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Sonntag, 9. April 2017

377 »Der Teufel im Stall von Bethlehem?«


Teil  377 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Mohammed und  Gabriel

Kürzlich war ich im Weserbergland im Bus unterwegs. Ich ließ die Landschaft an mir vorüberziehen, da und dort lag noch Schnee (1). Kinder rutschten auf Schlitten von abschüssigen Gärten. Mürrische Männer hackten Eis von Gehwegen, Frauen streuten Salz. Ein junger Mann setzte sich neben mich und begann Allah zu preisen. Dass ich seinen Redeschwall unbeeindruckt über mich ergehen ließ, schien ihn zu ärgern. »Du kennst doch den Erzengel Gabriel!«, fuhr er mich etwas unwirsch an.

»Nicht persönlich…«, wandte ich ein. »Scherze nur über solche Dinge! Das Lachen wird dir schon noch vergehen!«, gab der orientalisch anmutende Missionar grob zu bedenken. Er zupfte versonnen und selbstgefällig an seinem krausen Bart. »Wenn du dich nicht zu Allah bekennst, wirst du in der Hölle schmoren! Teufel werden dich in siedendes Öl werfen und mit Mistgabeln quälen!«

Foto 2: Die zur Rechten Jesu

Ich reagierte wohl anders als erwartet: »Ich bin müde, wollte eigentlich etwas schlafen…« Damit hatte ich ihm ein Stichwort frei Haus geliefert. »Du bildest dir wohl ein, einst zur Rechten von deinem Jesus zu sitzen? Du wirst schreien vor Schmerz, wenn du in der Hölle landest!« Schließlich begann der junge Mann mit missionarischem Eifer über Allah, Tag und Nacht und die Gnade des Schlafens zu schwadronieren. Er steckte er mir ein Zettelchen zu. Darauf stand zu lesen:

»Wer von euch einen schönen Traum hatte, soll wissen, er ist von Allah. Er soll dafür danken und ihn sofort anderen weitererzählen. Wenn ihr einen bösen Traum habt, ist er vom Teufel und man muss vor ihm fliehen und bei Gott Zuflucht suchen. Man soll ihn auch nicht weitererzählen, dann wird der Traum keinen Schaden zufügen können.« Eine Quelle war auch angegeben (2).

Fotos 3-6: Teufel und Engel.
»Überall ist er, der Teufel und seine Gesandten!«, gab mir der in meinen Augen reichlich aufdringliche Mann noch auf den Weg als ich ausstieg. »Auf Reklametafeln, im Freibad…« Ich stand noch einen Moment an meiner Bushaltestelle, der Bus entfernte sich. Mir kam das Tympanon im Westturm des Freiburger Münsters in den Sinn. Entstanden ist es wohl im späten 13. oder im frühen 14. Jahrhundert, also um das Jahr 1200. Es spiegelt den damaligen Volksglauben wieder, wonach es in der Welt nur so von bösen und guten Mächten wimmelt, die sich alle um den Menschen bemühen. Beide »Parteien« trachten nach der Seele von uns Menschen. Die einen wollen sie in die Hölle zerren, die anderen gen Himmel führen. Vertreter des Guten sind natürlich die Engel, die des Bösen die Teufel. Beide – Engel wie Teufel – tauchen im Figurengetümmel des Tympanons immer wieder auf. Erzengel Gabriel tritt an der Seelenwaage in der Erscheinung. Mit einfachen Mitteln ermittelt er, wer als Sünder bestraft, wer als guter Mensch belohnt wird. Er muss nicht in ein Buch des Lebens blicken, in welchem gute und böse Taten jedes einzelnen Menschen penibel dokumentiert sind.

Der Erzengel kann – so sieht es der unbekannte Künstler –  per Waage feststellen, welche Seele in den Himmel darf und welche ab ins Höllenfeuer muss. Der böse Teufel vom Tympanon wird – so zeigt es das sakrale Kunstwerk – bei einem plumpen Versuch zu tricksen ertappt. Er zerrt mit Gewalt an der Waagschale, in der eine Menschenseele hockt. Der Teufel möchte sich die Seele – salopp gesagt – unter den Nagel reißen.

Foto 7: Erzengel Gabriel an der Seelenwaage mit Teufeln. Foto Walter-Jörg Langbein

Immer wieder habe ich die zahlreichen Figürchen und Figuren im Eingangsbereich des Freiburger Münsters betrachtet. Je länger ich versucht habe, die Aussagen der Darstellungen zu verstehen, desto klarer wurde mir: Eigentlich müsste man nicht Tage, sondern Wochen einplanen für einen Besuch des Freiburger Münsters, um sich auch nur einen Überblick zu verschaffen. Unklar ist, was die einzelnen Statuen und Statuetten aussagen sollen, vor allem auch, warum sie so angeordnet sind, wie wir sie vorfinden. Telefonisch befragt erklärte mir ein Mitarbeiter der katholischen Kirche von Münster:

»Vieles kennen, erkennen wir natürlich! Aber nicht alles! Wir wissen nicht bei allen Figuren, wer da dargestellt werden soll. Wir wissen schon gar nicht, ob die Anordnung der Figuren etwas aussagen soll. Wir wissen nicht, wie die Figuren ursprünglich angeordnet waren und ob sie aus welchen Gründen auch immer umgestellt wurden, auch nicht warum sie womöglich ursprünglich in ganz anderer Konstellation aufgestellt wurden!«

Foto 8: Der geheimnisvolle Lichtbringer.

Ich frage mich: Wussten die Menschen um das Jahr 1200 so viel mehr als wir heute über biblische Geschichten und Heiligenlegenden? Verstanden die, die nicht lesen konnten, ohne geschriebene Worte, was ihnen da vor Augen geführt wurde? Standen womöglich Mönche bereit, um zu erklären, was da zu sehen war? Ein Bild, heißt es, sagt mehr als tausend Worte. Aber es besteht die Gefahr, dass man Bilder völlig falsch interpretiert, wenn es keine erklärenden Worte dazu gibt. Wer – zum Beispiel – ist die mysteriöse Gestalt am Kopfende von Marias Bett im Stall von Bethlehem? Sie hält einen Kerzenständer mit mächtiger Kerze, während »Gottesmutter« Maria das erwachsen wirkende »Jesusbaby« herzt.

Foto 9: Figuren links vom Eingang.

