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Sonntag, 28. Januar 2018

419 »Kreaturen aus einer anderen Welt«

Teil  419 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Luftaufahme Nan Madol.

»Pohnpei«, auch als »Ponape« bekannt, gehört zur Inselgruppe der Karolinen. Touristen verirren sich nur selten in diese weit abgelegene Region der Südsee. Manche kommen, um im glasklaren Wasser zu tauchen. Erstaunt stellen sie dann fest, dass es eine echte archäologische Sensation gibt. Freilich haben sie ihre Tage in Pohnpei schon längst verplant, so dass für die mysteriösen Geheimnisse keine Zeit bleibt.  Keine Frage: Dem Taucher erschließt sich eine atemberaubend schöne Unterwasserwelt in faszinierenden, fast schon grellbunten Farben. Es gibt aber auch über den Wellen der Südsee wirklich Phantastisches zu entdecken, nämlich so etwas wie das »achte Weltwunder«. 

Auf künstlichen Inseln wurden gigantische Bauten errichtet, aus gewaltigen Steinsäulen, mit meterdicken Mauern. Warum wurde in der fernen Südsee so gigantisch gebaut? Warum setzte man unvorstellbare Mengen an massivem Stein ein und nicht Holz, das so üppig wächst? Warum schichtete man kolossale Steinsäulen im »Blockhüttenstil« aufeinander. Warum machte man sich unendliche Mühen mit tonnenschwerem Stein, statt das viel einfacher zu bearbeitende, leichter zu transportierende und im Übermaß vorhandene Holz zu nutzen? Es mussten offensichtlich die tonnenschweren »Steinsäulen« sein! Warum? Welchem Zweck dienten einst die Monstermauern von Nan Madol im idyllischen Südseeparadies?

Foto 2: Einige der künstlichen Inseln aus der Luft.

Das »Weltwunder Nan Madol« findet sich nicht auf dem geheimnisvollen Eiland  »Pohnpei«, sondern im Pazifik, im Osten von der noch lange nicht erforschten Hauptinsel. Der mysteriöse Komplex im Meer, »Temwen« (frühere Schreibweise: »Temuen«) genannt, besteht aus 82 künstlich angelegten Inseln. Auf diesen kleinen und kleinsten Eilanden finden sich Ruinen. Von den meisten sind nur noch Fundamente zu erkennen, andere wurden fast vollständig abgetragen, um wieder andere Gebäude zu erreichten. Einst soll es eine stolze Stadt gegeben haben. Wie sie einst hieß, wir wissen es nicht mehr. »Nan Madol« wird sie heute genannt.

Die 82 Inseln in der Südsee bei »Pohnpei« sind eindeutig künstlich geschaffen worden. Warum? Warum holzte man nicht auf  Pohnpei selbst ein Areal ab, um Bauten auf sicherem Boden zu errichten? Es kann nicht bestritten werden, Forscher haben das tatsächlich herausgefunden:  dass »Temwen« kein Produkt von »Mutter Natur« ist. »Temwen« ist, ich muss mich wiederholen, ein Komplex von 82 künstlich angelegten Inseln. Und zum Meer hin wurde eine wahre Monstermauer errichtet, deren Ausmaße auch heute noch beeindrucken. Wie lang und wie hoch das einst stolze Bauwerk war, konnte bis heute nicht eindeutig festgestellt werden.

Foto 3: Teil des »Schutzwalls« aus der Luft.

Vor wem oder vor was sollte dieser mächtige Wall einst schützen? Sehr viel einfacher wäre es gewesen, die steinerne Stadt auf der Hauptinsel zu bauen. Da wäre auch die Schutzmauer leichter zu bauen gewesen. Aber: Es mussten künstliche Inseln geschaffen werden, um darauf steinerne Gebäude zu errichten. Vom »Schutzwall« ist nur noch ein Teil erhalten. Und der ist aus der Luft nur noch als »Grünstreifen« zu erkennen. Das einst mächtige Mauerwerk ist weitestgehend von schnell wachsenden Pflanzen überwuchert. Man wundert sich: Woher beziehen sie wohl ihr Wasser? Die steinerne Wand steht im Meer, umtost von Salzwasser. Salzwasser freilich kommt als Kost für das üppige Gestrüpp nicht infrage.

Als ich meine erste Reise nach »Pohnpei« vorbereitete, hatte ich noch völlig falsche Vorstellungen. Ich erwartete ein Südseeeiland mit spärlich bekleideten Südseeschönheiten und bunten Blumen in wallendem Haar. Ich stellte mir endlose Sandstrände mit Palmen vor. Ich dachte an liebliche Musik und herrliche Aussichten über endlose Meeresweiten auf fernen Horizont. Nie und nimmer hätte ich erwartet, dass gerade »Pohnpei« krasseste Kontraste bieten würde: Eine Welt des strahlenden Sonnenscheins auf der einen Seite und beängstigende Unwetter auf der anderen Seite. Immer wieder wichen bei meinen Fahrten per Motorboot zu den Monstermauern von Nan Madol babyblauer Himmel mit intensivem Sonnen einer düsteren Welt. Die Wirklichkeit schien dann dem Hirn von H.P. Lovecraft entsprungen zu sein.

Foto 4: Mysteriöse »Lichter« am Ufer.

Der »Strand« von »Pohnpei« verwandelte sich in ein fast schwarzes undurchdringbares Etwas. Pechschwarze Steinriesen tauchten auf, ein Etwas wie ein Berg wurde sichtbar. Das Szenario hätte von einer Werkstatt von Hollywood ersonnen und gebaut worden sein können. Oder es ist das Werk von Spezialisten, mit modernster Computertechnik erschaffen. Geeignet wäre das freilich reale Szenario für eine Verfilmung eines Werks von Lovecraft, vielleicht für einen Horrorschocker im Geiste von Lovecraft.

Es kam mir so vor, als würde eine riesige Maschinerie extrem schnelle Wechsel herbeiführen. Oder: Die einander schnell abwechselnden Extreme sind so radikal, als seien sie per Computer künstlich kreiert. Sie waren aber real: der eben noch stechende Sonnenschein und die bedrückende Düsterkeit im Regenschauer, der die Grenze zwischen Meer und Luft verschwimmen ließ. Eben noch brannte die Sonne vom Firmament und schon wollten anscheinend sintflutartige Wasserströme vom Himmel alles Leben austilgen, so wie einst als Noah seine Arche baute.

Foto 5: Reste monströser Mauern und Baumleichen.

Für Augenblicke sah es so aus, als ob im Urwalddickicht von »Pohnpei« fahle Lichtpunkte auf bösartige Beobachter schließen lassen, die mit Abscheu und Aggression verfolgten, wie unser Motorboot an ihnen vorüberzog. Mehr als skurril wirkt mein Foto. Man könnte meinen, es sei aus dutzenden von Einzelaufnahmen zusammengesetzt. Man könnte vermuten, dass Straßenlaternen und beleuchtete Fenster im Dunkeln zum merkwürdigen Foto geführt hätten. Aber da war nur Urwaldgestrüpp, da gab es keine Laternen und schon keine Gebäude mit elektrischem Licht.

