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Sonntag, 22. Juli 2018

444 »Wer war zuerst da: Gott oder Göttin?«

Teil 444 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Götter wurden zuerst auf hohen Bergen verehrt.

Die Inkas machten Gott »Ychsma« zum Gott Pachacamac. Pachacamac war ein Zerstörer und Erneuerer der Welt. Zwei Katastrophen ließ er über die Welt hereinbrechen, einmal mit Wasser und einmal mit Feuer. Auch der Gott des »Alten Testaments« ließ einmal Wasser über die Welt hereinbrechen (Sintflut) und einmal strafte er mit Feuer, das vom Himmel fiel. Pachacamac war freilich nicht allein, ihm zur Seite stand Pachamama, eine mächtige Erdgöttin. Auch Jahwe, der höchste Gott des Judentums war nicht allein. Was für Pachacamac die Pachamama war, das war für Jahwe Aschera.

2: Pachacamac
Mehr als nur knapp bemessen sind die konkreten Angaben über das Allerheiligste des Jerusalemer Jahwetempels. Falsch ist die Vermutung, dass Salomos Tempel ausschließlich der Verehrung Jahwes diente. Der salomonische Tempel bestand 370 Jahre. Immerhin 236 Jahre davon, also fast zwei Drittel der Zeit, beherbergte er auch eine Ascherah-Statue. Wie war das möglich? Hatte doch Jahwe angeblich selbst nicht nur das Anbeten fremder Götter im Allgemeinen verboten, sondern ganz konkret gefordert:(1) „Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherahbild errichten bei dem Altar Jahwes!“

Konkretem göttlichem Gebot zum Trotz stand ihre Statue im Allerheiligsten, im Salomonischen Tempel neben Jahwes Altar: Salomos Sohn, König Rehoboam, brachte die göttliche Statue in den Tempel. Sie wurde etwa 35 Jahre lang im Zentrum der Religiosität verehrt. König Asra ließ sie entfernen, König Joash wieder installieren. Nach 100 Jahren sorgte König Hezekiah dafür, dass Ascherah wieder aus dem Heiligtum verschwand. König Manasseh aber brachte sie wieder an ihren angestammten Platz. König Joshiah setzte eine religiöse Reform durch. Ascherah wurde aus dem Tempel verbannt, kehrte aber nach dem Tod des Königs wieder zurück.

Mal war Jahwes Aschera drin, mal war sie draußen, mal wurde sie verehrt, dann wieder war sie verachtet und durfte nicht angebetet werden.

Die Inkas machten Gott »Ychsma« zum Gott Pachacamac. Aber woher kam der Gott? Man kann spekulieren. Pachacamac war ein huaca. Huacas wurden im riesigen Gebiet von Pachacamac unweit vom heutigen Lima gern auf von Menschen geschaffenen künstlichen Bergen verehrt. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass huacas ursprünglich in den Hochanden verehrt und angebetet wurden. Der Glaube wanderte mit den Menschen aus dem Gebirge ins Flachland. Dort wurden künstliche Berge, sprich Pyramiden, errichtet, auf denen huacas angebetet wurden. Ein solcher künstlicher Berg lag beim heutigen Dorf Pachacamac.

Wer war zuerst da? Gott oder Göttin?

3: Pachacamac
War erst Ascherah die alleinige Gottheit der erst später Jahwe beigesellt wurde? Oder war es umgekehrt? Herrschte erst Jahwe und holte er sich Aschera an seine Seite? Pachamama war eine Erdgöttin? Nahm sie sich Pachacamac, ähnlich wie im Ritual der »Heiligen Hochzeit«? »Mein« Guide erklärte mir: »Pachamama war Mutter Erde. Ihr Zeichen war der Mond, sie war die Göttin der Fruchtbarkeit!“ Sie kam aus den Bergen, versicherte mir mein Guide, oder waren die Hochanden die Heimat des männlichen Pachacamac? Eine andere Lösung wurde mir in Lima von einem katholischen Geistlichen vorgeschlagen. Demnach glaubten die »sündigen Heiden« an eine Art Zwittergottheit, die männlich und weiblich zugleich war. In den Ruinen fand man ein »heiliges« Idol, doppelgesichtig, kunstvoll in einen langen Holzpfahl geschnitzt. War es weiblich und männlich zugleich?

4: Pachacamac
Franzisco Pizarro Gonzáles (um 1477; †1541), angeblich ein einfacher Schweinehirt, zerstörte das stolze Reich der Inka. Seine Raubzüge hatten einfache Ziele: Morden, Plündern und Rauben. Im Heiligtum von Pachacamac soll es enorme Goldschätze gegeben haben. Ein Teil davon fiel Pizarros Spießgesellen in die Hände. Die Kunstschätze wurden eingestampft und zu Barren gegossen.

Angeblich fiel den Plünderern ein geschnitzter Pachacamac-Pfahl (erinnert an die biblische Ascherah, die häufig als Pfahl bezeichnet wurde). Das den Inkas heilige Kultobjekt wurde vernichtet. Ein weiteres wurde bei Ausgrabungen gefunden und ist in einem kleinen Museum in Pachacamac zu sehen. Er erinnert am ehesten an einen Totempfahl mit seinem Schnitzwerk.

Der Überlieferung nach gelang es den Inkas, einen Großteil der Goldschätze Pachacamacs im Wüstenboden um Pachacamac zu vergraben. Unglaublich kunstvoll gestaltete Kostbarkeiten warten angeblich auch heute noch darauf, wieder entdeckt zu werden.

Was als gesichert gilt: Über einem »heiligen Raum« wurde einst eine Pyramide errichtet, auf deren höchster Stufe das mehrere Meter hohe hölzerne Idol von Pachacamac stand. Vor Ort erklärte mir ein Mitarbeiter des kleinen Museums, dass sich oben auf der Pyramide wohl ein Tempel befand. Im Zentrum dieses Tempels, so dieser Museumsmitarbeiter, stand das Pachacamac-Idol. Solche »Heiligtümer« gab es auf den pyramidenartigen Aufschüttungen der »Moundbuilder«, der »Hügelbauer«, auf den Tempeln Zentralamerikas (Beispiel: »Tempel der Inschriften«, Palenque, Mexico) und auf den berühmten Zikkurats (2) in Mesopotamien. Der babylonische Ausdruck Zikkurat lässt sich mit »Himmelshügel, hoch aufgetürmt und Götterberg« übersetzen. So ein Zikkurat war wohl das Vorbild für den »Turm zu Babel«. Betrachtet man die Rekonstruktionen des legendären Zikkurat von Ur, dann würden die gut ins Areal von Pachacamac passen. Auch in Indien gab es einst ganz ähnliche Gebäude mit langen Rampen und Aufbauten, die angeblich der Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen dienten.


Fotos 5 und 6: Pachacamac (oben) und Zikkurat von Ur (unten).

Meiner Meinung nach wurden die Riesenscharrbilder von Nazca geschaffen, um den Himmlischen »da oben« ein Zeichen zu geben. Und weltweit wurden Türme und Pyramiden gebaut, um den »Himmlischen« näher zu kommen. Die »Tempel« auf Türmen und Pyramiden waren Begegnungsstätten für »Himmlische« und »Irdische« (3). Göttinnen und Götter wurden hoch oben in den Bergen verehrt. Wo es keine gab, da schuf man künstliche Berge. Auf diese künstlichen Berge setzte man Tempel, zu denen Rampen und Treppen führten. Im Inneren wurden Kammern angelegt, sei es um ehrwürdige Tote dem Rang entsprechend beizusetzen, sei es um »heiligen Büchern« Schutz zu gewähren. In Palenque gibt es nicht nur den durch Erich von Däniken weltberühmt gewordenen »Tempel der Inschriften«, Palenque bietet eine komplexe Ansammlung von »künstlichen Bergen«. Ein typisches Beispiel ist der wirklich sehr schöne »Tempel des Laubkreuzes«. Die steinerne Pyramide thront auf einem künstlich aufgeschütteten Berg, sozusagen als ein künstlicher Berg auf einem künstlichen Berg.

Foto 7: »Tempel des Kreuzes« (rechts vorn)

Mitten im Urwald schlummerten Jahrhunderte lang die Ruinen von Palenque. Wie die mysteriöse Ruinenstadt bei den Mayas ursprünglich hieß, das ist bis heute nicht mit Sicherheit bekannt. Gegründet wurde Palenque im 7. oder 8. Jahrhundert n. Chr.  Unklar ist auch, wann und warum Palenque von den Mayas scheinbar plötzlich aufgegeben wurde. Irgendwann zwischen 900 n. Chr. und 1400 n. Chr. wurde die Tempelstadt verlassen.

