Posts mit dem Label Maria Magdalena werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Maria Magdalena werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 6. Mai 2018

433 „War Maria Magdalena 'der' Lieblingsjünger Jesu?“

Teil  433 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Das Abendmahl von Eugène Burnand.
Das Gemälde zeigt Jesus im Kreis seiner Jünger. Jesus hat den Blick gen Himmel gerichtet, er scheint zu beten. Elf Jünger sehen wir. Sie stehen, wie Jesus, hinter einem leeren Tisch. Sechs Jünger machen wir zur Rechten Jesu aus, fünf zu seiner Linken. Entstanden ist das Gemälde um 1900. Es stammt von Eugène Burnand, einem Schweizer Maler (1). Ein Jünger fehlt also. Wenn wir im Evangelium, das nach Johannes benannt wurde, nachlesen, dann können wir die dargestellte Szene zeitlich recht genau einordnen.

Jesus erschreckt seine Jünger, also seine engsten Vertrauten, mit einer Botschaft, die elf von ihnen erschüttert haben muss (2): „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.“ Den Jüngern „wurde bange“, sie „sahen sich untereinander an“ (3). Wen Jesus wohl meinte? Der namentlich nicht genannte „Lieblingsjünger“ wird von Petrus beauftragt zu fragen, wer denn der Verräter sei (4): „Da lehnte der sich (5) an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's?“

Foto 2
Jesus freilich nennt keinen Namen (6): „Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.“ Somit ist klar: Judas ist der Verräter. Jesus treibt Judas zur Eile an (7): „Was du tust, das tue bald!“ Und Judas verlässt die kleine Gesellschaft (8): „Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.“ Das Gemälde zeigt also Jesus und nur elf Jünger. Judas ist gerade gegangen. 

Noch ist ein Ersatzjünger nicht gewählt. Der Jünger, den Jesus besonders lieb hatte, wird nicht namentlich genannt. Er soll besonders jung gewesen sein. Im Gemälde sehen wir zwei besonders jung wirkende, sprich bartlose Jünger. Der eine steht, vom Betrachter aus, ganz rechts außen im Bild (Foto 2), den anderen sehen wir als zweiten von links außen im Bild (Foto 3). An seinem Kinn: so etwas wie ein Fleck. Ist es eine Beschädigung des Bildes? Oder wollte der Maler dem jugendlichen Jünger noch einen Bart verpassen?

Foto 3
Betrachten wir das Bild genauer, dann fällt uns eine dritte bartlose Person auf. Sie steht im Bild rechts von Jesus, unmittelbar neben Jesus, etwas nach hinten versetzt. Diese Person bedeckt ihr Gesicht mit einer Hand (Fotos 4 und 5). Wenn wir unvoreingenommen sind, müssen wir zugeben: Da steht eine Frau, die weinend ihr Gesicht mit einer Hand bedeckt. Meine Vermutung: Es ist Maria Magdalena. Das wirft ein Problem auf: Wenn wir die Person neben Jesus als Maria Magdalena identifizieren, dann fehlt auf dem Bild nicht ein männlicher Jünger, nämlich Judas. Dann sind nur neun männliche Jünger zu sehen und eine Frau.

Eine „ketzerische“ Lösung des Problems: Maria Magdalena war Jüngerin und gehörte zu den zwölf engsten Vertrauten Jesu. Der vermeintliche Lieblingsjünger war nicht Johannes, sondern eine Frau, nämlich Maria Magdalena!

Im Dezember des Jahres 1945 waren einige ägyptische Bauern etwa elf Kilometer nordöstlich von Nag Hammadi am Fuß des „Jabal al Tarif“-Felshangs unterwegs. Sie suchten Dünger für ihre Felder. Zufällig stießen sie auf einen geheimnisvollen Fund: unter einem Felsbrocken kam ein etwa ein Meter hoher Krug aus rötlichem Ton zum Vorschein. Was mochte er enthalten? Vielleicht einen kostbaren Schatz? Oder einen bösen Geist? Die Hoffnung auf Gold war größer als die Angst vor möglichen Gefahren, also zerschlug man den Krug. Die Enttäuschung war mehr als groß, als nur dreizehn in Leder gebundene Kodizes zum Vorschein kamen. Glücklichen Zufällen ist es zu verdanken, dass zwölf der antiken Kodizes erhalten blieben. Leider wurde „Kodex XII“ zum Großteil als Schürmaterial verwendet.

Foto 4: Weinende Frau... rechts von Jesus.

Zunächst wurden die kostbaren Dokumente unter mehreren Bauern verteilt. Weil man sie aber für wertlos hielt, bekam sie Muhammed Ali. Der vertraute sie Abd al Masih, einem koptischen Priester, an. Dessen Schwager Raghib Andrawus zeigte sie in Kairo dem Arzt George Sobhi, der sich sofort an das „Amt für Altertümer“ wandte. Eine „Aufwandentschädigung“ in Höhe von 300 Pfund wurde gezahlt, die alten Texte wurden zu Besitz des ägyptischen Staates. Im „Koptischen Museum“ von Kairo fanden sie am 4. Oktober 1946 ein sicheres „Zuhause“.
   
Foto 5
Mancher Theologe hat sich inzwischen wohl gewünscht, die Kodizes wären gar nicht gefunden worden. Denn als die Texte aus dem Koptischen übersetzt wurden, stieß man auf einige unliebsame Informationen aus dem Leben Jesu.

Im „Philippus-Evangelium“ heißt es, zitiert nach seriöser Quelle (9): „Die Sophia ... ist die Mutter der Engel und die Gefährtin des Soter (Heilands/ Erlösers). Der Soter liebte Maria Magdalena mehr als alle Jünger und er küsste sie oftmals auf ihren Mund. Die übrigen Jünger gingen zu ihnen, um Forderungen zu stellen. Sie sagten zu ihm: ‚Weswegen liebst du sie mehr als uns alle?‘“
   
Weltbekannt wurden diese Zeilen durch Dan Brown, der sie in seinem Weltbestseller „Sakrileg“ zitierte. Da es an der Echtheit des Textes keinen Zweifel geben konnte, spielte man seine Bedeutung herunter. Derlei Aussagen seien für eine seriöse Jesusforschung belanglos, weil sie erst Jahrhunderte nach den Ereignissen im „Heiligen Land“ formuliert worden seien. Typisch für die Ablehnung der unbequemen Textstelle durch Brown-Kritiker ist das bayerische „Sonntagsblatt“ (10). Demnach stammt das „Philippus-Evangelium“ angeblich „aus dem vierten Jahrhundert“.  Als zeitnahes Dokument könnte man es dann wirklich nicht mehr bezeichnen. Wer es auch verfasst haben mag, ein Zeitzeuge kann es im vierten Jahrhundert nicht gewesen sein. In Wirklichkeit ist das „Philippus-Evangelium“ aber wesentlich älter. Wilhelm Schneemelcher: „Isenbergs Datierung auf die zweite Hälfte des dritten Jahrhunderts dürfte doch um ein knappes Jahrhundert zu spät liegen. Die ältere und vielgeäußerte Ansicht, die das Philippus-Evangelium noch im zweiten Jahrhundert abgefasst sein lässt, dürfte erheblich wahrscheinlicher sein.“

Foto 6: Das Abendmahl, gemalt von Philippe de Champaigne

Wenn man  den erotischen Aspekt der kurzen Passage einmal unberücksichtigt lässt, ergibt sich eine ganz konkrete Aussage: „ Der Soter (der Messias) liebte Maria Magdalena mehr als alle Jünger.“ Das „Philippus-Evangelium“ benennt eindeutig und klar, was das „Evangelium nach Johannes“ nur andeutet oder umschreibt: der anonyme „Jünger, den Jesus liebte“ bekommt einen Namen: Es ist Maria Magdalena! Jesu Lieblingsjünger war also kein Mann, sondern eine Frau. Diese klare Aussage ist wirklich höchst explosiv: Am Ende des „Evangeliums nach Johannes“ heißt es, der Lieblingsjünger Jesu habe das vierte Evangelium verfasst. Zieht man das Philippus-Evangelium hinzu, dann wird aus dem anonymen Verfasser nicht Johannes, sondern eine Frau, nämlich Maria Magdalena.

