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Sonntag, 9. August 2020

551. »Von der Pyramide in die Unterwelt«

Teil 551 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Monstermauern, Mumien und Mysterien« – ein Resümee von rund fünfzig spannenden Jahren (m)einer Reise zu den geheimnisvollsten Stätten unseres Planeten. 550 Folgen (m)einer Sonntagsserie. Nr. 1 erschien am 17. Januar 2010. Diese Zeilen schreibe ich am 21. Mai 2020, »Christi Himmelfahrt«.

Die Welt bereisen wollte ich schon als Kind, als ich Karl Mays wunderbare Werke förmlich verschlang. Ich wollte Abenteuer wie »Old Shatterhand« im fernen Amerika und wie »Kara Ben Nemsi« im Orient bestehen.

1968 wurde ich 1968 von der »Dänikenitis« (1) befallen. Kennzeichnend für die »Dänikenitis« sind Symptome, auf die ich auf keinen Fall verzichten möchte: Reisefieber steht da an erster Stelle. Nichts kann es wirklich stillen, und das ist gut so. Je mehr man reist, desto stärker wird es. Wer ihm nachgibt, dessen Sehnsucht wächst. Je mehr Mysterien man erforscht, desto mehr möchte man ergründen. Es ist, scheint mir, eine Art Sucht.

Ein weiteres Symptom: Wachsende Neugier auf das Unbekannte bei gleichzeitiger Ablehnung vorgekauten »Wissens«. Und: Der von Dänikenitis Befallene denkt lieber selbst und verlässt gern die ausgetretenen Pfade von »Vordenkern«. Ich selbst verdanke dem großartigen Erich von Däniken (*1935) rund fünfzig spannende Jahre. Von Ägypten bis Zentralamerika gibt es zahllose Monumente, die an der Richtigkeit der Geschichtsschreibung zumindest doch stark zweifeln lassen. Die monströsen Riesensärge von Sakkara zum Beispiel werde ich nie vergessen.

Foto 1: »Verloren« in der Wüste - die »Djoser Pyramide« (Sakkara).

Von der Djoser-Pyramide aus blickte ich hinaus in eine steinige Höllenglut von Wüste (2). Ein einheimischer Guide erklärte mir: »Überall gibt es noch unentdeckte komplexe unterirdische Anlagen ungeahnten Ausmaßes. Immer wieder werden neue Säle unter dem Wüstenboden ausfindig gemacht. Es ist schon vorgekommen, dass parkende Busse urplötzlich einbrachen und in einem unterirdischen Schlund zu versinken drohten. Zum Glück wurde dabei noch niemand verletzt! Es wurde mit großer Wahrscheinlichkeit erst ein kleiner Teil der unterirdischen Welt entdeckt!«

Prof. Hans Schindler-Bellamy (*1901; †1982) bestätigte: »Einst gab es im Wüstenboden ein Gewirr von zahllosen unterirdischen Gängen, Räumen und Sälen. Da wurde eine Unterwelt erschaffen, von deren Größe wir keine Vorstellung haben.« Auguste-Ferdinand-François Mariette (*1821;†1881) war eher zufällig in die Region von Sakkara gekommen. Ursprünglich wollte er Manuskripte aus der Frühzeit Ägyptens finden. Er gab aber frustriert auf und hoffte auf andere Sensationen. Würde er in den Gefilden von Sakkara Sphingen ausgraben können? Rücksichtslos setzte er Dynamit ein, um mit Gewalt einen Zugang zur Unterwelt von Sakkara zu finden. Tatsächlich hatte er Erfolg, hätte dabei aber leicht tödlich verunglücken können.

Foto 2: Von hier aus ging’s
zum Eingang in die »Unterwelt«.
Am 12. November 1851 tat sich der Boden unter Auguste Mariette im wahrsten Sinne des Wortes auf. Offenbar hatte er ein unterirdisches Gewölbe »entdeckt«. Die von ihm ausgelöste Detonation hatte ein Loch in eine steinerne Decke unter dem Wüstenboden gerissen. Auguste Mariette stürzte in die Tiefe. Wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Erst als sich der Staub gelegt und man Mariette eine Fackel gereicht hatte, erkannte er, wo er sich befand: in einer gewaltigen unterirdischen Gruft, im »Serapeum« von Sakkara. Aber war Mariette wirklich der »Entdecker« der fantastischen Unterwelt? Luc Bürgin (*1970), ein blitzgescheiter Schweizer Journalist, Publizist und Schriftsteller, hat ausgiebig recherchiert (3): »Ebenso umstritten bleibt, ob und wo der französische Abenteurer Paul Lucas (*1664; †1737) bereits über ein Jahrhundert vor Mariette dort unten herumkroch.«

Ich erinnere mich an meinen Besuch in Sakkara anno 1986. Die Hitze setzte mir arg zu, als ich die leider doch recht marode Pyramide von Sakkara umrundete. Ein schmächtiges Männlein mit gewaltigem Turban führte einen noch schmächtigeren kleinen Esel mit sich. Beide sahen aus, als wären sie einem Roman von Karl May entsprungen, sie waren aber real. Der Hüter des Esels war sichtlich enttäuscht, als ich mich weigerte, sein Grautier als Reittier zu nutzen. Ich wollte dem Tierchen nun wirklich nicht meine Last zumuten. Der Mann strahlte aber, als ich ihm das für einen Ritt geforderte kleine Trinkgeld zusteckte, ohne mich auf den armen Esel zu schwingen.

Mit einladenden Gesten forderte er mich auf, ihm zu folgen. Nach einem anstrengenden »Marsch« von höchstens einem Kilometer erreichten wir einen Eingang in die Unterwelt, der leicht zu übersehen war. Da ging es über eine Treppe in die Tiefe. Gut zehn Meter unter dem Wüstenboden schließlich standen wir vor einer schmalen Eisentür, die mein Führer mit wichtiger Miene und einem eisernen Schlüssel von beachtlicher Größe öffnete. Gestenreich erklärte mir der Mann den weiteren Weg.

Während sich meine Augen an die wohltuende Dunkelheit gewöhnten, tastete ich mich voran. Und plötzlich stand ich in einer fantastischen Welt, die ohne Probleme als Kulisse für einen SF-Film genutzt werden könnte. Vor mir dehnte sich ein imposanter Gang aus und verlor sich irgendwo in der Dunkelheit. Ich maß die Breite nach: gut drei Meter. Die Höhe schätzte ich auf bis zu zehn Meter. Ich schritt den Gang ab. Wie lang mochte er sein? Mindestens 180, vielleicht 210 Meter. Der gesamte Komplex dieser mysteriösen Galerie kam mir unwirklich vor.

Foto 3: Blick in die »Galerie«.

Ich ging in der Mitte des Gangs. Irgendwo flackerten zwei oder drei Glühbirnen auf. Ich folgte dem Gang weiter und blieb immer wieder stehen. Rechts und links erkannte ich Räume unterschiedlicher Größe. In 24 dieser Räume stand je ein riesiger steinerner Monstersarg. Manche dieser Särge sahen aus, als wären sie aus Beton. Man hatte, so schien es, die Verschalung erst kürzlich entfernt. Die meisten Särge hatten einen massiven Deckel, bei einigen fehlte er. Einige Sarkophage waren nach wie vor verschlossen. Bei einigen war der massive Deckel verschoben worden. Von wem? Von potenziellen Grabräubern? Beim einem der Monstersärge hatte man, wer und wann auch immer, ein Loch in die steinerne Kiste geschlagen, um in das Innere des Sarkophags zu gelangen. Vermutlich hoffte man im Inneren Kostbarkeiten zu finden, hatte es aber nicht geschafft, den tonnenschweren Deckel auch nur ein Stück zu entfernen. Vier der Räume der Galerie waren leer. Ich nehme an, dass auch hier Monstersärge aufgestellt werden sollten. Warum das aber unterblieb? Beendete man das fantastische Projekt vorzeitig?

