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Sonntag, 21. Juni 2020

544. »Tore in andere Welten«

Teil 544 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Ein Gang unter Palenque
soll in die Vergangenheit führen.
Symbolbild.
Auf meinen Reisen zu den geheimnisvollsten Orten unseres Planeten wurden immer wieder Sagen und geheimnisvolle Geschichten erzählt, die von »Toren in die Vergangenheit« berichten. In »Mexico City« hörte ich von einem Archäologen, irgendwo in der »Unterwelt« von Palenque gebe es ein Tor zu einem unterirdischen Gang. Man müsse das Fundament einer eingestürzten Pyramide ausgraben. Im Schutt der Ruine werde man eine Treppe finden, die in die Tiefe, weit unter die Erdoberfläche führt. So gelange man in einen Gang, der mit zahlreichen Nischen ausgestattet sei. Am Ende des Ganges aber komme man an ein massives Tor.

»Wenn es einem gelingt, durch dieses Tor hindurch zu kommen, steht man wieder vor sich einen langen Gang. Wenn man diesem Gang folgt, kommt man irgendwo wieder zurück ans Tageslicht, aber nicht in der Gegenwart, sondern irgendwo in der Vergangenheit. Menschen, die diesen Weg beschreiten, sie scheinen spurlos zu verschwinden. Sie tauchen aber wieder auf, aber in der Vergangenheit.«

Von Toren in die Vergangenheit hörte ich immer wieder. Besonders beeindruckt hat mich »Puerta de Hayu Marca« unweit des Titicacasees in der Gebirgsregion von »Hayu Marca« im südlichen Peru, unweit der Stadt Puno. Das »Tor der Götter/ Geister« wurde von unbekannten Steinmetzen in eine natürliche Felswand gemeißelt. Ein gewisser Jose Luis Delgado Mamani ist zufällig auf die Struktur gestoßen, als er die Region durchwanderte. Er wollte sich mit der Gegend vertraut machen, die er als Führer Touristen zugänglich machen würde. Bekannt ist das Tor aber schon länger. Schon 1928, das ergab mein intensives Literaturstudium, hat ein gewisser Alberto Cuentas das mysteriöse Tor beschrieben.

Aus der Distanz wirkt die Szenerie gespenstisch. Ich fühle mich in die Kulisse eines King-Kong-Filmes versetzt. Eine mächtige »Steinmauer« ragt düster empor. Ist sie als schützende Barriere gedacht? Soll sie die Menschen daran hindern, in das dahinter liegende Gebiet einzudringen? Ich muss über meine Fantasien lächeln. Die steinerne Monsterwand ist ganz ohne Zweifel natürlichen Ursprungs. Über eine Breite von 14 Metern und eine Höhe von sieben Metern wurde der gewachsene Fels massiv bearbeitet. Man hat – wer auch immer – den Stein geglättet, ja poliert. Das eigentliche Tor ist kleiner. Rechts und links wird es von aus der Distanz wie Säulen aussehenden Vertiefungen eingerahmt. Die Abgrenzung nach oben wirkt irgendwie unfertig. Risse durchziehen den Fels. Entstanden sie erst nachdem der Stein geglättet wurde? Oder haben tektonische Veränderungen diese Schäden sehr viel früher angerichtet, also lang bevor das Tor geschaffen wurde?

Fotos 2-5: Das geheimnisvolle Tor von Peru.

»Als ich die Struktur zum ersten Mal sah, wurde ich fast ohnmächtig Ich hatte immer wieder im Laufe der Jahre von so einem geträumt Bau geträumt. Aber im Traum war der Weg zum Tor mit rosa Marmor gepflastert. Rechts und links des Wegs standen rosa Marmorstatuen Spalier. Im Traum sah ich, dass die kleinere Tür offen stand. Es kam ein strahlend blaues Licht aus einem schimmernden Tunnel hinter der Tür. Als ich schließlich Tor und Tür entdeckte, war es für mich wie eine Offenbarung von Gott!«

Ich inspizierte das imposante steinerne Tor mehrfach. Im Tor erkenne ich so etwas wie eine »Tür«, die in den Stein gemeißelt worden ist. Ich messe nach: Sie ist knapp 1,90 hoch und nur 1,10 breit. Einen halben Meter geht sie »in die Tiefe«, in den massiven Stein hinein. Dann endet sie blind. Im Zentrum dieser Tür entdecke ich eine etwa faustgroße Kuhle. Diese Vertiefung soll von besonderer Bedeutung gewesen sein.

Foto 6: Vermessungsarbeiten am »Stargate« von Peru.
Foto Ingeborg Diekmann

Offensichtlich (oder nur scheinbar) führt die Tür im Tor nirgendwo hin. Mir ist es jedenfalls nicht gelungen, sie zu durchschreiten. Die kleine Tür aus Stein im Fels ließ sich nicht öffnen. Die Türöffnung endet blind. Sie soll mit einem besonderen »Schlüssel« zu öffnen sein. Man muss, so heiß es, eine »goldene Kugel« oder eine »goldene Scheibe« in eine »kleine Vertiefung« in der steinernen Türfassung legen, wenn man die Tür im Tor aufschließen möchte. Dann wird ein Gang in den massiven Stein hinein sichtbar. Passiert man ihn, so kommt in eine andere Welt.

Trotz intensiver Literaturrecherche in diversen örtlichen Bibliotheken konnte ich keine archäologischen Informationen zum mysteriösen Tor finden. Lediglich in einem schmalen Büchlein, verfasst von einem »Brother Philip«, wird das Tor als Portal zu anderen Welten beschrieben (1).

Foto 7: Die Tür im Tor.
Bei meinem ersten Besuch vor Ort hatte ich eine interessante Begegnung. Eine alte Dame brachte unweit des Tores auf einem Feld arbeitenden Männern Trinkwasser und Süßkartoffeln. Ich konnte mich mit Hilfe eines Dolmetschers mit der von langen Jahren schwerer Arbeit gezeichneten würdevollen Dame unterhalten. Zunächst hatte sie sich sehr reserviert gezeigt. Als sie aber von Dolmetscher erfuhr, dass ich Theologie studiert hätte, wurde sie gesprächig. Sie war sichtlich erfreut, dass mich ihre Meinung zum Tor interessierte. So erfuhr ich, dass es mündlich überlieferte Legenden gibt, die sich um das steinerne Tor ranken. Demnach kamen einst aus der steinernen Wand fremdartige Götter. Diese mächtigen Wesen kontaktierten Menschen am Titicacasee. Einige wenige wurden ihre Vertrauten. Und nur die engsten Vertrauten erhielten das Privileg, auch das Tor in der Felswand benutzen zu dürfen. Sie konnten dann die Heimat der Götter aufsuchen, aber auch in die Vergangenheit reisen.

