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Sonntag, 3. Februar 2019

472 »Verbotene Artefakte«


Teil 472 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Rekonstruktion eines kuriosen Artefakts


 Tabus gibt es nicht nur in exotisch-heidnischen Religionen. Religiöse Tabus gibt es auch in unseren Gefilden. In der Politik gibt es Tabus. Im Bereich der kirchlichen Kunst gibt es eines. Es ist in Theologenkreisen, aber auch bei der Schar der Kirchgänger und bei Atheisten so gut wie unbekannt. Worum geht es? Es geht um verbotene Artefakte, um sakrale Kunstwerke aus heidnischen Zeiten. Es geht um Statuen und Statuetten, von denen niemand mit Sicherheit sagen kann, wen oder was sie darstellen. Dabei befinden sie sich manchmal vor aller Augen an Kirchenwänden. Andere werden in geheimen Kammern auch in christlichen Gotteshäusern mehr verwahrt als aufbewahrt (Foto 2).

Ein offizielles Verbot dieser Artefakte hat niemand ausgesprochen. Dennoch existiert es, dennoch wird es befolgt. Als unpassend, da als heidnisch angesehene Artefakte werden seit Jahrhunderten zerstört und versteckt. Einige der umstrittenen Objekte sind an Kirchenwänden zu sehen. Man muss nur suchen, um sie zu finden. Vermutlich gibt es mehr davon als manche fürchten, als manche ahnen und andere hoffen.

Einige aufmerksame Beobachter mit Schlafstörungen entdeckten zu nächtlicher Stunde seltsam flackerndes Licht im Turm des tausendjährigen Kirchleins. Die Zeugen konnten genau verfolgen, wie sich da jemand offensichtlich, ausgestattet mit einer Laterne, die steile und extrem enge Wendeltreppe bis zum Dachstuhl empor quälte. Vom Turm konnte man, das wussten die Beobachter, durch eine schmale, niedrige Tür in den Dachstuhl gelangen. Dort machte sich dieser jemand offensichtlich zu schaffen. Das Licht wanderte von Fensterchen zu Fensterchen in der Dachschräge, blieb schließlich stehen.

Waren da etwa Einbrecher im Kirchlein unterwegs? Und wenn ja, was suchten sie? Kostbarkeiten gab es keine im ganzen Gotteshaus, schon gar nicht im Dachstuhl. Aber genau da tat sich etwas. Manchmal glaubte man Schatten zu erkennen. Manchmal schien die Lichtquelle zu erlöschen.

Was war zu tun? Natürlich konnte man die Polizei anrufen. Allerdings war die ländliche Polizeiinspektion schon vor Jahren aufgelöst worden. Natürlich konnte man in der Stadt anrufen. Aber selbst wenn man dort sofort einen Polizeibeamten erreichte, würde es lange dauern, bis der vor Ort war. Was also tun?

Foto 2: Symbolbild
Die Zeugen wählten sie, ob der nächtlichen Stunden mehr zögerlich, die Handynummer »ihres« Pfarrers (1). Der meldete sich sofort. Auf die geheimnisvollen Lichterscheinungen im Dachstuhl des Kirchleins angesprochen reagierte der Geistliche irgendwie nervös, beruhigte dann aber einen Anrufer nach dem anderen: »Alles in Ordnung! Da wird ein wissenschaftliches Experiment durchgeführt!« Damit gaben sich die Anrufer zufrieden. Der Pfarrer arbeitete weiter – im Dachstuhl.

Was er in diversen Predigten als »Teufelswerk und Aberglauben« gebrandmarkt hatte, das nutzte er selbst bei der Suche nach »Schätzen«. Über der auf zwei steinernen Säulen ruhenden Decke lag eine Schicht aus Kieselsteinen und feinen Sandsteinbröckchen. Der Pfarrer war davon überzeugt, dass man hier oben im Dachstuhl Schutt vom Vorgängerbau »seines« Gotteshauses dazu verwendet hatte, um Unebenheiten auszugleichen. Warum das geschehen sein sollte, das wusste der Geistliche selbst nicht so recht. Aber er war davon überzeugt, dass sich im aufgeschütteten Boden des Dachstuhls Kostbarkeiten aus dem Vorgängerbau befanden.

Zunächst hatte er Quadratmeter für Quadratmeter abgesucht. Gefunden hat er nichts. Dann begann er, das aufgeschüttete Material zu durchsieben, wieder ohne Erfolg. Zu guter Letzt nutzte er ein Pendel und stieß auf Bruchstücke einer oder mehrerer Engelsfiguren zum Beispiel auf eine Schulterpartie mit halbem Kopf und zwei prachtvollen Flügeln.

Foto 3
Auf der Homepage seiner Kirchengemeinde beschrieb der Geistliche nach einigem Zögern und Gewissensprüfungen in kurzen Worten, aber ohne auf seine Vorgehensweise (Pendel!) einzugehen die Fundstücke. Auf dieser Homepage beschrieb der Priester auch einige Malereien an den Wänden der Kirche, die seiner Meinung nach nicht wirklich christlich waren. Als er dann (nach einigen Jahren Dienst) versetzt wurde, wurde die Homepage überarbeitet und alle Hinweise auf seine Suchaktionen und auf merkwürdige Malereien und seltsames Schnitzwerk wurden gelöscht. Seine unerwartete Versetzung sieht der Pfarrer nach wie vor als Bestrafung für seine Neugier, vor allem seine Hinweise auf »heidnische« Kunst, die es offiziell in einem christlichen Gotteshaus gar nicht geben durfte. Seither sucht er nicht mehr in Kirchen nach merkwürdigen Darstellungen in Kirchen und eventuelle »Entdeckungen« macht er schon gar nicht mehr publik.

Ein Einzelfall? Keineswegs. Während meines Studiums der evangelisch-lutherischen Theologie in den 1970-ern lernte ich eine ganze Reihe von Kommilitonen kennen, die aus wahren Theologendynastien stammten. In einigen Fällen waren schon ein Urgroßvater, ein Großvater und der Vater Theologen. Im Lauf der Jahre schloss ich mit Freundschaft und erfuhr so manches, worüber in der Öffentlichkeit nicht gesprochen wurde. Ich weiß inzwischen, dass es gar nicht so selten geschieht, dass Geistliche in ihrer kargen Freizeit das eigene Gotteshaus sehr gründlich, ja mit Akribie, untersuchen. Und siehe da: Da wurden kleine Nebenräumchen entdeckt, die in neuerer Zeit als Abstellkammern zum Beispiel für allerlei ramponierte Heiligenfiguren oder unansehnlich gewordene Engel und Weihnachtskrippen aufbewahrt wurden, die niemand aus der Gemeinde zu sehen bekam.

»Früher wurden in solchen ›Abstellräumen‹ Statuetten aus heidnischen Zeiten versteckt!«, erklärte mir Ludwig E. (2), dessen Urgroßvater lange Zeit als Missionar in Afrika tätig war. »Mein Vater war lange Zeit Pfarrer in einer kleinen Gemeinde in der Pfalz. Als ein kleiner Parkplatz hinter der Kirche angelegt wurde, musste der Boden egalisiert werden. Schließlich wurde etwas Erdreich abgetragen, um Pflastersteine zu verlegen. Dabei wurde eine stark beschädigte Figur gefunden.« (Fotos 1 und 3)

Eine christliche Heiligenfigur war das nicht. »Sie hielt,«, sagte mir Ludwig E., in beiden Händen ein Rad mit jeweils sechs Speichen. Aus dem eng anliegenden kappenähnlichen Hut quoll schulterlanges Haar hervor.« Die Räder lassen mich heute an Krodo denken, weitere Übereinstimmungen waren zwischen der rätselhaften Figur und dem mysteriös-umstrittenen Krodo aber nicht zu erkennen. 

