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Sonntag, 9. August 2020

551. »Von der Pyramide in die Unterwelt«

Teil 551 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Monstermauern, Mumien und Mysterien« – ein Resümee von rund fünfzig spannenden Jahren (m)einer Reise zu den geheimnisvollsten Stätten unseres Planeten. 550 Folgen (m)einer Sonntagsserie. Nr. 1 erschien am 17. Januar 2010. Diese Zeilen schreibe ich am 21. Mai 2020, »Christi Himmelfahrt«.

Die Welt bereisen wollte ich schon als Kind, als ich Karl Mays wunderbare Werke förmlich verschlang. Ich wollte Abenteuer wie »Old Shatterhand« im fernen Amerika und wie »Kara Ben Nemsi« im Orient bestehen.

1968 wurde ich 1968 von der »Dänikenitis« (1) befallen. Kennzeichnend für die »Dänikenitis« sind Symptome, auf die ich auf keinen Fall verzichten möchte: Reisefieber steht da an erster Stelle. Nichts kann es wirklich stillen, und das ist gut so. Je mehr man reist, desto stärker wird es. Wer ihm nachgibt, dessen Sehnsucht wächst. Je mehr Mysterien man erforscht, desto mehr möchte man ergründen. Es ist, scheint mir, eine Art Sucht.

Ein weiteres Symptom: Wachsende Neugier auf das Unbekannte bei gleichzeitiger Ablehnung vorgekauten »Wissens«. Und: Der von Dänikenitis Befallene denkt lieber selbst und verlässt gern die ausgetretenen Pfade von »Vordenkern«. Ich selbst verdanke dem großartigen Erich von Däniken (*1935) rund fünfzig spannende Jahre. Von Ägypten bis Zentralamerika gibt es zahllose Monumente, die an der Richtigkeit der Geschichtsschreibung zumindest doch stark zweifeln lassen. Die monströsen Riesensärge von Sakkara zum Beispiel werde ich nie vergessen.

Foto 1: »Verloren« in der Wüste - die »Djoser Pyramide« (Sakkara).

Von der Djoser-Pyramide aus blickte ich hinaus in eine steinige Höllenglut von Wüste (2). Ein einheimischer Guide erklärte mir: »Überall gibt es noch unentdeckte komplexe unterirdische Anlagen ungeahnten Ausmaßes. Immer wieder werden neue Säle unter dem Wüstenboden ausfindig gemacht. Es ist schon vorgekommen, dass parkende Busse urplötzlich einbrachen und in einem unterirdischen Schlund zu versinken drohten. Zum Glück wurde dabei noch niemand verletzt! Es wurde mit großer Wahrscheinlichkeit erst ein kleiner Teil der unterirdischen Welt entdeckt!«

Prof. Hans Schindler-Bellamy (*1901; †1982) bestätigte: »Einst gab es im Wüstenboden ein Gewirr von zahllosen unterirdischen Gängen, Räumen und Sälen. Da wurde eine Unterwelt erschaffen, von deren Größe wir keine Vorstellung haben.« Auguste-Ferdinand-François Mariette (*1821;†1881) war eher zufällig in die Region von Sakkara gekommen. Ursprünglich wollte er Manuskripte aus der Frühzeit Ägyptens finden. Er gab aber frustriert auf und hoffte auf andere Sensationen. Würde er in den Gefilden von Sakkara Sphingen ausgraben können? Rücksichtslos setzte er Dynamit ein, um mit Gewalt einen Zugang zur Unterwelt von Sakkara zu finden. Tatsächlich hatte er Erfolg, hätte dabei aber leicht tödlich verunglücken können.

