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Sonntag, 10. November 2013

199 »Der Spuk von Gangaikondacholapuram«

Teil 199 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Ort des Spukgeschehens
Foto: Jungpionier
»Das monströse Wesen war riesig groß, etwa wie ein mächtiger Elefantenbulle. Es hatte auch die Stoßzähne und den Rüssel eines Elefanten. Mächtige Hörner wuchsen aus dem massigen Schädel, die so gar nicht zu einem Elefanten passten. Der Leib glich dem eines Löwen mit stolzer Mähne, aber auch einem kingkongartigen Riesenaffen.

War die Kreatur aus dem heiligen Tempel von Gangaikondacholapuram gekommen? Fast sah es so aus. Man munkelte ja schon seit vielen Jahrhunderten davon, dass in den Kellern des sakralen Bauwerks Unheimliches geschehe. Sollten dort monströse Wesen gefangen gehalten werden? War jetzt so ein Ungeheuer entwichen?

Das Furcht einflößende Tier setzte Pfote vor Pfote. Sein mächtiger Leib schien die Erde erzittern zu lassen. Heiße Luft umwaberte das Wesen, das es in der Natur nicht geben kann, ließ seine Konturen verschwimmen ... Fast kam es mir vor, als würde mich das hässliche Wesen mit gewaltigen Glotzaugen hypnotisierend anstarren! Es kam aus Richtung des majestätischen Tempels auf mich zu. Die Bedrohung wuchs spürbar!«


Auch als er mir Jahre nach dem beängstigenden Ereignis  von seinem mysteriösen Erlebnis berichtete fühlte sich Dr. K.* unbehaglich. Der damals 44-jährige Chemiker aus Brandenburg hatte die Ruinen von Gangaikondacholapuram besucht, in der Hoffnung, noch etwas vom einstigen Glanz der uralten Metropole erahnen zu können. Seine Enttäuschung vor Ort war dann doch groß. Zu sehen gab es im ärmlichen Dörfchen nicht viel Imposantes.


Kam das Monster
aus dem Tempelturm?
Foto: Benjamín Preciado
Zur Historie: 1022/23 hat der König der Chola, Rajendra I, eine zweite Hauptstadt aus dem Boden stampfen lassen, etwa sechzig Kilometer nördlich von Thanjavur. Wie in Thanjavur wurde ein Tempel zu Ehren Shivas geschaffen, allerdings kleiner und nicht ganz so wuchtig, sozusagen als Dependance der eigentlichen Hauptstadt.

Dieser Shiva-Tempel ist heute das einzige Bauwerk, das von der einst stolzen Metropole übrig geblieben ist. Von den übrigen sakralen und weltlichen Bauten sind nur Mauerreste erhalten geblieben. Einheimische wie fremde Machthaber schleppten unvorstellbare Massen an Stein aus den Ruinen. So wirkt der Vimana-Turm heute wohl imposanter als vor rund 1.000 Jahren, als ihm ähnliche Bauten den Rang streitig gemacht haben. Vor einem Jahrtausend war er in eine prachtvolle Silhouette integriert, heute ragt er als Solist in den Himmel. Das architektonische Orchester um ihn herum ist verschwunden.

Der Vimana-Turm ist Teil des Tempelkomplexes. Das dreistöckige Gebäude wirkte einst wie eine Burg, umgeben von einer mächtigen Monstermauer. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die gewaltige Verteidigungsanlage von den zivilisierten Engländern als Steinbruch genutzt und weitestgehend abgetragen. Die Briten benötigten sehr viel Baumaterial für einen Damm. Zum Glück ließen sie den eigentlichen Tempel stehen.

Es soll allerdings noch eine nicht erforschte unterirdische Welt geben: Kellerräume, Archive, Gänge, vielleicht sogar unterirdische Tempel. In der wissenschaftlichen Literatur konnte ich keine Informationen über Ausgrabungen finden. Vor Ort bekam ich immer wieder Hinweise auf verborgene Bibliotheken altindischer heiliger Bücher, die seit Jahrtausenden von auserwählten Eingeweihten gehütet werden. Die uralten Schriftzeichen könne niemand mehr lesen ...