Was war mit der Figur zu tun? Durfte man sie zerstören? Das wagte man nicht. Also kam die »heidnische Statuette« in die kleine »Abstellkammer«. Mein Vorschlag, den Fund einem Museum zukommen zu lassen, stieß nicht auf Gegenliebe. Als ich gar anmerkte, die Statuette würde das örtliche Heimatmuseum bereichern, löste fast einen Wutanfall aus. Mein Studienfreund versicherte mir mit bebender Stimme: »Wenn ich erst einmal Pfarrer bin, dann lasse ich dieses elende heidnische Kultobjekt verschwinden! Es heißt doch: ›Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!‹ Das bezieht sich auch auf Darstellungen von heidnischen Gottheiten in jeder Form! Das Ding muss zerstört werden!«

Wie viele »Heiligenfiguren« sind wohl aus heidnischen Zeiten erhalten geblieben? Wie viele verstauben in kirchlichen Abstellkammern oder in Kellern von Museen? Wie viele hat man im Lauf der Jahrhunderte zerstört? Und wie viele wurden in Mauern von Kirchen und Kapellen eingesetzt? Tatsächlich hat man an da und dort an christlichen Gotteshäusern Statuetten oder Plastiken angebracht, die so gar nicht christlich zu sein scheinen.

Foto 4:  Die Bündheimer Kirche, Bad Harzburg.

Ein besonders interessantes Beispiel findet sich an der St. Andreas-Kirche von Bundheim (Bad Harzburg)! Ich darf vorausschicken: Bei Bad Harzburg soll einst eine »heidnische Götterstatue« gestanden haben, die den Gott Krodo (andere Schreibweise: Crodo) dargestellt haben soll. Sie wurde, so ist es überliefert, auf Befehl des Heidenhassers Karl der Große zerschlagen. Es stellt sich eine Frage: »Überlebten« Teile dieser Statue? Wurden sie versteckt und weiter verehrt? Das sind spekulative, aber berechtigte Überlegungen.

Foto 5: Kurioser Kopf an der Bündheimer Kirche

Mike Vogler schreibt in seinem sehr empfehlenswerten Buch (3) »Rätsel der Geschichte« (4): »Darauf deutet eine mysteriöse Kopfplastik, welche in der Nordseite der Bündheimer Kirche in Bad Harzburg eingemauert ist. … Ortsansässige Heimatforscher sind sich aber sicher, dass es sich um den Kopf der Krodo-Statue handelt. Den Abmaßen des Kopfes zufolge hatte die Statue in etwa die Größe eines erwachsenen Mannes, … Beim Betrachten des Kopfes fielen mir gewisse amphibische Züge auf. Ob diese vom Bildhauer gewollt waren oder durch Verwitterungen des Steines entstanden sind, ist heute nicht mehr nachvollziehbar.«

Foto 6: Gott Svantevit (?), Marienkirche Bergen auf Rügen

Noch ein Beispiel: Schon während meines Studiums der evangelisch-lutherischen Theologie diskutierte ich mit Kollegen fast ein wenig verschwörerisch über ein eigenartiges sakrales Kunstwerk. Das umstrittene steinerne Objekt befindet sich an der »St.-Marienkirche« in Bergen auf Rügen. Es sieht so gar nicht christlich aus. Was oder wen stellt es dar? Wahrscheinlich zeigt es den Gott Svantevit oder »nur« einen Priester dieses Gottes.

Foto 7: Cover meines Buches

Ein drittes Beispiel, mit dem ich mich bereits an anderer Stelle, nämlich in meinem Buch (5) »Monstermauern, Mumien und Mysterien«, beschäftigt habe, darf nicht fehlen. Kapitel 17 (6) ist betitelt »Hängt eine heidnische Göttin am Münster zu Hameln?« Ich zitiere (7):

»Betrachtet man die stark verwitterte Figur an der Außen-wand näher, etwa mit Hilfe eines starken Teleobjektivs, so fällt der unverhältnismäßig große Kopf der Gestalt auf. Ich machte eine Reihe von Aufnahmen, zuletzt mit meiner Nikon D800E unter Verwendung eines 300-Millimeter-Teleob-jektivs. Je nachdem aus welchem Blickwinkel man die seltsame Statuette betrachtet, werden die Beschädigungen mehr oder weniger erkennbar. Wie zwei riesige Zähne oder Rippen ragt das Kriegerdenkmal empor und verdeckt, wenn man direkt davorsteht, die mysteriöse Statuette an der Außenwand.

Foto 8: Mysteriöse Gestalt am Münster
Mehrere Jahre habe ich recherchiert. Ich habe Fachliteratur studiert. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf die seltsame Figur, von einer Erklärung ganz zu schweigen. Schon 2014 wandte ich mich an Pastorin Friederike Grote, die meine Anfrage an Herrn B. G. weiterleitete, der in Fragen zum Hamelner Münster sehr bewandert ist. Herrn Gs Antwort fiel für mich, offen gesagt, ernüchternd aus (8): »Ich denke, dass der sehr starke Verwitterungsgrad der Figur eine sichere Deutung nicht mehr zulässt. Joachim Schween (9), den ich auch zu Rate gezogen habe, ist derselben Meinung. Er hält eine Mariendarstellung für möglich. Maria Magdalena, die reuige Sünderin, ist nicht auszuschließen. Zu ihr passen die offen getragenen Haare. In der mir bekannten Literatur zum Münster gibt es keine Hinweise auf die Figur.«

Es gibt diese »verbotenen Artefakte«. Wo sie nicht versteckt werden, werden sie verschwiegen. In offiziellen Kirchenführern kommen sie in der Regel nicht vor. Erkundigt man sich, darf man nicht auf Antwort hoffen. Mein Anliegen: Liebe Leserinnen, liebe Leser, nehmen Sie sich doch einmal ausgiebig Zeit, um ihre Kirche vor Ort zu besuchen. Umrunden Sie das Gotteshaus. Suchen Sie nach irgendwo angebrachten seltsamen Artefakten. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen!


Fußnoten
(1): Der Pfarrer, um den es hier geht, bat mich um strikte Wahrung seiner Anonymität. Die habe ich ihm zugesagt, daran halte ich mich natürlich.
(2) Name geändert.
(3) Vogler, Mike: »Rätsel der Geschichte«, eBook, Dresden 2014
Voglers Buch ist Teil 1 seiner inzwischen auf 5 Bände angewachsenen Reihe. Es ist sowohl als Taschenbuch als auch als eBook erhältlich!
(4) eBook-Ausgabe, Seite 9, Pos. 86 folgende
Foto 9
(5) Langbein, Walter-Jörg: »Monstermauern, Mumien und Mysterien/ Band 2«, Alsdorf, 1. Auflage Januar 2019
(6) ebenda, S.118-S.123
(7) ebenda,  S.119 und S. 120
(8) Per Mail an Pastorin Grote Freitag, 19. September 2014 22:17.
(9) Joachim Schween ist ein örtlicher Archäologe.