Foto 2: Von hier aus ging’s
zum Eingang in die »Unterwelt«.
Am 12. November 1851 tat sich der Boden unter Auguste Mariette im wahrsten Sinne des Wortes auf. Offenbar hatte er ein unterirdisches Gewölbe »entdeckt«. Die von ihm ausgelöste Detonation hatte ein Loch in eine steinerne Decke unter dem Wüstenboden gerissen. Auguste Mariette stürzte in die Tiefe. Wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Erst als sich der Staub gelegt und man Mariette eine Fackel gereicht hatte, erkannte er, wo er sich befand: in einer gewaltigen unterirdischen Gruft, im »Serapeum« von Sakkara. Aber war Mariette wirklich der »Entdecker« der fantastischen Unterwelt? Luc Bürgin (*1970), ein blitzgescheiter Schweizer Journalist, Publizist und Schriftsteller, hat ausgiebig recherchiert (3): »Ebenso umstritten bleibt, ob und wo der französische Abenteurer Paul Lucas (*1664; †1737) bereits über ein Jahrhundert vor Mariette dort unten herumkroch.«

Ich erinnere mich an meinen Besuch in Sakkara anno 1986. Die Hitze setzte mir arg zu, als ich die leider doch recht marode Pyramide von Sakkara umrundete. Ein schmächtiges Männlein mit gewaltigem Turban führte einen noch schmächtigeren kleinen Esel mit sich. Beide sahen aus, als wären sie einem Roman von Karl May entsprungen, sie waren aber real. Der Hüter des Esels war sichtlich enttäuscht, als ich mich weigerte, sein Grautier als Reittier zu nutzen. Ich wollte dem Tierchen nun wirklich nicht meine Last zumuten. Der Mann strahlte aber, als ich ihm das für einen Ritt geforderte kleine Trinkgeld zusteckte, ohne mich auf den armen Esel zu schwingen.

Mit einladenden Gesten forderte er mich auf, ihm zu folgen. Nach einem anstrengenden »Marsch« von höchstens einem Kilometer erreichten wir einen Eingang in die Unterwelt, der leicht zu übersehen war. Da ging es über eine Treppe in die Tiefe. Gut zehn Meter unter dem Wüstenboden schließlich standen wir vor einer schmalen Eisentür, die mein Führer mit wichtiger Miene und einem eisernen Schlüssel von beachtlicher Größe öffnete. Gestenreich erklärte mir der Mann den weiteren Weg.

Während sich meine Augen an die wohltuende Dunkelheit gewöhnten, tastete ich mich voran. Und plötzlich stand ich in einer fantastischen Welt, die ohne Probleme als Kulisse für einen SF-Film genutzt werden könnte. Vor mir dehnte sich ein imposanter Gang aus und verlor sich irgendwo in der Dunkelheit. Ich maß die Breite nach: gut drei Meter. Die Höhe schätzte ich auf bis zu zehn Meter. Ich schritt den Gang ab. Wie lang mochte er sein? Mindestens 180, vielleicht 210 Meter. Der gesamte Komplex dieser mysteriösen Galerie kam mir unwirklich vor.

Foto 3: Blick in die »Galerie«.

Ich ging in der Mitte des Gangs. Irgendwo flackerten zwei oder drei Glühbirnen auf. Ich folgte dem Gang weiter und blieb immer wieder stehen. Rechts und links erkannte ich Räume unterschiedlicher Größe. In 24 dieser Räume stand je ein riesiger steinerner Monstersarg. Manche dieser Särge sahen aus, als wären sie aus Beton. Man hatte, so schien es, die Verschalung erst kürzlich entfernt. Die meisten Särge hatten einen massiven Deckel, bei einigen fehlte er. Einige Sarkophage waren nach wie vor verschlossen. Bei einigen war der massive Deckel verschoben worden. Von wem? Von potenziellen Grabräubern? Beim einem der Monstersärge hatte man, wer und wann auch immer, ein Loch in die steinerne Kiste geschlagen, um in das Innere des Sarkophags zu gelangen. Vermutlich hoffte man im Inneren Kostbarkeiten zu finden, hatte es aber nicht geschafft, den tonnenschweren Deckel auch nur ein Stück zu entfernen. Vier der Räume der Galerie waren leer. Ich nehme an, dass auch hier Monstersärge aufgestellt werden sollten. Warum das aber unterblieb? Beendete man das fantastische Projekt vorzeitig?

Foto 4: Der aufgebrochene Sarkophag.
Mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach Mariette erkundete ich die Unterwelt von Sakkara. Nach der glutheißen Wüstenhitze war es im muffigen Gang unter dem Wüstensand geradezu angenehm. Meine Taschenlampe machte es mir möglich, die Größe der Anlage mehr zu erahnen als zu erkennen. Ich tastete mich in einige der Kammern rechts und links des Gangs.

