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Sonntag, 5. August 2018

446 »Bleierne Zeit über einer Wüste des Todes«

Teil 446 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Pyramiden von Sipán könnten auch ...

Bei meinen Besuchen erlebte ich Pachacamac wie die Kulisse einer Verfilmung einer Erzählung von H.P. Lovecraft. Howard Philips Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war laut »Wikipedia« ein »amerikanischer Schriftsteller.« Weiter heißt es: »Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.« Ich schätze die Werke von H.P. Lovecraft sehr, einfühlsam und überzeugend beschreibt er eine »Stadt ohne Namen«. Lovecrafts einleitenden Worte kamen mir auf so mancher Reise in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, etwa als ich die Pyramiden Sipán und Túcume besuchte, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt,und ich zitiere hier noch einmal die wunderbare Version des FESTA-Verlags (1):

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.«

Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (2) »Verfallen und stumm« sind heute die einst kolossalen Pyramiden in Peru. Sie wirken auf mich als wären sie im Verlauf von Jahrtausenden geschmolzen und hätten ihre Konturen verloren. Der Prozess scheint unaufhaltbar zu sein. Auch heute noch, so kam es mir vor, versinken Mauerreste im Boden. Stein für Stein werden sie vom Erdreich verschlungen, gierig und doch langsam. Diese Mauern sind kaum noch von natürlichen Formationen zu unterscheiden.

Foto 2... in Pachacamac stehen.

In Pachacamac scheint dieser Prozess in Urzeiten seinen Anfang genommen zu haben. Der Verfall ist weiter fortgeschritten als in Sipán und Túcume. Über Mauerresten, über einzelnen undefinierbaren Brocken aus Mauerwerk und einer schier unendlichen Wüste des Todes hängt scheinbar greifbar die bleischwere Zeit. Oder ist die Zeit irgendwann einmal stehengeblieben? Pachacamac liegt, so habe ich das empfunden, in einer Wüste des Todes. Und genau so hat es Ephraim George Squier vor 150 Jahren empfunden.

Pachacamac wirkt sehr viel älter als es ist.  Wäre Pachacamac von einem Filmemacher erfunden und als Kulisse errichtet worden, dann könnten dort Szenen gedreht werden, die auf einem fernen Planeten spielen. Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (1) »Verfallen und stumm« sind heute die einst kolossalen Pyramiden von Séchin und Túcume in Peru. Sie wirken auf mich als wären sie im Verlauf von Jahrtausenden geschmolzen und hätten ihre Konturen verloren. Der Prozess scheint unaufhaltbar zu sein. Auch heute noch, so kommt es mir vor, versinken Mauerreste im Boden. Stein für Stein werden sie vom Erdreich verschlungen, gierig und doch langsam. Diese Mauern sind kaum noch von natürlichen Formationen zu unterscheiden.

Foto 3: Die Tucúme-Pyramiden würden auch nach Pachacamac passen.

Pachacamac wirkt sehr viel älter als es ist. Oder zeitlos, wie eine uralte Ruine auf dem Mars. Wäre Pachacamac von einem Filmemacher erfunden und als Kulisse errichtet worden, dann könnten dort Szenen gedreht werden, die auf einem fernen Planeten spielen. Man würde den Kulissenbauern zur Umsetzung einer düsteren Fantasie gratulieren, zur real erscheinenden Unwirklichkeit.
Aber Pachacamac ist real, keine Fiktion.

Der Gesamtkomplex von Pachacamac bestand aus Terrassen und Tempeln. Terrassen und Tempel bildeten eine komplexe »Pyramide«, wobei die einzelnen Bestandteile der Pyramide aus unterschiedlichen Epochen stammen. Es gibt Grabanlagen, die älter sind als die Tempel und Terrassen. Mauern und Terrassen wurden über den Gräbern errichtet. Ja es muss bereits ein Friedhof vorhanden gewesen sein, als sakrale Bauten darüber gesetzt wurden.

Die ältesten Gebäude wurden vor dem Auftauchen der Inkas aus Lehmziegeln gebaut. Als die verbrecherischen »Eroberer« einfielen, da war die mysteriöse Stadt bereits über ein Jahrtausend alt. Erstaunlich gut erhalten waren bunte Fischfresken aus der Zeit vom 200 bis 500 n.Chr. Sie zeigen Fischmotive. Die ältesten Tempel wurden bereits um 200 n.Chr. gebaut.