Die Mayas, Erbauer von Palenque, hatten ein zyklisches Weltbild. Eine Epoche folgte auf die andere. Am Anfang jeder Epoche steht eine (nicht die!) Schöpfung, an ihrem Ende eine (nicht die!) Zerstörung. Auf jede Zerstörung folgt aber immer wieder ein Neuanfang. Anders als Juden, Christen und Moslems glaubten die Mayas nicht an einen absoluten Endpunkt in der Apokalypse. Für sie kam es nach dem Untergang immer wieder zu einer neuen Auferstehung.

Foto 8: Gottheit Shiva tanzt.

Pachacamac, ein huaca,  wurde auf einem von seinen menschlichen Anhängern errichteten künstlichen Berg verehrt und angebetet. Wie Shiva im Hinduismus war Pachacamac ein Zerstörer und ein Erneuerer. Shiva steht für die Kraft der Zerstörung UND die Kraft des Wiederaufbaus. Man spricht von der »Doppelnatur Shivas«. Shiva ist keineswegs nur der Gott der Zerstörung. Er ist keineswegs nur der vernichtende Gott des Bösen. Er ist auch der Gott, der die neue Welt vorbereitet, den Neuanfang nach dem Ende. Das hölzerne Idol von Pachacamac könnte man auch als eine Darstellung Shivas ansehen, was die Dualität, die Zweigesichtigkeit angeht.

Pachacamac wird mit Leben und Tod in Verbindung gebracht, mit Erde und Unterwelt, mit dem Mond. Meiner Meinung nach ist der jüngere Pachacamac die männliche Form der kulturhistorisch sehr viel älteren Göttin des Lebens und der Fruchtbarkeit, deren Symbol der Mond ist. Womit wir wieder bei Maria angelangt wären, die so oft auf einer Mondsichel stehen dargestellt wird.

Foto 9: »Mondgöttin« Maria
Am Anfang war die Urgöttin, davon ist Lexikonautorin Barbara G. Walker überzeugt (4). Aus dieser »Übergöttin« entwickelten sich zahlreiche »Untergöttinnen«. Die Expertin: »Im Laufe der Jahrhunderte zerlegten die Schriftgelehrten die Gestalt der Großen Göttin in unzählige ›Göttinnen‹ und gaben diesen all die unterschiedlichen Namen und Titel, unter denen die Göttin in verschiedenen Zeiten bei den verschiedenen Völkern angerufen wurde.«
 
Die Heilige Frauen waren mächtig aus sich heraus. Sie waren auf keinen Partner angewiesen. Wenn sie einen Gefährten hatten, dann waren sie ihm in jeder Hinsicht überlegen. Das führte zu Konstruktionen, die heute,gelinde gesagt, kurios anmuten. Barbara G. Walker in ihrem Lexikon »Das Geheime Wissen der Frauen« (5): »Sie ist nicht nur dessen Mutter, die Urheberin seiner Existenz, sondern auch die Gottheit, die die ganze Schöpfung mit dem kraftvollen Blut des Lebens durchdringt. Die Götter konnten nur mächtig werden, weil sie an der Weisheit und Kraft der Göttin teilhatten.«

Ich fasse zusammen: Am Anfang, zu mythischen Zeiten gab es die allmächtige Göttin,  die Heilige Frau, die kraftvolle Weiblichkeit als dominante Vorherrschaft über das Universum verkörperte. In einer Welt, die vom Prinzip der weiblichen Göttlichkeit durchdrungen war, dürfte das alltägliche Leben ähnlich ausgesehen haben. Es war die Frau, die den Menschen das Leben schenkte. So wie in Ägypten die alljährlichen, regelmäßigen Nilüberschwemmungen dem Land Fruchtbarkeit schenkten, so kam alles Leben immer wieder aus der Frau. Auf Nilflut mit Fruchtbarkeit folgte wieder Trockenheit, die Wüste breitete sich aus. Auf jedes Leben folgte der Tod. Doch wie neuerliche Nilüberschwemmungen neuerliche Fruchtbarkeit brachten, so sah man auch das Leben als sich immer und immer wieder neu abspielenden Zyklus an: Auf die Geburt folgte das Leben, der Tod beendete einen Lebenszyklus, dem sich wiederum neues Leben anschloss.

Foto 10: Schätze unter'm Wüstenboden?

(1) Das 5. Buch Mose Kapitel 16, Vers 21
(2) Es gibt eine ganze Reihe unterschiedlicher Schreibweisen: Zikkurrat, Ziggurat, Ziqqurrat und Schiggorat
(3) Ephraim George Squier: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883
(4) Walker, Barabara: » Das Geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 323

(5) Ebenda, S. 323

Zu den Fotos
Foto 1: Die Götter wurden zuerst auf hohen Bergen verehrt. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 2-4: Das Pachacamac-Idol aus Holz. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6. Foto 6 oben Pachacamac, Foto 6 unten Zikkurat von Ur, wikimedia commons GDK
Foto 7: »Tempel des Kreuzes« (rechts vorn). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Gottheit Shiva tanzt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Maria als »Mondgöttin« in der Marienkirche zu Lügde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Schätze uter'm Wüstenboden? Foto Walter-Jörg Langbein

445 »Das Mekka Südamerikas«,
Teil 445 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29.07.2018



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Mittwoch, 17. Januar 2018

418 »Monstermauern, Mumien und Mysterien – ein Jubiläum«

Teil  418 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein




»Kuelap, eine geheimnisvolle Metropole der ›Chachapoyas‹«, der legendären »Wolkenmenschen«, so hieß Folge 1 meiner Sonntagsserie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«. Eine echte Monstermauer schütze einst die rätselhafte Stadt Kuelap der »Chachapoyas«. Erschienen ist sie am 17. Januar 2010, also heute auf den Tag genau vor acht Jahren. Ich plante ursprünglich eine »Miniserie« mit insgesamt zehn Folgen. Die Resonanz war von Anfang an höchst positiv. Und so wurde rasch an zusätzliche Folgen gedacht. Nach 25 Folgen würde Schluss sein. Oder nach 50? Sonntag für Sonntag lief meine Serie. Es machte großen Spaß, sie zu schreiben.

Foto 2: Unterwegs im Reich der Wolkenmenschen.
Riesig ist mein Fundus an Erinnerungen an Reisen zu den interessantesten Stätten auf unserem Planeten. Wirklich groß ist mein Fotoarchiv. Beim Stöbern in den sorgsam archivierten Aufnahmen wurden Erinnerungen an so manch‘ anstrengende Reise wach, an so manches »Abenteuer«. Immer wieder zog es mich in die »Unterwelt«: So kroch ich in die »unvollendete Grabkammer« unter der »Cheopspyramide«, in das Ganglabyrinth unter den »Tempelruinen« von Chavin de Huantar im Norden Perus. Der Weg in die »Unterwelt« der »Großen Pyramide« Ägyptens war alles andere als leicht.

Die sogenannte »unvollendete Grabkammer« liegt im massiven Fundament aus gewachsenem Stein unter dem gigantischen Bauwerk. Wann wurde sie in den Fels geschlagen? Wurden die Arbeiten begonnen, bevor der Grundstein für die Cheopspyramide gesetzt wurde? Bautechnisch wäre es die einfachste Lösung gewesen, zunächst die heute als unvollendete Grabkammer bekannte »Gruft« auszuheben, um nach vollendeter Arbeit die Pyramide darüber zu bauen. Dann wäre es relativ leicht gewesen, den Abraum durch einen kurzen Schacht ins Freie zu schaffen.
   
Der Gang in die mysteriöse Unterwelt führt aber zum Großteil durch den mächtigen Leib der Pyramide. Wurden also gleichzeitig unterirdisch die geheimnisvolle Kammer und die riesige Pyramide darüber geschaffen? Ein »Gehen« in die Tiefe im herkömmlichen Sinn war unmöglich. Ganze 1,20 Meter hoch und 1,06 Meter breit macht der »Gang« eine Fortbewegung im Stehen unmöglich. Vor Anstrengung keuchend und bald heftig schwitzend, sodass mir die Kleidung wie eine zweite Haut am Leibe klebt, kroch ich krabbelnd dem vielleicht eigentlichen Rätsel der Pyramide entgegen.