Die Monstersärge sind wirklich atemberaubend. Einen habe ich vermessen: Er war 3,85 Meter lang, 2,25 Meter breit und 2,50 Meter hoch. Die Sarkophagwand hatte oben eine Dicke von immerhin 43 Zentimetern. Verschlossen wurde die beeindruckende Riesenkiste aus Stein einst mit einem Monsterdeckel aus Stein, 62 Zentimeter dick. Nach vorsichtigen Schätzungen wiegt der Sarg mit Deckel rund achtzig, vielleicht sogar einhundert Tonnen.

Jeder dieser Riesensärge wurde aus einem einzigen Klotz aus härtestem Granit gefertigt. Der Steinbruch befindet sich in Assuan, rund 1.000 Kilometer entfernt. Warum machte man sich vor Jahrtausenden die Mühe, die monströsen Steinsärge 1.000 Kilometer in die Einöde der Wüste zu transportieren? Warum wurde die unheimliche Unterwelt nicht direkt bei Assuan geschaffen? Wie bugsierte man diese Steinmonster zehn Meter in die Tiefe, um sie in Räumen entlang eines Ganges zu deponieren?

Foto 5: Sarkophag ohne »Deckel«.

Als ich am 16. April 1986 im Serapeum staunend vor den steinernen Riesensärgen stand, da ahnte ich nicht, dass das Mysterium Serapeum weit größere Ausmaße hat als bis heute offiziell zugegeben wird. Noch einmal Luc Bürgin (4):  »Noch verwirrender: Im Gegensatz zur Fachliteratur soll das Serapeum insgesamt weitaus mehr Sarkophage bergen als offiziell bekannt. Genauer beziffert sagenhafte 40 bis 70 Stück, wie mir bereits vor etlichen Jahren von einheimischen Experten hinter vorgehaltener Hand zugeflüstert wurde. ›Längst nicht alle Gänge der Anlage sind heute für Touristen zugänglich.‹«


Foto 6: Sarkophag mit »Deckel«.

Luc Bürgin fantasiert nicht. Er hat einige der verheimlichten Monstersärge von Sakkara vor Ort in Augenschein genommen. Für ein üppiges Bakschisch schloss ein Hüter der Schlüssel ein rostiges Eisentor auf.  Für wenige Minuten durfte der sympathische Schweizer in einen Teil des unterirdischen Labyrinths eintreten, das sonst offiziell gar nicht zu existieren scheint. Keine Frage: Offensichtlich ist erst ein Teil des Serapeums bekannt. Besser gesagt: Vermutlich wurde bislang nur ein Teil der unterirdischen Anlage offiziell bestätigt und gezeigt, während weitere Teile – warum auch immer – geheim gehalten werden. Und vermutlich sind wiederum weitere Teile bis heute nicht entdeckt worden.

Foto 7: Ein »Nebenraum« der »Galerie«.

Ich vermute, dass der lange Gang mit den Räumen für die Riesensarkophage nur Teil eines komplexen Systems ist. Ich nehme an, dass es noch weitere Galerien gibt, die womöglich untereinander verbunden waren. Angeblich hat man, wie ich vor Ort gehört habe, Hinweise auf schmale Korridore entdeckt, die von der Galerie wegführten. Ein solcher Gang soll eingestürzt, ein zweiter nur ein kurzes Stück passierbar sein. Wohin man wohl gelangt, wenn man diese Gänge wieder passierbar macht? Zu weiteren Galerien? Zu weiteren Räumen mit weiteren Riesensarkophagen? Oder zu anderen Geheimnissen der Unterwelt von Sakkara?


Foto 8: Einer der Monstersärge, fotografiert um 1910.

