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Sonntag, 4. November 2012

146 »Das Geheimnis vom Leistruper Wald«

Teil 146 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Was schlummert unter dem
Gestrüpp bei Machu Picchu?
Foto: W-J.Langbein
In Zentralamerika kroch ich manches Mal durch dichtes Urwalddickicht ... auf der Suche nach steinernen Zeugnissen aus uralten Zeiten. In Ecuador quälte ich mich über schlammigen Morastboden ... auf der Suche nach verschollenen Pyramiden. Bei Machu Picchu in den Anden Perus spähte ich nach überwucherten Wegen zu vergessenen Heiligtümern. Und in der Bretagne bestaunte ich Tausende Menhire, die zu schier endlosen Reihen angeordnet worden sind ... vor Jahrtausenden.

In der Umgebung von Machu Picchu soll es noch unentdeckte Ruinen geben ... seit Jahrhunderten überwuchert ... Aber man muss nicht in die Ferne schweifen, um Rätselhaftes zu erkunden ...

Durch Zufall erfuhr ich, dass es sozusagen vor meiner Haustür einen Wald gibt, der bis heute ein steinernes Rätsel hütet ... Bekannt sind die Externsteine bei Detmold. Ein Touristenziel erster Güte ist das »Hermannsdenkmal«, das an den Sieg des Cheruskers über die Römer vor zwei Jahrtausenden erinnern soll. Wer aber kennt den Leistruper Wald bei Diestelbruch, wenige Kilometer östlich von Detmold? Wer weiß, dass hier einst Steinsetzungen errichtet wurden, die jenen in der Bretagne Konkurrenz machen konnten?

Leider wurde den uralten Zeugnissen einer vergangenen Kultur übel mitgespielt. Die Lipper nutzten sie als Steinbruch, zerschlugen so manchen Stein ... und schleppten tonnenweise Steine als Baumaterial in die umliegenden Dörfer. Das erschwert erheblich jeden Versuch einer Rekonstruktion der Steinsetzungen. Ein Besuch lohnt sich allemal. Es gibt einen schönen Rundweg von einigen Kilometern Länge. Der besonders Interessierte wird aber abseits der Wege ins Unterholz kriechen.

Die mysteriösen Externsteine
Foto: W-J.Langbein
Rund vier Quadratkilometer groß ist der Leistruper Wald. Wirklich erforscht wurde sein Geheimnis bis heute nicht. Für die Steinreihen, die heute zu einem erheblichen Teil kaum noch zu finden sind, gibt es eine banale Erklärung: Man habe sie vor gar nicht so langer Zeit errichtet, um das liebe Vieh fernzuhalten. Bis 1850 diente der Wald als Hude. Dann wurde die Hude verboten, das Vieh durfte nicht mehr im Wald grasen.

Als vor 1850 noch Vieh durchs Gehölz trampeln durfte, wurden angeblich Steinreihen geschaffen, um die Rinder und Kühe fern zu halten. Diese »Erklärung« hat mit der Realität nichts zu tun. Wenn verhindert werden soll, dass Vieh in einen Wald eindringt ... genügen einfachste Maßnahmen. Man nagelt oder bindet Querbalken an Bäume, schafft so einen Zaun. Mit Leichtigkeit lassen sich so rasch Waldgebiete absperren. Völlig absurd ist die Behauptung, man habe viele Tonnen an Gesteinsbrocken in langen Reihen verbaut, um dem Vieh Einhalt zu gebieten! Zudem hätten die heute noch vor Ort liegenden Steine keine Kuh daran gehindert, ins verbotene Gehölz zu marschieren ... über die Steine hinweg.

Reste der »Monstermauer« Ende des 20. Jahrhunderts
Foto: Archiv W-J.Langbein
Weitestgehend zerstörte »Hünengräber«, einst aus den gleichen Steinbrocken gebaut, beweisen, dass vor 5500 Jahren emsige »Steinzeitmenschen« sehr aktiv waren. Aus der gleichen Epoche – davon bin ich überzeugt – stammen auch die Steinreihen.