Erhalten blieb auch Shivas riesiges Reittier in Stein. Nandi, ein Buckelstier, führt Shivas himmlischen Hofstaat an. Einst saß so ein Nandi vor jedem der zahlreichen Shiva-Tempel – als respektierter Wächter. Ich habe mir vor Ort sagen lassen, dass es in Indien einige Tempel gibt, in denen Nandi geradezu als »Gottheit« verehrt wird. Dort hütet Nandi nicht den Tempel, dort residiert er selbst im Allerheiligsten. Vergleichbar mit katholischen Heiligen ist Nandi für alle vierbeinigen Tiere zuständig ... und Hüter der vier Ecken der Welt.

Typisches Beispiel einer Nandi-Statue (Lepakshi) - Foto: Maheshkhanna 

In Gangaikondacholapuram blickt der steinerne Nandi erwartungsvoll Richtung Vimana-Turm ... als ob er erwartet, dass das Vimana-Vehikel gen Himmel abhebt. Ich fragte Dr. Franz K.* vorsichtig: »Ob Sie die steinerne Nandi-Statue mit diesem mysteriösen Monster verwechselt haben?« Dr. K. reagierte genervt: »Ich habe keine steinerne Statue gesehen, sondern ein Furcht einflößendes Etwas, das sich bewegte und auf vier mächtigen, mit scharfen Krallen versehenen Tatzen auf mich zukam! Es schien zu leben. Andererseits ... Nach Fleisch und Blut sah es nicht aus, eher nach  etwas fast Gasförmigem.« Dr. K. lachte: »Wenn mir dieses Etwas um Mitternacht begegnet wäre ... dann hätte ich es für eine Spukerscheinung gehalten!« Mit einem Nandi habe das Wesen auf keinen Fall auch nur geringste Ähnlichkeit gehabt. »Nandi-Statuen  zeigen ein starkes, großes, aber doch freundliches und mildes Wesen.«

Nandi wurde von keinem Geringeren als Kashyapa gezeugt, vom mächtigen Schöpfergott. Seine Mutter Surabhi, die »Urkuh«, ist eine der ältesten Muttergöttinnen. Sie ist auch heute noch hoch geachtet – als »Wunscherfüllerin«. So mancher Hindu betet zu Surabhi ... wie der fromme Katholik zur Mutter Jesu, zu Maria. Im Volksglauben ist Maria längst zu einer Art Himmelsgöttin geworden, die von den Muttergottheiten aus heidnischen Zeiten kaum noch zu unterscheiden ist! Als Verkörperung der Muttergöttin genießt auch heute noch in Indien jede lebende Kuh große Verehrung. Ich erinnerte meinen Gesprächspartner an sein Erlebnis.


Dr. K.*: »Diese Kreatur war dreidimensional, bewegte sich, zeigte beängstigende Fratzen ... und es kam auf mich zu ... in der Mittagshitze von Gangaikondacholapuram. Am ehesten kann man als Vergleich ein Hologramm heranziehen. Die Erscheinung war nicht immer klar zu sehen. Sie verschwamm manchmal, zitterte, bewegte sich aber immer weiter auf mich zu.« Dr. K.* lachte. »Stellen Sie sich vor, vor Jahrtausenden wurde Indien von Wesen aus dem All besucht ... in Vimanas kamen sie aus dem Himmel herab. In den Augen der Menschen müssen das Götter gewesen sein. Stellen Sie sich vor ... diese Besucher zeigten den Menschen Hologramme. Das muss die Menschen in Angst und Schrecken versetzt haben, ihnen wie ein gespenstischer Spuk erschienen sein, aus einer übernatürlichen Welt!«

Wie ist Dr. K.s* Erlebnis zu erklären? Als geheimnisvolle Manifestation von geheimnisvollen Energien? Als Folge von zu viel Sonne oder Fantasie? Dr. Franz K. kam mir eher wie ein trockener Wissenschaftler vor, der keineswegs zu Fantastereien neigt.

