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Sonntag, 5. August 2018

446 »Bleierne Zeit über einer Wüste des Todes«

Teil 446 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Pyramiden von Sipán könnten auch ...

Bei meinen Besuchen erlebte ich Pachacamac wie die Kulisse einer Verfilmung einer Erzählung von H.P. Lovecraft. Howard Philips Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war laut »Wikipedia« ein »amerikanischer Schriftsteller.« Weiter heißt es: »Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.« Ich schätze die Werke von H.P. Lovecraft sehr, einfühlsam und überzeugend beschreibt er eine »Stadt ohne Namen«. Lovecrafts einleitenden Worte kamen mir auf so mancher Reise in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, etwa als ich die Pyramiden Sipán und Túcume besuchte, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt,und ich zitiere hier noch einmal die wunderbare Version des FESTA-Verlags (1):

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.«

Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (2) »Verfallen und stumm« sind heute die einst kolossalen Pyramiden in Peru. Sie wirken auf mich als wären sie im Verlauf von Jahrtausenden geschmolzen und hätten ihre Konturen verloren. Der Prozess scheint unaufhaltbar zu sein. Auch heute noch, so kam es mir vor, versinken Mauerreste im Boden. Stein für Stein werden sie vom Erdreich verschlungen, gierig und doch langsam. Diese Mauern sind kaum noch von natürlichen Formationen zu unterscheiden.

Foto 2... in Pachacamac stehen.

In Pachacamac scheint dieser Prozess in Urzeiten seinen Anfang genommen zu haben. Der Verfall ist weiter fortgeschritten als in Sipán und Túcume. Über Mauerresten, über einzelnen undefinierbaren Brocken aus Mauerwerk und einer schier unendlichen Wüste des Todes hängt scheinbar greifbar die bleischwere Zeit. Oder ist die Zeit irgendwann einmal stehengeblieben? Pachacamac liegt, so habe ich das empfunden, in einer Wüste des Todes. Und genau so hat es Ephraim George Squier vor 150 Jahren empfunden.

Pachacamac wirkt sehr viel älter als es ist.  Wäre Pachacamac von einem Filmemacher erfunden und als Kulisse errichtet worden, dann könnten dort Szenen gedreht werden, die auf einem fernen Planeten spielen. Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (1) »Verfallen und stumm« sind heute die einst kolossalen Pyramiden von Séchin und Túcume in Peru. Sie wirken auf mich als wären sie im Verlauf von Jahrtausenden geschmolzen und hätten ihre Konturen verloren. Der Prozess scheint unaufhaltbar zu sein. Auch heute noch, so kommt es mir vor, versinken Mauerreste im Boden. Stein für Stein werden sie vom Erdreich verschlungen, gierig und doch langsam. Diese Mauern sind kaum noch von natürlichen Formationen zu unterscheiden.

Foto 3: Die Tucúme-Pyramiden würden auch nach Pachacamac passen.

Pachacamac wirkt sehr viel älter als es ist. Oder zeitlos, wie eine uralte Ruine auf dem Mars. Wäre Pachacamac von einem Filmemacher erfunden und als Kulisse errichtet worden, dann könnten dort Szenen gedreht werden, die auf einem fernen Planeten spielen. Man würde den Kulissenbauern zur Umsetzung einer düsteren Fantasie gratulieren, zur real erscheinenden Unwirklichkeit.
Aber Pachacamac ist real, keine Fiktion.

Der Gesamtkomplex von Pachacamac bestand aus Terrassen und Tempeln. Terrassen und Tempel bildeten eine komplexe »Pyramide«, wobei die einzelnen Bestandteile der Pyramide aus unterschiedlichen Epochen stammen. Es gibt Grabanlagen, die älter sind als die Tempel und Terrassen. Mauern und Terrassen wurden über den Gräbern errichtet. Ja es muss bereits ein Friedhof vorhanden gewesen sein, als sakrale Bauten darüber gesetzt wurden.

Die ältesten Gebäude wurden vor dem Auftauchen der Inkas aus Lehmziegeln gebaut. Als die verbrecherischen »Eroberer« einfielen, da war die mysteriöse Stadt bereits über ein Jahrtausend alt. Erstaunlich gut erhalten waren bunte Fischfresken aus der Zeit vom 200 bis 500 n.Chr. Sie zeigen Fischmotive. Die ältesten Tempel wurden bereits um 200 n.Chr. gebaut.

