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Sonntag, 5. August 2018

446 »Bleierne Zeit über einer Wüste des Todes«

Teil 446 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Pyramiden von Sipán könnten auch ...

Bei meinen Besuchen erlebte ich Pachacamac wie die Kulisse einer Verfilmung einer Erzählung von H.P. Lovecraft. Howard Philips Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war laut »Wikipedia« ein »amerikanischer Schriftsteller.« Weiter heißt es: »Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.« Ich schätze die Werke von H.P. Lovecraft sehr, einfühlsam und überzeugend beschreibt er eine »Stadt ohne Namen«. Lovecrafts einleitenden Worte kamen mir auf so mancher Reise in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, etwa als ich die Pyramiden Sipán und Túcume besuchte, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt,und ich zitiere hier noch einmal die wunderbare Version des FESTA-Verlags (1):

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.«

Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (2) »Verfallen und stumm« sind heute die einst kolossalen Pyramiden in Peru. Sie wirken auf mich als wären sie im Verlauf von Jahrtausenden geschmolzen und hätten ihre Konturen verloren. Der Prozess scheint unaufhaltbar zu sein. Auch heute noch, so kam es mir vor, versinken Mauerreste im Boden. Stein für Stein werden sie vom Erdreich verschlungen, gierig und doch langsam. Diese Mauern sind kaum noch von natürlichen Formationen zu unterscheiden.

Foto 2... in Pachacamac stehen.

In Pachacamac scheint dieser Prozess in Urzeiten seinen Anfang genommen zu haben. Der Verfall ist weiter fortgeschritten als in Sipán und Túcume. Über Mauerresten, über einzelnen undefinierbaren Brocken aus Mauerwerk und einer schier unendlichen Wüste des Todes hängt scheinbar greifbar die bleischwere Zeit. Oder ist die Zeit irgendwann einmal stehengeblieben? Pachacamac liegt, so habe ich das empfunden, in einer Wüste des Todes. Und genau so hat es Ephraim George Squier vor 150 Jahren empfunden.

Pachacamac wirkt sehr viel älter als es ist.  Wäre Pachacamac von einem Filmemacher erfunden und als Kulisse errichtet worden, dann könnten dort Szenen gedreht werden, die auf einem fernen Planeten spielen. Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (1) »Verfallen und stumm« sind heute die einst kolossalen Pyramiden von Séchin und Túcume in Peru. Sie wirken auf mich als wären sie im Verlauf von Jahrtausenden geschmolzen und hätten ihre Konturen verloren. Der Prozess scheint unaufhaltbar zu sein. Auch heute noch, so kommt es mir vor, versinken Mauerreste im Boden. Stein für Stein werden sie vom Erdreich verschlungen, gierig und doch langsam. Diese Mauern sind kaum noch von natürlichen Formationen zu unterscheiden.

Foto 3: Die Tucúme-Pyramiden würden auch nach Pachacamac passen.

Pachacamac wirkt sehr viel älter als es ist. Oder zeitlos, wie eine uralte Ruine auf dem Mars. Wäre Pachacamac von einem Filmemacher erfunden und als Kulisse errichtet worden, dann könnten dort Szenen gedreht werden, die auf einem fernen Planeten spielen. Man würde den Kulissenbauern zur Umsetzung einer düsteren Fantasie gratulieren, zur real erscheinenden Unwirklichkeit.
Aber Pachacamac ist real, keine Fiktion.

Der Gesamtkomplex von Pachacamac bestand aus Terrassen und Tempeln. Terrassen und Tempel bildeten eine komplexe »Pyramide«, wobei die einzelnen Bestandteile der Pyramide aus unterschiedlichen Epochen stammen. Es gibt Grabanlagen, die älter sind als die Tempel und Terrassen. Mauern und Terrassen wurden über den Gräbern errichtet. Ja es muss bereits ein Friedhof vorhanden gewesen sein, als sakrale Bauten darüber gesetzt wurden.

Die ältesten Gebäude wurden vor dem Auftauchen der Inkas aus Lehmziegeln gebaut. Als die verbrecherischen »Eroberer« einfielen, da war die mysteriöse Stadt bereits über ein Jahrtausend alt. Erstaunlich gut erhalten waren bunte Fischfresken aus der Zeit vom 200 bis 500 n.Chr. Sie zeigen Fischmotive. Die ältesten Tempel wurden bereits um 200 n.Chr. gebaut.

Foto 4: Mauerreste von Pachacamac

Die Menschen der »Lima-Kultur« ließen kleine Lehmziegel an der Sonne hart werden. Dann verbauten sie die »adobitos« zu Mauern. Zur gleichen Zeit entstanden zumindest einige der berühmten Linien von Nazca.Um 650 n.Chr. nutzen die Wari das Kultzentrum, nicht nur als Zentrum für religiöse Zeremonien, sondern sie bauten auch Gebäude der weltlichen Art, für »Verwaltungsbeamte«. Mit der Andenregion trieb man Handel. Neue Gebäude wurden kaum gebaut, es wurden hauptsächlich alte Gebäude erweitert. Die Stadt wuchs und wuchs. In jener Zeit entstand der »Templo Pintado«, der »Bemalte Tempel«, von dem massive Fundamente anno 1939 von Dr. Alberto Giesecke ausgegraben wurden. Ab 1200 n.Chr. machten sich die Menschen der »Ichma- Kultur« in Pachacamac breit. Um 1450 n.Chr. kamen die Inkas, ließen die Menschen ihren Glauben und erweiterten Pachacamac um den Sonnentempel. Die Spanier fielen 1532 ein. Das bedeutete das endgültige Ende für das einst so blühende Zentrum Pachacamac.