Bereits 1872 fasste ein Oberst Scheppe die Ergebnisse seiner Jahrzehnte währenden Forschungen im Leistruper Wald zusammen. Seine Arbeit trug den Titel »Verschiedenes aus dem alten Sachsenland«, wurde aber nie gedruckt. Scheppe hatte das Gehölz Meter für Meter abgesucht, Stein für Stein sorgsam in umfangreiches Kartenwerk eingetragen. Die Karten sind verschollen. Fast ein Jahrhundert später gelang Walter Knaus der Nachweis, dass die Steinsetzungen vom Leistruper Wald nach astronomischen Gesichtspunkten erfolgt sind. Am 26. Mai 2006 hielt der sachkundige Schweizer für den »Arbeits- und Forschungskreis Walter Machalett« in Horn einen vielbeachteten Vortrag:

»Ein Dornröschenschlaf geht zu Ende«. Die Steinreihen waren keine Schutzmauern gegen Vieheinfall. Sie gehörten vielmehr zu komplexen Kultanlagen. Einst war nicht nur Deutschland, sondern Europa überzogen von »heiligen Straßen« und »sakraler Linien«, über deren Bedeutung viel zu wenig recherchiert wird. Verbanden sie in Vergessenheit geratene Kultorte, zu denen die Menschen vor Jahrtausenden pilgerten? Stellen sie Sternbilder dar, die für die Menschen vor Jahrtausenden als heilig galten?

Reste einer
Steinreihe
Foto: W-J.Langbein
Walter Knaus jedenfalls betonte die Bedeutung der mysteriösen Steine vom Leistruper Wald. Sie gehörten einst in ein großes Schema, das fortgeschrittene Kenntnisse in Kartographie bezeugt. Offenbar gab es einst eine Verbindung zwischen den Externsteinen und den Steinreihen im Leistruper Wald. Unsere Vorfahren waren ganz und gar nicht tumbe Gesellen, die mit Keulen bewaffnet durchs Gehölz zogen. Sie verfügten über ein Wissen, das wir ihnen nach wie vor nicht zubilligen möchten!

Im Leistruper Wald errichteten sie einst eine »Monstermauer«, von der kaum etwas übrig geblieben ist. 1872 soll sie noch vorhanden gewesen sein. Vor Jahrtausenden haben die Menschen im Leistruper Wald harten Stein bearbeitet. Sie versahen Steinbrocken mit Rillen und Löchern. Jene Steine mögen als Opfersteine gedient haben, als Altäre in den Jahrtausenden vor Christi Geburt.

Vor rund 75 Jahren führte Prof. Julius André bei den Externsteinen Grabungen durch. Die von dem gelehrten Mann sorgsam verpackten Artefakte schlummern – bislang nicht wissenschaftlich untersucht – irgendwo in den Kellerräumen des Landesmuseums zu Detmold, wenn sie nicht in den vergangenen Jahren »entsorgt« worden sind. Noch trauriger sieht es um die Erkundung und Erforschung der Steinreihen im Leistruper Wald aus. Sorgsam erarbeitete Karten könnten als Vorlage dienen, um die Bedeutung der Steinsetzungen zu erforschen. Längst verschleppte Brocken waren auf diesem Kartenwerk noch verzeichnet ... die Karten aber sind verschollen.

Bearbeiteter Stein
Foto: W-J.Langbein
Ein Privatforscher aus Detmold, er möchte anonym bleiben, stellte mir die Unterlagen seiner Recherchen zur Verfügung. Ich darf die Ergebnisse zusammenfassen:

Im Leistruper Wald gab es eine Versammlungsstätte aus weit vorchristlichen Zeiten. Steinwälle grenzten den als heilig angesehenen Ort ab. In unmittelbarer Nähe wurden vornehme Stammesmitglieder in Hünengräbern beachtlicher Größe beigesetzt. Womöglich wollte man die Versammlungen bewusst in der Nähe der verdienstvollen Toten abhalten.

