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Sonntag, 29. November 2015

306 »Das Medaillon und eine Göttin«

Teil 306 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Geboren« vor 100 Millionen Jahren...

Vor 150 Millionen Jahren: Wo heute der Hermann aus Metall sein Schwert gen Himmel reckt… wogt ein Meer. Am Grund sammeln sich seit Ewigkeiten Sedimente ab, die sich langsam verdichten. Im Raum Horn-Detmold verläuft ungefähr die Küste…. vor 150 Millionen Jahren.

Vor 100 Millionen Jahren haben sich die Ablagerungen in Sandstein verwandelt. Fachbezeichnung heute: Osningsandstein, »Geburtszeit« Erdzeitalter der Unterkeide. Die sandigen Ablagerungen deuten auf Küstennähe hin.

Vor 70 Millionen Jahren: Durch Bewegungen der Erdkruste wird der ursprünglich flach am Boden liegende Sandstein von der Horizontalen in die Senkrechte geschoben. Gewaltige tektonische Kräfte sind am Werk.  Der Sandstein wird nicht nur aufgestellt, das Gestein wird auch gebrochen und zerklüftet.

Foto 2: Drachenszene...  Foto 3: Drachenkopf

Vor 70 Millionen Jahren werden die nun senkrecht stehenden Steinmassen durch Wasser und Wind freigelegt. Die Externsteine entstehen, die Kräfte der Natur formen sie zu Steinsäulen.  Sie ragen bis zu vierzig Meter hoch aus dem Untergrund. Wasser dringt in die Steine ein, gefriert im Winter, sprengt mit Urgewalt Steinpartien unterschiedlicher Größe ab.

So entsteht vor rund 70 000 000 Jahren das bizarre Felsgebilde, das heute Millionen von Touristen anlockt…. Die Externsteine. So formen Naturgewalten ein steinernes Denkmal, das seit Jahrtausenden Menschen anlockt.

Vor rund 13 000 Jahren sind die Externsteine Ziel von Jägern und Sammlern. Sie benutzen den Bogen als Jagdwaffe und primitives Werkzeug aus Feuerstein. Ihre Steingeräte werden im 20. Jahrhundert bei Ausgrabungen bei den Externsteinen entdeckt. Feste Behausungen kennen diese Menschen der Ahrensburger Kultur noch nicht. Sie nutzen natürliche »Überdachungen« –  Felsüberhänge – als Wetterschutz. So finden sie bei den Externsteinen Unterschlupf, eine gewisse Sicherheit vor Unwettern. Zu fragen ist: Waren die Externsteine für die Steinzeitmenschen auch so etwas wie ein »Heiligtum«? Gab es vor 13 000 Jahren schon so etwas wie natürliche Höhlen in den Externsteinen, die später – wann? – zu einem Kammersystem erweitert wurden? Umstritten ist bis heute, wann diese Kammern genutzt wurden.

Fotos 4 und 5: Das Kammersystem im Externstein...

Wann wurden erstmals in der Kuppelkammer – in der Skizze gelb markiert – Feuer entfacht und warum? Geschah dies im 1. Jahrtausend vor Christus oder später? Wurden Tote verbrannt? Oder hatten die ersten Feuer profanere Zwecke? Brachte man den Stein durch massive Befeuerung förmlich zum »Glühen«, um ihn dann mit Wasser abzuschrecken? Erweiterte man auf diese Weise die Kuppelgrotte? Durch den Kälteschock platzt heißes Gestein ab…

Welchem Zweck diente das »Blutloch« –  in der Skizze rot markiert? Diente es der Luftzufuhr für die Feuer in der Kuppelkammer? Entstand das mysteriöse Relief des »Wächters« – 2 im Skizzenplan – in vorchristlichen Zeiten oder erst später? Hatte das rätselhafte »Kreuzabnahmerelief« – 4 im Skizzenplan – einen vorchristlichen Vorläufer, der umgearbeitet wurde?

Foto 6: Das Kreuzabnahmerelief mit Autor Langbein

Unbestreitbar aber sind das Kammersystem (inklusive Kuppelkammer!), das Wächterrelief und das Kreuzabnahmerelief künstlich, von Menschenhand geschaffen. Schriftliche Quellen gibt es nicht. In alten Märchen wird immer wieder eine Verbindung zwischen Externsteinen und dem Teufel hergestellt. Meiner Überzeugung nach ist das ein deutlicher Hinweis auf heidnisches Brauchtum, das von christlichen Missionaren »verteufelt« wurde.

Heidnischen Ursprungs ist auch ganz ohne Zweifel das Medaillon, das vor 1822 an einem der Externsteine gefunden wurde. Es zeigt eine weibliche Gestalt, die fast vollkommen von einer sehr schmalen Mondsichel eingerahmt wird. Am Kopf trägt sie eine weitere, kleine Sichel. Die Frau – Göttin oder Priesterin – zeigt ihre geöffneten Hände. Betet sie? Segnet sie? Die kleine  Mondsichel am Kopf könnte auf die Venus hindeuten. Mond… Venus… Göttin oder Priesterin auf einem Medaillon… deutlicher können Hinweise auf einen vorchristlichen Kult kaum ausfallen! Die kleine Venussichel befindet sich hinter dem Haupt der mysteriösen weiblichen Gestalt. Es handelt sich also auf keinen Fall um auf dem Haupt sitzende Hörner!

Fotos 7, 8 und 9: Das Medaillon mit der »Göttin«

Leider konnte ich zum geheimnisvollen Bildnis nichts Näheres in Erfahrung bringen, außer dass es vor 1822 an einem der Externsteine gefunden wurde. Das Medaillon wird auch als »Kupferplakette« bezeichnet. Aus christlicher Sicht könnte man das Medaillon als Anspielung auf die Offenbarung des Johannes (1) verstehen.

In der »Elberfelder« Übersetzung lesen wir: »Und ein großes Zeichen erschien im Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, und der Mond war unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.« Die »Neue Genfer Übersetzung« formuliert leicht abgewandelt: »Nun war am Himmel etwas Außergewöhnliches und Bedeutungsvolles zu sehen: eine Frau, die mit der Sonne bekleidet war; unter ihren Füßen war der Mond, und auf dem Kopf trug sie eine Krone aus zwölf Sternen.«

Die »Frau« ist auf dem Medaillon ebenso zu sehen wie »der Mond zu ihren Füßen«, Sonne und Sterne freilich sucht man vergeblich. Interessant ist, dass in der Offenbarung des Johannes auf das Erscheinen eines Drachens hingewiesen wird (2):

»Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.«

Foto 10: Mondsichel, Venus und »Göttin«

Von der Theologie wird diese Beschreibung gern auf Maria, die Gottes-Mutter, bezogen, deren Kind – Jesus – vom Teufel bedroht werden würde. Der Drache findet sich auf dem Relief der Externsteine, unter der Darstellung der »Kreuzabnahme«. Aber ist es wirklich der Drache im christlichen Sinne? Oder interpretieren wir ein heidnisches Bild um? Wir können ein Buch lesen und die Botschaft der Buchstaben, Worte und Sätze erschließen sich uns. Bilder aber bieten sehr viel Platz für Spekulationen. Bildliche Darstellungen christlicher Geschichten aus dem »Neuen Testament« verstehen wir nur, weil wir die Geschichten bereits kennen. Ohne Kenntnis der Evangelien wären die bildlichen Darstellungen unverständlich. Heidnische Bilder können also völlig falsch verstanden werden, wenn wir sie nach christlichem Verständnis interpretieren!