Die rapiden Wechsel hielten mehr als einen Vormittag an und wurden krasser, als wir uns dem Ruinenkomplex von Nan Madol näherten. Da schienen eben erst gigantische Mauern aus steinernen Säulen noch gestanden zu haben. Aber jetzt lagen sie zerbrochen und zerborsten am Boden, bildeten Haufen aus Steingewirr. Und im Regen wurden die Steine dunkel, ja schwarz, getränkt von den Himmelsfluten. Bizarre Landschaften signalisierten Bilder von Tod, nicht von Leben. Es war, als sei die Natur hier schon vor Ewigkeiten abgestorben, als habe ein Pesthauch alles abgetötet. Wie skelettöse Finger ragten dürre Baumleichen in den pechschwarzen Himmel. Abgestorbene Bäume trotzen noch den Naturgewalten. Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis sie stürzen und im Meer des »Pazifik« verschwinden würden.

Foto 6: Sterbende Bäume, tote Bäume.

So manch‘ schauriges Szenario habe ich gesehen, das höchst real war und doch viel mehr zu düsteren Gedanken Lovecrafts passte als zu den Vorstellungen friedlich idyllischer Südseestrände. Menschenfressende Monster passten hier viel besser ins Bild als üppige Südseeschönheiten. Opfer gab es freilich zum Glück keine zu beklagen, wenn man einmal von meinen beiden Kameras absieht. Eine hatte ich stets mit analogem Negativfilm geladen, die andere mit Diafilm. Kurz nach dem ersten Wolkenbruch setzten beide Kameras aus, sie konnten wohl die Feuchtigkeit nicht vertragen. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder für kurze Momente ihren Dienst taten, um dann wieder zu »streiken«.

Meine dramatische Schilderung der stürmischen Fahrt zu den Ruinen mag übertrieben wirken. Freilich bitte ich zu bedenken: Von einer Nussschale von Motorboot aus wirkten die rapiden Wetterwechsel wirklich höchst dramatisch. Noch furchteinflößender war freilich der sorglose Umgang unseres »Kapitäns« mit seinem Feuerzeug. Dann und wann goss er aus einem rostigen Kanister Benzin in den altersschwachen Motor. Seine Hauptsorge galt dabei offenbar seiner Zigarette, die immer wieder vom Regen gelöscht wurde. Während das Benzin in den Tank gluckerte, entflammte das Sturmfeuerzug den Glimmstängel zu neuem Leben. Eine Explosion konnte aber vermieden werden.

»Wenn es so stürmt, glauben manche der alten Menschen an das Wirken von bösartigen Geistern!«, erklärte mir der wackere Lenker des Motorboots. »Auch vielen Jungen sind die uralten Ruinen unheimlich. Bei Nacht möchte sich hier niemand aufhalten!«

Foto 7: So mag das unheimliche Leuchten aussehen.

Während wir, am Ufer scheinbar von mysteriösen Lichtern begleitet, der Ruinenstadt zustrebten, schrie der »Kapitän« gegen Motor und Unwetter an. Die gespenstischen »Laternen« blitzten auf, wurden heller, wieder dunkler, sprangen weiter. Mag sein, dass es für dieses seltsame Phänomen eine natürliche Erklärung gibt, unheimlich war’s aber allemal!

»Mancher lacht über die Erzählungen der Alten. Die Alten sterben nach und nach, mit ihnen geraten die Überlieferungen in Vergessenheit. Viele der Alten mögen auch nicht mehr erzählen, was sie ihrerseits von den Großeltern erfahren haben.« Erst auf wiederholtes Nachfragen bekam ich einiges zu hören: Etwa von dem geheimnisvollen »Leuchten«. Nur wenige sollen es gesehen haben, wie für Bruchteile von Sekunden Steine und Bäume, Palmen und Wellen wie von innen heraus geglüht haben. Da habe es für kurze Momente einen Kontakt zwischen unserer Welt und einer anderen, bösen Welt gegeben. »In solchen Momenten können Kreaturen aus einer anderen Welt in unsere Welt eindringen.«

So ganz fremd war mir diese Geschichte allerdings nicht. So gab es bei den Kelten ein Fest zum Ende des Sommers. In dieser Zeit soll es nach keltischer Mythologie den Geistern Verstorbener möglich sein, aus dem Jenseits ins Diesseits zu wechseln. Meine Erklärung für das Aufstellen der Kürbisköpfe: Sie sollten die heimkehrenden Seelen daran hindern, wieder in die einstmals von ihnen bewohnten Häuser einzudringen. Tatsächlich gibt es Überlegungen, ob das Halloweenfest nicht vielleicht auf ein sehr viel älteres Totenfest zurückgeht.

Foto 8: Halloween.
Fußnoten
Zu den Fotos
Foto 1: Luftaufahme Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Einige der künstlichen Inseln aus der Luft. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Teil des »Schutzwalls« aus der Luft. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mysteriöse »Lichter« am Ufer. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Reste monströser Mauern und Baumleichen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Sterbende Bäume, tote Bäume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: So mag das unheimliche Leuchten aussehen. Negativ! Foto Walter-Jörg Langbein.
Hinweis: Als ich für diesen Bericht Dias einscannte, kam es zu einem Fehler. Ich scannte die Dias als Negative ein und erhielt Negative. So entstand ein »Foto«, das sich als Illustration zum geheimnisvollen »Leuchten« eignet.
Foto 8: Halloween. Kürbisköpfe zum Abschrecken der Totengeister? Foto Walter Langbein sen.
Hinweis: Mein Vater nahm das Foto in Stevensville, Michigan, am Donnerstag, den 31.10.1963 auf. Zu sehen sind meine Mutter, mein Bruder Volker und ich. Ich stehe rechts im Bild.



420 »Wenn die Sterne an der richtigen Stelle standen«,
Teil  420 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 04.02.2018


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Sonntag, 9. Juli 2017

390 »Im Tal der 300 Pyramiden«

Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza

Weltweit gibt es Pyramiden, von Ägypten bis Mexico. Atemraubende Steinberge, Treppen in den Himmel, faszinieren mich besonders im Urwald Mexikos. Im Sonnenlicht erstrahlen sie auf geheimnisvolle Weise vor dem Hintergrund des grünen Dickichts, das sie Jahrhunderte lang verborgen hielt. Beim Anblick der herrlichen scharf umrissenen Konturen, die sich so klar und deutlich vom blauen Himmel abheben, vergisst man aber eines: Die Meisterwerke der Baukunst wurden von Archäologen „neuerer“ Zeit ausgegraben und rekonstruiert. Oftmals boten sie, vom Überwuchs befreit, einen traurigen Anblick: So manche Stufenpyramide war nur noch als „Hügel“ zu erkennen.

Scharfkantige Treppenstufen mussten erst wieder mehr als nur einer „kosmetischen Operation“ unterzogen werden. Große Teile der Außenhülle waren abgerutscht und lagen zu Füßen der einst so stolzen Pyramiden. Sorgsam wieder aufgebaut, machen die Pyramiden von Tulum, Palenque und Chichen Itza heute einen frischen Eindruck, so als ob sie eben erst errichtet worden seien und nicht vor Jahrhunderten. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass bei der »Rekonstruktion« mancher Pyramide eine gehörige Portion Fantasie zum Einsatz kam.

Foto 3: Howard Phillips Lovecraft.

Von Chiclayo aus erkundete ich die Gefilde von Lambayeque im nordwestlichen Peru. Anno 2007 lebten auf einer Fläche von rund 15.000 km² über eine Million Menschen. Einst blühten hier zu Vor-Inka-Zeiten erstaunliche Kulturen. Die Chimú-Kultur dominierte in der Zeit von etwa 1250 n.Chr. bis 1470 n.Chr. um die heutige Stadt Trujillio. Ebenso „vorinkaisch“ ist die Sipán-Kultur im La-Leche-Tal an der Nordküste von Peru, deren Bauten  im Zeitraum von ca. 700 bis 1375 errichtet wurden. Noch älter ist die Moche-Kultur. Nach heutigem Kenntnisstand hatte sie ihre Anfänge bereits im 1. Nachchristlichen Jahrhundert und ging im 8. Jahrhundert unter.  Gingen diese Kulturen ineinander über oder entstanden sie unabhängig voneinander? Oder beeinflussten sie sich nur?


Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII.

Von Chiclayo aus erwanderte ich die Bauten dieser drei Kulturen, über die weit weniger bekannt ist als man annehmen möchte. Die Pyramiden, die sie uns hinterlassen haben, erinnern mich an fantastische Schilderungen aus der Feder von H.P. Lovecraft (1) . Bei einem nächtlichen Besuch überkam mich ein komisches Gruseln, vielleicht weil mir die eine oder die andere Schauergeschichte erzählt worden war, von Menschenopfern und grausamen Ritualen. Mächtigen Fürsten seien lebende Diener mit ins Grab gegeben worden, um die Herrschaften im Jenseits standesgemäß zu bedienen. Oder man habe die engsten Vertrauten dahingeschiedener Despoten rituell getötet und die Entleibten dem toten Fürsten zur untertänigsten Betreuung im Jenseits mitgegeben.

Umstritten ist, ob die engsten Vertrauten wie Bedienstete freiwillig aus dem Leben schieden, weil sie im Glanz der Fürsten im Jenseits weiterleben wollten, oder ob sie ungefragt ermordet wurden. Vielleicht glaubten sie, so in ein besseres Leben zu sterben, in ein Jenseits, das viel angenehmer sein würde als für viele Zeitgenossen das Diesseits?

Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten.

Ein katholischer Geistlicher vertraute mir flüsternd an, Gruselstories von Geistern, die den Lebenden von heute das flackernde Lebenslicht ausblasen wollen, gingen auf das Konto von Archäologen. »Man will den Grabräubern Angst machen, ihnen einreden, dass sie höllischen Spuk auslösen, wenn sie die Gräber aus alten Zeiten plündern.« Wirklich beeindruckt scheinen die Grabräuber vor Ort nicht zu sein. Schließlich haben ihre Großväter und Väter bereits die Gefilde von Túcume und Sipán systematisch in Angriff genommen, um bis heute unentdeckte Gräber mythologischer Fürsten ausfindig zu machen. Seit Generationen hofft man auf besonders wertvolle Funde, auf edelste Grabbeigaben, die alle bisherigen Funde in den Schatten stellen.


Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume

Aus Sicht der Toten dürfte es kaum einen Unterschied machen, ob ihre »Ruhe« von Grabräubern oder Archäologen gestört wird. Gewiss, Grabräuber gehen mit den sterblichen Überresten aus alten Zeiten sehr viel brutaler um als Archäologen. Mumien werden wenig zartfühlend ausgewickelt und achtlos liegengelassen. Von alleinigem Interesse sind Goldschmuck und Tonwaren, von reichen Privatsammlern begehrt. Man befürchtet aber auch zu Recht, dass Goldschmuck aus Gräbern immer wieder eingeschmolzen wird, ganz nach Sitte der ach so kultivierten spanischen Eroberer. Archäologen gehen behutsamer mit den Toten um. Ihre wertvollen Grabbeigaben wandern in Museumsvitrinen, so wie auch gut erhaltene Mumien gern in Museen in klimatisierten »Schneewittchensärgen« zur Schau gestellt werden. Von Pietät kann man auch nicht sprechen, wenn Mumien ihren Gräbern entrissen, desinfiziert und konserviert werden, um dann in Museumsdepots zu verschwinden.

Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden

Wirken zum Beispiel die Pyramiden von Chichen Itza, Palenque oder der »Straße der Toten« am Rande von Mexico City heute, als wären sie eben erst gebaut worden, so erscheinen jene von Túcume und Sipán geradezu vorsintflutlich alt. Salopp gesagt: So manche Pyramide in Mexico oder Peru könnte als Kulisse für einen Science-Fiction-Film gebaut worden sein. Per »Zeitmaschine« reisen die Helden in die Vergangenheit, um zu erleben, welche Rituale auf den steinernen Monumenten vollzogen wurden. Die Pyramiden von Túcume und Sipán beflügeln die Fantasie. Sie kommen mir vor, als wären sie nicht Jahrtausende, sondern Jahrhunderttausende Jahre alt! Es bedürfte eines H.P. Lovecraft, um diese rätselhaften Monumente längst vergangener Zeiten angemessen zu beschreiben.

Lovecraft fabulierte fantasiereich über eine ominöse Stadt »tief in der arabischen Wüste« (2): »Die zeitzerfressenen Steine dieser altersbleichen Überlebenden der Sintflut, dieser Ur-Urahnin der ältesten der Pyramiden, verhießen Furcht – und eine unsichtbare Aura stieß mich ab und gebot mir, vor diesen unheildrohenden Geheimnissen zu fliehen, die kein Mensch je erschauen sollte.« Was Lovecraft über »seine Stadt ohne Namen« fabulierte, trifft exakt auf die Pyramidenstädte von Túcume und Sipán zu (3): »Ich erkannte, dass die Stadt in der Tat einst gewaltige Dimensionen aufgewiesen hatte, und fragte mich, woher diese Größe gerührt haben mochte. Ich malte mir die ganze Pracht einer Epoche aus, … als die Menschheit noch jung war.«

Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt

Anno 1880 entdeckte der deutsche Ingenieur Hans Heinrich Brüning unweit der Zucker-Plantage Patápo im Lambayeque-Tal, Peru, kostbare Grabbeigaben aus Gold einer unbekannten Kultur. Er staunte nicht schlecht, als er erkannte, dass es sich bei seltsamen Pyramiden in staubtrockener Wüste um gewaltige Pyramiden aus Adobe-Ziegeln handelte. Heute wissen wir, dass in jenen Gefilden Menschen den Göttern geopfert wurden. Anno 1533 wurden im Lambayeque-Tal 119 Menschen mit wuchtigen Axthieben ins Jenseits befördert. Warum? Gab es eine Hungerzeit, spricht schlechte Ernten? Spielte das Wetter verrückt? Wollte man sich die Götter wieder gewogen machen, die man als Urheber des Unglücks ansah? Antworten auf diese Fragen sind rein spekulativ.


Bleiben wir bei den Fakten! Verstreut im Lambayeque-Tal gab es wohl einst an die 300 Pyramiden. Die größte Pyramide von Túcume, »huanca larga«, misst in der Länge 700 Meter, in der Breite fast 300 Meter und hat eine Höhe von 40 Meter (4). Warum wurde diese größte Pyramide der Welt gebaut? Warum entstanden so viele, teils kaum kleinere Pyramiden? Wie viele Menschen waren damit beschäftigt, Millionen und Abermillionen von Ziegeln aus Lehm zu formen und an der Luft in der Sonnenglut hart werden zu lassen? Wollte man künstliche Berge erschaffen, auf denen Tempel errichtet wurden? Je höher der Berg, je höher die Pyramide, umso näher war man ja den himmlischen Göttern!

Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge.