Kunsthistoriker Guido Linke kommentiert in seinem detailreichen Werk »Freiburger Münster« (3): »Maria liegt im großzügig drapierten Kindbett. … Am Fußende sitzt der mit dem Judenhut angetane Joseph … Von den anbetenden Engeln hebt sich eine Gestalt am Kopfende des Bettes ab, die einen Kerzenleuchter trägt und durch eine Krone ausgezeichnet ist. Sie ist vielleicht als Personifizierung der das Licht der Welt anbetenden Kirche zu verstehen.«

Ist die Gestalt mit dem Kerzenständer ein Engel? Mir scheint ja! Das Haupt der Gestalt schmückt eine Krone. Ein Engel mit Krone? Wer soll das sein? Mir kommt die »Offenbarung des Johannes«, auch »Apokalypse des Johannes« genannt, in den Sinn. Da heißt es (4): »Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen.«

Die »Elberfelder Bibel« (5) vermeldet einen scheinbar abweichenden Sachverhalt: »Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel: Und siehe, ein großer, feuerroter Drache, der sieben Köpfe und zehn Hörner und auf seinen Köpfen sieben Diademe hatte.« Krone oder Diadem? Eine Fußnote klärt auf: »Das Diadem, ein Stirnreif, war im Altertum das Zeichen der Königswürde.« »Hoffnung für alle« (6) erkennt »Kronen« auf den Häuptern des Drachen, ebenso die »Schlachter-Bibel« (7). Die »Neue Evangelische Übersetzung« (8) greift wiederum zum Terminus »Diadem« und erklärt in einer Fußnote: »Ein Diadem ist keine Krone sondern ein schmales Band aus Seide, Leinen oder Edelmetall, das oft mit Perlen oder Edelsteinen besetzt ist. Es symbolisiert königliche Würde und Macht.«

Foto 10: Figuren rechts vom Eingang.
Mir kommt beim Anblick des gekrönten Engels mit der Lichterkerze der Lichtbringer in den Sinn! Ich darf in Erinnerung rufen: Jesus will Satan wie einen Blitz vom Himmel stürzend gesehen haben (9): »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.«  Vom »Neuen« zum »Alten Testament« Bei Jesaja heißt es über den Sturz des Königs von Babylon (10): »Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!« Jesaja bezeichnete den Herrscher von Babylon als gefallenen »Morgenstern«. Und den kannte man in der römischen Mythologie als Luzifer. Der König von Babylon trug als Zeichen seiner Würde ein Diadem oder eine Krone. Wenn wir im Stall von Bethlehem einen »Engel« sehen, der Licht bringt, kann das als Anspielung auf Luzifer gesehen werden, auf den teuflischen Lichtbringer? Wie der verteufelte König von Babylon alias Luzifer hat auch der Lichtbringer im Stall von Bethlehem eine Krone auf dem Haupt. Was aber hat Luzifer im Stall von Bethlehem zu suchen?

Jahrzehnte bereiste ich die Welt, besuchte mysteriöse Orte. Ich berichtete über erstaunliche Phänomene von Ägypten bis Vanuatu. In den vergangenen Jahren widmete ich Stätten viel Aufmerksamkeit, die ich Jahrzehnte lang leider vernachlässigt habe: Es geht mir um sakrale Bauten – von der kleinen Kapelle bis zur mächtigen Kathedrale. Ausführlich schildere ich, was es – zum Beispiel – im Münster zu Freiburg zu sehen gibt. Warum? Ich will keineswegs meine Meinung als die wahre propagieren. Ich möchte lediglich darauf aufmerksam machen, was mich immer wieder zum staunenden Nachdenken bringt.

Nach Vanuatu in der Südsee werden mir nur die wenigsten Leserinnen oder Leser folgen können. Doch jede Leserin, jeder Leser hat – wo auch immer in unserer Heimat – Kapellen oder Kathedralen vor der sprichwörtlichen Haustüre, die zu besuchen mehr als lohnenswert sind.


Fußnoten
1) Diesen Beitrag habe ich am 20. Januar 2017 geschrieben.
2) Sahih Al-Buchari, Band 9, Buch 87, Nr. 114
3) Linke, Guido: »Freiburger Münster/ Gotische Skulpturen der Turmvorhalle«,
     Freiburg, 1. Auflage 2011, Seite 28, linke Spalte und rechte Spalte oben
4) »Offenbarung des Johannes«, Kapitel 12 Vers 3. Lutherbibel 2017
5) »Revidierte Elberfelder Bibel«, (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten
6) Ausgabe 2002
7) Genfer Bibelgesellschaft, Ausgabe 2000
8) © 2016 Karl-Heinz Vanheiden (Textstand 16 01)
9) »Das Evangelium nach Lukas« Kapitel 10, Vers 18
10) »Prophet Jesaja« Kapitel 14, Vers 12


Fotos 11 und 12: Die 12 Apostel.

Zu den Fotos
Foto 1: Mohammed und  Gabriel (etwa 1307). Foto wikimedia public domain/  Mladifilozof
Foto 2: Die zur Rechten Jesu ... Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3-6: Teufel und Engel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Erzengel Gabriel an der Seelenwaage mit Teufeln. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der geheimnisvolle Lichtbringer. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Figuren links vom Eingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Figuren rechts vom Eingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Collage aus zwei Fotos. Die 12 Apostel. Fotos Walter-Jörg Langbein

378 »Erich von Däniken zum 82.«
Teil  378 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 16.04.2017



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Sonntag, 8. November 2015

303 »Von der Kreuzigung zum Teufelsarsch«


Teil 303 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: See zu Füßen der Externsteine

In der Zeitschrift »Wünschelrute – Ein Zeitblatt« entdeckte ich (1) eine alte Sage. Werner von Haxthausen (* 11. Oktober 1744 im Fürstbistum Paderborn; † 23. April 1823 in Bökendorf bei Brakel) hat schriftlich festgehalten, was damals – zu Beginn des 19. Jahrhunderts –  noch von Kundigen erzählt wurde. Die »Sage vom Externsteine« verdeutlicht, dass die Externsteine noch ein heidnischer Kultort gewesen sein müssen, als das Christentum bereits weitverbreitet war. Ich darf zunächst die Sage zitieren (2):

Foto 2: Das mysteriöse Kreuzabnahmerelief der Externsteine

»Als das Kreuz Christi bey uns gepredigt wurde, so ärgerte sich der Teufel, daß er immer eine Gegend nach der andern verlor. Er hatte lange die Gegend vom Externsteine nicht besucht und hoffte immer, daß es über den Damm nicht herüber könnte. Da er aber überall flüchten mußte, so wollte er sich nun nach dem Externsteine zurückziehen.«

Mit anderen Worten: Das Christentum hatte sich schon weitestgehend durchgesetzt, da gab es an den Externsteinen noch eine »lebende« Kultstätte, deren Anhänger mit dem Teufel gleichgesetzt wurden. Im »III. Reich« zeigten die Nazis – allen voran - »Reichsführer-SS« Heinrich Himmler – großes Interesse an den Externsteinen. Sie sahen den mysteriösen Ort als »germanischen Kultort«. Archäologische Grabungen um 1933 erbrachten freilich keinerlei stichhaltigen Beweis für germanisches Urbrauchtum an den Externsteinen.