Foto 5:  Francisco Pizarros protziges Grab in Lima.

Francisco Pizarro (* 1476 oder 1478; †1541) hatte ein ungeheures Lösegeld für Inkaherrscher Atahualpa (geboren um 1500, ermordet am 26. Juli 1533 in Cajamarca) gefordert. Obwohl unvorstellbare Mengen an Gold und Silber aus dem gesamten Inkareich herbei geschafft wurden, obwohl ganze Karawanen wahre Reichtümer brachten, wollte der unersättliche Pizarro noch immer mehr. Da Francisco Pizarro von gewaltigen Goldschätzen in Pachacamac gehört hatte, schickte er seinen Bruder (Halbruder?) Hernando Pizarro y de Vargas los, der auch das Gold und Silber der Tempel von Pachacamac als Lösegeld einfordern sollte. Von Hernando Pizarro y de Vargas  wissen wir nicht, wann er geboren wurde. Er starb im Jahre 1578 »hochbetagt«, als einziger der Pizarrobrüder friedlich.

Als Hernando Pizarro y de Vargas  in Pachacamac eintraf, war schon ein Teil des Tempelkomplexes verfallen. Von der gewaltigen Mauer, die einst die gesamte Tempelanlage geschützt hatte, war so gut wie nichts mehr zu sehen. Sie ist wohl schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts eingestürzt. In wieweit die Spanier die heiligen Gebäude der Inkas und deren Vorgänger verwüsteten, das lässt sich nicht mehr wirklich genau feststellen. Im Verlauf des folgenden halben Jahrtausends verschwand ein Großteil der einstmals so beeindruckenden Kultanlage.

Mir kam es so vor, also ob in Pachacamac der Prozess des Zerfalls bereits in Urzeiten seinen Anfang genommen hat. Der Eindruck täuscht. Pachacamac ist seit Jahrhunderten, nicht seit Jahrtausenden vom Zahn der Zeit zerfressen worden. Sehr viel besser erhalten sind die rätselhaften Pyramiden von Sipán und Túcume.

Foto 6:  Signatur Francisco Pizarros.

Über Mauerresten und über einzelnen undefinierbaren Brocken aus Mauerwerk und schier unendlicher Wüste hängt fast greifbar die bleischwere Zeit. Oder ist die Zeit irgendwann einmal stehengeblieben? Bei meinen Besuchen erlebte ich Pachacamac wie die Kulisse einer Verfilmung einer Erzählung von H.P. Lovecraft. Howard Philips Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war, so steht es lapidar bei »Wikipedia«, ein »amerikanischer Schriftsteller.« Weiter heißt es: »Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.« Ich schätze die Werke von H.P. Lovecraft sehr, einfühlsam und überzeugend beschreibt er eine »Stadt ohne Namen«.

Lovecrafts einleitenden Worte kamen mir auf so mancher Reise in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, etwa als ich die Pyramiden Sipán und Túcume besuchte, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt, und ich zitiere hier noch einmal die wunderbare Version des FESTA-Verlags (2):

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.« Pachacamac liegt, so habe ich das empfunden, in einer Wüste des Todes. Das mag übertrieben pathetisch klingen, trifft aber den Sachverhalt genau. In Pachacamac herrscht eine bedrückende, oder soll ich sagen, erdrückende Stille. Etwas Unbeschreibliches, Schweres lastet auf dem riesigen Areal, besonders in unmittelbarer Umgebung der Ruinen. Und genau so hat es Ephraim George Squier vor 150 Jahren empfunden.

Foto 7: Zeichnerische Rekonstruktion Komplex Pachacamac

Ephraim George Squier schreibt (3): »Nichts kann die Kahlheit und Oede des Anblicks der Ruinen übertreffen, welche so still und leblos sind wie die von Palmyra. Kein lebendes Wesen ist zu sehen, ausgenommen vielleicht ein ein vereinzelter Kondor, der über dem verwitterten Tempel seine Kreise zieht; nichts ist zu hören auszer dem regelmäszigen Wellenschlage des Groszen Ozeans, der sich am Fusze der Erhöhung bricht, auf welcher der Tempel stand. Esa ist hier ein Ort des Todes, nicht nur wegen seines Schweigens und seiner Unfruchtbarkeit, sondern auch als Begräbnisstätte vieler Tausende der alten Bewohner. Zu Pachacamac scheint der Raum um den Tempel herum ein einziger groszer Friedhof gewesen zu sein. Man grabe nur irgendwo in den trockenen, salpeterhaltigen Sand hinein und man wird auf sogenannte Mumien stoszen, die aber wirklich die ausgetrockneten Leichen der alten Zeit sind.«

Foto 8: Grundriss Pachacamac (um 1883)

Irgendwie ist Pachacamac, nachdem die einst bombastischen Tempelkomplexe weitestgehend verschwunden waren, in der Zeit hängen geblieben. In der Einöde fiel mir jeder Schritt schwer. Jeder Atemzug erinnerte eher an Hölle als an Paradies. Und in der Wüste des Todes ruhen noch unzählige Tote. Sie sind inzwischen längst ausgedörrt. Wie viele Tote mögen in unmittelbarer Nähe der Heiligtümer vergraben worden sein? Für wie viele Tote mögen Grabkammern geschaffen worden sein. Wie vielen Tote in Grabkammern bekamen Reichtümer mitgegeben? Und wie viel Gold- und Silber aus den Tempelheiligtümern konnte vor den Spaniern in Sicherheit gebracht werden?