Wirklich Geheimnisvolles aber vermag nur der zu erkennen, der dazu bereit ist einzugestehen, dass es Mysteriöses gibt. Leider glauben manche, es sei unwissenschaftlich zuzugeben, dass noch nicht alles wissenschaftlich erforscht wurde. Thomas Carlyle (*1795; †1881), schottischer Essayist und Historiker, rügte dieses Verständnis von »Wissenschaft«. Carlyle, der mit Goethe korrespondierte, brachte seine Kritik auf den Punkt: »Das wäre eine armselige Wissenschaft, die die große, tiefe, geheiligte Unendlichkeit des Nichtwissens vor uns verbergen wollte, über welcher alle Wissenschaft wie bloßer oberflächlicher Nebel schwimmt.« Wirkliche Wissenschaft ist vom Geheimnisvollen fasziniert. Wirkliche Wissenschaftler sehen die Existenz des Rätselhaften als Ansporn an, vorbehaltlos zu forschen, ohne auch nur eine einzige Antwort im Voraus auszuschließen. In diesem Sinne schrieb Justus Freiherr von Liebig (*1803; †1873): »Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.« Wirkliche Wissenschaft macht nicht irgendwo halt, sie kennt keine Dogmen. Sie ist stets bemüht, das noch Geheimnisvolle zu ergründen.

Wer wirklich sucht, muss anzweifeln. Diese Steinmonster gigantischen Ausmaßes, man nennt sie in der Literatur gewöhnlich »Sarkophage«. Diese Bezeichnung habe ich übernommen. Aber waren diese Steinkisten wirklich Särge (5)? Oder waren sie etwas ganz anderes? Und wenn sie keine Steinsärge waren, was waren sie dann?


Fußnoten
(1) Der Ausdruck »Dänikenitis« wurde 1968 von der »New York Times« kreiert.
(2) Siehe hierzu Langbein, Walter-Jörg: »Monstermauern, Mumien und Mysterien Band 3«, 2. Auflage, Alsdorf, August 2019, Kapitel 33 und Kapitel 34, Seiten 233-244
(3) Bürgin, Luc: »Die verheimlichten Sarkophage von Sakkara«, Artikel, erschienen in »mysteries« Nr. 4, Juli August 2019, Seiten 12-19, Zitat Seite 15, rechte Spalte, 10.-12. Zeile von oben
(4) Ebenda, 14.-19. Zeile von oben
(5) Vielen Dank, Roland Rambau, für den anregenden Kommentar bei facebook!



Zu den Fotos
Foto 1: »Verloren« in der Wüste - die »Djoser Pyramide« (Sakkara). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Von hier aus ging’s zum Eingang in die »Unterwelt«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Blick in die »Galerie«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Der aufgebrochene Sarkophag. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sarkophag ohne »Deckel«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Sarkophag mit »Deckel«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Ein »Nebenraum« der »Galerie«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Einer der Monstersärge, fotografiert um 1910. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


552. »Paulus wurde entrückt und altindische Vimanas«,
Teil 552 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. August 2020



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Sonntag, 9. Januar 2011

51 »Das Geheimnis der runden Pyramide«

Teil 51 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die vielleicht geheimnisvollste Pyramide der Welt liegt am Rande von Mexiko City. Einst haben sie Archäologen mühsam ausgegraben. Inzwischen hat Mutter Natur das mysteriöse Bauwerk zum großen Teil wieder zugedeckt. Nur da und dort liegt uraltes Mauerwerk offen frei, freilich nur für für den aufmerksamen Beobachter, der nicht arglos vorbeifährt.

Modell der mysteriösen Pyramide
von Cuilcuilco. Foto: W.J.Langbein
Pyramiden haben immer ein viereckiges Fundament. Und die ältesten Pyramiden stehen im Land am Nil. Sie wurden von den mächtigen Pharaonen in Auftrag gegeben. Das sind, so scheint es, Binsenweisheiten. Aber entsprechen sie der historischen Realität? In Mexiko brachte mich ein Taschendieb ungewollt auf eine spannende Spur. Sie führte mich zu einer Pyramide, die es gar nicht geben dürfte. Sie ist nicht viereckig, sondern rund. Und sie ist sehr viel älter als es die Schulwissenschaft für möglich hält! Es gibt deutliche Hinweise auf eine »unmögliche« Tatsache: die Pyramide von Cuicuilco entstand, als es in Mexiko noch längst keine Pyramiden gab.