Nach dem Ende des II. Weltkriegs wurde offenbar jeder Hinweis auf vorchristliche Nutzung der Externsteine tabuisiert (3). Die Sage – 1818 zu Papier gebracht – sieht das Heidentum an den Externsteinen durch das Christentum bedroht. Sie beschreibt – in der Sprache der Sage – den Sieg des Christentums und die Niederlage des »Teufels« (also des Heidentums) (4):

Foto 3: Teufelsfratze, Externsteine
»Er (der Teufel) kam an und sah eine große Menge Menschen, die vor dem Kreuze niederfielen, das man noch an den Felsen ausgehauen sieht, und die zu der Capelle auf der Spitze des steilsten Felsen und zu dem Grabe am Abhange des vordersten Felsen eine Procession hielten.«

Die Christen pilgerten also zu den Externsteinen, sie beteten vor dem Kreuzabnahmerelief, das heute noch hunderttausende Besucher anlockt. Umstritten ist aber bis heute, ob das beeindruckende Bildnis von Anfang an ein christliches Kunstwerk war, oder ob nicht vielleicht doch ein älteres, sprich heidnisches Relief umgearbeitet wurde. In der Tat ist das untere Drittel des Reliefs sehr viel stärker verwittert. Das dargestellte Menschenpaar, von einem Lindwurm (?) umschlungen, könnte durchaus heidnische Wurzeln haben. Lesen wir weiter in der Sage (5):

»Das verdroß den Teufel. Er sah einen Priester mit einem Cruxifix von der Capelle kommen, er ergriff ein großes Felsenstück und schleuderte es nach ihm. Aber die Macht des Kreuzes gab dem Steine eine andere Richtung und er blieb auf einer Felsenspitze hängen.«

Foto 4: Der »Wackelstein« auf Felsen IV

Der »Wackelstein«, das angebliche Wurfgeschoss des Teufels, befindet sich auch heute noch in luftiger Höhe auf »Felsen IV«. Angeblich konnte ihn ein einzelner Mensch zum Schaukeln bringen, es sei aber unmöglich gewesen, ihn vom Felsen zu stürzen. Die lippische Fürstin Pauline sicherte den Koloss durch Metallklammern in den Jahren 1835 bis 1836, später wurde er noch mit Beton am Untergrund fixiert.

Folgen wir weiter der Sage (6): »Da sprach der Priester den Fluch über ihn (den Teufel) aus, und der Teufel flüchtete bey dem ausgehauenen Kreuze vorbey, an dem untersten Abhange des Berges zu dem Grabe. Hier faßt er mit seinen Krallen hinein, die noch deutlich darinn zu sehen sind, konnte es aber nicht zerstören. Da stemmte er sich gegen den großen Felsen, um ihn niederzuwerfen. Er drängte so gewaltig, daß er ein tiefes Loch in den Felsen drückte, und die Flamme schlug daran in die Höhe, wie noch deutlich zu sehen. Der Felsen blieb aber unbeweglich stehen, weil das Kreuz daran ausgehauen war. Da ging der Teufel fluchend fort und drohte, der Stein, den er zuerst gegen den Priester schleuderte, der solle noch einmal eine Bürgerfrau aus der Stadt Horn umbringen. Die Bürger aus Horn gaben sich alle Mühe, diesen Stein herunterzubringen, der ganz lose zu liegen scheint, es war ihnen aber bis jetzt unmöglich. Seit einem Jahre geht die Landstraße zwischen dem, worauf der Stein liegt, und einem andern Felsen durch.«

Foto 5: Das steinerne Grab am See der Externsteine

Das »steinerne Grab« könnte als Nachbildung des Grabes Jesu gedacht sein. Es ist möglich, dass Prozessionen vom Kreuzabnahmerelief zum Steingrab gingen. Vielleicht legten sich Gläubige auch in das Steingrab, um sich besonders intensiv in Jesu Leid und Tod einzufühlen. Oder das Steingrab  ist vorchristlichen Ursprungs? Direkt beim Steingrab stießen Archäologen auf drei Skelette. Sie waren vollständig… bis auf die Füße. Wurden hier – diese These wird auch vertreten – Druiden eingeweiht? Vollzogen sie in geheimen Ritualen den Kreislauf des Lebens… von Tod und Auferstehung? Ein »Archäologe« vor Ort erklärte mir, bei den Skeletten ohne Füße handele es sich um verstoßene Kelten. Man nahm ihnen die Füße, so die Erklärung, um sie daran zu hindern ins Jenseits, in die »Anderswelt«, zu wandern.

Foto 6: Autor Langbein meditiert im Felsengrab (Foto Inge Diekmann)

In der Mythenwelt der Kelten gab es Schwellenorte, an denen ein Übergang zur anderen Welt besteht. An diesen ganz besonders heiligen Orten ist nach Keltenglauben die Kontaktaufnahme mit der jenseitigen Welt möglich. War das Felsensteingrab also keltischen Ursprungs? Legte man sich in die mumienförmige Kuhle, um Kontakt mit den Toten aufzunehmen? Das Felsengrab liegt an einem kleinen, künstlich angelegten See. Die Kelten glaubten an Tore zur Anderswelt. Solche Übergänge gab es in ihrer Glaubenswelt zum Beispiel unter Seen. Nun liegt das Steingrab der Externsteine nur wenige Meter von einem künstlich angelegten See entfernt. In seiner heutigen Form wurde er erstmals von der lippischen Fürstin Pauline in den 1830er Jahren in Auftrag gegeben. Gab es vielleicht just an jener Stelle schon sehr viel früher einen See?

Foto 7: Felsengrab (senkrechter Pfeil), Teufelsarsch /wagrechter Pfeil)

Lassen Sie mich spekulieren: Fakt ist, dass sich unterhalb der Externsteine eine vermutlich natürliche Höhle befindet. Man sieht sie in der Regel nicht, weil ihr Eingang weitestgehend unter dem Spiegel des Sees liegt. Kombinieren wir: Wenige Meter vom Sargstein entfernt gibt es unter dem Wasserspiegel eines Sees eine Höhle. Ist es reiner Zufall, dass dieses Szenario exakt keltischen Vorstellungen entspricht? Die Höhle wäre dann die Unterwelt… oder der Eingang in die Unterwelt… unter einem See! Keltischer geht es kaum noch.

Zu dieser Höhle gibt es eine sehr interessante Sage…Die Höhle wird in der Regel beschönigend als »Teufelssloch« bezeichnet. Ihr eigentlicher Name aber lautet, deutlich derber »Teufelsarsch«. Doch lauschen wir der Sage! Die Sage erklärt, wie es zum Namen kam! Der Teufel war ob des christlichen Treibens an den Externsteinen mehr als empört. Er (7) »konnte nicht leiden, daß etwas Gutes daselbst verrichtet wurde, derowegen  hat er sich unterstanden, mit Gewalt den Stein umzustoßen. Die Alten weiseten daselbst, an welchem Ort des Steins der Teufel angefangen. Und er hat sich mit aller Macht dagegen gestemmt, hat ihn aber nicht umwerfen können. So mächtig aber hat er sich dagegen gedrängt, daß sich sein Hinterer tief in den Stein gedrückt hat, wie man noch sehen kann.«

Foto 8: Keltisch oder christlich? Kreuzabnahmerelief... unter dem Kreuz

Mit anderen Worten: Der Teufel höchstselbst wollte den Stein mit dem Kreuzabnahmerelief umwerfen. Und weil er sich mit unglaublicher Gewalt mit seinem Allerwertesten gegen den Stein presste, entstand die Höhle. Eine Vermutung liegt nahe: Die Höhle wurde in vorchristlichen Zeiten für kultische Handlungen der heidnischen Art verwendet…. der keltischen vielleicht? Für die frommen Christen jedenfalls war das böses, gegen den christlichen Glauben gerichtetes Teufelswerk! Und deshalb wurde die heidnische (keltische??) Höhle zum – pardon – »Teufelsarsch«!