Eines Tages entschwanden die Götter mit ihren Vertrauten durch das Tor und blieben lange Zeit verschwunden. Gelegentlich kehrten sie für Stippvisiten zurück. Sie hielten sich aber nie mehr länger auf. Wie das von zahlreichen Göttinnen und Göttern überliefert wird, die in grauer Vorzeit zu den Menschen kamen, so versprachen auch die Götter vom steinernen Tor, sie würden dereinst wieder erscheinen.

Wenn mein Dolmetscher richtig übersetze, dann war die Heimat der Götter zwar unbeschreiblich weit entfernt, sie lag aber auch direkt hinter dem Tor. Man konnte Ewigkeiten reisen, um irgendwann einmal in der Heimat der Götter anzukommen. Man konnte aber auch die »Abkürzung« durch das Tor nehmen. War man erst einmal durch das Tor aus Stein gekommen, dann befand man sich nach einem Schritt schon in der Welt der kosmischen Besucher. Durch das gleiche Tor konnte man aber auch in vergangene Zeiten reisen. So zumindest übersetzte mir der Dolmetscher die Aussagen der alten Dame.

Unweit vom Tor gibt es eine meiner Meinung nach natürlich entstandene Höhle. Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, wie tief sie ist. Um ehrlich zu sein: Mir kam die Höhle unheimlich vor. So habe ich darauf verzichtet, hineinzukriechen. Dem »Sonnentor« von Tiahuanaco (»Puerta del Sol«) indes konnte ich nicht widerstehen. Im Jahr 2000 wurde die mysteriöse Ruinenstätte von Tiahuanaco zum Weltkulturerbe der UNESCO. Bis heute ist nur ein kleiner Bruchteil der einstmals riesigen Anlage archäologisch untersucht. Unter der von der Sonne hart gebackenen Erdkruste harren noch viele Geheimnisse in Stein auf ihre Entdeckung.

Foto 8: Das »Sonnentor« von Tiahuanaco. Vorderseite.
Foto Ingeborg Diekmann

Nach schulwissenschaftlichem Weltbild entstand der Komplex von Tiahuanaco in der Vorinkazeit. Das trifft natürlich zu, nur dürften die vollkommen zerstörten Bauten Jahrtausende älter sein als Archäologen allgemein annehmen. In 4.000 m Höhe gab es hier meiner Meinung nach das Zentrum einer unglaublich hochstehenden Zivilisation: Jahrtausende vor Christus und nicht einige Jahrhunderte nach der »Zeitwende«. Die Baumeister damals konnten mit monströsen Steinplatten wie heutige Kinder mit Legosteinen umgehen. Sie konnten harten Stein präzise schneiden und Rillen in Stein fräsen. Auch müssen sie über Bohrer verfügt haben, mit denen sie hartem Stein winzige Löcher verpassten. Riesige Steinplatten wurden von kaum vorstellbaren Kräften zertrümmert. Das ganze Areal sieht wie nach einer gewaltigen Explosion aus. Das »Sonnentor« (vor allem die Rückseite) in der kargen Hochebene des Altiplano wirkt unfertig. Ich halte es für möglich dass das »Sonnentor« ursprünglich nicht so wie heute frei in der Landschaft stand. Es mag in ein Bauwerk integriert gewesen sein, so dass nur die Vorderseite sichtbar war. Die Rückseite mag mit diesem Gebäude verbunden gewesen sein, war dann gar nicht sichtbar.

Foto 9: Das »Sonnentor« von Tiahuanaco. Rückseite.

Irgendwann fiel das steinerne, aus einem Monolithen gearbeitete Tor (Breite 3,75 m, Höhe 3 m) um und zerbrach in zwei Teile. Es wurde wieder aufgestellt und zusammengefügt. Die mysteriösen Reliefs auf der Vorderseite sollen, so Prof. Hans Schindler-Bellamy (*1901; 1982), einen geradezu fantastischen Kalender ergeben, der viele Jahrtausende vor der »Zeitwende« entwickelt wurde (2).

Auch das »Sonnentor« wird in esoterischer Literatur gelegentlich als ein »Stargate« bezeichnet. Ich habe ein Experiment gewagt. Erst habe ich einen niedrigen Zaun aus rostigen Eisenstäben überstiegen, was freilich verboten war. Dann bin durch die relativ schmale Öffnung im Tor hindurchgekrochen. Ich kam ein wenig enttäuscht auf der anderen Seite des Tores wieder heraus und landete nicht auf fernen Planetenwelten.

Wer nach Bolivien kommt, sollte unbedingt Tiahuanaco besuchen und besichtigen. Von La Paz aus beträgt die Fahrtstrecke 75 Kilometer. Bitte die Höhe beachten: 4.000 m über Normalnull, da ist die Luft dünn und es kann empfindlich kalt werden.

In meiner fränkischen Heimat soll es einen Eingang in eine andere Welt geben. Irgendwo in der bizarren Juralandschaft des »Kleinziegenfelder Tales« zwischen geheimnisvollen Felsformationen findet sich angeblich ein Felsentor, das als Eingang in die »Anderswelt« dient. Andreas Motschmann berichtete für das »Obermain Tagblatt« (3):

»Im Buch ›Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes‹ von E (lisabeth). Und K(onrad) Radunz wird die Sage ›Der verschwundene Knabe von Wallersberg‹ (4) in der Fassung von H. Barnickel erzählt. Sie stammt von einem Manuskript aus dem Jahr 1936. Leider ist das Sagenbuch zurzeit in den Buchläden vergriffen.

In dieser Volkssage spiegelt sich die Juralandschaft des Kleinziegenfelder Tales an einem heißen Augusttag wider. Die unterschiedlichsten Felsformationen lassen mit ein wenig Phantasie die Sagenfiguren erkennen. Die bekanntesten sind der Mönch, der Predigtstuhl und der Rolandsbogen. Inzwischen sind diese sagenumwobenen Felsen und Torbögen vom Baumbewuchs freigelegt und in voller Größe sichtbar.