Foto 3:  Im Tunnel unterwegs zur »unvollendeten Grabkammer«.

Ehrlich gesagt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Baumeister des Weltwunders »Cheopspyramide« so schlecht geplant und während des Entstehens der riesigen Pyramide plötzlich umdisponiert haben. Ich vermute, dass die »unvollendete Grabkammer« einen uns bis heute unbekannten Zweck erfüllte. Vielleicht war sie Teil eines Systems aus Gängen und Kammern, das bis heute erst zum Teil bekannt ist. Weitere »Hohlräume« - Kammern, Gänge? – werden im mächtigen Leib der Cheopspyramide vermutet. Pyramidenforscher Axel Klitzke machte schon vor Jahren sehr konkrete Angaben zu einem noch verborgenen Kammer-Gangsystem in der Cheopspyramide. Sein Buch »Pyramiden: Wissensträger aus Stein« (1) ist leider vergriffen und nur antiquarisch erhältlich.

Leider verweigert sich die klassische Archäologie derlei Gedanken, speziell wenn sie von »Hobbyforschern« vorgetragen werden. Ägyptologen wie Dr. Zahi Hawass, der sein äußeres Erscheinungsbild mehr und mehr Indiana Jones anzupassen scheint, dulden keine Außenseiter mit neuen Gedanken. Das erschwert echte Fortschritte beim Erkunden der Pyramide.

Foto 4: In der »unvollendeten Grabkammer«.

Ähnlich niedrig und eng waren die Gänge unter den kargen Resten des einst riesigen »Tempelkomplexes« von Chavin de Huantar. Auch in der Unterwelt von Chavin musste man sich durch enge und niedrige Gänge zwängen. Freilich waren da Teile des komplexen Fangsystems eingebrochen, so dass ein Weiterkommen immer wieder unmöglich war. Also gab es nur eine Möglichkeit: Wieder zurück kriechen, eine andere Abzweigung nehmen. Immer wieder machte sich unangenehmer Geruch bemerkbar. Immer wieder musste man durch die Verdauungsprodukte von Fledermäusen krabbeln, so dass man am Ende einer stundenlangen Exkursion durch unheimliche Gänge völlig verdreckt und nicht gerade nach Veilchenduft riechend ans Tageslicht zurückkam.


Foto 5: Eingang zum Tempelkomplex von Chavin de Huantar.

Es ist nicht bekannt, welchem Zweck das Gangsystem diente, ja es ist noch nicht einmal klar, wie groß es einst war. Wer weiß, welche Teile schon vor vielen, vielen Jahrhunderten eingestürzt sind. Vor Ort erklärte mir ein Archäologe, dass einst Wasser durch die Tunnels unter dem Tempelkomplex von Chavin de Huantar floss. Aber warum? Um ein lautes Rauschen zu erzeugen, das irgendwie aus dem Inneren der Erde zu kommen schien. Wollten die Priester so die Gläubigen beeindrucken, ja in Angst und Schrecken versetzen?

»Die Priesterschaft hatte sicher Tricks auf Lager. Sie konnten womöglich einen ›Dialog‹ mit den Göttern inszenieren. Wenn das Volk gegen den Oberpriester murrte, wurden die Götter ›befragt‹. Etwa: ›Oh Ihr Götter! Soll das Volk dem Oberpriester weiterhin gehorchen, so lasst Eure Stimme erschallen!‹ Daraufhin wurden Schleusen geöffnet, Wassermassen strömten in die unterirdischen Gänge und lautes Rauschen kam aus dem Leib der Erde. Das war für die Gläubigen ein eindeutiges Zeichen, gesandt von den mächtigen Göttern!«

Foto 6: WJL in der Unterwelt von Chavin de Huantar
Solche reichlich spekulative Gedanken »meines« Archäologen übertreffen selbst kühnste Spekulationen der »Prä-Astronautik«-Gilde. Übrigens: Es sind gerade die selbsternannten Skeptiker, die Erich von Däniken und Co. Abstruse Behauptungen unterstellen, um sie dann genüsslich zu »widerlegen«. Das erkennt freilich nicht, wer auf die Lektüre der Bücher von Erich von Däniken und Co. verzichtet.

So wird der  Schweizer Bestsellerautor Erich von Däniken von    der  »wissenschaftlichen« Seite immer wieder »widerlegt«, etwa in Sachen Nasca. Da macht man sich lustig über den Bestsellerautor aus der Schweiz, der angeblich behauptet habe, die riesigen Bilder in der Wüstenebene von Nasca seien Landebahnen der Außerirdischen gewesen (2). Wer Erich von Däniken gelesen hat, der weiß: So einen hanebüchenen Unsinn hat der weltweit bekannteste Vertreter der Theorie von den »Astronautengöttern« niemals behauptet.

Am 17. Januar 2010, auf den Tag genau vor acht Jahren, erschien die erste Folge meiner sonntäglichen Serie. Natürlich habe ich die Leserinnen und Leser auch nach Nasca entführt, in die Luft über der Hochebene, aber auch in die Unterwelt von Nasca, in einige der rätselhaften Tunnels unter den gigantischen Scharrzeichen. Welchem Zweck das gigantische Bilderbuch in der Wüste auch diente, abgeschritten oder abgelaufen wurden die Linien nie. Das hätte sie nämlich zerstört. Ich bin – wie Erich von Däniken – der Meinung, dass die gewaltigen Bilder und Bahnen, die man übrigens vom Weltraum aus erkennt, für die Götter in himmlischen Gefilden gedacht waren. Die Astronautengötter sollten aufmerksam gemacht, vom Himmel zurück auf die Erde gelockt werden.

Foto 7: Unter Chavin de Huantar.
In 417 Folgen habe ich versucht, möglichst viele Leserinnen und Leser (noch) neugieriger auf die vielen Geheimnisse unseres Planeten zu machen. Und die sind beileibe nicht nur in weiter Ferne zu finden, sondern auch vor der sprichwörtlichen Haustüre, in Kirchen und Kapellen, aber auch an uralten Kultstätten (Beispiele: Externsteine im Teutoburger Wald, die »Keltenschanzen« von Holzhausen bei München, monströse Reliefs im Münster zu Hameln und am »Paradiestor« des Doms zu Paderborn).

417 Sonntagsbeiträge über Geheimnisse und Mysterien… 8 Jahre »Monstermauern, Mumien und Mysterien – ein Jubiläum«. Ich wollte und will informieren, aber niemandem eine bestimmte Sichtweise der Dinge aufzwingen. Doktrinen gibt es auch in der Welt der Wissenschaft genug. Was den Fortschritt bringt? Wer den Fortschritt bringt? Das sind Menschen, die keine Angst vor kühnen Fragen haben und die den Mut aufbringen, auch fantastisch anmutende Antworten in Erwägung zu ziehen.

Ich danke allen Leserinnen und Lesern, die meiner Sonntagsserie gefolgt sind. Wenn es mir gelingen sollte, den einen oder den anderen Interessierten zu eigenen Recherchen anzuregen, dann würde mich das sehr freuen.

Foto 8: Die Externsteine bei Detmold.

Fortsetzung folgt….

Fußnoten
1) Klitzke, Axel: »Pyramiden: Wissensträger aus Stein«, Govinda Verlag, Jestetten Januar 2006
2) Gadow, Gerhard: »Erinnerungen an die Wirklichkeit/ Sonderdruck der SAN-

Nachrichten von Gerhard Gadow/ Ein Kommentar zum Däniken Bestseller«, Berlin 1979


Zu den Fotos

Foto 9: Monsterwesen von Hameln.
Foto 1: Foto 1: Unterwegs zur Sadt der Wolkenmenschen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Unterwegs im Reich der Wolkenmenschen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 3:  Im Tunnel unterwegs zur »unvollendeten Grabkammer«. Foto Walter Langbein sen.
Foto 4: In der »unvollendeten Grabkammer«. Foto Walter Langbein sen.
Foto 5: Eingang zum Tempelkomplex von Chavin de Huantar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: WJL in der Unterwelt von Chavin de Huantar. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 7: Einer der unterirdischen Gänge von Chavin de Huantar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8 Die Externsteine bei Detmold. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Monsterwesen von Hameln. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 10: Monsterwesen von Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein.

Foto 11: »Phantastische Phänomene«, 3. und 4.3.2018.

