Sonntag, 29. April 2012

119 »Hünengräber«

Teil 1: »Hölle, Atomkraft und eine Fernsehantenne«,
Teil 119 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der ältliche katholische Geistliche redet auf meinen Vater ein. Dabei gestikuliert er wild und sein Gesicht nimmt fratzenhafte Züge an. Ich – als Kind – empfinde den seltsamen Mann als furchteinflößend. Der Mann hätte problemlos und ohne Maske in einem Film wie »Nosferatu« als Untoter auftreten können. Rückblickend muss ich an den Sketch von Loriot denken (1): der Horrordarsteller Viktor Dornberger alias Vic Dorn sieht in Natura schon so monsterhaft aus, dass eine Maskierung gar nicht erforderlich ist.

Einer der teuflischen Dolmen
Foto W-J.Langbein
Während des ausführlichen Monologs des Pfarrers in einem ländlichen Gasthof übersetzt mein Vater immer wieder, was ihm der sonderbare Mann schwadronierend vorträgt. (2) Immer wieder, so mein Vater, hat der Geistliche vor den Gefilden von Yeun Elez in der Bretagne gewarnt. »Meidet diese teuflischen Denkmäler ... diese Tische des Todes!« Damit meinte er Hünengräber und Dolmen. »Fromme Christen haben sie dort errichtet, wo der Teufel sein Reich verlassen konnte. So sollte ihm der Zugang in unsere Welt der Lebenden verwehrt werden!«

»Hütet Euch vor Yeun Elez ... das ist der Eingang zur Hölle!« Heute weiß ich: der Priester warnte vor »Tir Na N’Og«. In vorchristlichen Zeiten galt das einstige Moor tatsächlich als ein Portal in eine andere Welt, freilich nicht in eine christliche Hölle, sondern in die Anderwelt. Vor der Christianisierung glaubten die Bretonen, dass durch das Tor ein Land der ewigen Jugend besucht werden könne. Erst christliche Missionare verteufelten »Tir Na N’Og«.

Jahrzehnte sind seit meinem ersten Besuch in der Bretagne, zusammen mit meinem Vater, verstrichen. 1979 wollte ich das Erlebnis in meinem ersten Buch (3) schildern. Verleger John Fisch empfahl mir, die Geschichte für einen Folgeband zurückzuziehen. Bis heute blieb die Episode unveröffentlicht.

Ich habe inzwischen recherchiert und entdeckt, dass jene Gefilde von Yeun Elez allerlei finstere Gestalten zu bieten haben. Ein unheimlicher Riese namens Gawr soll einst in einem steinernen Grab beerdigt worden sein. »Tod und Verderben wird der Gigant mit dem Schlangenschwanz über Frankreich und die Welt bringen!« Ich erinnere mich deutlich daran, sehe meinen Vater zusammenzucken, wie ihm der unheimliche Priester seine apokalyptischen Visionen ins Ohr schreit.

Der bösartige Riese sei eingesperrt, in einem von Menschenhand gefertigten Gefängnis. Doch wehe, wehe wenn es ihm gelingen sollte, auszubrechen. Überall gebe es Zugänge zur Hölle. Sie seien noch »verstopft«: steinerne »Pfropfen« würden die Satanischen daran hindern, in unserer Welt aufzutauchen. Noch seien sie eingesperrt ... aber wenn sie erst einmal den Zugang in die Welt der Lebenden finden würden ... dann Gnade uns Gott! Die eigenwillige Interpretation des Priesters, was Jahrtausende alte Menhire zu bedeuten hätten, habe ich nirgendwo sonst in der Literatur gefunden.

Einer der Pfropfen in einem
Eingang zur Hölle...
Foto W-J.Langbein
»Brennilis ist der Ort von Armageddon!« keift der Priester damals immer wieder. Der Mensch habe Schuld, wenn die Teufel aus der Erde steigen! »Warum denn das?« will mein Vater wissen. Ende der 30er Jahre sei ein Damm für ein Wasserkraftwerk gebaut worden. Das soll die unterirdischen Teufel zornig gemacht haben. Und 1967 ist direkt am »Tor zur Hölle« ein Atomreaktor ans Netz gegangen. Das Kühlwasser – davon waren die Einheimischen überzeugt – wurde dem Elez-Fluss entnommen. Und der wurde angeblich aus Quellen der Unterwelt gespeist.

Angesichts der Katastrophen, die von Atomreaktoren ausgehen können ... Fukushima lässt grüßen ..., mutet ein Atomreaktor am Tor der Hölle fehlplaziert an. Eine Reaktorpanne könnte ja auch sehr wohl ein höllisches Inferno ausbrechen lassen. In der Bretagne aber ist die Gefahr eines atomaren Desasters weitestgehend gebannt. Der Reaktor wurde Mitte der 80-er Jahre des 20. Jahrhunderts stillgelegt und wird seither nach und nach abgebaut!

Der ältliche katholische Geistliche redet auf meinen Vater ein. Wild fuchtelt er mit den Armen in der Luft herum. Sein Blick macht mir Angst. Mein Vater übersetzt zwischendurch, was der Priester an Unheimlichkeiten zu enthüllen hatte. Waren das die wirren Gedanken eines abergläubischen Katholiken, entstanden in düsteren Nächten der Bretagne?

Eingang in die Unterwelt
der Bretagne - Foto W-J.Langbein
Am 11. Juni 2010 erschien in der Online-Ausgabe der angesehenen »Neuen Zürcher Zeitung« (4) ein Artikel, betitelt »Yeun Elez, das Tor zur Unterwelt«, verfasst von Markus Brupbacher. In der hochinteressanten Arbeit geht es um modernen Aberglauben. Es ist erstaunlich, dass zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus moderne Technologie und Teufels/Geisterglauben miteinander verwoben werden. In »lebendigen Legenden« so berichtet der Journalist, werden offenbar uralter Aberglaube und moderne Errungenschaften miteinander verquickt:
Als ein Damm errichtet wurde, um Wasser für ein Wasserkraftwerk zu stauen, verschwand ein Teil des »Teufelsmoores« unter einem künstlich geschaffenen See.


Fernsehantenne als
Verbindung zwischen
Hölle und Himmel
Foto: Aurore D.
Auf dem 383 Meter hohen Berg Roc'h Trédudon steht ein gigantisches., funktionstüchtiges Denkmal moderner Technologie, eine Errungenschaft heutiger Zivilisation: eine rund 220 Meter hohe Fernsehantenne. Obwohl doch die Funktion dieser Antenne hinlänglich bekannt sein dürfte, findet sie Eingang in den Aberglauben des 21. Jahrhunderts. Angeblich dient sie der Verständigung zwischen Höllenwelt und der »Welt über uns«. Mir scheint, dass wir Jahrzehnte nach der bemannten Flüge zum Erdtrabanten Mond immer noch in der unheimlichen Welt des Aberglaubens verwurzelt sind. Auch im Atomzeitalter entstehen neue Sagen um Unter- und Überirdisches ... und das in einer angeblich so aufgeklärten Welt!

Ein Gedankenexperiment sei mir gestattet... Stellen wir uns vor, vor Jahrtausenden besuchten Außerirdische unseren Planeten. Wie mögen die kosmischen Besucher auf die Menschen gewirkt haben? Hielten sie sie für Götter ... oder für Teufel? Wenn noch heute im modernen Aberglauben eine Fernsehantenne als Kommunikationsmittel zwischen Hölle und Himmel verstanden wird ... welche Formen des »Aberglaubens« mögen dann vor Jahrtausenden entstanden sein?


Erich von Däniken (rechts)
und Walter-Jörg
Langbein - Foto Ilse Pollo
Die Supertechnologie der außerirdischen Besucher – über die ich mit Erich von Däniken in der Bretagne ein interessantes Gespräch führen durfte – muss den Menschen vor Jahrtausenden vollkommen unbegreiflich gewesen sein. Es wäre nur zu verständlich, wenn damals kuriose Aberglauben (»Nicht wissen, aber glauben!«) entstanden wären.

Stellen wir uns nun vor: Der durch außerirdische Besucher entstandene Aberglauben wurde in heiligen Büchern festgehalten, wurde in Mythenform weitergereicht und ist in unseren Tagen noch in alten Sagen existent.

Würden wir den technischen Hintergrund solch uralten Aberglaubens erkennen? Oder würden wir die uralten Überlieferungen als reines Fantasiegebilde tumber Vorfahren abtun?