Zu den Fotos
Fotos 1 und 3: Rekonstruktion eines kuriosen Artefakts. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Symbolbild. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4:  Die Bündheimer Kirche, Bad Harzburg. Foto wikimedia commons/ Kassandro
Foto 5: Kurioser Kopf an der Bündheimer Kirche
Foto 6: Bildstein Gott Svantevit (?), Marienkirche Bergen auf Rügen, Foto wikimedia commons/ lapplaender
Foto 7: Cover meines Buches »Monstermauern, Monstermauern, Mumien und Mysterien/ Band 2«
Foto 8: Mysteriöse Gestalt am Münster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Am Münster zu Hameln: Heidnische Göttin? Matrone? Foto Walter-Jörg Langbein

473 »Tabubrüche heute und einst«,
Teil 473 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. Februar 2019




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Sonntag, 3. Juni 2018

437 „Der steinerne Riese von Thelitz“

Teil 437 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein



Weltweit zeigen Museen nur einen Bruchteil ihrer „Schätze“. Bei der Materialfülle fehlt einfach der Platz, um alle Objekte ständig in Vitrinen zur Schau zu stellen. Es muss also immer eine Auswahl getroffen werden. Gezeigt wird in der Regel nur, was mit der gängigen Lehrmeinung im Einklang steht. Funde, die belegen könnten, dass es lange vor unserer Zivilisation bereits andere Zivilisationen gegeben haben muss (1), fristen in der Regel ein armseliges Dasein in staubigen Depots.

Michael Cremo (2), aber auch Reinhard Habeck (3), beweisen in ihren Sachbüchern, dass es tatsächlich in den Depots, aber auch (seltener) in den Vitrinen der Museen wirklich „mysteriöse Schätze“ gibt, „Funde versunkener Welten“, die so ganz und gar nicht ins Weltbild der klassischen Schulwissenschaften passen und daher gern verdrängt und verschwiegen werden.

In den vermeintlich hoch wissenschaftlichen Publikationen der Professoren werden sie, wenn überhaupt, nur selten erwähnt.

Foto 1: Emil Langbein
Manches archäologische Artefakt findet erst gar nicht den Weg in ein Museum. So ein Objekt ist der mysteriöse steinerne Riese von Thelitz, der bis heute verschollen ist. Zeuge für den ungewöhnlichen Fund ist mein Großvater väterlicherseits Emil Langbein. Vorab einige Informationen zu Emil Langbein aus neutraler Quelle. Herbert Perzel schreibt in seinem Werk „800 Jahre Michelau in Oberfranken/ Vergangenheit und Gegenwart einer fränkischen Gemeinde“ (4):

„Unsere Ordnungshüter. … Sein Nachfolger wurde Hauptwachtmeister Emil Langbein, geboren am 1. Juni 1888 in Ebersdorf bei Ludwigstadt, der 1938 zum Kommissär befördert wurde. Er mußte die Station durch die schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre führen. … Zwischendurch wechselte die Station ihren Leiter, nachdem der mittlerweile zum Oberkommissar der Landpolizei beförderte, verdienstvolle Amtsvorsteher Emil Langbein nach 17 Jahren Dienstzeit in Michelau am 1. Juni 1953 in den Ruhestand trat.“

Und weiter (5): „Emil Langbein konnte seinen Ruhestand wahrlich genießen, verstarb er doch erst am 3. Mai 1983 im Alter von fast 95 Jahren.“

Emil Langbein versah zuletzt seinen Polizeidienst in Michelau in Oberfranken am Main. Michelau liegt im oberfränkischen Landkreis Lichtenfels im nördlichen Bayern. Das mysteriöse Objekt wurde in Thelitz entdeckt. Thelitz gehört wie das Dorf Michelau (Einwohnerzahl 6474) zum Landkreis Lichtenfels. Thelitz wurde 1978 dem beschaulichen kleinen Städtchen Hochstadt (Einwohnerzahl 1645) einverleibt. 1987 wurden in Thelitz 47 Einwohner in 11 „Wohngebäuden mit 11 Wohnungen“ gezählt. Die Einwohnerzahl dürfte seither weiter gesunken sein.

Foto 2: Emil Langbein in Uniform
Nachfolgend nun das Protokoll meines Gesprächs mit Emil Langbein, das ich im Frühjahr 1977 führte.

Frage (WJL): „Wie wurdest Du auf den mysteriösen Fund von Thelitz aufmerksam?“
Emil Langbein (EM): „Im Jahr 1932 wurden bei Thelitz Erdlöcher ausgehoben, um massive Betonsockel für Strommaste zu gießen. In einer Tiefe von etwa zwei Meter stießen Arbeiter in einer dieser Gruben auf einen steinernen Riesen. Sie wussten nicht so recht, was sie mit dem Koloss anfangen sollten, also meldeten sie den Fund der zuständigen Polizei, in Michelau.“

WJL: „Daraufhin wurdest Du aktiv?“
EL: „Richtig. Zusammen mit einem Oberwachtmeister machte ich mich zu Fuß auf den Weg. Die Entfernung betrug knapp sechs Kilometer. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Nachricht vom „versteinerten Riesen“ bereits herumgesprochen. Viele Menschen strömten aus den umliegenden Dörfern nach Thelitz.“

WJL: „Was hast Du vor Ort in Thelitz unternommen?“
EL: „Ich fand, wie gesagt, eine offene Grube von etwa zwei Meter Tiefe vor. Zahllose Neugierige umsäumten das Loch. Es bestand die Gefahr, dass jemand in die Grube stürzte. Ich ließ eine behelfsmäßige Absperrung um das Loch errichten, um die Neugierigen ein Stück auf Abstand zur Grube zu halten.“

WJL: „Gab es tatsächlich einen versteinerten Menschen in der Grube?“
EL: Ich sah eine Figur in Menschengestalt am Boden der Grube. Sie war etwa 2,40 Meter groß. Einzelne Körperpartien waren sehr naturgetreu ausgeprägt, sogar die Fingernägel fehlten nicht. Merkwürdigerweise wies die Gestalt jedoch keine Geschlechtsmerkmale auf, auch fehlte jeder Haarwuchs. Der Gedanke an eine Statue zerschlug sich schnell, denn man fand weder einen Sockel noch eine Haltevorrichtung.“

WJL: „Was geschah dann?“
EL: „Ein Amateurarchäologe aus der Umgebung von Thelitz erklärte den Fund kurzerhand für archäologisch wertlos. Die Folge: Man beließ den steinernen Riesen im Erdloch und errichtete über ihm einen Betonklotz als Basis für den Elektrizitätsmast.“

Foto 3: Von links nacht rechts... Herty Langbein (meine Mutter), Emil Langbein, Tante Friedel Bär, ich (im grauen Pullover), rechts außen Onkel Rudi Bär, vorn mein Bruder Volker, ganz hinten (weitestgehend verdeckt), mein Großvater (mütterlicherseits) Heinrich Gagel.

WJL: „Warum hat man den Riesen nicht aus der Grube gehoben?“
EL: „Wie gesagt: Der Hobbyarchäologe hielt das für sinnlos. Außerdem drängte die Arbeit. Termine mussten eingehalten werden.“

WJL: „Der steinerne Riese von Thelitz blieb also im Loch?“
EL: „Genau! Ob die Figur zerschlagen wurde, oder ob man sie ganz ließ, weiß ich allerdings nicht. Zu diesem Zeitpunkt war ich wieder auf Dienstgang unterwegs.“

Foto 4: Die mysteriöse Figur...
Das Gespräch führte ich mit meinem Großvater Emil im Frühjahr 1977. Im gleichen Jahr interessierte sich ein Mitarbeiter der Redaktion des „Perry Rhodan-Report“ für den Fall und recherchierte vor Ort. Im „Perry Rhodan-Report“ Nr. 21 (6) erschien ein kurzer Bericht über den mysteriösen Fund. Im Verlauf der folgenden Jahre unterhielt ich mich noch so manches Mal über den mysteriösen Fund von Thelitz. Bis zu seinem Tod erinnerte sich mein Großvater noch sehr genau. Er bedauerte es sehr, dass „Der steinerne Riese von Thelitz“ nicht aus der Grube geholt wurde. „Man hätte ein Gestell über der Grube errichten, einen Flaschenzug anbringen müssen. Das hätte die Arbeiten aber verzögert, was die Bauleitung ablehnte.“

Der kurze Bericht im „Perry Rhodan-Report“ endet mit den Worten (7): „Man muß sich fragen, mit wie vielen Relikten aus der Vergangenheit, die wertvolle Hinweise geben könnten, ähnlich verfahren wurde.“ Das muss man sich wirklich fragen!