Foto 10: Monsterwesen von Paderborn.

419 »Kreaturen aus einer anderen Welt«,
Teil  419 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.01.2018 


Foto 11: »Phantastische Phänomene«, 3. und 4.3.2018


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Sonntag, 6. August 2017

394 »Auf der Suche nach der ältesten Pyramide«

Teil  394 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Eine der Pyramiden von Sipan.

»Es ist sehr, sehr lange her. Es geschah in uralten Zeiten, die so lange her sind, dass man es gar nicht ausdrücken kann, wie lange das Geschehen zurückliegt in der ältesten Vergangenheit. Und da kam einer, ein Familienoberhaupt, ein großer, ein wahrer Held, ein Mann mit edelsten Eigenschaften. Er kam aus dem Norden. Er kam mit seinem Gefolge, mit wackeren Helden, mit seiner Frau Cheterni. Cheterni war seine Hauptfrau. Mit ihm kamen aber zahlreiche Konkubinen. Sie alle, sie folgten ihm, ihrem Oberanführer, ihrem Herrscher. Die tapfersten seiner Männer aber, sie waren seine Offiziere, vierzig an der Zahl.

Er aber, der sie alle anführte und dem sie alle folgten, sein Name war Ñaymlap. Ninagintue war sein Mundschenk.  Occhocalo war sein Koch. Fonda Sidges Amt bestand darin, die Wege, auf denen Naymlap zu wandeln gedachte, zu fegen. Ollopopoc bereitete Naymlap das Bad, Xam Muchec war für Farben, Salben und Öle verantwortlich, die für Ñaymlaps Antlitz bestimmt waren.

Mit einer Flotte von Balsaflößen kam er, Ñaymlap, herunter aus dem Norden und er landete in der Mündung des Flusses Fakislanka, von da aus gingen sie an Land und gingen ins Landesinnere und als sie eine halbe Stunde Wegs zurückgelegt hatten, da bauten sie nach ihrer Art und Weise einen Palast und weitere Paläste. Und den Ort nannten sie Chot. Und in den Palästen, aber auch in allen Häusern, da beschworen sie ein Idol, dem sie ehrfürchtig huldigten.

Dieses Idol hatten sie auf ihrer Reise mit sich geführt und sie hatten es nach dem Bildnis Ñaymlaps gefertigt aus grünem Stein. Und dieses Idol nannten sie Yampallec, was so viel heißt wie ›Statue nach dem Bildnis des Ñaymlap‹.« (1)

Ausgerechnet ein katholischer Geistlicher hat mir die Legende von Ñaymlap erzählt, die angeblich bereits im 16. Jahrhundert ein gewisser Miguel Cabello de Balboa aufgezeichnet haben soll. Der Gottesmann war mit mir im altersschwachen Taxi unterwegs, und zwar auf dem berühmten »Pan American Highway«, die auch die mysteriöse Ebene von Nazca durchquert. (Siehe Foto 2!)

Foto 2: Highway und Nazca
Von Chiclayo ging es weiter gen Norden. In Lambayeque verließen wir den Highway, fuhren nach Westen und erreichten schon bald Chotuna. »Wir hätten uns auch von Chiclayo aus nordwestlich halten können. Aber die dreizehn Kilometer auf schlechtesten Straßen sind wirklich nicht zu empfehlen. Und man gerät da leicht in die Fänge von den Männern vom Leuchtenden Pfad. Diese Terroristen nehmen gern auch in ›Friedenszeiten‹ ausländische Geiseln und lassen sie gegen Lösegeldzahlungen, oft erst nach Monaten oder einigen Jahren frei. Auf dem ›Pan American Highway‹ ist man sicherer.«

Auf der Fahrt erzählte mir der Gottesmann die Legende vom Heros Ñaymlap, ließ dazwischen aber immer wieder Warnungen vor dem »Leuchtenden Pfad« einfließen. Damals – Anfang der 1980er Jahre – war diese maoistische »Rebellengruppe« sehr aktiv in Peru. In den 1980ern und 1990ern töteten die Terroristen vermutlich Tausende. Stolz erklärte mir »mein« Priester: »Wir Geistlichen versuchen den Menschen christliche Werte zu vermitteln, durch Predigten, persönliche Gespräche, aber vor allem durch ein möglichst christliches Leben. Bischof Luis Armando Bambarén Gastelumendi steht auch auf der Todesliste der Mörder vom ›Leuchtenden Pfad‹, wie so viele von uns Geistlichen, die die Morde dieser Terroristen Morde nennen!«

Die Legende von Ñaymlap war meinem Geistlichen wohlvertraut. Auch viele der »Einheimischen« kennen sie noch, sehr zum Ärger der örtlichen Geistlichkeit. Seit Jahrhunderten, so erfuhr ich, versuchten die katholischen Priester Naymlap in Vergessenheit geraten zu lassen, aber vergeblich. Warum? Warum war Ñaymlap den christlichen Theologen so verhasst. Erstaunliches bekam ich zu hören. Einst gab es, so raunte mir der Priester mit Verschwörermiene zu, gab es einen Mann, der sich als Ñaymlap ausgab. Dieser Mensch aus Fleisch und Blut behauptete der göttliche Ñaymlap zu sein und wurde – vor Jahrhunderten – als Autorität anerkannt. Er kommandierte, die Menschen in den Gefilden von Lambayeque gehorchten. Wer wollte schon ungehorsam sein, wenn ein Gott etwas forderte?

Foto 3: Ñaymlap vor einer Pyramide

Als Ñaymlap schließlich starb, forderten seine Nachfolger weiter strikten Gehorsam von den Menschen. Ihre Autorität basierte auf der Göttlichkeit Ñaymlaps. Deshalb vertuschten sie den Tod des Herrschers und ließen seine Leiche verschwinden, hatte der doch behauptet, unsterblich zu sein. Nur wenn sie die Lüge von Ñaymlaps Unsterblichkeit aufrecht erhielten, wurde auch ihre Autorität weiter anerkannt.

»Wenn Ñaymlap ein normaler sterblicher Mensch war, dann muss doch die Kirche keine Angst vor ihm haben?«, so fragte ich provokant. Mein Gesprächspartner winkte ab. Der Geistliche wurde langsam ärgerlich. Als die Spanier nach Südamerika kamen, hielt der Herrscher der Azteken, Mocetzuma II., den Spanier Hernán Cortés für den wiederkehrenden Quetzalcoátl. Und der hatte doch bei seinem Abschied prophezeit, er werde zwar entschwinden, der einst aber wieder zurückkommen, und zwar aus dem Osten. Der Glaube an die Göttlichkeit des Hernán Cortés wurde rasch auf eine harte Probe gestellt, als der Spanier morden und plündern, foltern und rauben ließ. Seine geradezu krankhafte Gier nach Gold passte ganz und gar nicht zu einem überirdischen Gott, sondern nur zu einem verbrecherischen Menschen. Als die Azteken ihren Irrtum erkannten, war es zu spät.

Fotos 4 und 5: Soll das Ñaymlap sein?
Auch wenn Peru offiziell »katholisch« ist, so erlebte ich immer wieder auf meinen Reisen, dass auch unter einer äußeren »christlichen« Übermalung alte vorchristliche Gottheiten weiter leben und auch in der Bevölkerung weiterhin verehrt werden. So dürfte der Ur-Ñaymlap ein »heidnischer« Gott gewesen sein, der auch heute noch in der Bevölkerung Verehrung genießt. Der Legende vom unsterblichen, sprich göttlichen Ñaymlap kann nur der Gar ausgemacht werden, wenn es gelingt, seine Gebeine ausfindig zu machen und öffentlich zu präsentieren. Nach den Aufzeichnungen von Cabello de Balboa aus dem Jahr 1586 haben die engsten Vertrauten des Ñaymlap seinen Leichnam in jenem »Palast« beigesetzt, der dem angeblich »Göttlichen« zu Lebzeiten als Palast und Regierungssitz gedient hatte.

Auf Geheiß Ñaymlaps wurde seinem Volk mitgeteilt: Der göttliche Herrscher hat uns verlassen, er ist davon geflogen. Als sein Nachfolger wurde Ñaymlaps Sohn Cium anerkannt. Als Sohn eines Gottes musste Cium ja auch göttlich sein. Auch Cium plante über seinen Tod hinaus. Auch seine Nachkommen sollten als Götter verehrt und als Herrscher anerkannt werden. Auch Cium wurde angeblich heimlich beigesetzt, angeblich in einer »unterirdischen Gruft«. Wie Ñaymlaps Grab wurde auch die letzte Ruhestätte Ciums bis heute nicht gefunden.