Das Phänomen der »Hünengräber« ist keineswegs nur in der Bretagne bekannt. Einst gab es in Deutschland Tausende dieser mysteriösen Steindenkmäler. Sie wurden zum größten Teil im Laufe der Jahrhunderte vernichtet. Viele von ihnen fielen dem explodierenden Bedarf an landwirtschaftlichen Flächen zum Opfer. Viele dienten als Steinbrüche und wurden in Häusern verbaut oder als Straßenschotter verwendet. Die wenigsten dieser uralten Monumente sind bis in unsere Tage erhalten geblieben. Besonders schöne Exemplare gibt es in der Lüneburger Heide ...

Hünengrab von Fallingbostel, Holzstich Ende 19. Jahrhundert
Foto: Archiv W-J.Langbein

Fußnoten
1 Loriot 04, »Ruhe bitte! Intime Blicke in die Fernsehstudios«, 05
2 1964 fasste ich mein gespenstisches Erlebnis in einem Schulaufsatz (»Ein Ferienerlebnis«) zusammen. Lehrer Werner Müller war sehr angetan von der kleinen Arbeit und las sie im Unterricht vor.
3 Langbein, Walter-Jörg: »Astronautengötter«. Luxemburg, Weihnachten 1979
4 http://www.nzz.ch/magazin/reisen/yeun_elez_das_tor_zur_unterwelt_1.6034952.html

Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Hünengräber«,
Teil 2: »Riesengräber in Deutschland«,
Teil 120 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 06.05.2012


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Samstag, 28. April 2012

Carsten Maschmeyer: Selfmade - erfolg reich leben

Rezension von Walter-Jörg Langbein

Selfmade
In Amerika erntet der Erfolgreiche viel Lob und Anerkennung, in Deutschland vor allem Neid und Missgunst. In Amerika freut man sich über den Erfolg eines Mitmenschen ... und überlegt, ob man seinem Beispiel folgen kann. Kann man vom Erfolgreichen lernen? In Deutschland scheint eine andere Art des Denkens weit verbreitet zu sein. So mancher Erfolglose sieht seine Misserfolge gern als Beweis für die eigene ach so edle Gesinnung, für die eigene ach so hohe Moral und das eigene makellose Gerechtigkeitsgefühl.

Im Umkehrschluss wird dann gefolgert: Wenn ich selbst erfolglos bin, weil ich ein ach so guter Mensch bin ... kann der Erfolgreiche nur ein pöser, pöser Mensch sein. Und schon hat mensch sich ein bequemes Weltbild zurecht gezimmert. Man möchte doch gar keinen Erfolg haben ... schon gar keinen auf dem Gebiet des »schnöden« und »pösen, pösen Mammons«, weil das doch nur unter Verrat der eigenen edlen Prinzipien möglich wäre. Gern baut man sich dann noch ein Feindbild auf: Carsten Maschmeyer ist dann das ideale Feindbild schlechthin. Und nun hat Carsten Maschmeyer gar ein Buch geschrieben, betitelt »Selfmade - erfolgreich leben«. Menschen mit massiven Vorurteilen müssen Maschmeyers Buch natürlich gar nicht lesen, um es rezensieren zu können. »Wissen« sie doch, dass der pöse, pöse Maschmeyer natürlich nur ein pöseses, pöses Buch geschrieben haben kann.

Dieses vermeintliche Wissen genügt manchen »Kritikern« vollkommen, um Maschmeyer und sein Buch zu verdammen ... und um den eigenen, ach so makellosen Charakter zu preisen. Aber worum geht es in Carsten Maschmeyers Werk wirklich? Wer ein Kochbuch wie »Die Suppenküche der Provence« erwartet, wird bitter enttäuscht sein. Wer auf eine religiöse Abhandlung wie »Jesus und sein Verhältnis zu Bettlern zu Zeiten des ersten Jahrhunderts« hofft, wird erkennen, dass er das falsche Buch gewählt hat. Carsten Maschmeyer verkauft auch kein System á la »In fünf einfachen Schritten zum Multimillionär«.

Es geht in seinem Buch um Erfolg, das ist wahr ... aber keineswegs vordergründig nur um finanziellen Erfolg, auch wenn das manche Kritiker gerne so hätten. Carsten Maschmeyers »Selfmade« ist ein Leitfaden für ein erfolg-reiches Leben. Es gibt Bücher, die es mit simplen Botschaften zu Bestsellerehren gebracht haben. Es gibt Bücher, die ihre Autoren reich gemacht haben ... mit der simplen Botschaft wie »Du musst Dir nur fest etwas wünschen, dann bekommst Du es schon!« »Selfmade« beschreibt den nachvollziehbaren Weg zu einem selbstbestimmten, erfolgreichen Leben. Wer nun behauptet, es gehe nur um vermeintlich schnöden Mammon, der kennt Maschmeyers Buch nicht ... »Gewinnen heißt beginnen« formuliert Maschmeyer (1).

Was meint er? »Aber das Einzige, was sich verändern muss, ist Ihre Passivität!« Es fehlt immer etwas, damit man sich vollkommen vorbereitet fühlt. Aber wenn Sie nichts tun, dann fehlt alles. Allzu oft leben wir in eingefahrenen Schemata. Maschmeyer (2): »Verlassen Sie gewohnte Denkbahnen und legen Sie alte Denkmuster ab. Freuen Sie sich auf neue Gedankenhorizonte, auf großartige Einsichten, die Ihnen großartige Aussichten eröffnen werden.« Keine Frage: Es geht in »Selfmade« auch um Erfolg auf finanzieller Ebene ... aber nicht nur. Es geht um erfolgreiches Leben auf allen Ebenen. Es geht um ein zufriedenes Leben, das sich jeder wünscht ... und jeder mit Erfolg auch anstreben kann. Selbst für das Lotto-Spiel gilt: Nur der gewinnt, der auch spielt.

So banal es auch klingt: Eine rein passive Lebensweise kann nicht zu einem guten, zufriedenen Leben führen. Mensch muss aktiv werden, so er etwas erreichen möchte. Und genau das ist das Ziel des Leitfadens von Carsten Maschmeyer: Aktiv das eigene Leben in die eigenen Hände zu nehmen und nicht passiv zu leiden und über die Ungerechtigkeit den Schicksals zu lamentieren! Maschmeyer ergeht sich nicht in esoterischem Salbadern. Er bleibt immer sehr konkret. Schritt für Schritt erklärt er, wie man im wahrsten Sinne des Wortes ein an Erfolgen reiches Leben führen kann.

Ich wiederhole: Maschmeyer bietet keinen »Weg zum Millionär für Dummies«. Er bietet unzählige Anregungen für ein erfolgreiches Leben auf allen Ebenen: von der Kunst des Visualisierens, des Erkennens der eigenen Wünsche ... und Stärken. Er beschreibt die bewusste Zuwendung zu positivem Denken, zur erfolgreichen Kommunikation, zur aktiven Lebensweise, zur Bereicherung des eigenen Lebens, zum Zeitgewinn, zum wirklichen Selbstständigsein!

Ich habe Carsten Maschmeyers »Selfmade erfolg reich leben« von der ersten bis zur letzten Seite mit Genuss, mit Gewinn gelesen. Ich werde es ein zweites und ein drittes Mal Seite für Seite gründlich erarbeiten. Gewiss, nicht jeder Zeitgenosse kann es zum Multimillionär bringen. Aber jeder, wirklich jeder Zeitgenosse kann im besten Sinne des Wortes »erfolg-reich« leben. Wer nun Maschmeyer unterstellt, es gehe ihm nur um finanziellen Gewinn, womöglich ohne Rücksicht auf Mitmenschen, will nur nicht von einem Feindbild (vom pösen, pösen Maschmeyer) abrücken. Mag ja sein, dass es passive Menschen gibt, denen es schon genügt, das eigene traurige Los zu beklagen. Mag ja sein, dass manche Menschen damit ausgefüllt sind, vermeintlich erduldete Ungerechtigkeiten zu ertragen. Diesem Personenkreis rate ich dringend von der Lektüre von Maschmeyers Buch ab.