Fußnoten

Foto 9: Externsteine vom See aus, etwa 1910 (Archiv W-J.Langbein)
1) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom
Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
2) ebenda!
3) Siehe hierzu…. Braun, Wolfgang: »Geheime Orte in Ostwestfalen/ Ein
     Ausflugsführer«, Berlin 2015. (Externsteine, Tour 2, Die Externsteine lassen viele
     Fragen offen, S. 42-49)
Foto 10: Der »Wackelstein«
4) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
5) ebenda
6) ebenda
7) Mundhenk, Johannes: »Forschungen zur Geschichte der Externsteine, Band II,
     Untersuchungen zur Jüngeren Geschichte der Externsteine«, Lemgo 1980, S
     127/28 (Orthographie nicht angepasst!)

Zu den Fotos
Fotos 1-5: Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Ingeborg Diekmann
Fotos 7 und 8: Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Archiv Langbein (etwa 1910)
Foto 10: Walter-Jörg Langbein 

304 »Die Externsteine und das Blutloch«,
Teil 304 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.11.2015


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Sonntag, 3. Mai 2015

276 »Adam, Eva und Dämonen«

Teil 276 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Basilika und Festung...

Eine Fülle von Bildern, in Stein gemeißelt, zieht an meinem geistigen Auge vorüber, wenn ich an meinen Besuch vor Ort in der Basilika von Vézelay denke. An einzelne kunstvoll reliefartig gearbeitete Szenen kann ich mich sehr gut erinnern. Da waren zum Beispiel zwei Männer zu sehen, die genüsslich Weintrauben verzehrten. Andere Kapitelle wiederum boten »nur« kunstvoll ausgearbeitete Ornamente oder Blattwerk. An die »Bremer Stadtmusikanten« erinnerte mich die Darstellung musizierender Tiere.


Adam und Eva von Höxter
Manch‘ biblisches Motiv ist ganz eindeutig zu verstehen. Da waren, ich erinnere mich sehr genau, Adam und Eva zu sehen, beide – angedeutet – nackt. Der unbekannte Künstler von Vézelay vermied einen Fehler, der bis heute immer wieder gemacht wird! Was viele Zeitgenossen nicht wissen: 

Die falsche Frucht
Der biblische Bericht vom »Sündenfall« spricht nicht von »Äpfeln«, sondern allgemein von Früchten, die Adam und Eva nicht verzehren durften. Im Säulenkapitell von Vézelay sind es Weintrauben, die den ersten Menschen zum  Verhängnis werden.Adam und Eva von Höxter (Foto links) haben eindeutig die falsche Frucht konsumiert (Foto rechts).

Nach der »Vertreibung von Adam  und Eva aus dem Paradies durch einen Engel mit Flammenschwert« suchte unser mönchischer Führer vergeblich. Er fand die Darstellung nicht, versicherte uns aber immer wieder, sie »erst gestern« gesehen zu haben. Heute bezweifele ich, dass es eine solche Darstellung in Vézelay überhaupt gibt. Jedenfalls habe ich nirgendwo in der – allerdings spärlichen – Literatur einen Hinweis auf eine solche Szene in der Basilika von Vézelay ausfindig machen können.

Vertraut war mir damals beim Besuch vor Ort die Geschichte von David und Goliath. Nachdem der kleinwüchsige David den hünenhaften Goliath mit seiner Steinschleuder außer Gefecht gesetzt hatte und der Riese zu Boden gestürzt war, hatte David leichtes Spiel. Er lieh sich das Schwert des Besiegten und hieb ihm das Haupt vom Rumpf. Was die kleine kunstvolle Illustration zur biblischen Erzählung von David und Goliath so interessant macht? Fast im Stil eines heutigen Comicstrips wird dargestellt wie David gerade seine Steinschleuder schwingt. Und dann sieht man den besiegten Goliath, dem David just den Kopf vom Leibe trennt. Beide, zeitlich natürlich aufeinander folgenden Szenen, wurden vom unbekannten Künstler in Vézelay in einem Bild aus Stein vereinigt.

David und Goliath von Vézelay

Andere Darstellungen haben überhaupt keinen erkennbaren biblischen oder auch allgemein religiösen Hintergrund. Mich beeindruckte der Kampf zwischen zwei Rittern. Unser frommer Führer erklärte, die beiden Ritter symbolisierten Streit und Zwietracht. Spannend fand ich Mythologisches. Da gab es zum Beispiel einen muskulösen Zentauren. Das Fabelwesen aus der griechischen Mythologie, halb Mensch, halb Pferd, war mit Peil und Bogen ausgestattet und zielte auf einen riesigen Vogel. Mir tat damals das potentielle Jagdopfer sehr leid. Saß es doch ahnungslos an einem Baum und pickte friedlich an den Zweigen herum.

Beängstigend war ein bemerkenswerter Zweikampf, den eine Mann und eine Frau austrugen. Der Mann war, so schien es, auch eine Art Zentaur. Oder war es ein Mensch der auf einem monströsen Fabelwesen ritt? Die Frau war wohl – auch? –  eine Art Zentaur. Sie hatte den Leib eines Vierbeiners, eher eines Rindes als eines Pferdes, ansonsten war sie irdisch-verführerische Frau.

Sehr beeindruckt hat mich, ich erinnere mich genau, an einen riesenhaften Adler, der ein kleines Menschlein entführte und durch die Lüfte davontrug. Sollte als Vorlage alte Mythologie gedient haben? Dann war der Adler kein Geringerer als Gott Jupiter höchstpersönlich, der in Gestalt eines Adlers Ganymed verschleppt hat. Wie auch immer: Eine hässliche Fratze beobachtete wohlgefällig, ja zufrieden grinsend das Geschehen. Von solchen Bildnissen wollte uns unser ansonsten sehr geduldiger Führer immer wieder weglocken, um uns biblische Darstellungen zu zeigen und zu erklären.

Moses, das Goldene Kalb...
Immer wieder gab es Darstellungen von zwei aufeinander folgenden Szenen, die auf den Säulenkapitellen zu einem Bild vereinigt wurden. Ein weiteres Beispiel: Moses hatte Gott höchstselbst auf dem »Heiligen Berg« getroffen und die berühmten beiden steinernen Tafeln mit den »Zehn Geboten« erhalten. Als Moses mit diesen konkreten Vorschriften Gottes vom Berg herabkam, musste er entsetzt feststellen, dass sich das Volk längst heidnischem Glauben zugewendet hatte. Aus Goldschmuck hatten die Undankbaren ein Standbild gefertigt, das »Goldene Kalb«, dem sie tanzend und frohlockend huldigten. Diesem Idol opferten sie.

Auf dem Säulenkapitell sieht man nun Moses mit den Gesetzestafeln, das Kalb, einen Menschen, der auf seinen Schultern ein Opfertier heranträgt… und über dem Kalb frohlockt jubilierend, die Arme begeistert gen Himmel reckend, den Mund weit zum  triumphierenden Schrei aufgerissen, ein böser Dämon. Der teuflische Unhold hat – wohl als kennzeichnendes Merkmal für höllische Gestalten – wild gen Himmel stehende Flammenhaare! Solche Dämonen wurden immer wieder auf Kapitellen von Vézelay verewigt!