Fotos 11 und 12: Rücken und Beine des Drachens

Mir stellt sich immer wieder eine Frage: Betrachten wir das Medaillon und das Kreuzabnahme-Relief voreingenommen durch eine christliche Brille? Sehen wir voreilig Christliches, wo Heidnisches gezeigt wird, weil wir christliche Bilder im Kopf haben? Etwas Drachenartiges darf nach christlicher Weltsicht nur als Teufel gesehen werden. Sind wir beim Betrachten viel stärker von unseren christlichen Wurzeln beeinflusst als wir ahnen, ja als uns lieb ist?

Sollen wir Christliches erkennen, wo ursprünglich Heidnisches gemeint war? Ist die »Drachenszene« unter der »Kreuzabnahme« von einem sehr viel älteren heidnischen Bild-Relief überig geblieben?

Wurde das »Kreuzabnahme-Relief« aus einem älteren, heidnischen Bildnis erarbeitet? Wurde ein heidnisches Motiv mit Hammer und Meißel umgestaltet, retuschiert sozusagen? Unzählige Male stand ich vor dem Kreuzabnahmerelief. Je nach Sonnenstand verändern sich die Bilder. Die Konturen des »Drachenmotivs« unter dem Kreuzbild sind seltsam verschwommen. Der Drache wendet uns anscheinend seinen Rücken zu. Seine Beine und kräftigen Füße sind noch am besten zu erkennen…

Foto 13: »Mini-Hermann«

Fußnoten

(1) »Offenbarung des Johannes« Kapitel 12, Vers 1

(2) »Offenbarung des Johannes« Kapitel 12, Verse
3 und 4, zitiert nach Bibel-Ausgabe »Luther 1984«



Zu den Fotos:

Fotos 1, 2 und 3: Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Barbara Kern
Fotos 7, 8, 9 und 10: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11, 12 und 13: Walter-Jörg Langbein



307 »Nikolaus und die goldenen Äpfel«,
Teil 307 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.12.2015



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Sonntag, 8. November 2015

303 »Von der Kreuzigung zum Teufelsarsch«


Teil 303 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: See zu Füßen der Externsteine

In der Zeitschrift »Wünschelrute – Ein Zeitblatt« entdeckte ich (1) eine alte Sage. Werner von Haxthausen (* 11. Oktober 1744 im Fürstbistum Paderborn; † 23. April 1823 in Bökendorf bei Brakel) hat schriftlich festgehalten, was damals – zu Beginn des 19. Jahrhunderts –  noch von Kundigen erzählt wurde. Die »Sage vom Externsteine« verdeutlicht, dass die Externsteine noch ein heidnischer Kultort gewesen sein müssen, als das Christentum bereits weitverbreitet war. Ich darf zunächst die Sage zitieren (2):

Foto 2: Das mysteriöse Kreuzabnahmerelief der Externsteine

»Als das Kreuz Christi bey uns gepredigt wurde, so ärgerte sich der Teufel, daß er immer eine Gegend nach der andern verlor. Er hatte lange die Gegend vom Externsteine nicht besucht und hoffte immer, daß es über den Damm nicht herüber könnte. Da er aber überall flüchten mußte, so wollte er sich nun nach dem Externsteine zurückziehen.«

Mit anderen Worten: Das Christentum hatte sich schon weitestgehend durchgesetzt, da gab es an den Externsteinen noch eine »lebende« Kultstätte, deren Anhänger mit dem Teufel gleichgesetzt wurden. Im »III. Reich« zeigten die Nazis – allen voran - »Reichsführer-SS« Heinrich Himmler – großes Interesse an den Externsteinen. Sie sahen den mysteriösen Ort als »germanischen Kultort«. Archäologische Grabungen um 1933 erbrachten freilich keinerlei stichhaltigen Beweis für germanisches Urbrauchtum an den Externsteinen.

Nach dem Ende des II. Weltkriegs wurde offenbar jeder Hinweis auf vorchristliche Nutzung der Externsteine tabuisiert (3). Die Sage – 1818 zu Papier gebracht – sieht das Heidentum an den Externsteinen durch das Christentum bedroht. Sie beschreibt – in der Sprache der Sage – den Sieg des Christentums und die Niederlage des »Teufels« (also des Heidentums) (4):

Foto 3: Teufelsfratze, Externsteine
»Er (der Teufel) kam an und sah eine große Menge Menschen, die vor dem Kreuze niederfielen, das man noch an den Felsen ausgehauen sieht, und die zu der Capelle auf der Spitze des steilsten Felsen und zu dem Grabe am Abhange des vordersten Felsen eine Procession hielten.«

Die Christen pilgerten also zu den Externsteinen, sie beteten vor dem Kreuzabnahmerelief, das heute noch hunderttausende Besucher anlockt. Umstritten ist aber bis heute, ob das beeindruckende Bildnis von Anfang an ein christliches Kunstwerk war, oder ob nicht vielleicht doch ein älteres, sprich heidnisches Relief umgearbeitet wurde. In der Tat ist das untere Drittel des Reliefs sehr viel stärker verwittert. Das dargestellte Menschenpaar, von einem Lindwurm (?) umschlungen, könnte durchaus heidnische Wurzeln haben. Lesen wir weiter in der Sage (5):

»Das verdroß den Teufel. Er sah einen Priester mit einem Cruxifix von der Capelle kommen, er ergriff ein großes Felsenstück und schleuderte es nach ihm. Aber die Macht des Kreuzes gab dem Steine eine andere Richtung und er blieb auf einer Felsenspitze hängen.«

Foto 4: Der »Wackelstein« auf Felsen IV

Der »Wackelstein«, das angebliche Wurfgeschoss des Teufels, befindet sich auch heute noch in luftiger Höhe auf »Felsen IV«. Angeblich konnte ihn ein einzelner Mensch zum Schaukeln bringen, es sei aber unmöglich gewesen, ihn vom Felsen zu stürzen. Die lippische Fürstin Pauline sicherte den Koloss durch Metallklammern in den Jahren 1835 bis 1836, später wurde er noch mit Beton am Untergrund fixiert.