Wie viele Statuen, wie viele rätselhafte Figuren mögen noch vergraben darauf warten, entdeckt zu werden? Auf der Osterinsel ruhen mit Sicherheit noch viele der berühmten Kolosse im Erdreich. Und so manche Figur aus uralten Zeiten verrottet vor unseren Augen, etwa jene mysteriöse Gestalt am Münster zu Hameln. Bereits anno 1838 (oder 1848) wurde außerhalb von Holzgerlingen, Landkreis Böblingen, angeblich in der Flur »Schützenbühl« eine Steinstatue gefunden. Sie wurde aus einem Sandsteinblock heraus gemeißelt. Das Material ist grobkörnig und von gelblich-grauer Farbe.Nach einer mir vorliegenden Beschreibung ist die Figur 2,30 Meter groß, 30 Zentimeter breit und 20 Zentimeter dick. Die Oberarme liegen seitlich am Körper an, der rechte Arm ist angewinkelt. Die Hand greift waagrecht über den Körper zur Seite hin. Arme und Hände sind gut ausgearbeitet, der Rest des Körpers wirkt eher wie eine Säule mit Gürtel.

Die »Kleidung« scheint der Riese nicht zu tragen. Es ist möglich, dass ursprünglich Kleidungsstücke aufgemalt waren. Die Farben sind aber im Verlauf der vergangenen 2.500 Jahre verschwunden. Mysteriös mutet an: Die Figur ist doppelgesichtig, blickt also nach vorn und zurück. Laut »Landeskundlichen Informationssystem Baden-Württemberg (8)« trägt die »doppelgesichtige, überlebensgroße Stele aus Holzgerlingen eine sogenannte Blattkrone, die an die berühmte Statue des ›Fürsten‹ vom Glauberg in Hessen erinnert.«

Die »Blattkrone« musste ergänzt werden. Eines der an Hasenohren erinnernden Zacken musste von Experten ergänzt werden. Offenbar war es schon bei Auffinden der Figur im 19. Jahrhundert abgebrochen. Im Gegensatz zum »Fürsten« von Glauberg handelt es sich bei der Statue von Holzgerlingen nicht um einen heroisierenden Ahnen, (9) »sondern eher eine nicht genauer identifizierbare keltische Gottheit«. Stand sie einst im Freien? Oder wurde sie in einem überdachten Tempel verehrt? Wurde sie vielleicht zu Zeremonien herumgetragen? Wir wissen es nicht.

Ich konnte keine näheren Angaben über den exakten Ort in Erfahrung bringen, wo und unter welchen Umständen man die Statue gefunden hat. Musste sie ausgegraben werden? Gab es im direkten Umfeld der Figur weitere Gegenstände, die uns weitere Informationen über die Figur von Holzgerlingen geben könnten? Auch dazu habe ich keine Hinweise finden können.

Meiner Meinung nach könnte es sich bei dem steinernen Riesen von Thelitz auch um eine keltische Kultfigur gehandelt haben. Die Haltung der Arme stimmt wohl bei beiden Figuren überein. Beide Figuren scheinen unbekleidet zu sein, Geschlechtsmerkmale sind aber keine zu erkennen. Schließlich darf ich daran erinnern: Der Fundort des steinernen Riesen von Thelitz liegt im Einzugsbereich der alten Keltenfestung auf dem Staffelberg. Ist der steinerne Riese von Thelitz also ein Kelte, vielleicht gar ein keltischer Gott?

Foto 5: ... am Hamelner Münster ...
Fußnoten
1) Cremo, Michael A.: „Forbidden Archeology”, San Diego 1993
Cremo, Michael A.: „Verbotene Archäologie/ Sensationelle Funde verändern die Welt“, Essen 1994
2) Cremo, Michael A.: „Verbotene Archäologie. Die verborgene Geschichte der menschlichen Rasse“, 5. Auflage, Rottenburg, Januar 2017
Hinweis: Es gibt ältere Ausgaben dieses Buches in deutscher Übersetzung. Aber nur diese deutsche, bei Kopp erschienene Version gibt den kompletten Inhalt des Originals wieder.
3) Habeck, Reinhard: „Mysteriöse Museumsschätze/Rätselhafte Funde versunkener Welten“, Wien 2017
Hinweis: Reinhard Habeck hat eine Buchreihe verfasst über Dinge, die es nicht geben dürfte. „Dinge, die es nicht geben dürfte“, „Bilder, die es nicht geben dürfte“, „Kräfte, die es nicht geben dürfte“, „Wesen die es nicht geben dürfte“. Diese profunden Werke sind alle sehr zu empfehlen.
4) Gemeinde Michelau i.Obfr. (Herausgeber): „800 Jahre Michelau in Oberfranken/ Vergangenheit und Gegenwart einer fränkischen Gemeinde“, „Schriften des Deutschen Korbmuseums Michelau Nr. 3“, Michelau 1994, Seite 132, rechte Spalte unten und Seite 133, linke Spalte oben
5) ebenda, Seite 133, linke Spalte unten
6) „Perry Rhodan-Report“ Nr. 21, Seite XIV, erschienen in „Perry Rhodan“ Nr. 832, „Station der MVs“, München/ Rastatt August 1977
7) ebenda, die Rechtschreibung wurde nicht gemäß der Rechtschreibreform korrigiert, sondern belassen.
(8) https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/lmw_museumsobjekte/98/Stele+aus+HolzgerlingenKapitel (Stand 20.06.2018)
(9) Ebenda

Foto 6: Sie ist und bleibt ein Rätsel

Zu den Fotos:
Foto 1: Mein Großvater Emil Langbein bei einem Familienausflug. Foto Walter Langbein sen.
Foto 2: Emil Langbein in Polizeiuniform. Foto: Archiv Langbein
Foto 3: Familienausflug mit Emil Langbein. Foto Walter Langbein sen.
Foto 4: Die mysteriöse Figur am Hamelner Münster … Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: … rottet vor sich hin. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Sie ist und bleibt ein Rätsel. Foto Walter-Jörg Langbein

438 „Werden wir sein wie die ‚Götter‘?“,
Teil 438 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10.06.2018




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Sonntag, 20. Mai 2018

435 „Die heidnische Göttin am Münster?“

Teil  435 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein

Bei meinem ersten Besuch des Hamelner „Münster St. Bonifatius“ versuchte ich, das altehrwürdige Gotteshaus zu umrunden. Das gelang mir auch weitestgehend, heckenartiger Baumbewuchs an einer Stelle zum Trotz. Hoch, ja ehrfurchtgebietend ragt das Mauerwerk in den Himmel. Massiv ist die Bauweise, so dass das Münster wacker den Jahrhunderten trotzen konnte. Es wirkt im Vergleich zu modernen Bauten zeitlos.