> amazon
Maria Magdalena als engste Vertraute, als Jüngerin, die Jesu allen anderen vorzog – ein auch heute noch ketzerischer Gedanke? In der sakralen Malerei von Eugène Burnand bis Philippe de Champaigne finden sich immer wieder recht feminine Jünger an der Seite Jesu. Der Maler Philippe de Champaigne (*1602 in Brüssel; † 1674 in Paris), Vertreter des französischen Barock, setzte in seinem Bildnis vom Abendmahl auch eine „Jüngerin“ neben Jesus. Es lohnt sich, mit offenen Augen und unvoreingenommen Kapellen und Kirchen zu besuchen. Man entdeckt immer wieder Mysteriöses.

Literaturempfehlung

Im voranstehenden Beitrag „War Maria Magdalena der Lieblingsjünger Jesu?“ konnte ich das spannende Thema nur anreißen. Viele Jahre habe ich mich mit provokanten Thesen über Jesus und Maria Magdalena beschäftigt und einige Bücher dazu  geschrieben. Wer sich näher mit meinen Gedanken auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich meine Werke „Maria Magdalena/ Die Wahrheit über die Geliebte Jesu“, „Als Eva noch eine Göttin war“ und „Das verlorene Symbol und die Heiligen Frauen“.


> amazon
Fußnoten
1) Burnand (* 30. August 1850 in Moudon; † 4. Februar 1921 in Paris) studierte 1868–1871 Architektur in Zürich, dann Malerei in Genf und Paris und 1876–1877 in Rom. Von ihm stammt eine Darstellung der Bergpredigt auf den Chorfenstern der reformierten Kirche von Herzogenbuchsee. Herzogenbuchsee (berndeutsch Herzogebuchsi, von den Einheimischen Buchsi genannt) ist eine politische Gemeinde im Verwaltungskreis Oberaargau des Kantons Bern in der Schweiz. Zum 1. Januar 2008 wurde die Fusion mit der Gemeinde Oberönz vollzogen. Die neue Gemeinde trägt weiterhin den Namen Herzogenbuchsee. Zwischen 1907 und 1912 wurden mehrere seiner Zeichnungen für die Banknoten der Schweizerischen Nationalbank verwendet.

Das Abendmahl-Gemälde von Burnand erschien zusammen mit weiteren Werken des Künstlers in  „Zehn farbige Kunstblätter“, Verlag für Volkskunst, Stuttgart 1900.

> amazon
2) Evangelium nach Johannes Kapitel 13, Vers 21
3) ebenda, Vers 22
4) ebenda, Verse 23 und 24
5) Also der „Lieblingsjünger“
6) Evangelium nach Johannes Kapitel 13, Vers 26
7) ebenda, Vers 27
8) ebenda, Vers 30
9) Schneemelcher, Wilhelm: „Neutestamentliche Apokryphen“, Band I, Tübingen 1990, S.161
10) Ausgabe vom 2.4.2006


Zu den Fotos
Foto 1: Das Abendmahl von Eugène Burnand. Foto Wikimedia Commons
Foto 2: Einer der jungen Jünger, rechts außen. Foto Wikimedia Commons
Foto 3: Der andere junge Jünger, links. Foto Wikimedia Commons
Foto 4: Weinende Frau, rechts von Jesus. Foto Wikimedia Commons
Foto 5: Die weinende Jüngerin. Foto Wikimedia Commons
Foto 6: Das Abendmahl, gemalt von Philippe de Champaigne. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: „Maria Magdalena/ Die Wahrheit über die Geliebte Jesu“
Foto 8:  „Als Eva noch eine Göttin war“
Foto 9: „Das verlorene Symbol und die Heiligen Frauen“

434 „Göttinnen - eingemauert und vergraben“
Teil  434 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 13.05.2018


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 1. November 2015

302 »Maria Magdalena, Räuber und Widukind II«

302 »Maria Magdalena, Räuber und Widukind II«
Teil 302 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Klosterruine »tom Roden«

Wann wurde »tom Roden« gegründet und von wem? Darüber schweigen Akten und Urkunden. Selbst im Archiv des einstigen Klosters von Corvey…. nur wenige hundert Meter von »tom Roden« entfernt, gibt es keinerlei Hinweis. Warum wurde »tom Roden« ins Leben gerufen? Auch auf diese Frage finden wir in den Urkunden keine Antwort. Grundsätzlich: Klöster waren nicht nur am Seelenheil der Gläubigen interessiert, ihre Gründerväter hatten durchaus auch finanzielle Interessen.

So war es aus wirtschaftlichen Erwägungen durchaus sinnvoll, wenn zum Beispiel ein Kloster im städtischen Bereich irgendwo auf dem Lande eine »Dependance« eröffnete, um so zu zusätzlichen Einnahmen zu kommen. Nun liegt aber »tom Roden« weniger als einen Kilometer vom Kloster Corvey entfernt, wäre als »Dependance« von Corvey eher ein finanzieller Negativposten. Kurz: Nur wenige hundert Meter von einem Kloster ein zweites Kloster zu gründen, das macht keinen Sinn.

Foto 2: Hier wurde Maria Magdalena verehrt

Darf, ja muss man also annehmen, dass »tom Roden« nicht von Corvey aus gegründet wurde? Die Kirche von »tom Roden« war der Maria Magdalena geweiht. Das kann als Hinweis verstanden werden! Es könnte sich um die Stiftung eines reuigen Sünders handeln, der – um sein Seelenheil fürchtend – schwere Schuld durch eine üppige milde Gabe zumindest mindern wollte. Oder wurde jemand dazu verurteilt, das Kloster »tom Roden« zu finanzieren?

Foto 3: Hier hauste Widukind II
Nun wird vermutet, dass die Rodungen für das Kloster »tom Roden« im zwölften Jahrhundert vorgenommen wurden. Nach intensivem Quellenstudium brachte mich auf die Spur eines wirklich aussichtsreichen Kandidaten… Widukind II. von Schwalenberg! Die Schwalenburg über dem malerischen Städtchen Schwalenberg macht heute noch einen imposanten Eindruck. Nach dem Tod des letzten Grafen von Schwalenberg fehlten die Mittel, das historische Gebäude zu erhalten. So verfiel die Burg immer mehr. 

In den Jahren 1911 bis 1913 wurde sie als Sitz für die Prinzessin Friederike zur Lippe genutzt. In den Jahren nach der Weimarer Republik diente die Burg als Müttergenesungswerk und anschließend als evangelisches Kindererholungsheim.  1960 werden die Räumlichkeiten der Burg renoviert und stehen der Öffentlichkeit als einen Restaurant und Hotel zur Verfügung. Das Restaurant bietet einen wunderbaren Ausblick auf die Umgebung. Auf historischen Aufnahmen wirkt die Schwalenburg allerdings reichlich düster, erinnert an die Kulissen für eine Frankenstein-Verfilmung in Schwarzweiß aus den 1930er Jahren. Vom Frankenstein-Monster zurück zum historischen Widukind II.

Dieser Widukind muss auch für damalige Verhältnisse ein arger Unhold gewesen sein! So erschlug Widukind II. höchstselbst anno 1156 den Stadtgrafen von Höxter, als der im Schatten der Kirche eine Gerichtsverhandlung leitete. Ein Motiv für die Bluttat ist nicht überliefert. Mag sein, dass Widukind II. sich selbst als Inhaber der Gerichtsbarkeit sah.

Foto 4: St. Kilian zu Höxter
Anno 1152 attackierte Widukind II von Schwalenberg die Stadt Höxter und nahm Geiseln. So erpresste er Lösegelder. Im gleichen Jahr – im Januar 1152 – verübte Widukind II mit seinen Mannen einen Überfall auf den Friedhof von Corvey.