Folgen wir weiter der Sage (6): »Da sprach der Priester den Fluch über ihn (den Teufel) aus, und der Teufel flüchtete bey dem ausgehauenen Kreuze vorbey, an dem untersten Abhange des Berges zu dem Grabe. Hier faßt er mit seinen Krallen hinein, die noch deutlich darinn zu sehen sind, konnte es aber nicht zerstören. Da stemmte er sich gegen den großen Felsen, um ihn niederzuwerfen. Er drängte so gewaltig, daß er ein tiefes Loch in den Felsen drückte, und die Flamme schlug daran in die Höhe, wie noch deutlich zu sehen. Der Felsen blieb aber unbeweglich stehen, weil das Kreuz daran ausgehauen war. Da ging der Teufel fluchend fort und drohte, der Stein, den er zuerst gegen den Priester schleuderte, der solle noch einmal eine Bürgerfrau aus der Stadt Horn umbringen. Die Bürger aus Horn gaben sich alle Mühe, diesen Stein herunterzubringen, der ganz lose zu liegen scheint, es war ihnen aber bis jetzt unmöglich. Seit einem Jahre geht die Landstraße zwischen dem, worauf der Stein liegt, und einem andern Felsen durch.«

Foto 5: Das steinerne Grab am See der Externsteine

Das »steinerne Grab« könnte als Nachbildung des Grabes Jesu gedacht sein. Es ist möglich, dass Prozessionen vom Kreuzabnahmerelief zum Steingrab gingen. Vielleicht legten sich Gläubige auch in das Steingrab, um sich besonders intensiv in Jesu Leid und Tod einzufühlen. Oder das Steingrab  ist vorchristlichen Ursprungs? Direkt beim Steingrab stießen Archäologen auf drei Skelette. Sie waren vollständig… bis auf die Füße. Wurden hier – diese These wird auch vertreten – Druiden eingeweiht? Vollzogen sie in geheimen Ritualen den Kreislauf des Lebens… von Tod und Auferstehung? Ein »Archäologe« vor Ort erklärte mir, bei den Skeletten ohne Füße handele es sich um verstoßene Kelten. Man nahm ihnen die Füße, so die Erklärung, um sie daran zu hindern ins Jenseits, in die »Anderswelt«, zu wandern.

Foto 6: Autor Langbein meditiert im Felsengrab (Foto Inge Diekmann)

In der Mythenwelt der Kelten gab es Schwellenorte, an denen ein Übergang zur anderen Welt besteht. An diesen ganz besonders heiligen Orten ist nach Keltenglauben die Kontaktaufnahme mit der jenseitigen Welt möglich. War das Felsensteingrab also keltischen Ursprungs? Legte man sich in die mumienförmige Kuhle, um Kontakt mit den Toten aufzunehmen? Das Felsengrab liegt an einem kleinen, künstlich angelegten See. Die Kelten glaubten an Tore zur Anderswelt. Solche Übergänge gab es in ihrer Glaubenswelt zum Beispiel unter Seen. Nun liegt das Steingrab der Externsteine nur wenige Meter von einem künstlich angelegten See entfernt. In seiner heutigen Form wurde er erstmals von der lippischen Fürstin Pauline in den 1830er Jahren in Auftrag gegeben. Gab es vielleicht just an jener Stelle schon sehr viel früher einen See?

Foto 7: Felsengrab (senkrechter Pfeil), Teufelsarsch /wagrechter Pfeil)

Lassen Sie mich spekulieren: Fakt ist, dass sich unterhalb der Externsteine eine vermutlich natürliche Höhle befindet. Man sieht sie in der Regel nicht, weil ihr Eingang weitestgehend unter dem Spiegel des Sees liegt. Kombinieren wir: Wenige Meter vom Sargstein entfernt gibt es unter dem Wasserspiegel eines Sees eine Höhle. Ist es reiner Zufall, dass dieses Szenario exakt keltischen Vorstellungen entspricht? Die Höhle wäre dann die Unterwelt… oder der Eingang in die Unterwelt… unter einem See! Keltischer geht es kaum noch.

Zu dieser Höhle gibt es eine sehr interessante Sage…Die Höhle wird in der Regel beschönigend als »Teufelssloch« bezeichnet. Ihr eigentlicher Name aber lautet, deutlich derber »Teufelsarsch«. Doch lauschen wir der Sage! Die Sage erklärt, wie es zum Namen kam! Der Teufel war ob des christlichen Treibens an den Externsteinen mehr als empört. Er (7) »konnte nicht leiden, daß etwas Gutes daselbst verrichtet wurde, derowegen  hat er sich unterstanden, mit Gewalt den Stein umzustoßen. Die Alten weiseten daselbst, an welchem Ort des Steins der Teufel angefangen. Und er hat sich mit aller Macht dagegen gestemmt, hat ihn aber nicht umwerfen können. So mächtig aber hat er sich dagegen gedrängt, daß sich sein Hinterer tief in den Stein gedrückt hat, wie man noch sehen kann.«

Foto 8: Keltisch oder christlich? Kreuzabnahmerelief... unter dem Kreuz

Mit anderen Worten: Der Teufel höchstselbst wollte den Stein mit dem Kreuzabnahmerelief umwerfen. Und weil er sich mit unglaublicher Gewalt mit seinem Allerwertesten gegen den Stein presste, entstand die Höhle. Eine Vermutung liegt nahe: Die Höhle wurde in vorchristlichen Zeiten für kultische Handlungen der heidnischen Art verwendet…. der keltischen vielleicht? Für die frommen Christen jedenfalls war das böses, gegen den christlichen Glauben gerichtetes Teufelswerk! Und deshalb wurde die heidnische (keltische??) Höhle zum – pardon – »Teufelsarsch«!


Fußnoten

Foto 9: Externsteine vom See aus, etwa 1910 (Archiv W-J.Langbein)
1) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom
Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
2) ebenda!
3) Siehe hierzu…. Braun, Wolfgang: »Geheime Orte in Ostwestfalen/ Ein
     Ausflugsführer«, Berlin 2015. (Externsteine, Tour 2, Die Externsteine lassen viele
     Fragen offen, S. 42-49)
Foto 10: Der »Wackelstein«
4) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
5) ebenda
6) ebenda
7) Mundhenk, Johannes: »Forschungen zur Geschichte der Externsteine, Band II,
     Untersuchungen zur Jüngeren Geschichte der Externsteine«, Lemgo 1980, S
     127/28 (Orthographie nicht angepasst!)

Zu den Fotos
Fotos 1-5: Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Ingeborg Diekmann
Fotos 7 und 8: Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Archiv Langbein (etwa 1910)
Foto 10: Walter-Jörg Langbein 

304 »Die Externsteine und das Blutloch«,
Teil 304 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.11.2015


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Sonntag, 1. November 2015

302 »Maria Magdalena, Räuber und Widukind II«

302 »Maria Magdalena, Räuber und Widukind II«
Teil 302 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Klosterruine »tom Roden«

Wann wurde »tom Roden« gegründet und von wem? Darüber schweigen Akten und Urkunden. Selbst im Archiv des einstigen Klosters von Corvey…. nur wenige hundert Meter von »tom Roden« entfernt, gibt es keinerlei Hinweis. Warum wurde »tom Roden« ins Leben gerufen? Auch auf diese Frage finden wir in den Urkunden keine Antwort. Grundsätzlich: Klöster waren nicht nur am Seelenheil der Gläubigen interessiert, ihre Gründerväter hatten durchaus auch finanzielle Interessen.