Foto 4: Mauerreste von Pachacamac

Die Menschen der »Lima-Kultur« ließen kleine Lehmziegel an der Sonne hart werden. Dann verbauten sie die »adobitos« zu Mauern. Zur gleichen Zeit entstanden zumindest einige der berühmten Linien von Nazca.Um 650 n.Chr. nutzen die Wari das Kultzentrum, nicht nur als Zentrum für religiöse Zeremonien, sondern sie bauten auch Gebäude der weltlichen Art, für »Verwaltungsbeamte«. Mit der Andenregion trieb man Handel. Neue Gebäude wurden kaum gebaut, es wurden hauptsächlich alte Gebäude erweitert. Die Stadt wuchs und wuchs. In jener Zeit entstand der »Templo Pintado«, der »Bemalte Tempel«, von dem massive Fundamente anno 1939 von Dr. Alberto Giesecke ausgegraben wurden. Ab 1200 n.Chr. machten sich die Menschen der »Ichma- Kultur« in Pachacamac breit. Um 1450 n.Chr. kamen die Inkas, ließen die Menschen ihren Glauben und erweiterten Pachacamac um den Sonnentempel. Die Spanier fielen 1532 ein. Das bedeutete das endgültige Ende für das einst so blühende Zentrum Pachacamac.

Foto 5:  Francisco Pizarros protziges Grab in Lima.

Francisco Pizarro (* 1476 oder 1478; †1541) hatte ein ungeheures Lösegeld für Inkaherrscher Atahualpa (geboren um 1500, ermordet am 26. Juli 1533 in Cajamarca) gefordert. Obwohl unvorstellbare Mengen an Gold und Silber aus dem gesamten Inkareich herbei geschafft wurden, obwohl ganze Karawanen wahre Reichtümer brachten, wollte der unersättliche Pizarro noch immer mehr. Da Francisco Pizarro von gewaltigen Goldschätzen in Pachacamac gehört hatte, schickte er seinen Bruder (Halbruder?) Hernando Pizarro y de Vargas los, der auch das Gold und Silber der Tempel von Pachacamac als Lösegeld einfordern sollte. Von Hernando Pizarro y de Vargas  wissen wir nicht, wann er geboren wurde. Er starb im Jahre 1578 »hochbetagt«, als einziger der Pizarrobrüder friedlich.

Als Hernando Pizarro y de Vargas  in Pachacamac eintraf, war schon ein Teil des Tempelkomplexes verfallen. Von der gewaltigen Mauer, die einst die gesamte Tempelanlage geschützt hatte, war so gut wie nichts mehr zu sehen. Sie ist wohl schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts eingestürzt. In wieweit die Spanier die heiligen Gebäude der Inkas und deren Vorgänger verwüsteten, das lässt sich nicht mehr wirklich genau feststellen. Im Verlauf des folgenden halben Jahrtausends verschwand ein Großteil der einstmals so beeindruckenden Kultanlage.

Mir kam es so vor, also ob in Pachacamac der Prozess des Zerfalls bereits in Urzeiten seinen Anfang genommen hat. Der Eindruck täuscht. Pachacamac ist seit Jahrhunderten, nicht seit Jahrtausenden vom Zahn der Zeit zerfressen worden. Sehr viel besser erhalten sind die rätselhaften Pyramiden von Sipán und Túcume.

Foto 6:  Signatur Francisco Pizarros.

Über Mauerresten und über einzelnen undefinierbaren Brocken aus Mauerwerk und schier unendlicher Wüste hängt fast greifbar die bleischwere Zeit. Oder ist die Zeit irgendwann einmal stehengeblieben? Bei meinen Besuchen erlebte ich Pachacamac wie die Kulisse einer Verfilmung einer Erzählung von H.P. Lovecraft. Howard Philips Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war, so steht es lapidar bei »Wikipedia«, ein »amerikanischer Schriftsteller.« Weiter heißt es: »Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.« Ich schätze die Werke von H.P. Lovecraft sehr, einfühlsam und überzeugend beschreibt er eine »Stadt ohne Namen«.

Lovecrafts einleitenden Worte kamen mir auf so mancher Reise in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, etwa als ich die Pyramiden Sipán und Túcume besuchte, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt, und ich zitiere hier noch einmal die wunderbare Version des FESTA-Verlags (2):

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.« Pachacamac liegt, so habe ich das empfunden, in einer Wüste des Todes. Das mag übertrieben pathetisch klingen, trifft aber den Sachverhalt genau. In Pachacamac herrscht eine bedrückende, oder soll ich sagen, erdrückende Stille. Etwas Unbeschreibliches, Schweres lastet auf dem riesigen Areal, besonders in unmittelbarer Umgebung der Ruinen. Und genau so hat es Ephraim George Squier vor 150 Jahren empfunden.