Er plünderte die geheiligte Stätte, raubte sakrale Kultobjekte. Unterstützt wurde Widukind II. von Schwalenberg durch seinen nicht minder gewalttätigen Bruder Volkwin. Das Bruderpaar begnügte sich nicht mit dem Friedhof. 

Das Duo überfiel mit seiner Bande die Stadt Höxter. Vielleicht um bei künftigen Raubzügen leichter in die Stadt einfallen zu können… zerstörten die Kriegsknechte die Stadtmauer. Jetzt hatten sie jederzeit mühelos Zugriff auf die alte Weserstadt. Planten sie weitere Angriffe, weitere Raubzüge? Mag sein... Heutige Herrscher plündern in der Regel diskreter und effektiver... Ein schlechtes Gewissen hatten sie dabei wohl nicht. Wähnten sie sich gar im Recht? Waren die Überfälle auch ein Politikum, eine Machtdemonstration: Das gehört zu unserem Herrschaftsbereich, da können wir schalten und walten wie wir wollen?

Schließlich geschah etwas aus heutiger Sicht Befremdliches. Es streikten die Mönche. Sie nahmen Kruzifixe, Heiligenbilder und Reliquien aus den Kapellen und Kirchen, verstreckten alles. Kostbare Sakralobjekte wurden vergraben. Gottesdienste fanden nicht mehr statt. Erst wenn Widukind II. und sein Bruder Volkwin von der weltlichen Obrigkeit abgestraft würden, erst dann wollten sie wieder Gottesdienste abhalten. Stumm blieb das Geläut der Kirchenglocken. Die Klage wurde bis vor Friedrich Barbarossa getragen. Friedrich soll den verängstigten Mönchen eine strenge Bestrafung der beiden Schwalenberger zugesichert haben. Würde es zu einem Prozess, zu einer Verurteilung kommen? Und stand der heute mythologisch verklärte Barbaraossa wirklich auf Seiten der Opfer Widukinds und seines Bruders?

Die Bürger von Höxter bauten ihre Stadtmauer wieder auf. Zu weiteren Überfällen kam es nicht.  Friedrich I. forderte die Geistlichkeit auf, die Gottesdienste wieder regelmäßig abzuhalten. Wurde den gewalttätigen Brüdern von der Schwalenburg die Exkommunikation angedroht? Kam es gar – auch wenn es keine entsprechenden Urkunden (mehr?)  gibt – zu einer Verurteilung von Widukind II. und Volkwin? Denkbar, wenn auch nicht beweisbar, ist es! Womöglich wurde Widukind sogar von einem weltlichen Gericht verurteilt und das Urteil »Verbannung« ausgesprochen. Mag sein, dass zwar ein entsprechendes Urteil gefällt, aber gleich wieder ausgesetzt wurde. Mitglieder der höheren Stände standen vor Gericht eben nicht in Augenhöhe mit einfachen Bürgern. Räuber wurden eben nicht immer wie Räuber behandelt. Im Fall des Widukind II. ist es sogar möglich, dass seine Untaten von übergeordneter Stelle zunächst geduldet wurden.  Gab der Streik der Mönche den entscheidenden Ausschlag? Fürchtete die weltliche Obrigkeit den Aufstand der Bürger von Höxter  gemeinsam mit den Mönchen von Höxter?

Durch diplomatische Verhandlungen mag erreicht worden sein, dass Widukind und Bruder Volkwin die Schmach einer öffentlichen Verurteilung erspart blieb. Und wenn es zu einer Verurteilung kam, dann ohne Öffentlichkeit. Akzeptierte Widukind II. einen diskreten Richterspruch, der ihn zu einer Entschädigung der Kirche verpflichtete? Gab die Kirche Ruhe, weil Widukind II das Kloster »tom Roden« stiftete? War das Abkommen so geheim, dass Widukind II. in Urkunden nicht als Stifter von »tom Roden« genannt wurde?

Der Streik der Mönche jedenfalls wurde beendet. Die vergrabenen Kruzifixe, Heiligenbilder, Reliquien und Kelche kehrten zurück in die Gotteshäuser. Die Glocken erklangen wieder und riefen die Bürgerinnen und Bürger zum Gottesdienst.

Foto 5: »Unterwelt« von »tom Roden«
Fakt ist: Für »tom Roden« müssen erhebliche Summen aufgebracht worden sein, über die Kloster Corvey damals nicht verfügte. Corvey hatte im zwölften Jahrhundert finanzielle Probleme. Und hätten ausreichend Mittel zur Verfügung gestanden, wären die wohl für Kloster Corvey selbst aufgewendet worden und nicht wenige hundert Meter entfernt in den Bau eines zweiten Klosters gesteckt worden.

Ein Besuch der Klosterruinen »tom Roden« lohnt sich. Leicht zu finden ist das Kleinod aber nicht unbedingt.  Fahren Sie von Höxter aus über die »Corveyer Allee« nach Corvey. Von Corvey geht es weiter, vorbei am großen Parkplatz. Nach gut einem halben Kilometer folgen Sie – links abbiegend – der Straße in das Industriegebiet »Zur Lüre«. 

Die Klosterruine ist ausgeschildert, die »Hinweistafeln« dürften aber gern etwas größer sein. Als ich zum ersten Mal – per Taxi – vor Ort war, musste ich mich durchfragen. Aber wenn Sie erst einmal im Industriegebiet sind, haben Sie Ihr Ziel schon fast erreicht. Über einen guten, ja festen Feldweg geht es dann direkt zu den Ruinen.

Die Anlage »Klosterruine tom Roden« macht einen überschaubaren Eindruck. Die Mauern sind vom Weg aus zu sehen, von Feldern durch eine Hecke getrennt. Von »tom Roden« aus sehen Sie den Kirchturm von »St. Johannes Baptist«, Lüchtringen. Das Gotteshaus wurde 1901 und 1902 errichtet, an Stelle des Vorgängerbaus aus dem Jahr 1698. Nach einem Blitzeinschlag brannte damals die barocke Kirche ab. Auch das barocke Gotteshaus hatte schon einen noch älteren Vorgänger: Die erste Kirche Lüchtringens  war bereits mehrere Jahrhunderte alt, als »tom Roden« entstand. Sie wurde vor rund 1100 Jahren geweiht.

Es lohnt sich, »tom Roden« zu besuchen. Statten Sie aber auch dem früheren Kloster, Schloss Corvey einen Besuch ab! Nehmen Sie sich unbedingt Zeit für die mythologischen Malereien im Westwerk. Sie wurden aufwändig restauriert, lassen der Fantasie sehr viel Spielraum!

Fotos 6 und 7: Mythologie im Kloster Corvey

Da wurden auch Monster verewigt, im Kampf mit mutigen Recken. Welche »Drachentöter« da zugange sind, welche Fabelwesen da besiegt werden, wir wissen es nicht wirklich und sind auf Vermutungen angewiesen. Wesen aus heidnischen Sagenwelten… in einem christlichen Gotteshaus? Wenn man nur die leider stark beschädigten, liebevoll restaurierten Darstellungen heute noch wie ein Buch lesen könnte!

Am 19. Januar 1874 verstarb Hoffmann von Fallersleben in Corvey. Sie finden sein Grab auf dem kleinen Friedhof neben der Abteikirche. Eine schlichte Portraitbüste des Dichters, auch manchen Deutschen noch als Verfasser des »Deutschlandliedes« bekannt, wurde 1911 angebracht. Gestiftet hat sie Franz Hoffmann-Fallersleben, Sohn des Dichters. Hoffmann von Fallersleben wurde neben seiner bereits am 27. Oktober 1860 verstorbenen Frau Ida beigesetzt.

Foto 8: Grab-Denkmal von Fallersleben.

Hinweis

Lesen Sie bitte auch Folgen 256 »Odysseus und das Monster… in der Kirche«
und 257»Delphine, Skylla und Odysseus« dieser Serie!