Foto 4: Der aufgebrochene Sarkophag.
Mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach Mariette erkundete ich die Unterwelt von Sakkara. Nach der glutheißen Wüstenhitze war es im muffigen Gang unter dem Wüstensand geradezu angenehm. Meine Taschenlampe machte es mir möglich, die Größe der Anlage mehr zu erahnen als zu erkennen. Ich tastete mich in einige der Kammern rechts und links des Gangs.

Die Monstersärge sind wirklich atemberaubend. Einen habe ich vermessen: Er war 3,85 Meter lang, 2,25 Meter breit und 2,50 Meter hoch. Die Sarkophagwand hatte oben eine Dicke von immerhin 43 Zentimetern. Verschlossen wurde die beeindruckende Riesenkiste aus Stein einst mit einem Monsterdeckel aus Stein, 62 Zentimeter dick. Nach vorsichtigen Schätzungen wiegt der Sarg mit Deckel rund achtzig, vielleicht sogar einhundert Tonnen.

Jeder dieser Riesensärge wurde aus einem einzigen Klotz aus härtestem Granit gefertigt. Der Steinbruch befindet sich in Assuan, rund 1.000 Kilometer entfernt. Warum machte man sich vor Jahrtausenden die Mühe, die monströsen Steinsärge 1.000 Kilometer in die Einöde der Wüste zu transportieren? Warum wurde die unheimliche Unterwelt nicht direkt bei Assuan geschaffen? Wie bugsierte man diese Steinmonster zehn Meter in die Tiefe, um sie in Räumen entlang eines Ganges zu deponieren?

Foto 5: Sarkophag ohne »Deckel«.

Als ich am 16. April 1986 im Serapeum staunend vor den steinernen Riesensärgen stand, da ahnte ich nicht, dass das Mysterium Serapeum weit größere Ausmaße hat als bis heute offiziell zugegeben wird. Noch einmal Luc Bürgin (4):  »Noch verwirrender: Im Gegensatz zur Fachliteratur soll das Serapeum insgesamt weitaus mehr Sarkophage bergen als offiziell bekannt. Genauer beziffert sagenhafte 40 bis 70 Stück, wie mir bereits vor etlichen Jahren von einheimischen Experten hinter vorgehaltener Hand zugeflüstert wurde. ›Längst nicht alle Gänge der Anlage sind heute für Touristen zugänglich.‹«


Foto 6: Sarkophag mit »Deckel«.

Luc Bürgin fantasiert nicht. Er hat einige der verheimlichten Monstersärge von Sakkara vor Ort in Augenschein genommen. Für ein üppiges Bakschisch schloss ein Hüter der Schlüssel ein rostiges Eisentor auf.  Für wenige Minuten durfte der sympathische Schweizer in einen Teil des unterirdischen Labyrinths eintreten, das sonst offiziell gar nicht zu existieren scheint. Keine Frage: Offensichtlich ist erst ein Teil des Serapeums bekannt. Besser gesagt: Vermutlich wurde bislang nur ein Teil der unterirdischen Anlage offiziell bestätigt und gezeigt, während weitere Teile – warum auch immer – geheim gehalten werden. Und vermutlich sind wiederum weitere Teile bis heute nicht entdeckt worden.

Foto 7: Ein »Nebenraum« der »Galerie«.

Ich vermute, dass der lange Gang mit den Räumen für die Riesensarkophage nur Teil eines komplexen Systems ist. Ich nehme an, dass es noch weitere Galerien gibt, die womöglich untereinander verbunden waren. Angeblich hat man, wie ich vor Ort gehört habe, Hinweise auf schmale Korridore entdeckt, die von der Galerie wegführten. Ein solcher Gang soll eingestürzt, ein zweiter nur ein kurzes Stück passierbar sein. Wohin man wohl gelangt, wenn man diese Gänge wieder passierbar macht? Zu weiteren Galerien? Zu weiteren Räumen mit weiteren Riesensarkophagen? Oder zu anderen Geheimnissen der Unterwelt von Sakkara?


Foto 8: Einer der Monstersärge, fotografiert um 1910.

Wirklich Geheimnisvolles aber vermag nur der zu erkennen, der dazu bereit ist einzugestehen, dass es Mysteriöses gibt. Leider glauben manche, es sei unwissenschaftlich zuzugeben, dass noch nicht alles wissenschaftlich erforscht wurde. Thomas Carlyle (*1795; †1881), schottischer Essayist und Historiker, rügte dieses Verständnis von »Wissenschaft«. Carlyle, der mit Goethe korrespondierte, brachte seine Kritik auf den Punkt: »Das wäre eine armselige Wissenschaft, die die große, tiefe, geheiligte Unendlichkeit des Nichtwissens vor uns verbergen wollte, über welcher alle Wissenschaft wie bloßer oberflächlicher Nebel schwimmt.« Wirkliche Wissenschaft ist vom Geheimnisvollen fasziniert. Wirkliche Wissenschaftler sehen die Existenz des Rätselhaften als Ansporn an, vorbehaltlos zu forschen, ohne auch nur eine einzige Antwort im Voraus auszuschließen. In diesem Sinne schrieb Justus Freiherr von Liebig (*1803; †1873): »Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.« Wirkliche Wissenschaft macht nicht irgendwo halt, sie kennt keine Dogmen. Sie ist stets bemüht, das noch Geheimnisvolle zu ergründen.

Wer wirklich sucht, muss anzweifeln. Diese Steinmonster gigantischen Ausmaßes, man nennt sie in der Literatur gewöhnlich »Sarkophage«. Diese Bezeichnung habe ich übernommen. Aber waren diese Steinkisten wirklich Särge (5)? Oder waren sie etwas ganz anderes? Und wenn sie keine Steinsärge waren, was waren sie dann?


Fußnoten
(1) Der Ausdruck »Dänikenitis« wurde 1968 von der »New York Times« kreiert.
(2) Siehe hierzu Langbein, Walter-Jörg: »Monstermauern, Mumien und Mysterien Band 3«, 2. Auflage, Alsdorf, August 2019, Kapitel 33 und Kapitel 34, Seiten 233-244
(3) Bürgin, Luc: »Die verheimlichten Sarkophage von Sakkara«, Artikel, erschienen in »mysteries« Nr. 4, Juli August 2019, Seiten 12-19, Zitat Seite 15, rechte Spalte, 10.-12. Zeile von oben
(4) Ebenda, 14.-19. Zeile von oben
(5) Vielen Dank, Roland Rambau, für den anregenden Kommentar bei facebook!



Zu den Fotos
Foto 1: »Verloren« in der Wüste - die »Djoser Pyramide« (Sakkara). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Von hier aus ging’s zum Eingang in die »Unterwelt«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Blick in die »Galerie«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Der aufgebrochene Sarkophag. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sarkophag ohne »Deckel«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Sarkophag mit »Deckel«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Ein »Nebenraum« der »Galerie«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Einer der Monstersärge, fotografiert um 1910. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


552. »Paulus wurde entrückt und altindische Vimanas«,
Teil 552 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. August 2020



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Sonntag, 21. Juni 2020

544. »Tore in andere Welten«

Teil 544 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Ein Gang unter Palenque
soll in die Vergangenheit führen.
Symbolbild.
Auf meinen Reisen zu den geheimnisvollsten Orten unseres Planeten wurden immer wieder Sagen und geheimnisvolle Geschichten erzählt, die von »Toren in die Vergangenheit« berichten. In »Mexico City« hörte ich von einem Archäologen, irgendwo in der »Unterwelt« von Palenque gebe es ein Tor zu einem unterirdischen Gang. Man müsse das Fundament einer eingestürzten Pyramide ausgraben. Im Schutt der Ruine werde man eine Treppe finden, die in die Tiefe, weit unter die Erdoberfläche führt. So gelange man in einen Gang, der mit zahlreichen Nischen ausgestattet sei. Am Ende des Ganges aber komme man an ein massives Tor.