Dieses Streben nach einem Weg zu den Göttern findet sich schon im »Alten Testament«. Der »Turm zu Babel« (5) war nichts anderes als ein babylonischer Himmelshügel, »Zikkurat« genannt. Die »Zikkurat«, zu Deutsch »hoch aufragend/aufgetürmt, Himmelshügel, Götterberg«, hat eine lange Vorgeschichte. Bereits in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends sind auch in Elam, im Südwest-Iran, einwandfrei nachgewiesen. Auch in Mesopotamien baute man sie. Übrigens: Wie die Pyramiden von Túcume und Sipán wurde auch der biblische Turm zu Babel aus gebrannten Lehmziegeln gebaut (6): »Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel.«  Ziel: Aufstieg in den Himmel (7): »Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.« Das missfiel den Göttern. Nachdem sie den Turmbau inspiziert hatten, stand ihr Entschluss fest (8): »Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.«

Wiederholt war ich in Túcume, wiederholt stand ich vor den Pyramiden, die eindeutig künstlich sind, von Menschenhand geschaffene Monsterberge in der Wüste.

Fußnoten
1) * 20. August 1890 in Providence, Rhode Island; † 15. März 1937 in Providence, Rhode Island
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 5-8 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
3) ebenda, Zeilen 6 und 10-12 von unten
4) Die Maßangaben variieren je nach Quelle.
5) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
6) ebenda, Vers 3
7) ebenda, Vers 4
8) ebenda, Vers 7

Foto 10 Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Howard Phillips Lovecraft. Historische Aufnahme, wikimedia commons
Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
     Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
 

391 »Unterwegs in Túcume«,
Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.7.2017


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Sonntag, 2. Juli 2017

389 »Von Pyramiden und von der Angst vor den Toten«

Teil  389 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden

Die Pyramiden wirken wie im Lauf der Äonen zerflossene Bauwerke. Es kommt mir so vor, als hätte die Ewigkeit einst gigantische stolze Monumente fast zur Unkenntlichkeit verformt. Ich fühle mich an die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel erinnert, als die Menschen nach einem alten Mythos zu Gott emporsteigen wollten. Das soll den Himmlischen wütend gemacht haben, so dass er aus seinen überirdischen Sphären herabstieg und das eitle Menschenwerk zerstörte.

Die Sonne brennt höllisch vom Firmament, die Konturen der einstigen Pyramiden – und Pyramiden waren es – verschwimmen im gleißenden Sonnenlicht. Erde und Pyramiden gegen in schmutzigem Grau-Braun fließend ineinander über. Wo hört Planet Terra auf, wo beginnt künstliches Bauwerk? Ist wieder versunken, was einst weit in den Himmel ragen sollte?

Foto 2: Eine der Monstermauern
Lehnten sich Pyramiden im Lauf der Zeit an einen von der Natur geschaffenen Hügel? Sank in sich zusammen, was einst in den Himmel ragte, um mit Hügeln und kleinen Bergen zu verwachsen? Gaukeln mir meine Augen Mauern und Treppen vor, wo Wind und Wetter willkürliche Plastiken aus Erde und Dreck formten? Oder ist das ganze komplexe Gebilde aus Rampen und zerflossenem Mauerwerk alles von Menschenhand geschaffen worden? Zu welchem Zweck? Zum Lob Gottes wäre die christliche Antwort, die gern gegeben wird, wenn sich das Warum und das Wozu nicht klären lassen.

Stiegen einst Priesterastronomen auf Rampen empor, um auf Plattformen astronomische Beobachtungen zu machen? Verfolgten die hohen Geistlichen den Lauf von Sonne, Mond und Sternen, um das Geheimnis der Zeit zu ergründen? Wollten sie Zyklen erkennen, um aus den Zeitläufen der Vergangenheit die der Zukunft zumindest zu erahnen?

Die Pyramiden Ägyptens – speziell die nach Cheops benannte – lassen uns staunen. Wir rätseln, wie wohl derlei meisterliche Bauwerke mit solcher Präzision errichtet werden konnten. Staunen lassen uns die millimetergenau zugeschnittenen Steinblöcke, wie sie oft in so manchem »Totentempel« Ägyptens bearbeitet wurden: ohne Mörtelmasse, und das so präzise, dass keine Zwischenräume zu erkennen sind. Zwischen so manche Fuge passt nicht einmal eine Rasierklinge.

Foto 3: Eine uralte Monstermauer
Im Sommer 1798 rief Napoleon angesichts der Gizeh-Pyramiden aus: »Denkt daran, dass von diesen Monumenten 40 Jahrhunderte auf euch herabblicken.« Ein altes ägyptisches Sprichwort besagt: »Alles fürchtet sich vor der Zeit, aber die Zeit fürchtet sich vor den Pyramiden.« Die Pyramiden Ägyptens machen bescheiden und demütig, geheimnisvolle Pyramidenwelten Perus lösen – besonders bei Nacht – ein nicht wirklich in Worte zu fassendes Unbehagen, ja mehr als das aus. Wenn die scheinbar äonenalten Bauten aus Millionen und Abermillionen von Steinen im fahlen Mondlicht schlummern, sich irgendwo in der Endlosigkeit einer Staub-Dreck-Sand-Hölle verlieren, entsteht eine gruselige Stimmung.

Wobei ich sagen muss, dass gruselig nicht das passende Wort ist. Bei meinem ersten nächtlichen Besuch der Pyramiden von Túcume versuchte ich vergeblich die gespenstische Stimmung in Worte zu fassen. War es Angst vor unbekanntem Unheimlichem? Oder vor einem wenig verständnisvollen Grabräuber, der sich bei seiner Arbeit gestört fühlen mochte. Während ich für mein Tagebuch vergeblich nach einem im Kern zutreffenden Vokabular suchte, kam mir der von mir seit Jugendjahren verehrte Schriftsteller Howard Philips Lovecraft in den Sinn. Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war so lesen wir bei »Wikipedia« ein »amerikanischer Schriftsteller. Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.«

Foto 4: Gruselig
H.P. Lovecraft schrieb in einer Abhandlung über das »Übernatürliche in der Literatur«: »Die älteste und stärkste Emotion des Menschen ist Furcht, und die älteste und stärkste Form der Furcht ist die Angst vor dem Unbekannten. Diese Tatsachen wird kaum ein Psychologe bestreiten.«  Mit aller Wahrscheinlichkeit war ich bei meinem nächtlichen Besuch in Túcume zu mitternächtlicher Stunde sehr viel sicherer als heute zur Mittagsstunde an einem S-Bahnhof in Berlin. Und doch wuchs, je länger ich die mysteriöse Atmosphäre auf mich einwirken ließ, so etwas wie eine tiefe Beklommenheit in mir, die mit logischem Denken nichts zu tun hatte. Was löste meine undefinierbare Angst aus? War es das ahnungsvolle Wissen, von Menschenopfern, die vor vielen Jahrhunderten dargeboten wurden? War es das wissenschaftlich fundierte Wissen von schauerlichem Brauchtum, von Menschen, die in großer Zahl bei lebendigem Leibe mit ihrem toten Herrscher im fulminant mit edelsten Schätzen ausgestatteten Grab beerdigt wurden?

Die Reichtümer sollten den Toten auch im Jenseits zur Verfügung stehen, genauso wie die Menschen, die die toten Herrscher im Jenseits zu umsorgen und zu bedienen hatten. Nicht nur an einer Stätte Perus beschlich mich diese seltsame Beklommenheit, die den nüchtern-logisch denkenden Menschen unserer Tage allenfalls herablassend lächeln lässt. Aber Hand aufs Herz: Hat uns die Aufklärung wirklich die diffuse Angst genommen, die von Friedhöfen ausgeht? Wagt sich wirklich jeder Zeitgenosse zu nächtlicher Stunde auf einen Friedhof?

Foto 5: Der Vergangenheit entrissen
Wir haben den Tod so gut es geht verdrängt, aus unserem Bewusstsein, aus unserem Lebensraum. Gestorben wird heute viel in Altenheimen und Krankenhäusern, in Sterbezimmern und seltener zuhause.