Der Airavateshwarartempel
von Darasuram
Foto: W-J.Langbein
Ich staunte nicht schlecht, als ich den »Airavatesvara«- Tempel im Städtchen Darasuram, bei Kumbakonam gelegen, besichtigte. Das sakrale Hindu-Bauwerk wurde von Rajaraja Chola II im 12. Jahrhundert in Auftrag gegeben und finanziert. Es ist etwa  200 Jahre jünger als der »Gangaikondacholapuram«-Tempel. Bei meinem Besuch fiel mir sofort ein »Götterwagen« auf, der an die Vehikel erinnern soll, die offenbar vor Jahrtausenden zum Alltag des »Alten Indien« gehörten. Er wird, in Stein gehauen, von göttlichen Tieren gezogen.

In wissenschaftlichen Abhandlungen aus dem »Alten Indien« sind uns unzählige Einzelheiten bekannt: Quecksilber soll ein Element des Antriebs gewesen sein. Jedes Vimana war mit unzähligen Apparaten ausgestattet. Da gab es Maschinen, die überprüften, ob am Himmelsvehikel Verformungen aufgetreten waren. Andere Apparate ermöglichten es, weit entfernte Objekte deutlich sichtbar zu machen. Ein Spiegel zog Energie an. Die »Royal Sanskrit Library« von Mysore verfügt über die größte Sammlung altindischer heiliger Bücher.

Zu den edelsten Kostbarkeiten gehört der uralte Text »Vymaanika Shaastra«. Er handelt sehr technische Aspekte der Flugapparate der alten Götter ab. Da wird beispielsweise die Kleidung der Piloten beschrieben. Da wird berichtet, wie sie ausgebildet wurden. Ihre Flugrouten werden angegeben. Da werden die Metalle aufgelistet, die für die Flugmaschinen zu verwenden sind. Es werden verschiedene Antriebsarten miteinander verglichen, ihre Vor- und Nachteile erörtert. Schließlich werden diverse »Geheimnisse der Astronautik« aufgezählt.

Ein Beispiel: Der Kommunikation diente eine Vorrichtung mit der Bezeichnung »Parivesayantra«. Mit ihrer Hilfe war es möglich, sich von der Erde aus mit der Besatzung von Flugvehikeln am Himmel  zu unterhalten. Er kam auch zum Einsatz, wenn die Lenker verschiedener Flugwagen untereinander kommunizierten.

Der Flugwagen von Darasuram - Foto: W-J.Langbein

Im Epos »Mahabharata« (Kapitel 15, Verse 23 und 24) lesen wir: »Indem er dies zu der Göttin sagte und sich von ihr und den Weisen verabschiedete, ging er an Bord des Flugzeugs. Indem er die Elefanten, Pferde, Wagen und Waffen sowie mechanische Vorrichtungen zusammenholte, machte er sich auf den Weg.«

Ein Buch zu lesen, das genügt nicht, will man sich über die fantastische Geschichte Indiens ... man müsste sich durch Tausende von Heiligen Büchern wühlen, die selbst Experten nicht zu kennen scheinen. Doch zurück nach Indien ...

Ich untersuche den »Flugwagen« des »Airavatesvara«-Tempels. Ob es technisch interpretierbare Darstellungen gibt ... am »Flugwagen« selbst, in Nebengebäuden des Tempels vielleicht? Auf einmal stehe ich vor seltsamen »Säulenheiligen« der besonderen Art. Die monströsen Wesen sind mit viel Liebe zum Detail in den Stein gemeißelt ... und sie erinnern in verblüffender Weise an die Kreatur, die Dr. K.* wie folgt beschrieben hat:


»Das monströse Wesen war riesig groß, etwa wie ein mächtiger Elefantenbulle. Es hatte auch die Stoßzähne und den Rüssel eines Elefanten. Mächtige Hörner wuchsen aus dem massigen Schädel, die so gar nicht zu einem Elefanten passten. Der Leib glich dem eines Löwen mit stolzer Mähne, aber auch einem kingkongartigen Riesenaffen.«