Die Gräber wurden längst schon geplündert und abgetragen. Heute sind sie kaum noch als Grabanlagen zu erkennen. In einem der Gräber müssen wiederholt große Feuer gebrannt haben, wobei sehr hohe Temperaturen entstanden. Der lehmhaltige Boden wurde geradezu zu Backstein gebrannt. An manchen Stellen soll der Stein an der Oberfläche so hohen Temperaturen ausgesetzt worden sein, dass es zu Verglasungen kam.

Warum wurde in einem der Hünengräber Feuer entfacht, dessen Temperaturen geradezu höllisch waren? Gab es einen Feuerritus zur Einäscherung besonders verehrter Toter? Könnte man doch die traurigen Überreste der Steinanlagen wie ein Buch lesen ... Dann wüssten wir, ob die sogenannten »Opfersteine« wirklich auch Opfersteine waren ... oder ob sie einem ganz anderen Zweck dienten!

Ein »Opferstein«
Foto Alexander Leischner
Mehrere sehr lange Steinreihen verliefen im Leistruper Wald parallel. Eine Steinreihe bildete eine Kreis. Von diesem Kreis ist noch weniger erhalten als von den geradlinig verlaufenden Wällen.

Wälle, Steinreihen, Steinkreis, Hünengräber ... das alles gehörte zu einem großen sakralen Zentrum, das im Lauf der vergangenen Jahrhunderte beschädigt, verwüstet und weitgehend zerstört wurde. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es kein echtes Interesse an der Erforschung dieses Zentrums. Es verschwinden angeblich auch heute noch Steine aus den einstigen Kultanlagen ... Schwere Maschinen seien zum Einsatz gekommen ...




»Das falsche Gesicht?«,
Teil 147 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 11.11.2012


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Sonntag, 6. Mai 2012

120 »Hünengräber II«

»Riesengräber in Deutschland«,
Teil 120 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Gemeinden von Heiden (NRW) und Vauréal (Frankreich) haben etwas gemeinsam ... In ihren Wappen sind rätselhafte Monumente aus der Steinzeit zu sehen ... Hünengräber! Hünengräber?

Sie sehen aus wie von Riesenkindern aus unförmigen Steinquadern aufgetürmte Tische. Wuchtige Steinmonster bilden die »Beine«, ein gewaltiger Brocken stellt die Tischplatte dar. Im Volksmund werden sie seit Jahrhunderten »Hünengräber« genannt. Warum? Hat man riesenhafte Knochen gefunden? Das nicht. Aber die Menschen konnten sich nicht vorstellen, wie die fantastisch anmutenden Steinkonstruktionen mit normalen Kräften zusammengesetzt worden sein sollen. Da mussten Hünen – also Riesen – am Werk gewesen sein. Und da die tonnenschweren Riesensteintische einst unter Erdhügeln lagen ... stellte man sich vor, dass sie einst monströsen Riesen als Gräber gedient haben müssen.

Eines der Königsgräber von
Haaßel - Foto W-J.Langbein
Ich kann mich gut daran erinnern: Meine Frau und ich erkundeten die Lüneburger Heide mit dem Fahrrad. In Bad Bevensen erkundigten wir uns nach den steinzeitlichen »Königsgräbern von Haaßel«. »Die können Sie gar nicht verfehlen ... Halten Sie sich nördlich, fahren Sie nach Altenmedingen ... von dort aus geht es Richtung Niendorf! Sie liegen an der Straße ... Nicht zu übersehen!« Verfahren haben wir uns zunächst erst einmal doch. Und das lag am Begriff »Berg«. Manches Mal hieß es: »Fahren Sie geradeaus ... und dann vor dem nächsten Berg links ab.« Wie weit es wohl bis zu besagtem »Berg« sein würde? »30 Minuten mit dem Rad ...« Nach einer Stunde stellten wir fest, dass wir den vermeintlichen »Berg« unbemerkt überwunden ... ja gar nicht als »Berg« erkannt hatten.