Wer  über sein Leben, den Sinn des Lebens und Strebens, wer über die eigenen Wünsche und Ziele nachdenken möchte ... der wird seine wahre Freude an »Selfmade« haben! Wer nicht nur vordergründig Maschmeyers klare Ratschläge für materiellen Wohlstand zur Kenntnis nimmt, nur der wird den wirklichen Wert des rezensierten Opus erkennen. Nur dann kann einem »Selfmade« dabei helfen, das eigene Potenzial zu erkennen, vielleicht zu wecken. Es geht um Sehnsüchte, die keineswegs Sehnsüchte bleiben müssen. Es geht um »Strategien für beruflichen, finanziellen und privaten Erfolg«(3). Es geht um ein erfüllteres Leben. Erfolg-reich(er) ist der, der aktiv zu einem zufriedeneren Leben findet. Unglücklich ist der, der passiv bleibt und lamentiert.

Ein Rat zum Schluss: Vergessen Sie zumindest vorübergehend das so medienwirksam verkaufte Bild vom pösen, pösen Maschmeyer. Lesen Sie ruhig, unvoreingenommen und gründlich sein Buch. Seien Sie bereit, aktiver zu werden. Dann kann Ihnen »Selfmade« wirklich helfen! Und glauben Sie mir: Jeder, wirklich jeder kann sich helfen lassen: und zur Selbsthilfe finden!

Walter-Jörg Langbein


Hier weiterlesen: 
Exklusives Interview mit Carsten Maschmeyer

Unser Buchshop

Fußnoten
1: Carsten Maschmeyer: »Selfmade erfolg reich leben« München 2012, S. 378
2: ebenda, S. 189
3: ebenda, Rückumschlag

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Sonntag, 22. April 2012

118 »Geheimnisvolles Gavrinis«

Teil 3: »Licht im Dunkel«,
Teil 118 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Eine Insel ... Foto: Man vyi
Das Inselchen Gavrinis im Golf von Morbihan ist fast so überschaubar wie Lummerland der Augsburger Puppenkiste. Bei einer Länge von 750 Metern und einer Breite von 400 Metern kann man aber auf ein inseleigenes Schienennetz verzichten. Man kann das Inselchen leicht zu Fuß erkunden. Schon vom Strand aus sieht man die steinzeitliche »Kultanlage«.

Jahrtausende alte Bauten mögen noch so geheimnisvoll sein, schnell verpasst man ihnen eine »wissenschaftliche« Benennung ... und schon hat sie den Nimbus des Mysteriösen verloren. Auf Gavrinis muss man in gebückter Haltung einen schmalen, fünfzehn Meter langen Gang eher durchkriechen als durchschreiten, um in eine immerhin 1,80 Meter hohe Kammer zu gelangen. Oder sollte man »Kämmerchen« sagen? Der Raum ist gerade mal 2,70 mal 2,70 Meter groß.

Wohnlich ist die stockdunkle Kammer nicht. Wenn der Bau von Gavrinis keine Behausung für Lebende war ... dann kann er nur Tote beherbergt haben. So mögen Archäologen denken. Und da ein Gang zur Kammer führt, fällt die Titulierung leicht: Vor Jahrtausenden wurde also auf Gavrinis ein Ganggrab gebaut. Wo aber sind die für ein Grab doch unverzichtbaren Toten verblieben? Haben sie sich aus dem Staub gemacht?

WJL in Gavrinis - Foto: Ilse Pollo
Viele Jahrhunderte war der seltsame Hügel von Gavrinis bekannt, wurde aber von der jungen Wissenschaft Archäologie nicht weiter beachtet. Sah man ihn doch als ganz natürliche Erhebung an, auch wenn die örtlichen Bauern von einem künstlichen Bauwerk sprachen. Aber auf solches Geschwätz gab kein seriöser Wissenschaftler etwas ... bis man 1832 den Eingang und den sich anschließenden Gang entdeckte. 1835 erkundete man die Kammer. Vergeblich suchte man nach Grabbeigaben, vergeblich hielt man nach sterblichen Überresten Ausschau. Kein Gold, kein Knöchelchen fand sich. Was auch immer der mysteriöse Bau von Gavrinis war ... ein Grab war er nicht. Und trotzdem hält sich bis in unsere Tage die falsche Bezeichnung »Ganggrab«.

Charles-Tanguy le Roux (1941 geboren) erforschte fast sechs Jahre lang Gang und Kammer. Mit einem Team von Archäologen restaurierte er die Jahrtausende alte Anlage mit geradezu pedantischer Präzision. Er untersuchte jeden einzelnen der gravierten Blöcke. Er studierte die gewaltige Deckenplatte über der Kammer. Es gelang ihm der Nachweis, dass die Bauten von Gavrinis aus älteren, zerstörten Megalith-Anlagen errichtet wurden.

Der Autor im Gang von Gavrinis
Foto: Ilse Pollo
So hat man – wer auch immer! – einen riesigen Hinkelstein – von bis zu 15 Metern Höhe! – umgestürzt. Er zerbrach dabei. Teile davon müssen kilometerweit transportiert, nach Gavrinis geschafft und verbaut worden sein. Warum »recycelte« man vor Jahrtausenden megalithische Steine? War es die Arbeitsersparnis ... schließlich musste kein neuer Stein behauen werden? Warum wurden Steine aus älteren Kultbauten wieder verwendet? Das mag mit der Magie heiliger Steine zu tun haben. Womöglich sollte die Kraft alter Kultorte auf neue übertragen werden?

Der Transport vom Festland der Bretagne auf die Insel Gavrinis muss die Steinzeitmenschen vor erhebliche Probleme gestellt haben! Mag sein, dass damals die Insel noch mit dem Festland verbunden war, die Steine also auf dem Landweg befördert werden konnten. Bewundernswert ist die vollbrachte Leistung dennoch!

Ich vermute, dass man die unzähligen Gravuren in der ersten Bauphase anbrachte: bevor man die Decken-Steine anbrachte, bevor Gang und Kammer in Dunkelheit getaucht wurden. Aber wie sollte man dann die Ritzzeichnungen sehen, erkennen, deuten ... ohne Licht? Richtete man den Gang deshalb genau zum Sonnenaufgang hin aus, damit zu bestimmten Stunden die Strahlen der Sonne in den Gang kriechen und alles in magischem Licht erstrahlen konnte?

Mysteriöse Löcher im Stein
Foto W-J.Langbein
In einem der Monolithen fallen mir in den Stein geschlagene Löcher auf. Es sieht so aus, als ob sie verrußt seien. Steckte man einst Fackeln in die Löcher, um Licht ins Dunkel zu bringen? Mir scheint, dass diese Löcher nachträglich gemeißelt wurden und nicht von den Erbauern von Gavrinis stammten. Einst war auch dieser Stein von Gravuren überzogen, die man so gut wie nicht mehr erkennen kann. Man sieht sie kaum noch, kann sie aber noch ertasten. Ich ließ meine Finger über die Rillen gleiten, vermochte aber kein »Bild« zu erkennen. Die Löcher wurden jedenfalls ohne auf den Verlauf der älteren Rillen zu achten in den Stein gemeißelt.

Immer wieder versetzt mich der Eingang in Erstaunen. Gewaltige Granitblöcke bilden die massiven Seitenwände. Ein noch beeindruckenderer Steinkoloss wird wie die wuchtige Platte eines geradezu monströsen Tisches aus Stein getragen. Da hat man vor Jahrtausenden für die Ewigkeit gebaut. Selbst der Boden besteht aus wuchtigen Steinen.

Immer wieder krieche ich durch den geheimnisvollen Gang, beleuchte die mit Gravuren übersäten Steine mit meiner Taschenlampe. So manches Mal denke ich dabei: Wenn man diese Steinritzungen nur wie ein Buch lesen könnte! Welche Geheimnisse würden sie uns wohl offenbaren? Wenn ich den Lampenschein über die Gravuren wandern lasse, scheinen sie zum Leben zu erwachen. Auf einmal schlängeln sich seltsame Tiere über den Stein, wandern Schlangen zur steinernen Decke empor. Steinbeile und Bumerangs scheint man verewigt zu haben ...


Gravuren
Foto: Athinaios
Wann soll das geschehen sein? Wann entstand das »Ganggrab« von Gavrinis, das kein Grab im herkömmlichen Sinn gewesen sein kann? Wir wissen es nicht genau. Mit Hilfe der berühmten C-14-Methode kann man nicht das Alter von Steinen bestimmen. Wie alt die Steinmonster sind, die in Gavrinis verbaut wurden, ist ja auch uninteressant. Wir wollen wissen, wann die vor Millionen von Jahren entstandenen Steine bearbeitet und verbaut wurden. Mit Hilfe der C-14-Methode können wir das Alter von organischen Stoffen feststellen, zum Beispiel von Holz oder von Knochen. Wir wissen, dank der C-14-Methode, dass das »Ganggrab« zwischen 3480 v. Chr. Und 2950 v. Chr. zugemauert wurde. 