Fußnoten
(1) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 15 und 16 von unten. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
(2) Ebenda, Zeilen 1-5 von oben.
(3) Squier, Ephraim George: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883, Seite 84 unten  und Seite 85 oben (Rechtschreibung unverändert von Squier übernommen. Man beachte: das »scharfe s« wird stets als »sz« geschrieben. Noch in meiner Jugend bezeichnete man das »scharfe s« auch als »sz«. Die Älteren werden sich noch erinnern.)
(4) ebenda, Seite 85 unten

Zu den Fotos
Foto 1: Die Pyramiden von Sipán ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: ...könnten auch in Pachacamac stehen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Tucúme-Pyramiden würden auch nach Pachacamac passen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mauerreste von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5:  Francisco Pizarros protziges Grab in Lima. Foto wikimedia commons/ sandro Heinze
Foto 6:  Signatur Francisco Pizarros. Foto wikimedia commons/ maksim 
Foto 7: Zeichnerische Rekonstruktion Komplex Pachacamac (um 1883). Archiv Langbein
Foto 8: Grundriss Pachacamac (um 1883). Archiv Langbein

447 »Wo liegt der Nabel der Welt?«,
Teil 447 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12.08.2018

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Sonntag, 29. Juli 2018

445 »Das Mekka Südamerikas«


Teil 445 der Serie 
»Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
von Walter-Jörg Langbein

Ich weiß, ich wiederhole mich: Angeblich wurden die Goldschätze Pachacamacs zum Großteil von den Inkas rechtzeitig vor den Spaniern in Sicherheit gebracht und im Wüstenboden von Pachacamac vergraben. Für die Inkas stand aber nicht der Goldwert ihrer sakralen Kunstwerke im Vordergrund, sondern deren tiefe religiöse Bedeutung. Die Spanier sahen nur Gold, Gold und Gold.

Fotos 1 und 2: Der Sonnentempel
Ob die plündernden Spanier auch goldene Statuen der Göttin Pachamama im Heiligtum von Pachacamac vorfanden? Wenn ja, dann haben sie sie eingeschmolzen und in Barrenform nach Europa geschickt. Heute gibt es keine einzige Darstellung der Göttin aus Inka- oder gar Vorinkazeiten mehr. Und die kleinen Püppchen, die Touristen als »Pachamama« angeboten werden, sind moderne Fantasien, für die bei dummen Fremden Geld kassiert wird. Mit Paschamama, der »Mutter der Welt« oder der »Mutter des Kosmos« haben diese Püppchen nichts zu tun. Von einem Theologieprofessor, Fachbereich Kirchengeschichte, Universität von Erlangen, erhielt ich erstaunliche Hinweise, auch über das Aussehen von Pachamama, als ich mich auf eine Südamerikareise vorbereitete.

»Hüten Sie sich vor dieser satanischen Pachamama!«, warnte er mich mit drohender Stimme. »Die Heiden in Peru haben sie als weiblichen Drachen dargestellt! Sie wurde verehrt und angebetet. Sie war im Glauben dieser Heiden eine Fruchtbarkeitsgöttin, verantwortlich für Wachsen und Gedeihen, für Leben und Sterben. Das männliche Gegenstück war Pachacamac!«

In Machu Picchu, zu Deutsch »alter Gipfel«, sei die Göttin in einem »Höhlentempel« verehrt worden. Diesen »Höhlentempel« gibt es tatsächlich in Machu Picchu. Ich habe ihn, den Warnungen des Professors und einem Verbotsschild am Eingang zum Trotz dennoch besucht. Die »Höhle« wurde zweifelsohne mit großem Aufwand in den gewachsenen Stein geschlagen. Beeindruckend sind die glattpolierten Wände. Deutlich zu  erkennen sind mehrere in die Wände gemeißelte Nischen. Welchem Zweck sie wohl gedient haben mögen? Dazu gibt es nur Spekulationen. Vielleicht standen da einst Statuetten der Göttin? Ein Archäologe vor Ort äußerte sich sehr vorsichtig. Die »Höhle« könne durchaus der Pachamama geweiht gewesen sein.

Bei ersten Untersuchungen von fünfzig Grabstätten analysierte man über einhundert Skelette. Man kam zum Schluss, dass über 80 Prozent weiblich waren. Das könnte darauf hinweisen, dass es in Machu Picchu tatsächlich ein Heiligtum für eine Muttergöttin gegeben hat.

Foto 3: Machu Picchu

»Jungfrauen der Sonne«, so heißt es, hätten in Machu Picchu gehaust. Solche »Jungfrauen« lebten auf der Osterinsel in verliesartigen Höhlen. In Pachacamac gab es ein Gebäude für die »Jungfrauen der Sonne«. Fakt ist, dass bei den Inkas neben dem Sonnengott Inti die Göttin Pachamama verehrt und angebetet wurde. Wer aber herrschte zum Anbeginn der Zeit? War es Inti? Oder war es Pachamama? Pachamama war eine uralte Erdgöttin, zu der die Inkas inbrünstig beteten.