Und Tote werden so schnell wie möglich aus der Welt der Lebenden entfernt, von tüchtigen Bestattungsunternehmern professionell – fast hätte ich formuliert – entsorgt. Sie werden bis zur Feuer-, See- oder Erdbestattung verwahrt. Selbst die in meiner Jugend noch häufig im Straßenbild zu sehenden Leichenwagen werden heute weitestgehend so neutral gehalten, dass schon gar nicht mehr auf den ersten oder zweiten Blick zu erkennen ist, wer da eine letzte irdische Reise angetreten hat. Aus Angst vor dem unausweichlichen Ende, das uns allen blüht, wollen wir in einer Zeit wachsenden Jugendwahns möglichst gar nicht mehr an das Ende allen Lebens erinnert werden, schon gar nicht des eigenen.

Ich habe mir viele Jahre überlegt, ob ich meine so ganz persönlichen Eindrücke, die ich an Stätten des Todes gewonnen habe, lieber verschweige. Zeitweise trug ich mich mit dem Gedanken, in einem letzten Buch über diese »letzten Dinge« zu schreiben. So lang will ich nicht warten. Ich will stattdessen versuchen, so gut ich kann zu berichten – über meine Eindrücke im Umfeld der mysteriösesten Pyramiden unseres Planeten.

Foto 6: Da gruselt's gewaltig...

H.P. Lovecraft schildert schaurig schön (s)eine »Stadt ohne Namen«. Seine einleitenden Worte kamen mir immer wieder in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, um Pyramiden aufzusuchen, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt – und ich zitiere die wunderbare Version des FESTA-Verlags (1):


Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.«

Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (2) »Verfallen und stumm« sind auch einst kolossale Pyramiden in Peru. Und auch in Peru gibt es Mauern, die im Boden zu versinken scheinen, die auf geheimnisvolle Weise zerfließen und formlos werden. Monstermauern von einst sind kaum mehr von natürlichen Formationen zu unterscheiden. Und überall gibt es Hinweise auf Mumien, die von Grabräubern ans Tageslicht gezerrt und gefleddert wurden. Da liegen bleiche Knochen im Sand, da weht der Wind Stofffetzen umher, die einst zu Mumienhüllen gehört haben.

Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken
Einige Einheimische erzählten mir von Phänomenen, die man als Spukerscheinungen bezeichnen könnte. Ein katholischer Priester meinte: »Viele würden um nichts in der Welt die Region der verfluchten Pyramiden betreten, aus Angst vor den Toten! Die Grabräuber, so wird gemunkelt, haben die lebend Begrabenen wieder in unsere Welt gebracht. Wer sie nachts besucht, muss ihren Zorn fürchten!«

Fußnoten

1) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 1-5 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
Sehr empfehlenswert sind auch die eBook-Ausgaben von H.P. Lovecrafts
»Chronik des Cthulhu-Mythos 1« und »Chronik des Cthulhu-Mythos 2«, jeweils mit einem Vorwort und Erläuterungen des führenden Lovecraft-Experten Deutschlands Marco Frenschkowski. Band 1 enthält Lovecrafts »Stadt ohne Nehmen«, Originaltitel »The Nameless City«.
Beide Bücher sind auch als Print-Ausgaben im Festa-Verlag erschienen.
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen, Zeilen 15 und 16 von unten



Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft


Zu den Fotos 

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eine der Monstermauern - zur Unkenntlichkeit verwaschen.... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Eine uralte Mosntermauer...Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Gruselig. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Vergangenheit entrissen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Da gruselt's gewaltig... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft, Foto Walter-Jörg Langbein

 
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft


390 »Im Tal der 300 Pyramiden«,
Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 9.7.2017



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Sonntag, 25. Juni 2017

388 »Kein Ballon für den Inka!«

Teil  388 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                      

Fotos 1 und 2: Nazca
Der Pilot meint es gut mit mir. Er bringt seine kleine Propellermaschine in Schieflage, so dass sich nun die berühmte Ebene von Nazca unter mir schier endlos ausbreitet. So habe ich einen perfekten Blick nach unten und kann so gut es geht fotografieren. Die zerkratzte, teilweise fast milchig-trübe kleine Fensterscheibe trübt aber die Freude. Trotzdem ist der Anblick fantastisch. Weder Fotos, noch Filme können die fantastisch anmutende Wirklichkeit von Nazca wirklich wiedergeben. Das Staunen lernt man, wenn man die Hochebene aus einem Flugzeug sieht. Sie wurde als riesige »Leinwand« benutzt. Freilich wurde nicht mit Farben gemalt.

Unter mir breitet sich die trockene, wüstenartige Hochebene von Nazca aus. Zwischen dem Río Nazca und dem Río Ingenio wurden vor rund zwei Jahrtausenden auf gut 500 Quadratkilometer riesige Darstellungen von Tieren vom Affen bis zum Walfisch in den trockenen Boden gescharrt, die im vollen Umfang nur vom Himmel aus erfasst werden können. Die kilometerlangen Linien und Bahnen sind sogar vom Weltall aus zu erkennen. Satellitenbilder lassen staunen.

1927 gilt als das Jahr der Entdeckung der Riesenbilder. 90 Jahre später weiß man immer noch nicht, wie viele der riesenhaften Bildnisse insgesamt einst im Boden verewigt wurden. Die unbekannten Künstler kratzten lediglich eine dunkle Schicht des bräunlichen Bodens weg, bis der hellere Untergrund zum Vorschein kam. Sie »zeichneten« gigantische Geoglyphen für wen auch immer. Im Lauf der Jahrhunderte verschwanden viele Erdzeichnungen wieder unter einer Staubschicht, die wieder verkrustete. Manchmal tauchen sie in unseren Tagen wieder auf, wie jene 24 Scharrbilder, die erst im Sommer 2015 von Forschern der Universität von Yamagata etwa 1,5 Kilometer nördlich von Nazca »entdeckt« wurden. Seit 2004 haben die emsigen Wissenschaftler aus Japan immerhin 50 Geoglyphen wieder gefunden, die vermutlich von starken Bodenwinden neuerlich freigelegt worden waren. Sie sollen besonders alt, noch vor dem Riesenkolibri geschaffen worden sein.

Für wen waren die gewaltigen Geoglyphen gedacht? Wer sollte sie sehen? Jim Woodman behauptet: Nazca war ein Startplatz für Heißluftballone. Seit vierzig Jahren bekomme ich immer wieder zu hören: »Jom Woodman hat seine Theorie vom Flug mit Heißluftballons über Nazca experimentell bewiesen!« Hat er das? Nicht wirklich!

Foto 3: Santo Domingo, Vordereingang, Foto Ingeborg Diekmann

 Jim Woodman ließ von der Firma Raven einen riesigen »Ballon« aus Baumwollstoff anfertigen. Für »Condor 1« durften nur Materialien verwendet werden, die auch den Menschen der Nazca-Kultur zur Verfügung standen. Der Koloss wurde auf der Hochebene von  Nazca mit heißem Rauch aus einem mächtigen Holzfeuer »betankt«. Die feinen Rußpartikel dichteten die Ballonhülle von innen ab, so dass die Hitze des Feuers nicht mehr entweichen konnte. So blähte sich der Ballon nach stundenlanger Befeuerung in der Nacht auf, erreichte am Morgen schließlich die Höhe eines zehnstöckigen Hauses.