Wo soll sich der »Palast« von Ñaymlap ausgesehen haben? Wir wissen es nicht. Wo soll er sich befunden haben? Als »heißer Kandidat« gilt die große Pyramide von Chotuna. Einst gab es im Gebiet von Chotuna »Pyramiden«, »Paläste« und »Mauern«. Viel ist heute von der alten Pracht nicht mehr zu sehen. Die meisten, einst stolzen Bauten, wurden abgetragen. Auch die »Große Pyramide« von Chotuna ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Intensive Grabräuberei macht es unmöglich, das einst majestätische Denkmal zu rekonstruieren.

Foto 6: und Foto 7: Kuriose »Comics« von Túcume

Vermutlich gab es oben auf der Pyramide einst eine Plattform und darauf Bauten. Stand dort auf der Pyramide einst der Palast des Ñaymlap? Nach Cabello de Balboa hieß der Palast-Komplex Ñaymlaps »Chot«. Sollte sich daraus der Name »Chotuna« entwickelt haben? Sollte Naymlap in der Großen Pyramide von Chotuna bestattet worden sein? Wissenschaftliche Ausgrabungen wurden durchgeführt, es wurden Reste von Keramiken gefunden, aber keine Gruft. Festzustehen scheint, dass an der kolossalen Pyramide mehrere Jahrhunderte gebaut wurde. Sie war wohl einst über dreißig Meter hoch.

Eine gewaltige Rampe führte einst bis nach oben. Interessant: Es wurden drei »unterirdische Korridore« entdeckt, zwei im Osten, eine im Süden der Pyramide. Wohin führten sie einst? Unter die Pyramide? Ins Innere der Pyramide? Nur: Es gab keine Spur – mehr? – von einer Grabkammer oder einem Erdgrab. So bleibt es spekulativ: Ist Chotuna der Ort, wo sich einst der Palast des Ñaymlap befand? Im Bereich des Spekulativen sind auch Überlegungen, wie der einstige göttliche Herrscher ausgesehen haben mag. Vereinzelte archäologische Fundstücke könnten den mächtigen Mann zeigen, oder auch nicht. Teppichmotive zeigen »fliegende Götter«. Von Ñaymlap wurde behauptet, er sei davon geflogen. Stellen also uralte Teppichmotive Ñaymlap dar?

An Mauerwerk im Túcume-Komplex (2) fanden sich erstaunlich gut erhaltene Reliefs. Was sie darstellen, auch darüber kann nur spekuliert werden. Stehen die mysteriösen Bildnisse im Zusammenhang mit Ñaymlap? Die an Comics erinnernden Darstellungen geben Rätsel auf. Sie stellen Fragen, die bis heute nicht beantwortet werden können.

Foto 8: Comics von Túcume

Bis zum heutigen Tag wird nach dem Grab des Ñaymlap gesucht. Bislang vergeblich! Viele grundlegende Fragen konnten bis heute nicht beantwortet werden.

Wann wurden die ersten Pyramiden in Peru gebaut? Auch wenn sie so aussehen, als seien sie so alt wie die Welt, so sind die Pyramiden von Túcume und Sipán verhältnismäßig jung. Die Pyramiden von Sipán mögen, vorsichtig datiert, 700 n.Chr., die von Túcume um 1000 mach Christus entstanden sein.

Im »Casma Tal«, fast direkt an der legendären Pan-American-Schnellstraße, beim Städtchen Casma gelegen, bahnt sich eine wissenschaftliche Sensation an. Da gab es ein riesiges, bebautes Areal von der Größe von 250 Fußballplätzen. Von den einstigen Prachtbauten von Sechín ist leider so gut wie nichts mehr erhalten geblieben. Archäologen stießen bei ihren mühseligen Grabungen auf das Fundament einer steinernen Pyramide. Ihr Alter wird auf 3200 v. Chr. geschätzt! So recht weiß man nicht, welchem Zweck die diversen Bauten dienten. Dann spricht man ja gern von »Kulten«, »Riten« und »Zeremonien«.

Foto 9: Reste einer uralten Kultur in Sechín.

Die Suche nach der ältesten Pyramide von Peru ist noch nicht beendet. Wir müssen uns auf Überraschungen, ja Sensationen gefasst machen. Freilich hat es sich gezeigt, dass besonders extreme Datierungen von uralten Bauten gern bei Seite geschoben werden, um das lieb gewordene Bild von der Vergangenheit Perus nicht zu erschüttern. Und doch gibt es immer wieder Funde, die dazu zwingen, das Alter der ersten Kultur von Peru immer früher anzusetzen. Und nicht nur das. Offensichtlich konnten und wussten die Menschen vor Jahrtausenden im Raum der Küste Perus mehr als wir ihnen zutrauen möchten!

Beispiel: Im Norden von Lambayeque, dem Land der fantastischen Riesenpyramiden, entdeckten Archäologen bei Licurnique einen gewaltigen Monolithen mit geheimnisvollen Zeichnungen und Symbolen. Sie entstanden 1500 v.Chr., wahrscheinlich sogar schon 2000 v.Chr., und stehen im Zusammenhang mit astronomischen Beobachtungen (3). Die »ersten Peruaner« beobachteten offensichtlich Sonne, Mond und Sterne. Rampen an ihren Pyramiden erinnern an die alten Observatorien in Indien, wo vor Jahrtausenden Sterne angepeilt wurden.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die älteste Pyramide Perus noch nicht gefunden wurde. In den Wüstenregionen an der Pazifik-Küste Perus dürfte noch so manche Überraschung auf die Archäologen warten! Ich bin davon überzeugt: Auch die älteste Pyramide der Welt wurde bislang noch nicht ausfindig gemacht. Und wer weiß: Vielleicht wurde die älteste Pyramide unseres Sonnensystems gar nicht auf Planet Erde gebaut!


Fußnoten
1) Aufgezeichnet von Walter-Jörg Langbein. Reisenotizen, Peru 1982
2) Silverman, Helaine und  Isbell, William: »Handbook of South American Archaeology«, Springer, 2008
3) Holloway, April: »Archaeologists find stone engraved with 3500-year-old astronomical symbols in Peru«, »Ancient Origins«, 27. Juli 2014


Zu den Fotos
Foto 1: Eine der Pyramiden von Sipan. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Moderne Schnellstraße durchschneidet die Ebene von Nasca. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3:
Ñaymlap vor einer Pyramide/ Foto Walter-Jörg Langbein/ Collage Ursula Prem
Fotos 4 und 5: Soll das Ñaymlap sein? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: und Foto 7: Kuriose »Comics« von Túcume. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Comics von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Reste einer uralten Kultur in Sechín. Foto wikimedia commons/ Sylvain2803


Walter-Jörg Langbein
395 »Fische im Berg und die Osterinsel-Connection«,
Teil  395 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.8.2017



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Sonntag, 25. Juni 2017

388 »Kein Ballon für den Inka!«

Teil  388 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                      

Fotos 1 und 2: Nazca
Der Pilot meint es gut mit mir. Er bringt seine kleine Propellermaschine in Schieflage, so dass sich nun die berühmte Ebene von Nazca unter mir schier endlos ausbreitet. So habe ich einen perfekten Blick nach unten und kann so gut es geht fotografieren. Die zerkratzte, teilweise fast milchig-trübe kleine Fensterscheibe trübt aber die Freude. Trotzdem ist der Anblick fantastisch. Weder Fotos, noch Filme können die fantastisch anmutende Wirklichkeit von Nazca wirklich wiedergeben. Das Staunen lernt man, wenn man die Hochebene aus einem Flugzeug sieht. Sie wurde als riesige »Leinwand« benutzt. Freilich wurde nicht mit Farben gemalt.

Unter mir breitet sich die trockene, wüstenartige Hochebene von Nazca aus. Zwischen dem Río Nazca und dem Río Ingenio wurden vor rund zwei Jahrtausenden auf gut 500 Quadratkilometer riesige Darstellungen von Tieren vom Affen bis zum Walfisch in den trockenen Boden gescharrt, die im vollen Umfang nur vom Himmel aus erfasst werden können. Die kilometerlangen Linien und Bahnen sind sogar vom Weltall aus zu erkennen. Satellitenbilder lassen staunen.