Für den Besuch in den Ruinen von Pachacamac ist wenig Zeit vorgesehen, zu wenig für meinen Geschmack. Also verzichte ich auf das Abendessen in Lima und fahre am späten Nachmittag wie Jahre zuvor mit dem Taxi zur faszinierenden Stätte. Im Hotel hat man mich vor einem Alleingang eindringlich gewarnt. »In der gottverlassenen Region da draußen müssen sie damit rechnen, überfallen zu werden. Und nicht nur das! Schnell ist man da als vermeintlich reicher Tourist erschlagen, ausgeraubt und irgendwo im Wüstenboden verscharrt!« Angeblich sehen sich manche Räuber als Rächer der Inkas, die von den spanischen Räubern gepeinigt, beraubt und ermordet wurden!«
Foto 4: Im »Höhlentempel«
Bei meinem ersten Besuch Jahre zuvor hatte ich zwei Kameras dabei. Die versagten aus mysteriösen Gründen. Bei meinem zweiten Besuch, wieder im Alleingang, verzichtete  auf meine beiden Kameras. Erst als ich mit einer Gruppe in den Ruinen unterwegs war machte ich Fotos und Dias. Auf meinen Reisen war ich deshalb meist mit zwei Kameras (Minolta) unterwegs. Lange Jahre fotografierte ich nach alter Väter Sitte analog. Eine Kamera war mit Diafilm, die andere mit Negativfilm bestückt. Erst sehr spät stieg ich auf digitale Fotografie (Nikon) um.

Ich muss zugeben: Die zum Teil drastischen Warnungen haben mich doch beeindruckt und verunsichert. Also verzichte ich bei meinem Alleingang auf meine Kamera. In der Brusttasche meines Hemdes hatte ich einen Fünfzigdollar-Schein. Falls ich überfallen werden sollte, so nahm ich mir vor, würde ich sofort und ungefragt das Geld aushändigen.

Zu einem Kontakt mit einem »Räuber« kam es nicht. Ich sichtete überhaupt nur einen einzelnen Menschen. Der beachtete mich gar nicht. Mit einem Vorschlaghammer trieb er eine Eisenstange in den Boden. Er holte immer wieder weit aus und ließ seinen Hammer auf das Ende der Stange sausen. Ich glaube, dass man das metallische »Kling« bei jedem Schlag weit hören konnte. Nach einiger Zeit rüttelte der Mann an der Stange, zerrte sie wieder heraus, ging einige Schritte weiter, um erneut den Metallstab wieder ins Erdreich zu treiben.

Ich vermute, dass es sich bei dem Mann nicht um einen Archäologen, sondern um einen potentiellen Grabräuber handelte. Offenbar war er auf der Suche nach Hohlräumen im Wüstenboden. Archäologen wie Grabräuber vermuten, dass es im Bereich der Ruinen von Pachacamac noch unberührte Grabkammern gibt. Mit seiner sicher etwas brachialen, aber letztlich sehr effektiven Methode hoffte der Mann wohl Grabkammern ausfindig zu machen.

Im Hotel versicherte man mir, dass bei illegalen Grabungen wiederholt mumifizierte Hunde im Areal von Pachacamac gefunden wurden. Nach der Meinung von örtlichen Sachkundigen wurden die fast perfekt konservierten Tiere im 15. Jahrhundert als Opfer für lokale Gottheiten bestattet. Das soll bei der Beerdigung bedeutsamer Persönlichkeiten geschehen sein. Man wollte auf diese Weise die Gottheiten positiv stimmen, ihnen die Toten besonders ans Herz legen. Das würde den Verstorbenen helfen, im Jenseits angenehmer zu leben. Seltsam ist, dass man, so wurde mir berichtet, zwar die Hundemumien ausgegraben hat, aber weder die sterblichen Überreste der Menschen, noch Grabbeigaben gefunden haben will.

Foto 5: Hier wurden mumifizierte Hunde gefunden

»BBC NEWS« berichtete im September 2006 über Ausgrabungen. Man hatte Gräber von Menschen vom Chiribaya-Volk entdeckt. Im Bericht heißt es (1): »Archäologen in Peru haben die mumifizierten Überreste von mehr als 40 Hunden freigelegt, die mit Decken und Futter neben ihren Herrchen begraben wurden.« Laut BBC gehen die Archäologen davon aus, dass die Chiribaya von einem Weiterleben nach dem Tode ausgingen, und zwar von Mensch und Hund. Ob dieser Entdeckung waren die Archäologen höchst erstaunt. Grabbeigaben für tote Hunde für ihr Leben nach dem Tode seien bislang nur aus Ägypten bekannt. Eine Verbindung zwischen Peru und Ägypten kann es nach offizieller Archäologie in vorkolumbischer Zeit aber nicht gegeben haben.

Direkt beim Heiligtum von Pachacamac wurden am 9. November 2010 sechs äußerst gut erhaltene mumifizierte Hunde bei Ausgrabungen im Wüstenboden gefunden. Sie stammen aus dem 15. Jahrhundert. Am 12. November 2013 wurde eine weitere Meldung lanciert (2): »Archäologen finden mehr als 100 mumifizierte Hunde in Peru«. Alter: fast ein Jahrtausend. Es scheint in Peru einen weit verbreiteten Brauch gegeben zu haben: Bestattung von Hunden, manchmal mit, manchmal ohne menschliche Begleitung.