Wann und wo mögen die ersten Pyramiden errichtet worden sein? Darüber herrscht in der wissenschaftlichen Literatur Einigkeit. Pharao Djoser legte im ägyptischen Sakkara um 2650 v.Chr. den Grundstein für die erste Pyramide überhaupt. Einst ragte sie 62,50 Meter in den Himmel Ägyptens, im Lauf der Jahrtausende ist sie etwas »geschrumpft«, auf »nur« noch 60 Meter. Ihre Basis misst 121 mal 109 Meter. Sie ist also, anders als alle jüngeren Pyramidenbauten, nicht quadratisch.

Ist das die älteste Pyramide der Welt?
Foto: W.J.Langbein
Die wohl berühmtesten Pyramide der Welt wurden einst in der Wüste von Ägypten errichtet. Inzwischen hat sich der Moloch Kairo an die Denkmäler herangeschlichen. Elendsviertel explodieren förmlich und drohten die Jahrtausende alten Denkmäler förmlich zu vereinnahmen. Eine weiträumig um den Gizeh-Komplex errichtete Mauer soll das verhindern.

Sie gilt als etwas jünger als die Pyramide des Djoser: die geradezu legendäre Pyramide der Welt. Man hat sie nach Pharao Cheops benannt. Cheops wollte wohl – um 2568 v.Chr. – seine Vorgänger übertrumpfen. Stolze 146 ragte seine Pyramide einst in den Himmel.. und war bis ins Mittelalter das höchste Gebäude der Welt. An der Basis, so haben es findige Wissenschaftler rekonstruiert, maß das Grabmal des Cheops einst 230 mal 230 Meter. Sie wurde – unsere Binsenweisheit bestätigend – viereckig quadratisch angelegt... vor etwas mehr als 4570 Jahren!



Die Cheops-Pyramide bei Nacht. Foto: W.J.Langbein
Ein Taschendieb brachte mich vor zwanzig Jahren ungewollt nach Cuicuilco. Am letzten Abend einer spannenden Reise zu den großen Geheimnissen von Zentralamerika machte ich einen Bummel durch Mexiko-City. Müde kehrte ich in mein Hotel zurück. Am nächsten Tag wollte ich in die Heimat zurückfliegen. Bevor ich ins Bett gehen würde, wollte ich meinen Reisepass und mein Flugticket zurechtlegen. Aber wo waren das wichtige Dokument und das Ticket? Sie steckten in der Innentasche meiner Jacke. Das heißt: da hatten sie sich befunden bis sie mir von einem Taschendieb gestohlen worden waren. Jetzt erinnerte ich mich an den freundlichen jungen Mann, der mich im Gedränge von Mexiko-City angerempelt hatte. Weitschweifig hatte er sich entschuldigt und übertrieben hilfsbereit meine Jacke zurechtgezupft. Bei dieser Gelegenheit hat er dann meinen Pass und mein Flugticket gegriffen.

An Ruhe war nun nicht mehr zu denken. Ich durchwühlte mein Gepäck, aber Pass und Flugticket blieben verschwunden. Nun musste ich meinen Rückflug stornieren und einen späteren Flug buchen. Und ich musste mir bei der deutschen Botschaft einen Ersatzpass besorgen. »Das Papier kann ich Ihnen sofort ausstellen!» erklärte mir freudestrahlend ein Angestellter der Botschaft. »Bitte geben Sie mir zwei Passfotos!« Passfotos befanden sich aber nicht in meinem Reisegepäck. Woher sollte ich sie auf die schnelle besorgen? »Suchen Sie einen Fotografen mit Sofortbildkamera!« meinte der Mann von der deutschen Botschaft. »Vielleicht haben Sie ja Glück!«

Ich machte mich auf den Weg. Fotogeschäfte gab es viele. Fast alle konnten natürlich auch Passbilder machen. In nur wenigen Tagen, so erfuhr ich immer wieder, seien sie schon fertig. So lange wollte ich aber nicht in Mexiko-City bleiben. Immer nervöser werdend suchte und suchte ich. Es dauerte aufregende und hektische Stunden, bis ich einen Fotografen mit einer Sofortbildkamera ausfindig machen konnte. Und noch einige Stunden später bekam ich schon meinen Ersatzpass ausgehändigt. Für den nächsten Tag wurde mir ein Platz für die verspätete Heimreise reserviert.

