! No exist!“ Wie viele Besucher sich wohl so abwimmeln lassen? Ich krame meinen Geldbeutel aus meiner Kameratasche. „No picture ... no picture!“ Fotografieren ist also verboten. Und die mysteriöse „unvollendete Grabkammer“ gibt es gar nicht.
  
Der Chef-Wächter übernimmt das Gespräch. Seine abweisende Haltung ändert sich schlagartig, als ich einige Geldscheine zücke und das Zauberwort „Bakschisch“ raune, das schon den Helden des sächsischen Dichters Karl May so manchen Weg im Orient ebnete. Es wirkt Wunder. Man will mir jetzt nicht mehr meine Kamera abnehmen. Das Verbot zu Fotografieren ist aufgehoben. Und schon Minuten später darf ich zur dritten Kammer tief unter der Pyramide aufbrechen. Es wird eine strapaziöse Reise in die Unterwelt.

Doch was heißt hier „gehen“? Ganze 1,20 Meter hoch und 1,06 Meter breit macht der „Gang“ ein normales „Gehen“ unmöglich. Vor Anstrengung keuchend und bald heftigst schwitzend, sodass mir die Kleidung wie eine zweite Haut am Leibe klebt, krieche ich krabbelnd dem vielleicht eigentlichen Rätsel der Pyramide entgegen.

Unvollendete Grabkammer,
Tunnel in die Kammer
Foto: Walter-Jörg Langbein
Die Luft ist stickig, muffig, sie reizt zum trockenen, schmerzhaften Husten. Meter für Meter kämpfe ich mich weiter. Eigentlich hatte ich erwartet, rasch die schier unerträgliche Hitze eines ägyptischen Morgens hinter mir lassen zu können, doch weit gefehlt. Es will mir scheinen, als ob es um so heißer wird, je tiefer ich in die „Unterwelt“ der Pyramide vordringe.
  
Endlich kann ich mich kurz aufrichten. Auf einer Länge von nur knapp einem Meter ist der Gang 1,85 Meter hoch. Leide ich an Sinnestäuschungen? Ist mir doch, als ob ich frische, kühle Luft auf der verschwitzten Gesichtshaut spüre! Tatsächlich endet hier eine Art „Rohrleitung“, eine Jahrtausende alte Frischluftzufuhr. Niemand weiß, wie sie verläuft. Wer hat sie wie durch den massiven Leib der Pyramide gelegt? Und zu welchem Zweck? Wen sollte die Luftzufuhr erfrischen?
  
Hastig geht es weiter, wieder in geduckter Haltung. Einmal drehe ich mich um. Der Gang scheint sich in der Unendlichkeit zu verlieren. Meine Knochen schmerzen, als ob ich schon Ewigkeiten hier unten herumkrieche. Und vor mir sieht es so aus, als ob der Gang bis zum Mittelpunkt der Erde reiche. Er scheint nicht enden zu wollen.
  
Endlich geht das Gefälle in einen horizontalen Weg über. Ich weiß, dass ich noch knapp zehn Meter Gang vor mir habe, in gebückter Haltung. Schließlich stehe ich in der unvollendeten Grabkammer. 120 qualvolle Meter liegen hinter mir.

Die unvollendete Grabkammer,
Teilansicht - Foto:
Walter-Jörg Langbein
Wie groß mag die unterirdische Kammer sein? Ich krieche mit einem Messband am Boden entlang, klettere über aus dem Boden wachsende Steingebilde. Die Kammer ist, zu diesem Ergebnis komme ich nach Auswertung meiner Zeichnungen und Messergebnisse, vierzehn Meter lang, etwas über acht Meter breit und bis zu 3,50 Meter hoch. Und sie ist allem Anschein nach wirklich unvollendet. Ich versuche mich in die Lage eines Grabräubers zu versetzen, der in diesen Raum gelangt. Er wird sich nach kurzem Umschauen wieder enttäuscht abwenden. Hier ist nichts Wertvolles zu finden, mag er denken ... und den Gang zurück kriechen.
  
Nach offizieller Lehrmeinung sollte die unvollendete Grabkammer ursprünglich den Sarkophag des Cheops aufnehmen. Dann aber habe man umdisponiert und die Arbeiten an der Kammer unter der Pyramide von heute auf morgen abgebrochen. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die genialen Baumeister des Weltwunders wirklich so wankelmütig waren. Und wenn man wirklich das Projekt unterirdische Grabkammer aufgegeben hat, wieso wurde der gesamte Abraum aus der Baustelle unter der Pyramide mühevoll an die Erdoberfläche geschafft? Sollte das den Eindruck eines überstürzten Aufgebens der unterirdischen Grabkammer unterstreichen.
  