Foto 6: Das »steinerne Tor« von Pachacamac
Zurück ins Heiligtum von Pachacamac, zu meiner Recherche vor Ort. Außer meinem Dollarschein hatte ich ein vergilbtes Foto dabei. Es zeigte eine Zeichnung, die zwischen 1850 und 1880 entstanden sein soll. Zu sehen war ein steinernes Tor, das sich irgendwo auf dem Areal von Pachacamac befinden soll. Meinen Rundgang startete ich am »Sonnentempel«. Weiter ging es zum »Mondtempel«.  Der »Sonnentempel« wurde, das scheint erwiesen zu sein, von den Inkas erbaut, und zwar an »heiliger Stätte«. Schon 600 bis 800 n.Chr. gab es hier ein Zentrum der Wari. Lange bevor die Inkas kamen, wurde ein Gott »Ychsma« verehrt. Aus der Wari-Zeit soll das seltsame »steinerne Tor« stammen. Angeblich wurde der Stein spiegelglatt poliert, wurde der Rahmen des Tors mit unglaublicher Präzision in den Stein gefräst.

Wo sich das Tor befinden soll, konnte ich bei meinen Vorbereitungen nicht eruieren. Auch in Lima befragte Archäologen zucken nur mit den Schultern, als ich ihnen das Foto zeige. Im Zentrum von Pachacamac jedenfalls sei so ein Tor nicht zu finden. »Aber das Umfeld ist riesig! Gut möglich, dass es da irgendwo so ein Tor gibt!« Oder das Tor wurde Ende des 19. Jahrhunderts zerschlagen, als man Schotter für den Straßenbau benötigte. Vielleicht wurde auch der Stein mit dem Tor im Ganzen irgendwo in ein modernes Gebäude integriert, vielleicht in eine Kirche.

»Mein« Tor habe ich nicht gefunden. Dafür habe ich einen Eindruck gewonnen, wie riesig allein schon das Heilige Zentrum war. Die Inkas respektierten die Religion der besiegten Wari. Sie ließen ihr Heiligtum unangetastet, errichteten aber zusätzliche Bauten: den »Sonnentempel« und das »Haus der Sonnenjungfrauen«. Pizarro ließ aus dem Heiligtum Pachacamacs zentnerwiese Gold schleppen, als Pachacamacs Anteil am Lösegeld für Atahualpa (geboren um 1500, ermordet am 26. Juli 1533 in Cajamarca). Über 7 Zentner sollen die filigranen Kunstwerke aus Gold gewogen haben, die die verbrecherischen Banden von Pizarro und Co. raubten. An sakralen Kunstwerken aus Silber wurden noch größere Mengen aus dem Heiligtum geraubt.

Foto 7: Der Mondtempel (Hof)

Ich begann meinen Erkundungsgang beim Mondtempel von Pachacamac, umrundete ihn in immer größer werdenden Kreisen. Vermutlich hatte ich auch ohne es zu ahnen die eine oder andere Grabkammer unter meinen Füßen. Im Frühsommer 2018 entdeckten Archäologen der »Université libre de Bruxelles« eine unversehrte Grabkammer mit intakter Mumie (3). Die Mumie, so frohlockten die Wissenschaftler enthusiasmiert, war außergewöhnlich gut erhalten. Der Tote wurde vor rund einem Jahrtausend in ein Tuch aus pflanzlichen Fasern, Textilien und Baumwolle gewickelt. Die unter vielen Lagen Stoff verborgene Leichnam soll nun genauestens untersucht werden. Dabei wollen die Wissenschaftler darauf verzichten, die Mumie auszuwickeln. Vielmehr soll das Mumienbündel so bleiben wie es ist und mit modernsten Methoden aus der Medizin, etwa mit Hilfe  der Computeraxialtomographie, durchleuchtet werden.

Foto 8: Diese Pyramide von Sipán könne auch in Pachacamac stehen

Ausgegraben hat man auch »Strukturen«, sprich Reste von Fundamenten von Gebäuden, die schon in der Vorinkazeit Pilger beherbergten, die die heiligen Stätten von Pachacamac besuchten. Ephraim George Squier beschreibt die altehrwürdige Ruinenstadt ausführlich in seinem Werk über Peru (4): 

»In alten Zeiten war Pachacamac das Mekka Südamerikas. Und die Verehrung des Schöpfers der Welt, die von hause aus rein war, bekleidete seinen Tempel mit solcher Heiligkeit, dass Pilger aus den entlegensten Stämmen her sich zu ihm hin begaben und unbelästigt durch Stämme wallfahren durften, mit denen sie gerade im Krieg sein mochten. Natürlich erhob sich allmählich um den alten und neuen Tempel eine große Stadt, welche Priester und Tempeldiener bewohnten, und welche ›tambos‹ oder Herbergen für die Pilger enthielt. Die Wüste  ist aber über die alte Stadt hereingebrochen und hat einen groszen Teil derselben samt Stücken ihrer Ringmauer unter Flugsand begraben.«

Ephraim George Squiers Werk erschien in englischer Sprache bereits 1877 (5) unter dem Titel »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, zu Deutsch etwa »Peru – Vorkommnisse und Untersuchungen im Land der Inkas«. Vor rund 150 Jahren war Ephraim George Squier vor Ort. In den folgenden Jahrzehnten kamen kaum Fremde nach Pachacamac, dabei lag es doch recht günstig quasi vor den Toren Limas. Doch man ist fest entschlossen, Pachacamac zu einer Touristenattraktion zu machen. Touristen sollen in möglichst großer Zahl den Sonnentempel der Inkas erkunden und auch sonst zwischen Mauerresten schlendern.

Foto 9: Auch diese Pyramide von Túcume passt zu Pachacamac.