Foto 7: Zeichnerische Rekonstruktion Komplex Pachacamac

Ephraim George Squier schreibt (3): »Nichts kann die Kahlheit und Oede des Anblicks der Ruinen übertreffen, welche so still und leblos sind wie die von Palmyra. Kein lebendes Wesen ist zu sehen, ausgenommen vielleicht ein ein vereinzelter Kondor, der über dem verwitterten Tempel seine Kreise zieht; nichts ist zu hören auszer dem regelmäszigen Wellenschlage des Groszen Ozeans, der sich am Fusze der Erhöhung bricht, auf welcher der Tempel stand. Esa ist hier ein Ort des Todes, nicht nur wegen seines Schweigens und seiner Unfruchtbarkeit, sondern auch als Begräbnisstätte vieler Tausende der alten Bewohner. Zu Pachacamac scheint der Raum um den Tempel herum ein einziger groszer Friedhof gewesen zu sein. Man grabe nur irgendwo in den trockenen, salpeterhaltigen Sand hinein und man wird auf sogenannte Mumien stoszen, die aber wirklich die ausgetrockneten Leichen der alten Zeit sind.«

Foto 8: Grundriss Pachacamac (um 1883)

Irgendwie ist Pachacamac, nachdem die einst bombastischen Tempelkomplexe weitestgehend verschwunden waren, in der Zeit hängen geblieben. In der Einöde fiel mir jeder Schritt schwer. Jeder Atemzug erinnerte eher an Hölle als an Paradies. Und in der Wüste des Todes ruhen noch unzählige Tote. Sie sind inzwischen längst ausgedörrt. Wie viele Tote mögen in unmittelbarer Nähe der Heiligtümer vergraben worden sein? Für wie viele Tote mögen Grabkammern geschaffen worden sein. Wie vielen Tote in Grabkammern bekamen Reichtümer mitgegeben? Und wie viel Gold- und Silber aus den Tempelheiligtümern konnte vor den Spaniern in Sicherheit gebracht werden?

Fußnoten
(1) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 15 und 16 von unten. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
(2) Ebenda, Zeilen 1-5 von oben.
(3) Squier, Ephraim George: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883, Seite 84 unten  und Seite 85 oben (Rechtschreibung unverändert von Squier übernommen. Man beachte: das »scharfe s« wird stets als »sz« geschrieben. Noch in meiner Jugend bezeichnete man das »scharfe s« auch als »sz«. Die Älteren werden sich noch erinnern.)
(4) ebenda, Seite 85 unten

Zu den Fotos
Foto 1: Die Pyramiden von Sipán ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: ...könnten auch in Pachacamac stehen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Tucúme-Pyramiden würden auch nach Pachacamac passen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mauerreste von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5:  Francisco Pizarros protziges Grab in Lima. Foto wikimedia commons/ sandro Heinze
Foto 6:  Signatur Francisco Pizarros. Foto wikimedia commons/ maksim 
Foto 7: Zeichnerische Rekonstruktion Komplex Pachacamac (um 1883). Archiv Langbein
Foto 8: Grundriss Pachacamac (um 1883). Archiv Langbein

447 »Wo liegt der Nabel der Welt?«,
Teil 447 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12.08.2018

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Sonntag, 2. Juli 2017

389 »Von Pyramiden und von der Angst vor den Toten«

Teil  389 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden

Die Pyramiden wirken wie im Lauf der Äonen zerflossene Bauwerke. Es kommt mir so vor, als hätte die Ewigkeit einst gigantische stolze Monumente fast zur Unkenntlichkeit verformt. Ich fühle mich an die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel erinnert, als die Menschen nach einem alten Mythos zu Gott emporsteigen wollten. Das soll den Himmlischen wütend gemacht haben, so dass er aus seinen überirdischen Sphären herabstieg und das eitle Menschenwerk zerstörte.

Die Sonne brennt höllisch vom Firmament, die Konturen der einstigen Pyramiden – und Pyramiden waren es – verschwimmen im gleißenden Sonnenlicht. Erde und Pyramiden gegen in schmutzigem Grau-Braun fließend ineinander über. Wo hört Planet Terra auf, wo beginnt künstliches Bauwerk? Ist wieder versunken, was einst weit in den Himmel ragen sollte?