Die Pyramide von Cuilcuilco heute. Foto W.J.Langbein
»Mein« Taschendieb hatte mir meinen Aufenthalt in Mexiko-City um einen Tag verlängert. Was sollte ich in der gewonnenen Zeit tun? »Visit the pyramid of Cuicuilco!« riet mir ein Taxifahrer. »Besuchen Sie die Pyramide von Cuicuilco!« Von dieser Pyramide hatte ich noch nie gehört. Sie sei älter als die berühmten Pyramiden von Ägypten.... War das möglich? Ich ließ mich vom Taxifahrer zu dem mysteriösen Baudenkmal fahren. Cuicuilco liegt am südlichen Stadtrand von Mexiko-City. zwischen Wolkenkratzern von der Art, wie sie auf allen fünf Erdteilen in den Himmel wachsen.

Die Pyramide von Cuicuilco war eingezäunt, lag in unmittelbarer Nähe einer stark befahrenen Straße. Leicht konnte man sie übersehen. Kein Hinweisschild machte darauf aufmerksam. Warum nicht? »Die Archäologen mögen die Pyramide nicht!« erklärte mir mein Taxifahrer. »Sie ist ihnen viel zu alt. Sie passt den Archäologen nicht ins Konzept!«

»Wie alt ist Cuicuilco?«,
Teil 52 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16.01.2011



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Sonntag, 19. September 2010

35 »Das Geheimnis der Heiligen Stiere«

Teil 35 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Von der Djoser-Pyramide aus blicke ich hinaus in eine steinige Höllenglut von Wüste. Ein einheimischer Guide erklärt mir: »Überall gibt es noch unentdeckte komplexe unterirdische Anlagen ungeahnten Ausmaßes. Immer wieder werden neue Säle unter dem Wüstenboden entdeckt. Es ist schon vorgekommen, dass parkende Busse urplötzlich einbrachen... und in einem unterirdischen Schlund zu versinken drohten! Zum Glück wurde dabei noch niemand verletzt! Es wurde mit großer Wahrscheinlichkeit erst ein kleiner Teil der unterirdischen Welt entdeckt!«

Prof. Hans Schindler-Bellamy bestätigte: »Einst gab es im Wüstenboden ein Gewirr von zahllosen unterirdischen Gängen, Räumen und Sälen! Da wurde eine Unterwelt erschaffen, von deren Größe wir keine Vorstellung haben!«

Welche Geheimnisse
birgt die Wüste von Sakkara noch?«
Mit der Djoser-Pyramide – der ältesten Pyramide Ägyptens – im Rücken blicke ich hinaus in die rötlich-braune Wüste. Unerbittlich brennt die Sonne vom Himmel. Die trostlose Landschaft wirkt seltsam fremdartig, wie das Szenario eines Science-Fiction-Films »fremder Planet«. Ich marschiere über den unwegsamen Wüstenboden. Hier und da lassen sich Mulden erkennen, die auf Grabungen schließen lassen. Dort sind kleine Hügel aufgeschüttet. Manche Erdbewegung scheint noch frisch zu sein. Wird hier illegal nach Schätzen gesucht? Eindeutig künstlich behauene Steinquader liegen im Sand. Stammen sie aus einer der unterirdischen Kammern? Gehörten sie zu einem der wuchtigen Gewölbe? Oder sind es Brocken aus der Djoser-Pyramide?

Hier, in dieser Wüste, hat Auguste Mariette nach dem »Heiligen Stier« gesucht... Vergeblich. Im Jahr 1857 startete Auguste Mariette (1821-1881) ein zweite Grabungskampagne in der Wüstenei von Sakkara. Massive Sprengladungen erleichterten ihm die Arbeit wesentlich. Aus heutiger Sicht muss sein Vorgehen als höchst unwissenschaftlich bezeichnet werden. Die gewaltigen Detonationen zerstörten kostbare Spuren in die Vergangenheit.