In dieser Wallersberger Sage ist das Felsentor der Eingang in die ›Anderswelt‹, und es ist nicht selbstverständlich, sich einen Eintritt zu verschaffen. Nur mit einem ›Schlüssel‹ lässt sich das Tor öffnen. Der Sagenheld hat mit seinem frisch gepflückten Kornblumenstrauß den passenden Schlüssel in der Hand und findet Einlass. Von dem Alten bekommt der Junge alles Lebensnotwendige und schließlich die Belohnung dafür, dass er die ihm übertragenen Aufgaben erledigt hat.

Zehn Jahre lang erfüllt er pflichtbewusst die Arbeiten, doch dann übermannt ihn die Neugier. Die Quittung für den Fehltritt kommt prompt. Mit der Abfindung und seinem Kornblumen–›schlüssel‹ muss er den Heimweg antreten. Die überglückliche Magd findet ihren Sohn am Kornblumenfeld, aber das Wiedersehen ist getrübt. Aus dem kleinen Jungen ist der ›Höllenbub‹ geworden.«

Das mysteriöse Erlebnis in der Anderswelt muss für den »Höllenbub« recht dramatisch, ja traumatisierend gewesen sein. Die Legende schließt so (5): »Aus dem Burschen ist ein verschlossener Mann geworden, der selten lachte, aber auch nie richtig traurig war.«

Im »Höhlengleichnis« von Platon (*427; †347 v. Chr.) sehen die Menschen, gefangen in einer unterirdischen Höhle, nur einen matten Abglanz von der Wirklichkeit. Sie nehmen nicht die Realität wahr, sondern nur ihren Schatten, den sie für die Wirklichkeit halten. Hand aufs Herz: Wir sind heute, aller Wissenschaft zum Trotz, nur dazu in der Lage, die Schatten der Wirklichkeit zu sehen, die fantastischer sein mag als selbst unsere kühnsten Fantasien!

Fußnoten
(1) »Philip, Brother«: »Secret of the Andes«, Novato, 5. Auflage 1998 (Erstausgabe London 1961)
(2) Bellamy, Hans Schindler: »The Calendar of Tiahuanaco/ The Measuring 
system of the oldest civilization«, London, 1956
(3) Motschmann, Andreas: »Der verschwundene Knabe von Wallersberg«, https://www.obermain.de/lokal/obermain/art2414,567100 (Stand 04.05.2020)
(4) Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes«, Lichtenfels 1996, Seite 117 und 118
(5) Ebenda, Seite  118, 12. Und 13. Zeile von oben


Zu den Fotos
Foto 1: Ein Gang unter Palenque soll in die Vergangenheit führen. Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 2-5: Das geheimnisvolle Tor von Peru. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Vermessungsarbeiten am »Stargate« von Peru. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 7: Die Tür im Tor. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Das »Sonnentor« von Tiahuanaco. Vorderseite. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 9: Das »Sonnentor« von Tiahuanaco. Rückseite. Foto Walter-Jörg Langbein


545. »Elohim der Himmel«,
Teil 545 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28. Juni 2020


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Sonntag, 13. Januar 2019

469 »Der Kaiser, Kelten und Gott Krodo«

Teil 469 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Tikal, Guatemala – Steile Stufenpyramiden

In den 1980-ern und 1990-ern war ein schweißtreibendes Abenteuer noch gestattet, das heute weitestgehend verboten ist. In Guatemala (Tikal) wie in Mexiko (Palenque) durfte man die eine oder die andere Pyramide besteigen. Die Stufen waren schmal, Treppen steil und der Weg nach oben höchst anstrengend. Und es war nicht ungefährlich. Ein Fehltritt hätte genügt, schon wäre man im wahrsten Sinne des Wortes abgestürzt. Die fantastischen Denkmäler überstanden die Jahrhunderte. Tikal entstand vom dritten bis ins 9. Jahrhundert. Als Karl der Große in Europa Heidentempel zerstören ließ, entstanden in Zentralamerika einige der schönsten Pyramiden: vergleichbar mit Treppen in den Himmel.

Treppen in den Himmel gibt es auch in zahllosen christlichen Gotteshäusern. In den 1980-ern und 1990-ern war ein schweißtreibendes Abenteuer noch gestattet, das heute weitestgehend verboten ist. In Guatemala (Tikal) wie in Mexiko (Palenque) durfte man die eine oder die andere Pyramide besteigen. Die Stufen waren schmal, Treppen steil und der Weg nach oben höchst anstrengend. Und es war nicht ungefährlich. Ein Fehltritt hätte genügt, schon wäre man im wahrsten Sinne des Wortes abgestürzt. Die fantastischen Denkmäler überstanden die Jahrhunderte. Tikal entstand vom dritten bis ins 9. Jahrhundert. Als Karl der Große in Europa Heidentempel zerstören ließ, entstanden in Zentralamerika einige der schönsten Pyramiden: vergleichbar mit Treppen in den Himmel.

Treppen in den Himmel gibt es auch in zahlrlosen christlichen Grotteshäusern, deren Türme den steilen Pyramiden von Mexiko und Guatemala nicht unähnlich in den Himmel ragen. Das Münster zu Hameln bietet einen wahrlich »himmlichen Blick«.

Foto 2: Blick vom Turm des Hamelner Münsters.

Wir schreiben das Jahr 780 n. Chr. Kaiser Karl der Große betreibt mit harter Hand die Christianisierung der Sachsen. Besonders verhasst sind ihm Denkmäler, die die alten heidnischen Götter zeigen und die offenbar immer noch von Gläubigen aufgesucht und verehrt werden. Anscheinend sah es der missionierende Kaiser als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, die Statuen der alten Götter zerstören zu lassen.

Folgt man Forstsekretär Julius Gottfried Eberhardt Leonhard, dann gab es für den frommen Kaiser allein auf diesem Gebiet viel zu tun. Vermeldet doch Leonhard anno 1825 in seinem Werk »Die Harzburg und ihre Geschichte« (1) eine Vielzahl von heidnischen Gottheiten, deren Heiligtümer Karl der Große zerstören lassen wollte. »Irmen«, nach Leonhard »Gott des Krieges und der Gerechtigkeitspflege«, muss dem mächtigen Herrscher ein Dorn im Auge gewesen sein. Ein Götze namens »Irmen« erfreute sich offenbar bei den »Heiden« großer Beliebtheit. Er wurde, so Leonhard (2) »zu Ehrensburg, jetzt Stadt Berge an der Lippe«, verehrt. Ein »Ehrensburg, jetzt Stadt Berge an der Lippe«, freilich kann ich nicht ausfindig machen. Wurde die Schreibweise ihres Namens neuerlich geändert?