Unter dem Ballon hing eine beängstigend kleine »Gondel«, aus Binsen geflochten, 2,5 Meter lang und 1,5 Meter hoch. Darauf nahmen Jim Woodman und Julian Nott Platz, sprich sie klemmten sich die schmale »Gondel« zwischen die Beine. Dann ging es auch schon los. Die Leinen wurden gekappt. Die Reise zur Sonne konnte beginnen (1):

Foto 4: Rückseite von Santo Domingo mit  Inkamauer

»Der Aufstieg dauerte 45 Sekunden, ehe er aufhörte. Es war, als ob ein Fahrstuhl nach langer Fahrt im obersten Stock ankäme. Es schien, als ob wir für einen Augenblick aufwärts gezogen würden und dann wieder ins Gleichgewicht zurückfielen. Als ich von unserem Binsenboot nach unten schaute, baumelten wir fast 130 Meter über der Wüste. Die Aussicht war unglaublich.«  Nach nur zwei Minuten ging es wieder rapide abwärts. Woodman und Nott kamen wieder heil am Boden an, sprangen von ihrer »Banane« und der Ballon schoss wieder in die Höhe. 400 Meter über den Riesenbildern driftete er, vom Wind getrieben, dahin, um dann (2) »mehrere Kilometer entfernt auf dem Wüstenboden« aufzuschlagen. Knapp eine Viertelstunde hatte sich »Condor 1« am Himmel gehalten. Bis zur Sonne hatte es der Ballon nicht geschafft.

Man stelle sich vor: Der Leichnam des einstigen Inka wurde mit so einem Ballon gen Himmel geschickt, um nach Minuten wieder vom Himmel zu fallen. Ein würdevoller Abschied von einem mächtigen Herrscher sieht anders aus. Nach Jim Woodman diente bei der Luftbestattung des Inka die Feuerhitze nur als Starthilfe. Sobald der Ballon ausreichend Höhe erreicht haben würde, sollte die Sonne das Luft-Rauch-Gemisch im Ballon ausreichend erwärmen, um ihn stundenlang am Himmel zu halten.

Foto 5: Blick in die Inka-»Gruft«.

Ein Absturz auf den Wüstenboden wäre, so Woodman, dem Inka erspart geblieben. Die Winde hätten sein Ballongeführt gen Westen getrieben. Irgendwo wäre er dann mit Ballon im Pazifik versunken. Unbewiesen ist bis heute, dass die Sonnenwärme tatsächlich so einen »Nazca-Ballon« stundenlang am Himmel schweben lassen würde. Einen entsprechenden Versuch hat Jim Woodman erst gar nicht gewagt. Und dann wären da noch die von Woodman bemühten Winde, die aber in der Regel von West nach Ost wehen. Der »Inka-Ballon« wäre also nicht aufs Meer, sondern landeinwärts gedriftet und über Land abgestürzt. Es ist also falsch, wenn Woodman schreibt (3): »›Der Ballon müßte wahrscheinlich im Pazifik heruntergegangen sein. Der tote Inka, der darin fuhr, kehrte zurück zur Sonne – so mußte es aussehen.‹›Sagen die Legenden nicht so.?‹« Nein, Mr. Woodman, die Legenden sagen nicht so. Der tote Inka reiste nicht per Heißluftballon gen Himmel, um dann – pietätlos – abzustürzen. Eine solche Vorgehensweise wäre mit der immensen Verehrung der sterblichen Überreste der Inka nicht vereinbar gewesen.

Vielmehr wurden den toten Inka-Herrschern als Mumie große Ehren zuteil. In Cuzco trug man die reich geschmückten Mumien durch die Straßen. In edelste Gewänder gehüllt wurden sie wie lebende Menschen behandelt, mit Speisen und Getränken versorgt und bei Dürrekatastrophen durch die Felder getragen, um es wieder regnen zu lassen. Auch an Festivitäten ließ man sie teilnehmen, wie zu Lebzeiten von einem Heer von Dienern umsorgt.

Foto 6: Unvorstellbare Schätze fanden die Spanier im Sonnentempel.

Anschließend brachte man sie wieder in den Coricancha-Tempel, in den »Sonnentempel« von Cuzco, also ins Zentralheiligtum. Nach Garcilaso de Vega, setzte man die Mumien auf goldene Throne im Allerheiligsten. Die Versammlung der Inka-Mumien mutet heute gruselig an. Dort glänzte eine mannshohe Scheibe aus massivem Gold, die die Sonne darstellen sollte. So gesehen reiste jeder tote Inka tatsächlich zur Sonne, die aber stand nicht am Himmel, sondern im Sonnentempel von Cuzco. Übrigens das Herz der Inka wurde in Ollantaytambo bestattet.

Auch Ollantaytambo beeindruckt heute noch. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit wurden gewaltige Steinquader transportiert und millimetergenau zusammengefügt. Wie die Inka die edlen Toten mumifizierten, welche Techniken sie anwandten, ist bis heute weitestgehend unbekannt.

Foto 7: Mauerwerk von Ollantaytambo.

 Die Zerstörungswut der spanischen Eroberer hatte auch vor dem Inkaheiligtum nicht halt gemacht. Vom einst stolzen Bau war nur noch eine Ruine erhalten mit einzelnen Räumen, als anno 1650 Cuzco von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde. Über den Trümmern des Tempels wurde das Kloster von Santo Domingo erbaut. Nur vier Räume des einst gewaltigen Tempels wurden von den Klosterbrüdern weiter genutzt. Anno 1950 gab es wieder ein sehr schweres Erdbeben und siehe da… Es wurden Mauerreste des Tempels freigelegt.

Heute kann man in die »Unterwelt« des Klosters steigen und auch den Raum besuchen, der den Inka-Mumien als »Mausoleum« diente. Die herrlichen sakralen Kunstwerke der Inka gibt es natürlich nicht mehr. Die »zivilisierten« Eroberer haben sie eingestampft und zu Barren gegossen. So konnte das Inka-Gold viel leichter nach Europa geschafft werden.

Fotos 8 und 9: Inka-Mauerwerk - oder älter?

Mich beeindruckt die unglaubliche Präzision, mit der die Steine des Tempels zu Inkazeiten – oder schon früher – millimetergenau bearbeitet werden konnten. Die Steine wirken wie maschinell poliert. Geht man um die Kirche von Santo Domingo herum, erkennt man an der Rückseite Teile der alten »Inkamauer«, so sie denn überhaupt ein Werk der Inka ist. Ich halte es für durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass die Inka ihrerseits einen noch älteren Vorgängerbau übernommen haben. Darüber kann man diskutieren. Zweifelsfrei aber steht fest, dass die Hochebene von Nazca nicht als Startplatz für Inka-Heißluftballons diente. Die Inka hatten keine Verbindung zu Nazca. Und die Nazca-Kultur – mindestens ein Jahrtausend älter als die der Inka – schickte auch keine Toten per Heißluftballon gen Himmel. Die Toten von Nazca wurden feierlich begraben. Je vornehmer der Tote war, desto tiefer hob man sein Grab aus.

Foto 10: Bahnen, Bahnen, Bahnen ...

Am 31. Januar 1977 vermeldete DER SPIEGEL (4): »Mit einem aufsehenerregenden Experiment hat der Amerikaner Jim Woodman nachzuweisen versucht, daß südamerikanische Indianer bereits 500 nach Christus die Technik der Heißballonfahrt beherrschten.« Einer kritischen Überprüfung hält Woodmans These freilich nicht stand. Die Hochebene von Nazca bleibt nach wie vor rätselhaft. Eine »großartige Anlage eines Totenkults« war, wie DER SPIEGEL abschließend suggeriert, die »Nazca-Ebene mit ihren mythischen Zeichnungen« jedenfalls nicht.