So war es aus wirtschaftlichen Erwägungen durchaus sinnvoll, wenn zum Beispiel ein Kloster im städtischen Bereich irgendwo auf dem Lande eine »Dependance« eröffnete, um so zu zusätzlichen Einnahmen zu kommen. Nun liegt aber »tom Roden« weniger als einen Kilometer vom Kloster Corvey entfernt, wäre als »Dependance« von Corvey eher ein finanzieller Negativposten. Kurz: Nur wenige hundert Meter von einem Kloster ein zweites Kloster zu gründen, das macht keinen Sinn.

Foto 2: Hier wurde Maria Magdalena verehrt

Darf, ja muss man also annehmen, dass »tom Roden« nicht von Corvey aus gegründet wurde? Die Kirche von »tom Roden« war der Maria Magdalena geweiht. Das kann als Hinweis verstanden werden! Es könnte sich um die Stiftung eines reuigen Sünders handeln, der – um sein Seelenheil fürchtend – schwere Schuld durch eine üppige milde Gabe zumindest mindern wollte. Oder wurde jemand dazu verurteilt, das Kloster »tom Roden« zu finanzieren?

Foto 3: Hier hauste Widukind II
Nun wird vermutet, dass die Rodungen für das Kloster »tom Roden« im zwölften Jahrhundert vorgenommen wurden. Nach intensivem Quellenstudium brachte mich auf die Spur eines wirklich aussichtsreichen Kandidaten… Widukind II. von Schwalenberg! Die Schwalenburg über dem malerischen Städtchen Schwalenberg macht heute noch einen imposanten Eindruck. Nach dem Tod des letzten Grafen von Schwalenberg fehlten die Mittel, das historische Gebäude zu erhalten. So verfiel die Burg immer mehr. 

In den Jahren 1911 bis 1913 wurde sie als Sitz für die Prinzessin Friederike zur Lippe genutzt. In den Jahren nach der Weimarer Republik diente die Burg als Müttergenesungswerk und anschließend als evangelisches Kindererholungsheim.  1960 werden die Räumlichkeiten der Burg renoviert und stehen der Öffentlichkeit als einen Restaurant und Hotel zur Verfügung. Das Restaurant bietet einen wunderbaren Ausblick auf die Umgebung. Auf historischen Aufnahmen wirkt die Schwalenburg allerdings reichlich düster, erinnert an die Kulissen für eine Frankenstein-Verfilmung in Schwarzweiß aus den 1930er Jahren. Vom Frankenstein-Monster zurück zum historischen Widukind II.

Dieser Widukind muss auch für damalige Verhältnisse ein arger Unhold gewesen sein! So erschlug Widukind II. höchstselbst anno 1156 den Stadtgrafen von Höxter, als der im Schatten der Kirche eine Gerichtsverhandlung leitete. Ein Motiv für die Bluttat ist nicht überliefert. Mag sein, dass Widukind II. sich selbst als Inhaber der Gerichtsbarkeit sah.

Foto 4: St. Kilian zu Höxter
Anno 1152 attackierte Widukind II von Schwalenberg die Stadt Höxter und nahm Geiseln. So erpresste er Lösegelder. Im gleichen Jahr – im Januar 1152 – verübte Widukind II mit seinen Mannen einen Überfall auf den Friedhof von Corvey.

Er plünderte die geheiligte Stätte, raubte sakrale Kultobjekte. Unterstützt wurde Widukind II. von Schwalenberg durch seinen nicht minder gewalttätigen Bruder Volkwin. Das Bruderpaar begnügte sich nicht mit dem Friedhof. 

Das Duo überfiel mit seiner Bande die Stadt Höxter. Vielleicht um bei künftigen Raubzügen leichter in die Stadt einfallen zu können… zerstörten die Kriegsknechte die Stadtmauer. Jetzt hatten sie jederzeit mühelos Zugriff auf die alte Weserstadt. Planten sie weitere Angriffe, weitere Raubzüge? Mag sein... Heutige Herrscher plündern in der Regel diskreter und effektiver... Ein schlechtes Gewissen hatten sie dabei wohl nicht. Wähnten sie sich gar im Recht? Waren die Überfälle auch ein Politikum, eine Machtdemonstration: Das gehört zu unserem Herrschaftsbereich, da können wir schalten und walten wie wir wollen?

Schließlich geschah etwas aus heutiger Sicht Befremdliches. Es streikten die Mönche. Sie nahmen Kruzifixe, Heiligenbilder und Reliquien aus den Kapellen und Kirchen, verstreckten alles. Kostbare Sakralobjekte wurden vergraben. Gottesdienste fanden nicht mehr statt. Erst wenn Widukind II. und sein Bruder Volkwin von der weltlichen Obrigkeit abgestraft würden, erst dann wollten sie wieder Gottesdienste abhalten. Stumm blieb das Geläut der Kirchenglocken. Die Klage wurde bis vor Friedrich Barbarossa getragen. Friedrich soll den verängstigten Mönchen eine strenge Bestrafung der beiden Schwalenberger zugesichert haben. Würde es zu einem Prozess, zu einer Verurteilung kommen? Und stand der heute mythologisch verklärte Barbaraossa wirklich auf Seiten der Opfer Widukinds und seines Bruders?

Die Bürger von Höxter bauten ihre Stadtmauer wieder auf. Zu weiteren Überfällen kam es nicht.  Friedrich I. forderte die Geistlichkeit auf, die Gottesdienste wieder regelmäßig abzuhalten. Wurde den gewalttätigen Brüdern von der Schwalenburg die Exkommunikation angedroht? Kam es gar – auch wenn es keine entsprechenden Urkunden (mehr?)  gibt – zu einer Verurteilung von Widukind II. und Volkwin? Denkbar, wenn auch nicht beweisbar, ist es! Womöglich wurde Widukind sogar von einem weltlichen Gericht verurteilt und das Urteil »Verbannung« ausgesprochen. Mag sein, dass zwar ein entsprechendes Urteil gefällt, aber gleich wieder ausgesetzt wurde. Mitglieder der höheren Stände standen vor Gericht eben nicht in Augenhöhe mit einfachen Bürgern. Räuber wurden eben nicht immer wie Räuber behandelt. Im Fall des Widukind II. ist es sogar möglich, dass seine Untaten von übergeordneter Stelle zunächst geduldet wurden.  Gab der Streik der Mönche den entscheidenden Ausschlag? Fürchtete die weltliche Obrigkeit den Aufstand der Bürger von Höxter  gemeinsam mit den Mönchen von Höxter?

Durch diplomatische Verhandlungen mag erreicht worden sein, dass Widukind und Bruder Volkwin die Schmach einer öffentlichen Verurteilung erspart blieb. Und wenn es zu einer Verurteilung kam, dann ohne Öffentlichkeit. Akzeptierte Widukind II. einen diskreten Richterspruch, der ihn zu einer Entschädigung der Kirche verpflichtete? Gab die Kirche Ruhe, weil Widukind II das Kloster »tom Roden« stiftete? War das Abkommen so geheim, dass Widukind II. in Urkunden nicht als Stifter von »tom Roden« genannt wurde?

Der Streik der Mönche jedenfalls wurde beendet. Die vergrabenen Kruzifixe, Heiligenbilder, Reliquien und Kelche kehrten zurück in die Gotteshäuser. Die Glocken erklangen wieder und riefen die Bürgerinnen und Bürger zum Gottesdienst.