Fußnoten
(1) Meldung »Mummified dogs uncovered in Peru«, »BBC News, Lima«,  23. September 2006, Quelle: http://news.bbc.co.uk/2/hi/americas/5374748.stm (Stand 18. Juni 2018)
(2) Meldung: »Archaeologists Find More Than 100 Mummified Dogs in Peru«, 12. November 2013, https://www.dogster.com/the-scoop/mummified-mummy-dogs-lima-peru (Stand 18. Juni 2018)
(3) Meldung:»Archaeologists discover a 1,000-year-old mummy in Peru«, 25. Mai 2018.Quelle: https://phys.org/news/2018-05-archaeologists-year-old-mummy-peru.html
(4) Squier, Ephraim George: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883, Seite 84 Mitte
(5) Squier, Ephraim George: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, New York 1877

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Der Sonnentempel bon Pachacamac. Beide Fotos: Ingeborg Diekmann.
Foto 3: Machu Picchu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Im »Höhlentempel«. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Hier wurden mumifizierte Hunde gefunden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Das »steinerne Tor« von Pachacamac. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Mondtempel (Hof). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Diese Pyramide von Sipán könne auch in Pachacamac stehen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Auch diese Pyramide von Túcume passt zu Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

446 »Bleierne Zeit über einer Wüste des Todes«,
Teil 446 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am
5. August 2018


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Sonntag, 6. August 2017

394 »Auf der Suche nach der ältesten Pyramide«

Teil  394 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Eine der Pyramiden von Sipan.

»Es ist sehr, sehr lange her. Es geschah in uralten Zeiten, die so lange her sind, dass man es gar nicht ausdrücken kann, wie lange das Geschehen zurückliegt in der ältesten Vergangenheit. Und da kam einer, ein Familienoberhaupt, ein großer, ein wahrer Held, ein Mann mit edelsten Eigenschaften. Er kam aus dem Norden. Er kam mit seinem Gefolge, mit wackeren Helden, mit seiner Frau Cheterni. Cheterni war seine Hauptfrau. Mit ihm kamen aber zahlreiche Konkubinen. Sie alle, sie folgten ihm, ihrem Oberanführer, ihrem Herrscher. Die tapfersten seiner Männer aber, sie waren seine Offiziere, vierzig an der Zahl.

Er aber, der sie alle anführte und dem sie alle folgten, sein Name war Ñaymlap. Ninagintue war sein Mundschenk.  Occhocalo war sein Koch. Fonda Sidges Amt bestand darin, die Wege, auf denen Naymlap zu wandeln gedachte, zu fegen. Ollopopoc bereitete Naymlap das Bad, Xam Muchec war für Farben, Salben und Öle verantwortlich, die für Ñaymlaps Antlitz bestimmt waren.

Mit einer Flotte von Balsaflößen kam er, Ñaymlap, herunter aus dem Norden und er landete in der Mündung des Flusses Fakislanka, von da aus gingen sie an Land und gingen ins Landesinnere und als sie eine halbe Stunde Wegs zurückgelegt hatten, da bauten sie nach ihrer Art und Weise einen Palast und weitere Paläste. Und den Ort nannten sie Chot. Und in den Palästen, aber auch in allen Häusern, da beschworen sie ein Idol, dem sie ehrfürchtig huldigten.

Dieses Idol hatten sie auf ihrer Reise mit sich geführt und sie hatten es nach dem Bildnis Ñaymlaps gefertigt aus grünem Stein. Und dieses Idol nannten sie Yampallec, was so viel heißt wie ›Statue nach dem Bildnis des Ñaymlap‹.« (1)

Ausgerechnet ein katholischer Geistlicher hat mir die Legende von Ñaymlap erzählt, die angeblich bereits im 16. Jahrhundert ein gewisser Miguel Cabello de Balboa aufgezeichnet haben soll. Der Gottesmann war mit mir im altersschwachen Taxi unterwegs, und zwar auf dem berühmten »Pan American Highway«, die auch die mysteriöse Ebene von Nazca durchquert. (Siehe Foto 2!)

Foto 2: Highway und Nazca
Von Chiclayo ging es weiter gen Norden. In Lambayeque verließen wir den Highway, fuhren nach Westen und erreichten schon bald Chotuna. »Wir hätten uns auch von Chiclayo aus nordwestlich halten können. Aber die dreizehn Kilometer auf schlechtesten Straßen sind wirklich nicht zu empfehlen. Und man gerät da leicht in die Fänge von den Männern vom Leuchtenden Pfad. Diese Terroristen nehmen gern auch in ›Friedenszeiten‹ ausländische Geiseln und lassen sie gegen Lösegeldzahlungen, oft erst nach Monaten oder einigen Jahren frei. Auf dem ›Pan American Highway‹ ist man sicherer.«

Auf der Fahrt erzählte mir der Gottesmann die Legende vom Heros Ñaymlap, ließ dazwischen aber immer wieder Warnungen vor dem »Leuchtenden Pfad« einfließen. Damals – Anfang der 1980er Jahre – war diese maoistische »Rebellengruppe« sehr aktiv in Peru. In den 1980ern und 1990ern töteten die Terroristen vermutlich Tausende. Stolz erklärte mir »mein« Priester: »Wir Geistlichen versuchen den Menschen christliche Werte zu vermitteln, durch Predigten, persönliche Gespräche, aber vor allem durch ein möglichst christliches Leben. Bischof Luis Armando Bambarén Gastelumendi steht auch auf der Todesliste der Mörder vom ›Leuchtenden Pfad‹, wie so viele von uns Geistlichen, die die Morde dieser Terroristen Morde nennen!«