Höllische Kreaturen – Dämonen – tauchten, so ich mich recht entsinne, immer wieder auf, auf den Säulenkapitellen. Mit brachialer Gewalt peinigten sie ihre Opfer. Da waren in einer Darstellung gleich drei wahrlich bösartige Teufel zu sehen… nach erfolgreichem Verbrechen! Sie hatten soeben ein Menschlein von einem hohen Turm gestürzt. Einer der drei höllischen Unholde wollte wohl auf »Nummer Sicher« gehen und versetzte dem zerschmettert am Boden liegenden Sünder einen wuchtigen Hieb auf den Kopf.

Eine Art Drachen – eine Mixtur aus verschiedenen Tieren – und eine riesige Heuschrecke saßen einander gegenüber. Laut klösterlichem Führer sei die Riesenheuschrecke – warum auch immer – als die bekehrte Heidenwelt zu verstehen, die sich dem Christentum zugewendet hatte. Das furchteinflößende Drachenmischwesen wiederum, das die Neu-Christen zu attackieren gedachte, sei leicht als der Teufel selbst zu erkennen. Weitschweifig erklärte der Gottesmann, dass der Teufel immer wieder versuche, Neubekehrte Christen vom wahren Glauben abzubringen und wieder zu Heiden zu machen. Kurzum, der Teufel missioniere für Irrglauben und brächte Verderben, Tod und ewige Höllenqual.

Vézelay als Briefmarkenmotiv, Frankreich 1946

Dieser »ewige Kampf« zwischen den göttlich-himmlischen und den teuflisch-bösen Mächten sei vielfach auf den Säulenkapitellen von Vézelay zu sehen. Das Böse locke mit Sünde, sprich mit den Verlockungen schöner Frauen. Auf einem der Kapitelle sah man eine schöne Frau, die einen jungen Mann bezirzen will. Ob das »böse Weib« den Jüngling vom rechten Pfad abbringen kann? Die steinerne Reliefarbeit ließ das Ende der Geschichte offen. Daneben gab es noch zwei Menschlein undefinierbaren Geschlechts, die sich – verliebt – an den Händen hielten. Der manchmal etwas sehr grimmige Mönch wertete die Darstellung als »Sünde des Fleisches«. Er zeigte auch wiederholt große Bedenken, als mir mein Vater seine Erklärungen übersetzte. Er meinte wohl, dass ich zu jung sei, um von derlei »Sündenpfuhl« zu erfahren.

Ganz eindeutig zu erkennen waren ein hold lächelnder Engel und ein Teufel mit grässlicher Fratze. Engel und Teufel seien die mächtigen Vertreter von Gut und Böse. Der hämisch grinsende, hasserfüllt die Zähne fletschende Satan hatte nur das ewige Verderben der Menschen im Sinn. Der Engel, als Vertreter der Himmelsmacht, hingegen wollte verhindern, dass die Menschen den »sündigen Verlockungen« aus der Höllenwelt zum Opfer fielen.

Zu den schönsten Darstellungen gehören die Reliefarbeiten an einem der Kapitelle im südlichen Seitenschiff. Aus der Vorhalle kommend sieht man rechts eine imposante Säule. An der Westseite dieser Säule kämpfen im Kapitell zwei mythologische Fabelwesen miteinander. An der Südseite der Säule wird im Kapitell ein Hirte von einem Adler durch die Lüfte entführt. An der Ostseite des Säulenkapitells musizieren Tiere. Thema der Nordseite des Säulenkapitells: Judas Tod am »Galgen« und Abtransport des toten Verräters.

Adam und Eva von Vézelay
Geht man weiter nach Osten in Richtung Chor, steht man vor der nächsten Säule, deren Kapitelle sehr interessant sind. An der Nordseite ist im Kapitell eine der vielen grausamen Mordtaten des Alten Testaments verewigt. Abschalom (zu Deutsch: »Vater des Friedens« oder »Der Vater ist Frieden«) lässt seinen Halbbruder Amnon (zu Deutsch: »Treue«) aus Rache ermorden. Amnon hatte sich krank gestellt, Abschaloms Halbschwester Tamar war ans Krankenlager geschickt worden, um den heimtückischen Amnon verköstigen und zu pflegen. Amnon nutzte die Gelegenheit und vergewaltigte Tamar. Da traf es sich gut, dass Amnons Vater kein Geringerer als der legendäre König David war. So wurde Amnon nicht, wie es das mosaische Gesetz eigentlich forderte, hingerichtet. Abschalom sann auf Rache. Als er gemeinsam mit Amnon ein rauschendes Fest feierte, ergab sich eine günstige Gelegenheit. Als Amnon betrunken war, ließ ihn Abschalom von Gefolgsleuten töten. Das Relief am Säulenkapitell zeigt den gewaltsamen Tod Amnons.

Die Ostseite des Säulenkapitells bietet angeblich eines der schönsten Kunstwerke von Vézelay. Auf den ersten Blick wurde hier das wohl bekannteste Paar der Bibel im steinernen Relief hoch oben am Ende der Säule verewigt. Wir erkennen zwei Menschen, beide sind nackt, beide hantieren mit großen Blättern. Beide sind wohl im Begriff, ihre Blöße mit den Blättern zu bedecken. An den Beinen der Nackten klettert eine Schlange empor. Das alles kennen wir aus dem Schöpfungsbericht. Die Schlange hat Eva verleitet, gegen das göttliche Verbot zu verstoßen... Im 1.Buch Mose (Kapitel 3, Verse 6 und 7) lesen wir:

»Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.«

Just dieses Szenario, so scheint es, wird hoch oben am Säulenkapitell dargestellt. Ein weiteres Detail deutet auf »Adam und Eva« hin.....

Ein weiteres Detail...

Daszu mehr in der nächsten Folge.... Und noch ein Detail... Rätsel über Rätsel in Vézelay.....

Fotos

Basilika und Festung: Foto wiki commons/ Ziegler175
Adam und Eva von Höxter: Foto Walter-Jörg Langbein
Die falsche Frucht: Foto Walter-Jörg Langbein
David und Goliath von Vézelay: Foto wiki commons/ Vassil
Moses, das Goldene Kalb..: Foto wiki commons/ Vassil
Vézelay als Briefmarkenmotiv, Frankreich 1946:
Foto Archiv Langbein
Adam und Eva von Vézelay: Foto wiki commons/ Vassil
Ein weiteres Detail: Foto wiki commons/ Vassil
Und noch ein Detail (Foto links!): Foto wiki commons/ Vassil

277 »Maria Magdalena, Heilige und falsche Märtyrer«
Teil 277 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 10.05.2015

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Sonntag, 30. November 2014

254 »Ein Menschenfresser und Maria«

»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 3«

Teil 254 der Serie

»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein



Das Münster zu Hameln. Foto W-J.Langbein

Das Münster zu Hameln kann als Modell eines mythischen Universums gesehen werden. Die Krypta stellt die Unterwelt dar, der Innenraum des Gotteshauses steht für die Welt der Lebenden und die hohen steinernen Säulen tragen das Himmelsgewölbe. Fast identisch war die Vorstellungswelt der Mayas. Die Wurzeln des Ceiba-Baums sind ein Abbild der Unterwelt, die hohen schlanken Stämme versinnbildlichen die Welt von uns Lebenden und die Krone wird mit dem Himmel gleichgesetzt. Diese drei »Etagen« finden wir auch im Münster zu Hameln.