Ich spekuliere: Vielleicht war die vermeintlich unvollendete Grabkammer nie wirklich als Grabkammer gedacht! Vielleicht war sie von Anfang an als ostentativ „unvollendet“ konzipiert, um den Wunsch einer näheren Untersuchung dieser „Unterwelt“ erst gar nicht aufkommen zu lassen? Führt ein verborgener, noch unentdeckter Gang zur Gruft des Pyramidenbauers oder zu den Kammern des Wissens, in denen laut uralter Überlieferung geheimes Wissen vor der Sintflut bewahrt werden sollte?
  
Unter der Cheopspyramide
Foto: Walter-Jörg Langbein
Fakt ist: Die Existenz einer oder gar weiterer Kammern in der Cheops-Pyramide wird von der Ägyptologie vehement bestritten. Vielleicht glaubt die Archäologie wirklich daran, dass es definitiv nur drei Kammern gibt. Aber dann dürfte die „Unvollendete“ nicht zählen. Wo befindet sich dann die wirkliche dritte Kammer? Seit vielen Jahren ist in Fachkreisen bekannt: Es gibt weitere Hohlräume in der Pyramide, zum Teil mit ganz speziellem Sand gefüllt, von dem niemand weiß, woher er stammt.
  
Fakt ist aber auch, dass über Jahre hinweg die Öffentlichkeit in Sachen Cheops-Pyramide massiv getäuscht wird. Es wurden nachweislich im Inneren der Pyramide nicht nur Messungen durchgeführt, wobei modernste Geräte wie Presslufthämmer zum Einsatz kamen. Es wurde mindestens ein Tunnel durch den massiven Leib der Pyramide getrieben, ohne dass die offizielle Archäologie davon etwas wusste.
  
Fakt ist: Es wurden und werden massive Eingriffe in die Bausubstanz der großen Pyramide vorgenommen. Derlei Eingriffe sind ohne Zustimmung höchster Behörden nicht möglich. Wer oder was sucht in der Pyramide ... und wonach? Und warum heimlich? Ich bin davon überzeugt: Ziel dieser illegalen Arbeiten sind noch nicht entdeckte weitere Kammern. Wird man die letzte Ruhestätte des Erbauers der Pyramide finden? Wird man fantastische Entdeckungen in den Kammern des Wissens machen? Und wenn ja, werden wir je darüber informiert werden? Ich habe da erhebliche Zweifel! Nach uralten Quellen wurden in der Pyramide fantastische Objekte versteckt ...

WJL in der unvollendeten Grabkammer.
Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein

Auf der Suche nach verborgenen Schätzen,
Teil 207 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 05.01.2014


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Sonntag, 11. März 2012

112 »Die Göttin von Malta«

Teil 112 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Eine Monstermauer von Malta
Foto: Ilse Pollo
Die Inseln von Malta sind bizarr. Auf engstem Raum wurden monströse Tempel errichtet, neben denen der staunende Besucher zum Zwerg wird. Die zum Teil stark verwitterten Monstersteine, die bei den sakralen Bauten zum Einsatz kamen, lassen auf ein sehr hohes Alter der Kultur von Malta schließen. Vor rund sechs Jahrtausenden – so heißt es in der wissenschaftlichen Literatur – machten sich emsige Baumeister ans Werk. Warum türmten sie bei einer geschätzten Bevölkerungszahl von allenfalls 3000 so viele so riesige Tempel auf?

War Malta vor Jahrtausenden so etwas wie ein religiöses Zentrum? Kamen gläubige Pilger aus dem Mittelmeerraum nach Malta, um mysteriösen Kulten zu huldigen? Gab es unterschiedliche Gruppen, die alle einen eigenen Tempel beanspruchten? Sollte diese Überlegung zutreffen ... woher kamen dann die Pilger – vor rund sechs Jahrtausenden? Nach heutigem Wissensstand kann es aber vor sechs Jahrtausenden keine europaweite Seefahrt gegeben haben, um Pilgerscharen nach Malta zu befördern und wieder nach Hause zu bringen. Vor sechs Jahrtausenden dürfte es allerdings auch nicht die technischen Mittel und Methoden gegeben haben, um mit spielerischer Leichtigkeit Riesentempel zu bauen ... so die beeindruckenden Bauten überhaupt Tempel waren.

Wir neigen ja dazu, sehr alte Bauten zu »Tempeln« zu erklären. Dabei wissen wir nicht einmal, wie die Bauwerke von Malta einst aussahen. Vermutlich waren die Zyklopensteine – zumindest teilweise – verputzt und bemalt. Heute stehen fast nur noch die Mauern und bilden ein Gewirr von ineinander geschachtelten Räumen. Einst waren sie wohl überdacht. Einst lagen wohl zyklopenhafte Quader auf den zyklopenhaften Mauern.