Die Legende von Ñaymlap war meinem Geistlichen wohlvertraut. Auch viele der »Einheimischen« kennen sie noch, sehr zum Ärger der örtlichen Geistlichkeit. Seit Jahrhunderten, so erfuhr ich, versuchten die katholischen Priester Naymlap in Vergessenheit geraten zu lassen, aber vergeblich. Warum? Warum war Ñaymlap den christlichen Theologen so verhasst. Erstaunliches bekam ich zu hören. Einst gab es, so raunte mir der Priester mit Verschwörermiene zu, gab es einen Mann, der sich als Ñaymlap ausgab. Dieser Mensch aus Fleisch und Blut behauptete der göttliche Ñaymlap zu sein und wurde – vor Jahrhunderten – als Autorität anerkannt. Er kommandierte, die Menschen in den Gefilden von Lambayeque gehorchten. Wer wollte schon ungehorsam sein, wenn ein Gott etwas forderte?

Foto 3: Ñaymlap vor einer Pyramide

Als Ñaymlap schließlich starb, forderten seine Nachfolger weiter strikten Gehorsam von den Menschen. Ihre Autorität basierte auf der Göttlichkeit Ñaymlaps. Deshalb vertuschten sie den Tod des Herrschers und ließen seine Leiche verschwinden, hatte der doch behauptet, unsterblich zu sein. Nur wenn sie die Lüge von Ñaymlaps Unsterblichkeit aufrecht erhielten, wurde auch ihre Autorität weiter anerkannt.

»Wenn Ñaymlap ein normaler sterblicher Mensch war, dann muss doch die Kirche keine Angst vor ihm haben?«, so fragte ich provokant. Mein Gesprächspartner winkte ab. Der Geistliche wurde langsam ärgerlich. Als die Spanier nach Südamerika kamen, hielt der Herrscher der Azteken, Mocetzuma II., den Spanier Hernán Cortés für den wiederkehrenden Quetzalcoátl. Und der hatte doch bei seinem Abschied prophezeit, er werde zwar entschwinden, der einst aber wieder zurückkommen, und zwar aus dem Osten. Der Glaube an die Göttlichkeit des Hernán Cortés wurde rasch auf eine harte Probe gestellt, als der Spanier morden und plündern, foltern und rauben ließ. Seine geradezu krankhafte Gier nach Gold passte ganz und gar nicht zu einem überirdischen Gott, sondern nur zu einem verbrecherischen Menschen. Als die Azteken ihren Irrtum erkannten, war es zu spät.

Fotos 4 und 5: Soll das Ñaymlap sein?
Auch wenn Peru offiziell »katholisch« ist, so erlebte ich immer wieder auf meinen Reisen, dass auch unter einer äußeren »christlichen« Übermalung alte vorchristliche Gottheiten weiter leben und auch in der Bevölkerung weiterhin verehrt werden. So dürfte der Ur-Ñaymlap ein »heidnischer« Gott gewesen sein, der auch heute noch in der Bevölkerung Verehrung genießt. Der Legende vom unsterblichen, sprich göttlichen Ñaymlap kann nur der Gar ausgemacht werden, wenn es gelingt, seine Gebeine ausfindig zu machen und öffentlich zu präsentieren. Nach den Aufzeichnungen von Cabello de Balboa aus dem Jahr 1586 haben die engsten Vertrauten des Ñaymlap seinen Leichnam in jenem »Palast« beigesetzt, der dem angeblich »Göttlichen« zu Lebzeiten als Palast und Regierungssitz gedient hatte.

Auf Geheiß Ñaymlaps wurde seinem Volk mitgeteilt: Der göttliche Herrscher hat uns verlassen, er ist davon geflogen. Als sein Nachfolger wurde Ñaymlaps Sohn Cium anerkannt. Als Sohn eines Gottes musste Cium ja auch göttlich sein. Auch Cium plante über seinen Tod hinaus. Auch seine Nachkommen sollten als Götter verehrt und als Herrscher anerkannt werden. Auch Cium wurde angeblich heimlich beigesetzt, angeblich in einer »unterirdischen Gruft«. Wie Ñaymlaps Grab wurde auch die letzte Ruhestätte Ciums bis heute nicht gefunden.

Wo soll sich der »Palast« von Ñaymlap ausgesehen haben? Wir wissen es nicht. Wo soll er sich befunden haben? Als »heißer Kandidat« gilt die große Pyramide von Chotuna. Einst gab es im Gebiet von Chotuna »Pyramiden«, »Paläste« und »Mauern«. Viel ist heute von der alten Pracht nicht mehr zu sehen. Die meisten, einst stolzen Bauten, wurden abgetragen. Auch die »Große Pyramide« von Chotuna ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Intensive Grabräuberei macht es unmöglich, das einst majestätische Denkmal zu rekonstruieren.

Foto 6: und Foto 7: Kuriose »Comics« von Túcume

Vermutlich gab es oben auf der Pyramide einst eine Plattform und darauf Bauten. Stand dort auf der Pyramide einst der Palast des Ñaymlap? Nach Cabello de Balboa hieß der Palast-Komplex Ñaymlaps »Chot«. Sollte sich daraus der Name »Chotuna« entwickelt haben? Sollte Naymlap in der Großen Pyramide von Chotuna bestattet worden sein? Wissenschaftliche Ausgrabungen wurden durchgeführt, es wurden Reste von Keramiken gefunden, aber keine Gruft. Festzustehen scheint, dass an der kolossalen Pyramide mehrere Jahrhunderte gebaut wurde. Sie war wohl einst über dreißig Meter hoch.