»Wenn es einem gelingt, durch dieses Tor hindurch zu kommen, steht man wieder vor sich einen langen Gang. Wenn man diesem Gang folgt, kommt man irgendwo wieder zurück ans Tageslicht, aber nicht in der Gegenwart, sondern irgendwo in der Vergangenheit. Menschen, die diesen Weg beschreiten, sie scheinen spurlos zu verschwinden. Sie tauchen aber wieder auf, aber in der Vergangenheit.«

Von Toren in die Vergangenheit hörte ich immer wieder. Besonders beeindruckt hat mich »Puerta de Hayu Marca« unweit des Titicacasees in der Gebirgsregion von »Hayu Marca« im südlichen Peru, unweit der Stadt Puno. Das »Tor der Götter/ Geister« wurde von unbekannten Steinmetzen in eine natürliche Felswand gemeißelt. Ein gewisser Jose Luis Delgado Mamani ist zufällig auf die Struktur gestoßen, als er die Region durchwanderte. Er wollte sich mit der Gegend vertraut machen, die er als Führer Touristen zugänglich machen würde. Bekannt ist das Tor aber schon länger. Schon 1928, das ergab mein intensives Literaturstudium, hat ein gewisser Alberto Cuentas das mysteriöse Tor beschrieben.

Aus der Distanz wirkt die Szenerie gespenstisch. Ich fühle mich in die Kulisse eines King-Kong-Filmes versetzt. Eine mächtige »Steinmauer« ragt düster empor. Ist sie als schützende Barriere gedacht? Soll sie die Menschen daran hindern, in das dahinter liegende Gebiet einzudringen? Ich muss über meine Fantasien lächeln. Die steinerne Monsterwand ist ganz ohne Zweifel natürlichen Ursprungs. Über eine Breite von 14 Metern und eine Höhe von sieben Metern wurde der gewachsene Fels massiv bearbeitet. Man hat – wer auch immer – den Stein geglättet, ja poliert. Das eigentliche Tor ist kleiner. Rechts und links wird es von aus der Distanz wie Säulen aussehenden Vertiefungen eingerahmt. Die Abgrenzung nach oben wirkt irgendwie unfertig. Risse durchziehen den Fels. Entstanden sie erst nachdem der Stein geglättet wurde? Oder haben tektonische Veränderungen diese Schäden sehr viel früher angerichtet, also lang bevor das Tor geschaffen wurde?

Fotos 2-5: Das geheimnisvolle Tor von Peru.

»Als ich die Struktur zum ersten Mal sah, wurde ich fast ohnmächtig Ich hatte immer wieder im Laufe der Jahre von so einem geträumt Bau geträumt. Aber im Traum war der Weg zum Tor mit rosa Marmor gepflastert. Rechts und links des Wegs standen rosa Marmorstatuen Spalier. Im Traum sah ich, dass die kleinere Tür offen stand. Es kam ein strahlend blaues Licht aus einem schimmernden Tunnel hinter der Tür. Als ich schließlich Tor und Tür entdeckte, war es für mich wie eine Offenbarung von Gott!«

Ich inspizierte das imposante steinerne Tor mehrfach. Im Tor erkenne ich so etwas wie eine »Tür«, die in den Stein gemeißelt worden ist. Ich messe nach: Sie ist knapp 1,90 hoch und nur 1,10 breit. Einen halben Meter geht sie »in die Tiefe«, in den massiven Stein hinein. Dann endet sie blind. Im Zentrum dieser Tür entdecke ich eine etwa faustgroße Kuhle. Diese Vertiefung soll von besonderer Bedeutung gewesen sein.

Foto 6: Vermessungsarbeiten am »Stargate« von Peru.
Foto Ingeborg Diekmann

Offensichtlich (oder nur scheinbar) führt die Tür im Tor nirgendwo hin. Mir ist es jedenfalls nicht gelungen, sie zu durchschreiten. Die kleine Tür aus Stein im Fels ließ sich nicht öffnen. Die Türöffnung endet blind. Sie soll mit einem besonderen »Schlüssel« zu öffnen sein. Man muss, so heiß es, eine »goldene Kugel« oder eine »goldene Scheibe« in eine »kleine Vertiefung« in der steinernen Türfassung legen, wenn man die Tür im Tor aufschließen möchte. Dann wird ein Gang in den massiven Stein hinein sichtbar. Passiert man ihn, so kommt in eine andere Welt.

Trotz intensiver Literaturrecherche in diversen örtlichen Bibliotheken konnte ich keine archäologischen Informationen zum mysteriösen Tor finden. Lediglich in einem schmalen Büchlein, verfasst von einem »Brother Philip«, wird das Tor als Portal zu anderen Welten beschrieben (1).

Foto 7: Die Tür im Tor.
Bei meinem ersten Besuch vor Ort hatte ich eine interessante Begegnung. Eine alte Dame brachte unweit des Tores auf einem Feld arbeitenden Männern Trinkwasser und Süßkartoffeln. Ich konnte mich mit Hilfe eines Dolmetschers mit der von langen Jahren schwerer Arbeit gezeichneten würdevollen Dame unterhalten. Zunächst hatte sie sich sehr reserviert gezeigt. Als sie aber von Dolmetscher erfuhr, dass ich Theologie studiert hätte, wurde sie gesprächig. Sie war sichtlich erfreut, dass mich ihre Meinung zum Tor interessierte. So erfuhr ich, dass es mündlich überlieferte Legenden gibt, die sich um das steinerne Tor ranken. Demnach kamen einst aus der steinernen Wand fremdartige Götter. Diese mächtigen Wesen kontaktierten Menschen am Titicacasee. Einige wenige wurden ihre Vertrauten. Und nur die engsten Vertrauten erhielten das Privileg, auch das Tor in der Felswand benutzen zu dürfen. Sie konnten dann die Heimat der Götter aufsuchen, aber auch in die Vergangenheit reisen.

Eines Tages entschwanden die Götter mit ihren Vertrauten durch das Tor und blieben lange Zeit verschwunden. Gelegentlich kehrten sie für Stippvisiten zurück. Sie hielten sich aber nie mehr länger auf. Wie das von zahlreichen Göttinnen und Göttern überliefert wird, die in grauer Vorzeit zu den Menschen kamen, so versprachen auch die Götter vom steinernen Tor, sie würden dereinst wieder erscheinen.

Wenn mein Dolmetscher richtig übersetze, dann war die Heimat der Götter zwar unbeschreiblich weit entfernt, sie lag aber auch direkt hinter dem Tor. Man konnte Ewigkeiten reisen, um irgendwann einmal in der Heimat der Götter anzukommen. Man konnte aber auch die »Abkürzung« durch das Tor nehmen. War man erst einmal durch das Tor aus Stein gekommen, dann befand man sich nach einem Schritt schon in der Welt der kosmischen Besucher. Durch das gleiche Tor konnte man aber auch in vergangene Zeiten reisen. So zumindest übersetzte mir der Dolmetscher die Aussagen der alten Dame.

Unweit vom Tor gibt es eine meiner Meinung nach natürlich entstandene Höhle. Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, wie tief sie ist. Um ehrlich zu sein: Mir kam die Höhle unheimlich vor. So habe ich darauf verzichtet, hineinzukriechen. Dem »Sonnentor« von Tiahuanaco (»Puerta del Sol«) indes konnte ich nicht widerstehen. Im Jahr 2000 wurde die mysteriöse Ruinenstätte von Tiahuanaco zum Weltkulturerbe der UNESCO. Bis heute ist nur ein kleiner Bruchteil der einstmals riesigen Anlage archäologisch untersucht. Unter der von der Sonne hart gebackenen Erdkruste harren noch viele Geheimnisse in Stein auf ihre Entdeckung.