Der Begriff »Hünengräber« ist frei erfunden. Hünen haben ebensowenig mit den steinernen Denkmälern zu tun wie Hühner. Und in den »Königsgräbern von Haaßel« wurden auch keine Könige bestattet. Auch dieser Fantasiename weist nur auf die staunende Bewunderung der Menschen für die gewaltigen Bauten hin. Heute ist es strittig, ob »Hünengräber« überhaupt Gräber waren. Selbst wenn man in ihnen menschliche Knochen gefunden hat, müssen sie nicht von den Erbauern der Denkmäler stammen.

Entstanden sind die »Königsgräber von Haaßel« vor rund 5500 Jahren, also in der Jungsteinzeit. Es erforderte einiges Knowhow, die Steinbrocken von beachtlicher Größe an Ort und Stelle zu schaffen. Da den Steinzeitmensch des vierten Jahrtausends vor Christi Geburt nur primitivstes Werkzeug zur Verfügung gestanden haben kann, muss man die Konstrukteure und Erbauer bewundern. Wie richtete man die Monolithen auf?

Noch ein Königsgrab von Haaßel
Foto: W-J.Langbein
Wie bugsierte man die in der Regel noch viel größere Steinplatte auf die wuchtigen Stützen? Und schließlich müssen riesige Berge von Erdreich bewegt worden sein, um die Steinkonstruktion unter einem künstlichen Hügel verschwinden zu lassen.

Endete der Großstein-Kult irgendwann – vor Jahrtausenden – abrupt? Und wenn ja, warum? Man hat mit großem Aufwand die »Steintische« mit künstlichen Erdhügeln verkleidet. Gerieten die begrabenen Steinkonstruktionen in Vergessenheit? Wie auch immer: Es dauerte Jahrtausende, bis Wind und Wetter die Erdhügel wieder beseitigt hatten, so dass die »Hünengräber« aus Stein wieder zum Vorschein kamen.

So rätselhaft die Hünengräber auch heute noch sind, so bedauerlich ist es ... dass die meisten dieser steinzeitlichen Meisterleistungen unwiederbringlich zerstört und abgetragen worden sind. Man bedenke: um 1850 waren allein im Landkreis Uelzen etwa 250 solcher Steinanlagen bekannt. Heute sind davon kaum mehr als zehn erhalten geblieben. Die übrigen 240 wurden mit zum Teil erheblichen Kraft- und Arbeitsaufwand zerstört und zerschlagen. Man verwendete die zerschlagenen Findlinge beim Bau von Straßen, Mauern und Fundamenten für Häuser. »Praktische« Nutzung als Steinbruch führte zur unwiederbringlichen Vernichtung uralten Kulturguts.

Rätselhafte Hünengräber in der Heide
Foto: W-J.Langbein
Ich habe erhebliche Zweifel an der Theorie, dass die »Hünengräber« als letzte Ruhestätte für besonders wichtige Persönlichkeiten dienten. Tatsache ist: Im zweiten Jahrtausend vor Christus bestattete man vornehme Tote in simplen Holz- oder Steingräbern. Man gönnte ihnen Schmuck, aber auch Waffen ... in ihren höchst bescheidenen unterirdischen Behausungen. Warum soll man Jahrtausende zuvor um ein Vielfaches aufwendigere Konstruktionen errichtet haben, um wichtige Tote in der letzten Ruhestätte zu betten?