Eine gewaltige Rampe führte einst bis nach oben. Interessant: Es wurden drei »unterirdische Korridore« entdeckt, zwei im Osten, eine im Süden der Pyramide. Wohin führten sie einst? Unter die Pyramide? Ins Innere der Pyramide? Nur: Es gab keine Spur – mehr? – von einer Grabkammer oder einem Erdgrab. So bleibt es spekulativ: Ist Chotuna der Ort, wo sich einst der Palast des Ñaymlap befand? Im Bereich des Spekulativen sind auch Überlegungen, wie der einstige göttliche Herrscher ausgesehen haben mag. Vereinzelte archäologische Fundstücke könnten den mächtigen Mann zeigen, oder auch nicht. Teppichmotive zeigen »fliegende Götter«. Von Ñaymlap wurde behauptet, er sei davon geflogen. Stellen also uralte Teppichmotive Ñaymlap dar?

An Mauerwerk im Túcume-Komplex (2) fanden sich erstaunlich gut erhaltene Reliefs. Was sie darstellen, auch darüber kann nur spekuliert werden. Stehen die mysteriösen Bildnisse im Zusammenhang mit Ñaymlap? Die an Comics erinnernden Darstellungen geben Rätsel auf. Sie stellen Fragen, die bis heute nicht beantwortet werden können.

Foto 8: Comics von Túcume

Bis zum heutigen Tag wird nach dem Grab des Ñaymlap gesucht. Bislang vergeblich! Viele grundlegende Fragen konnten bis heute nicht beantwortet werden.

Wann wurden die ersten Pyramiden in Peru gebaut? Auch wenn sie so aussehen, als seien sie so alt wie die Welt, so sind die Pyramiden von Túcume und Sipán verhältnismäßig jung. Die Pyramiden von Sipán mögen, vorsichtig datiert, 700 n.Chr., die von Túcume um 1000 mach Christus entstanden sein.

Im »Casma Tal«, fast direkt an der legendären Pan-American-Schnellstraße, beim Städtchen Casma gelegen, bahnt sich eine wissenschaftliche Sensation an. Da gab es ein riesiges, bebautes Areal von der Größe von 250 Fußballplätzen. Von den einstigen Prachtbauten von Sechín ist leider so gut wie nichts mehr erhalten geblieben. Archäologen stießen bei ihren mühseligen Grabungen auf das Fundament einer steinernen Pyramide. Ihr Alter wird auf 3200 v. Chr. geschätzt! So recht weiß man nicht, welchem Zweck die diversen Bauten dienten. Dann spricht man ja gern von »Kulten«, »Riten« und »Zeremonien«.

Foto 9: Reste einer uralten Kultur in Sechín.

Die Suche nach der ältesten Pyramide von Peru ist noch nicht beendet. Wir müssen uns auf Überraschungen, ja Sensationen gefasst machen. Freilich hat es sich gezeigt, dass besonders extreme Datierungen von uralten Bauten gern bei Seite geschoben werden, um das lieb gewordene Bild von der Vergangenheit Perus nicht zu erschüttern. Und doch gibt es immer wieder Funde, die dazu zwingen, das Alter der ersten Kultur von Peru immer früher anzusetzen. Und nicht nur das. Offensichtlich konnten und wussten die Menschen vor Jahrtausenden im Raum der Küste Perus mehr als wir ihnen zutrauen möchten!

Beispiel: Im Norden von Lambayeque, dem Land der fantastischen Riesenpyramiden, entdeckten Archäologen bei Licurnique einen gewaltigen Monolithen mit geheimnisvollen Zeichnungen und Symbolen. Sie entstanden 1500 v.Chr., wahrscheinlich sogar schon 2000 v.Chr., und stehen im Zusammenhang mit astronomischen Beobachtungen (3). Die »ersten Peruaner« beobachteten offensichtlich Sonne, Mond und Sterne. Rampen an ihren Pyramiden erinnern an die alten Observatorien in Indien, wo vor Jahrtausenden Sterne angepeilt wurden.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die älteste Pyramide Perus noch nicht gefunden wurde. In den Wüstenregionen an der Pazifik-Küste Perus dürfte noch so manche Überraschung auf die Archäologen warten! Ich bin davon überzeugt: Auch die älteste Pyramide der Welt wurde bislang noch nicht ausfindig gemacht. Und wer weiß: Vielleicht wurde die älteste Pyramide unseres Sonnensystems gar nicht auf Planet Erde gebaut!


Fußnoten
1) Aufgezeichnet von Walter-Jörg Langbein. Reisenotizen, Peru 1982
2) Silverman, Helaine und  Isbell, William: »Handbook of South American Archaeology«, Springer, 2008
3) Holloway, April: »Archaeologists find stone engraved with 3500-year-old astronomical symbols in Peru«, »Ancient Origins«, 27. Juli 2014


Zu den Fotos
Foto 1: Eine der Pyramiden von Sipan. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Moderne Schnellstraße durchschneidet die Ebene von Nasca. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3:
Ñaymlap vor einer Pyramide/ Foto Walter-Jörg Langbein/ Collage Ursula Prem
Fotos 4 und 5: Soll das Ñaymlap sein? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: und Foto 7: Kuriose »Comics« von Túcume. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Comics von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Reste einer uralten Kultur in Sechín. Foto wikimedia commons/ Sylvain2803


Walter-Jörg Langbein
395 »Fische im Berg und die Osterinsel-Connection«,
Teil  395 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.8.2017



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