Von »wikipedia« (3) erfahre ich, dass es im 8. Jahrhundert »in einiger Entfernung von der Eresburg, dem heutigen Obermarsberg« eine Irminsul gab. Sollte das die Stätte gewesen sein, an der laut Leonhard »Irmen« verehrt wurde? Wurde aus der »Ehrensburg« (Leonhard!) »Eresburg«? Das liegt, meine ich, nahe.

Fakt ist, dass Karl der Große just dort ein Kloster gründete. Es war weit verbreitet, einstmals heidnische heilige Plätze in christliche zu verwandeln. Wo zu heidnischen Zeiten ein Tempel stand, wurde von christlichen Missionaren so manches christliche Gotteshaus errichtet. Überliefert ist weiter, dass Karl der Große anno 772  eine Irminsul zerstören ließ. Umstritten ist allerdings bis heute, wo diese Säule zu Ehren des Irmen stand. Anno 863 vermeldete der Mönch Rudolf von Fulda in »De miraculis sancti Alexandri« (»Von den Wundern des heiligen Alexanders«):»

Foto 3: Der Ceibabaum
Sie verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe, den sie in ihrer Muttersprache ›Irminsul‹ nannten, was auf Lateinisch ›columna universalis‹ bedeutet, welche gewissermaßen das All trägt.« Die Legende von den Wundern des heiligen Alexanders wurde anno 863 im Kloster Fulda von Rdulf von Fulda begonnen und noch im 9. Jahrhundert von Meginhard niedergeschrieben.

Eine Säule die das All trägt? Diese Vorstellung war einst weit verbreitet. So stand bei den Mayas der Ceiba-Baum im Zentrum ihres Kosmos.

Einen Ceibabaum habe ich nie erklommen, wohl aber die eine oder andere Mayapyramide in Guatemala und Mexiko. Und wenn ich auf der obersten Plattform ankam, dann war ich erschöpft und verschwitzt wie in einer Sauna. In der Tat: Ich fühlte mich dort oben dem himmlischen Elysium bedeutend näher als unten bei den Pyramidenwächtern. Ganz ähnlich erging es mir, als ich bei sommerlicher Hitze den Turm des Münsters zu Hameln erstieg und schließlich die hölzerne Tür hochgewuchtet und ins Freie geklettert war. Der Blick auf das scheinbar sehr tief unter mir liegende Hameln war himmlisch. Die Weser war zu einem kleinen Rinnsal geschrumpft. Das nordeuropäische Pendant zum Weltenbaum der Mayas war Yggdrasil, die Weltesche, die ebenso den Kosmos verkörpert wie der Ceiba-Baum.

Solche Weltenbäume wurzelten in der Unterwelt und stützten den Himmel. Im Mithraskult gab es statt eines Baums eine achtteilige Leiter zwischen Erde und Himmel. Offensichtlich gab es unterschiedliche Variationen von Bildern, die alle einander ähnelten und für die Verbindung zwischen Erde und Himmel standen. Ob Weltesche Yggdrasil der Germanen, ob steile Stufenpyramide der Mayas oder der biblische »Turm zu Babel«, immer geht es um eine Verbindung zwischen Erde und Himmel. Und häufig geht es darum, dass man über diese Verbindung aus dem Himmel zur Erde und auch wieder von der Erde zurück in den Himmel gelangen kann. Ich darf an Jakobs Himmelsleiter erinnern (4): »Da hatte er einen Traum: Siehe, eine Treppe stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.«

Die »Royal Society Open Science« untersuchte Märchen und kam zu erstaunlichen Ergebnissen (5). Im Märchen »Jack und die Bohnenstange« klettert ein Junge eine wundersame Bohnenranke empor und gelangt schließlich in den Himmel. Dort hausen Riesen, denen Jack nur mit Mühe entkommt. Das  angesehene »Smithsonian Institute« (6) berichtete über die Forschungsergebnisse der »Royal Society Open Science«. Demnach wurzeln die Ursprünge vom Bohnenstangenmärchen weit in der grauen Vergangenheit, sind wohl 5.000 Jahre alt.

Manche unserer Märchen, so fasste »Science News« sind sehr viel älter als man gewöhnlich annimmt. Titel der »Science News«-Meldung (7): »Kein Ammenmärchen: Ursprünge einiger Geschichten reichen Jahrtausende zurück«. Untertitel (8): »Statistische Analyse von Sprachevolution hilft das Alter von erzählten Geschichten zu datieren«. Mit anderen Worten: Schon vor Jahrtausenden gab es Geschichten über Menschen, die von der Erde in den Himmel kletterten. Die »Irminsul« ist lediglich eine nur gut ein Jahrtausend altes Pendant zu sehr viel älteren »Säulen«, »Bäumen« oder »Leitern«.

Foto 4: Stand hier einst in luftiger Höhe die Irminsul?

Wo aber stand die letzte »Irminsul«? Bei der Eresburg? Oder auf einem der Externsteine? Standort Externsteine für die Irminsul ist durchaus denkbar. Weile doch Karl der Große anno 784 im Lipperland, um in der Stadt der Osterräder Weihnachten zu feiern. Von hier aus konnte der Herrscher bequem die Externsteine erreichen und die Irminsul zerstören lassen. Einer von der Wissenschaft stark angezweifelten Überlieferung zufolge soll Karl der Große damals versucht haben, den Brauch des Laufs der Feuerräder in Lügde abzuschaffen. Ihm sei der heute noch zelebrierte Brauch zu heidnisch gewesen. Da die Bevölkerung angeblich das Verbot des Kaisers nicht akzeptierte und die brennenden Räder von Anhöhen weiter ins Tal bis an die Emmer rollen ließen, sei aus dem heidnischen Feuerräderlauf der christliche Osterräderlauf geworden. Allerdings ist der Brauch für die Zeit Karls des Großen nicht nachweisbar.

Foto 5: Ein brennendes Rad rollt zu Tal (Osterräderlauf Lügde).

Heute findet der Osterräderlauf am Abend des Ostersonntag statt, gewöhnlich gegen 21 Uhr. Vielsagend war der Spruch, den anno 1985 eines der hölzernen Räder zierte: »Meine Ahnen sind die Kelten und Germanen, jetzt lauf ich in Christi Namen.«


Foto 6: Eines der Lügder Osterräder.