Foto 4: Mauerreste von Pachacamac

Die Menschen der »Lima-Kultur« ließen kleine Lehmziegel an der Sonne hart werden. Dann verbauten sie die »adobitos« zu Mauern. Zur gleichen Zeit entstanden zumindest einige der berühmten Linien von Nazca.Um 650 n.Chr. nutzen die Wari das Kultzentrum, nicht nur als Zentrum für religiöse Zeremonien, sondern sie bauten auch Gebäude der weltlichen Art, für »Verwaltungsbeamte«. Mit der Andenregion trieb man Handel. Neue Gebäude wurden kaum gebaut, es wurden hauptsächlich alte Gebäude erweitert. Die Stadt wuchs und wuchs. In jener Zeit entstand der »Templo Pintado«, der »Bemalte Tempel«, von dem massive Fundamente anno 1939 von Dr. Alberto Giesecke ausgegraben wurden. Ab 1200 n.Chr. machten sich die Menschen der »Ichma- Kultur« in Pachacamac breit. Um 1450 n.Chr. kamen die Inkas, ließen die Menschen ihren Glauben und erweiterten Pachacamac um den Sonnentempel. Die Spanier fielen 1532 ein. Das bedeutete das endgültige Ende für das einst so blühende Zentrum Pachacamac.

Foto 5:  Francisco Pizarros protziges Grab in Lima.

Francisco Pizarro (* 1476 oder 1478; †1541) hatte ein ungeheures Lösegeld für Inkaherrscher Atahualpa (geboren um 1500, ermordet am 26. Juli 1533 in Cajamarca) gefordert. Obwohl unvorstellbare Mengen an Gold und Silber aus dem gesamten Inkareich herbei geschafft wurden, obwohl ganze Karawanen wahre Reichtümer brachten, wollte der unersättliche Pizarro noch immer mehr. Da Francisco Pizarro von gewaltigen Goldschätzen in Pachacamac gehört hatte, schickte er seinen Bruder (Halbruder?) Hernando Pizarro y de Vargas los, der auch das Gold und Silber der Tempel von Pachacamac als Lösegeld einfordern sollte. Von Hernando Pizarro y de Vargas  wissen wir nicht, wann er geboren wurde. Er starb im Jahre 1578 »hochbetagt«, als einziger der Pizarrobrüder friedlich.

Als Hernando Pizarro y de Vargas  in Pachacamac eintraf, war schon ein Teil des Tempelkomplexes verfallen. Von der gewaltigen Mauer, die einst die gesamte Tempelanlage geschützt hatte, war so gut wie nichts mehr zu sehen. Sie ist wohl schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts eingestürzt. In wieweit die Spanier die heiligen Gebäude der Inkas und deren Vorgänger verwüsteten, das lässt sich nicht mehr wirklich genau feststellen. Im Verlauf des folgenden halben Jahrtausends verschwand ein Großteil der einstmals so beeindruckenden Kultanlage.

Mir kam es so vor, also ob in Pachacamac der Prozess des Zerfalls bereits in Urzeiten seinen Anfang genommen hat. Der Eindruck täuscht. Pachacamac ist seit Jahrhunderten, nicht seit Jahrtausenden vom Zahn der Zeit zerfressen worden. Sehr viel besser erhalten sind die rätselhaften Pyramiden von Sipán und Túcume.

Foto 6:  Signatur Francisco Pizarros.

Über Mauerresten und über einzelnen undefinierbaren Brocken aus Mauerwerk und schier unendlicher Wüste hängt fast greifbar die bleischwere Zeit. Oder ist die Zeit irgendwann einmal stehengeblieben? Bei meinen Besuchen erlebte ich Pachacamac wie die Kulisse einer Verfilmung einer Erzählung von H.P. Lovecraft. Howard Philips Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war, so steht es lapidar bei »Wikipedia«, ein »amerikanischer Schriftsteller.« Weiter heißt es: »Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.« Ich schätze die Werke von H.P. Lovecraft sehr, einfühlsam und überzeugend beschreibt er eine »Stadt ohne Namen«.

Lovecrafts einleitenden Worte kamen mir auf so mancher Reise in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, etwa als ich die Pyramiden Sipán und Túcume besuchte, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt, und ich zitiere hier noch einmal die wunderbare Version des FESTA-Verlags (2):

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.« Pachacamac liegt, so habe ich das empfunden, in einer Wüste des Todes. Das mag übertrieben pathetisch klingen, trifft aber den Sachverhalt genau. In Pachacamac herrscht eine bedrückende, oder soll ich sagen, erdrückende Stille. Etwas Unbeschreibliches, Schweres lastet auf dem riesigen Areal, besonders in unmittelbarer Umgebung der Ruinen. Und genau so hat es Ephraim George Squier vor 150 Jahren empfunden.