Fotos 1 und 2: Die „Matrone“ am Hamelner Münster. leicht zu übersehen

Ich machte zahlreiche Aufnahmen, auch von der Rückseite der alten Kirche. Das Kriegerdenkmal zur Erinnerung an die Toten von beiden Weltkriegen fiel mir natürlich auf, groß genug ist es ja. Schön ist es nicht unbedingt, aber das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Und über Geschmack, so sagt das alte lateinische Sprichwort, soll man nicht streiten. Im Lateinischen heißt es: „Dē gustibus nōn est disputandum.“ Übersetzt ins Deutsche: „Über Geschmäcker soll man nicht disputieren.“ (1) Mit anderen Worten: Es gibt nicht den „richtigen“ oder den „falschen“ Geschmack. Ich persönlich empfinde das „Kriegerdenkmal“ am Hamelner Münster als unpassend zum altehrwürdigen sakralen Gebäude.

Übersehen habe ich allerdings eine mysteriöse Steinskulptur an der Außenwand des Münsters zu Hameln, die allerdings durch die beiden „Zähne“ des Denkmals abgedeckt wird, so man direkt davor steht. Ich gebe es zu: Hastigen Schritts eilte ich weiter, ich wollte doch genügend Zeit für die Säulenkapitelle mit geheimnisvollen Darstellungen im Inneren haben.

Foto 3: Im gelben Kreis... die „Matrone“
Betrachtet man die stark verwitterte Figur an der Außenwand näher, etwa mit Hilfe eines starken Teleobjektivs, so fällt der unverhältnismäßig große Kopf der Gestalt auf. Ich machte eine Reihe von Aufnahmen, zuletzt mit meiner Nikon D800E unter Verwendung eines 300-Millimeter-Teleobjektivs. Je nachdem aus welchem Blickwinkel man die seltsame Statuette betrachtet, werden die Beschädigungen mehr oder weniger erkennbar.

Wie zwei riesige Zähne oder Rippen ragt das Kriegerdenkmal empor und verdeckt, wenn man direkt davor steht, die mysteriöse Statuette an der Außenwand.

Mehrere Jahre habe ich recherchiert. Ich habe Fachliteratur studiert. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf die seltsame Figur, von einer Erklärung ganz zu schweigen. Schon 2014 wandte ich mich an Pastorin Friederike Grote, die meine Anfrage an Herrn B.G. weiterleitete, der in Fragen zum Hamelner Münster sehr bewandert ist. Herrn Gs Antwort fiel für mich, offen gesagt, ernüchternd aus (2): „Ich denke, dass der sehr starke Verwitterungsgrad der Figur eine sichere Deutung nicht mehr zulässt. Joachim Schween (3), den ich auch zu Rate gezogen habe, ist derselben Meinung. Er hält eine Mariendarstellung  für möglich. Maria Magdalena, die reuige Sünderin, ist nicht auszuschließen. Zu ihr passen die offen getragenen Haare. In der mir bekannten Literatur zum Münster gibt es keine Hinweise auf die Figur.“

Foto 4: Maria Magdalena von Lübeck
Tatsächlich gibt es im Dom zu Lübeck eine Maria Magdalena, die eine mit kostbaren Steinen besetzte „Haube“ trägt. Die Lübecker Maria Magdalena hat schulterlanges Haar, das „lockig“ fällt. Die Hamelner Statuette könnte auch ihr langes Haar offen tragen. Sollte sich also an der Rückseite des Hamelner Münsters eine alte Statue der Maria Magdalena befinden?

Der älteste Teil des Münsters, die Krypta, ist wohl bereits kurz nach 800 entstanden. Wechselhaft verlief die Geschichte des Gotteshauses. 1259 brach ein Brand aus, bauliche Erneuerungen wurden erforderlich. Aus welcher Zeit mag nun die Statuette stammen, über die offiziell nichts bekannt ist? Sie weist ganz erhebliche Verwitterungsspuren auf und sieht sehr viel älter als das Mauerwerk aus, in das sie respektvoll eingesetzt wurde.

Woher stammt die Figur? Befand sie sich bis zum Brand Mitte des 13. Jahrhunderts im Inneren des Münsters und wurde sie nach den Renovierungsmaßnahmen außen am Gotteshaus angebracht? Wollte man Maria Magdalena aus der Kirche verbannen? Ließ man sie aus Respekt vor der Frau, die nach apokryphen Schriften der Gnostiker die Lieblingsjüngerin Jesu war, nicht einfach verschwinden? Sollte die steinerne Figur gar aus der ersten Bauphase des Münsters stammen? Oder ist sie noch älter? Dann könnte sie über ein Jahrtausend alt sein. Derlei Gedanken sind freilich rein spekulativ.

Ich wiederhole meine Überlegung: Ist die Statuette womöglich älter als das Münster? Stammt sie gar aus einem heidnischen Tempel der drei Matronen?

Sophie Lange ist die Autorin des Standardwerks „Wo Göttinnen das Land beschützten“ (4). Zum Jahrtausendwechsel gab es im Propsteimuseum der alten „Römerstadt“ Zülpich eine bemerkenswerte Ausstellung statt. Im Ausstellungskatalog schreibt die profunde Kennerin des Matronenkults (5):

Fotos 5 und 6: Die Statuette am Hamelner Münster

„Die Mutter Natur war den Urmenschen heilig. Sie war die Lebensspenderin, die Nahrungsgebende und die Schützerin. Aber auch Himmel und Unterwelt gehörten zu ihrem Reich. Neben der Großen Göttin und anderen bedeutenden Gottheiten wurden lokale Göttinnen und Götter verehrt, die für ein bestimmtes Landschaftsgebiet mit seinen Siedlungen zuständig waren. Mensch und Tier, Feld und Flur, Haus und Gut standen unter ihrem besonderen Schutz. Zu diesen lokalen Genien gehören die Matronen. In dem Gebiet zwischen Eifel und Rhein verdrängten sie fast alle anderen Götter. Sie waren die Mächtigsten, die das Land beschützten.“

Die Matronen waren Schutzgöttinnen, die vom ausgehenden ersten bis ins dritte Jahrhundert hinein in der römischen Provinz „Niedergermanien“ verehrt wurden, also in westlich des Rheins gelegenen Teilen der heutigen Niederlande und Deutschlands sowie in Teilen von Belgien.

Foto 7: Sophie Langes Standardwerk
Sophie Lange schreibt weiter (5): „Nach der Christianisierung lebten die heidnischen Matronen in der Volksfrömmigkeit weiter. Als die drei heiligen Bethen und die heiligen Schwestern Fides, Spes und Caritas - die legendären Töchter der heiligen Sophia - fanden sie Einlass in die Heiligenverehrung. In lokalem religiösem Brauchtum, zum Beispiel bei der Verehrung der heiligen Brigida, haben sich vorchristliche Vorstellungen erhalten. Die Kulte der Muttergöttinnen flossen in abgewandelter Form in die Verehrung der Gottesmutter ein. Die alten Matronen-Symbole wie Mond, Apfel und Schlange haben auch in Mariendarstellungen große Bedeutung.

Im frühen Christentum wurden die alten Kultplätze weiter von den Menschen besucht. So gab Papst Gregor der Große um 600 die Anweisung, die Heidentempel nicht zu zerstören sondern in christliche Kirchen umzuwandeln. So stehen manche Kirchen an den Kraftplätzen der Götter und Göttinnen. Auf dem Land haben Dorfkirchen, Kapellen, Bildstöcke und Wegekreuze die ehemaligen heidnischen Heiligtümer ersetzt, In der Geisterwelt leben die Matronen als drei unnahbare Juffern weiter. Als geheimnisvolle Lichtgestalten spuken sie an den alten Matronenplätzen, an Quellen und Flüssen.“

Foto 8: Sophie Langes Standardwerk. Rückseite.
Stand die Statuette am Hamelner Münster, in unmittelbarer Nähe der Weser gelegen, ursprünglich in einem „Heidentempel“ zu Ehren der Schutzgöttinnen, genannt Matronen? Wurde sie respektvoll von frühen Christen aufbewahrt und schließlich am Hamelner Münster angebracht? Ich halte das nicht nur für möglich, sondern für realistisch. Meiner Meinung nach ist die Statuette von Hameln nichts anderes als eine Matrone. So stark verwittert sie auch ist, sie weist wichtige Merkmale einer Matrone auf.