Eine der zahllosen
Gravuren
Foto: W-J.Langbein
Wie erwähnt, wurden beim Bau von Gavrinis Steine recycelt. Gravierte Motive weisen darauf hin, dass diese Steine aus der Gegend von Locmariaquer stammen. Man könnte dank der Steinzeitkunst die in Locmariaquer verbliebenen Steine und jene, die man in Gavrinis verbaute ... wieder zusammensetzen. Die Gravuren würden dann nahtlos ineinander übergehen. Nach Überzeugung der Archäologie wurden die Steine um 4000 v. Chr. entnommen und in Gavrinis wieder verwendet. Das »Ganggrab« wurde also vermutlich frühestens 4000 v. Chr. begonnen und spätestens 2950 v. Chr. vollendet. Somit ist die mysteriöse Kultanlage von Gavrinis älter als die ägyptischen Pyramiden.

Wir wissen, wie alt Gavrinis ist. Können wir aber Licht ins Dunkel bringen ... in Sachen »Kult von Gavrinis«? Welchem Zweck diente Gavrinis? Harald Braem, Direktor eines »Kultur-Instituts für interdisziplinäre Kulturforschung« und Professor für Kommunikation und Design bringt die große Muttergöttin ins Spiel (2):

Eine weitere Gravur
Foto: W-J.Langbein
»Das Denken war also zyklisch ... Entsprechend behandelte man seine Toten, da man für die Menschen einen der Kreislaufbahn der Sonne ähnlichen Zyklus annahm: Geburt, Leben Tod und Reise durchs dunkle Totenreich bis zur nächsten Wiedergeburt. Daher war es vollkommen klar, dass die Verehrung der todbringenden und neues Leben spendenden Großen Göttin im Inneren der Erde stattfinden musste ... Die Große Urmutter – ob sie nun Tara hieß, Ostara, Mara oder Maria, ist dabei eigentlich von untergeordneter Bedeutung.«

Ist das das Geheimnis von Gavrinis? War die Kultanlage der Urgöttin gewidmet? War das »Ganggrab« ein heiliger Ort für die Anhänger der Göttin? Wurden Riten zelebriert ... von Tod und Wiedergeburt? Kroch der Gläubige durch den Gang in die »Grabkammer«, um dann nach dem rituellen Tod wieder neu geboren zu werden? Stellte das »Gangrab« den Schoß von Mutter Erde dar, aus dem alles Leben kam?

Maria ... als »Nachfolgerin« einer steinzeitlichen Göttin, der Urmutter des Lebens – eine Vorstellung, die für fundamentalistische Christen ein Gräuel ist. Es gibt aber keinen Zweifel, dass die Maria des christlichen Glaubens immer mehr göttliche Züge annimmt! Zum Himmel ist sie nach katholischer Glaubenslehre bereits aufgestiegen, wo sie schon jetzt eine Art Trinität bildet, zusammen mit Jesus (Sohn) und Gott (Vater). Die Urgöttin wurde viele Jahrtausende verehrt und angebetet, sehr viel länger als Jesus, Gottvater, der Heilige Geist!

Derlei Gedanken mögen manchem Gläubigen wie ein Sakrileg vorkommen. Doch die Ketzerei von heute kann morgen zum Glaubensgut aller werden. Die Besinnung auf die Urform der Religion ist die Chance eines friedlichen Miteinanders aller Religionen  ...

Fußnoten
1 Charles-Tangay Le Roux: » New excavations at Gavrinis«, »Antiquity« 59 1985, S. 183-187
2 Braem, Harald: »Magische Riten und Kulte/ Das Dunkle Europa«, Stuttgart und Wien 1995, S. 99 u.100



»Hünengräber«,
Teil 119 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29.04.2012


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Sonntag, 15. April 2012

117 »Geheimnisvolles Gavrinis«

Teil 2: Das mysteriöse »Grab«.
Teil 117 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Er-Lannic im Nebel
Foto W-J.Langbein
Bei strahlendem Sonnenschein bin ich von Larmor-Baden mit der Fähre Richtung Gavrinis aufgebrochen. Drei Bauersfrauen halten eine meckernde Ziege im Zaum. Das Töchterchen der Jüngsten der drei Damen erklärt mir in gutem Englisch, dass die Damen eine Ziegenzucht beginnen wollen. Sie sind sich in einer zentralen Frage uneinig. Ist dafür eine amtliche Genehmigung erforderlich? Die offenbar Älteste in der rustikal-femininen Dreifaltigkeit wird wütend: »Schon mein Urgroßvater hat auf Gavrinis eine kleine Ziegenherde gehabt! Natürlich darf ich in die Fußstapfen meiner Vorfahren treten und eine Ziegenherde halten!« Das wolle sie sich von irgendwelchen Bürokraten nicht verbieten lassen!

Tatsächlich lässt sich der Name »Gavrinis« auf das Altbretonische »Gavriniz« zurückführen, auf das französische »ile de la chevre«, zu Deutsch »Ziegeninsel« ... erkläre ich den Damen via Übersetzung durch das Töchterchen: »Einst hatte Gott Kronos Angst, einer seiner Söhne könnte ihn vom Thron stürzen. So beschloss er, seine männlichen Kinder zu verschlingen. Auf Gavrinis. Rhea wandte einen Trick an. Anstatt des kleinen Zeus gab sie dem bösartigen Kronos einen in Windeln eingewickelten Stein zum Fressen. Der verschlang den schweren Klumpen ...«

Vorbei an Er-Lannic ...
Foto W-J.Langbein
Kopfschüttelnd lauschen die Bauersfrauen meinen neunmalklugen Ausführungen. »Und was hat das mit unserer Ziege zu tun?« will die Älteste des Trios schließlich wissen. »Nun, die Kinderfresserei soll auf Gavrinis geschehen sein ... «, antworte ich. »Zeus überlebte dank des Tricks, Kronos verdarb sich den Magen ... und Pan zog den kleinen Zeus auf. Und Pan war halb Mensch, halb Ziege!« Kurz berät sich die weibliche Triade, dann setzt ein keifendes Schimpfen ein. Zögernd erklärt mir das Töchterchen:

»Meine Mutter, meine Oma und meine Urgroßmutter sind sehr verärgert! Sie sind beleidigt ... weil Sie behauptet haben, wir Bewohner von Gavrinis würden kleine Kinder fressen!« Vergeblich versuche ich das mythologische Missverständnis aufzuklären. Aber mir wird kein Gehör geschenkt. Die drei Ladies starren mich nur noch feindselig an, verfallen in energisches Schweigen.

Endlich kommt das winzige Eiland von Er-Lannic in mein Blickfeld. Ich versuche, die aus dem Meer ragenden Menhire zu fotografieren. Ich krame in meinen Unterlagen. Der wahrscheinlich größte Menhir der Bretagne, der »Grande Menhir Brisé« von Locmariaquer – 21 Meter hoch, 300 bis 350 Tonnen schwer – wurde schon vor Jahrtausenden – warum auch immer – umgestürzt. Er zerbrach in vier Teilstücke.
Ein steinzeitliches Kuriosum: Teile von bereits vor Jahrtausenden zerschlagenen Menhiren oder Ganggräbern sollen per Floß nach Gavrinis geschafft und im mysteriösen »Grab« verbaut worden sein ... Offenbar gab es schon vor Jahrtausenden einen besonderen »Secondhand-Handel«. »Gebrauchte« Monstersteine wurden nach der Zerstörung uralter Monumente ... wieder verarbeitet ...

Ein zerbrochener Riese
Foto: W-J.Langbein
Endlich erreichen wir Gavrinis. Die Fähre legt an und nach wenigen Minuten ist das Ziel erreicht: der Tumulus von Gavrinis. Der runde Grabhügel schmiegt sich in die Landschaft. Man könnte ihn für eine natürliche Erhebung halten. Ich schreite den Tumulus ab ... rund 100 Meter beträgt sein Durchmesser. Seltsam: Nach anderen »Messungen« ist sein Durchmesser nur halb so groß.