Vor rund zwei Jahrtausenden wurde es noch schlichter: Die elbgermanischen »Fürsten« wurden nach ihrem Ableben kremiert. Ihre Asche wurde in Keramikgefäßen bestattet. Darüber wurden als Denkmäler kleine Hügelchen aus Erdreich aufgetürmt. Sollten die »Buckelgräber« der frühen nachchristlichen Zeit tatsächlich die jüngsten Nachfolger der »Hünengräber« sein? Wenn ja, und ich bezweifele das, gab es im Lauf der Jahrtausende keine Höherentwicklung vom Primitiven zum technisch Aufwendigeren, sondern umgekehrt von der Meisterleistung zum Einfachen, geradezu Simplen.

Als die »Hünengräber« vor fünf Jahrtausenden entstanden, bestimmte ein Eichenmischwald das Landschaftsbild. Auf dem nicht besonders fruchtbaren Boden gedieh auch die Birke gut. Die Erbauer der »Hünengräber« – wenn die emsigen Bauern denn wirklich die Erbauer waren – bestellten karge Felder. Ihre bescheidenen Höfe nährten bescheidene, anspruchslose Menschen.

Steintisch ... Grab ... steinzeitliches
Geheimnis - Foto: W-J.Langbein
Die Landschaft der Lüneburger Heide hat vor fünf Jahrtausenden wohl kaum anders als heute ausgesehen. Die Bauern hatten Gerste und Weizen auf ihren Feldern ... und Schafe, Ziege, Schweine und Rinder in den Stallungen.

Die meisten Hünengräber sind in den letzten Jahrhunderten verschwunden. Die jüngeren »Buckelgräber« trifft man noch häufiger an. Sie standen der wachsenden Landgewinnung für die Feldwirtschaft nicht so im Wege.

Wer hat die »Hünengräber« gebaut? Gab es vor Jahrtausenden so etwas wie eine gesamteuropäische Kultur, von der wir nicht erst seit der Finanzkrise weiter denn je entfernt sind? Schriftliche Zeugnisse aus jenen Zeiten gibt es keine. So wissen wir so gut wie Nichts über das Denken der damaligen Menschen. Auch wenn die meisten »Hünengräber« längst wieder verschwunden sind, so wissen wir Erstaunliches: »Hünengräber« wurden vor Jahrtausenden in ganz Europa gebaut: im Mittelmeerraum ebenso wie in den küstennahen Regionen Westeuropas bis hinauf nach Norddeutschland ... und weiter im Norden in Skandinavien!

Mit meiner Frau erkundete ich vor 30 Jahren die »Hünengräber« Norddeutschlands. Mit dem Fahrrad erfuhren wir die wunderschöne Lüneburger Heide, deren Geheimnisse bis heute nicht wirklich erforscht worden sind.

Ein Hünengrab in der Bretagne
Foto: W-J. Langbein
Jahre später kroch ich in den »Hünengräbern« der Bretagne herum ... und bewunderte die mysteriöse Kultanlage von Gavrinis ... einen bunkerartigen, schlauchförmigen Gang in einem pyramidenförmigen, künstlich aufgeschütteten Hügel. Mein Vater besuchte mit mir vor mehr als vierzig Jahren die Bretagne. Ich kann mich gut an einen kühlen Herbstabend erinnern. Mein Vater hatte sich bei einem alten Bauersmann nach dem Weg erkundigt, war ins Gespräch gekommen.

Und plötzlich führte uns der greise Franzose durch einen muffigen Hühnerstall ... durch eine Scheune in einen schmuddeligen Hinterhof. Fast an eines der bäuerlichen Gebäude angelehnt ... sahen wir einen stolzen Bau aus der Steinzeit, ein »Hünengrab« aus uralten Zeiten.