Schon im Jahre 780 soll Karl der Große im Harz von einem Gott namens Krodo alias Crodo erfahren haben. Zu seiner Empörung verehrten die Menschen diesen seltsamen Gott zutiefst und beteten sein Standbild an. Arglos die Heiden dem christlichen Herrscher mit, ihr Gott sei Krodo. Und ihr Denkmal stelle eben diesen Crodo dar. Empört soll Karl der Große ausgerufen haben: »Krodo ist euer Gott, der Krodo-Teufel!«

Foto 7: Krodo wird zerstört.

Eine Lithographie, etwa 1840 entstanden, zeigt wie Kaiser Karl »Die Zerstörung des Götzenbildes Crodo« beaufsichtigt. Mehrere recht muskulöse und spärlich bekleidete Männer rücken dem Krodo-Denkmal zuleibe. Die einen wollen ihn mit einem Seil vom Podest zerren, andere schwingen gleichzeitig schwere Hämmer, um die von den sächsischen Heiden verehrte Figur zu zertrümmern.


Zur Lektüre empfohlen:

Foto 8: Sehr lesenswert!

Vogler, Mike: »Rätsel der Geschichte«, eBook, Dresden 2014
Voglers Buch ist Teil 1 einer inzwischen auf 5 Bände angewachsenen Reihe. Das Werk ist sowohl als Taschenbuch als auch als eBook erhältlich!

Fußnoten
(1) Leonhard, Julius Gottfried Eberhardt: »Die Harzburg und ihre Geschichte«, Fleckeisensche Buchhandlung, Helmstedt 1825
(2) ebenda, Seite 23,Zeilen 11-13
(3) wikipedia, Stichwort »Irminsul«, Stand 05.12.2018
(4) 1. Buch Mose Kapitel 28, Vers 12
(5) https://www.smithsonianmag.com/smithsonianmag/fairy-tales-could-be-older-ever-imagined-180957882/
(6) https://www.sciencenews.org/article/no-fairy-tale-origins-some-famous-stories-go-back-thousands-years
(7) »No fairy tale: Origins of some famous stories go back thousands of years«
(8) »Statistical analysis of language evolution helps estimate storytelling dates«

Zu den Fotos
Foto 1: Tikal, Guatemala – Steile Stufenpyramiden, Treppen in den Himmel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick vom Turm des Hamelner Münsters. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: Der Ceibabaum, kosmischer Baum der Mayas. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Stand hier einst in luftiger Höhe die Irminsul? Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Ein brennendes Rad rollt zu Tal (Osterräderlauf Lügde). Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 6: Eines der Lügder Osterräder. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Krodo wird zerstört. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 8: Sehr lesenswert und zur Lektüre empfohlen! Foto Verlag.


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Sonntag, 9. Juli 2017

390 »Im Tal der 300 Pyramiden«

Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza

Weltweit gibt es Pyramiden, von Ägypten bis Mexico. Atemraubende Steinberge, Treppen in den Himmel, faszinieren mich besonders im Urwald Mexikos. Im Sonnenlicht erstrahlen sie auf geheimnisvolle Weise vor dem Hintergrund des grünen Dickichts, das sie Jahrhunderte lang verborgen hielt. Beim Anblick der herrlichen scharf umrissenen Konturen, die sich so klar und deutlich vom blauen Himmel abheben, vergisst man aber eines: Die Meisterwerke der Baukunst wurden von Archäologen „neuerer“ Zeit ausgegraben und rekonstruiert. Oftmals boten sie, vom Überwuchs befreit, einen traurigen Anblick: So manche Stufenpyramide war nur noch als „Hügel“ zu erkennen.

Scharfkantige Treppenstufen mussten erst wieder mehr als nur einer „kosmetischen Operation“ unterzogen werden. Große Teile der Außenhülle waren abgerutscht und lagen zu Füßen der einst so stolzen Pyramiden. Sorgsam wieder aufgebaut, machen die Pyramiden von Tulum, Palenque und Chichen Itza heute einen frischen Eindruck, so als ob sie eben erst errichtet worden seien und nicht vor Jahrhunderten. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass bei der »Rekonstruktion« mancher Pyramide eine gehörige Portion Fantasie zum Einsatz kam.

Foto 3: Howard Phillips Lovecraft.

Von Chiclayo aus erkundete ich die Gefilde von Lambayeque im nordwestlichen Peru. Anno 2007 lebten auf einer Fläche von rund 15.000 km² über eine Million Menschen. Einst blühten hier zu Vor-Inka-Zeiten erstaunliche Kulturen. Die Chimú-Kultur dominierte in der Zeit von etwa 1250 n.Chr. bis 1470 n.Chr. um die heutige Stadt Trujillio. Ebenso „vorinkaisch“ ist die Sipán-Kultur im La-Leche-Tal an der Nordküste von Peru, deren Bauten  im Zeitraum von ca. 700 bis 1375 errichtet wurden. Noch älter ist die Moche-Kultur. Nach heutigem Kenntnisstand hatte sie ihre Anfänge bereits im 1. Nachchristlichen Jahrhundert und ging im 8. Jahrhundert unter.  Gingen diese Kulturen ineinander über oder entstanden sie unabhängig voneinander? Oder beeinflussten sie sich nur?


Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII.

Von Chiclayo aus erwanderte ich die Bauten dieser drei Kulturen, über die weit weniger bekannt ist als man annehmen möchte. Die Pyramiden, die sie uns hinterlassen haben, erinnern mich an fantastische Schilderungen aus der Feder von H.P. Lovecraft (1) . Bei einem nächtlichen Besuch überkam mich ein komisches Gruseln, vielleicht weil mir die eine oder die andere Schauergeschichte erzählt worden war, von Menschenopfern und grausamen Ritualen. Mächtigen Fürsten seien lebende Diener mit ins Grab gegeben worden, um die Herrschaften im Jenseits standesgemäß zu bedienen. Oder man habe die engsten Vertrauten dahingeschiedener Despoten rituell getötet und die Entleibten dem toten Fürsten zur untertänigsten Betreuung im Jenseits mitgegeben.