1927 gilt als das Jahr der Entdeckung der Riesenbilder. 90 Jahre später weiß man immer noch nicht, wie viele der riesenhaften Bildnisse insgesamt einst im Boden verewigt wurden. Die unbekannten Künstler kratzten lediglich eine dunkle Schicht des bräunlichen Bodens weg, bis der hellere Untergrund zum Vorschein kam. Sie »zeichneten« gigantische Geoglyphen für wen auch immer. Im Lauf der Jahrhunderte verschwanden viele Erdzeichnungen wieder unter einer Staubschicht, die wieder verkrustete. Manchmal tauchen sie in unseren Tagen wieder auf, wie jene 24 Scharrbilder, die erst im Sommer 2015 von Forschern der Universität von Yamagata etwa 1,5 Kilometer nördlich von Nazca »entdeckt« wurden. Seit 2004 haben die emsigen Wissenschaftler aus Japan immerhin 50 Geoglyphen wieder gefunden, die vermutlich von starken Bodenwinden neuerlich freigelegt worden waren. Sie sollen besonders alt, noch vor dem Riesenkolibri geschaffen worden sein.

Für wen waren die gewaltigen Geoglyphen gedacht? Wer sollte sie sehen? Jim Woodman behauptet: Nazca war ein Startplatz für Heißluftballone. Seit vierzig Jahren bekomme ich immer wieder zu hören: »Jom Woodman hat seine Theorie vom Flug mit Heißluftballons über Nazca experimentell bewiesen!« Hat er das? Nicht wirklich!

Foto 3: Santo Domingo, Vordereingang, Foto Ingeborg Diekmann

 Jim Woodman ließ von der Firma Raven einen riesigen »Ballon« aus Baumwollstoff anfertigen. Für »Condor 1« durften nur Materialien verwendet werden, die auch den Menschen der Nazca-Kultur zur Verfügung standen. Der Koloss wurde auf der Hochebene von  Nazca mit heißem Rauch aus einem mächtigen Holzfeuer »betankt«. Die feinen Rußpartikel dichteten die Ballonhülle von innen ab, so dass die Hitze des Feuers nicht mehr entweichen konnte. So blähte sich der Ballon nach stundenlanger Befeuerung in der Nacht auf, erreichte am Morgen schließlich die Höhe eines zehnstöckigen Hauses.

Unter dem Ballon hing eine beängstigend kleine »Gondel«, aus Binsen geflochten, 2,5 Meter lang und 1,5 Meter hoch. Darauf nahmen Jim Woodman und Julian Nott Platz, sprich sie klemmten sich die schmale »Gondel« zwischen die Beine. Dann ging es auch schon los. Die Leinen wurden gekappt. Die Reise zur Sonne konnte beginnen (1):

Foto 4: Rückseite von Santo Domingo mit  Inkamauer

»Der Aufstieg dauerte 45 Sekunden, ehe er aufhörte. Es war, als ob ein Fahrstuhl nach langer Fahrt im obersten Stock ankäme. Es schien, als ob wir für einen Augenblick aufwärts gezogen würden und dann wieder ins Gleichgewicht zurückfielen. Als ich von unserem Binsenboot nach unten schaute, baumelten wir fast 130 Meter über der Wüste. Die Aussicht war unglaublich.«  Nach nur zwei Minuten ging es wieder rapide abwärts. Woodman und Nott kamen wieder heil am Boden an, sprangen von ihrer »Banane« und der Ballon schoss wieder in die Höhe. 400 Meter über den Riesenbildern driftete er, vom Wind getrieben, dahin, um dann (2) »mehrere Kilometer entfernt auf dem Wüstenboden« aufzuschlagen. Knapp eine Viertelstunde hatte sich »Condor 1« am Himmel gehalten. Bis zur Sonne hatte es der Ballon nicht geschafft.

Man stelle sich vor: Der Leichnam des einstigen Inka wurde mit so einem Ballon gen Himmel geschickt, um nach Minuten wieder vom Himmel zu fallen. Ein würdevoller Abschied von einem mächtigen Herrscher sieht anders aus. Nach Jim Woodman diente bei der Luftbestattung des Inka die Feuerhitze nur als Starthilfe. Sobald der Ballon ausreichend Höhe erreicht haben würde, sollte die Sonne das Luft-Rauch-Gemisch im Ballon ausreichend erwärmen, um ihn stundenlang am Himmel zu halten.

Foto 5: Blick in die Inka-»Gruft«.

Ein Absturz auf den Wüstenboden wäre, so Woodman, dem Inka erspart geblieben. Die Winde hätten sein Ballongeführt gen Westen getrieben. Irgendwo wäre er dann mit Ballon im Pazifik versunken. Unbewiesen ist bis heute, dass die Sonnenwärme tatsächlich so einen »Nazca-Ballon« stundenlang am Himmel schweben lassen würde. Einen entsprechenden Versuch hat Jim Woodman erst gar nicht gewagt. Und dann wären da noch die von Woodman bemühten Winde, die aber in der Regel von West nach Ost wehen. Der »Inka-Ballon« wäre also nicht aufs Meer, sondern landeinwärts gedriftet und über Land abgestürzt. Es ist also falsch, wenn Woodman schreibt (3): »›Der Ballon müßte wahrscheinlich im Pazifik heruntergegangen sein. Der tote Inka, der darin fuhr, kehrte zurück zur Sonne – so mußte es aussehen.‹›Sagen die Legenden nicht so.?‹« Nein, Mr. Woodman, die Legenden sagen nicht so. Der tote Inka reiste nicht per Heißluftballon gen Himmel, um dann – pietätlos – abzustürzen. Eine solche Vorgehensweise wäre mit der immensen Verehrung der sterblichen Überreste der Inka nicht vereinbar gewesen.

Vielmehr wurden den toten Inka-Herrschern als Mumie große Ehren zuteil. In Cuzco trug man die reich geschmückten Mumien durch die Straßen. In edelste Gewänder gehüllt wurden sie wie lebende Menschen behandelt, mit Speisen und Getränken versorgt und bei Dürrekatastrophen durch die Felder getragen, um es wieder regnen zu lassen. Auch an Festivitäten ließ man sie teilnehmen, wie zu Lebzeiten von einem Heer von Dienern umsorgt.

Foto 6: Unvorstellbare Schätze fanden die Spanier im Sonnentempel.

Anschließend brachte man sie wieder in den Coricancha-Tempel, in den »Sonnentempel« von Cuzco, also ins Zentralheiligtum. Nach Garcilaso de Vega, setzte man die Mumien auf goldene Throne im Allerheiligsten. Die Versammlung der Inka-Mumien mutet heute gruselig an. Dort glänzte eine mannshohe Scheibe aus massivem Gold, die die Sonne darstellen sollte. So gesehen reiste jeder tote Inka tatsächlich zur Sonne, die aber stand nicht am Himmel, sondern im Sonnentempel von Cuzco. Übrigens das Herz der Inka wurde in Ollantaytambo bestattet.

Auch Ollantaytambo beeindruckt heute noch. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit wurden gewaltige Steinquader transportiert und millimetergenau zusammengefügt. Wie die Inka die edlen Toten mumifizierten, welche Techniken sie anwandten, ist bis heute weitestgehend unbekannt.

Foto 7: Mauerwerk von Ollantaytambo.

 Die Zerstörungswut der spanischen Eroberer hatte auch vor dem Inkaheiligtum nicht halt gemacht. Vom einst stolzen Bau war nur noch eine Ruine erhalten mit einzelnen Räumen, als anno 1650 Cuzco von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde. Über den Trümmern des Tempels wurde das Kloster von Santo Domingo erbaut. Nur vier Räume des einst gewaltigen Tempels wurden von den Klosterbrüdern weiter genutzt. Anno 1950 gab es wieder ein sehr schweres Erdbeben und siehe da… Es wurden Mauerreste des Tempels freigelegt.

Heute kann man in die »Unterwelt« des Klosters steigen und auch den Raum besuchen, der den Inka-Mumien als »Mausoleum« diente. Die herrlichen sakralen Kunstwerke der Inka gibt es natürlich nicht mehr. Die »zivilisierten« Eroberer haben sie eingestampft und zu Barren gegossen. So konnte das Inka-Gold viel leichter nach Europa geschafft werden.

Fotos 8 und 9: Inka-Mauerwerk - oder älter?