Literatur

Foto 9: Kirche von Lüchtringen, von »tom Roden« gesehen

Claussen, Hilde: »Die Klosterkirche Corvey/ Wandmalerei und Stuck aus
karolingischer Zeit«, Mainz 2007 

Garbe, Burckhard: »Die schönsten Sagen zwischen Harz und Weser«, Kassel
2002 (Die Lilie im Kloster zu Corvey, S.43-47)

Höxtersches Jahrbuch: »Klöster um Höxter/ tom Roden, Brenkhausen, Corvey«, Höxter 1981

Matthes, Walther: »Corvey und die Externsteine/ Schicksal eines
vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit«, Stuttgart 1982

Plitek, Karl Heinz (Redaktion): »Kloster tom Roden. Eine archäologische
Entdeckung in Westfalen. Ausstellung des Westfälischen Museumsamtes und
des Westfälischen Museums für Archäologie«, Münster 1982

Zu den Fotos....

Fotos 1 und 2: »tom Roden«: Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Schwalenburg, historische Aufnahme, Foto Archiv Langbein 
Foto 4: St. Kilian, Höxter, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: »tom Roden«, Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Schloss Corvey, Westwerk, Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 8: Grab-Denkmal von Fallersleben. Foto wikicommons/ Kliojünger
Foto 9: Kirche von Lüchtringen, von »tom Roden« gesehen. Foto Walter-Jörg Langbein
303 »Von der Kreuzigung zum Teufelsarsch«,
Teil 303 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.11.2015


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 25. Oktober 2015

301 »Apostelin der Apostel«,

301 »Apostelin der Apostel«,
Teil 301 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Kreuzweg Kloster Corvey

»Nahe bei Corvey stand ehemals eine schöne Propstei. Von wem aber und wann solche er bauet, habe ich nirgends finden können!«, notierte Christian Franz Paullini (1643-1712) in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Freilich hat der studierte Theologe und Arzt Paullini speziell bei Historikern nicht unbedingt den besten Ruf. Manche halten ihn für einen Scharlatan, der vermeintlich wichtige mittelalterliche Quellentexte fälschte. Hat der gute Paullini also geflunkert, als er behauptete, gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Ruinen von »tom Roden« noch selbst gesehen zu haben?

Theologe und Arzt Paullini

Der Historiker Paul Wigand (1786-1866), der mit den Gebrüdern Grimm eng befreundet war, betonte immer wieder, vom ominösen Kloster »tom Roden« sei nicht mehr die kleinste Spur zu finden.  So entstand im 19. Jahrhundert ein regelrechter Historikerstreit, wo denn nun »tom Roden« gestanden haben mag. Erst 1976 wurde »tom Roden« wieder entdeckt, und das eher zufällig. (1)

So leicht ließ sich die Erde freilich die altehrwürdigen Mauern nicht entreißen. Nachdem man zunächst ohne größeren Erfolg mit Spaten und Schaufel ans Werk gegangen war, setzte man schließlich einen Bagger ein. Auf einem Areal von immerhin 4000 Quadratmeter Größe musste zunächst die Humusschicht abgetragen werden. Dann standen die Archäologen vor einer eher unansehnlichen Steinwüste. »Größere und kleinere Steinbrocken, Mörtel Stücke von Holzkohle und Reste von Wandputz breiteten sich wie eine dicke Decke über dem Gebiet aus. Für den Archäologen ist aus dieser Materialzusammensetzung erkennbar, daß es sich hier um Schutt handelt, der beim Abbruch steinerner Gebäude handelt. Aus dieser dichten Schuttdecke schauten an einigen Ecken Steinlagen hervor, die wie regelmäßig verlegt aussahen und die noch in einem Mörtelverband lagen. Von diesen Stellen her wurden die Arbeiten aufgerollt.«, vermeldet »Höxtersches Jahrbuch« anno 1981 (2). Kloster »tom Roden« war wieder entdeckt worden.

Kirche »Maria Magdalena« von »tom Roden«

Auch wenn das Mauerwerk der Klosterkirche »Maria Magdalena« und der dazu gehörenden Gebäude weitestgehend verschwunden ist, sprich weggeschleppt und wieder verarbeitet wurde, gab es einige sensationelle Erkenntnisse…. Sozusagen in der »Unterwelt« des Klosters.

So verfügte die Klosteranlage »tom Roden« vor mehr als einem halben Jahrtausend über eine Warmluftheizungsanlage, die den Mönchen die kalte Winterszeit doch erheblich erträglicher machte. Es war eine Art Fußbodenheizung… in einem Mönchskloster vor einem halben Jahrtausend.

Recht modern mutet die Wasserversorgung im Kloster »tom Roden« an. Offenbar gab es fließendes Wasser. Zum System gehörten ein Wasserbecken (Staubecken?),  eine Rohrleitung. Genutzt wurde, so wird angenommen,  ein »Drucksystem« (3). Mehr als fortschrittlich müssen für die damalige Zeit die »WCs« der Mönche gewesen sein. So durchlief den Ost-Trakt ein Kanal, in den ein Bach umgeleitet wurde. Wie Fußbodenheizung und hauseigener Kanal funktionierten, lässt sich im Detail leider nicht mehr vollständig rekonstruieren.

Reste eines praktischen Kanals...?

Gesundheitlich bedenklich waren die Bleirohre, die Trinkwasser führten. In wieweit es unter den Mönchen tatsächlich zu Bleivergiftungen und  frühzeitlichem Tod kam, ist meines Wissens bis heute nicht wissenschaftlich untersucht worden. Vielleicht werden ja noch die im Klosterbereich aufgefundenen Gebeine entsprechend analysiert. Sind es Mönche, deren Knochen bei Ausgrabungen im Kloster »tom Roden« gefunden wurden? Oder wurden auch Laien beigesetzt? Wurden Menschen, die sich um das Kloster besonders verdient gemacht hatten, durch Beisetzung im Kloster selbst geehrt?

Hinter diesen Mauern wurde Maria Magdalena verehrt

Das Kloster »tom Roden« war der Maria Magdalena geweiht. Maria Magdalena muss eine besondere Rolle für das Kloster gespielt haben. Leider wurden ja im »tom Roden« keine sakralen Kunstwerke gefunden, die auf die Stellung Maria Magdalenas im Glauben der Mönche Hinweise geben könnten. Was von Wert war, haben die Mönche natürlich beim Auszug aus dem Kloster mitgenommen. Das Siegel des Klostervorstands von »tom Roden« indes spricht eine deutliche Sprache. Man kann es – ohne ein einziges geschriebenes Wort – wie ein Buch lesen. Das Siegel hing an einer Urkunde von 1356. Dem Propst von »tom Roden« wurde gestattet, eine Landwehr einzurichten, um gegen angreifende Feinde gewappnet zu sein.

Das Siegel hat ovale Form, läuft oben und unten spitz zu.  Im Zentrum steht ein Baum. Links vom Baum erkennen wir eine hohe, männliche Gestalt mit angedeutetem Heiligenschein. Rechts vom Baum kniet eine weibliche Gestalt. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind hier Jesus und Maria Magdalena dargestellt. Die Szene spielt am Grab Jesu (4):

»Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.


Himmel über »tom Roden«
Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 
Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.

Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.

Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.

Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.«

Auf dem Siegel sehen wir Jesus neben einem Baum. Dargestellt ist eine der - meiner Meinung nach -  wichtigsten Textstellen des Neuen Testaments. Eben noch hat Maria Magdalena Jesus für den Gärtner gehalten. Jesus aber gibt sich jetzt zu erkennen. Um als Apostel anerkannt zu werden, muss ein Mensch die Auferstehung Jesu vom Tode bekunden können und von Jesus einen Auftrag erhalten. Nach  dem nach Johannes benannten Evangelium war es Maria Magdalena, die den Jüngern im Auftrag Jesu mitteilt, dass er gen Himmel auffahren wird. Demnach war Maria Magdalena die Apostelin der Apostel!