Umstritten ist, ob die engsten Vertrauten wie Bedienstete freiwillig aus dem Leben schieden, weil sie im Glanz der Fürsten im Jenseits weiterleben wollten, oder ob sie ungefragt ermordet wurden. Vielleicht glaubten sie, so in ein besseres Leben zu sterben, in ein Jenseits, das viel angenehmer sein würde als für viele Zeitgenossen das Diesseits?

Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten.

Ein katholischer Geistlicher vertraute mir flüsternd an, Gruselstories von Geistern, die den Lebenden von heute das flackernde Lebenslicht ausblasen wollen, gingen auf das Konto von Archäologen. »Man will den Grabräubern Angst machen, ihnen einreden, dass sie höllischen Spuk auslösen, wenn sie die Gräber aus alten Zeiten plündern.« Wirklich beeindruckt scheinen die Grabräuber vor Ort nicht zu sein. Schließlich haben ihre Großväter und Väter bereits die Gefilde von Túcume und Sipán systematisch in Angriff genommen, um bis heute unentdeckte Gräber mythologischer Fürsten ausfindig zu machen. Seit Generationen hofft man auf besonders wertvolle Funde, auf edelste Grabbeigaben, die alle bisherigen Funde in den Schatten stellen.


Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume

Aus Sicht der Toten dürfte es kaum einen Unterschied machen, ob ihre »Ruhe« von Grabräubern oder Archäologen gestört wird. Gewiss, Grabräuber gehen mit den sterblichen Überresten aus alten Zeiten sehr viel brutaler um als Archäologen. Mumien werden wenig zartfühlend ausgewickelt und achtlos liegengelassen. Von alleinigem Interesse sind Goldschmuck und Tonwaren, von reichen Privatsammlern begehrt. Man befürchtet aber auch zu Recht, dass Goldschmuck aus Gräbern immer wieder eingeschmolzen wird, ganz nach Sitte der ach so kultivierten spanischen Eroberer. Archäologen gehen behutsamer mit den Toten um. Ihre wertvollen Grabbeigaben wandern in Museumsvitrinen, so wie auch gut erhaltene Mumien gern in Museen in klimatisierten »Schneewittchensärgen« zur Schau gestellt werden. Von Pietät kann man auch nicht sprechen, wenn Mumien ihren Gräbern entrissen, desinfiziert und konserviert werden, um dann in Museumsdepots zu verschwinden.

Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden

Wirken zum Beispiel die Pyramiden von Chichen Itza, Palenque oder der »Straße der Toten« am Rande von Mexico City heute, als wären sie eben erst gebaut worden, so erscheinen jene von Túcume und Sipán geradezu vorsintflutlich alt. Salopp gesagt: So manche Pyramide in Mexico oder Peru könnte als Kulisse für einen Science-Fiction-Film gebaut worden sein. Per »Zeitmaschine« reisen die Helden in die Vergangenheit, um zu erleben, welche Rituale auf den steinernen Monumenten vollzogen wurden. Die Pyramiden von Túcume und Sipán beflügeln die Fantasie. Sie kommen mir vor, als wären sie nicht Jahrtausende, sondern Jahrhunderttausende Jahre alt! Es bedürfte eines H.P. Lovecraft, um diese rätselhaften Monumente längst vergangener Zeiten angemessen zu beschreiben.

Lovecraft fabulierte fantasiereich über eine ominöse Stadt »tief in der arabischen Wüste« (2): »Die zeitzerfressenen Steine dieser altersbleichen Überlebenden der Sintflut, dieser Ur-Urahnin der ältesten der Pyramiden, verhießen Furcht – und eine unsichtbare Aura stieß mich ab und gebot mir, vor diesen unheildrohenden Geheimnissen zu fliehen, die kein Mensch je erschauen sollte.« Was Lovecraft über »seine Stadt ohne Namen« fabulierte, trifft exakt auf die Pyramidenstädte von Túcume und Sipán zu (3): »Ich erkannte, dass die Stadt in der Tat einst gewaltige Dimensionen aufgewiesen hatte, und fragte mich, woher diese Größe gerührt haben mochte. Ich malte mir die ganze Pracht einer Epoche aus, … als die Menschheit noch jung war.«

Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt

Anno 1880 entdeckte der deutsche Ingenieur Hans Heinrich Brüning unweit der Zucker-Plantage Patápo im Lambayeque-Tal, Peru, kostbare Grabbeigaben aus Gold einer unbekannten Kultur. Er staunte nicht schlecht, als er erkannte, dass es sich bei seltsamen Pyramiden in staubtrockener Wüste um gewaltige Pyramiden aus Adobe-Ziegeln handelte. Heute wissen wir, dass in jenen Gefilden Menschen den Göttern geopfert wurden. Anno 1533 wurden im Lambayeque-Tal 119 Menschen mit wuchtigen Axthieben ins Jenseits befördert. Warum? Gab es eine Hungerzeit, spricht schlechte Ernten? Spielte das Wetter verrückt? Wollte man sich die Götter wieder gewogen machen, die man als Urheber des Unglücks ansah? Antworten auf diese Fragen sind rein spekulativ.


Bleiben wir bei den Fakten! Verstreut im Lambayeque-Tal gab es wohl einst an die 300 Pyramiden. Die größte Pyramide von Túcume, »huanca larga«, misst in der Länge 700 Meter, in der Breite fast 300 Meter und hat eine Höhe von 40 Meter (4). Warum wurde diese größte Pyramide der Welt gebaut? Warum entstanden so viele, teils kaum kleinere Pyramiden? Wie viele Menschen waren damit beschäftigt, Millionen und Abermillionen von Ziegeln aus Lehm zu formen und an der Luft in der Sonnenglut hart werden zu lassen? Wollte man künstliche Berge erschaffen, auf denen Tempel errichtet wurden? Je höher der Berg, je höher die Pyramide, umso näher war man ja den himmlischen Göttern!

Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge.

Dieses Streben nach einem Weg zu den Göttern findet sich schon im »Alten Testament«. Der »Turm zu Babel« (5) war nichts anderes als ein babylonischer Himmelshügel, »Zikkurat« genannt. Die »Zikkurat«, zu Deutsch »hoch aufragend/aufgetürmt, Himmelshügel, Götterberg«, hat eine lange Vorgeschichte. Bereits in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends sind auch in Elam, im Südwest-Iran, einwandfrei nachgewiesen. Auch in Mesopotamien baute man sie. Übrigens: Wie die Pyramiden von Túcume und Sipán wurde auch der biblische Turm zu Babel aus gebrannten Lehmziegeln gebaut (6): »Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel.«  Ziel: Aufstieg in den Himmel (7): »Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.« Das missfiel den Göttern. Nachdem sie den Turmbau inspiziert hatten, stand ihr Entschluss fest (8): »Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.«

Wiederholt war ich in Túcume, wiederholt stand ich vor den Pyramiden, die eindeutig künstlich sind, von Menschenhand geschaffene Monsterberge in der Wüste.