Foto 7: Zeichnerische Rekonstruktion Komplex Pachacamac

Ephraim George Squier schreibt (3): »Nichts kann die Kahlheit und Oede des Anblicks der Ruinen übertreffen, welche so still und leblos sind wie die von Palmyra. Kein lebendes Wesen ist zu sehen, ausgenommen vielleicht ein ein vereinzelter Kondor, der über dem verwitterten Tempel seine Kreise zieht; nichts ist zu hören auszer dem regelmäszigen Wellenschlage des Groszen Ozeans, der sich am Fusze der Erhöhung bricht, auf welcher der Tempel stand. Esa ist hier ein Ort des Todes, nicht nur wegen seines Schweigens und seiner Unfruchtbarkeit, sondern auch als Begräbnisstätte vieler Tausende der alten Bewohner. Zu Pachacamac scheint der Raum um den Tempel herum ein einziger groszer Friedhof gewesen zu sein. Man grabe nur irgendwo in den trockenen, salpeterhaltigen Sand hinein und man wird auf sogenannte Mumien stoszen, die aber wirklich die ausgetrockneten Leichen der alten Zeit sind.«

Foto 8: Grundriss Pachacamac (um 1883)

Irgendwie ist Pachacamac, nachdem die einst bombastischen Tempelkomplexe weitestgehend verschwunden waren, in der Zeit hängen geblieben. In der Einöde fiel mir jeder Schritt schwer. Jeder Atemzug erinnerte eher an Hölle als an Paradies. Und in der Wüste des Todes ruhen noch unzählige Tote. Sie sind inzwischen längst ausgedörrt. Wie viele Tote mögen in unmittelbarer Nähe der Heiligtümer vergraben worden sein? Für wie viele Tote mögen Grabkammern geschaffen worden sein. Wie vielen Tote in Grabkammern bekamen Reichtümer mitgegeben? Und wie viel Gold- und Silber aus den Tempelheiligtümern konnte vor den Spaniern in Sicherheit gebracht werden?

Fußnoten
(1) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 15 und 16 von unten. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
(2) Ebenda, Zeilen 1-5 von oben.
(3) Squier, Ephraim George: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883, Seite 84 unten  und Seite 85 oben (Rechtschreibung unverändert von Squier übernommen. Man beachte: das »scharfe s« wird stets als »sz« geschrieben. Noch in meiner Jugend bezeichnete man das »scharfe s« auch als »sz«. Die Älteren werden sich noch erinnern.)
(4) ebenda, Seite 85 unten

Zu den Fotos
Foto 1: Die Pyramiden von Sipán ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: ...könnten auch in Pachacamac stehen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Tucúme-Pyramiden würden auch nach Pachacamac passen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mauerreste von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5:  Francisco Pizarros protziges Grab in Lima. Foto wikimedia commons/ sandro Heinze
Foto 6:  Signatur Francisco Pizarros. Foto wikimedia commons/ maksim 
Foto 7: Zeichnerische Rekonstruktion Komplex Pachacamac (um 1883). Archiv Langbein
Foto 8: Grundriss Pachacamac (um 1883). Archiv Langbein

447 »Wo liegt der Nabel der Welt?«,
Teil 447 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12.08.2018

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Sonntag, 9. Februar 2014

212 »Der ›Inka-Tempel‹ und Maria«

Teil 212 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Hinweis auf das Geheimnis von Otuzco.
Foto Walter-Jörg Langbein

Otuzco, Peru. Die mysteriöse Stätte liegt 8 Kilometer nordöstlich von Cajamarca. Wer von guter Kondition ist, kann von Cajamarca aus zu Fuß gehen. Einheimische weisen dem Wanderer gern den Weg. Aber Vorsicht ist geboten: Der Ort Otuzco liegt 2641 Meter über Normalnull. Die Kultstätte gar bei 2850 Metern über Null. Der in jedem Hotel, in jeder Pension, in Supermärkten, aber auch auf Märkten angebotene Mate-Tee hilft, mit der dünnen Luft der Anden besser zurecht zu kommen.

Löcher in der Felswand. Foto Walter-Jörg Langbein

Plötzlich stehen wir vor der eigenartigen Struktur. Die Felswand erinnert an eine Bienenwabe aus Stein. Bienen bauen ein Wabengebilde aus Wachs. Wie von einer Maschine gestanzt sehen die kleinen sechseckigen Zellen aus, in denen die fleißigen Bienen Honig und Pollen lagern, aber auch Bienenlarven aufziehen. Mit Honig gefüllte Zellen werden mit einer Wachsschicht verschlossen. Im Winter wollen sich die Bienen von ihrem Honig ernähren. Um an den Honig der Bienen zu kommen, entfernt der Imker diese Wachsschicht wieder...