Jesus und Maria Magdalena auf dem Siegel...Zeichnung Langbein

Unter der Jesus-Maria-Magdalena-Szene kniet ein Mensch, vermutlich soll Propst Heinrich von Spiegel zum Desenberg dargestellt werden, der Jesus und Maria Magdalena seine unterwürfige Referenz erweist. Ganz offensichtlich genoss Maria Magdalena im Kloster »tom Roden« höchste Verehrung.

Stundenlang bin ich in der Klosterruine von »tom Roden« umhergegangen, habe fotografiert. Ich bin in die Reste des Kanals gekrochen, habe das Mauerwerk der alten Fußbodenheizung untersucht. Wichtiger aber als technische Errungenschaften der Mönche von »tom Roden« scheint mir die altehrwürdige Ruine als Symbol für den Glauben zu sein.

»tom Roden« als Symbol...

Da ragen Mauerteile aus dem Boden, da klaffen Lücken. Genauso bruchstückhaft erscheint mir unser wirkliches Wissen in Sachen Ursprünge des Glaubens. Was wissen wir wirklich? Was ist uns über die Bedeutung von Maria Magdalena für den christlichen Glauben bekannt, die auch heute noch heruntergespielt wird?

Günter Weber, er war als Direktor des »Katechetischen Instituts Aachen« mit der Ausbildung und Weiterbildung von Religionslehrerinnen und Religionslehrern beauftragt, fordert (5): »Alles Lebendige muss immer wieder seine alte Gestalt hinter sich lassen, um in neuer Gestalt weiterleben zu können. Sonst bleibt es nicht lebendig. Dem Glauben geht es nicht anders.«
    

Manchmal muss aber der Glaube Verfälschungen ablegen und zu seiner alten, ursprünglichen Form zurückfinden. Im konkreten Fall ist es unbedingt erforderlich, dass Maria Magdalena im Christentum als Apostelin der Apostel anerkannt wird.

Der große Augustinus nannte Maria Magdalena »Apostelin der Apostel« und unterstreicht so ihre besondere Rolle für das Christentum. Mit Maria Magdalena könnte die über fast zwei Jahrtausende verdrängte weibliche Seite des Christentums den christlichen Glauben endlich wieder vollständig werden lassen. Wird zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends endlich entdeckt, dass Maria Magdalena eine Schwester der modernen Frau von heute war, selbstständig, selbstbewusst und aktiv?

Fußnoten

Loderte hier das Feuer für die Heizung?
1) Siehe hierzu auch… Stephan, H.G.: »Archäologische Studien zur Wüstungsforschung im südlichen Weserbergland. Münstersche Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte«, Hildesheim 1978
2) »Höxtersches Jahrbuch«, »Band VI/ 1981«, herausgegeben vom »Heimat- und Verkehrsverein der Stadt Höxter e.V.«, Höxter 1981, S.4
3) ebenda, S. 24
4) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 20, Verse 11 bis 18
5) Weber, Günter: » Ich glaube, ich zweifle«, Zürich, Düsseldorf 1996, Rückseite

Zu den Fotos:

Theologe und Arzt Paullini - zeitgenössisches Porträt. Gemeinfrei 

Jesus und Maria Magdalena auf dem Siegel: Meine Zeichnung zeigt nur den oberen Teil des Siegels, es fehlt die kniende Gestalt unter der Jesus-Maria-Magdalena-Szene

ALLE ÜBRIGEN FOTOS: Walter-Jörg Langbein



302 »Maria Magdalena, Räuber und Widukind II«,
Teil 302 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.11.2015



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 18. Oktober 2015

300 »Alles vorbei, tom Roden….«

300 »Alles vorbei, tom Roden….«
Teil 300 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Kloster Corvey...
Sommerzeit… Die Post streikt, Berge von Briefen und Paketen stapeln sich in Verteilzentren! Von Tag zu Tag, so scheint mir, schwinden die Sympathien für die Gewerkschaft ver.di. Aber Busse fahren zum Glück. Nach nicht ganz einer Stunde Fahrzeit, einmal Umsteigen inklusive, bin ich am Bahnhof von Höxter an der Weser angekommen. Nach einigen regnerisch-kühlen Tagen ist es jetzt sommerlich heiß. Natürlich liegt das jetzt an der globalen Erderwärmung. Ein Passant mit einer Jacke, die an die Kluft der Briefzusteller erinnert, eilt Richtung Innenstadt. Wütend beschimpft ihn ein älterer Herr als »Streikbrecher«. Eine Frau fordert den verblüfft Dreinblickenden auf, »endlich wieder Briefe auszutragen«. Schließlich begreift er, bleibt stehen und ruft: »Ich bin doch gar kein Postler!«

Ich frage einen Busfahrer, wie ich wohl vom Bahnhof zur Klosterruine »tom Roden« komme. Der Mann ist sehr hilfsbereit. Er zeigt mir einen Bus, der mich direkt zum »Kloster Corvey« bringt. Freundlich belehrt er mich: »Das frühere Kloster Corvey ist aber heute Schloss Corvey! Kloster Corvey gibt es, streng genommen, gar nicht mehr. Eine Ruine ist das aber nicht. So eine Klosterruine gibt es gar nicht!« Kollegen des Busfahrers schütteln nur die Köpfe, verweisen mich an den Taxistand. Man rät mir zum Taxi. »Vom Kloster Corvey kommen Sie nicht weiter, jedenfalls nicht mit dem Bus! Und zu Fuß… bei der Hitze…«

Am Taxistand hat noch nie jemand von einer »Klosterruine ›tom Roden‹« gehört. Dabei trennen laut meinen Unterlagen nur wenige hundert Meter das »Schloss Corvey« von der ominösen  »Klosterruine tom Roden«. Eine freundliche Taxifahrerin ist offensichtlich auch an meinem Ziel interessiert. Also fahren wir erst einmal zum »Schloss Corvey«… und entdecken nach einigem Suchen tatsächlich ein nicht übermäßig großes Hinweisschild »Klosterruine«.

»Maria Magdalena«- Kirche im Zentrum

Ich suche per iPad in der Welt des Internet nach »Klosterruine tom Roden« und finde eine Adresse: »Zur Lüre - 37671 Höxter«. »Zur Lüre« ist meiner tüchtigen Taxifahrerin wohlbekannt. Nur von einer »Klosterruine« daselbst weiß sie nichts. Wir erreichen »Zur Lüre« schon nach wenigen Minuten, landen in einem weniger idyllischen als prosaisch-praktischen Industriegebiet. In einer Werkstatt erkundigen wir uns… man weist uns den Weg. Wir sind schon fast am Ziel. Das letzte Stück Wegs ist eine schmale staubige Straße, deutlich besser als so mancher Feldweg in den Hochanden Perus oder Südindiens.

Endlich bin ich am Ziel… Mauerwerk… Brunnen… ein Altar… eine Hecke. »Meine« Taxifahrerin verspricht, mich um 14 Uhr wieder abzuholen. Das »Areal« der Klosterruine ist überschaubar. In einiger Distanz ist ein schmuckes Kirchlein zu erkennen… Ich vermute, es handelt sich um die Pfarrkirche »St. Johannes Baptist« von Lüchtringen. Ich aber konzentriere mich auf die »Klosterruine tom Roden«.

Das Altarkreuz von »tom Roden«

Der Name »tom Roden« lässt darauf schließen, dass Land gerodet werden musste, um das Kloster zu bauen. Wann aber wurde »tom Roden« gegründet? Wir wissen es nicht genau. Die bislang älteste Urkunde, die einen Hinweis auf das Kloster enthält, stammt aus dem Jahr 1184.  »tom Roden« fungiert in dem Dokument natürlich unter dem lateinischen Namen »ad Novale«. Ausdrücklich wird auf die Kirche »ecclesia S. Mariae Magdalenae« hingewiesen, deren Grundriss heute noch sehr gut zu erkennen ist. 1244 wird »Dethmar von tom Roden« als Propst des Klosters erwähnt. Damals mag »tom Roden« bereits Teil eines Pilgerwegs gewesen sein.  Am 22. Juli 1284 jedenfalls feierten die Kanoniker von Nienkerken das Fest der Maria Magdalena in »tom Roden«.