Fußnoten
1) * 20. August 1890 in Providence, Rhode Island; † 15. März 1937 in Providence, Rhode Island
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 5-8 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
3) ebenda, Zeilen 6 und 10-12 von unten
4) Die Maßangaben variieren je nach Quelle.
5) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
6) ebenda, Vers 3
7) ebenda, Vers 4
8) ebenda, Vers 7

Foto 10 Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Howard Phillips Lovecraft. Historische Aufnahme, wikimedia commons
Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
     Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
 

391 »Unterwegs in Túcume«,
Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.7.2017


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Sonntag, 1. Mai 2016

328 »Vom Nabel der Welt ins All«

Teil 328 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Weltenbaum der Maya

Zum ersten Mal begegnete ich dem mysteriösen Objekt im Jahr 1978. Ein Geistlicher zeigte mir einen kuriosen Gegenstand: Das Ding war etwa dreißig Zentimeter lang und aus sehr dunklem, offenbar sehr hartem Holz geschnitzt. Es war lang und schmal, lief nach unten spitz zu. An den drei abgeflachten Seiten der ›Spitze‹ waren geometrische Figuren zu erkennen, die mich an Schlangen erinnerten. Diese Spitze machte ungefähr eine Hälfte des Fundobjekts aus. Die obere Hälfte bestand aus dem sorgfältig geschnitzten Oberkörper eines menschlichen Wesens, offenbar eines Mannes. Wann genau es zu dem merkwürdigen Fund kam? Nach Angaben des Geistlichen machte er seine Entdeckung 1968.

Foto 3: Ein »Phurba«
Der Geistliche hatte das hölzerne Objekt bei nicht genehmigten Grabungen in seiner kleinen Kirche unter dem Mittelgang gefunden. Der Priester hat offenbar systematisch Steine aus dem Fußboden des Gotteshauses gelockert, entfernt und darunter gegraben. Hat er sich damals – also vor mehr als vierzig Jahren – »nur« der Sachbeschädigung schuldig gemacht? Oder lagen gar Akte der Kirchenschändung vor? Wichtig ist, dass der Pfarrer sachkundig alles wieder in Ordnung brachte, so dass keinerlei Spuren einer Beschädigung erkennbar waren. Ja zu Beschädigungen sei es gar nicht gekommen, weil nur Steine gelockert, gelöst, herausgenommen und später wieder eingesetzt worden seien. Aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen wurde der Fund nie gemeldet. 

Inzwischen ist der Geistliche verstorben. Was aus dem merkwürdigen »Ding« wurde? Ich weiß es nicht. Wie kam das eigenartige Gebilde unter den Fußboden des Gotteshauses? Es ähnelte auf das Verblüffendste einem »Phurba« aus Tibet! In meiner kleinen Sammlung sakraler Objekte befindet sich ein solcher »Phurba«, aus Holz geschnitzt. Das 23 Zentimeter lange und bis zu fünf Zentimeter breite kleine alte Kunstwerk wurde, wie man mir mitgeteilt hat, in Nepal gefertigt. Mit so einem Dolch hat alter Mythologie zufolge Gott Vajrakila (auch Vajrakumara genannt) Dämonen und Geister gebannt.

Ursprünglich war der »Phurba« wohl von profaner Natur und diente als Hering der Verankerung und Sicherung von Zelten. Im sakralen Bereich markierte man mit einer geweihten Phurba heilige Stätten, etwa Plätze für einen Tempel. Und schließlich gilt er auch als die  »Achse der Welt«.

Die Weltachse, im Latein des Christentums »axis mundi« genannt, ist fester Bestandteil des Menschheitserbes. Im Christentum sah man den Kreuzigungshügel von Golgatha bei Jerusalem als Mittelpunkt der Welt an. Auf diesem »Nabel der Welt« stand wie ein heidnischer »Weltenbaum« das Kreuz Christi. In der Tat gab es den »Nabel der Welt« schon Jahrtausende vor dem Christentum.

Foto 4: Wohin reiste der Mann von Palenque?

Im »Mithras-Kult« stand im »Nabel der Welt« eine hohe Leiter, die Terra mit den acht Himmeln verbunden hat. Auch die Maya wussten von einer solchen Verbindung zwischen Erde und Himmel. Die Weltachse – etwa von Palenque – führte in den Himmel. Was verstanden die Maya unter »Himmel«. Verstanden sie darunter ein jenseitiges Reich der Verstorbenen? Oder glaubten sie in weiter zurückliegenden Zeiten an Götter, die tatsächlich leibhaftig in den Himmel empor steigen konnten? Wohin reiste also der Mann von Palenque? Ins All? Ins Totenreich? In den Himmel?

In diesem Zusammenhang denken wir natürlich an die Grabplatte von Palenque unter dem Tempel der Inschriften, an die fantastische Darstellung, die 1968 das Cover von Erich von Dänikens »Erinnerungen an die Zukunft« zierte. Nach wie vor wird gestritten und diskutiert. Steigt da eine Seele empor in den Himmel? Oder fällt der Verblichene hinab ins Totenreich? Oder sehen wir – und diese Sichtweise drängt sich uns auf – einen Astronauten im Raumanzug?

Foto 5 : Ceiba-Baum, Tikal
Vergessen wir nicht die Hopi-Indianer. Auch sie verehrten die »Weltachse«. Sie führte aus eine unterirdischen Höhle empor in den Himmel. Die Katchinas pendelten zwischen Himmel und Erde . Ganz ähnlich, nur konkreter, war die Mythologie der Maya. Die Maya von Yucatán verstanden einen Ceibabaum (Kapokbaum) als Weltachse. Seine Wurzeln im Unterirdischen versinnbildlichten die Unterwelt, sein mächtiger Stamm die Welt der Lebenden und seine Krone den Himmel. Diese Interpretation, das will ich betonen, habe ich nirgendwo in der Literatur gefunden!