Der Pilot meint es gut mit mir. Er bringt seine kleine Propellermaschine in Schieflage, so dass sich nun die berühmte Ebene von Nazca unter mir schier endlos ausbreitet. So habe ich einen perfekten Blick nach unten und kann so gut es geht fotografieren. Bahnen.. Bahnen.. Bahnen, soweit das Auge reicht! Ich fotografiere begeistert. Das macht auch mein Reisekollege, dem freilich der manchmal doch etwas wackelige Flug der kleinen Propellermaschine zu schaffen macht. Nach der Landung kriecht er, mit Übelkeit kämpfend aus der Maschine und wankt, kreidebleich, einige Schritt zum Rand der Start- und Landepiste, die freilich eher an einen besseren Feldweg erinnert. Erschöpft lässt er sich im Rasen nieder und starrt teilnahmslos in den Himmel.

Fußnoten
1) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, Seite 206, Zeilen  5-11 von oben
2) ebenda, Seite 210, Zeilen 3 und 4
3) ebenda, Seite 96, Zeilen 9-13 von unten
4) »Flug der Könige«, DER SPIEGL 6/ 1977


Foto 11: Großer, großer Vogel

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Nazca ... Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Santo Domingo, Vordereingang, Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Rückseite von Santo Domingo mit  Inkamauer, wikimedia commons, Foto Håkan Svensson (Xauxa)
Foto 5: Blick in die Inka-»Gruft«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Unvorstellbare Schätze fanden die Spanier im Sonnentempel. Fotos und Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mauerwerk von Ollantaytambo. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Inka-Mauerwerk - oder älter? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Bahnen, Bahnen, Bahnen ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Großer, großer Vogel. Foto Walter-Jörg Langbein

389 »Von Pyramiden und von der Angst vor den Toten«,
Teil  389 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 2.7.2017



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Sonntag, 12. Juni 2016

334 »Halloween und der Mord an John F. Kennedy«

Teil 334 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Halloween 1963
Es wird langsam Abend. Dunkelheit legt sich über die Straßen. Nach und nach tauchen grimmige Rundköpfe vor Türen und Fenstern auf. Und Horden von Monstern und Tierwesen erobern nach und nach Stevensville, ein kleines Dörfchen am Michigansee. Stockdunkel ist es, doch die Fratzen der Ballonköpfe sind deutlich zu erkennen.

Manche Menschen haben ihre Jalousien herabgelassen, alle Lichter im Haus gelöscht, Türen und Fenster geschlossen. Es klingelt immer wieder Sturm, aber sie reagieren nicht. Manche sind bewusst und gezielt verreist. Andere schreien durch die geschlossenen Türen, die ungebetenen Besucher mögen abhauen. Andere wieder warten hoffnungsvoll, öffnen bereitwillig. Vor ihnen stehen Kinder, als Monster oder Tiere kostümiert. Viele sind nur fantasievoll geschminkt. Alle sind aufs Gleiche aus. Alle haben es sehr eilig, denn die Konkurrenz ist groß. Je schneller man unterwegs ist, desto mehr Beute kann man einsacken.

Wir schreiben den 31. Oktober 1963. Es ist Halloween. Ich bin mit meinem Bruder und einer Gruppe anderer Kinder unterwegs. Wir eilen von Haus zu Haus, klingeln wie wild. Endlich öffnet jemand. Wir schreien »Trick o‘ treat«, was sich am ehesten mit »Scherz oder Süßes« übersetzen lässt, halten Tüten und Beutel hin, nehmen Naschereien entgegen. Schon geht es weiter. Es muss schnell gehen. Viele Kinder sind unterwegs. Wer keine Süßigkeiten herausrückt, wird »bestraft«. Wir haben Zahnpastatuben dabei. Damit beschmieren wir die Türen jener, die uns unverrichteter Dinge wieder abziehen lassen.

Foto 2: Martin Luther
So lernte ich anno 1963, am 31. Oktober, als Neunjähriger, Halloween kennen. Heute über ein halbes Jahrhundert später, ist »Halloween« auch in Deutschland angekommen, wenn auch nicht überall beliebt. Manche Kritiker wenden ein: »Müssen wir denn jeden Quatsch aus Amerika übernehmen?« In der Tat: »Halloween« kommt aus den Staaten, aber – zurück. »Halloween« hat seinen Ursprung in Europa!

Der Name »Halloween« lässt sich auf »All Hallows‘ Eve« zurückführen. Damit ist der Abend vor Allerheiligen gemeint. Auf das christliche Hochfest »Allerheiligen« (1.November) folgt unmittelbar »Allerseelen« Zu »Allerseelen« gedenken die katholischen Christen ihrer Verstorbenen. 

Nach altem Kirchenglauben kann man für die Verblichenen Gutes tun, besonders für die armen Sünder, deren Seelen im Fegefeuer schmoren. Sünder, die keine Nachkommen haben, sind schlecht dran. Niemand kauft sie frei. Sie müssen bis zum Ende abbüßen. Die Ostkirchen maßen der Lehre vom Fegefeuer nie wirklich große Bedeutung zu, die Kirchen der Reformation haben sie abgeschafft, nur die römisch-katholische Kirche hält bis heute an ihr fest.

Foto 3: Menschen im Fegefeuer


In den  frühen 1970er Jahren erlebte ich als Student in Theologenkreisen der evangelisch-lutherischen Kirche heftige Diskussionen. Der katholischen Kirche gehe es doch nur um schnöden Mammon! Man verbreite Angst, mache den Gläubigen ein schlechtes Gewissen, indem man ihnen gern auf drastische Weise das Leiden und die Qualen ihrer dahingeschiedenen Verwandten im qualvollen Fegefeuer schildere. Dann sei man ja gern dazu bereit, es sich etwas kosten zu lassen, die Seelen lieber Toter vorzeitig aus dem Fegefeuer zu befreien. Natürlich hofft man dann auf ähnliche Hilfen durch die Nachkommenschaft, so man denn dereinst selbst im Fegefeuer schmachtet und leidet. Wie hieß es einst so schön? »Die Seele in den Himmel springt, wenn das Geld im Kasten klingt.«

Foto 4: Noch eine sehr alte Darstellung des Fegefeuers

Seit Jahren werde ich immer wieder gefragt, ob es denn zutreffe, dass der Vatikan das Fegefeuer abgeschafft habe. Manchmal gehe ich in Vorträgen auch auf das Fegefeuer ein, werde dann – nicht selten etwas grob –  »korrigiert«: »Sie sind schlecht informiert! Diesen Ort der Qual gibt es nach neuern Aussagen der katholischen Kirche gar nicht!«

Foto 5: Fegefeuer im Vorraum einer Kirche
Es gibt ihn nach katholischer Glaubenslehre nach wie vor. Abgeschafft wurde nicht das »purgatorium« (zu Deutsch »Reinigungsort«, volkstümlich »Fegefeuer«), sondern der sogenannte »limbus«. Der »limbus« war nach offizieller Lehrmeinung eine Art Warteraum. Die Seelen von ungetauften Babys wanderten nach dem vorzeitigen Tod der kleinen Wesen zunächst in den »limbus«, wo sie bis ans Ende der Zeit ausharren mussten. Nachdem der Vatikan den »limbus« für nicht existent erklärt hat, gelangen die unschuldigen Babyseelen sofort ins Paradies. Nach der mittelalterlichen Vorstellung harrten in diesem Wartezimmer auch jene guten Menschen, die vor Christi Geburt lebten.