Foto 2: Eine der Monstermauern
Lehnten sich Pyramiden im Lauf der Zeit an einen von der Natur geschaffenen Hügel? Sank in sich zusammen, was einst in den Himmel ragte, um mit Hügeln und kleinen Bergen zu verwachsen? Gaukeln mir meine Augen Mauern und Treppen vor, wo Wind und Wetter willkürliche Plastiken aus Erde und Dreck formten? Oder ist das ganze komplexe Gebilde aus Rampen und zerflossenem Mauerwerk alles von Menschenhand geschaffen worden? Zu welchem Zweck? Zum Lob Gottes wäre die christliche Antwort, die gern gegeben wird, wenn sich das Warum und das Wozu nicht klären lassen.

Stiegen einst Priesterastronomen auf Rampen empor, um auf Plattformen astronomische Beobachtungen zu machen? Verfolgten die hohen Geistlichen den Lauf von Sonne, Mond und Sternen, um das Geheimnis der Zeit zu ergründen? Wollten sie Zyklen erkennen, um aus den Zeitläufen der Vergangenheit die der Zukunft zumindest zu erahnen?

Die Pyramiden Ägyptens – speziell die nach Cheops benannte – lassen uns staunen. Wir rätseln, wie wohl derlei meisterliche Bauwerke mit solcher Präzision errichtet werden konnten. Staunen lassen uns die millimetergenau zugeschnittenen Steinblöcke, wie sie oft in so manchem »Totentempel« Ägyptens bearbeitet wurden: ohne Mörtelmasse, und das so präzise, dass keine Zwischenräume zu erkennen sind. Zwischen so manche Fuge passt nicht einmal eine Rasierklinge.

Foto 3: Eine uralte Monstermauer
Im Sommer 1798 rief Napoleon angesichts der Gizeh-Pyramiden aus: »Denkt daran, dass von diesen Monumenten 40 Jahrhunderte auf euch herabblicken.« Ein altes ägyptisches Sprichwort besagt: »Alles fürchtet sich vor der Zeit, aber die Zeit fürchtet sich vor den Pyramiden.« Die Pyramiden Ägyptens machen bescheiden und demütig, geheimnisvolle Pyramidenwelten Perus lösen – besonders bei Nacht – ein nicht wirklich in Worte zu fassendes Unbehagen, ja mehr als das aus. Wenn die scheinbar äonenalten Bauten aus Millionen und Abermillionen von Steinen im fahlen Mondlicht schlummern, sich irgendwo in der Endlosigkeit einer Staub-Dreck-Sand-Hölle verlieren, entsteht eine gruselige Stimmung.

Wobei ich sagen muss, dass gruselig nicht das passende Wort ist. Bei meinem ersten nächtlichen Besuch der Pyramiden von Túcume versuchte ich vergeblich die gespenstische Stimmung in Worte zu fassen. War es Angst vor unbekanntem Unheimlichem? Oder vor einem wenig verständnisvollen Grabräuber, der sich bei seiner Arbeit gestört fühlen mochte. Während ich für mein Tagebuch vergeblich nach einem im Kern zutreffenden Vokabular suchte, kam mir der von mir seit Jugendjahren verehrte Schriftsteller Howard Philips Lovecraft in den Sinn. Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war so lesen wir bei »Wikipedia« ein »amerikanischer Schriftsteller. Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.«

Foto 4: Gruselig
H.P. Lovecraft schrieb in einer Abhandlung über das »Übernatürliche in der Literatur«: »Die älteste und stärkste Emotion des Menschen ist Furcht, und die älteste und stärkste Form der Furcht ist die Angst vor dem Unbekannten. Diese Tatsachen wird kaum ein Psychologe bestreiten.«  Mit aller Wahrscheinlichkeit war ich bei meinem nächtlichen Besuch in Túcume zu mitternächtlicher Stunde sehr viel sicherer als heute zur Mittagsstunde an einem S-Bahnhof in Berlin. Und doch wuchs, je länger ich die mysteriöse Atmosphäre auf mich einwirken ließ, so etwas wie eine tiefe Beklommenheit in mir, die mit logischem Denken nichts zu tun hatte. Was löste meine undefinierbare Angst aus? War es das ahnungsvolle Wissen, von Menschenopfern, die vor vielen Jahrhunderten dargeboten wurden? War es das wissenschaftlich fundierte Wissen von schauerlichem Brauchtum, von Menschen, die in großer Zahl bei lebendigem Leibe mit ihrem toten Herrscher im fulminant mit edelsten Schätzen ausgestatteten Grab beerdigt wurden?