Der »Hügel« ist künstlich aufgeschüttet ... keine Laune der Natur. Seine Konturen sind kaum zu erkennen, da er vollkommen überwuchert ist. Bevor mich ein aufmerksamer Wächter zurückpfeift, gelingt es mir, ein Stück an dem mysteriösen Gebilde emporzuklettern. Meiner Überzeugung nach hat man da vor Jahrtausenden nicht einfach einen überdimensionalen Maulwurfshügel aufgetürmt. Ich halte die »Kultanlage« von Gavrinis für eine steinerne Stufenpyramide, die unter dem üppig überwucherten Erdreich auf seine Ausgrabung wartet.

Zwischen kleinen Büschen und Bäumen mache ich kurze Gräben aus, die in den »Hügel« gerissen worden sind. Am Boden sind eindeutig bearbeitete Steine zu erkennen. Wer hat da die wahren Umrisse der Pyramide von Gavrinis zu ergründen versucht? Waren es die Wächter vor Ort? Waren es Archäologen ... oder potentielle Diebe? Wie auch immer: Es gelingt meinem Wächter, mich am Fotografieren der Gräben zu hindern.

Der künstliche Pyramidenhügel
von Gavrinis - Foto W-J.Langbein
Mein Führer geleitet mich energisch zum Eingang der Anlage. Hier darf ich fotografieren ... und hier erkennt man die weitestgehend verborgene Struktur des steinzeitlichen Bauwerks: Es ist eine Stufenpyramide!

Jacques Bergier, Bestsellerautor und Kenner der großen Geheimnisse unseres Planeten, erklärte mir im Interview: »Gavrinis entstand in Etappen. Der erste Bauabschnitt war die Errichtung des ›Ganges‹. Die Seitenwände wurden aufgestellt, die Dekorationen wurden angebracht.« Tatsächlich sind die Seitenwände des Ganges mit einer Vielzahl von sorgsam eingeritzten Symbolen übersät. Nachdem die Gravuren bei Tageslicht fertiggestellt waren, deckte man den Gang mit gewaltigen Platten ab. Um den Gang herum ... über dem Gang wurde eine Stufenpyramide errichtet.« Ob man den steinernen Bau von Anfang an mit einem Erdhügel krönte? Jacques Bergier hielt das für denkbar: »Als zusätzlichen Schutz vielleicht ...«

Der Eingang, so weiß ich aus der Literatur, ist präzise zur aufgehenden Sonne hin ausgerichtet. Das »Tor« wirkt wie der Eingang in einen Bunker. Mächtige Steinplatten bilden die Seiten, eine dicke Steinplatte ruht als »Decke« darauf. Für Riesen ist der Eingang nicht gedacht. Er ist nur 1,60 Meter hoch. Gebeugt gehe ich durch die Granit-»Türfassung« ... und stehe vor einem fünfzehn Meter langen Gang.

Eingang von Gavrinis
Foto W-J.Langbein
Die Höhe des Gangs bleibt konstant 1,60 Meter, seine Breite variiert zwischen 1,20 und 1,50 Metern. Ich folge dem gerade verlaufenden Gang. Er führt mich in eine annähernd quadratische Kammer. Der stockdunkle Raum misst zweieinhalb Meter mal zweieinhalb Meter. Als Decke dient ein tonnenschwerer Granit-Monolith. Er soll etwa 2,70 Meter mal 2,70 Meter groß sein!

Keine Frage: Hier haben Meister-Bauwerker ein Denkmal für die Ewigkeit geschaffen, das schon viele Jahrtausende überdauert hat und wohl noch viele Jahrtausende bestehen wird. Ich bin davon überzeugt: Sollte die heutige Zivilisation in einer atomaren Apokalypse untergehen ... werden die modernen Denkmäler unserer Kultur – von der Autobahn bis zum Hochhaus aus Beton – nach Jahrhunderten verschwunden sein. Die Anlage von Gavrinis aber wird auch schlimmste Kataklysmen überstehen. Wenn Beton längst zerbröckelt und zerbröselt sein wird ... wird Gavrinis noch stehen.
Da fragt man sich doch: Wer sind die »Primitiven« der Erdgeschichte?

Baumeister-Genies wie die der Bretagne ... oder die Vertreter unserer Zivilisation, deren »Wunderwerke« keine Jahrhunderte, geschweige den Jahrtausende überdauern werden!

Blick ins Innere - Foto W-J.Langbein
Warum wurde der »Tunnel« genau zum Sonnenaufgang hin ausgerichtet? Sobald ein steinzeitliches Denkmal astronomische Merkmale aufzuweisen scheint ... wird gern die Theorie vom vorzeitlichen »Kalender« aufgebracht. Tonnenschwere Steinkolosse wurden nach komplizierten Berechnungen exakt so aufgestellt, dass – zum Beispiel – zum Frühlingsanfang das Sonnenlicht einen besonders markanten Punk erstrahlen ließ.
Die primitiven Steinzeitmenschen mussten doch wissen, wann das Frühjahr begann, um rechtzeitig mit landwirtschaftlichen Arbeiten zu beginnen. Solchen Thesen stehe ich skeptisch gegenüber. Aussaat und Ernte richten sich nicht nach Terminen wie der Winter- oder der Sommer-Sonnwende, sondern schlicht und einfach nach dem Wetter. Wenn in einem besonders kalten Jahr Eis und Schnee Wochen länger die Natur im eisigen Griff haben ... verschieben sich die landwirtschaftlichen Arbeiten. Gesät und geerntet wird nach Wetterlage ... nicht nach astronomisch feststehenden Terminen!
Wenn der Kultbau von Gavrinis kein »Kalender« war ... was war er dann? Doch wohl eine Grabanlage!


Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Geheimnisvolles Gavrinis«,
Teil 3: »Licht im Dunkel«,
Teil 118 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein«,
erscheint am 22.04.2012


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Samstag, 7. April 2012

116 »Geheimnisvolles Gavrinis«

Teil 1: Unterwegs zur Insel ...
Teil 116 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Rätselhaft ist die Bretagne mit ihren Tausenden und Abertausenden von Menhiren. Wann wurden sie in die verträumte Landschaft gestellt? Gibt es Vergleichbares in anderen Gefilden unseres Globus?

Mysteriöse Bretagne - Foto W-J.Langbein
1991 machte der Luftbildarchäologe Otto Braasch beim Überfliegen von Goseck in Sachsen-Anhalt ganz zufällig eine interessante Entdeckung: Seltsame Verfärbungen im Boden deuteten auf eine uralte künstliche Struktur hin. Erst 1999 wurden gezielt Luftaufnahmen gemacht. Archäologische Untersuchungen (geomagnetische Messungen) und Ausgrabungen folgten in den nächsten Jahren. Am 21. Dezember 2005 konnte die vollständig freigelegte und mühsam rekonstruierte Anlage von Goseck der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Vor rund sieben Jahrtausenden muss die geheimnisvolle Anlage von Goseck einen wahrhaft imposanten Eindruck gemacht haben. Der Rundbau hatte einen Durchmesser von beachtlichen 75 Metern. Zwei konzentrische Kreise aus Tausenden etwa zweieinhalb Metern hohen wuchtigen Baumstämmen machten einen höchst wehrhaften Eindruck. Der Gesamtkomplex wurde von einem dreieinhalb Meter breiten und eineinhalb Meter tiefen Graben geschützt. Den Abschluss nach außen hin bildete ein massiver Erdwall.

Sollten die »Kreise« von Goseck die älteste Anlage Europas sein? Stonehenge jedenfalls ist jünger! Wesentlich jünger ist Stonehenge: Erst um 3100 v. Chr. entstand ein kreisförmiger Wall mit einem Durchmesser von 110 Meter und Holzbauten in der Mitte, ähnlich wie in Goseck. Erst rund zweieinhalb Jahrtausende später, um 2500 v. Chr. wurden die Holzbauten durch Steinbauten ersetzt. Staunenswerte Leistungen wurden vollbracht. So stammen die eingesetzten Blausteine aus einem etwa 380 Kilometer entfernten Steinbruch in den Preseli Bergen von Wales. Rätselhafter als die erstaunlichen Transporte der Kolossal-Steine von Stonehenge ist die lange Bauzeit. Stonehenge wurde um 3100 v. Chr. begonnen und etwa 1600 v. Chr. vollendet. 1500 Jahre lang wurde an der Anlage gebaut. So komplex wie sie ist, muss von Anfang an ein Bauplan vorgelegen haben. Wer hat ihn erstellt ... und wie? Die »primitiven Steinzeitmenschen« verfügten doch angeblich nicht über eine Schrift!