Fußnoten
1) Wörtliche Übersetzung: „Über Geschmäcker ist ein Nichzudisputierendes.“ Das kann man übersetzen mit „Über Geschmäcker kann/ soll man nicht disputieren/ streiten.“
2) Per Mail an Pastorin Grote Freitag, 19. September 2014 22:17.
3) Joachim Schween ist ein örtlicher Archäologe.
4) Lange, Sophie: „Wo Göttinnen das Land beschützten/ Matronen und ihre Kultplätze zwischen Eifel und Rhein“, 1. Auflage Sonsbeck 1994
5) „Matronis - Visionen zu einem regionalen Göttinnenkult“, 2001

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Die „Matrone“ am Hamelner Münster ist leicht zu übersehen. Fotos Walter-Jörg Langbein   
Foto 3: Die „Matrone“ am Hamelner Münster ist wirklich sehr leicht zu übersehen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Maria Magdalena von Lübeck. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Die Statuette am Hamelner Münster. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 7: Sophie Langes Standardwerk. Vorderseite.
Foto 8: Sophie Langes Standardwerk. Rückseite.      


436 „Zwei Krypten und das Monster am Fluss“
Teil  436 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.05.2018


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Mittwoch, 17. Januar 2018

418 »Monstermauern, Mumien und Mysterien – ein Jubiläum«

Teil  418 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein




»Kuelap, eine geheimnisvolle Metropole der ›Chachapoyas‹«, der legendären »Wolkenmenschen«, so hieß Folge 1 meiner Sonntagsserie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«. Eine echte Monstermauer schütze einst die rätselhafte Stadt Kuelap der »Chachapoyas«. Erschienen ist sie am 17. Januar 2010, also heute auf den Tag genau vor acht Jahren. Ich plante ursprünglich eine »Miniserie« mit insgesamt zehn Folgen. Die Resonanz war von Anfang an höchst positiv. Und so wurde rasch an zusätzliche Folgen gedacht. Nach 25 Folgen würde Schluss sein. Oder nach 50? Sonntag für Sonntag lief meine Serie. Es machte großen Spaß, sie zu schreiben.

Foto 2: Unterwegs im Reich der Wolkenmenschen.
Riesig ist mein Fundus an Erinnerungen an Reisen zu den interessantesten Stätten auf unserem Planeten. Wirklich groß ist mein Fotoarchiv. Beim Stöbern in den sorgsam archivierten Aufnahmen wurden Erinnerungen an so manch‘ anstrengende Reise wach, an so manches »Abenteuer«. Immer wieder zog es mich in die »Unterwelt«: So kroch ich in die »unvollendete Grabkammer« unter der »Cheopspyramide«, in das Ganglabyrinth unter den »Tempelruinen« von Chavin de Huantar im Norden Perus. Der Weg in die »Unterwelt« der »Großen Pyramide« Ägyptens war alles andere als leicht.

Die sogenannte »unvollendete Grabkammer« liegt im massiven Fundament aus gewachsenem Stein unter dem gigantischen Bauwerk. Wann wurde sie in den Fels geschlagen? Wurden die Arbeiten begonnen, bevor der Grundstein für die Cheopspyramide gesetzt wurde? Bautechnisch wäre es die einfachste Lösung gewesen, zunächst die heute als unvollendete Grabkammer bekannte »Gruft« auszuheben, um nach vollendeter Arbeit die Pyramide darüber zu bauen. Dann wäre es relativ leicht gewesen, den Abraum durch einen kurzen Schacht ins Freie zu schaffen.
   
Der Gang in die mysteriöse Unterwelt führt aber zum Großteil durch den mächtigen Leib der Pyramide. Wurden also gleichzeitig unterirdisch die geheimnisvolle Kammer und die riesige Pyramide darüber geschaffen? Ein »Gehen« in die Tiefe im herkömmlichen Sinn war unmöglich. Ganze 1,20 Meter hoch und 1,06 Meter breit macht der »Gang« eine Fortbewegung im Stehen unmöglich. Vor Anstrengung keuchend und bald heftig schwitzend, sodass mir die Kleidung wie eine zweite Haut am Leibe klebt, kroch ich krabbelnd dem vielleicht eigentlichen Rätsel der Pyramide entgegen.

Foto 3:  Im Tunnel unterwegs zur »unvollendeten Grabkammer«.

Ehrlich gesagt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Baumeister des Weltwunders »Cheopspyramide« so schlecht geplant und während des Entstehens der riesigen Pyramide plötzlich umdisponiert haben. Ich vermute, dass die »unvollendete Grabkammer« einen uns bis heute unbekannten Zweck erfüllte. Vielleicht war sie Teil eines Systems aus Gängen und Kammern, das bis heute erst zum Teil bekannt ist. Weitere »Hohlräume« - Kammern, Gänge? – werden im mächtigen Leib der Cheopspyramide vermutet. Pyramidenforscher Axel Klitzke machte schon vor Jahren sehr konkrete Angaben zu einem noch verborgenen Kammer-Gangsystem in der Cheopspyramide. Sein Buch »Pyramiden: Wissensträger aus Stein« (1) ist leider vergriffen und nur antiquarisch erhältlich.

Leider verweigert sich die klassische Archäologie derlei Gedanken, speziell wenn sie von »Hobbyforschern« vorgetragen werden. Ägyptologen wie Dr. Zahi Hawass, der sein äußeres Erscheinungsbild mehr und mehr Indiana Jones anzupassen scheint, dulden keine Außenseiter mit neuen Gedanken. Das erschwert echte Fortschritte beim Erkunden der Pyramide.

Foto 4: In der »unvollendeten Grabkammer«.

Ähnlich niedrig und eng waren die Gänge unter den kargen Resten des einst riesigen »Tempelkomplexes« von Chavin de Huantar. Auch in der Unterwelt von Chavin musste man sich durch enge und niedrige Gänge zwängen. Freilich waren da Teile des komplexen Fangsystems eingebrochen, so dass ein Weiterkommen immer wieder unmöglich war. Also gab es nur eine Möglichkeit: Wieder zurück kriechen, eine andere Abzweigung nehmen. Immer wieder machte sich unangenehmer Geruch bemerkbar. Immer wieder musste man durch die Verdauungsprodukte von Fledermäusen krabbeln, so dass man am Ende einer stundenlangen Exkursion durch unheimliche Gänge völlig verdreckt und nicht gerade nach Veilchenduft riechend ans Tageslicht zurückkam.


Foto 5: Eingang zum Tempelkomplex von Chavin de Huantar.

Es ist nicht bekannt, welchem Zweck das Gangsystem diente, ja es ist noch nicht einmal klar, wie groß es einst war. Wer weiß, welche Teile schon vor vielen, vielen Jahrhunderten eingestürzt sind. Vor Ort erklärte mir ein Archäologe, dass einst Wasser durch die Tunnels unter dem Tempelkomplex von Chavin de Huantar floss. Aber warum? Um ein lautes Rauschen zu erzeugen, das irgendwie aus dem Inneren der Erde zu kommen schien. Wollten die Priester so die Gläubigen beeindrucken, ja in Angst und Schrecken versetzen?