Foto 8: Das »Sonnentor« von Tiahuanaco. Vorderseite.
Foto Ingeborg Diekmann

Nach schulwissenschaftlichem Weltbild entstand der Komplex von Tiahuanaco in der Vorinkazeit. Das trifft natürlich zu, nur dürften die vollkommen zerstörten Bauten Jahrtausende älter sein als Archäologen allgemein annehmen. In 4.000 m Höhe gab es hier meiner Meinung nach das Zentrum einer unglaublich hochstehenden Zivilisation: Jahrtausende vor Christus und nicht einige Jahrhunderte nach der »Zeitwende«. Die Baumeister damals konnten mit monströsen Steinplatten wie heutige Kinder mit Legosteinen umgehen. Sie konnten harten Stein präzise schneiden und Rillen in Stein fräsen. Auch müssen sie über Bohrer verfügt haben, mit denen sie hartem Stein winzige Löcher verpassten. Riesige Steinplatten wurden von kaum vorstellbaren Kräften zertrümmert. Das ganze Areal sieht wie nach einer gewaltigen Explosion aus. Das »Sonnentor« (vor allem die Rückseite) in der kargen Hochebene des Altiplano wirkt unfertig. Ich halte es für möglich dass das »Sonnentor« ursprünglich nicht so wie heute frei in der Landschaft stand. Es mag in ein Bauwerk integriert gewesen sein, so dass nur die Vorderseite sichtbar war. Die Rückseite mag mit diesem Gebäude verbunden gewesen sein, war dann gar nicht sichtbar.

Foto 9: Das »Sonnentor« von Tiahuanaco. Rückseite.

Irgendwann fiel das steinerne, aus einem Monolithen gearbeitete Tor (Breite 3,75 m, Höhe 3 m) um und zerbrach in zwei Teile. Es wurde wieder aufgestellt und zusammengefügt. Die mysteriösen Reliefs auf der Vorderseite sollen, so Prof. Hans Schindler-Bellamy (*1901; 1982), einen geradezu fantastischen Kalender ergeben, der viele Jahrtausende vor der »Zeitwende« entwickelt wurde (2).

Auch das »Sonnentor« wird in esoterischer Literatur gelegentlich als ein »Stargate« bezeichnet. Ich habe ein Experiment gewagt. Erst habe ich einen niedrigen Zaun aus rostigen Eisenstäben überstiegen, was freilich verboten war. Dann bin durch die relativ schmale Öffnung im Tor hindurchgekrochen. Ich kam ein wenig enttäuscht auf der anderen Seite des Tores wieder heraus und landete nicht auf fernen Planetenwelten.

Wer nach Bolivien kommt, sollte unbedingt Tiahuanaco besuchen und besichtigen. Von La Paz aus beträgt die Fahrtstrecke 75 Kilometer. Bitte die Höhe beachten: 4.000 m über Normalnull, da ist die Luft dünn und es kann empfindlich kalt werden.

In meiner fränkischen Heimat soll es einen Eingang in eine andere Welt geben. Irgendwo in der bizarren Juralandschaft des »Kleinziegenfelder Tales« zwischen geheimnisvollen Felsformationen findet sich angeblich ein Felsentor, das als Eingang in die »Anderswelt« dient. Andreas Motschmann berichtete für das »Obermain Tagblatt« (3):

»Im Buch ›Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes‹ von E (lisabeth). Und K(onrad) Radunz wird die Sage ›Der verschwundene Knabe von Wallersberg‹ (4) in der Fassung von H. Barnickel erzählt. Sie stammt von einem Manuskript aus dem Jahr 1936. Leider ist das Sagenbuch zurzeit in den Buchläden vergriffen.

In dieser Volkssage spiegelt sich die Juralandschaft des Kleinziegenfelder Tales an einem heißen Augusttag wider. Die unterschiedlichsten Felsformationen lassen mit ein wenig Phantasie die Sagenfiguren erkennen. Die bekanntesten sind der Mönch, der Predigtstuhl und der Rolandsbogen. Inzwischen sind diese sagenumwobenen Felsen und Torbögen vom Baumbewuchs freigelegt und in voller Größe sichtbar.

In dieser Wallersberger Sage ist das Felsentor der Eingang in die ›Anderswelt‹, und es ist nicht selbstverständlich, sich einen Eintritt zu verschaffen. Nur mit einem ›Schlüssel‹ lässt sich das Tor öffnen. Der Sagenheld hat mit seinem frisch gepflückten Kornblumenstrauß den passenden Schlüssel in der Hand und findet Einlass. Von dem Alten bekommt der Junge alles Lebensnotwendige und schließlich die Belohnung dafür, dass er die ihm übertragenen Aufgaben erledigt hat.

Zehn Jahre lang erfüllt er pflichtbewusst die Arbeiten, doch dann übermannt ihn die Neugier. Die Quittung für den Fehltritt kommt prompt. Mit der Abfindung und seinem Kornblumen–›schlüssel‹ muss er den Heimweg antreten. Die überglückliche Magd findet ihren Sohn am Kornblumenfeld, aber das Wiedersehen ist getrübt. Aus dem kleinen Jungen ist der ›Höllenbub‹ geworden.«

Das mysteriöse Erlebnis in der Anderswelt muss für den »Höllenbub« recht dramatisch, ja traumatisierend gewesen sein. Die Legende schließt so (5): »Aus dem Burschen ist ein verschlossener Mann geworden, der selten lachte, aber auch nie richtig traurig war.«

Im »Höhlengleichnis« von Platon (*427; †347 v. Chr.) sehen die Menschen, gefangen in einer unterirdischen Höhle, nur einen matten Abglanz von der Wirklichkeit. Sie nehmen nicht die Realität wahr, sondern nur ihren Schatten, den sie für die Wirklichkeit halten. Hand aufs Herz: Wir sind heute, aller Wissenschaft zum Trotz, nur dazu in der Lage, die Schatten der Wirklichkeit zu sehen, die fantastischer sein mag als selbst unsere kühnsten Fantasien!

Fußnoten
(1) »Philip, Brother«: »Secret of the Andes«, Novato, 5. Auflage 1998 (Erstausgabe London 1961)
(2) Bellamy, Hans Schindler: »The Calendar of Tiahuanaco/ The Measuring 
system of the oldest civilization«, London, 1956
(3) Motschmann, Andreas: »Der verschwundene Knabe von Wallersberg«, https://www.obermain.de/lokal/obermain/art2414,567100 (Stand 04.05.2020)
(4) Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes«, Lichtenfels 1996, Seite 117 und 118
(5) Ebenda, Seite  118, 12. Und 13. Zeile von oben


Zu den Fotos
Foto 1: Ein Gang unter Palenque soll in die Vergangenheit führen. Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 2-5: Das geheimnisvolle Tor von Peru. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Vermessungsarbeiten am »Stargate« von Peru. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 7: Die Tür im Tor. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Das »Sonnentor« von Tiahuanaco. Vorderseite. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 9: Das »Sonnentor« von Tiahuanaco. Rückseite. Foto Walter-Jörg Langbein


545. »Elohim der Himmel«,
Teil 545 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28. Juni 2020


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Sonntag, 16. Juni 2019

491 »Das Geheimnis der kopflosen Gestalten«

Teil 491 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Der Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern nur ein Zwischenereignis, ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in eine andere.«, konstatierte Wilhelm von Humboldt (*1767,†1835). In unserer modernen Apparatemedizin wird versucht, den Tod als ein klar definiertes Ende des Lebens zu umschreiben. Der Todesmoment muss juristisch klar definiert werden, um festzulegen, von welchem Zeitpunkt an Organentnahmen und Übertragungen möglich sind. Jahrhunderte der Erforschung des Übersinnlichen freilich lassen erhebliche Zweifel daran aufkommen, ob es sich so eindeutig festlegen lässt, was Noch-Leben und Schon-Tod eigentlich sind. Das wird durch das Geheimnis der kopflosen Gestalten verdeutlicht.