Mysteriöse Bretagne
Foto W-J.Langbein
Die Suche nach den ältesten Kultbauten Europas ... vielleicht der Welt ... führten mich nach Frankreich, in die Bretagne! Südlich von Kermario in Mirhiban wurde 1863 unter einem »Erdhügel« der Dolmen, das »Hünengrab« von Kercado, entdeckt und archäologisch untersucht. Beeindruckend ist der fast sieben Meter lange Gang in die eigentliche Grabkammer. Tonnenschwere Steinmonster bilden die Wände. Riesige Steinungetüme kamen als Deckenplatten zum Einsatz. Drei mal zwei Meter groß ist der Deckstein der Kammer. Wie mag man diesen Koloss befördert haben? Wie hat man ihn angehoben auf die massiven Wände gesetzt?

Die Anlage von Kercado war kein »Grab« nach unserem heutigen Verständnis. Sie wurde nicht erstellt, um einem einzelnen Menschen als letzte Ruhestätte zu dienen. Kercado war wohl eher so etwas wie ein Versammlungsort oder eine »steinzeitliche Kirche«. Archäologische Untersuchungen ergaben: Rund drei Jahrtausende lang wurde die mysteriöse Anlage genutzt ... für Riten welcher Art auch immer! Wann aber wurde Kercado gebaut? Mir scheint, dass der Kultbau immer älter wird, je gründlicher er untersucht wird. Ohne Zweifel ist Kercado aber deutlich älter als Stonehenge: 5830, vielleicht sogar 6600 Jahre!

Ganggrab von Kercado´
Foto Gerhard Haubold
Offen gesagt: Es stünde der Wissenschaft gut zu Gesicht, zuzugeben ... dass man nicht wirklich weiß, warum und zu welchem Zweck – zum Beispiel – Kercado gebaut wurde. Vorschnell bekommen solche Objekte Etiketten aufgeklebt. Ein steinzeitliches Denkmal kann ja nur einem unbekannten Kult gedient haben ...

Von Larmor-Baden fuhr ich mit der Fähre zum kleinen Inselchen Gavrinis. Dabei passierte ich das winzige, nur ein Zehntel Quadratkilometer »große« Eiland von Er-Lannic. Es birgt eines der vielleicht größten Mysterien unseres Planeten! 1923 entdeckte der Archäologe Zacharie Le Louzic einzelne Menhire auf dem kahlen Fleckchen steiniger Erde im Golf von Morbihan. Unberechenbare Strömungen machten einen Besuch der Steinriesen zum Risiko, Le Louzic aber ließ sich nicht abschrecken.

Mehrere Jahre lang untersuchte er die stehenden Steine von Er-Lannic ... und entdeckte immer mehr von den roh behauenen Steinbrocken. Einige waren wohl schon vor Jahrtausenden umgestürzt. Andere waren im Lauf der Ewigkeiten im Erdboden versunken. Und wieder andere ... standen oder lagen vor der Insel ... auf dem Meeresgrund! Le Louzic machte eine sensationelle Entdeckung: Der »Steinkreis« von Er-Lannic ist in Wirklichkeit eher eine riesige »Acht«, von der nur ein kleiner Teil zu sehen ist. Nur ein knappes Drittel der massiven Steine, die diese Formation (in Gestalt einer 8!) bilden, steht heute auf der Insel ... der Rest auf dem Meeresgrund!

Geheimnisvolles Er-Lannic: Fotos W-J.Langbein
Am Titicaca-See, bei den Sillustani-Türmen (Peru), sah ich im staubigen Wüstensand eine ähnliche Formation. Auch dort formieren zwei Steinkreise eine liegende Acht. Die »Acht« von Er-Lannic besteht aus zwei »Nullen«. Die nördliche hat einen Durchmesser von 65 Metern, die südliche ist geringfügig kleiner (Durchmesser 61 Meter). Der nördliche Kreis wird aus Monolithen von zweieinhalb bis fünf Metern Höhe gebildet. Wo sich beide Kreise der »Acht« berühren, erhob sich einst ein Monolith von immerhin sieben Metern Höhe. Eine archäologische Untersuchung einiger dieser Menhire ergab, das sie in einem Fundament aus kleineren Steinbrocken und Erde aufgestellt wurden ... Die zentrale Frage aber lautet: Wann soll das geschehen sein? Und zu welchem Zweck?

Kultautor Jacques Bergier gab mir schmunzelnd eine Antwort: »Diese ›Achten‹ stellen die Augen der großen Muttergöttin dar!« Auch Harald Braem, Direktor eines »Kultur-Instituts für interdisziplinäre Kulturforschung und Professor für Kommunikation und Design, geht von einer Ur-Kultur der Muttergöttin aus. Er verweist auf die häufig anzutreffende heilige »Acht« (1):

»Die Form der Kultanlage Er-Lannic gleicht aus der Luft gesehen haargenau den achtförmigen Ringwällen von Tara. Später stellte ich fest, dass die Konstruktion von Doppelkreisen kein Zufall ist, sondern wohl einem in der Megalithkultur weit verbreiteten Gestaltungsprinzip entspricht: Die riesigen Steinkreise von Avebury in Südengland, weitere bei Stonehenge und bis nach Schottland hinauf sowie vergleichbare Kultanlagen in Norddeutschland, Frankreich, Spanien und auf den Kanarischen Inseln folgen dem gleichen Prinzip, das manche Wissenschaftler scherzhaft ›die Augen‹ oder die ›Brille der Großen Göttin‹ nennen.«

Sillustani- Steinkreise
Foto W-J.Langbein
Man kann ja davon ausgehen, dass jene Menhire, die heute unter Wasser stehen, nicht von Tauchern aufgestellt wurden. Die »Acht« von Er-Lannic muss also erstellt worden sein, als die kleine Insel größer war ... also als der Meeresspiegel deutlich tiefer lag. Der Meeresspiegel muss sich inzwischen um mindestens fünf Meter gehoben haben! Es ist richtig, dass bei Ebbe der Meeresspiegel tiefer liegt. Dann ist auch mehr von der »Acht« zu erkennen als bei Flut. Aber auch bei Ebbe liegt ein großer Teil der Steine der mysteriösen Formation unter Wasser! Wann also lag der Meeresspiegel tief genug, damit alle Menhire von Er-Lannic im Trockenen aufgestellt werden konnten? Vor 10.000 Jahren? War damals Er-Lannic noch mit dem Festland verbunden? Konnten die Bewohner der Bretagne damals die heutige Insel Er-Lannic trockenen Fußes erreichen? War also das Eiland Teil des Festlandes? Die Menhire der Bretagne und jene von Er-Lannic wurden von den gleichen Baumeistern installiert!

Wir wissen so gut wie nichts über die einstigen Bewohner von Er-Lannic. Archäologen entdeckten auf dem winzigen Eiland einen vorzeitlichen Friedhof und einige »Kultplätze« mit »Altären«. Einst sollen auf ihnen zu Ehren der Götter heilige Feuer entzündet worden sein. Bedenkt man, wie klein die Insel ist, so mutet es verblüffend an, wie viele steinzeitliche Werkzeuge entdeckt wurden. 15.000 Feuersteinsplitter, die eindeutig bearbeitet worden sind, weisen auf emsiges Treiben hin. Dienten sie einst als Schaber oder Messer? Besondere Beachtung verdienen die 421 Steinklingen, 152 glatt polierten Beile (ganz oder bruchstückhaft erhalten) und 150 Mahlsteine, die von sorgsam arbeitenden Archäologen registriert wurden!

Vor Jahrtausenden muss es durch beträchtliche Klimaerwärmung zum Ansteigen des Meeresspiegels gekommen sein. Wie war das möglich, ohne das frevlerische Wirken von C02 erzeugenden Automobilisten unserer Tage?

Fußnote
1 Braem, Harald: »Magische Riten und Kulte/ Das dunkle Europa«, Stuttgart 1995, S. 102

2012 - Endzeit und Neuanfang - Buch von Walter-Jörg Langbein jetzt lesen!