Im 1992 veröffentlichten Katechismus der katholischen Kirche suchte man nach dem »limbus« bereits vergeblich. Kardinal Joseph Ratzinger hatte bereits vor seiner Wahl zum Papst (anno 2005) die Vorhölle als »nur eine theologische Hypothese« bezeichnet und empfohlen, den Glauben daran abzulehnen. Ein Gremium von Theologen unter Leitung des Erzbischofs von Dijon Roland Minnerath folgte diesem Ansinnen und erklärte den mittelalterlichen Glauben im Frühjahr 2007 für obsolet. Am 20. April 2007 verkündete Papst Benedikt XVI. das Ende des »limbus«.

Foto 6: Flugblatt in Sachen Luther-Thesen

Zurück zu den Diskussionen in Lutheranerkreisen. Zur Sprache kam auch das damals in Deutschland so gut wie unbekannte »Halloween«. Am 31. Oktober gedenkt man doch der lutherischen Reformation und des heldenhaften Martin Luther, der anno 1517 am Abend vor Allerheiligen seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat! Und zwar just zum Themenbereich »Ablass und Buße«. Inzwischen wird in der Wissenschaft die schöne Geschichte von den Thesen an der Kirchentür stark angezweifelt. Und wenn sie tatsächlich erfolgt sein sollte, hat damals die allgemeine Bevölkerung nichts davon mitbekommen. Nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung war des Lesens kundig. Und Laien verstanden mit Sicherheit nicht Luthers Ausführungen, denn die waren in Latein verfasst.

Mit Abscheu blickte man auf den »amerikanischen« Brauch »Halloween« herab, der womöglich das altehrwürdige Reformationsfest beschmutzen könne. Damals stand freilich »Halloween« noch nicht vor Deutschlands Türen. Erst anno 1978 kam der Film »Halloween – Die Nacht des Grauens« von John Carpenter bei uns in die Kinos. Das Horrorspektakel war so erfolgreich, das nach und nach eine ganze Filmreihe daraus wurde. Immer wieder wurde auf der Leinwand in der Halloweennacht gemetzelt und gemordet.

Foto 7: John F. Kennedy. Foto Walter Langbein sen.

Was bei meinen lutherischen Mit-Studenten besondere Empörung auslöste, das war der »heidnische Ursprung dieses bösen Spuks«, wie es ein Professor der Kirchengeschichte formulierte. Nicht bedacht hat der gelehrte Mann freilich, dass so manch‘ vermeintlich urchristliches Glaubensgut ersten Ranges heidnische Wurzeln hat. So geht die christliche Lehre der Dreifaltigkeit auf sehr viel ältere und heidnische Götter-, ja gar Göttinnen-Triaden zurück! Woher aber kommt der »Halloween«-Brauch? Hat er auch heidnische Wurzeln?

Der amerikanische Brauch, zum »Halloween«-Fest Kürbisse aufzustellen, geht auf altes Brauchtum in Irland zurück. Allerdings höhlte man da Rüben aus, schnitzte Gesichter hinein und beleuchtet die kleinen Kunstwerke von innen mit einer Kerze. Man stellte sie vor Häuser und Stallungen, um böse Geister abzuschrecken. Irische Auswanderer nahmen den Brauch mit in die USA. Man stieg allerdings von Rüben auf Kürbisse um. In den USA ist »Halloween« längst zum Gaudium ohne tieferen Hintergrund geworden. Evangelikale Christen lehnen entsetzt »Halloween« als okkultes Teufelswerk ab.

James Frazer erklärte, dass sich da (1) »ein altes heidnisches Totenfest unter dünner christlicher Hülle verbirgt«. Sein Opus »The Golden Bough« (»Der Goldene Zweig«) erschien 1906 bis 1915 in zwölf Bänden. Auch die altehrwürdige »Encyclopaedia Britannica« führt das christliche Allerheiligen auf ein heidnisches Halloween zurück. Das »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« erkennt ein keltisches Totenfest als Ursprung von »Allerheiligen«.  So verwirrend die vielfältigen Thesen auch sind, mir leuchtet am ehesten ein, dass die Kelten eine Rückkehr der Toten aus der Welt der Geister für möglich hielten, ja befürchteten. Zum Sommerende wurde das Vieh von den Weiden in die heimischen Ställe zurück geholt. Und die Totengeister machten sich auf den Weg zurück in ihre einstigen Heime. Wollten sie nur noch einmal sehen, wo sie zu Lebzeiten gehaust hatten, bevor sie in die jenseitige Welt schritten? Wollten sie nur beobachten? Wollten sie sich still verabschieden oder doch die »lieben Nachkommen« piesacken? Offenbar waren sie keine willkommenen Gäste.

Foto 8: Präsident John F. Kennedy. Foto W. Langbein sen.

Feuer auf Berggipfeln wurden entzündet (2), um  böse Totengeister zu vertreiben. Und wenn sie es doch bis vor die Haustüre schafften? Dann trugen die Menschen Masken und Verkleidungen, um von den Verblichenen nicht erkannt zu werden. Ausgehöhlte Rüben, später Kürbisse mit fratzenhaften Gesichtern, scheinbar glühenden Augen und Mündern – ob sie wirklich Totengeister mit bösen Absichten fernhalten?

Foto 9: Präsident John F. Kennedy. Foto W. Langbein sen.

Ich erinnere mich jedenfalls an den 31. Oktober 1963, an die Halloweenkürbisse der Familie Langbein, an die Verkleidungen von uns Buben, an unsere Halloweenstreiche und reiche Ausbeute an Süßigkeiten. 

Und ich erinnere mich an den 22. November 1963, an den Tag, als der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika an der Dealey Plaza gegen 12 Uhr 30 Ortszeit ermordet wurde. Wenige Monate zuvor war mein Vater im Weißen Haus vom Präsidenten persönlich empfangen worden.

Fußnoten

1) »The New Golden Bough/ A new abridgement of the classic work by Sir James Frazer, edited, and with notes and foreword by Dr. Theodor H. Gaster«, New York 1959, S. 630, Zeilen 15 und 16 von unten. Im englischen Original: »… under a thin Christian cloak conceals an ancient pagan festival of the dead.
2) ebenda, S. 629-632: »Hallowe’en Fires«

Zu den Fotos

Foto 10: Präsident John F. Kennedy. Foto Walter Langbein sen.

Foto 1: Halloween 1963. Rechts im Bild - Verfasser Walter-Jörg Langbein. Links daneben in gestreifter Hose - Volker Langbein. Dahinter: Mutter Herty Langbein.
Foto 2 Martin Luther in einem Gemälde von Lucas Cranach d.Ä. 1528. Foto wiki commons
Foto 3: Fegefeuer-Darstellung,  Marienmünster, Diessen, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fegefeuerdarstellung, etwa 1419, Legenda Aurea, Foto wikimedia commons/ Aodh 
Foto 5: Fegefeuerdarstellung im Vorraum der Kirche von Reichersdorf. Foto Heidi Stahl
Foto 6: Flugblatt in Sachen Luther-Thesen, 16. Jahrhundert, Archiv Langbein
Fotos 7-10:  Präsident John F. Kennedy. Foto/copyright Walter Langbein sen./ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Mein Vater Walter Langbein sen. wurde von Präsident John F. Kennedy persönlich empfangen. Foto privat. Copyright Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Mein Vater im Garten des Weißen Hauses
335 »Spurensuche«,
Teil 335 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 19.06.2016


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