Ist das ein Zufall? Oder erlebte Dr. K.* so etwas wie einen Spuk ... eine Erscheinung, die schon im »Alten Indien« bekannt war ... vor Jahrhunderten, vielleicht schon vor Jahrtausenden? Dr. K.*: »So wie das Monster erschienen war, so löste es sich auch wieder in Nichts auf. Sie glauben mir nicht? Ich kann Ihnen nur versichern ... es war so!«

Monster aus Stein - Fotos: W-J.Langbein

Prof. Hans Schindler-Bellamy, Wien, erklärte mir im Interview: »Götter, Göttinnen und ›Monster‹ waren für die ›Alten Inder‹ Manifestationen höherer Wirklichkeiten, die mit der Logik nicht erklärt werden können! Da materialisierte sich Geist, da wurde sichtbar, was sonst unsichtbar ist!«

Die Vorstellung, ein Monsterwesen könnte sich bei hellem Tageslicht unweit eines heiligen Tempels aus dem Nichts materialisieren und wieder verschwinden, sie mutet fantastisch an. Wer sich aber mit der ältesten Geschichte Indiens beschäftigt, wird feststellen, dass sie wirklich fantastisch gewesen zu sein scheint ... Ob Dr. K.* so etwas wie eine Manifestation von etwas Unbegreiflichem erlebt hat? Oder wurde ihm für Momente der Blick in eine andere Realität gestattet? Nach unserem Verständnis war es so etwas wie ein Spuk.
Was war es wirklich?

*Name geändert

Der Riese in der Dorfkirche I,
Teil 200 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von 
Walter-Jörg Langbein,                                                                                               
erscheint am 17.11.2013

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Sonntag, 22. September 2013

192 »Von dicken Jungfrauen und eingesperrten Jünglingen«

Teil 192 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Autor Langbein in einer der Höhlen
im Leib der Osterinsel
Foto: Anne Choulet, Frankreich
Die Jungfrauen der Osterinsel fristeten ein trauriges Los in der Dunkelheit ihrer engen  Höhle. Hunderte Meter weit reichte sie in den felsigen Leib des Eilands. Bei meinen Besuchen auf Rapa Nui lernte ich die friedliche Atmosphäre der Südseeinsel lieben. Aber Rapa Nui hat auch eine finstere, düstere Seite. Damit meine ich nicht die Verbrechen, die an den Insulanern verübt wurden ... von Vertretern der »zivilisierten Welt«.  Fast die gesamte Bevölkerung wurde im 19. Jahrhundert ausgerottet ...

Alfred Métraux schreibt, dass junge Mädchen »von ihren Eltern in Höhlen eingesperrt wurden, in denen sie in völligem Nichtstun lebten.« Die »Jungfrauenhöhle«, aber auch andere »Gefängnishöhlen« für »neru« (1), waren ja so eng, dass man sich darin kaum bewegen konnte. Längere Aufenthalte in diesem Gefängnis müssen unglaublich qualvoll gewesen sein.

Unserem Schönheitsideal entsprachen die Jungfrauen nicht. Wenn wir an holde, liebreizende und sehr feminine Ladies denken, wie sie in Hollywoodfilmen auftreten, machen wir uns vollkommen falsche Gedankenbilder. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus ... Ihre Fingernägel wurden »übermäßig lang«. Ernährt, man muss wohl sagen gemästet, wurden die jungen Damen von ihren Eltern. Essen war das einzige »Vergnügen« der eingesperrten Mädchen, die deshalb immer dicker und dicker wurden. Bewegung hatten sie ja keine. An die frische Luft kamen sie, wenn überhaupt, in höchst bescheidenem Maße ... und das nur bei Nacht.