»Geheimnisvolles Gavrinis«,
Teil 2: Das mysteriös »Grab«
Teil 117 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15.04.2012


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Freitag, 6. April 2012

Sylvia B.: Was auch gesagt werden sollte ...

ich spüre
dass es mir ein tiefes bedürfnis ist
eine antwort zu schreiben
auf meine art
die mir kompromissloser erscheint
in dieser mischung aus lyrik und prosa
ohne komma und ohne punkt

da ist ein krieg entfacht worden
wenn auch nur verbal
alte knacker
die sich auf hohem niveau
die federkiele um die ohren schlagen
in selbstgefälliger manier
jeder für sich wissend
welcher gott denn jetzt der richtige sei
welcher glaube denn berechtigt ist
die sprachrohre der andersgläubigen
als maulhelden zu bezeichnen

es steht mir nicht zu
in dieser sache ein urteil zu fällen
ich bin kein richter und auch kein henker
ich muss zudem gestehen
es fehlt mir an wissen um die dinge
um das zu revidieren
muss ich nur eine frage beantwortet haben
bestimmt wird sich jemand die zeit dazu nehmen
eine unwissende zu belehren

stellen wir uns einen raum vor
aufbewahrt darin
die zerfetzten leiber von toten kindern
lässt es sich ermitteln
wenn jemand proben des blutes dieser kinder
entnehmen würde
welcher glaubensrichtung
diese leiber angehörten
als sie noch
lebendige kinder waren

welche religion
hat das blut

so könnte ich meine frage stellen

und noch etwas kommt mir in den sinn
weil ja von erinnern die rede ist und dem
nicht vergessen dürfen
einen denkfehler hat es schon einmal gegeben
ob es diesmal wieder einer ist oder nicht
sei einfach dahin gestellt
aber wenn ich erinnern darf
was auch nicht vergessen werden sollte
es sind nur zwei namen
Hiroshima und Nagasaki

Ein Opfer der Bombe
damals wurde es versäumt
das blut den toten
zu entnehmen
und rein wissenschaftlich
die zugehörigkeit einer religion
zu ermitteln
wäre es damals erfolgt
müsste ich heute
meine frage nicht stellen

ich bitte um verzeihung
für mein einfältiges einmischen
in die diskussion auf hohem niveau
aber vielleicht ist es möglich
da es ja um glaubensfragen geht
quasi auf spirituellem wege
sich von der ebene der macht
auf die
der verantwortung zu begeben und
nach möglichkeit
sich auch dort weiter aufzuhalten
damit
das verhindert wird
was seinerzeit
den krieg beendet hat
nachdem
die bomben
gefallen sind
auf
Hiroshima und Nagasaki

Sylvia B.



Donnerstag, 5. April 2012

Karl May - Glanz und Elend eines Bestsellerautors

Teil 3: Karl May, Marie und ich
Walter-Jörg Langbein


Karl May um 1906
Foto: Erwin Raupp
Karl May war schon zu Lebzeiten ein Superstar. Unzählige Leserinnen und Leser bombardierten ihn mit Briefen. Kaum eine andere Bewunderin kam aber Karl May so nahe wie Marie Hannes. Marie Hannes (1881-1953), seit einem Unfall chronisch krank, nahm 1896 per Briefpost Kontakt mit Karl May auf. Marie lernte May dann 1897 – 16-jährig – persönlich kennen.

Familie Hannes war vom fabulierenden May begeistert. Der Sachse gab sehr überzeugend den Bestsellerautor, der tatsächlich als Old Shatterhand Blutsbruderschaft mit Winnetou geschlossen hatte ... und der als Kara Ben Nemsi wirklich echte Abenteuer mir Hadschi Halef Omar durchlebt und durchlitten hatte. Kurz, Karl May ließ keinen Zweifel an der Wahrheit seiner geschilderten Erlebnisse aufkommen. Er erzählte, ließ sich von der eigenen Begeisterung mitreißen ... und entführte vor allem Marie und ihren Bruder Ferdi in seine Fantasiewelten.

Marie Hannes schwärmte für Karl May. Und Karl May scheint die schwärmerische Zuneigung der jungen Frau genossen zu haben. Eine geradezu familiäre Bindung entstand. So bezeichnete Marie Karl May gern schwärmerisch als ihren Onkel. Und Karl May akzeptierte diesen Titel.

Anno 1897 erschien Karl Mays Roman »Weihnacht«.Anno 1900 schickte May Marie Hannes ein Exemplar mit persönlicher Widmung:

May-Widmung für Marie Hannes, Sammlung Langbein
»Meinem Mariechen,
die mein Liebling ist,
von
ihrem Onkel Karl,
welches der Verfasser ist.
Radebeul, Dresden,
d.6./11. 00«

Karl May, auf dem Zenit seiner Popularität, wurde in der Presse immer wieder angegriffen. May-Feind Lebius attackierte die Legenden von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi. Karl May selbst versuchte, seine Abenteuer als symbolhafte Märchen zu erklären. Marie Hannes aber glaubte nach wie vor, dass »Onkel Karl« wirklich erlebt hatte, was er in seinen Büchern schilderte.

Wie innig die Beziehung zwischen Marie Hannes und Karl May waren, belegt der umfangreiche Briefwechsel zwischen dem Schriftsteller und seiner Verehrerin. Marie Hannes schrieb: »Meinem herzallerliebsten Onkel Karl!« May antwortete am Heiligen Abend 2012: »Mein Liebling« (1)

Und so verfasste sie eine Schrift mit all den faszinierenden Legenden, die ihr »Onkel Karl« doch selbst erzählt hatte. Marie Hannes wollte ihre Verteidigungsschrift unter dem Titel »Allerlei von Karl May« veröffentlichen.

Daran aber war Karl May ganz und gar nicht gelegen. So bat er seine Frau Klara, sich doch an Marie Hannes zu wenden. Angeblich wollte Klara das Manuskript lesen. Marie Hannes schickte der Gattin Mays ihr Traktat und schrieb eine nicht für die Öffentlichkeit gedachte, vernichtende Kritik. Marie Hannes aber sollte erfahren, was Karl May von ihrer Verteidigungsschrift hielt. Wieder war es Klara May, die Marie Hannes kontaktieren musste. So kam die junge Frau in den Besitz von Mays Ausführungen über »Allerlei von Karl May«. Marie verstand die Welt nicht mehr. Hatte sie doch, empört über die Anfeindungen durch Lebius und Co., ihrem »Onkel« Beistand leisten wollen. War sie doch nach wie vor davon überzeugt, dass sich die Heldentaten der fiktiven May-Helden wirklich so abgespielt hatten!

Marie Hannes
als Vierzehnjährige
Hatte sie doch beabsichtigt, der Welt den ihrer Meinung nach wahren Karl May, alias Old Shatterhand, alias Kara Ben Nemsi vor Augen zu führen ... Karl May allerdings wollte sich von diesen einst angeblich »realen Gestalten« verabschieden. Karl May war entsetzt. Auf keinen Fall durfte das Bändchen veröffentlicht werden! Angeblich vernichtete er das Manuskript. Sicher schätzte May die Situation richtig ein: Die flammende »Verteidigungsschrift« hätte ihm damals sehr geschadet!

Marie Hannes war zutiefst verletzt. So brach der direkte Kontakt zwischen Marie und May ab. Erst 1906 besuchte Marie Hannes Karl May wieder in der »Villa Shatterhand«. Marie Hannes hatte sich von ihren fantasievollen Vorstellungen verabschiedet. Sie akzeptierte nun, dass Mays Romane nur in der Fantasie »wahr« waren. Aber traf dies nicht auf unzählige Werke der Weltliteratur zu? Waren die Abenteuer von Tom Sawyer und Huck Finn, von Mark Twain ersonnen, nicht auch nur Fiktion? Und hatte nicht James Fenimore Cooper (1789-1851) seinen Lederstrumpf erfunden? Auch Miguel de Cervantes hatte seinem fiktiven Don Quijote (Don Quixote) ein ewiges, unvergängliches Denkmal geschaffen. Keinem dieser Literaten wurde je vorgeworfen, fantasiert zu haben.

Namenszug Marie Hannes, Sammlung Langbein
Für Marie Hannes konnte es jetzt nur eine Strategie geben. Karl May musste sich radikal von seiner Pseudowirklichkeit abwenden und knallhart zur Realität bekennen. Mag sein, dass die von Marie Hannes geforderte vollkommene Abkehr Karl und Klara May zu weit ging. Wie auch immer: Das Verhältnis zwischen dem greisen, vorgealterten Schriftsteller und seiner Frau einerseits zu Marie Hannes andererseits war von nun an dauerhaft gestört.

Als Karl May am 4. April 1912 in Radebeul beigesetzt wird, verfasst Marie Hannes einen Bericht für das »Radebeuler Tageblatt«. Zu ihrer großen Enttäuschung nimmt Klara May den Text nicht in die Neuausgabe von Karl Mays Autobiografie auf. Folge: Die Verbindung zwischen Klara May und Marie Hannes wird endgültig abgebrochen ...