»Die Priesterschaft hatte sicher Tricks auf Lager. Sie konnten womöglich einen ›Dialog‹ mit den Göttern inszenieren. Wenn das Volk gegen den Oberpriester murrte, wurden die Götter ›befragt‹. Etwa: ›Oh Ihr Götter! Soll das Volk dem Oberpriester weiterhin gehorchen, so lasst Eure Stimme erschallen!‹ Daraufhin wurden Schleusen geöffnet, Wassermassen strömten in die unterirdischen Gänge und lautes Rauschen kam aus dem Leib der Erde. Das war für die Gläubigen ein eindeutiges Zeichen, gesandt von den mächtigen Göttern!«

Foto 6: WJL in der Unterwelt von Chavin de Huantar
Solche reichlich spekulative Gedanken »meines« Archäologen übertreffen selbst kühnste Spekulationen der »Prä-Astronautik«-Gilde. Übrigens: Es sind gerade die selbsternannten Skeptiker, die Erich von Däniken und Co. Abstruse Behauptungen unterstellen, um sie dann genüsslich zu »widerlegen«. Das erkennt freilich nicht, wer auf die Lektüre der Bücher von Erich von Däniken und Co. verzichtet.

So wird der  Schweizer Bestsellerautor Erich von Däniken von    der  »wissenschaftlichen« Seite immer wieder »widerlegt«, etwa in Sachen Nasca. Da macht man sich lustig über den Bestsellerautor aus der Schweiz, der angeblich behauptet habe, die riesigen Bilder in der Wüstenebene von Nasca seien Landebahnen der Außerirdischen gewesen (2). Wer Erich von Däniken gelesen hat, der weiß: So einen hanebüchenen Unsinn hat der weltweit bekannteste Vertreter der Theorie von den »Astronautengöttern« niemals behauptet.

Am 17. Januar 2010, auf den Tag genau vor acht Jahren, erschien die erste Folge meiner sonntäglichen Serie. Natürlich habe ich die Leserinnen und Leser auch nach Nasca entführt, in die Luft über der Hochebene, aber auch in die Unterwelt von Nasca, in einige der rätselhaften Tunnels unter den gigantischen Scharrzeichen. Welchem Zweck das gigantische Bilderbuch in der Wüste auch diente, abgeschritten oder abgelaufen wurden die Linien nie. Das hätte sie nämlich zerstört. Ich bin – wie Erich von Däniken – der Meinung, dass die gewaltigen Bilder und Bahnen, die man übrigens vom Weltraum aus erkennt, für die Götter in himmlischen Gefilden gedacht waren. Die Astronautengötter sollten aufmerksam gemacht, vom Himmel zurück auf die Erde gelockt werden.

Foto 7: Unter Chavin de Huantar.
In 417 Folgen habe ich versucht, möglichst viele Leserinnen und Leser (noch) neugieriger auf die vielen Geheimnisse unseres Planeten zu machen. Und die sind beileibe nicht nur in weiter Ferne zu finden, sondern auch vor der sprichwörtlichen Haustüre, in Kirchen und Kapellen, aber auch an uralten Kultstätten (Beispiele: Externsteine im Teutoburger Wald, die »Keltenschanzen« von Holzhausen bei München, monströse Reliefs im Münster zu Hameln und am »Paradiestor« des Doms zu Paderborn).

417 Sonntagsbeiträge über Geheimnisse und Mysterien… 8 Jahre »Monstermauern, Mumien und Mysterien – ein Jubiläum«. Ich wollte und will informieren, aber niemandem eine bestimmte Sichtweise der Dinge aufzwingen. Doktrinen gibt es auch in der Welt der Wissenschaft genug. Was den Fortschritt bringt? Wer den Fortschritt bringt? Das sind Menschen, die keine Angst vor kühnen Fragen haben und die den Mut aufbringen, auch fantastisch anmutende Antworten in Erwägung zu ziehen.

Ich danke allen Leserinnen und Lesern, die meiner Sonntagsserie gefolgt sind. Wenn es mir gelingen sollte, den einen oder den anderen Interessierten zu eigenen Recherchen anzuregen, dann würde mich das sehr freuen.

Foto 8: Die Externsteine bei Detmold.

Fortsetzung folgt….

Fußnoten
1) Klitzke, Axel: »Pyramiden: Wissensträger aus Stein«, Govinda Verlag, Jestetten Januar 2006
2) Gadow, Gerhard: »Erinnerungen an die Wirklichkeit/ Sonderdruck der SAN-

Nachrichten von Gerhard Gadow/ Ein Kommentar zum Däniken Bestseller«, Berlin 1979


Zu den Fotos

Foto 9: Monsterwesen von Hameln.
Foto 1: Foto 1: Unterwegs zur Sadt der Wolkenmenschen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Unterwegs im Reich der Wolkenmenschen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 3:  Im Tunnel unterwegs zur »unvollendeten Grabkammer«. Foto Walter Langbein sen.
Foto 4: In der »unvollendeten Grabkammer«. Foto Walter Langbein sen.
Foto 5: Eingang zum Tempelkomplex von Chavin de Huantar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: WJL in der Unterwelt von Chavin de Huantar. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 7: Einer der unterirdischen Gänge von Chavin de Huantar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8 Die Externsteine bei Detmold. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Monsterwesen von Hameln. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 10: Monsterwesen von Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein.

Foto 11: »Phantastische Phänomene«, 3. und 4.3.2018.

Foto 10: Monsterwesen von Paderborn.

419 »Kreaturen aus einer anderen Welt«,
Teil  419 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.01.2018 


Foto 11: »Phantastische Phänomene«, 3. und 4.3.2018


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Sonntag, 22. November 2015

305 »Rätselraten um eine Schlacht«

Teil 305 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Hermann alias Arminius
»Schade, dass Sie gleich weiter müssen…«, bedauert der wortgewandte Touristenführer seine Schäflein. »Oder wollen Sie doch noch ein paar Stündchen warten? Um 18 Uhr erfolgt der berühmte Schwertwechsel! Dann nimmt Hermann sein Schwert in die andere Hand!« Unglaubliches Staunen, gelangweilte Gleichgültigkeit und müde Geistesabwesenheit sind die Reaktionen der gemischten Gruppe. Ob es wirklich je jemand dem Touristenführer abnimmt, dass der Hermann, ein riesiges Denkmal in Metallhülle, sein Schwert von der einen in die andere Hand wandern lässt?

»Das Hermannsdenkmal…«, rattert der Touristenführer weiter, »hat eine Gesamthöhe von 53,46 Metern, die Figur des Hermann selbst misst stolze 26,57 Meter. Bis zur Errichtung der Freiheitsstaue in Amerika war der Hermann die höchste Statue der westlichen Welt! Den rechten Arm hat Hermann emporgestreckt. Er hält darin ein eisernes Schwert… Länge sieben Meter. Gewicht 550 Kilogramm. Krupp hat die riesige Waffe gestiftet! Links hält Hermann ein mächtiges Schild zu seiner Verteidigung. Höhe zehn Meter!«

Das Hermannsdenkmal ist eines der beliebtesten Touristenziele Deutschlands. Es dürfte eines der bekanntesten Denkmäler Europas sein. Errichtet wurde es zur Erinnerung an die »Schlacht im Teutoburger Wald«. Im Jahre 9 des Herrn besiegten germanische Stämme unter Führung des Arminius, alias Hermann, eine an Zahl weit überlegene römische Armee. Die römische Niederlage beeinflusste die weitere Geschichte Europas. Die Römer verzichteten darauf, ihr Imperium über den Rhein nach Osten auszudehnen.