Ein Riesentempel - Foto: W-J.Langbein
Auf der Nebeninsel Gozo, oberhalb des Örtchens Xaghra gelegen, entstand vor rund sechs – oder gar vor sieben? – Jahrtausenden der wohl älteste »Tempel«, »Ggantija« (auch »Gigantija« genannt). 1990 ernannte ihn die UNESCO zum Weltkulturerbe. Stundenlang kroch ich zwischen den gewaltigen Steinquadern herum ... Bis zu sechs Meter ragen sie in den Himmel. Die größeren werden pro Stück gut und gerne auf fünfzig Tonnen geschätzt. Wie hoch das Bauwerk ursprünglich war? Wir wissen es nicht. Wie viele dieser gigantischen Bauten es einst gab ... wir wissen es nicht. Nach Bray Warwick, Mitautor des vergriffenen Werkes »Lexikon der Archäologie« (1) »zeigen die etwa dreißig noch erhaltenen Beispiele (der Tempelbauten) einen hoch entwickelten Grundriss und Aufbau«.

Wenn nach Expertenansicht noch etwa dreißig Tempelruinen erhalten sind ... wie viele mögen es dann vor sechs oder sieben Jahrtausenden gewesen sein? In der Tat: die Perfektion der Bauweise lässt uns heute noch staunen. Wo aber wurde diese fortgeschrittene Bauweise entwickelt? Bray Warwick mutmaßt: »Einwanderer« mögen die Megalithbauten errichtet haben. Woher sollen sie gekommen sein? Nirgendwo sonst in Europa gibt es vergleichbare Bauten. Sollten die Einwanderer erst auf Malta damit begonnen haben, unvorstellbare Steinmassen zu Riesenbauten aufzutürmen? Fakt ist: In Westeuropa gibt es eine ganze Reihe von monumentalen Steinsetzungen – man denke an Englands Stonehenge oder an die berühmten Megalith-Reihen der Bretagne.

Gale de Giberne Sieveking (1925-2007), einer der renommiertesten Archäologen des 20. Jahrhunderts, setzte sich intensiv mit gigantischen Monstersteinen auseinander, die vor Jahrtausenden mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit verbaut wurden. Der Gelehrte, langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter am »British Museum« von Rang, sah die »großen Steine« als (2) »Erscheinungsform einer Religion, oder auch mehrerer Religionen, die sich auf Ahnenverehrung und Kult der Muttergottheit gründeten«.

Zyklopenbauweise - Foto: Wolfi
Wann die ersten Menschen auf Malta siedelten ... das interessiert mich nicht besonders. Mag sein, dass schon vor 100.000 oder gar 150.000 Jahren Menschen auf Malta hausten. Wann aber entdeckten die Menschen ihre Liebe zur Riesenbauweise? Eine Archäologin erklärte mir vor Ort, darauf bedacht, dass ihre männlichen Kollegen nichts hörten: »Zahlreiche Symbole wie Spiralen an Tempelwänden deuten auf die Göttin hin, die hier verehrt wurde. Sämtliche Tempel stellen – vom Grundriss her – die Urgöttin, die Muttergöttin dar!«

Auf meinen Reisen zu den rätselhaften Orten der Welt habe ich immer wieder eine interessante Beobachtung gemacht: Archäologen und Archäologinnen vertrauen einem wirklich interessierten Besucher vor Ort ihre ganz persönliche Sicht der Dinge an ... die nur selten – wenn überhaupt – Eingang in die »wissenschaftliche« Literatur findet. In einer immer noch von männlichen Autoritäten geprägten Szene der universitären Archäologie führt die Göttin der Vorzeit nach wie vor ein bescheidenes Dasein. Das gilt auch für die Göttin von Malta.

Blick in die Unterwelt - Foto: W-J.Langbein
Wie wichtig die Rolle war, die einst die Göttin auf Malta spielte, belegen zahlreiche Figürchen und Figuren, die eine stämmige Muttergöttin darstellen. Oder wurden auf Malta mehrere Göttinnen verehrt? Im Tempel von Hagar Qim, Malta, saßen einst imposante Göttinnen auf steinernen Thronen. Als sich das Patriarchat durchsetzte, wurden die Göttinnen entfernt. Zum Tempel von Hal Tarxien gehörte einst eine imposante Statue einer stolzen stehenden Göttin. Offensichtlich wurde das Jahrtausende alte Kunstwerk mutwillig zerstört. Man hat es zertrümmert. Gefunden wurden bislang nur Füße und Beine. Offensichtlich, so ist zu erkennen, trug die göttliche Matrone einen locker fallenden Rock.