Foto 5: »Unterwelt« von »tom Roden«
Fakt ist: Für »tom Roden« müssen erhebliche Summen aufgebracht worden sein, über die Kloster Corvey damals nicht verfügte. Corvey hatte im zwölften Jahrhundert finanzielle Probleme. Und hätten ausreichend Mittel zur Verfügung gestanden, wären die wohl für Kloster Corvey selbst aufgewendet worden und nicht wenige hundert Meter entfernt in den Bau eines zweiten Klosters gesteckt worden.

Ein Besuch der Klosterruinen »tom Roden« lohnt sich. Leicht zu finden ist das Kleinod aber nicht unbedingt.  Fahren Sie von Höxter aus über die »Corveyer Allee« nach Corvey. Von Corvey geht es weiter, vorbei am großen Parkplatz. Nach gut einem halben Kilometer folgen Sie – links abbiegend – der Straße in das Industriegebiet »Zur Lüre«. 

Die Klosterruine ist ausgeschildert, die »Hinweistafeln« dürften aber gern etwas größer sein. Als ich zum ersten Mal – per Taxi – vor Ort war, musste ich mich durchfragen. Aber wenn Sie erst einmal im Industriegebiet sind, haben Sie Ihr Ziel schon fast erreicht. Über einen guten, ja festen Feldweg geht es dann direkt zu den Ruinen.

Die Anlage »Klosterruine tom Roden« macht einen überschaubaren Eindruck. Die Mauern sind vom Weg aus zu sehen, von Feldern durch eine Hecke getrennt. Von »tom Roden« aus sehen Sie den Kirchturm von »St. Johannes Baptist«, Lüchtringen. Das Gotteshaus wurde 1901 und 1902 errichtet, an Stelle des Vorgängerbaus aus dem Jahr 1698. Nach einem Blitzeinschlag brannte damals die barocke Kirche ab. Auch das barocke Gotteshaus hatte schon einen noch älteren Vorgänger: Die erste Kirche Lüchtringens  war bereits mehrere Jahrhunderte alt, als »tom Roden« entstand. Sie wurde vor rund 1100 Jahren geweiht.

Es lohnt sich, »tom Roden« zu besuchen. Statten Sie aber auch dem früheren Kloster, Schloss Corvey einen Besuch ab! Nehmen Sie sich unbedingt Zeit für die mythologischen Malereien im Westwerk. Sie wurden aufwändig restauriert, lassen der Fantasie sehr viel Spielraum!

Fotos 6 und 7: Mythologie im Kloster Corvey

Da wurden auch Monster verewigt, im Kampf mit mutigen Recken. Welche »Drachentöter« da zugange sind, welche Fabelwesen da besiegt werden, wir wissen es nicht wirklich und sind auf Vermutungen angewiesen. Wesen aus heidnischen Sagenwelten… in einem christlichen Gotteshaus? Wenn man nur die leider stark beschädigten, liebevoll restaurierten Darstellungen heute noch wie ein Buch lesen könnte!

Am 19. Januar 1874 verstarb Hoffmann von Fallersleben in Corvey. Sie finden sein Grab auf dem kleinen Friedhof neben der Abteikirche. Eine schlichte Portraitbüste des Dichters, auch manchen Deutschen noch als Verfasser des »Deutschlandliedes« bekannt, wurde 1911 angebracht. Gestiftet hat sie Franz Hoffmann-Fallersleben, Sohn des Dichters. Hoffmann von Fallersleben wurde neben seiner bereits am 27. Oktober 1860 verstorbenen Frau Ida beigesetzt.

Foto 8: Grab-Denkmal von Fallersleben.

Hinweis

Lesen Sie bitte auch Folgen 256 »Odysseus und das Monster… in der Kirche«
und 257»Delphine, Skylla und Odysseus« dieser Serie!

Literatur

Foto 9: Kirche von Lüchtringen, von »tom Roden« gesehen

Claussen, Hilde: »Die Klosterkirche Corvey/ Wandmalerei und Stuck aus
karolingischer Zeit«, Mainz 2007 

Garbe, Burckhard: »Die schönsten Sagen zwischen Harz und Weser«, Kassel
2002 (Die Lilie im Kloster zu Corvey, S.43-47)

Höxtersches Jahrbuch: »Klöster um Höxter/ tom Roden, Brenkhausen, Corvey«, Höxter 1981

Matthes, Walther: »Corvey und die Externsteine/ Schicksal eines
vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit«, Stuttgart 1982

Plitek, Karl Heinz (Redaktion): »Kloster tom Roden. Eine archäologische
Entdeckung in Westfalen. Ausstellung des Westfälischen Museumsamtes und
des Westfälischen Museums für Archäologie«, Münster 1982

Zu den Fotos....

Fotos 1 und 2: »tom Roden«: Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Schwalenburg, historische Aufnahme, Foto Archiv Langbein 
Foto 4: St. Kilian, Höxter, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: »tom Roden«, Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Schloss Corvey, Westwerk, Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 8: Grab-Denkmal von Fallersleben. Foto wikicommons/ Kliojünger
Foto 9: Kirche von Lüchtringen, von »tom Roden« gesehen. Foto Walter-Jörg Langbein
303 »Von der Kreuzigung zum Teufelsarsch«,
Teil 303 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.11.2015


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Sonntag, 25. Oktober 2015

301 »Apostelin der Apostel«,

301 »Apostelin der Apostel«,
Teil 301 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Kreuzweg Kloster Corvey

»Nahe bei Corvey stand ehemals eine schöne Propstei. Von wem aber und wann solche er bauet, habe ich nirgends finden können!«, notierte Christian Franz Paullini (1643-1712) in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Freilich hat der studierte Theologe und Arzt Paullini speziell bei Historikern nicht unbedingt den besten Ruf. Manche halten ihn für einen Scharlatan, der vermeintlich wichtige mittelalterliche Quellentexte fälschte. Hat der gute Paullini also geflunkert, als er behauptete, gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Ruinen von »tom Roden« noch selbst gesehen zu haben?

Theologe und Arzt Paullini

Der Historiker Paul Wigand (1786-1866), der mit den Gebrüdern Grimm eng befreundet war, betonte immer wieder, vom ominösen Kloster »tom Roden« sei nicht mehr die kleinste Spur zu finden.  So entstand im 19. Jahrhundert ein regelrechter Historikerstreit, wo denn nun »tom Roden« gestanden haben mag. Erst 1976 wurde »tom Roden« wieder entdeckt, und das eher zufällig. (1)

So leicht ließ sich die Erde freilich die altehrwürdigen Mauern nicht entreißen. Nachdem man zunächst ohne größeren Erfolg mit Spaten und Schaufel ans Werk gegangen war, setzte man schließlich einen Bagger ein. Auf einem Areal von immerhin 4000 Quadratmeter Größe musste zunächst die Humusschicht abgetragen werden. Dann standen die Archäologen vor einer eher unansehnlichen Steinwüste. »Größere und kleinere Steinbrocken, Mörtel Stücke von Holzkohle und Reste von Wandputz breiteten sich wie eine dicke Decke über dem Gebiet aus. Für den Archäologen ist aus dieser Materialzusammensetzung erkennbar, daß es sich hier um Schutt handelt, der beim Abbruch steinerner Gebäude handelt. Aus dieser dichten Schuttdecke schauten an einigen Ecken Steinlagen hervor, die wie regelmäßig verlegt aussahen und die noch in einem Mörtelverband lagen. Von diesen Stellen her wurden die Arbeiten aufgerollt.«, vermeldet »Höxtersches Jahrbuch« anno 1981 (2). Kloster »tom Roden« war wieder entdeckt worden.