Vor 100 Jahren starb Karl May. Der berühmte Sachse zählt seit mehr als 100 Jahren zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Welt. Insgesamt sind wohl weltweit mehr als 200 Millionen Karl-May-Bände erschienen. Schon 1881 gab es die erste Übersetzungen von May-Texten ... in französischer Sprache. Vor rund 50 Jahren stellte die UNESCO fest: Karl May ist der meistübersetzte deutsche Autor. Seine Werke wurden in mehr als vierzig Sprachen publiziert. Man kann sie in Bulgarisch lesen ... oder in Vietnamesisch. Englische Übersetzungen allerdings ließen lang auf sich warten.

Zu 100. Todestag von Karl May erschien »The Treasure in Silver Lake«. Marlies Bugmann hat Mays erfolgreichstes und bekanntestes Werk - »Der Schatz im Silbersee« - einfühlsam übersetzt. Der Maysche Friedensgedanke kommt in den Übersetzungen von Marlies Bugmann besonders schön zur Geltung. Man spürt, dass Marlies Bugman eine wirkliche Bewunderin Karl Mays ist.

The Treasure in Silverlake
Foto: Archiv Langbein
Karl May soll selbst versucht haben, bei seiner großen USA-Reise wenige Jahre vor seinem Tode, amerikanische Verleger für sein Werk zu gewinnen. Vergeblich. Es war seine Hoffnung, die amerikanische Bevölkerung auf das unsägliche Unrecht hinzuweisen, das die »Indianer« Nordamerikas nach wie vor zu ertragen hatten. Er wollte den Ureinwohnern Amerikas ein Denkmal setzen, auf ihre Kultur hinweisen ... Vergeblich.

Vor fast einem halben Jahrhundert lebten meine Eltern (Walter und Herty Langbein) mit uns Kindern (mein Bruder Volker und ich) für ein Jahr in Michigan, am Ufer des »Lake Michian«. Wir waren monatelang unterwegs, besuchten fast alle fünfzig Staaten der USA.

Ich las damals schon Karl May ... und war erschüttert von Mays pessimistischer Vision vom Untergang der roten Nation. May schreibt in seiner Einleitung zu »Winnetou I« (1): »Ja, die rote Nation liegt im Sterben! Vom Feuerlande bis weit über die nordamerikanischen Seen hinaus liegt der riesige Patient ausgestreckt, niedergeworfen von einem unerbittlichen Schicksale, welches kein Erbarmen kennt. Er hat sich mit allen Kräften gegen dasselbe gesträubt, doch vergeblich; seine Kräfte sind mehr und mehr geschwunden; er hat nur noch wenige Atemzüge zu tun, und die Zuckungen, die von Zeit zu Zeit seinen nackten Körper bewegen, sind die Konvulsionen, welche die Nähe des Todes verkünden.«

Mesaverde, Indianertänze - Foto: Walter Langbein sen., 1963
Als sich Karl May gegen Ende des 19. Jahrhunderts für die Indianer Nordamerikas einsetzte, verachtete die breite Masse in den Staaten die Indianer als unzivilisierte Wilde. Nach wie vor galt für viele »zivilisierte« Amerikaner: Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer. 1868 hatte Indianerschlächter George Armstrong Custer während des »Winterfeldzugs« an den Ufern des Washita-Flusses ein Dorf der Cheyenne attackiert und dem Erdboden gleichgemacht. Custers Niederlage am Little Bighorn von 1876, wurde zu Mays Zeiten noch als Verbrechen am Weißen Mann gesehen, nicht als Racheakt der gepeinigten Indianer. Und da wollte Karl May Verständnis für den Roten Mann wecken?

Rund ein halbes Jahrhundert erlebte ich als Kind die Ruinen von Mesaverde im Südwesten von Colorado. Die Bauten erinnerten mich stark an die von Karl May beschriebenen Behausungen der Apachen. Rund ein halbes Jahrhundert nach Karl Mays Tod sah ich als Kind das Elend der Indianer, die von ihrem Land vertrieben und in Reservate gesperrt worden waren. Auch als Kind registrierte ich die Trostlosigkeit vieler Indianer, die im Alkohol Vergessen suchten. In den Ruinen von Mesaverde traten Indianer auf, die mich an die stolzen Ureinwohner erinnerten. Sie legten ihre Kostüme an, vollführten kriegerische Tänze ... und gehörten zum Folklore-Programm von Reiseveranstaltern.

Ich erinnere mich an das Unbehagen, das ich empfand, als ich mit meinem Bruder vor »echten« Indianern fotografiert wurde. Waren das die stolzen Brüder und Schwestern Winnetous, die Jahrmarktsdarbietungen boten für die Nachkommen jener, die ihre Vorfahren immer und immer wieder betrogen, vertrieben und ermordet hatten? Heute, 100 Jahre nach Karl Mays Tod, ist der verbrecherische Umgang der weißen Amerikaner mit den roten Ureinwohnern alles andere als aufgearbeitet. Das Empfinden, den Brüdern und Schwestern Winnetous schlimmstes Unrecht angetan zu haben ... und auch heute noch anzutun ... ist meiner Erfahrung nach auch heute nur sehr schwach ausgeprägt. Das moderne Amerika, das sich gern als Weltpolizisten und Verteidiger der Freiheit sieht, sollte endlich damit anfangen, das blutigste Kapitel der eigenen Geschichte zur Kenntnis zu nehmen!

Autor Langbein als Kind in
Amerika .., links vorne
Foto: Walter Langbein sen., 1963
Karl May (2): »Der Rote mußte weichen, Schritt um Schritt, immer weiter zurück. Von Zeit zu Zeit gewährleistete man ihm ›ewige‹ Rechte auf ›sein‹ Territorium, jagte ihn aber schon nach kurzer Zeit wieder aus demselben hinaus, weiter, immer weiter. Man ›kaufte‹ ihm das Land ab, bezahlte ihn aber entweder gar nicht oder mit wertlosen Tauschwaren, welche er nicht gebrauchen konnte. Aber das schleichende Gift des ›Feuerwassers‹ brachte man ihm desto sorgfältiger bei, dazu die Blattern und noch andere, viel schlimmere und ekelhaftere Krankheiten, welche ganze Stämme lichteten und ganze Dörfer entvölkerten. Wollte der Rote sein gutes Recht geltend machen, so antwortete man ihm mit Pulver und Blei, und er mußte den überlegenen Waffen der Weißen wieder weichen.«

Die Botschaft Mays wollte man vor 100 Jahren nicht hören. Sehr viel hat sich daran bis heute nicht geändert.

Anmerkungen des Verfassers

Der Band »Weihnacht«, versehen mit einer handschriftlichen Widmung Karl Mays für Marie Hannes befindet sich in meinem Besitz. Was diese Rarität für mich zur besonderen Kostbarkeit macht:

Karl May schrieb die Widmung am 6. November 1900. Genau 100 Jahre später,auf den Tag genau, am 6. November 2000, haben meine Frau und ich geheiratet.

Zu meiner Karl-May-Sammlung gehören noch weitere Raritäten: Ein Karl-May-Autogramm und eine Fotopostkarte »Karl May vor den Niagara-Fällen«, auf der Rückseite von Klara und Karl May signiert.

May Biografie von
Marlies Bugmann
Fußnoten
1: Wer sich über die spannende, tragische Beziehung von Marie Hannes zu Karl May indormieren möchte, dem sei folgendes Werk empfohlen: Steinmetz, Hans-Dieter und Sudhoff, Dieter: »Leben im Schatten des Lichts«, Bamberg und Radebeul, 1997
2: May, Karl: »Winnetou/ Erster Band/ Reiseerzählung«, Band 12 der Historisch-Kritischen Ausgabe für die Karl-May-Gedächntnis-Stiftung, Ausgabe Haffmans Verlag, Zürich 1990, S. 9

Literaturempfehlungen

3: Es sind einige vorzügliche Biografien von Karl May erschienen, zum Beispiel ...

Heermann, Christian: »Winnetous Blutsbruder: Karl-May-Biografie«, Bamberg und Radebeul 2002


Klußmeier, Gerhard: »Karl May und seine Zeit: Bilder, Dokumente, Texte. Eine Bildbiografie«, Bamberg und Radebeul 2007

Wohlgschaft, Hermann: »Karl May - Leben und Werk«, 3 Bände, Bargfeld/ Celle 2005

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