Foto: ©Public Domain, Wikimedia

Mariette war eher ein rücksichtloser Grabräuber als ein wissenschaftlicher Archäologe. Manche bezeichnen ihn als Dieb. Immerhin: Tausende Fundstücke schaffte er heimlich außer Landes. Die Direktion des Louvre war dankbar für die Schätze, ernannte Mariette zum »Kurator der ägyptischen Abteilung«. In Ägypten wurde Mariette vom Vizekönig Said Pascha zum »Direktor des Altertümerdienstes« befördert. 1862 wurde ihm der Titel eines »Bey«, 1879 der eines »Pascha« verliehen.


Die majestätische Sphinx hatte Mariette nach Sakkara geführt. 134 Sphingen entrissen Mariette und seine Arbeiter dem Wüstensand. Eine Entdeckung folgte auf die andere: Kostbare Schätze kamen ans Tageslicht, Statuen von Falken, Panthern und Göttern. Einen Fund schätzte Auguste Mariette besonders: Es war ein Stierbildnis. In einem Tempelchen, von der Architektur am ehesten mit einer Kapelle zu vergleichen, ruhte stoisch gelassen eine kunstvoll aus Kalkstein gearbeitete Skulptur eines Apis-Stieres. Der französische Wissenschaftler war überzeugt: Diese Statue weist auf den Kult um den heiligen Stier hin!

Der Apis-Stier wurde schon in der Ersten Dynastie im Tempel des Gottes Ptah (Memphis) angebetet.. als das göttliche Symbol für die Fruchtbarkeit. Im Lauf der Zeit stieg der Apis-Stier auf: Er wurde zum himmlischen Boten Ptahs. Schließlich wurde er als die »herrliche Seele« Ptahs auf Erden verehrt. Wenn der »amtierende« Apis-Stier starb, wurde Staatstrauer angeordnet. Erst wenn wieder ein Stier ausfindig gemacht wurde, der die »heiligen Zeichen« des Apis trug, endete die Trauer. Was geschah mit dem toten Stier? Wurde er in einem riesigen Sarkophag beigesetzt?

Wurde der tote Apis-Stier
in so einem Riesensarg beigesetzt?
So hatte der Apis-Stier auszusehen: Er musste makellos schwarz sein. Auf der Stirn musste ein klar umrissenes, weißes Dreieck zu sehen sein. An der Seite musste sich ein weiterer weißer Fleck befinden: in der Gestalt einer Mondsichel.

Der tote Apis-Stier, so ist überliefert, wurde innerhalb von siebzig Tagen mumifiziert und im unterirdischen Serapeum von Sakkara bestattet. Auguste Mariette war davon überzeugt, dass die Riesensärge einst für die Mumien der Apis-Stiere geschaffen worden waren. Die kolossalen Steinsarkophage waren ja auch des toten Apis-Stires würdig. Galt der doch als Osiris, als Gott der Wiedergeburt. So wie der Nil regelmäßig über seine Ufer trat und dem Land Fruchtbarkeut schenkte, so war auch Osiris der Gott der ewigen Wiederkehr: der Vegetation, der Wiedergeburt.

Immer wieder entdeckte Auguste Mariette gigantische Steinsärge. Immer wieder schöpfte er Hoffnung, immer wieder wähnte er sich am Ziel. Aber er wurde immer wieder enttäuscht. Grabräuber hatten Löcher in die steinernen Riesenkisten geschlagen... und vollkommen ausgeplündert. Im Sommer des Jahres 1852 stieß Mariette auf einige unbeschädigte Sarkophage. Seine Freude war verfrüht. Nachdem er die tonnenschweren Deckel zur Seite hatte wuchten lassen ... waren auch sie leer. Seltsam: Warum haben Grabräuber den tonnenschweren Sargdeckel zur Seite geschoben, die Sarkophage völlig leergeräumt und dann wieder sorgsam mit dem wuchtigen Steindeckel verschlossen?

Einer der Monstersarkophage von Sakkara


Am 5. September 1852, so schien es, bahnte sich endlich die erhoffte Sensation an. Vor dem Eingang einer Nische in der unterirdischen Gruft stand eine kostbare vergoldete Statue des göttlichen Osiris. Sie bewachte, davon war Mariette überzeugt, seit Jahrtausenden eine Apis-Mumie. Ganz offensichtlich hatten keine Grabräuber Statue und Sarkophag entdeckt. Sie hätten die wertvolle Götterfigur geraubt und die steinerne Kiste geplündert.