Mich beeindruckt die unglaubliche Präzision, mit der die Steine des Tempels zu Inkazeiten – oder schon früher – millimetergenau bearbeitet werden konnten. Die Steine wirken wie maschinell poliert. Geht man um die Kirche von Santo Domingo herum, erkennt man an der Rückseite Teile der alten »Inkamauer«, so sie denn überhaupt ein Werk der Inka ist. Ich halte es für durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass die Inka ihrerseits einen noch älteren Vorgängerbau übernommen haben. Darüber kann man diskutieren. Zweifelsfrei aber steht fest, dass die Hochebene von Nazca nicht als Startplatz für Inka-Heißluftballons diente. Die Inka hatten keine Verbindung zu Nazca. Und die Nazca-Kultur – mindestens ein Jahrtausend älter als die der Inka – schickte auch keine Toten per Heißluftballon gen Himmel. Die Toten von Nazca wurden feierlich begraben. Je vornehmer der Tote war, desto tiefer hob man sein Grab aus.

Foto 10: Bahnen, Bahnen, Bahnen ...

Am 31. Januar 1977 vermeldete DER SPIEGEL (4): »Mit einem aufsehenerregenden Experiment hat der Amerikaner Jim Woodman nachzuweisen versucht, daß südamerikanische Indianer bereits 500 nach Christus die Technik der Heißballonfahrt beherrschten.« Einer kritischen Überprüfung hält Woodmans These freilich nicht stand. Die Hochebene von Nazca bleibt nach wie vor rätselhaft. Eine »großartige Anlage eines Totenkults« war, wie DER SPIEGEL abschließend suggeriert, die »Nazca-Ebene mit ihren mythischen Zeichnungen« jedenfalls nicht.

Der Pilot meint es gut mit mir. Er bringt seine kleine Propellermaschine in Schieflage, so dass sich nun die berühmte Ebene von Nazca unter mir schier endlos ausbreitet. So habe ich einen perfekten Blick nach unten und kann so gut es geht fotografieren. Bahnen.. Bahnen.. Bahnen, soweit das Auge reicht! Ich fotografiere begeistert. Das macht auch mein Reisekollege, dem freilich der manchmal doch etwas wackelige Flug der kleinen Propellermaschine zu schaffen macht. Nach der Landung kriecht er, mit Übelkeit kämpfend aus der Maschine und wankt, kreidebleich, einige Schritt zum Rand der Start- und Landepiste, die freilich eher an einen besseren Feldweg erinnert. Erschöpft lässt er sich im Rasen nieder und starrt teilnahmslos in den Himmel.

Fußnoten
1) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, Seite 206, Zeilen  5-11 von oben
2) ebenda, Seite 210, Zeilen 3 und 4
3) ebenda, Seite 96, Zeilen 9-13 von unten
4) »Flug der Könige«, DER SPIEGL 6/ 1977


Foto 11: Großer, großer Vogel

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Nazca ... Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Santo Domingo, Vordereingang, Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Rückseite von Santo Domingo mit  Inkamauer, wikimedia commons, Foto Håkan Svensson (Xauxa)
Foto 5: Blick in die Inka-»Gruft«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Unvorstellbare Schätze fanden die Spanier im Sonnentempel. Fotos und Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mauerwerk von Ollantaytambo. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Inka-Mauerwerk - oder älter? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Bahnen, Bahnen, Bahnen ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Großer, großer Vogel. Foto Walter-Jörg Langbein

389 »Von Pyramiden und von der Angst vor den Toten«,
Teil  389 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 2.7.2017



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Sonntag, 18. Juni 2017

387 »Heißluftballons für tote Inka-Herrscher oder Bohnen?«

Teil  387 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                      

Fotos 1 und 2: Palenque-Ruinen im Urwald.

Zentralamerika und Südamerika bieten wohl mehr archäologische Sensationen als wir uns vorstellen können. Im üppig wuchernden Urwald vom Mexico und Guatemala schlummern unter schier undurchdringlichem Gestrüpp Tempelkomplexe, die noch der Entdeckung harren. Immer wieder haben die Mayas herrliche Städte von heute auf morgen verlassen. In kürzester Zeit wurden sie von der Natur zurück erobert. Nur ein Bruchteil wurde bislang wieder freigelegt und ausgegraben.

Musterbeispiel ist die herrliche Ruinenstadt von Palenque, umgeben von Urwald, teilweise überwuchert. Selbst in der unmittelbaren Umgebung von Touristenattraktionen wie Palenque in Mexiko erkennt man, auch wenn man nur wenige Schritte von den Wegen zwischen den imposanten Tempeln abweicht »Hügel«, unter denen sich wohl noch weitere Tempel befinden. Da und dort ragen sauber bearbeitete Steine aus dem Erdreich. Es fehlen die Mittel, weiter zu graben. Man ist ja schon froh, die bereits freigelegten und restaurierten Bauten immer wieder vom wuchernden Grün freizuhalten.

Fotos 3 und 4: Rückeroberung durch den Urwald droht.
Da hat man zum Beispiel eine Treppe freigelegt. Wird man den Rest des Bauwerks auch noch vom wuchernden Grün befreien? Oder war das steinerne Bauwerk längst mühsam freigegraben, ist aber wieder weitestgehend überwachsen worden?

Auch in Peru harren noch viele Zeugnisse alter Kulturen darauf entdeckt zu werden. So manche Pyramide wurde im Verlauf der Jahrhunderte von den ach so zivilisierten Nachkommen der brutalen Eroberer zerstört. Im Stadtgebiet von Lima gab es einst mindestens zehn große Pyramide aus »Adobebacksteinen«. Bis auf eine wurden sie alle abgetragen, um Platz für das moderne Lima zu schaffen.

Bei meinen Besuchen in Peru hörte ich immer wieder von einer »unbekannten Kultur«, die an der Küste in der Provinz Piura ein »religiöses Zentrum« errichtete. Und das vor rund zwei Jahrtausenden. Archäologen hätten die Reste einer Plattform aus an der Luft getrockneten Adobe steinen ausfindig gemacht. Diente sie astronomischen Beobachtungen? Oder war sie Teil eines »Friedhofs« für den Adel des unbekannten Volkes? Oder gehörten die Bauten einst zu einem »Zentrum von strategischer Bedeutung«?

Ein Friedhof, so hörte ich immer wieder, umschließe das Areal. Ist er älter als die Pyramiden? Oder wurde er von den Pyramidenbauern angelegt? Oder von deren Nachkommen? In mehreren Metern Tiefe wurden bei Probegrabungen Hinweise auf Gräber gefunden. Ansonsten sei im Friedhof kaum noch etwas zu finden, da emsige Grabräuber über Jahre recht aktiv waren. Was sie gefunden haben – vor allem wohl Tonkeramiken – wurde längst an reiche Privatsammler verkauft.

Die Grabräuberei ist für viele Menschen in Ecuador, Peru und Chile zum Haupterwerb geworden. So werden immer wieder bedeutsame Stätten zerstört, bevor sie wissenschaftlich erforscht werden können. Die Behörden schreiten selten ein und oft verdienen sich die örtlichen Ordnungshüter etwas zu ihrem kargen Gehalt dazu und graben nach archäologischen Schätzen.

Foto 5: Typische Nazca-Keramik.

Auch Jim Woodman hatte offenbar Kontakt zu Grabräubern. Von einem will er sogar einen wichtigen Hinweis erhalten haben. Genauer: Jim Woodman suchte nach archäologischen Funden, die seine Heißluftballontheorie untermauern. So fragte er »seinen« Grabräuber (1): »Haben Sie schon mal etwas wie einen großen Ballon oder ein Luftschiff auf einer Tonscherbe oder auf einem huaco (2) gesehen.« Und tatsächlich, der Mann hatte etwas zu bieten (3): »Es war kein Ton. Nur ein Stein, vielleicht so groß wie meine Hand, und darauf war eine Zeichnung tief eingeritzt. Ich weiß nicht, was es war, und es wußte auch sonst niemand. Wir nannten es Kartoffel im Korb.«


Für Woodman scheint das ein Beweis für seine Theorie zu sein: Natürlich stellte die »Kartoffel im Korb« einen Heßluftballon dar. Leider hatte der Grabräuber seinem Bekunden nach den »Stein« Jahre zuvor verkauft. An wen? Das weiß er nicht mehr. Wenn einst über der Ebene von Nazca riesige Heißluftballons schwebten, dann – sollte man annehmen – müsste es doch auch Darstellungen dieser beeindruckenden Flugobjekte aus jenen Zeiten geben. Tatsächlich wurden unzählige Töpferwaren und Keramiken aus der Nazcazeit gefunden. Im Verlauf diverser Aufenthalte in Lima und Peru suchte ich, mit Jim Woodmans Buch in der Hand, nach Nazca-Darstellungen von Heißluftballons. Ich fand keine.