Foto 1: Der Heilige Denis...
Schallend lacht der römische Henkersknecht. »Na, da wird es wohl doch nichts mehr werden mit deiner Stadtgründung!« Mit diesen Worten schlägt er dem Bischof von Paris, dem Heiligen Denis, den Kopf ab. Die Hinrichtung ist vollzogen. Die ersten Schaulustigen treten den Heimweg an. Doch da durchzuckt wieder (?) Leben den toten (?) Körper. Entsetzt fliehen die Menschen, allen voran der lästernde Henkersknecht. Wie eine Marionette, von einem unsichtbaren Spieler an unsichtbaren Fäden gezogen, erhebt sich der tote St. Denis, ergreift sein Haupt mit der Bischofsmütze. Er beginnt zu laufen.

St. Denis wurde zusammen mit dem Priester Rustikus und dem Diakon Eleutherius auf dem Momatre enthauptet. Ob das anno 272 oder erst 285 geschah, das konnte nicht ganz geklärt werden. König Dagobert ließ Reliquien in die Kirche der Benediktinerabtei Saint-Denis übertragen, die dadurch zum größten Heiligtum Galliens und später zu einer Art Nationalmausoleum wurde. Hier fanden fast alle Könige Frankreichs ihre letzte Ruhestätte. Die Kirchenfahne von St. Denis erlangte unter dem Namen »Oriflamme« als Siegesfahne der französischen Könige Berühmtheit. Dargestellt wird St. Denis als Bischof mit abgeschlagenen Kopf in der Hand. So zeigt ihn auch eine Statuette in der oberfränkischen Basilika Vierzehnheiligen bei Bad Staffelstein (Bauzeit:1743-1772), wo er als einer der vierzehn »Nothelfer« verehrt wird. So begegnet St. Denis uns im ehemaligen Kloster zu Corvey.

St. Denis, alias Heiliger Dionysius, wird zu den »Vierzehn Nothelfern« gezählt, die auch in meiner fränkischen Heimat verehrt werden. In der Basilika »Vierzehnheiligen« gruselte es mich als Kind beim Anblick einer Statue des Heiligen ohne Kopf, der sein abgeschlagenes Haupt trägt. Im ehemaligen Kloster Corvey fotografierte ich ihn, den Heiligen Denis. Er macht, trotz seiner misslichen Lage, eigentlich einen fidelen Eindruck.

Foto 2: ... trägt sein Haupt.
Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982), Wien, im Gespräch mit dem Verfasser: »Das rätselhafte Geschehen um den Heiligen Denis von Frankreich stellt kein einzigartiges Mysterium dar. Doch von den Erzählungen von kopflose Gesellen ist die St. Denis-Geschichte die älteste bekannte. Wer sich mit dem Rätsel der kopflosen lebenden Toten oder der kopflosen toten Lebenden auseinandersetzen will, der muss mit St. Denis im dritten nachchristlichen Jahrhundert anfangen.« Nicht nur Heiligen wird nachgesagt, dass sie kopflos wandeln konnten.

Der Überlieferung nach wurde der legendäre Pirat Klaus Störtebeker am 20. Oktober anno 1401 auf dem »Grasbrook« bei Hamburg zum Richtblock geführt. Angeblich hat er kurz vor seinem Tod ein verlockendes Angebot gemacht. So man ihn den verschonen und ungehindert abziehen ließe, würde er sich das sehr viel kosten lassen. Er versprach für den Fall seiner Freilassung eine Goldkette, die rings um die Stadt reichen würde. Das Angebot wurde abgelehnt. Der Legende gelang dem berühmten Piraten eine wundersame Aktion. Der Henker versprach Störtebeker, allen seinen Kameraden das Leben zu schenken, an denen er nach seiner Enthauptung mit dem eigenen abgeschlagenen Kopf vorbeigehen würde. So wankte der kopflose Pirat an immerhin elf seiner Spießgesellen vorbei. Vermutlich hätte er seinen Weg noch weiter fortgesetzt, hätte man ihm nicht einen Holzscheit zwischen die Beine geworfen. Störtebeker strauchelte, wie die Legende sagt, und ging zu Boden. Seine vermeintlich geretteten Kameraden wurden trotzdem hingerichtet.

Foto 3: Klaus Störtebeker (?)
So sagt’s die Legende. An der aber ist nichts Wahres dran. Zu diesem Ergebnis kommt der Mittelalterexperte Gregor Rohmann. Nach Rohmanns profunden Recherchen war der historische Störtebeker gar kein Pirat. Der Danziger Kapitän Johann Stortebeker diente im frühen 15. Jahrhunderten verschiedenen Kriegsherrn. Um das Jahr 1400 wurden in Hamburg eine ganze Reihe von Piraten hingerichtet. Ein »Vitalienbruder Klaus Störtebeker« allerdings war nicht dabei. Der Kaufmann Stortebeker kaperte anno 1405 ein englisches Handelsschiff. Dagegen hatten die Hamburger nichts einzuwenden.

Bis ins dritte Jahrhundert zurückdatiert wird der Bericht von einer kopflosen Frau, die einem Mann namens Gabriel Fisher in der englischen Grafschaft Lancashire begegnet sein soll. Alkoholisiert war der Mann auf dem Nachhauseweg. Eben hat er, in Gesellschaft seines Hundes Trotty, das Wirtshaus »White Bull« verlassen. Plötzlich bleibt der treue Vierbeiner wie angewurzelt stehen. Eine Frau kommt des Wegs. Trotty knurrt sie an. Der Mann geht wankend weiter. Nach einigen Schritten kann er die Frau deutlicher sehen. Sie trägt ein langes, fließendes Gewand.

Foto 4: Denkmal für Störtebeker
Gabriel Fisher wundert sich, was eine doch ordentlich wirkende Frauensperson zu dieser Stunde, es ist nach Mitternacht, auf der Straße zu suchen hat. Neugierig geworden spricht er sie an. Auf seine Fragen gibt sie knappe, ausweichende Antworten. Aber plötzlich fängt sie an, hässlich zu lachen. Fisher will es erst nicht wahrhaben, aber es gibt keinen Zweifel: Die Stimme der Frau kommt aus einem Korb am Arm der Frau. Galant bietet Fisher der seltsamen Person an, ihr »Gepäck« zu tragen. Als er seinen Vorschlag macht, ertönt wieder das Lachen, und zwar aus dem Korb«! Da ist ein Tuch zur Seite gerutscht. Darunter liegt der Kopf der Frau. Der entsetzte Mann wirft den Korb weit von sich und rennt in  Todesangst los. Die Frau ergreift ihr Haupt und schleudert es Fisher nach. Schmutz spritzt zur Seite, als der Kopf in einer Pfütze aufschlägt. Lehm klebt im langen braunen Haar. Und das abgeschlagene Haupt stößt wie der ein markerschütterndes, hässliches Lachen aus.

Fisher flieht. Er  rennt so schnell er kann. Die unheimliche Erscheinung folgt ihm. Erst als er über einen kleinen Bach springt, bleibt sie zurück. Das unheimliche Phänomen wird immer wieder beschrieben . So heißt es von Anne Boleyn (*etwa 1504, †etwa 1536), der zweiten Frau Heinrich VIII., der Mutter von Elisabeth I.: Nach ihrer Enthauptung erschien sie immer wieder als scheinbar schwerelos dahinschwebendes Wesen, mit dem Kopf unter dem Arm. Zahllose Zeugen wollen sie bis in unsere Tage in prachtvollen Gewändern nahe beim Londoner Tower gesehen haben. Wie Anne Boleyn wurde auch Lord Simon Lovat (*etwa 1667, †1747) hingerichtet. Er war maßgeblich an einer Verschwörung gegen die Monarchie beteiligt. Nach seiner Enthauptung soll der Adelige wieder aufgetaucht sein, und zwar kopflos. Das sagt man auch dem Clanchef Ewen Mac Laine aus Mull nach. Er fiel auf dem Schlachtfeld und tauchte als kopfloser Geist immer wieder auf seinem Anwesen auf.