Wiederholt schilderten mir Einheimische das Aussehen der weggesperrten »Jungfrauen«: Überlange, oft verfilzte Haare, überlange Fingernägel, starkes Übergewicht und  Bemalung in Rot. Welche Mädchen wurden in Höhlen weggesperrt? Wir dürfen nicht mit heutigen Wertmaßstäben beurteilen. Vor Jahrhunderten waren es auf der Osterinsel vermutlich nicht gesellschaftliche Benachteiligte, sondern – ganz im Gegenteil – Töchter aus privilegierten Schichten, die in Höhlen hausen durften.

Blick in eine der Osterinselhöhlen
(Ana Kai Tangata)
Foto: Jürgen Huthmann
Wir wissen nichts darüber, wann und wie es zu den uns seltsam vorkommenden Praktiken kam. Wir wissen auch nicht, warum die Mädchen in dauernder Finsternis kaserniert wurden. Wenn wir nur die rätselhaften Felszeichnungen in der Jungfrauenhöhle »Ana O Keke« wie ein Buch lesen könnten. In der wissenschaftlichen Literatur ist zu lesen, dass die langen Aufenthalte in der Finsternis nicht in erster Linie irgendwelchen modischen Vorstellungen dienten, »sondern zur Vorbereitung von Initiationsriten genutzt« wurden.

Man muss demnach davon ausgehen, dass die Jungfrauen auf mysteriöse Rituale von wohl religiöser Bedeutung in der Abgeschiedenheit vorbereitet wurden. Wie diese Rituale ausgesehen haben? Wir wissen es nicht. Ging es um den Übergang vom Kind oder Jugendlichen zum Erwachsenen?
Prof. Hans Schindler-Bellamy, Wien, bezweifelte das: »Solche Riten, die das Erwachsenwerden bewusst betonen, gab es sicher auch. Aber die ›bleichen Jungfrauen‹ wurden wohl auf etwas anderes vorbereitet. Ich kann mir vorstellen, dass es eine eher kleine Zahl von Jungfrauen war, die in den Höhlen auf das Amt der Priesterin vorbereitet wurden!«

Für die künftigen Priesterinnen oder Schamaninnen ging es um die Kernfrage des Lebens, so der Wissenschaftler im Gespräch mit dem Verfasser, um Geburt, Leben, Sterben, Tod und was danach kommt!

Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen erlebt jeder Mensch. Weltweit gab es in allen Kulturen Initiationsriten, die diesen natürlichen Wandel begleiteten. Lange Aufenthalte in einer Höhle indes machen den Menschen nicht gerade fit für das Alltagsleben. Und deshalb meinte Prof. Hans Schindler-Bellamy, dass eben nur ein kleiner Kreis von auserwählten Jungfrauen initiiert wurde, eben zur »weisen Frau«, zur »Priesterin« oder »Schamanin«.

Besuch in der Höhle
Ana Te Pahu
Foto: Jürgen Huthmann
1915 starb auf der Osterinsel die angeblich  letzte ehemalige »Jungfrau aus der Bleichhöhle«, die einst in ihrer Kindheit in der Dunkelheit hatte hausen müssen ... als hochbetagte Greisin. Sie soll die letzte Wissende gewesen sein, die das Geheimnis der Kulthöhle kannte. Sie nahm es mit ins Grab. Fast gleichzeitig verstarb damals in einer Lepra-Kolonie, der angeblich letzte Osterinsulaner, der noch die alten Osterinsel-Schriftzeichen wie ein Buch lesen konnte. Katherine Routledge besuchte den Sterbenden. »Es ist besser, dass das uralte Wissen mit mir für immer vergessen wird, als dass ich es einer Fremden anvertraue!«, soll er der großen Osterinselforscherin zugeflüstert haben.