Die Reichtümer sollten den Toten auch im Jenseits zur Verfügung stehen, genauso wie die Menschen, die die toten Herrscher im Jenseits zu umsorgen und zu bedienen hatten. Nicht nur an einer Stätte Perus beschlich mich diese seltsame Beklommenheit, die den nüchtern-logisch denkenden Menschen unserer Tage allenfalls herablassend lächeln lässt. Aber Hand aufs Herz: Hat uns die Aufklärung wirklich die diffuse Angst genommen, die von Friedhöfen ausgeht? Wagt sich wirklich jeder Zeitgenosse zu nächtlicher Stunde auf einen Friedhof?

Foto 5: Der Vergangenheit entrissen
Wir haben den Tod so gut es geht verdrängt, aus unserem Bewusstsein, aus unserem Lebensraum. Gestorben wird heute viel in Altenheimen und Krankenhäusern, in Sterbezimmern und seltener zuhause.

Und Tote werden so schnell wie möglich aus der Welt der Lebenden entfernt, von tüchtigen Bestattungsunternehmern professionell – fast hätte ich formuliert – entsorgt. Sie werden bis zur Feuer-, See- oder Erdbestattung verwahrt. Selbst die in meiner Jugend noch häufig im Straßenbild zu sehenden Leichenwagen werden heute weitestgehend so neutral gehalten, dass schon gar nicht mehr auf den ersten oder zweiten Blick zu erkennen ist, wer da eine letzte irdische Reise angetreten hat. Aus Angst vor dem unausweichlichen Ende, das uns allen blüht, wollen wir in einer Zeit wachsenden Jugendwahns möglichst gar nicht mehr an das Ende allen Lebens erinnert werden, schon gar nicht des eigenen.

Ich habe mir viele Jahre überlegt, ob ich meine so ganz persönlichen Eindrücke, die ich an Stätten des Todes gewonnen habe, lieber verschweige. Zeitweise trug ich mich mit dem Gedanken, in einem letzten Buch über diese »letzten Dinge« zu schreiben. So lang will ich nicht warten. Ich will stattdessen versuchen, so gut ich kann zu berichten – über meine Eindrücke im Umfeld der mysteriösesten Pyramiden unseres Planeten.

Foto 6: Da gruselt's gewaltig...

H.P. Lovecraft schildert schaurig schön (s)eine »Stadt ohne Namen«. Seine einleitenden Worte kamen mir immer wieder in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, um Pyramiden aufzusuchen, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt – und ich zitiere die wunderbare Version des FESTA-Verlags (1):


Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.«

Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (2) »Verfallen und stumm« sind auch einst kolossale Pyramiden in Peru. Und auch in Peru gibt es Mauern, die im Boden zu versinken scheinen, die auf geheimnisvolle Weise zerfließen und formlos werden. Monstermauern von einst sind kaum mehr von natürlichen Formationen zu unterscheiden. Und überall gibt es Hinweise auf Mumien, die von Grabräubern ans Tageslicht gezerrt und gefleddert wurden. Da liegen bleiche Knochen im Sand, da weht der Wind Stofffetzen umher, die einst zu Mumienhüllen gehört haben.

Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken
Einige Einheimische erzählten mir von Phänomenen, die man als Spukerscheinungen bezeichnen könnte. Ein katholischer Priester meinte: »Viele würden um nichts in der Welt die Region der verfluchten Pyramiden betreten, aus Angst vor den Toten! Die Grabräuber, so wird gemunkelt, haben die lebend Begrabenen wieder in unsere Welt gebracht. Wer sie nachts besucht, muss ihren Zorn fürchten!«

Fußnoten

1) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 1-5 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
Sehr empfehlenswert sind auch die eBook-Ausgaben von H.P. Lovecrafts
»Chronik des Cthulhu-Mythos 1« und »Chronik des Cthulhu-Mythos 2«, jeweils mit einem Vorwort und Erläuterungen des führenden Lovecraft-Experten Deutschlands Marco Frenschkowski. Band 1 enthält Lovecrafts »Stadt ohne Nehmen«, Originaltitel »The Nameless City«.
Beide Bücher sind auch als Print-Ausgaben im Festa-Verlag erschienen.
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen, Zeilen 15 und 16 von unten



Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft


Zu den Fotos 

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eine der Monstermauern - zur Unkenntlichkeit verwaschen.... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Eine uralte Mosntermauer...Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Gruselig. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Vergangenheit entrissen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Da gruselt's gewaltig... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft, Foto Walter-Jörg Langbein

 
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft


390 »Im Tal der 300 Pyramiden«,
Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 9.7.2017



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