»Die anderen Bauern lachen ... « erklärte uns der alte Mann. »Sie verstehen nicht, warum wir diese Hinkelsteine nicht gesprengt und beim Stallbau vermauert haben!« Der Franzose wurde ernst. »Aber das verbietet doch der Respekt vor den Leistungen unserer Vorfahren! Mein Großvater hat es als Schande angesehen, die alten Bauwerke zu zerstören!«

Zur Erinnerung: Auch Gavrinis (Bretagne) ist so etwas wie ein »Hünengrab« ... das noch im Erdreich steckt. Solche oder ähnliche mysteriöse Hügel gab es einst zu Tausenden in ganz Europa.

Fallingbostel, Holzstich Ende
19. Jahrhundert
Archiv W-J.Langbein
Die »Hünengräber« der Lüneburger Heide – wie jene von Fallingbostel – sind nur noch so etwas wie Skelette der einstigen Sakralbauten. Welchem Zweck sie einst wirklich dienten, wir wissen es nicht. Wenn doch nur einer der Baumeister vor 5.000 Jahren Zeichen in die Megalith-Bauten geritzt hätte, die wir heute wie ein Buch lesen könnten. Es gibt aber keinerlei Aufzeichnungen aus jenen Tagen. So sind wir auf Vermutungen und Spekulationen angewiesen.

Die heutige Form der »Hünengräber« täuscht, führt in die Irre. Wir dürfen nicht vergessen: Sie waren nicht als überirdische Hinkelstein-Bauten gedacht. Sie waren als unterirdische Räume gebaut, als unterirdische »Bunker«. Es waren unterirdische Räume mit tonnenschweren Mauern und Decken ... gebaut für die Ewigkeit ... und keine Gräber im heutigen Sinne.

»Hünengräber III«,
»Höhlen, Hügel, Pyramiden«,
Teil 121 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13.05.2012



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Sonntag, 29. April 2012

119 »Hünengräber«

Teil 1: »Hölle, Atomkraft und eine Fernsehantenne«,
Teil 119 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der ältliche katholische Geistliche redet auf meinen Vater ein. Dabei gestikuliert er wild und sein Gesicht nimmt fratzenhafte Züge an. Ich – als Kind – empfinde den seltsamen Mann als furchteinflößend. Der Mann hätte problemlos und ohne Maske in einem Film wie »Nosferatu« als Untoter auftreten können. Rückblickend muss ich an den Sketch von Loriot denken (1): der Horrordarsteller Viktor Dornberger alias Vic Dorn sieht in Natura schon so monsterhaft aus, dass eine Maskierung gar nicht erforderlich ist.

Einer der teuflischen Dolmen
Foto W-J.Langbein
Während des ausführlichen Monologs des Pfarrers in einem ländlichen Gasthof übersetzt mein Vater immer wieder, was ihm der sonderbare Mann schwadronierend vorträgt. (2) Immer wieder, so mein Vater, hat der Geistliche vor den Gefilden von Yeun Elez in der Bretagne gewarnt. »Meidet diese teuflischen Denkmäler ... diese Tische des Todes!« Damit meinte er Hünengräber und Dolmen. »Fromme Christen haben sie dort errichtet, wo der Teufel sein Reich verlassen konnte. So sollte ihm der Zugang in unsere Welt der Lebenden verwehrt werden!«

»Hütet Euch vor Yeun Elez ... das ist der Eingang zur Hölle!« Heute weiß ich: der Priester warnte vor »Tir Na N’Og«. In vorchristlichen Zeiten galt das einstige Moor tatsächlich als ein Portal in eine andere Welt, freilich nicht in eine christliche Hölle, sondern in die Anderwelt. Vor der Christianisierung glaubten die Bretonen, dass durch das Tor ein Land der ewigen Jugend besucht werden könne. Erst christliche Missionare verteufelten »Tir Na N’Og«.

Jahrzehnte sind seit meinem ersten Besuch in der Bretagne, zusammen mit meinem Vater, verstrichen. 1979 wollte ich das Erlebnis in meinem ersten Buch (3) schildern. Verleger John Fisch empfahl mir, die Geschichte für einen Folgeband zurückzuziehen. Bis heute blieb die Episode unveröffentlicht.