Mariette wähnte sich endlich am Ziel seiner Sehnsüchte. Er vertraute seinem Tagebuch an: »Auf diese Weise hatte ich Gewissheit, dass vor mir eine Apis-Mumie liegen müsse, und konsequenterweise verdoppelte ich meine Vorsicht. Meine erste Sorgfalt galt dem Kopf des Stieres. Aber ich fand keinen. Im Sarkophag lag eine bitume, sehr stinkige Masse, die beim kleinsten Druck zerbröselte. In der stinkigen Masse lag eine Anzahl sehr kleiner Knöchelchen, offenbar schon zersplittert in der Epoche des Begräbnisses. Inmitten des Durcheinanders von Knöchelchen ohne Ordnung und eher zufällig fand ich fünfzehn Figürchen.«

Mit Nachdruck suchte Auguste Mariette nach der Mumie eines »heiligen Stieres« in der Unterwelt von Sakkara. Er fand Monstersarkophage: und die waren entweder vollkommen leer oder sie enthielten ein stinkendes teerartiges Gemisch in die offensichtlich vor Jahrtausenden zerschlagene Knochen gerührt worden waren. Die archäologische Wissenschaft behauptet: in den Riesensärgen wurden Apisstiere beigesetzt.

Tonnenschwere Deckel verschlossen die
Monstersarkophage von Sakkara.
Die Ägypter waren Meister der Mumifizierung. Menschen von hohem Rang wurden siebzig Tage lang nach einem komplizierten Verfahren für die Ewigkeit vorbereitet. Zweck der Mumifizierung war es, einen Leichnam möglichst perfekt zu konservieren, um ein Leben nach dem Tode zu ermöglichen.

Was auch immer bei Sakkara bestattet wurde, das sollte nicht auferstehen. Man hat keine Mumie konserviert. Man hat vielmehr Lebewesen zerstückelt, mit einer teerartigen Masse vermengt und den ekelerregenden Brei in tonnenschweren Steinsarkophagen verwahrt und mit tonnenschweren Steindeckeln verschlossen. Was auch immer auf diese Weise entsorgt wurde, es sollte auf keinen Fall zu neuem Leben erwachen. Was auch immer in die gewaltigen Monstersärge wie in Tresore gesperrt wurde... hat es einst Angst und Schrecken verbreitet?

Der heilige Apis-Stier wurde – wie ein Pharao – siebzig Tage lang mumifiziert: das gilt als anerkannte Lehrmeinung. 70 Tage lang war der Sirius von Ägypten aus nicht zu sehen. Siebzig Tage lang hielt er sich sozusagen im Totenreich auf, um dann wieder zu erscheinen... aufzuerstehen! 70 Tage der Mumifizierung hatten symbolische Bedeutung: So wie Sirius nach siebzig Tagen ins Reich der Lebenden zurückkehret, so sollte auch der mumifizierte Tote dereinst zu neuem Leben erwachen.

Seltsam: Die Apis-Stiere galten als Sinnbild der Wiedergeburt. Warum wollte man ausgerechnet eine Auferstehung dieser heiligen Tiere verhindern? Ist es nicht geradezu paradox, dass das Fleisch gewordene Symbol der Wiedergeburt und des neu erstehenden Lebens ... selbst nicht wiedergeboren werden sollte? Ob die alten Ägypter warum auch immer Angst gehabt haben vor dem Apis-Stier? Wollten sie deshalb eine Wiederkehr des Apis-Stiers unbedingt verhindern? Haben sie aus Angst die Leichname der Apis-Stiere zerstückelt, mit einer breiigen Masse verrührt und für immer in tresorartigen Sarkophagen weggesperrt? Sollte etwas Monströses nie mehr ins Reich der Lebenden zurückkehren?

Wenn wir glauben, man könne die uralte Vergangenheit Ägyptens wie ein offenes Buch von der ersten bis zur letzten Seite lesen ... dann ist das ein Irrtum! Noch so manches Geheimnis wartet darauf, gelöst zu werden.

»Die verlorene Stadt in den Anden«,
Teil 36 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26.9.2010

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