Die Krypta von Hameln. Foto W-J.Langbein

Die Krypta – Unterwelt – wird von so manchem Besucher des Gotteshauses aufgesucht. Die zweite »Etage« wird von zahllosen Besuchern aus aller Herren Länder langsam oder hastig durchschritten. Kaum einer freilich bringt die Krypta mit der Unterwelt oder gar mit der Hölle in Verbindung.

Dabei gibt es auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus im »christlichen Abendland« nach wie vor die Vorstellung von der »Hölle«. Man denkt an einen nach Schwefel stinkenden Ort, wo gewaltige Feuer lodern und arme Seelen für ihre Sünden büßen müssen. »Das Handbuch der Bibelkunde« vermeldet (1):

»Die Hölle unseres Begriffs hat im biblischen Sprachgebrauch keine genaue Entsprechung:« Und doch hat es einen realen Ort im Land der Bibel gegeben, der unserer Vorstellung vordergründig zumindest nahe kommt. Um 800 v.Chr. gab es diese »Hölle« im Südwesten Jerusalems.


Im Gehenna-Tal wurden dem assyrischen Gott Moloch (links) Opfer dargebracht. Dann und wann sollen sogar Menschen verbrannt worden sein, um ihn gnädig zu stimmen. Den Jahweanhängern war jene Stätte ein Ort des Grauens. Vermutlich störte sie die Tatsache, dass dort gelegentlich Menschen ihr Leben ließen, nicht sonderlich. Dass aber dort einem fremden König gehuldigt wurde, missfiel ihnen sehr. Deshalb ließ König Josias um 625 v.Chr. das Tal entweihen. Weil es den Anhängern eines fremden Glaubens heilig war, ließ er es in eine stinkende Abfalldeponie verwandeln. Berge von Knochen wurden aufgehäuft und verbrannt. Müll wurde angekarrt und ebenfalls angezündet. Schwefel wurde beigefügt, um die Feuersglut Tag und Nacht nie verlöschen zu lassen. Es entstand ein Ort, der unserer Vorstellung von Hölle recht nahe kommt.

Aus der fremden Kultstätte war ein stinkendes Abfallfeuer geworden. Der Prophet Jesaja nun dachte an die Zukunft. Dort würden jene Juden, die nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes lebten, ihre gerechte Strafe erhalten: im »Glutofen« (2) des Gehenna-Tals. Hier würden dann die vom rechten Glauben abgefallenen Juden auf ewige Zeiten brennen (3):

»Und sie werden hinausgehen und schauen die Leichname derer, die von mir abtrünnig waren. Denn ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allem Fleisch ein Gräuel sein.«

Die Hölle ist nach unserer Vorstellung der Wohnort der Teufel, die die Sünder peinigen und quälen. Unsere Hölle ist die Heimat bösartiger Dämonen. Die biblische Gehenna-Hölle ist ein Ort, an dem Gott strafen wird: Und zwar ausschließlich vom Glauben abgefallene »Gottlose«. Teufel sind da nicht vorgesehen.

Der Moloch von Hameln. Foto W-J.Langbein

Durch den griechischen Einfluss auf das »Neue Testament« kam es zu einer Helenisierung des Begriffs »Hölle«.  Offensichtlich entwickelte sich das Bild vom künftigen Ort des Gerichts zu einem »Warteraum« für Tote, in welchem Verstorbene auf die himmlische Justiz warten. Bei Lukas lesen wir (4): »Als er nun (der Reiche) bei den Toten war, hob er seine Augen in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.« So kommt zum heißen Ort der Qualen im »Neuen Testament« noch eine Art »Himmel« hinzu.

Jesaja weiß nur von einer stinkenden Hölle (5): »Denn vorlängst ist eine Gräuelstätte zugerichtet; auch für den König ist sie bereitet. Tief, weit hat er sie gemacht, ihr Holzstoß hat Feuer und Holz in Menge; wie ein Schwefelstrom setzt der Hauch des Herrn ihn in Brand.« Der »Schwefelstrom« blieb im Volksglauben bis in unsere Zeiten erhalten: Gilt doch nach wie vor bei vielen Gläubigen die Hölle als nach Schwefel stinkender Ort des Grauens. Und der Teufel selbst, Herr der Unterwelt mit vielen Namen, soll ja einen intensiven Schwefelgestank verbreiten!

Menschenfresser Moloch.
Im »Alten Testament« kommt ein Himmel, so wie wir ihn uns heute vorstellen, nicht vor. Das »Alte Testament« kennt lediglich die Himmel als das Firmament, das sich über den Menschen wölbt.

Der modernisierte Terminus »Gehenna« imitiert lautsprachlich das aramäische »Gehanna« und entspricht dem hebräischen »Ge Hinnom«. »Ge Hinnom«  lässt sich das mit »Sohn von Hinnom« übersetzen. Das »Gehenna-Tal« war demnach das »Tal des Sohns von Hinnom« oder – zutreffender –  »Schlucht des Sohns von Hinnom«. Vom stinkenden Höllenschlund zum Teufelsberg. Östlich von Jerusalem wurden auf einem Berg dem Moloch kleine Kinder geopfert (6):

»So sollst du dem Herrn, deinem Gott, nicht dienen; denn sie haben ihren Göttern alles getan, was dem Herrn ein Gräuel ist und was er hasst; denn sie haben ihren Göttern sogar ihre Söhne und Töchter mit Feuer verbrannt.« Es gibt keinen Zweifel, dass da auf grausame Weise dem Gott Moloch gehuldigt wurde: indem Kinder bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Hinter dem Namen Moloch verbirgt sich das hebräische Wort für König. Sollte also ein König der Hölle gemeint sein? Oder war er gar ursprünglich ein Bewohner des Himmels, der zum menschenfressenden Monster mutierte? In der Kunst wurde Moloch immer wieder gern als kinderverschlingendes Ungetüm gezeigt. Nur wenige Besucher des Münsters zu Hameln wissen, dass hoch oben auf einer der Säulen Moloch höchstselbst dargestellt sein könnte.

Moloch frisst ein Kind. Fotos W-J.Langbein

Die Säulenkapitelle erlauben den Blick in eine zum Teil albtraumhafte Welt des Grauens. Spärlich beleuchtet scheinen sich die in Stein gemeißelten Abbildungen zu verändern, zu bewegen. Aus  kunstvoll gearbeiteter Ornamentik formieren sich plötzlich Monsterwesen. Da sind zwei schlangenartige, hoch aufgerichtete Kreaturen. Beide blicken zueinander, das heißt…. auf ein Wesen in ihrer Mitte. Ich halte die rätselhafte Darstellung für ein Bildnis des Menschenfressers Moloch.

Spinnweben erinnern an das Ambiente eines Horrorfilms mit Vincent Price. Pflanzenartig wuchern die zwei hässlichen Geschöpfe, deren Augen und Mäuler immer klarer zu erkennen sind, je genauer man hinschaut. Nach und nach gewöhnt sich das menschliche Auge an die ungünstigen Lichtverhältnisse. Nach und nach tritt »mein« Moloch hervor. Durch das lichtstarke 400-Millimeter-Objektiv meiner Kamera erkenne ich Details. Moloch starrt in Richtung Betrachter. Mit festem Griff hat er ein Kind gepackt, sein Kopf hängt nach unten, die Beine sind anscheinend schon im Maul des gefräßigen Kannibalen verschwunden. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis das arme Geschöpf vollständig im Rachen des Moloch verschwunden sein wird!