»Ana O Keke«, das wissen wir, war eine uralte Kultstätte. Kurioser Weise soll es auf den Kanaren eine ähnliche Höhle geben, in der ganz ähnliche Petroglyphen wie in der Jungfrauenhöhle der Osterinsel gefunden wurden. In der Kulthöhle der Osterinsel wurde eine Vielzahl von seltsamen Zeichen gefunden, die sonst nirgendwo auf dem Eiland vorkommen. Die Übereinstimmungen zwischen den Höhlen der Osterinsel und auf den Kanaren verblüffen. Hartwig-E. Steiner schreibt (2): »Wer beide Höhlen, die Ana O Keke auf Rapa Nui und die Cueva del Agua auf der Kanaren-Insel El Hierro, besucht und studiert hat, ist von der Vielzahl an Übereinstimmungen überrascht. Die eine Höhle ist ein nahezu spiegelbildliches Abbild der anderen.«

Steiner kommentiert (3):
»Es ist sicher, das die beiden Gesellschaften auf den Kanaren und der Osterinsel keine Verbindung oder Kenntnisse voneinander hatten. Aber es ist durchaus vorstellbar, dass unter selben Bedingungen sich auch gleichartige kulturelle Phänomene, Bräuche, Lebensformen und Techniken entwickeln.«

Erkundung einer Höhle
Foto: Jürgen Huthmann
Ist das die Erklärung für die Übereinstimmungen zwischen der Höhle auf einer Kanaren-Insel im östlichen Zentralatlantik ... und einer Höhle auf der Osterinsel, auf der anderen Seite des Globus, im Pazifik? Ein Kontakt zwischen beiden Inseln vor vielen, vielen Jahrhunderten ... ist eigentlich nicht vorstellbar. Oder doch?

»Ana More Mata Puku« heißt eine weitere Höhle, ebenfalls auf der Halbinsel Poike gelegen. Sie ist im Vergleich zur Bleichhöhle der Jungfrauen geradezu winzig. Die Grundfläche entspricht mit etwa 24 Quadratmetern einem heutigen Zimmer. Die »Höhe« von durchschnittlich nur 1,30 m allerdings gestattet nur ein Sitzen, Hocken oder Liegen.

Bei meinen Besuchen auf der Osterinsel versuchte ich immer wieder, Näheres über sie zu erfahren. Vergeblich! Es sieht so aus, als ob nur sehr wenige Kundige wissen, wo sich die mysteriöse Höhle genau befindet.  Ihr Standort ist nur wenigen Eingeweihten bekannt ... und die schweigen, selbst gegenüber anderen Osterinsulanern, von Fremden ganz zu schweigen. Einige handverlesene Osterinsulaner, so heißt es, haben die mysteriöse Stätte zwei oder drei Mal besucht. Die überwiegende Mehrheit auf dem Eiland hat angeblich noch nie davon gehört. Nach mehreren Besuchen auf der Osterinsel glaube ich herausgefunden zu haben, wo in etwa der Eingang zu finden ist.
»Maunga Parehe« liegt im Nordosten von Vulkan Poike ... ein eher unscheinbarer Hügel. Ob es sich um einen kleinen Nebenkegel des Poike handelt? »Maunga Pehe«, davon bin ich nach intensiven Recherchen überzeugt, muss erklommen werden, um zur mysteriösen Höhle zu gelangen. Der Anstieg ist problemlos, der Abstieg zur Höhle ... lebensgefährlich. Man muss einen gefährlichen Steilabhang meistern ... und genau wissen, wo der versteckte Eingang zu finden ist.

Der Eingang soll früher besser zu erkennen gewesen sein. Im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte lösten sich vom Steilhang immer wieder Gerölllawinen, stürzten teils Lavabrocken von beachtlicher Größe in die Tiefe ... und versperrten den Blick auf den Zugang zur Höhle. Heute soll nur noch ein Spalt von weniger als einem Quadratmeter offen sein.