Wer freilich annimmt, dass derlei Erscheinungen nur auf tragische Geschehnisse längst vergangener Jahrhunderte zurückgehen, irrt. So ereignete sich um 1905 bei Crossett, Arkansas, USA, ein tragischer Unfall. Ein Bahnarbeiter wurde, als er etwas am stehenden Zug überprüfen wollte, enthauptet. Seither wird er häufig unweit von der Unfallstelle als ruhelos wandelnder Geist ohne Kopf gesehen. Im Dezember 1931 spielte sich in Gurdon, Arkansas, eine Tragödie ab. Vorarbeiter Will McClain entließ den Bahnarbeiter Lewis McBride wegen »Nachlässigkeit im Dienst«. Der ermordete daraufhin seinen Vorgesetzten. Der Täter wurde im Februar 1932 wegen dieses Verbrechens hingerichtet. Wenige Tage später sah man seinen kopflosen Geist ganz in der Nähe des Tatorts. Manchmal ist er klar zu erkennen. Häufig wird aber nur ein unheimliches, fahles Licht ausgemacht.

Foto 5: Der Heilige Denis...
In North Carolina bei Mintz spukt angeblich bis in unsere Tage ein Bahningenieur. Er kam bei einem Zugunfall ums Leben. In den Sechzigern sah man sein »Geisterlicht« fast jede Nacht. Als dann 1980 die Schienen abgebaut, die Bahnstrecke stillgelegt wurde, hörte der Spuk auf. Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982) wertet: »Es gibt eine Fülle von Hinweisen auf Geistererscheinungen, von Wesen ohne Kopf. Sie verdeutlichen, wie Spukphänomene überhaupt, eine uralte Vorstellung: Der Tod bedeutet kein endgültiges Aus. Vielmehr überlebt etwas vom Menschen seinen physischen Tod. Dieses Etwas kann anscheinend sichtbar werden. Eine Frage stellt sich: Kann man an derlei Überleben eines Teils des Menschen nur glauben? Oder ist es möglich, dieses Etwas zu beweisen, im Sinne von wissenschaftlicher Exaktheit?«

Ein Leser lud mich kürzlich nach Münsingen-Bonndorf ein. Zu nächtlicher Stunde könne ich da auf einsamer Landstraße einer unheimlichen Spukgestalt begegnen. Die Frau habe »vor Jahrhunderten  ihren Ehemann ermordet, um sich ihrem Geliebten zuzuwenden. Die Täterin wurde aber bald überführt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihr wurde der Kopf abgeschlagen. Zur Strafe muss sie seither als Geist mit dem Kopf unter dem Arm Nacht für Nacht umherwamdeln. Irgendwann wird sie erlöst werden.« Auch anno 2016 sei das unheimliche Phänomen regelmäßig zu beobachten. »Angst muss man keine haben! Die Geisterfrau mit dem Kopf unter’m Arm war immer freundlich und friedlich!« Ich muss zugeben, dass ich bislang die Einladung nicht angenommen habe.

Literatur
Langbein, Walter-Jörg: »Die großen Rätsel der letzten 2.500 Jahre«, Berlin 1997
Sieveking, Paul: »Headless railmen shining on the line«, in »The Sunday Telegraph«, 6. April 1997

Zu den Fotos
Foto 1:Der Heilige Denis trägt sein abgeschlagenes Haupt. Wikimedia commons Thesupermat
Foto 2: ... trägt sein Haupt. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Klaus Störtebeker (?). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Denkmal für Störtebeker. Seeräuber Klaus Störtebeker in Marienhafe, Ostfriesland. wikimedia commons Anaconda74
Foto 5: Weitere Statue vom Heiligen Denis, Avignin 15. Jahrhundert.

492. »Unsterbliche Energie und Spukerscheinungen«,
Teil 492 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23. Juni 2019



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Sonntag, 9. Juni 2019

490 »Vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod«

Teil 490 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


9. Juni 2019. Pfingstsonntag. Was für den Christen Weihnachten bedeutet, das ist auch heute noch im Zeitalter der »Schulstreiks« bekannt. Über Ostern hingegen wissen viele Zeitgenossen recht wenig. Da werden bemalte Eier und Hasen aus Schokolade verzehrt. Mit Jesu Auferstehung indes können immer weniger Zeitgenossen wirklich etwas anfangen. Und Pfingsten? Pfingsten bedeutet der »Fünfzigste«. »Pfingsten« (der »50.«) leitet sich vom griechischen Wort »pentekosté« ab. Über das mittelhochdeutsche »pfingesten« wurde aus dem griechischen Terminus die heutige Bezeichnung »Pfingsten«.

Pfingsten wird der 50. Tag der Osterzeit, 49 Tage nach der »Auferstehung«, gefeiert. Aber warum? Nach der »Apostelgeschichte« (Kapitel 2, Verse 1-41) versammelten sich Jesu Apostel in Jerusalem, um gemeinsam das jüdische Fest »Schawuot« zu feiern. »Schawuot« war ursprünglich wohl eine Art »Erntedankfest«. Aus dem jüdischen »Pessachfest«, das in Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft zelebriert wurde, entwickelte sich das christliche »Ostern«. Und aus dem jüdischen »Schawuot« wurde das christliche »Pfingsten«.

Was aber geschah zu »Pfingsten«? Die Apostelgeschichte berichtet Wundersames! In einem »Brausen« kam, mitten in einem »Wind« eine Flut von Feuerflammen über die Apostel, die auf einmal in allen möglichen Sprachen ihren christlichen Glauben verkünden konnten. Rund 3.000 ließen sich, so die Apostelgeschichte, taufen. Zu Pfingsten soll der »Heilige Geist« über die Jünger gekommen sein. Zu Pfingsten soll mit der Taufe von 3.000 Menschen die Geschichte der christlichen Religion seinen Anfang genommen haben.

Im Zentrum der christlichen Lehre steht der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Dass es nach dem Ableben weitergeht, davon sind laut SPIEGEL (Nr. 17/ 20.4.2019) noch 40 Prozent der Deutschen überzeugt. Das »Leben nach dem Tod« ist freilich keine christliche Erfindung. Folgen wir dieser Lehre durch Raum und Zeit. Mich fasziniert die Frage der Fragen wie Millionen von Menschen nicht erst seit meinen Studentenzeiten…


In der Stadt von Ur wuchs einst ein gewaltiger Turm in den Himmel, der als Vorbild für den biblischen »Wolkenkratzer« von Babel gedient haben könnte. Auf der Spitze der Zikkurat thronte ein Tempel, in welchem die »Heilige Hochzeit« zwischen einem »Gott« und einer »Königin« zelebriert wurde. Da sich kein leibhaftiger Gott vom Himmel herab bemühte, übernahm ein Mensch die Rolle. Vielleicht wurde auch ein Mensch zum Gott. Und eine Irdische vollzog mit ihm die »Heilige Hochzeit«. Noch älter soll die Version »Göttin – König« gewesen sein. Die Paarung hatte magische Bedeutung: Sie sollte das Weiterleben der Natur bewirken.

Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei

Wie sich die Bilder doch gleichen: Auch die Maya-Pyramiden hatten hoch oben einen Tempel, so wie der Turm zu Babel, so wie die Zikkurats in Mesopotamien.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gruben Archäologen im Gebiet des heutigen Irak die uralten Gräber der Stadt Ur aus. Als sie die letzte Ruhestätte von Königin Shubad öffneten, entdeckten sie ein Massenopfer. Vor 4.500 Jahren war die Regentin von 68 Frauen ihres Hofstaats und zahlreichen Soldaten ihrer Leibwache in den Tod begleitet worden. Es fand sich keinerlei Spur von Gewalteinwirkung. Daraus schlossen die Wissenschaftler, dass die Menschen, deren Körper sorgsam in langen Reihen geordnet vorgefunden wurden, freiwillig in den Tod gegangen waren. Vermutlich hatten sie Narkotika oder ein tödliches Gift eingenommen. Die Toten sollten der Königin im Jenseits weiter dienen.