Erkennen Sie die mysteriöse Muttergottes? Foto W-J.Langbein

Wenn Ihnen der Moloch zu düster ist, suchen Sie am besten die Darstellung der Gottesmutter. Sie finden sie am südlichen Mittelschiffpfeiler, Nordostecke, entstanden vor etwa 800 Jahren! Es handelt sich um eine rätselhafte Maria mit Lichtscheibe. Hoch oben an einem der Säulenkapitelle – in Gesellschaft von Moloch, Sauriern und anderen mysteriösen Wesen – blickt die Muttergottes auf den Kreuzaltar…

Maria mit der »Lichtscheibe«. Foto W-J.Langbein

Die biblischen Bilder – auch jene von Hölle und Himmel – sind das Ergebnis einer Entwicklung über viele Jahrhunderte hinweg, die vielleicht niemals abgeschlossen ist. Die christlichen Glaubensvorstellungen – etwa von Hölle und Himmel – sind nicht als fertige Gedanken übernommen worden. Sie haben sich nach Beendigung der Arbeit an den biblischen Texten nach und nach entwickelt. Das zeigt, dass Glaube sich seit mehr als zwei Jahrtausenden verändert. Diese Erkenntnis gibt zu Hoffnung Anlass: Auch heute und morgen wird sich Glauben ändern. Nur dann kann er langfristig dem suchenden Menschen Hilfe bieten.

Menschenfressende Monster sollten in keiner Religion mehr zu finden sein. Es gibt sie auch nicht mehr, diese schrecklichen Wesen. Sie sind überflüssig geworden, weil fundamentalistische Fanatiker mit zunehmender Begeisterung die Rolle des mordenden Molochs übernehmen. Sie tun das mit religiöser Inbrunst, wollen den Weg ins Paradies antreten. Sie erreichen aber, dass schon im Hier und Jetzt die Welt zur Hölle wird. Als Teufel bewähren sich dann fanatische Menschen.

Ein Glaube, der einmal stehen bleibt, ist ein Auslaufmodell und verschwindet irgendwann in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit. Aber sind die Vertreter der heutigen großen Religionen überhaupt dazu bereit, Glaubenslehren der aktuellen Zeit anzupassen? In einer Zeit der moralischen wie religiösen Ungewissheit droht eine große Gefahr, nämlich dass Fundamentalisten immer mehr Zulauf gewinnen. Warum? Weil immer mehr Menschen Zweifel nicht ertragen können und begeistert jenen folgen, die möglichst lautstark ganz präzise postulieren, was angeblich Gott von uns Menschen fordert.

Fußnoten

Der Ceibabaum der Mayas. Foto W-J. Langbein
 
1) Mertens, Heinrich A.: »Handbuch der Bibelkunde«, 

Düsseldorf  1966, Seite 336
2) Der Prophet Jesaja Kapitel 31, Vers 9
3) Der Prophet Jesaja Kapitel 66, Vers 24
4) Das Evangelium nach Lukas Kapitel 16, Vers 23
5) Jesaja Kapitel 30, Vers 33
6) 5. Buch Mose Kapitel 12, Vers 31

»Ketzerisches von einem Theologen«,

Teil 255 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 07.12.2014
 



Fußnoten

1) Mertens, Heinrich A.: »Handbuch der Bibelkunde«, Düsseldorf  1966, Seite 336
2) Der Prophet Jesaja Kapitel 31, Vers 9
3) Der Prophet Jesaja Kapitel 66, Vers 24
4) Das Evangelium nach Lukas Kapitel 16, Vers 23
5) Jesaja Kapitel 30, Vers 33
6) 5. Buch Mose Kapitel 12, Vers 31


Teil 255 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 07.12.2014

 


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Sonntag, 1. Juni 2014

228 »Die Göttin, die aus dem Brunnen kam«

»Das Paradiestor und seine Sphingen Teil 3«,
Teil 228 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein  


Muttergottes mit Jesuskind
Foto Walter-Jörg Langbein


Der Dom zu Paderborn birgt viele Geheimnisse. So heißt es, dass er auf einem uralten heidnischen Wassertempel gebaut wurde. Die frommen Erbauer des Doms haben, womöglich im Auftrag Karls des Großen (auch Sachsenschlächter genannt) ein uraltes vorchristliches Heiligtum zerstört. Darauf – auf den uralten Ruinen – wurde dann der Dom gebaut, der eigentliche Ursprung des sakralen christlichen Bauwerks sollte in Vergessenheit geraten.

Im Zentrum des vorchristlichen Doms stand wohl eine Göttin. Den Namen der uralten Wassergottheit kennen wir nicht mehr. Hinlänglich bekannt ist aber, dass weltweit Quellheiligtümer Muttergöttinnen geweiht waren. Der Überlieferung nach wurde aus der heidnischen Fruchtbarkeitsgöttin die Gottesmutter Maria. In einer Darstellung von Maria mit Jesus-Kind im Dom zu Paderborn schimmert das Bild der Göttin aus heidnischen Zeiten durch. Zur Göttin gehörte einst die heilige Schlange. Im christlichen Bild beißt sie der  Muttergottes in den Fuß. (Siehe Foto! Im Kreis: Das beißende Haupt der Schlange!)

Es riecht muffig. Es ist dunkel. Kleine Falter werfen gespenstische Schatten an klamme Steinwände. Mir fällt eine Zeile ein, die ich bei Edgar Allan Poe gelesen habe (1): »Ich schritt eine lange gewundene Treppe hinab und bat ihn, mir vorsichtig zu folgen.« Nicht Fackeln wie bei Poe spenden spärliches Licht, sondern einzelne matte, altersschwache Glühbirnen.

»Kommen Sie nur!«, fordert mich der alte Herr auf. »Halten Sie sich am Handlauf fest!« Kalt fühlt sich das metallene Geländer der steilen Wendeltreppe an. Die metallenen Stufen ächzen bei jedem Schritt, hallen im schachtähnlichen Raum seltsam wieder.

Wir halten einen Moment inne. »Im Moment befinden wir uns auf gleichem Niveau wie der Boden der Krypta unter dem Dom…« Der Herr fordert mich auf, an die Mauer zu fassen. Sie fühlt sich kühl und feucht an. »Hier gibt es überall unterirdische Quellen!«, erfahre ich. »Da drückt das Wasser durch…«

Blick in die Krypta von Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein

Wir steigen weiter in die Tiefe. Der muffige Geruch wird stärker, dumpfer. Ich muss husten. Weiter geht es in die »Unterwelt« von Paderborn…. »Solche Brunnen gab es früher in fast jedem anständigen Haus…«, lacht mein Führer. Er in unserer Zeit sprudelt das Trinkwasser aus dem Wasserhahn.