Die Löcher in der Felswand erinnern mich an geöffnete Zellen einer Bienenwabe... aus Stein! Die mysteriöse Stätte trägt den Namen »Ventallias de Otuzco«, »Fenster von Otuzco«. Was verbirgt sich hinter den unzähligen kleinen Fenstern? Das heißt: Was befand sich einst hinter den Fenstern? »Die Inkas haben ihre Toten hier bestattet!«, heißt es. Das ist mehr als unwahrscheinlich. Warum sollten die Inkas nur bei Otuzco und Combayo (auch von Cajamarca gut zu erreichen) derartige Nekropolen geschaffen haben?

Ein Archäologe vor Ort berichtete mir von einer lokalen Überlieferung. Demnach fanden die Inkas die Fenster von Otuzco bereits vor. Sie enthielten Tote. Die Inkas, so heißt es weiter, holten die Leichname aus ihren Gräbern und funktionierten die  Begräbnisstätten um, in »collcas« (Quechua-Sprache)... als Lagerräume für Getreide.

Fenster, Fenster.. Höhleneingänge..
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Fenster  sind in der Regel rechteckig, manchmal quadratisch und haben eine Höhe von 50 bis 60 Zentimetern. Hinter den Fenstern schließen sich höhlenartige Räume an. Manche sind vergleichbar mit kleinen Zimmern, in die Tageslicht fällt. Andere sind geradezu unheimliche, schlauchartige, acht bis elf Meter lange Gänge. Welchem Zweck sie auch immer dienten: Als Getreidespeicher wie als Grabstätten waren die langen Gänge denkbar ungeeignet. Auch halte ich es für mehr als unwahrscheinlich, dass die Inkas just dort Getreide lagerten, wo zuvor Tote verwesten.

Einigkeit scheint inzwischen weitgehend in einem Punkt zu herrschen, nämlich dass die »Fenster« mit anschließenden »Räumen«, »Röhren« oder »Gängen« zu Zeiten der Inkas schon längst bestanden haben. Wer hackte die Zimmer, wer trieb die mysteriösen Tunnel in das nicht sonderlich harte Vulkangestein? Und warum? Die kleinen Räume sind sowohl als Krypten wie als Lager vorstellbar. Welchem Zweck aber dienten die Gänge, die nicht begehbar waren wegen ihrer geringen Höhe und Breite?

Es ist nicht schwer, Vulkangestein zu bearbeiten. Man kann mit einfachen Werkzeugen Gänge oder Räume anlegen. Mühsamer ist es allerdings eine Röhre von beispielsweise 60 mal 60 Zentimetern zehn Meter weit in weichem Gestein anzulegen. Dabei müssen die Bergleute auf dem Bauch liegend geschuftet haben. Je tiefer sie vordrangen, desto mühsamer wurde der Abtransport des herausgebrochenen Materials ins Freie, von der Luftzufuhr für die malochenden Arbeiter ganz zu schweigen. Und zu welchem Zweck schufteten sie?

Bizarre Felslandschaften säumen unseren Weg.
Foto Walter-Jörg Langbein

Mich erinnern diese mysteriösen Gänge an ganz ähnliche Anlagen in Deutschland, zum Beispiel in Bayern, an die sogenannten Schratzelhöhlen.

Ich selbst war vor Ort in Otuzco. Die zimmergroßen Räume waren überhaupt nicht spektakulär. Meine Neugier, eine der Röhren zu erkunden, war eigentlich groß, zumal nach örtlichen Überlieferungen der mutige Forscher auf ein weit verzweigtes Tunnelsystem stoßen soll, das viele Kilometer weiter zu uralten Kultstätten führen soll.

Mein Interesse war aber doch nicht groß genug, tatsächlich durch eines der »Fenster« zu kriechen. Vor Feuchtigkeit hätte ich mich nicht fürchten müssen. Ein Archäologe versicherte mir, dass die Erbauer der Anlage Rinnen in den Gängen angebracht haben. So wurden sie selbst bei starken Regenschauern nicht überschwemmt und blieben trocken. Dennoch verzichtete ich auf eine Erkundung. Die Vorstellung, bäuchlings zehn Meter weiter ins Ungewisse zu krabbeln, fand ich schon bedenklich, von der Rückkehr ans Tageslicht ganz zu schweigen.