Fotos 6 und 7: Die weltberühmten »Bahnen« von Nazca.
In einem kleinen privaten Museum in Lima löste mein Interesse Befremden aus. »Heißluftballons? Ballons?« Ich fragte eisern weiter. Schließlich bekam ich eine vielversprechende Antwort: »Da haben wir etwas!« Sollte Woodman also doch recht haben? Würde man mir Nazca-Kunst mit Abbildungen von Ballons zeigen? Hinab in den Keller ging es. Mühsam öffnete »mein« Guide in einem muffigen Raum, nach Entgegennahme eines beachtlichen Trinkgelds, eine wuchtige Kommode. Darin befanden sich Tonkeramiken wie Schüsseln und Krüge mit aufgemalten Motiven. Sie waren mit einer Art Glasur überzogen. Es gab auch kleine tönerne Plastiken.

Malereien wie Plastiken waren von der erotischen Art. Sie zeigten Pärchen bei intimsten Tätigkeiten, aber auch äußerst üppig ausgestattete Frauen  aus Ton und in 3D. »Mein« Guide lachte herzlich und deutete auf die  getöpferten Damen mit üppiger Oberweite. Dabei murmelte er immer wieder »Balloons! Big balloons!« Heißluftballons freilich gab es nicht zu sehen.

Mehr Glück hatte seiner Schilderung nach Jim Woodman! Im »Museo Municipal« zeigte ihm Kuratorin Julia Suarez der Varela (4) »ein paar Tonsachen« in »Schaukästen, die an der Rückwand standen« (5). Leider bietet Jim Woodman in seinem reich bebilderten Werk kein Foto der musealen Artefakte. Eine Schüssel zierte – so Woodman –  »eine große Kugel mit einer wellenförmig flatternden Leine« (6). Für Woodman ist das eine »Flugzeichnung«. Und dann war da noch diese Schüssel. Zwei fliegende Ballons umkreisten das Tongefäß. »Sie sahen wirklich aus wie zwei Ballons, die Bänder und Leinen hinter sich herziehen. (7)«

Fotos 8 und 9: »Fliegende Menschen« auf gewebtem Teppich.

Jim Woodman durfte, so berichtet er, nicht nur staunend betrachten, er bekam von der Museumskuratorin Julia Suarez de Varela gar ein wertvolles und in seinen Augen beweiskräftiges Geschenk. Die Kuratorin schickte ihm am späten Abend einen kleinen Jungen ins Hotel, der dem erstaunten Woodman »ein Paket« überreichte. Woodman weiter (8): »In dem Paket lagen zwei Stücke einer großen alten Schüssel. Das eine war fast identisch mit der Schüssel, die mit den beiden Ballons geschmückt war und die ich im Museum gesehen hatte. Auf dem anderen war ein drachenähnlicher Gegenstand im Flug dargestellt, der eine wellenförmige Leine hinter sich herzog. Beide bedeuteten einen Schatz für mich.«

Was wurde aus den beiden »Stücken einer Schüssel«? Gab er sie der Kuratorin des Museums zurück? Oder behielt er sie? Darüber erfahren wir nichts von Jim Woodman. Was aber doch sehr befremdlich ist: Wieder gibt es kein Foto von den Scherben. Und was zeigen sie? Woodman suggeriert, dass die Darstellungen auf alten Nazca-Scherben seine Heißluftballontheorie beweisen.

Fotos 10 und 11: Zwei der Scharrzeichnungen von Nazca
Warum zeigt er dann aber nicht Fotos? Sicher, in Museen herrscht oft Fotografierverbot. Aber die beschriebenen Scherben befanden sich im Besitz Woodmans. Warum hat er sie nicht fotografiert? Weil sie doch keine Heißluftballons zeigen? Und wenn er sie fotografiert hat, wieso gibt es dann kein solches Foto in seinem Buch? Vielleicht weil es doch nichts Ballonähnliches auf den Scherben zu sehen gab?

Im »Archäologischen Nationalmuseum« von Lima sah ich in Vitrinen eine Vielzahl von Keramiken und Tonscherben, die der Nazcakultur zugeordnet werden. Auch mit viel Fantasie vermochte ich keine Heißluftballons oder Ballons erkennen. Gewebte Teppiche aus dem Raum von Nasca offerierten die Darstellung fliegender Menschen, freilich schwebten die ganz ohne die Hilfe von Heißluftballons. Es könnte sich um die Darstellung von Schamanen bei der »Geistreise« handeln, die freilich Drogen konsumierten, um – losgelöst vom Körper – in ferne Gefilde zu fliegen. Diese Teppiche sind freilich sehr viel jünger als die Keramiken, die man im Wüstenboden von Nazca gefunden hat.

Foto 12: Originalausgabe von Woodmans Buch
So schnell wollte ich freilich nicht aufgeben. Mit Jim Woodmans Originalversion seines Buches »Journey to the Sun/ Nazca« (9) als »Quelle« machte ich mich immer wieder auf die Suche nach den Ballons mit Leine. Ich wurde fündig. Die Nazca-Kultur huldigte nicht nur der Kunst, riesige Scharrbilder in den Wüstenboden zu kratzen. Sie produzierten und sammelten auch Schrumpfköpfe (10). Unklar und umstritten ist, warum! Es gibt mehrere Theorien. Waren es Kriegstrophäen? Behielt man die abgeschlagenen Häupter getöteter Feinde als Erinnerung an glorreiche Siege? Diese Erklärung scheidet aus, stammen doch die Schrumpfköpfe von Menschen der Nazca-Kultur, nicht von anderen Volksgruppen. Hatten die Köpfe magische Funktion?

Für die Menschen von Nazca war die keimende Bohne offenbar ein Symbol für das sprießende Leben der Natur. Für sie war wohl die Fruchtbarkeit der Natur so etwas wie ein Wunder, eine Gabe der Götter. So verwundert es nicht, wenn sie immer wieder (10) keimende Bohnen darstellten: die Bohne als »Kugel«, aus der sich – wie eine Schnur der Keimling windet. Aus dem Keimling wird dann später eine Bohnenpflanze, die Wurzeln ins Erdreich schlägt, an der Blätter wachsen und die wieder Bohnen hervorbringt. Die Ballons, »die Bänder und Leinen hinter sich herziehen (7)« finden so eine einfache, einleuchtende Erklärung: Es sind keine Heißluftballons, mit denen der tote Inka zur Sonne reiste, es sind schlicht und einfach keimende Bohnen.

Foto 13: Teersraße und Nazcabahnen
Fußnoten
1) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, Seite 63, Zeilen 12-14 von oben
2) huaco: Tonwaren Getöpfertes
3) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, Seite 63, Zeilen 10-14 von unten
4) ebenda, Seite 65, letzte Zeile
5) ebenda, Seite 66, Zeile 1 von oben
6) ebenda, Seite 66, Zeile 12 von oben
7) ebenda, Seite 66, Zeilen 17 und 18 von oben
8) ebenda, Seite 66, Zeilen 1-4 von unten und Seite 67, Zeilen 1 und 2 von oben
9) Woodman, Jim: »Journey to the Sun/ Nazca/ Exploring the mystery of Peru’s ancient airfields«, New York 1977
10) »Ancient Origins«: »The Nazca Head-hunters and their Trophy Heads«,
     Manuskript

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Palenque-Ruinen im Urwald. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Rückeroberung durch den Urwald droht. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Typische Nazca-Keramik. Foto wikimedia commons/Tillman talk/ contribs
Fotos 6 und 7: Die weltberühmten »Bahnen« von Nazca. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: »Fliegende Menschen« auf gewebtem Teppich. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 10 und 11: Zwei der Scharrzeichnungen von Nazca. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 12: Originalausgabe von Woodmans Buch
Foto 13: Teersraße und Nazcabahnen. Foto Walter-Jörg Langbein

388 »Kein Ballon für den Inka«,
Teil  388 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.6.2017


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