»Meine Großeltern haben aus der Quelle Wasser geschöpft… haben es getrunken, zum Kochen verwendet. Es muss sehr sauber gewesen sein!« Er selbst möchte das Risiko nicht eingehen, auch nur einen Schluck aus der einstigen »Hausquelle« zu nehmen. »Wer weiß, was da an Keimen drin herum schwimmt! Was da alles reinsickert, Düngemittel, zum Beispiel, Gülle… Einfach ekelhaft!« Er bückt sich und öffnet eine quadratische Klappe am Boden, etwa einen Meter mal einen Meter. »Ich muss das mal ölen…«, erklärt er mir. Kreischend protestiert das eiserne Scharnier, die Klappe wird an die steinerne Wand gelehnt. Eine wenig vertrauenserweckende Leiter führt weiter in die Tiefe. Ich höre leises Wasserrauschen.

Ein Drache im Dom zu Paderbnorn, altes Symbol der Göttin.
Foto W-J.Langbein


»Es gab einst Hunderte von Quellen unter der Stadt… auch unter’m Dom!«, erfahre ich. »Dann stimmt die alte Sage?«, will ich wissen. »Vom Brunnen unter’m Dom?« Der alte Herr lacht. »Natürlich! Der alte Seiler hat sie aufgezeichnet!«

Josef Seiler (1823-1877) war fasziniert von alten Erzählungen und Sagen. 1848 erschien sein Werk »Volkssagen und Legenden des Landes Paderborn«. Seiler, der mit Größen wie Richard Wagner und Franz Liszt bekannt war, hielt auch die mysteriöse Geschichte »Der Brunnen im Dom« fest. Sie mutet märchenhaft an. Demnach ruhen im Brunnen unter dem Dom zu Paderborn unermessliche Schätze, Gold und Edelsteine, doch durch einen magischen Bann geschützt. Ein alter Bischof soll vor langer Zeit einen Magier aufgesucht haben. Der Zauberer und der Bischof schlossen sich im Dom ein.

»Staubpulver«, ein »magischer Spiegel« und »Zauberringe« kamen zum Einsatz. Monströse, riesenhafte Gestalten wurden im Spiegel sichtbar, das Wasser im Brunnen schäumte. Plötzlich wich es in die Tiefe zurück. Stufen wurden sichtbar. Der Magier stieg die Treppe hinab. Weit unten in der Tiefe öffnete er eine Tür, in der er verschwand. Als er wieder erschien, füllte sich der Brunnenschacht wieder mit Wasser. Der Magier aber kam nicht mit leeren Händen zurück. Er trug er ein uraltes, schweres, steinernes Bildnis. Die Statue, so heißt es, strömte lieblichen Duft aus. Der Bischof hatte nur eine Erklärung: Das konnte nur die Mutter Gottes sein. Und so stellte der geistliche Würdenträger das »Muttergottesbild« voller Bewunderung ob des Wunders, das er erlebt hatte, »mit eigenen Händen … auf den Hochaltar«.

Ein Teufel im Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein

Der Sage nach wollte nun der Bischof selbst in den Brunnen hinab steigen, da halfen auch die Warnungen des Magiers nicht. Wieder setzte der Zauberer seine geheimnisvollen Kräfte ein, wieder murmelte er unverständliche Formeln, wieder toste das Wasser im Brunnen, wieder wich es zurück. Der alte Bischof, so heißt es, stieg die Treppe hinab, öffnete tief unten im Schacht die Tür. Kaum hatte er sie hinter sich geschlossen, füllte sich der Brunnen wieder mit schäumendem Wasser. Den Bischof hat man nie wieder gesehen. Verschwunden ist, der Sage nach, damals auch der Magier. Ob er das »Muttergottesbild« mit genommen hat?

Bei meinem Quellenstudium in Sachen Dom zu Paderborn stieß ich auf ein Werk (2) von Dr. Dr. Georg Buschan (1863-1942). Der promovierte Mediziner und Philosoph bereiste als Ethnologe Afrika, den Balkan und Ostasien. Der hoch angesehene Wissenschaftler gab das »Centralblatt für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte« heraus. Der Wissenschaftler hält fest, »dass in der Vorzeit Quellen mit der Verehrung von heiligen Quellen in Verbindung standen.« Er führt weiter aus: »Eine solche heilige Quelle hat in germanischer Vorzeit auf dem Grund und Boden bestanden, wo der heutige Dom von Paderborn erbaut wurde. Die geschichtliche Überlieferung berichtet, dass Karl der Große diesen an der gleichen Stelle habe erbauen lassen, an der ein heidnisches Heiligtum gestanden habe, und die Legende fügt hinzu, dass unter ihm 500 Quellen entsprungen seien.«

Merkwürdiges Männchen mir seltsamen »Kugeln«.
Foto W-J.Langbein

Die Sage vom Muttergottesbild aus dem Brunnen im Dom deutet auf ein vorchristliches, matriarchalisches Heiligtum hin. Karl der Große hat es wohl zerstört. Offenbar war er mächtig stolz darauf, den heidnischen Drachen besiegt zu haben. An Drachen erinnern auch die mysteriösen »Sphingen« zu Füßen der Heiligenfiguren am »Paradiestor« des Doms zu Paderborn. Könnte man doch das reich mit seltsamen Kunstwerken geschmückte Tor wie ein Buch lesen! Was würde es uns erzählen?

Wer »Drachen« sucht, wird im Dom zu Paderborn fündig. Kaum ein Besucher des Gotteshauses ahnt auch nur, dass der Drache die christliche Verballhornung uralter Göttinnen aus vorchristlichen Zeiten sind. Ein besonders schönes Exemplar findet sich als sakrale »Laubsägearbeit« in einer Tür im Bereich der Krypta… und dicht bei… macht der gehörnte Teufel selbst seine Aufwartung. Der kleine Drache wirkt geradezu anmutig, erinnert an ein munter über Wiesen springendes Reh oder Pferd. Und der Teufel macht einen harmlos-nachdenklichen Eindruck.

Seltsame Gestalten im Dom zu Paderborn...
am Paradiestor. Foto W-J.Langbein

Rätsel über Rätsel bietet der Dom zu Paderborn….. Da wäre zum Beispiel die Darstellung eines Männchens, das im Stein in seltsamer Pose verewigt wurde. Es scheint zu knien. Es hat jedenfalls ein Bein angewinkelt, das andere lang ausgestreckt. Ob das Männchen dem seltsamen Tier bewusst Platz bietet? Jedenfalls bietet es sein lang nach hinten gestrecktes Bein ausreichend Platz. Auf diesem Bein sitzt ein sehr großer Vogel mit mächtigem Schnabel. Das Männchen blickt nach vorn, greift mit einem Arm nach hinten und hält ein Bein des Vogels. Eine Erklärung für diese seltsame Darstellung gibt es nicht. Mir scheint, dass altes Wissen im und am Dom zu Paderborn verewigt wurde, das im Lauf der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten ist. Werden wir je wieder diese alten Kunstwerke wie ein Buch lesen können?

Das Männchen mit dem Vogel am Paradiestor.
Foto W-J.Langbein


Fußnoten


1) Poe, Edgar Allan: Das Fass Amontillado
2) Buschan, Georg: Altgermanische Überlieferungen in Kult und Brauchtum der Deutschen, München 1936


» Monster aus Stein - Das Paradiestor und seine Sphingen Teil 4«,
Teil 229 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.06.2014




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