Ziel für Pilger am Tag der Maria Magdalena...

Die Kirche »Nienkerken«, hochdeutsch »Neukirchen«, war 863 in der Nähe von Höxter vom Kloster Corvey aus gebaut worden. Ob damals schon »tom Roden« existierte? Unbestreitbar ist, dass das Kloster Corvey lange vor dem »tom Roden« entstand. Der Propst von »tom Roden« gehörte immer auch dem Konvent von Corvey an, wurde aus den Reihen der Mönche von Corvey gewählt und war dem Abt von Corvey gegenüber zum Gehorsam verpflichtet.

Im Frühjahr 1975 wurden in der Corveyer Abteikirche archäologische Ausgrabungen durchgeführt. Nun waren beim Pflügen im Bereich »zur Lüre« Mauerreste zutage getreten. Davon hörten die Wissenschaftler, die in der Abteikirche in Höxter intensiv nach ältesten Spuren suchten. Sie schickten einige Grabungshelfer, ausgestattet mit Hacken, los, die dann tatsächlich eine sensationelle Entdeckung machten… Nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche schlummerten zum Teil recht gut erhaltene Fundamente des verschwundenen Klosters von »tom Roden«…. mitten unter einem Getreidefeld.

Im Sommer 1976 wurde gezielt und intensiv gegraben. Unter Steinschutt stieß man auf Fundamente eines langgestreckten Gebäudes mit »mehrfacher Raumunterteilung«. 1977 kam es zu einer zweiten, noch intensiveren Grabungskampagne. Das zu untersuchende Areal war recht groß, so dass ein Bagger zum Einsatz kam. Nach und nach wurde klar, dass man den gut erhaltenen Grundriss einer vollständigen Klosteranlage entdeckt hatte, keine tausend Meter von Kloster Corvey entfernt.

Grundriss von »tom Roden«.

Mich interessiert besonders die Kirche, die der Maria Magdalena (im Grundriss durch gelbe Pfeile markiert!) geweiht war. 1977 hat man den Grundriss des Gotteshauses  mit großer Sorgfalt herausgearbeitet. Das Gebäude muss recht eindrucksvoll gewesen sein: eine dreischiffige Basilika von 34 Meter Länge und 12,60 Meter Breite.

Bevor ich mit dem intensiven Fotografieren beginne, schreite ich das Areal ab. Ich stehe vor dem steinernen Halbrund der Apsis im Osten. Ich blicke gen Westen. Eine Schranke trennte einst das Gotteshaus in den Gemeinderaum und den Mönchschor. Vor der Schranke zum Gemeinderaum stand einst ein Altar, dessen Fundament zum Teil noch freigelegt werden konnte.

Im Gemeinderaum gab es – anders als in heutigen Gotteshäusern – keine Sitzbänke für die Gottesdienstbesucher. Steinerne Bankette (nicht zu verwechseln mit festlichen Essen!) entlang der Außenwände, so entnehme ich den Ausgrabungsberichten, dienten als Sitzgelegenheiten.

Die Fundamente von »tom Roden« überstanden die Zerstörungswut...

1327 kam es zu heftigen Kämpfen zwischen Höxter und Corvey. Auszubaden hatte den Konflikt vor allem Kloster »tom Roden«, es wurde zerstört… und wieder aufgebaut. Belegt ist urkundlich, dass anno 1422 der Kirche »Maria Magdalena« von »tom Roden« einen neuen Altar erhielt, zu Ehren der »Maria Solitaria«, der »Maria in der Einsamkeit«. 1456 wiederum wurde »tom Roden« geplündert.

Der letzte Propst von »tom Roden« – Johann von der Lippe – verließ das Kloster 1501. Er zog nach Höxter. Damit war das nahe Ende des Klosters absehbar. Wir wissen, wann es endgültig aufgegeben wurde, nämlich anno 1538. In jenem Jahr verwaiste der sakrale Komplex. Die letzten Mönche packten ihre Habseligkeiten. Natürlich nahmen sie alles von Wert mit. Sie bauten auch den Fußboden aus und schleppten das Material weg, vermutlich nach Höxter.

Damals stürzte wohl auch die Decke der Kirche ein, warum auch immer. Mag sein, dass sie durch Blitzschlag in Brand geriet, mag sein, dass »kriegerische Einwirkung« zur Katastrophe führte. Ohne Dach war die Ruine den Einflüssen von Wind und Wetter ausgesetzt. Die Mauern brachen zusammen, die Trümmer dienten als Steinbruch. So dürfte das einstige stolze Gotteshaus nach und nach bis auf die Grundmauern abgetragen worden sein. Das gilt auch für die zur Kirche der Maria Magdalena gehörenden Klostergebäude.

1618 bis 1648 tobte der »Dreißigjährige Krieg«. Höxter und Corvey benötigten erhebliche Mengen an Baumaterial, um Häuser, das Kloster Corvey wieder neu aufzubauen. Da diente die Ruine von »tom Roden« als »Steinbruch«. Trotzdem soll es gegen Ende des 17. Jahrhunderts »tom Roden« noch als Ruine gegeben haben. Auch die verbleibenden Mauern wurden nach und nach abgetragen. Wo einst das Kloster stand, wurden Felder angelegt. »Tom Roden« verschwand aus dem Bewusstsein der Menschen. Der Standort des einst altehrwürdigen Klosters geriet in Vergessenheit.

Hinweis auf Walfahrt zu Maria Magdalena

Zwei Gräber im Gemeinderaum der Kirche wurden bei den Ausgrabungen gefunden. Wurden hier einst die heute nicht mehr bekannten Stifter des Klosters »tom Roden« beigesetzt? Ließen die beiden Unbekannten einst »tom Roden« bauen? Und haben  sie den Komplex dem Kloster von Corvey zum Geschenk gemacht? Vielleicht geschah dies nicht ganz uneigennützig?  Wurde, als Gegenleistung für die großzügige Gabe,  regelmäßig an den Gräbern der beiden Stifter gebetet? Wollten sie auf diese Weise erreichen, dass man ihrer gedachte und durch Fürbitten  etwas für ihr ewiges Seelenheil tat? Es mag sogar vertraglich genau vereinbart worden sein, wann und wie oft der Stifter wie gedacht werden musste.

Im zwölften Jahrhundert war die finanzielle Seite von Kloster Corvey nicht gerade eine rosige. Grabungsbefunde deuten aber darauf hin, dass »tom Roden« just in jener Zeit gebaut wurde. Ein Säulenkapitell aus dem zwölften Jahrhundert wurde im Klosterbereich ausgegraben… aus der Entstehungszeit der Anlage? Oder lag die Gründungszeit noch weiter zurück? Seine Glanzzeit erlebte das Kloster vermutlich im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert.  Im fünfzehnten Jahrhundert war das Kloster wohl noch bewohnt, das lassen Keramikfunde  vermuten, die am Boden von zwei Brunnen geborgen wurden. Zerbrochenes Geschirr wurde ja oft in alten Brunnenschächten entsorgt. Heute werden beide Brunnen von »zivilisierten« Besuchern gern und ausgiebig als große Abfalleimer missbraucht. Unrat wird hineingeworfen, was auch nicht durch Anbringung von eisernen Gittern verhindert werden kann. Diese Missachtung eines altehrwürdigen sakralen Areals wirft ein beschämendes Licht auf heutige Besucher.


Fundamente wurden zur Verdeutlichung aufgemauert...

Zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends wird gern postuliert, dass der Islam zu Deutschland gehört. Vor allem aber gehört das Christentum zu Deutschland. Unsere Wurzeln sind, auch wenn das manche befremden mag, christlich. Wir sollten wirklich einmal darüber nachdenken, wie wir mit unserem eigenen historischen Erbe umgehen…. Ich glaube, da ist ein Umdenken dringend erforderlich! Respekt vor fremden Kulturen sollte eine Selbstverständlichkeit sein und wird auch von Politikern lautstark eingefordert. Respekt vor der eigenen Kultur wird allerdings von manchen Zeitgenossen herablassend belächelt, die so gern das hässliche Wortgebilde »multikulti« im Munde führen.

Zu den Fotos: Alle Fotos Walter-Jörg Langbein


301 »Apostelin der Apostel«,
Teil 301 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.10.2015

 
Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 23. August 2015

292 »Mariae Himmelfahrt – Teil 2«

292 »Mariae Himmelfahrt – Teil 2«
Teil 292 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Belagerung von Konstantinopel
Konstantinopel. Jeden Freitag erlebten die Christen in der Kirche »Sankt Maria von Blachernae« im Nordwesten Konstantinopels ein »Wunder«. Jeden Freitag versammelten sich die Gläubigen in stiller Andacht nach Sonnenuntergang. Ein Vorhang wurde – wie von Geisterhand – angehoben und gab den Blick auf eine altehrwürdige Ikone der Muttergottes frei. Im Halbdunkel schien das Bildnis lebendig zu werden. Die Ikone, auf Holz gemalt und mit Gold und Silber bekleidet, ließ die Menschen staunen…. im 11. Jahrhundert, also vor rund einem Jahrtausend.

Ein Jahrtausend später haben viele Menschen das Staunen verlernt. Viele Zeitgenossen haben im »christlichen Abendland« die Ehrfurcht vor altehrwürdigen Zeugnissen der Frömmigkeit verloren. Und Fanatiker, die sich auf Allah und den Koran berufen, zerstören – zum Beispiel in Timbuktu, Mali, unersetzbares Weltkulturerbe.

Wir werden zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends mit einer Flut von Bildern überschwemmt. Wir sind unzähligen Fernsehbildern ausgesetzt, die Stille in uralten Gotteshäusern ist, so scheint es, für viele unerträglich geworden. Im Zuge von »Multikulti« laufen wir Gefahr, unsere kulturelle Eigenständigkeit zu verlieren. Ich persönlich schätze das Schlagwort »Multikulti« überhaupt nicht. Es klingt für meinen Geschmack zu respektlos gegenüber den Wurzeln der Völker, nach banalem Mischmasch.

Foto 2: »Mariens Himmelfahrt«
In »Sankt Jakobus«, der kleinen Wehrkirche von Urschalling am Chiemsee, versucht  eine uralte Fresken-Malerei aus dem 14. Jahrhundert eine geheimnisvolle Geschichte zu erzählen.

Obgleich die unbekannten Künstler Pergament P. Vindob K 7.589 (»Transitus Mariae«) nicht gekannt haben können, erzählt ihre Malerei doch die gleiche Geschichte von Marias Tod und Aufnahme in den Himmel. Jahrhunderte lang war das Bild unter Putz und dicken Tüncheschichten verborgen.

Schon 1808 wurde festgestellt, dass sich einst an den Wänden flächendeckende Malereien befanden. Anno 1927 soll eine gelangweilte Gottesdienstbesucherin zum Zeitvertreib Putz gelöst haben. Farben kamen zum Vorschein und man begann mit der Freilegung einiger Fresken, erst zögerlich, dann mit wachsendem Eifer. Voller Spannung wartete man, was wohl noch alles zutage treten würde.

1941 und 1942 wurden schließlich die Ausmalungen freigelegt. Leider waren die Bildnisse nun schutzlos Algen und Schimmel ausgesetzt, so dass die altehrwürdigen Kunstwerke Ende der 1960-er Jahre aufwändig saniert werden mussten.

Einst war das altehrwürdige Gotteshaus, ehemals Burgkapelle der Falkensteiner, großflächig als »Biblia Pauperum« gestaltet, als Bibel für Arme, die des Lesens unkundig waren. Aber konnte man die kostbaren Malereien einst wie ein Buch lesen und verstehen? Ein greiser Küster öffnete mir »Sankt Jakobi«? Aus dem grellen Tageslicht eines strahlenden weißblauen Nachmittags trat ich in eine mysteriöse Bilderwelt, wie ich sie in ähnlicher Form in altehrwürdigen Darstellungen in Kirchen von Konstantinopel gesehen habe.

Foto 3: Betender Jesus

Schon nach kurzer Zeit übersehe ich die diversen Beschädigungen, die man bei der letzten Restaurierung nicht ausgebessert hat. Man hat darauf verzichtet, die Leerstellen wieder herzustellen. Ziel der Restaurierung war es, Originale wieder sichtbar werden zu lassen. Ausfüllung der zerstörten Stellen wären möglich gewesen, dann aber wären die Malereien nicht mehr authentisch.

Foto 4: Sündenfall Adam und Evas

Stunden durfte ich in der Kirche verbringen. Viele der Darstellungen waren mir vertraut… vom »Sündenfall von Adam und Eva« (beschädigt!) bis hin zur Kreuzabnahme Jesu, vom betenden Jesus im Garten Gethsemane über seinen Einzug in Jerusalem auf einem Esel reitend bis zur Befreiung der Seelen aus dem Höllenschlund. Besonders beeindruckt hat mich aber ein Kunstwerk, das in einem Bild eine ganze Geschichte erzählt, vom Tod Marias bis hin zur Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel. Leider weist auch dieses christliche Kunstwerk Leerstellen auf. Ich frage mich, ob manche Bilder bewusst zerstört wurden. Es kommt mir so vor, als seien da und dort ganz gezielt Darstellungen von Gesichtern abgekratzt worden.

Übrigens: Im Byzanz des achten und neunten Jahrhunderts wurde heiß und heftig diskutiert, ob man das Göttliche überhaupt bildlich darstellen darf. Schon vor mehr als 1200 Jahren standen sich Bilderverehrer und Bilderzerstörer im byzantinischen Kulturkreis gegenüber. 721 oder 722 n.Chr. erließ der Umayyadenkalif Yazid ibn ‚Abd al-Malik ein Edikt über die Vernichtung von Bildern in christlichen Kirchen auf seinem Staatsgebiet. Es ist ein Segen, dass sich die Ikonoklasten (Bilderzerstörer) damals nicht durchsetzen konnten.

Foto 5: Maria schläft im Stall von Bethlehem.

Aus heutiger Sicht unverzeihlich war die Zerstörungswut von Eiferern im 16 Jahrhundert. Luther nahestehende Theologen ließen Darstellungen Jesu und von Heiligen aus Kirchen entfernen. Darstellungen von Maria und Josef (Dom zu Bremen!) wollten besonders strenge Eiferer nicht dulden. Leider wurden von diesen fanatischen Bilderstürmern vor rund einem halben Jahrtausend wertvolle Kunstwerke zerstört. Zum Glück erwiesen sich manche der Luther Anhänger als geschäftstüchtig. So wurden religiöse Bildwerke aus so manchem Gotteshaus entfernt, aber nicht zerstört, sondern verkauft… und blieben so erhalten. 

Leider wollen heute fundamentalistische Anhänger eines »Gottesstaates – ein halbes Jahrtausend nach den christlichen Bilderhassern – vermeintliche »Götzenbilder« uralter Kulturen zerstören. Zwei Beispiele aus unseren Tagen: Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat im Norden des Iraks einzigartige Kulturgüter aus altorientalischer Zeit zerstört. Dem religiösen Fanatismus fiel zum Beispiel eine assyrische Türhüterfigur, die mehr als 2600 Jahre alt war, zum Opfer. Mit einem Presslufthammer wurde die Statue zerstückelt. Im Museum der Stadt Mossul wurden antike Bildwerke systematisch zerschlagen. Laut Pressemeldungen handelte es sich um unersetzliche Originale.
  