Ritzzeichnung in der Höhle
der Jünglinge
Foto: Archiv W-J.Langbein
»Ana More Mata Puku« ist das Pendant zu »Ana O Keke«. Hier hausten aber einst keine Jungfrauen ... sondern Jünglinge. Der Name der Höhle - »Ana More Mata Puku« - lässt sich bis heute nicht eindeutig übersetzen. »Ana« bedeutet »Höhle« ... aber was heißt »More Mata Puku«? Ein Einheimischer machte im Gespräch mysteriöse Andeutungen: »More ... Messerwunde, Schmerz, Bestrafung. Mata ... Grausamkeit.« Was geschah in der Höhle der Jünglinge? Und wie viele Jünglinge waren einst kaserniert? Vermutlich waren es nur einige wenige. Wurden mehr Jungfrauen auf mysteriöse Einweihungszeremonien vorbereitet als Jünglinge? Wir wissen es nicht. Unbekannt ist auch, wie die Riten der Jünglinge aussahen. Die Ritzzeichnungen in der Höhle könnten vielleicht Aufschluss geben ... wenn wir sie nur wie ein Buch lesen könnten! (5)

Eine Skizze so einer Ritz-Zeichnung erhielt ich ausgerechnet ... bei einem Gottesdienst in der kleinen Kirche von Rapa Nui. Steiner hat ganz ähnliche veröffentlicht, vermag aber auch nicht zu erklären, was dargestellt ist ...

Die Osterinsel - Panoramafoto; Foto: Rivi


Fußnoten

1 »neru«, Osterinsulanisch für Jungfrau
2  Steiner, Hartwig-E.: »Die Jungfrauen-Höhle auf der Osterinsel«, in »Institutm Canarium«, Wien 2008, S. 286
3 ebenda
4 Meine Informationen decken sich mit den Angaben von Steiner.
5 Meine Angaben basieren weitestgehend auf eigenen Recherchen vor Ort, decken sich weitestgehend mit den Erkenntnissen von Steiner. Siehe hierzu...
Steiner, Hartwig-E.: »Ritual-Höhle für Jünglinge der Osterinsel«, in »Institutm Canarium«, Wien 2012, S. 261-290
6 ebenda S. 284, S. 285 und S. 290

Anmerkung zu den Fotos: Wo keine Fotos von den Originalschauplätzen vorliegen, habe ich möglichst passende, ähnliche Motive ausgewählt.


Mein Dank geht an meine Reisegefährten Ingeborg Diekmann und Jürgen Huthmann,
die mir immer wieder vorzügliche Fotos zur Verfügung gestellt haben!



Ein fliegender Gott, Wolkenmenschen und rätselhafte Figuren ...
Teil 193 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 29.09.2013


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Sonntag, 16. September 2012

139 »Die Pyramide des Zauberers«

Teil 139 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der Uxmal-Komplex - Foto: HJPD
Der Name »Bundesstraße 261« erweckt einen falschen Eindruck. Bei meiner Planung hatte ich für die knapp achtzig Kilometer von Merida bis Uxmal eine knappe Stunde einkalkuliert. Eher mühsam holpert der kleine Minibus weiter. Der Fahrer reagiert mit einem Lachen auf meine Ungeduld.

»Sie hätten zu Zeiten der Mayas reisen sollen! Damals war das Straßennetz besser als heute!« Und in der Tat: Zu Zeiten der Mayas gab es Straßen zwischen allen Tempelstädten, Hunderte von Kilometern lang. Alle Straßen besaßen ein solides Fundament aus Fels, bedeckt von einer wetterfesten Schicht. Bis zu zehn Meter breit war so eine gepflasterte Mayastraße ... und dabei bestreitet die Wissenschaft, dass den Mayas das Rad bekannt war.

»Sie hätten zu Zeiten der Mayas hier reisen müssen ... « wiederholt der Busfahrer. Mit modernen Verkehrsmitteln auf modernen Straßen benötigen wir für die achtzig Kilometer von Merida nach Uxmal fast zwei Stunden. »Freuen Sie sich, dass es so schnell geht!« fordert mich der Busfahrer auf. »Vor ein paar Jahren habe ich für diese Strecke vier und mehr Stunden gebraucht!« Als sich meine Miene nicht aufhellt, fügt er hinzu: »Und wir hatten damals keine Klimaanlage!«

Die Anlage von Uxmal, Gemälde von
Frederick Catherwood 1843
(wiki commons)
Aber: Uxmal – von Frederick Catherwood romantisierend verklärt – war an ein erstaunliches Straßennetz angeschlossen ... Straßen, wie es sie zur gleichen Zeit in Europa nicht gegeben hat.