Ich habe inzwischen recherchiert und entdeckt, dass jene Gefilde von Yeun Elez allerlei finstere Gestalten zu bieten haben. Ein unheimlicher Riese namens Gawr soll einst in einem steinernen Grab beerdigt worden sein. »Tod und Verderben wird der Gigant mit dem Schlangenschwanz über Frankreich und die Welt bringen!« Ich erinnere mich deutlich daran, sehe meinen Vater zusammenzucken, wie ihm der unheimliche Priester seine apokalyptischen Visionen ins Ohr schreit.

Der bösartige Riese sei eingesperrt, in einem von Menschenhand gefertigten Gefängnis. Doch wehe, wehe wenn es ihm gelingen sollte, auszubrechen. Überall gebe es Zugänge zur Hölle. Sie seien noch »verstopft«: steinerne »Pfropfen« würden die Satanischen daran hindern, in unserer Welt aufzutauchen. Noch seien sie eingesperrt ... aber wenn sie erst einmal den Zugang in die Welt der Lebenden finden würden ... dann Gnade uns Gott! Die eigenwillige Interpretation des Priesters, was Jahrtausende alte Menhire zu bedeuten hätten, habe ich nirgendwo sonst in der Literatur gefunden.

Einer der Pfropfen in einem
Eingang zur Hölle...
Foto W-J.Langbein
»Brennilis ist der Ort von Armageddon!« keift der Priester damals immer wieder. Der Mensch habe Schuld, wenn die Teufel aus der Erde steigen! »Warum denn das?« will mein Vater wissen. Ende der 30er Jahre sei ein Damm für ein Wasserkraftwerk gebaut worden. Das soll die unterirdischen Teufel zornig gemacht haben. Und 1967 ist direkt am »Tor zur Hölle« ein Atomreaktor ans Netz gegangen. Das Kühlwasser – davon waren die Einheimischen überzeugt – wurde dem Elez-Fluss entnommen. Und der wurde angeblich aus Quellen der Unterwelt gespeist.

Angesichts der Katastrophen, die von Atomreaktoren ausgehen können ... Fukushima lässt grüßen ..., mutet ein Atomreaktor am Tor der Hölle fehlplaziert an. Eine Reaktorpanne könnte ja auch sehr wohl ein höllisches Inferno ausbrechen lassen. In der Bretagne aber ist die Gefahr eines atomaren Desasters weitestgehend gebannt. Der Reaktor wurde Mitte der 80-er Jahre des 20. Jahrhunderts stillgelegt und wird seither nach und nach abgebaut!

Der ältliche katholische Geistliche redet auf meinen Vater ein. Wild fuchtelt er mit den Armen in der Luft herum. Sein Blick macht mir Angst. Mein Vater übersetzt zwischendurch, was der Priester an Unheimlichkeiten zu enthüllen hatte. Waren das die wirren Gedanken eines abergläubischen Katholiken, entstanden in düsteren Nächten der Bretagne?

Eingang in die Unterwelt
der Bretagne - Foto W-J.Langbein
Am 11. Juni 2010 erschien in der Online-Ausgabe der angesehenen »Neuen Zürcher Zeitung« (4) ein Artikel, betitelt »Yeun Elez, das Tor zur Unterwelt«, verfasst von Markus Brupbacher. In der hochinteressanten Arbeit geht es um modernen Aberglauben. Es ist erstaunlich, dass zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus moderne Technologie und Teufels/Geisterglauben miteinander verwoben werden. In »lebendigen Legenden« so berichtet der Journalist, werden offenbar uralter Aberglaube und moderne Errungenschaften miteinander verquickt:
Als ein Damm errichtet wurde, um Wasser für ein Wasserkraftwerk zu stauen, verschwand ein Teil des »Teufelsmoores« unter einem künstlich geschaffenen See.