Doch zurück zum eigentlichen Thema, zur »Himmelfahrt Mariae«, wie die Aufnahme der Gottesmutter gern genannt wird. Die Darstellung in der St. Jakobus Kirche zu Urschalling hat mich besonders beeindruckt. Unten sehen wir die entschlafene Maria. Die Weggefährten Jesu nehmen Abschied von der Gottesmutter.

Foto 6: Maria Magdalena? (Pfeil!)

Vier bärtige Gesichter sind zu erkennen, ein fünftes ist bartlos. Es wird zum Teil von der Hand eines Jüngers, der zum Himmel deutet, verdeckt. Ich kann mir nicht helfen, aber das Gesicht wirkt feminin. Sollte es Maria Magdalena sein, die da um Jesu‘ Mutter trauert?

Ob einst alle Apostel Jesu zu sehen waren? Wir wissen nicht, wie das Gemälde einst aussah, bevor wesentliche Teile zerstört wurden…. Zu erkennen ist Maria, die auch – wie alle Jünger – einen Heiligenschein trägt. Sie ruht auf einer »Bahre«, die mich aber eher an einen steinernen Sarkophag erinnert. Einer der Jünger, zur Rechten der Maria Magdalena stehend, weist mit dem Zeigefinger nach oben. Wir folgen diesem Hinweis und wandern mit dem Blick nach oben, so wie die beiden Jünger in der oberen Reihe auch nach oben schauen. Dort sehen wir Jesus, in königlichem Gewand, mit Krone auf dem Haupt und goldenem Zepter  in der linken Hand.

Foto 7: Jesus dominiert das Szenario.

Jesus, der König, dominiert das Szenario. Einst erstrahlte wohl gerade der himmlische König Jesus leuchtend rot im Sonnenschein, der durch ein strategisch geschickt abgebrachtes Fenster fiel. Das Fenster allerdings wurde zugemauert. Jesus scheint »im Himmel« überseinen Jüngern und seiner toten Mutter zu schweben. Seine Körperhaltung deutet darauf hin, dass er auf einem Thron sitzt. Auf Jesu Schoß sitzt, an Jesu rechte Schulter gelehnt, ein junges Mädchen. Das Kind trägt – wie Jesus – eine Krone. Dargestellt wird auf diese Weise, wie Jesus die Seele seiner verstorbenen Mutter in den Himmel trägt.

Foto 8: Engel begrüßen Maria und Jesus

Im Himmel, ganz oben im Bild, warten Engel auf Jesus und die gekrönte Himmelskönigin. Mächtige Flügel schmücken die Himmelsboten, von denen einer zur Begrüßung eine lange Posaune bläst.

Fotos 9 und 10: Blick in die Kirche. Rechts: Byzantinischer Jesus?

Welcher Meister dieses ausdrucksstarke Bild schuf? Wir wissen es nicht. Blickt man Richtung Altar, so sieht man hoch oben in der Apsis Jesus als Weltenherrscher, umgeben von einer Mandorla, einer mandelförmigen Aura und den Symbolen der vier Evangelisten. Kein Zweifel: Diese und andere Darstellungen könnten einige Jahrhunderte vor den Werken in St. Jakobus von byzantinischen Künstlern in einer Kirche wie der Hagia Sofia in Istanbul geschaffen worden sein. Sollte der unbekannte Künstler also byzantinische Vorbilder gesehen haben? Oder stammte er gar aus dem byzantinischen Kulturkreis?

Auch und gerade die Darstellung von Mariens Aufnahme in den Himmel deutet auf frühe byzantinische Vorbilder hin. Die ältesten Darstellungen der sterbenden Gottesmutter finden sich in der byzantinischen Ikonographie. Führt uns die Kunst in der St. Jakobi Kirche zu Urschalling in das geheimnisvolle Byzanz? Verstehen wir wirklich, was die Malereien im Gotteshaus bezeugen sollen? Oder verstehen wir nur, was wir schon zu wissen glauben?


Literatur

Fenzl, Fritz: »Orte der Liebe in Bayern«, München 2006
»National Geographic Special«: »Das Mittelalter«, Heft 1/ 2015
Schipflinger, Thomas: Sophia-Maria/ Eine ganzheitliche Vision der
     Schöpfung, Schalksmühle, Neuauflage 2007
»Spiegel Geschichte«: »Byzanz«, Nr. 1/ 2014

Weiterführende Literatur (geht über die Themen obiger Serienfolge hinaus!):

Benko, Stephen: »Protestanten, Katholiken und Maria«, Hamburg 1972
Foto 11: Cover Hesemann

Buchholz, Marlies: »Anna selbdritt/ Bilder einer wirkungsmächtigen Heiligen«,    
     Königstein 2005
Debus, Michael: »Maria-Sophia/ Das Element des Weiblichen im Werden der
     Menschheit«, Stuttgart 2000
Derungs, Kurt: »Magische Stätten der Heilkraft/ Marienorte mythologisch neu
     entdeckt/ Quellen, Steine, Bäume, Pflanzen«, Grenchen 2006
Hesemann, Michael: »Maria von Nazareth/ Geschichte, Archäologie,
     Legenden«, Augsburg 2011
Hierzenberger, Gottfried und Nedomansky, Otto: »Erscheinungen und
     Botschaften der Gottesmutter Maria/ Vollständige Dokumentation durch
     zwei Jahrtausende«, Augsburg 1993

Foto 12: Cover Linsbauer
Linsbauer, Helga Marie: »Marienlegenden/ Zeugnisse der Marienverehrung
     aus vielen Jahrhunderten«/ Titel innen: »Marienlegenden/ Erzählungen von
     den Wundertaten der Gottesmutter aus 13 Jahrhunderten«, Augsburg 1989

McClure, Kevin: »The Evidence for Visions of the Virgin Mary«, 2. Auflage,
     Wellingborough 1984

Mulack, Christa: »Jesus, der Gesalbte der Frauen/ Weiblichkeit als Grundlage
     christlicher Ethik«, Stuttgart 1987

Mullen, Peter: »Shrines of our lady/ A guide to fifty of the most famous Marian
     shrines«, London 1998



Foto 13: Cover Widauer
Oberröder, Wolfgang: »Die Mutter der Gnade/ Mariengebete und Gebetsführer
     zu Stätten der Marienverehrung«, Donauwörth 2004

Schmidt, Heinrich und Margarete: »Die vergessene Bildersprache christlicher
     Kunst«, München 1981 (Dritter Teil: Mariendarstellungen, S. 195-256)

Swann, Ingo: »The Great Apparitions of Mary/ An Examination of twentytwo
     supranormal appearances, New York 1996

Widauer, Simone: »Marienpflanzen/ Der geheimnisvolle Garten Marias in
     Symbolik, Heilkunde und Kunst«, Baden und München 2009

Zu den Fotos:

Foto 1: Belagerung von Konstantinopel. Gemälde, 1499, gemeinfrei
Foto 2: »Mariens Himmelfahrt«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Betender Jesus (im Garten Gethsemane). Man beachte die Beschädigung!
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Sündenfall Adam und Evas. Man beachte die starken Beschädigungen.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Maria schläft im Stall von Bethlehem. Dom zu Bremen!
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Maria Magdalena? (Pfeil!) Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Jesus dominiert das Szenario. Dieser  Teil des Gemäldes ist so gut wie unbeschädigt.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Engel begrüßen Maria und Jesus. Unbeschädigtes Teilstück. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Blick in die Kirche. Rechts: Byzantinischer Jesus?
     Foto 9 (links): Blick in die Kirche. Foto Walter-Jörg Langbein
     Foto 10 (rechts): Byzantinischer Jesus. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Cover Hesemann. Foto Verlag
Foto 12: Cover Linsbauer. Foto Verlag
Foto 13: Cover Widauer. Foto Verlag


293 »Maria und Jesus am Seil/
Mariae Himmelfahrt – Teil 3«
Teil 293 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 30.08.2015


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)