Kirche »Maria Magdalena« von »tom Roden«

Auch wenn das Mauerwerk der Klosterkirche »Maria Magdalena« und der dazu gehörenden Gebäude weitestgehend verschwunden ist, sprich weggeschleppt und wieder verarbeitet wurde, gab es einige sensationelle Erkenntnisse…. Sozusagen in der »Unterwelt« des Klosters.

So verfügte die Klosteranlage »tom Roden« vor mehr als einem halben Jahrtausend über eine Warmluftheizungsanlage, die den Mönchen die kalte Winterszeit doch erheblich erträglicher machte. Es war eine Art Fußbodenheizung… in einem Mönchskloster vor einem halben Jahrtausend.

Recht modern mutet die Wasserversorgung im Kloster »tom Roden« an. Offenbar gab es fließendes Wasser. Zum System gehörten ein Wasserbecken (Staubecken?),  eine Rohrleitung. Genutzt wurde, so wird angenommen,  ein »Drucksystem« (3). Mehr als fortschrittlich müssen für die damalige Zeit die »WCs« der Mönche gewesen sein. So durchlief den Ost-Trakt ein Kanal, in den ein Bach umgeleitet wurde. Wie Fußbodenheizung und hauseigener Kanal funktionierten, lässt sich im Detail leider nicht mehr vollständig rekonstruieren.

Reste eines praktischen Kanals...?

Gesundheitlich bedenklich waren die Bleirohre, die Trinkwasser führten. In wieweit es unter den Mönchen tatsächlich zu Bleivergiftungen und  frühzeitlichem Tod kam, ist meines Wissens bis heute nicht wissenschaftlich untersucht worden. Vielleicht werden ja noch die im Klosterbereich aufgefundenen Gebeine entsprechend analysiert. Sind es Mönche, deren Knochen bei Ausgrabungen im Kloster »tom Roden« gefunden wurden? Oder wurden auch Laien beigesetzt? Wurden Menschen, die sich um das Kloster besonders verdient gemacht hatten, durch Beisetzung im Kloster selbst geehrt?

Hinter diesen Mauern wurde Maria Magdalena verehrt

Das Kloster »tom Roden« war der Maria Magdalena geweiht. Maria Magdalena muss eine besondere Rolle für das Kloster gespielt haben. Leider wurden ja im »tom Roden« keine sakralen Kunstwerke gefunden, die auf die Stellung Maria Magdalenas im Glauben der Mönche Hinweise geben könnten. Was von Wert war, haben die Mönche natürlich beim Auszug aus dem Kloster mitgenommen. Das Siegel des Klostervorstands von »tom Roden« indes spricht eine deutliche Sprache. Man kann es – ohne ein einziges geschriebenes Wort – wie ein Buch lesen. Das Siegel hing an einer Urkunde von 1356. Dem Propst von »tom Roden« wurde gestattet, eine Landwehr einzurichten, um gegen angreifende Feinde gewappnet zu sein.

Das Siegel hat ovale Form, läuft oben und unten spitz zu.  Im Zentrum steht ein Baum. Links vom Baum erkennen wir eine hohe, männliche Gestalt mit angedeutetem Heiligenschein. Rechts vom Baum kniet eine weibliche Gestalt. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind hier Jesus und Maria Magdalena dargestellt. Die Szene spielt am Grab Jesu (4):

»Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.


Himmel über »tom Roden«
Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 
Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.

Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.

Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.

Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.«

Auf dem Siegel sehen wir Jesus neben einem Baum. Dargestellt ist eine der - meiner Meinung nach -  wichtigsten Textstellen des Neuen Testaments. Eben noch hat Maria Magdalena Jesus für den Gärtner gehalten. Jesus aber gibt sich jetzt zu erkennen. Um als Apostel anerkannt zu werden, muss ein Mensch die Auferstehung Jesu vom Tode bekunden können und von Jesus einen Auftrag erhalten. Nach  dem nach Johannes benannten Evangelium war es Maria Magdalena, die den Jüngern im Auftrag Jesu mitteilt, dass er gen Himmel auffahren wird. Demnach war Maria Magdalena die Apostelin der Apostel!

Jesus und Maria Magdalena auf dem Siegel...Zeichnung Langbein

Unter der Jesus-Maria-Magdalena-Szene kniet ein Mensch, vermutlich soll Propst Heinrich von Spiegel zum Desenberg dargestellt werden, der Jesus und Maria Magdalena seine unterwürfige Referenz erweist. Ganz offensichtlich genoss Maria Magdalena im Kloster »tom Roden« höchste Verehrung.

Stundenlang bin ich in der Klosterruine von »tom Roden« umhergegangen, habe fotografiert. Ich bin in die Reste des Kanals gekrochen, habe das Mauerwerk der alten Fußbodenheizung untersucht. Wichtiger aber als technische Errungenschaften der Mönche von »tom Roden« scheint mir die altehrwürdige Ruine als Symbol für den Glauben zu sein.

»tom Roden« als Symbol...

Da ragen Mauerteile aus dem Boden, da klaffen Lücken. Genauso bruchstückhaft erscheint mir unser wirkliches Wissen in Sachen Ursprünge des Glaubens. Was wissen wir wirklich? Was ist uns über die Bedeutung von Maria Magdalena für den christlichen Glauben bekannt, die auch heute noch heruntergespielt wird?

Günter Weber, er war als Direktor des »Katechetischen Instituts Aachen« mit der Ausbildung und Weiterbildung von Religionslehrerinnen und Religionslehrern beauftragt, fordert (5): »Alles Lebendige muss immer wieder seine alte Gestalt hinter sich lassen, um in neuer Gestalt weiterleben zu können. Sonst bleibt es nicht lebendig. Dem Glauben geht es nicht anders.«
    

Manchmal muss aber der Glaube Verfälschungen ablegen und zu seiner alten, ursprünglichen Form zurückfinden. Im konkreten Fall ist es unbedingt erforderlich, dass Maria Magdalena im Christentum als Apostelin der Apostel anerkannt wird.

Der große Augustinus nannte Maria Magdalena »Apostelin der Apostel« und unterstreicht so ihre besondere Rolle für das Christentum. Mit Maria Magdalena könnte die über fast zwei Jahrtausende verdrängte weibliche Seite des Christentums den christlichen Glauben endlich wieder vollständig werden lassen. Wird zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends endlich entdeckt, dass Maria Magdalena eine Schwester der modernen Frau von heute war, selbstständig, selbstbewusst und aktiv?