»Wenn sie eine plausibel scheinende Erklärung suchen...«, schlug mir ein Archäologe vor Ort vor, »dann nennen Sie doch die Anlage in ihrer Gesamtheit einfach ›Inkatempel‹!« Ob ich ihn denn mit diesem Vorschlag namentlich zitieren dürfe. Der studierte Mann winkte lachend ab. »Nur das nicht! Vielleicht nutzten die Inkas tatsächlich Räume und Gänge zu kultischen Zwecken, wer weiß. Die ganze Gegend hier scheint so etwas wie heiliges Gebiet gewesen zu sein. Schon lange vor den Inkas.« Dank der konkreten Anweisungen des Archäologen und unserer beiden Führer kamen wir dann zu einer mysteriösen Höhle... nach einiger Anstrengung.


Unser Ziel: Eine »Zyklopenhöhle«.
Foto Walter-Jörg Langbein


Der Fußweg in scheinbar immer dünner werdender Luft führte uns durch eine bizarr anmutende, karge Gebirgslandschaft. Bald erspähten wir in der einen Vulkankegel.. unser Ziel. Der Vulkanstumpf wies einen Eingang auf, der ein wenig an die Höhle des Polyphem in der griechischen Odysseus-Sagenwelt erinnert. Die Hohle selbst diente kultischen Zwecken. Leider haben »kultivierte« Besucher aus der »zivilisierten« Welt Namen und sonstige Inschriften in die Höhlenwand kratzen müssen, wobei sei uralte Kunstwerke vollkommen zerstörten.


Im Inneren der Kulthöhle. Foto Walter-Jörg Langbein

Der Boden der Höhle wurde ganz offensichtlich penibel geglättet. Nischen wurden in den Wänden angebracht, in denen einst Statuetten gestanden haben mögen. Von »Muttergöttinnen« sprach der Archäologe vor Ort.

Der »gehörnte Teufel mit Schwanz«.
Foto Walter-Jörg Langbein

Halbwegs zu erkennen ist noch die Darstellung einer unheimlich wirkenden Gestalt, die womöglich vor Jahrtausenden an die Höhlenwand gemalt wurde.... Das Wesen kann aus christlicher Sicht als »gehörnter Teufel« mit Schwanz gesehen werden.

Wie lange Otuzco ein Zentrum auch von religiöser Bedeutung war? Wir wissen es nicht. Ob in der Höhle wirklich Muttergöttinnen verehrt wurden? Wir wissen es nicht. Es ist aber nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Weltweit ist zu beobachten, dass das Christentum just dort bedeutende Kirchen errichtete, wo zuvor heidnische Kulte betrieben wurden.

Abschied vom mysteriösen Otuzco. Foto: Walter-Jörg Langbein


Nach Otuzco -10 000 Einwohner – strömen am 15. Dezember Jahr für Jahr 100 000 gläubige Katholiken, um die »Virgen de la Puerta«  (»Jungfrau vor der Tür«) zu ehren! Otuzco ist das bedeutendste Marienheiligtums Nordperus. Angeblich tauchten anno 1674 Piraten vor Trujillo auf und plünderten einen Ort nach dem andern. Auch Otuzco war bedroht. Die Katholiken von Otuzco aber – so wird überliefert – stellten ihre Marienstatue vor das Stadttor. Die Piraten verzichteten darauf, Otuzco einzunehmen und zogen ab. Seither wird am 15. Dezember das große Fest der Maria von Otuzco zelebriert.

In einer Prozession wird die verehrte Statue der Gottesmutter durch die Straßen getragen. An den übrigen Tagen im Jahr befindet sich die Gottesmutterfigur aber nicht in der Kirche, sondern in einer Art Glasschrein außerhalb des Gebäudes auf einem Balkon. So können die Gläubigen jederzeit einen Blick auf ihre »Mamita« werfen. Ratsuchende bitten die stets prächtig gekleidete Marienfigur um Hilfe. Vor wichtigen Entscheidungen wenden sie sich an »Mamita« und glauben aus ihren Augen eine Antwort ablesen zu können.

»Virgen de la Puerta«. Foto gemeinfrei
Wie mag der Kult um die »Virgen de la Puerta« entstanden sein? Ob es die plündernden Piraten wirklich gegeben hat? Historisch verbürgt ist die Legende nicht.

Die Erzdiözese Freiburg ist mit der Kirche von Otuzco partnerschaftlich verbunden. Reinhold Nann, Freiburger Diözesenpriester, Pfarrer von Trujillo, geht davon aus, dass mit der Christianisierung in Peru ein Wechsel stattgefunden hat. Die von den »Heiden« verehrte Muttergöttin Pacha Mama wurde durch »Virgen de la Puerta« ersetzt. So sollte den Nachkommen der Inka der Wechsel zum Christentum erleichtert, die alte Religion mit Pacha Mama vergessen werden.







213. Phallus und Göttin
Teil 213 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 16.02.2014



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