Archäologieprofessor Hans Schindler Bellamy: »Das Massenopfer ist ein Beleg dafür, dass die Menschen vor viereinhalb Jahrtausenden von einem Leben nach dem Tode überzeugt waren. Die Herrscherin musste im Jenseits von Soldaten bewacht, von treuen Dienern umsorgt werden. Ähnliche religiöse Überzeugungen prägten später auch das Leben der Inkas in Südamerika.« Bei den Inkas waren die Herrscher als Götter angesehen. Ihre sterblichen Hüllen wurden einbalsamiert und in rauschenden Festen verabschiedet. Dann, davon waren die Inkas überzeugt, würden die Edlen in eine andere Welt überwechseln. Dort sollten sie von ihren Lieblingsfrauen verwöhnt, von treuen Dienern umsorgt werden. Aus diesem Grunde wurden ihnen rituell getötete Menschen zur Begleitung mit in die Gräber gegeben.

Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide
Das irdische Leben der Azteken war von ganz ähnlichen Jenseitsvorstellungen geprägt. Genauso wirklich wie das irdische Leben stellte man sich die Existenz nach dem Tode vor. In das paradiesische »Reich der Sonne am Himmel« gelangen die im Kampf getöteten Krieger, die in heiligen Ritualen Geopferten und die im Kindbett ums Leben gekommenen Frauen. In einer anderen nachirdischen Welt wartet Gott Tlaloc. Wer auf Erden etwa ertrank, der durfte danach irgendwo auf fernen Bergen über den Wolken weiterleben. Höchst unerfreulich sah freilich die Zukunft für alle übrigen Menschen aus. Sie kamen in das Unterweltreich Mictlan. Die Vorstellung von verschiedenen Totenreichen war auch bei den Germanen weit verbreitet. Walhall etwa, die »Halle der Gefallenen« war den mutigen Kriegern vorbehalten. Dieser Aufenthaltsort, auch »Gladsheim« genannt, war zugleich auch Versammlungsort der Götter, die unter dem mächtigen Dach aus Speerschäften und Schilden ihre wertvollen Throne hatten.

Jahrtausende lang war das religiöse Leben bei den »Alten Ägyptern« vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode geprägt. Auf grausige Menschenopfer verzichtete man. Zu reichen Grabbeigaben gehörten naturgetreue, bemalte Figürchen. Sie sollten in der Welt des Jenseits den Herrschern und edlen Fürsten dienen. Das Jenseits der Ägypter war keine feingeistige Welt, sondern höchst handfest. Es galt als greifbarer Raum. Ganz oben im »Jenseits« hatte die Sonne ihren Sitz. Ganz unten hausten grässliche Krokodile und mörderische Nilpferde. Regiert wird die dunkle Seite der Jenseitswelt von Seth, dem Fürsten der Finsternis. Anno 1923 gingen Fotos um die Welt, die Howard Carter bei der Untersuchung der Mumie von Tutanchamun zeigten. Millionen interessierten sich für die Jenseitsvorstellungen der »Alten Ägypter«.

Bei den Menschen von Ur, aber auch bei den Inkas galt: Ein menschenwürdiges Leben im Jenseits dürfen nur die Vornehmsten der Vornehmen erwarten. Im Lauf der Geschichte Ägyptens vollzog sich ein Wandel. Schließlich wurde jedem Sterblichen eine ewige Seele zugebilligt, die nach dem Tod die letzte Reise vor den Thron von Osiris antreten musste. Dort warten zweiundvierzig Richter, die jede Seele aburteilen würden. Das Herz eines jeden Toten wird, daran glaubte man in Ägypten, auf die »Waage der Gerechtigkeit« gelegt. Dieses Bild vom Weiterleben der Seele findet sich auch in der persischen Religion des Zarathustra. Am vierten Tage nach dem Tode steht jeder Seele eine Bewährungsprobe bevor. Es gilt, eine Brücke in die andere Welt zu überschreiten. Rechtschaffene Menschen können sie problemlos überwinden. Ein liebreizendes junges Mädchen wartet auf der anderen Seite, als Personifizierung der guten Taten des Menschen in seinem zurückliegenden Erdendasein.

Foto 3: Auf einer mächtigen Pyramide ...

Menschen, die sich viel Böses zuschulden hatten kommen lassen, können in dieser Glaubenswelt die entscheidende Brücke nicht überqueren. Versuchen sie es trotzdem, so öffnet sie sich in der Mitte. Die böse Seele stürzt in einen Höllenschlund, ist für immer verloren. Ganz ähnlich lehrt der Koran, das heilige Buch des Islam. Wer hienieden auf Erden ein gottgefälliges Leben führt, der wird ein herrliches Paradies vorfinden, wenn er sein physisches Leben erst einmal beendet hat. Die Guten, von Allah Auserwählten, können ihre müden Glieder auf kostbaren Diwans ausruhen, sich an herrlichsten Speisen laben und werden von liebreizenden Jungfrauen, dunkeläugigen Houris, umsorgt. Vielleicht gelangten aber die »Jungfrauen« durch einen Übersetzungsfehler in den Koran. Es kann sein, dass sich der Verblichene mit Weintrauben begnügen muss. So mancher Gotteskrieger dürfte dann enttäuscht sein.  Und was wartet auf die »Bösen«? Auch die Sünder werden nach Überzeugung des Islam-Gläubigen nach dem Tode weiterleben. Aber wie! Sie sind sie dazu verdammt, in einer fürchterlichen Höllenwelt dahinzuvegetieren. Sie müssen kochendes Wasser trinken und ekelhafter Dreck dient ihnen als widerliche »Speise«.

Im Alten Griechenland gab es nicht die schlechthin gültige Doktrin vom Leben nach dem Tode. Weit verbreitet war der Glaube an eine Reise in die Unterwelt, in den Hades. Dort  vegetieren die Seelen der Verstorbenen eher schlecht als recht dahin. Dieses Reich des Gottes Hades darf aber nicht mit der jüdisch-christlichen Hölle gleichgesetzt werden. Nach der Glaubenswelt der Griechen gab es noch Tartaros, eine Hölle, und die elysischen Felder. Dort leben nur die besten, edelsten Menschen in ewig währendem Frühling. Die Anhänger der Orpheus-Sekte sahen das Jenseits als eine reale Welt an, in der die Toten leben. Ihrer Überzeugung nach bestand die theoretische Möglichkeit, aus jener jenseitigen Welt in irdische Gefilde zurückzukehren. Die christliche Vorstellung vom Leben nach dem Tode ist stark von altjüdischen Glaubenswelten bestimmt. Hölle und Paradies galten im Alten Israel keineswegs als symbolhafte Begriffe, sondern als höchst real existierende, geographische Orte auf unserer Erde.

Der Begriff der Hölle leitet sich von der biblischen »Gehenna« ab. Ursprünglich war das die Bezeichnung eines im Südwesten von Jerusalem gelegenen Tales .In jenem Ge-Henna-Tal, das ursprünglich Ge-Hinnom hieß, wurden vor Jahrtausenden Menschenopfer  dargebracht. Sie sollten den Gott Baal alias Moloch gewogen machen. Die bedauernswerten Geschöpfe wurden in speziell entwickelten Öfen bei lebendigem Leibe verbrannt. Wie viele Opfer auf diese schreckliche Weise dargebracht wurden, das kann heute nicht einmal mehr geschätzt werden. Bei Ausgrabungen im heutigen Tunis wurde ein Baal geweihter Kultplatz gefunden. 6.000 Urnen mit den verkohlten Überresten von Kindern wurden entdeckt.

Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes.