Fußnoten

Loderte hier das Feuer für die Heizung?
1) Siehe hierzu auch… Stephan, H.G.: »Archäologische Studien zur Wüstungsforschung im südlichen Weserbergland. Münstersche Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte«, Hildesheim 1978
2) »Höxtersches Jahrbuch«, »Band VI/ 1981«, herausgegeben vom »Heimat- und Verkehrsverein der Stadt Höxter e.V.«, Höxter 1981, S.4
3) ebenda, S. 24
4) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 20, Verse 11 bis 18
5) Weber, Günter: » Ich glaube, ich zweifle«, Zürich, Düsseldorf 1996, Rückseite

Zu den Fotos:

Theologe und Arzt Paullini - zeitgenössisches Porträt. Gemeinfrei 

Jesus und Maria Magdalena auf dem Siegel: Meine Zeichnung zeigt nur den oberen Teil des Siegels, es fehlt die kniende Gestalt unter der Jesus-Maria-Magdalena-Szene

ALLE ÜBRIGEN FOTOS: Walter-Jörg Langbein



302 »Maria Magdalena, Räuber und Widukind II«,
Teil 302 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.11.2015



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Sonntag, 18. Oktober 2015

300 »Alles vorbei, tom Roden….«

300 »Alles vorbei, tom Roden….«
Teil 300 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Kloster Corvey...
Sommerzeit… Die Post streikt, Berge von Briefen und Paketen stapeln sich in Verteilzentren! Von Tag zu Tag, so scheint mir, schwinden die Sympathien für die Gewerkschaft ver.di. Aber Busse fahren zum Glück. Nach nicht ganz einer Stunde Fahrzeit, einmal Umsteigen inklusive, bin ich am Bahnhof von Höxter an der Weser angekommen. Nach einigen regnerisch-kühlen Tagen ist es jetzt sommerlich heiß. Natürlich liegt das jetzt an der globalen Erderwärmung. Ein Passant mit einer Jacke, die an die Kluft der Briefzusteller erinnert, eilt Richtung Innenstadt. Wütend beschimpft ihn ein älterer Herr als »Streikbrecher«. Eine Frau fordert den verblüfft Dreinblickenden auf, »endlich wieder Briefe auszutragen«. Schließlich begreift er, bleibt stehen und ruft: »Ich bin doch gar kein Postler!«

Ich frage einen Busfahrer, wie ich wohl vom Bahnhof zur Klosterruine »tom Roden« komme. Der Mann ist sehr hilfsbereit. Er zeigt mir einen Bus, der mich direkt zum »Kloster Corvey« bringt. Freundlich belehrt er mich: »Das frühere Kloster Corvey ist aber heute Schloss Corvey! Kloster Corvey gibt es, streng genommen, gar nicht mehr. Eine Ruine ist das aber nicht. So eine Klosterruine gibt es gar nicht!« Kollegen des Busfahrers schütteln nur die Köpfe, verweisen mich an den Taxistand. Man rät mir zum Taxi. »Vom Kloster Corvey kommen Sie nicht weiter, jedenfalls nicht mit dem Bus! Und zu Fuß… bei der Hitze…«

Am Taxistand hat noch nie jemand von einer »Klosterruine ›tom Roden‹« gehört. Dabei trennen laut meinen Unterlagen nur wenige hundert Meter das »Schloss Corvey« von der ominösen  »Klosterruine tom Roden«. Eine freundliche Taxifahrerin ist offensichtlich auch an meinem Ziel interessiert. Also fahren wir erst einmal zum »Schloss Corvey«… und entdecken nach einigem Suchen tatsächlich ein nicht übermäßig großes Hinweisschild »Klosterruine«.

»Maria Magdalena«- Kirche im Zentrum

Ich suche per iPad in der Welt des Internet nach »Klosterruine tom Roden« und finde eine Adresse: »Zur Lüre - 37671 Höxter«. »Zur Lüre« ist meiner tüchtigen Taxifahrerin wohlbekannt. Nur von einer »Klosterruine« daselbst weiß sie nichts. Wir erreichen »Zur Lüre« schon nach wenigen Minuten, landen in einem weniger idyllischen als prosaisch-praktischen Industriegebiet. In einer Werkstatt erkundigen wir uns… man weist uns den Weg. Wir sind schon fast am Ziel. Das letzte Stück Wegs ist eine schmale staubige Straße, deutlich besser als so mancher Feldweg in den Hochanden Perus oder Südindiens.

Endlich bin ich am Ziel… Mauerwerk… Brunnen… ein Altar… eine Hecke. »Meine« Taxifahrerin verspricht, mich um 14 Uhr wieder abzuholen. Das »Areal« der Klosterruine ist überschaubar. In einiger Distanz ist ein schmuckes Kirchlein zu erkennen… Ich vermute, es handelt sich um die Pfarrkirche »St. Johannes Baptist« von Lüchtringen. Ich aber konzentriere mich auf die »Klosterruine tom Roden«.

Das Altarkreuz von »tom Roden«

Der Name »tom Roden« lässt darauf schließen, dass Land gerodet werden musste, um das Kloster zu bauen. Wann aber wurde »tom Roden« gegründet? Wir wissen es nicht genau. Die bislang älteste Urkunde, die einen Hinweis auf das Kloster enthält, stammt aus dem Jahr 1184.  »tom Roden« fungiert in dem Dokument natürlich unter dem lateinischen Namen »ad Novale«. Ausdrücklich wird auf die Kirche »ecclesia S. Mariae Magdalenae« hingewiesen, deren Grundriss heute noch sehr gut zu erkennen ist. 1244 wird »Dethmar von tom Roden« als Propst des Klosters erwähnt. Damals mag »tom Roden« bereits Teil eines Pilgerwegs gewesen sein.  Am 22. Juli 1284 jedenfalls feierten die Kanoniker von Nienkerken das Fest der Maria Magdalena in »tom Roden«.

Ziel für Pilger am Tag der Maria Magdalena...

Die Kirche »Nienkerken«, hochdeutsch »Neukirchen«, war 863 in der Nähe von Höxter vom Kloster Corvey aus gebaut worden. Ob damals schon »tom Roden« existierte? Unbestreitbar ist, dass das Kloster Corvey lange vor dem »tom Roden« entstand. Der Propst von »tom Roden« gehörte immer auch dem Konvent von Corvey an, wurde aus den Reihen der Mönche von Corvey gewählt und war dem Abt von Corvey gegenüber zum Gehorsam verpflichtet.

Im Frühjahr 1975 wurden in der Corveyer Abteikirche archäologische Ausgrabungen durchgeführt. Nun waren beim Pflügen im Bereich »zur Lüre« Mauerreste zutage getreten. Davon hörten die Wissenschaftler, die in der Abteikirche in Höxter intensiv nach ältesten Spuren suchten. Sie schickten einige Grabungshelfer, ausgestattet mit Hacken, los, die dann tatsächlich eine sensationelle Entdeckung machten… Nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche schlummerten zum Teil recht gut erhaltene Fundamente des verschwundenen Klosters von »tom Roden«…. mitten unter einem Getreidefeld.