Im mysteriösen »Hypogäum« von Hal Saflieni, Malta, wurde einst auch die Göttin verehrt. Der Begriff »Hypogäum« stammt aus dem Griechischen und lässt sich mit »unterirdischer Raum« übersetzen. Was für eine maßlose Untertreibung: drei Etagen hat man vor Jahrtausenden in den gewachsenen Stein getrieben ... und so ein unterirdisches Reich von »Mutter Erde« geschaffen. Neben drei größeren Räumen gibt es Dutzende von Kammern, die verschachtelt ineinander übergehen.

Richtig ist: tief unter der Erde fand man im »Hypogäum« unzählige Knochen. Vorschnell wurde die riesige unterirdische Anlage zur »Begräbnisstätte« erklärt. Inzwischen darf es als gesichert angesehen werden, dass die Gebeine von immerhin 7000 Menschen nicht von den Erbauern der »Unterwelt« beigesetzt wurden, sondern sehr viel später. Salopp ausgedrückt: Spätere »Trittbrettfahrer« haben die unterirdischen Räume als Grabkammern missbraucht.

In der »Unterwelt« des Hypogäums wurde die vielleicht schönste Darstellung der Göttin entdeckt. Das Figürchen, gern herablassend als »Fat Lady« bezeichnet, ist recht klein. Es misst in der Länge zwölf Zentimeter. Unbekannte Künstler haben die Alabasterstatuette mit viel Liebe zum Detail geschnitzt. Die »schlafende Lady« ruht, seitlich liegend, auf einem Bett. Wie alle Darstellungen der »Muttergöttin« aus uralten Zeiten sind die feminin-mütterlichen Formen betont.

Alexander Knörr, profunder Malta-Kenner, schreibt in seinem Buch »Hagar Qim« (3): »Hinweise darauf, dass die Tempel Maltas und Gozos wirklich der Ausübung einer Religion dienten, sammelten Archäologen in Form von einzelnen Hinweisen, wie zum Beispiel kleiner Statuetten, welche in den Tempelanlagen bei Ausgrabungen gefunden wurden.« Und weiter heißt es bei Alexander Knörr (4): »Da die meisten dieser Statuetten wohl geformte, teilweise überaus üppige, weibliche Rundungen aufweisen, liegt laut Meinung der zuständigen Archäologen nahe, dass ein Kult um die Magna Mater (lateinisch: große Mutter – Muttergottheit), eine Fruchtbarkeitsgöttin hier gepflegt wurde.«

Die Muttergöttin von Malta -  Foto: W-J.Langbein
Wer meint, auf Malta seien die ältesten Spuren der verehrten Muttergöttin gefunden worden, irrt gewaltig. Das Matriarchat ist sehr viel älter als die Tempel von Malta! Doris Wolf, eine Schweizer Wissenschaftlerin, entdeckte in Ägypten eine bis heute kaum beachtete Statue einer Muttergöttin. Sie schreibt in ihrem Buch »Was war vor den Pharaonen?« (5): »Bei der Grotte der Großen Göttin im Tal der Königinnen ist noch eine andere Erscheinung interessant, die allerdings bisher unbeachtet blieb: eine aus dem Fels gemeißelte überlebensgroße weibliche Skulptur auf der linken Seite des Eingangs, die über dem Boden schwebt. Obwohl der Kalkfelsen hoffnungslos brüchig ist, kann man bei der verwitterten Großplastik die untere Körperhälfte mit dem betonten Schoßdreieck erkennen, das gut erhalten ist.«

Die wohl älteste »Muttergöttin« ist die »Venus von Villendorf«. Sie soll vor 30 000 Jahren geschnitzt worden sein. Eine ganz ähnliche »Muttergöttin« wurde in Tschechien gefunden. Das Alter der »Fat Lady«: 27 000 Jahre!

Fußnoten

1 Warwick, Bray und Trump, David: »Lexikon der Archäologie«, 2 Bände, Reinbek bei Hamburg 1975
2 Sieveking, Gale: »Wanderung der Megalithen« in Bacon, Edward (Hrsg): »Versunkene Kulturen/ Geheimnis und Rätsel früher Welten«, München 1963, S. 185
3 Knörr, Alexander: »Hagar Qim/ Auf den Spuren eines versunkenen Kontinents/ Rätsel um die Insel Malta«, Groß Gerau 2007, Seite 20
4 ebenda
5 Wolf, Doris: »Was war vor den Pharaonen?«, Zürich 1994,S.63

Literaturempfehlung

Walter-Jörg Langbein: »Das Sakrileg und die Heiligen Frauen«

»Das Geheimnis der steinzeitlichen Schienen«,
Teil 113 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 18.03.2012



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