In die Hölle, Sheol genannt, kommen nach altjüdischer Überzeugung die Menschen, die kein gottgefälliges Leben geführt hatten. She’ol wurde als eine unterirdische Höhle angesehen, wo die »bösen Seelen« in vollkommener Dunkelheit ein jämmerliches Dasein fristen müssen. Die Welten des Diesseits und des Jenseits existieren in der altjüdischen Glaubenslehre, aus der sich das Christentum entwickelte, nebeneinander her. Es besteht die theoretische Möglichkeit, zwischen beiden Reichen zu reisen. Nach dem Buch Hiob verkehren Gott und Teufel fast kollegial miteinander. Schon im »Alten Griechenland« entstand, etwa von Pythagoras gelehrt, der Glaube von der Seelenwanderung. Nach dem physischen Tod löst sich die Seele vom Leib und ist gezwungen, in einem neuen Körper auf die Erde zurückzukehren. Im Hinduismus, etwa in Indien, gilt ebenfalls das Prinzip Wiedergeburt. Jede Seele durchläuft zahlreiche Wiederkehren auf Erden - mit dem Ziel freilich, dereinst mit dem Göttlichen eins zu werden. Aber auch der Hinduismus kennt so etwas wie Höllenwelten, eiskalte oder siedend heiße Gefilde, und himmlische Sphären der Glückseligkeit. Zwischen zwei Wiedergeburten diesen diese so ganz unterschiedlichen Welten den Seelen als Aufenthaltsorte.

Homers »Ilias« und die »Odyssee« zeichnen folgendes Bild von der Welt nach dem Tode. Die Seelen der Verstorbenen gehen in ein Schattenreich ein, in die »Gefilde der Lethe«. So erfreulich ist der Aufenthalt in jener anderen Welt nicht, zumindest nicht aus der Sicht des Menschen unserer Tage. Jeder einzelne Mensch verliert im »Haus der Lethe« seine Individualität, so er nicht in die Geheimnisse des Jenseits eingeweiht ist. Nach seinem Tode findet sich der Verstorbene am Tor zur Anderswelt. Peinigender Durst quält ihn. Da ist es mehr als verlockend, aus der munter plätschernden Quelle der Lethe zu trinken. Die meisten tun dies gierig und verlieren jegliche Erinnerung. Ihr Gedächtnis wird ausgetilgt. Der Eingeweihte freilich verschmäht diesen Trunk. Er weiß, dass es eine zweite, allerdings versteckte und schwer zu findende Quelle gibt. Sie hat ihren Ursprung im Teich der Mnemosyne. Sie ist die Nebengöttin der »Großen Mutter«. Trinkt man von ihrem Wasser, so werden nur die hässlichen, schmerzhaften Erinnerungen ausgetilgt.

Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy

In jenes bessere Jenseits gelangt nicht jeder Verstorbene, sondern nur, wer sich dank eines Goldplättchens mit geheimen Inschriften als »Sohn der Erde und des Himmels, wie die Götter selbst« ausweisen kann. Glücklich ist, wer dieses Privileg genießt. Sterben bedeutet dann nicht Versinken im Vergessen und Eingehen in ein erinnerungsloses Nichts. Tod ist dann Erlösung von bedrückenden negativen Erfahrungen und der Übergang in ein neues Leben. Es ist sogar die Rückkehr auf die Erde, in die Welt der Lebenden, möglich. Dr. Friedrich W. Doucet (2) setzte sich intensiv mit den ältesten Jenseitsvorstellungen auseinander. Er entdeckte erstaunliche Parallelen zwischen der Jenseitsmodellen des Pythagoras und der Alten Inder. Was vordergründig primitiv-naiv anmuten mag, wird als bildliche Umschreibung eines höchst modernen Verständnisses erkennbar. Dr. Friedrich W. Doucet: »Die Welt ist eine Einheit, eine Ganzheit des Lebens, die Kosmos, Mensch und Erde umfasst. Das Seelische ist eine Art Energiefeld, das alles durchdringt und belebt, die tote Materie ebenso wie Pflanze, Tier und Mensch. Demnach bilden auch Körper und Seele des Menschen als Organismus eine Einheit, die als Teil mit dem Ganzen verbunden ist - durch unsichtbare oder übersinnliche Kanäle. Gestaltet, geformt und gesteuert wird dieses Ganze, die Welt, von einer kosmischen Allbewusstheit, die alles verbindet und an der alles Anteil hat. Die materielle Welt in diesem Ganzen, dem Universum, ist nur eine sichtbare Erscheinung kosmisch gestalteter Form und formgestalteter Energie.«


Je komplexer die Glaubenswelt vom Jenseits in bildhaften Darstellungen gezeichnet wird, desto deutlicher wird die Vorstellung von der Wiedergeburt eingebaut: Alles Leben ist Energie. Jeder Mensch ist wie jede Pflanze und jedes Tier Teil dieser Energie. Stirbt ein Mensch, dann geht er im Idealfall wieder in diesen Ursprung zurück. Oder er muss erneut ins reale Leben der individuellen, physischen Art zurückkehren. Diese Erkenntnis soll auch dem Königssohn Siddharta, dem Gründer des Buddhismus, offenbart worden sein - in einem Traum. Das macht eine Aussage Siddhartas mehr als deutlich: »Ich sah, als ich eines Tages meditierend im Schatten eines Feigenbaumes saß mit himmlischer, klarer, übermenschlicher Einsicht, wie die lebenden Wesen vergehen und wieder entstehen. Ich wurde mir der Erlösung bewusst und erkannte, dass der Kreislauf der Geburten sich für mich erschöpft hatte. Das Ziel des heiligen Wandels, sprach ich zu mir, ist erreicht, getan ist, was zu tun war; nicht werde ich in neuer Geburt zu dieser Welt zurückkehren.« (3)

Foto 6: Signatur Prof. Bellamy

Atman ist nach der indischen Weltsicht die persönliche Seele eines jeden menschlichen  Wesen. Atman strebt zum Brahman, zur Weltseeele. Leben ist ein ständiger Kreislauf: Das Individuum stirbt, wird wiedergeboren. Die ewige Seele des Einzelnen bleibt am Leben, auch wenn der Mensch stirbt. Die Seele sucht sich dann einen neuen Körper, eine neue Reinkarnation. Das jüdisch-christlich-muslimische Denken der religiösen Art ist reichlich materialistisch. Das religiöse »Denken« des Islam ist reichlich sexistisch. Oder wie soll man die Erwartung des männlichen Moslem bezeichnen, nach dem Tode von Jungfrauen beglückt zu werden? Für den Inder ist Wiedergeburt in die reale irdische Welt Strafe und Chance. Sie ist Strafe, weil er für böses Tun im früheren Leben bezahlen, sprich leiden muss. Sie ist Chance, weil so alte Sünden abgearbeitet werden können und der Übergang ins göttliche Nichts möglich wird.

Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982), Wien: »Man muss also konstatieren, dass es in allen großen Religionen den festen Glauben an ein Leben nach dem Tode gibt. Die Vorstellungswelten alter Weltkulturen haben ein entscheidendes gemeinsames Merkmal. Die Toten leben in einer anderen Welt weiter. Sie haben letztlich stets die Möglichkeit, aus ihrer jenseitigen Welt in unsere diesseitige Welt vorzudringen. Diese Überzeugung reicht bis in unsere Tage hinein. Der Brauch, Gräber mit schweren Steinen abzudecken ist ein deutlicher Hinweis auf diese Überzeugung. Es sollte auf diese Weise verhindert werden, dass Jenseitige, im Jenseits lebende Tote in die Welt der Lebenden zurückkehren. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden wissenschaftliche Versuche unternommen, Kontakt mit diesen Jenseitigen aufzunehmen. Man hielt auch in Kreisen der Wissenschaft ein Wiederauftauchen von Totengeistern in unserer Welt des Diesseits für möglich.«

Fußnoten
1) Langbein, Walter-Jörg: »Persönliche Aufzeichnungen während des Studiums der evangelischen Theologie«, Erlangen, Sommersemester 1977
2) Doucet, Friedrich W.: »Forschungsprojekt Seele«, München 1971
3) Doucet, Friedrich W.: »Die Toten leben unter uns«, Wien 1979

Zu den Fotos
Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei
Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Hoch oben auf einer mächtigen Pyramide ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Signatur Prof. Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein

491 » Das Geheimnis der kopflosen Gestalten«,
Teil 491 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. Juni 2019


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