Im Sommer 1976 wurde gezielt und intensiv gegraben. Unter Steinschutt stieß man auf Fundamente eines langgestreckten Gebäudes mit »mehrfacher Raumunterteilung«. 1977 kam es zu einer zweiten, noch intensiveren Grabungskampagne. Das zu untersuchende Areal war recht groß, so dass ein Bagger zum Einsatz kam. Nach und nach wurde klar, dass man den gut erhaltenen Grundriss einer vollständigen Klosteranlage entdeckt hatte, keine tausend Meter von Kloster Corvey entfernt.

Grundriss von »tom Roden«.

Mich interessiert besonders die Kirche, die der Maria Magdalena (im Grundriss durch gelbe Pfeile markiert!) geweiht war. 1977 hat man den Grundriss des Gotteshauses  mit großer Sorgfalt herausgearbeitet. Das Gebäude muss recht eindrucksvoll gewesen sein: eine dreischiffige Basilika von 34 Meter Länge und 12,60 Meter Breite.

Bevor ich mit dem intensiven Fotografieren beginne, schreite ich das Areal ab. Ich stehe vor dem steinernen Halbrund der Apsis im Osten. Ich blicke gen Westen. Eine Schranke trennte einst das Gotteshaus in den Gemeinderaum und den Mönchschor. Vor der Schranke zum Gemeinderaum stand einst ein Altar, dessen Fundament zum Teil noch freigelegt werden konnte.

Im Gemeinderaum gab es – anders als in heutigen Gotteshäusern – keine Sitzbänke für die Gottesdienstbesucher. Steinerne Bankette (nicht zu verwechseln mit festlichen Essen!) entlang der Außenwände, so entnehme ich den Ausgrabungsberichten, dienten als Sitzgelegenheiten.

Die Fundamente von »tom Roden« überstanden die Zerstörungswut...

1327 kam es zu heftigen Kämpfen zwischen Höxter und Corvey. Auszubaden hatte den Konflikt vor allem Kloster »tom Roden«, es wurde zerstört… und wieder aufgebaut. Belegt ist urkundlich, dass anno 1422 der Kirche »Maria Magdalena« von »tom Roden« einen neuen Altar erhielt, zu Ehren der »Maria Solitaria«, der »Maria in der Einsamkeit«. 1456 wiederum wurde »tom Roden« geplündert.

Der letzte Propst von »tom Roden« – Johann von der Lippe – verließ das Kloster 1501. Er zog nach Höxter. Damit war das nahe Ende des Klosters absehbar. Wir wissen, wann es endgültig aufgegeben wurde, nämlich anno 1538. In jenem Jahr verwaiste der sakrale Komplex. Die letzten Mönche packten ihre Habseligkeiten. Natürlich nahmen sie alles von Wert mit. Sie bauten auch den Fußboden aus und schleppten das Material weg, vermutlich nach Höxter.

Damals stürzte wohl auch die Decke der Kirche ein, warum auch immer. Mag sein, dass sie durch Blitzschlag in Brand geriet, mag sein, dass »kriegerische Einwirkung« zur Katastrophe führte. Ohne Dach war die Ruine den Einflüssen von Wind und Wetter ausgesetzt. Die Mauern brachen zusammen, die Trümmer dienten als Steinbruch. So dürfte das einstige stolze Gotteshaus nach und nach bis auf die Grundmauern abgetragen worden sein. Das gilt auch für die zur Kirche der Maria Magdalena gehörenden Klostergebäude.

1618 bis 1648 tobte der »Dreißigjährige Krieg«. Höxter und Corvey benötigten erhebliche Mengen an Baumaterial, um Häuser, das Kloster Corvey wieder neu aufzubauen. Da diente die Ruine von »tom Roden« als »Steinbruch«. Trotzdem soll es gegen Ende des 17. Jahrhunderts »tom Roden« noch als Ruine gegeben haben. Auch die verbleibenden Mauern wurden nach und nach abgetragen. Wo einst das Kloster stand, wurden Felder angelegt. »Tom Roden« verschwand aus dem Bewusstsein der Menschen. Der Standort des einst altehrwürdigen Klosters geriet in Vergessenheit.

Hinweis auf Walfahrt zu Maria Magdalena

Zwei Gräber im Gemeinderaum der Kirche wurden bei den Ausgrabungen gefunden. Wurden hier einst die heute nicht mehr bekannten Stifter des Klosters »tom Roden« beigesetzt? Ließen die beiden Unbekannten einst »tom Roden« bauen? Und haben  sie den Komplex dem Kloster von Corvey zum Geschenk gemacht? Vielleicht geschah dies nicht ganz uneigennützig?  Wurde, als Gegenleistung für die großzügige Gabe,  regelmäßig an den Gräbern der beiden Stifter gebetet? Wollten sie auf diese Weise erreichen, dass man ihrer gedachte und durch Fürbitten  etwas für ihr ewiges Seelenheil tat? Es mag sogar vertraglich genau vereinbart worden sein, wann und wie oft der Stifter wie gedacht werden musste.

Im zwölften Jahrhundert war die finanzielle Seite von Kloster Corvey nicht gerade eine rosige. Grabungsbefunde deuten aber darauf hin, dass »tom Roden« just in jener Zeit gebaut wurde. Ein Säulenkapitell aus dem zwölften Jahrhundert wurde im Klosterbereich ausgegraben… aus der Entstehungszeit der Anlage? Oder lag die Gründungszeit noch weiter zurück? Seine Glanzzeit erlebte das Kloster vermutlich im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert.  Im fünfzehnten Jahrhundert war das Kloster wohl noch bewohnt, das lassen Keramikfunde  vermuten, die am Boden von zwei Brunnen geborgen wurden. Zerbrochenes Geschirr wurde ja oft in alten Brunnenschächten entsorgt. Heute werden beide Brunnen von »zivilisierten« Besuchern gern und ausgiebig als große Abfalleimer missbraucht. Unrat wird hineingeworfen, was auch nicht durch Anbringung von eisernen Gittern verhindert werden kann. Diese Missachtung eines altehrwürdigen sakralen Areals wirft ein beschämendes Licht auf heutige Besucher.


Fundamente wurden zur Verdeutlichung aufgemauert...

Zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends wird gern postuliert, dass der Islam zu Deutschland gehört. Vor allem aber gehört das Christentum zu Deutschland. Unsere Wurzeln sind, auch wenn das manche befremden mag, christlich. Wir sollten wirklich einmal darüber nachdenken, wie wir mit unserem eigenen historischen Erbe umgehen…. Ich glaube, da ist ein Umdenken dringend erforderlich! Respekt vor fremden Kulturen sollte eine Selbstverständlichkeit sein und wird auch von Politikern lautstark eingefordert. Respekt vor der eigenen Kultur wird allerdings von manchen Zeitgenossen herablassend belächelt, die so gern das hässliche Wortgebilde »multikulti« im Munde führen.

Zu den Fotos: Alle Fotos Walter-Jörg Langbein


301 »Apostelin der Apostel«,
Teil 301 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.10.2015

 
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