Ist es nicht sehr interessant, dass in manchen Überlieferungen der »Nabel der Welt«, also das »Zentrum der Welt« exakt dort festgemacht wird, wo die Verbindung zwischen Himmel und Erde besteht? Sollte auf diese Weise die immense Bedeutung der Orte hervorgehoben werden, wo die Himmlischen vom Himmel herab zur Erde kamen und wo sie wieder gen Himmel auffuhren?

Auch auf der Osterinsel gab es einen »Nabel der Welt«, der durch ein steinernes Ei gekennzeichnet wurde. Auch wenn es meines Wissens nach auf der Osterinsel keine Überlieferung von einer »Weltachse« gab, so waren den Osterinsulaner sehr wohl fliegende Götter bekannt. Deren prominentester Vertreter war der geradezu legendäre Make-Make, der ja den ersten Bewohner vom Atlantis der Südsee zur Osterinsel geflogen haben soll, als seine Heimat in den Fluten des Meeres versank. 

Foto 6 : Riese aus Stein
Die Vergangenheit der Osterinsel ist nebulös und mythenumrankt. Die neuere, jüngere Vergangenheit dieses herrlichen Eilands ist zwar weitestgehend bekannt, wird aber nach wie vor gern verdrängt. Ob das daran liegt, dass den Menschen von »Rapa Nui« bis weit ins 20. Jahrhundert hinein entsetzliches Leid zugefügt wurde? Wiederholt wurde das kleine Inselchen überfallen, wurden vor allem Männer in die Sklaverei verschleppt. In der Fremde kamen die meisten der Entführten ums Leben. Sie starben an Erschöpfung, fielen Krankheiten zum Opfer. Als schließlich die letzten Überlebenden in die Heimat zurückkehren durften, brachten sie Krankheiten mit, so dass fast die gesamte Bevölkerung dahingerafft wurde.

So ist es nur zu verständlich, dass die Einheimischen den Erforschern der alten Geschichte der Osterinsel mit Misstrauen begegneten. Von Fremden hatten die Vorfahren nie Gutes erfahren. Sollte man den Nachkommen der Peiniger von einst die geheimen Überlieferungen aus uralten Zeiten offenbaren? Die Entzifferung der Osterinselschrift wurde keinem der Fremden anvertraut. Und wie sieht es mit den heiligen Überlieferungen aus?

Bei meinem ersten Besuch auf der Osterinsel im Oktober 1992 erzählte mir weit nach Mitternacht der
Foto 7 : Make-Make, fliegender Gott der Osterinsel
»Chef« meiner kleinen Pension, dass die berühmten Osterinselkolosse auch so etwas wie »Weltachsen« seien und Unterwelt und Himmel miteinander verbänden. Die Unterwelt werde durch Kammern in den Sockeln dargestellt, auch durch Gräber. Was die meisten Besucher der Insel nicht wissen: Es gab einst eine Verbindung zwischen Bestattungen von Menschen und den Plattformen, die als Fundamente für die Statuen dienten. Mag sein, dass direkt unter diesen Plattformen einst besonders würdige Insulaner bestattet wurden. Fest steht, dass es in unmittelbarer Nähe der Plattformen Gräber gab.

Die hohe Statue stehe für die Welt der Lebenden, aber auch für die Verbindung zwischen Erde und Himmel. Und die roten Zylinder auf den Häuptern der Osterinselkolosse symbolisierten den Himmel. In der Literatur fand ich allerdings eine derartige Interpretation der Osterinselriesen nicht.

Fotos 8 und 9 : Zwei »Weltachsen«: Maibaum und auf der Grabplatte von Palenque

Auch in unseren Gefilden gibt es Brauchtum, das nach wie vor gepflegt wird. Es hat seinen Ursprung in der »heidnischen« Weltachse. Und die wird auch heute noch, besonders im ländlichen Bereich des Freistaats Bayern aufgerichtet. Man nennt sie im Volksmund – Maibaum. Über den Ursprung des Maibaums kann man nur spekulieren. Geht der Brauch auf germanische Baum-Rituale zurück? Ist der heutige Maibaum vage Erinnerung an die von den Germanen in Wäldern verehrten Götter? Oder liegt der Ursprung des christlichen Brauchs des Maibaum-Aufstellens sehr viel weiter zurück in der Vergangenheit? Hat man Stein durch Holz ersetzt? Richtet man heute Maibäume auf, so wie man vor Jahrtausenden mit sehr viel größerem Aufwand gewaltige Menhire in die Senkrechte brachte?

Vor Jahrtausenden wurden riesige Steinmonolithen bewegt, transportiert und mühsam platziert. Warum? Zu welchem Zweck?


Foto 10 : Die Katchinas pendelten zwischen Himmel und Erde

Literatur zum Thema Osterinsel


Heyerdahl, Thor: »Aku-Aku/ Das Geheimnis der Osterinsel«, Berlin 1972
Lee, Georgia: »The Rock Art of Easter Island/ Symbols of Power, Prayers to the Gods«, Los Angeles 1992
Foto 11: »Phurba«
Machowski, Jacek: »Insel der Geheimnisse/ Die Entdeckung und Erforschung der Osterinsel«, Leipzig 1968
Mann, Peggy: »Land of  Mysteries«, New York 1976
Mazière, Francis: »Insel des Schweigens/ Das Schicksal der Osterinsel«, Frankfurt 1966
Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971
Orliac, Catherine und Michel: »Mysteries of  Easterisland«, London 1995

Zu den Fotos:
Fotos 1 und 2: Weltenbaum der Maya. In Foto 2 (rechts) habe ich den Weltenbaum markiert. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Ein »Phurba«.  Foto 3 zeigt den gleichen »Phurba« wie Foto 11, aus anderer Blickrichtung. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Wohin reiste der Mann von Palenque? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5 : Ceiba-Baum, Tikal. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6 : Riese aus Stein. Im Bild: Statue, Hund, Autor Langbein. Foto privat
Foto 7: Make-Make, fliegender Gott der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9 : Zwei »Weltachsen«: Maibaum und auf der Grabplatte von Palenque. Foto 8: Heidi Stahl. Foto 9: Walter-Jörg Langbein
Foto 10 : Die Katchinas pendelten zwischen Himmel und Erde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: »Phurba«. Foto 11 zeigt den gleichen »Phurba« wie Foto 3, aus anderer Blickrichtung. Foto Walter-Jörg Langbein

329 »Gesar, der Göttliche mit Menschenhaut«,
Teil 329 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.05.2016

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