Fernsehantenne als
Verbindung zwischen
Hölle und Himmel
Foto: Aurore D.
Auf dem 383 Meter hohen Berg Roc'h Trédudon steht ein gigantisches., funktionstüchtiges Denkmal moderner Technologie, eine Errungenschaft heutiger Zivilisation: eine rund 220 Meter hohe Fernsehantenne. Obwohl doch die Funktion dieser Antenne hinlänglich bekannt sein dürfte, findet sie Eingang in den Aberglauben des 21. Jahrhunderts. Angeblich dient sie der Verständigung zwischen Höllenwelt und der »Welt über uns«. Mir scheint, dass wir Jahrzehnte nach der bemannten Flüge zum Erdtrabanten Mond immer noch in der unheimlichen Welt des Aberglaubens verwurzelt sind. Auch im Atomzeitalter entstehen neue Sagen um Unter- und Überirdisches ... und das in einer angeblich so aufgeklärten Welt!

Ein Gedankenexperiment sei mir gestattet... Stellen wir uns vor, vor Jahrtausenden besuchten Außerirdische unseren Planeten. Wie mögen die kosmischen Besucher auf die Menschen gewirkt haben? Hielten sie sie für Götter ... oder für Teufel? Wenn noch heute im modernen Aberglauben eine Fernsehantenne als Kommunikationsmittel zwischen Hölle und Himmel verstanden wird ... welche Formen des »Aberglaubens« mögen dann vor Jahrtausenden entstanden sein?


Erich von Däniken (rechts)
und Walter-Jörg
Langbein - Foto Ilse Pollo
Die Supertechnologie der außerirdischen Besucher – über die ich mit Erich von Däniken in der Bretagne ein interessantes Gespräch führen durfte – muss den Menschen vor Jahrtausenden vollkommen unbegreiflich gewesen sein. Es wäre nur zu verständlich, wenn damals kuriose Aberglauben (»Nicht wissen, aber glauben!«) entstanden wären.

Stellen wir uns nun vor: Der durch außerirdische Besucher entstandene Aberglauben wurde in heiligen Büchern festgehalten, wurde in Mythenform weitergereicht und ist in unseren Tagen noch in alten Sagen existent.

Würden wir den technischen Hintergrund solch uralten Aberglaubens erkennen? Oder würden wir die uralten Überlieferungen als reines Fantasiegebilde tumber Vorfahren abtun?

Das Phänomen der »Hünengräber« ist keineswegs nur in der Bretagne bekannt. Einst gab es in Deutschland Tausende dieser mysteriösen Steindenkmäler. Sie wurden zum größten Teil im Laufe der Jahrhunderte vernichtet. Viele von ihnen fielen dem explodierenden Bedarf an landwirtschaftlichen Flächen zum Opfer. Viele dienten als Steinbrüche und wurden in Häusern verbaut oder als Straßenschotter verwendet. Die wenigsten dieser uralten Monumente sind bis in unsere Tage erhalten geblieben. Besonders schöne Exemplare gibt es in der Lüneburger Heide ...

Hünengrab von Fallingbostel, Holzstich Ende 19. Jahrhundert
Foto: Archiv W-J.Langbein

Fußnoten
1 Loriot 04, »Ruhe bitte! Intime Blicke in die Fernsehstudios«, 05
2 1964 fasste ich mein gespenstisches Erlebnis in einem Schulaufsatz (»Ein Ferienerlebnis«) zusammen. Lehrer Werner Müller war sehr angetan von der kleinen Arbeit und las sie im Unterricht vor.
3 Langbein, Walter-Jörg: »Astronautengötter«. Luxemburg, Weihnachten 1979
4 http://www.nzz.ch/magazin/reisen/yeun_elez_das_tor_zur_unterwelt_1.6034952.html

Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Hünengräber«,
Teil 2: »Riesengräber in Deutschland«,
Teil 120 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 06.05.2012


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