Foto 2: Zeitgenössische Darstellung des Sockels

Ernst von Bandel verfolgte das Projekt »Hermannsdenkmal« gegen alle möglichen Widerstände über Jahrzehnte. Es gab immer wieder bittere Rückschläge, auch der Bau des Denkmals selbst verlief nicht ohne Unterbrechungen. 1838 wurde nach gründlicher Vorbereitung mit dem Bau des monumentalen Denkmals begonnen. Für das Denkmal – schon für den mächtigen Sockel – benötigte man Baumaterial. Also nutzte man den Jahrtausende alten Ringwall als »Steinbruch«.

Die Finanzierung machte immer wieder Probleme. So wurde das »deutsche Volk« 1840 in einem Spendenaufruf gebeten, sich an den immensen Kosten zu beteiligen.

Foto 3: Eine der zahllosen Spendenlisten

1872 waren endlich die einzelnen Teile des Denkmals fertig. Sie wurden nach Detmold auf den Teutberg geschafft. Ernst von Bandel zog in ein bescheidenes Blockhaus vor Ort und organisierte die Errichtung eines gewaltigen Holzgerüsts zum Hochziehen der einzelnen Bauelemente des Denkmals. Anno 1875, am 16. August,  wurde das Denkmal schließlich eingeweiht, am 25. September 1876 verstarb Ernst von Mandel, nur wenige Monate nach Vollendung seines Lebenstraums.

Umstritten ist bis heute, ob das Denkmal an der richtigen Stelle steht, ob die legendäre Varus-Schlacht wirklich bei Detmold stattfand. Gern wird von interessierten Kreisen behauptet, die legendäre Varus-Schlacht habe gar nicht bei Detmold stattgefunden, sondern in Kalkriese bei Bramsche im Osnabrücker Land. Als »Beweise« wird auf Münzfunde hingewiesen. Und in der Tat wurden 627 Münzen geborgen, zum Teil mit der Prägung »VAR«. Diese Münzen stammen aus den Jahren 7 bis 9 nach Christus. Verschwiegen wird von den »Kalkriese-Fans« allerdings die Tatsache, dass in Kalkriese auch »Asse«-Münzen aus der Zeit von 12 n.Chr. bis 14 n.Chr. ans Tageslicht kamen.

Vermutlich handelt es sich bei den »Beweisen« für Kalkriese als Ort der »Hermannsschlacht« um Spuren eines anderen Gemetzels. Die Besatzung des römischen Nordlagers Tulifurdum war auf dem Rückzug und wurde wohl um 14 oder 15 n.Chr. in Kalkriese in einen Hinterhalt gelockt und vernichtend geschlagen.

Foto 4: Siegreicher Hermann
Die Behauptung, die Varus-Schlacht habe bei Kalkriese stattgefunden und nicht bei Detmold scheint sich mehr und mehr als Publicity-Gag zu erweisen…. Zweck: Hunderttausende, ja Millionen von Touristen, die bisher nach Detmold strömen, sollen nach Kalkriese umgeleitet werden. So kritisiert der Historiker Peter Kehne (1), Hannover, dass eine vage »Interpretationsmöglichkeit« von PR-Spezialisten »durch ständige Repetition zu einer angeblichen ›Gewissheit‹ und damit schon Kalkriese zur ›historischen Tatsache‹« hochgejubelt wird.

Was von der »PR-Fraktion Kalkriese« gern verschwiegen wird: Der Engpass bei Kalkriese, wo angeblich Varus und seine drei Legionen besiegt worden sein sollen, der ist einfach zu klein, bietet zu wenig Platz. Für mich ist es ein Fakt: Kalkriese kommt als Varus-Hermann-Schlachtfeld eher nicht infrage.

Foto 5: Ernst von Badel um 1875
Wo genau das große Gemetzel im Jahr 9 n.Chr. stattgefunden hat, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Beim Streit um die Identifizierung dieses Orts geht es wenigen seriösen Historikern um geschichtliche Wahrheit und  vielen  eifirg wettstreitenden Tourismus- Managern um Millionen. Millionen von Touristen bringen Millionen von Euros…

Übrigens: Ernst von Bandel war mit der Wahl des Orts für das Hermanns-Denkmal  nicht wirklich einverstanden. Ernst von Bandel hätte den riesengroßen »Hermann« lieber bei den Externsteinen gesehen. Unklar ist, ob von Bandel wusste, dass beim Bau seines Denkmals eine mächtige germanische Wallburg aus eindeutig vorchristlichen Zeiten zerstört wurde.

Noch im frühen 19. Jahrhundert soll die imposante Wallanlage – wohl vergleichbar mit der Herlingsburg –  deutlich zu erkennen gewesen sein. Die – ich wiederhole – vorchristliche germanische Burg wurde zerstört, um das »Hermannsdenkmal« zur Erinnerung an eine Schlacht zu bauen, von der niemand wirklich weiß, wo sie stattgefunden hat.

Deutliche Indizien weisen aber mehr auf den Teutoburger Wald hin als auf Kalkriese. Varus verlegte anno 9 n.Chr. seine Truppen vom Sommerlager – vermutlich im Großraum Hameln – ins Winterlager an den Rhein. Vom vermuteten Sommerlager an den Rhein hätte der direkte Weg in die Region des heutigen Detmold geführt. Irgendwo hier muss zur berühmten Schlacht gekommen sein…. Vom Sommerlager aus ins Winterlager wäre der Weg über Kalkriese ein unnötiger Umweg gewesen. Kein Argument lässt sich  für einen  solchen längeren Weg
finden.

Foto 6: Unermüdlicher Hermann
Ein »guter Kandidat« für die Varusschlacht ist das sogenannte »Winfeld«. Hier wurden Waffen und Münzen gefunden. Fand also hier das legendäre Gemetzel statt? Das »Winfeld« überzeugt mich jedenfalls mehr als »Kalkriese«. Das »Winfeld« liegt bei Horn, unweit der Externsteine. Ernst von Bandel wollte ja sein Hermannsdenkmal bei den Externsteinen errichtet sehen, konnte sich aber nicht durchsetzen. Also akzeptierte er den Standort bei Detmold. An einem Streit um den genauen Platz für das Monument sollte sein Projekt nicht scheitern! (2)

Wer meint, die alte Germanenburg fiel der Zerstörung ausschließlich  im 19. Jahrhundert zum Opfer, der irrt. Im »Führer zu archäologischen Denkmälern« heißt es (3) in Band 11 (»Der Kreis Lippe II): »Die etwa 11 Hektar große Innenfläche der der Grotenburg ist durch die Gaststätte, Parkplätze und Wegführung in Verbindung mit dem Hermannsdekmal weitestgehend zerstört oder versiegelt.«

                                                                                                  Fußnoten

Foto 7: Mini-Hermann vor der Tür
1) Kaifer, G. (Hrsg.): »Hermann Denkmal/ Naturpark Teutoburger Wald Wald«, Bad Salzuflen 2004, S. 27
2) ebenda, S. 26
3) Hohenschwert, Friedrich (Bearbeitung): »Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland/ Band 11/ Der Kreis Lippe II«, Stuttgart 1985, S. 140

Zu den Fotos...

Fotos 1, 4, 6 und 7: Walter-Jörg Langbein. Fotos 2, 3 und 5: Archiv Langbein


306 »Das Medaillon und eine Göttin«
Teil 306 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 29.11.2015


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