Während ich in meinen Unterlagen blättere, schleudert mir der Busfahrer schließlich ein »Beckenbauer! Beckenbauer!« entgegen, gefolgt von einem enthusiastischen »Bayern München!« Der Mann wurde mir sofort sympathisch. Die Mayas, erzählt er mir, hatten auch ein Ballspiel. Es war am ehesten mit unserem heutigen Basketball zu vergleichen, musste doch einen massiver und sehr schwerer Ball durch einen steinernen Ring am Spielfeldrand bugsiert werden. Der Ball – angeblich so schwer wie ein heutiger Medizinball – durfte auf keinen Fall den Boden berühren. Die Spieler durften ihn weder treten, noch werfen. Sie durften auf keinen Fall mit Fuß oder Hand an den Ball kommen, mussten ihn mit Ellenbogen, Hüfte oder Schulter in der Luft halten, bis zum steinernen Ring schaffen. Und dann mussten sie versuchen, den Ball durch den steinernen Ring zu schlagen.

Im »Dallas Museum of Art« zeigt eine Vase – etwa 1400 Jahre alt – einen Ballspieler in Schutzkluft, die an die Montur eines Rugby- oder Eishockey-Spielers erinnert. Der wesentliche Unterschied zu heutigen Sportarten: das Maya-Ballspiel war wesentlich härter.

Ein Ballspieler auf einer
kostbaren Vase
Foto: Madman
Die genauen Regeln kennen wir heute nicht mehr. Bekannt ist allerdings, dass es beim »Spiel« um Leben oder Tod ging. Eine Mannschaft wurde am Ende eines Spieles den Göttern geopfert. Musste die ganze Mannschaft sterben ... oder nur ihr Kapitän? Wurden die Verlierer gefesselt, aneinandergebunden und die steilen Treppen der höchsten Pyramiden hinab gestürzt ... oder wurde diese Ehre der Siegermannschaft zuteil?

Der Name des Spiels - »poktapok« - kling wie eine Lautmalerei, die das Ballspiel akustisch beschreibt. Hernándo Cortés schaffte 1492 zwölf Ballspieler nach Europa, wo sie am Hof Karl des V. Ihre Kunst demonstrierten ... angeblich unter vollem Einsatz. War die höfische Gesellschaft zunächst gelangweilt, als das Ballspiel der »Wilden« angekündigt wurde ... Dann waren die Adeligen gebannt ... und entsetzt. Knochen barsten, Nasen wurden eingeschlagen ... das Spiel ging weiter. Blut spritze, ein »Spieler« kam ums Leben und musste vom Platz getragen werden. Knie und Hüften wiesen bald schlimme Verletzungen auf ...

Der Ring aus Stein von
Uxmal ... »Tor« beim
Ballspiel
Foto: W-J.Langbein
Wie viele Ballspielplätze es in Zentralamerika gegeben haben mag? Wir wissen es nicht mehr. Vor Ort hörte ich aus Expertenmund Schätzungen zwischen 1500 und 3000. Wer das Ballspiel erfunden hat? Auch darüber weiß man nichts Genaues. Die Mayas zelebrierten das blutige Spektakel, erfunden haben sie es sicher nicht. Archäologen förderten anno 1989 in El Manatí (im mexikanischen Bundesstaat Veracruz) zwölf Gummibälle zutage, die datiert werden konnten. Mit Hilfe der Radiokarbonmethode wurde festgestellt, dass sie zwischen 1600 und 1200 v.Chr. angefertigt und benutzt worden sind.

Wann mag zum ersten Mal das Ballspiel zelebriert worden sein? Vor 3600 Jahren? Vor 4000 Jahren? Wir wissen es nicht. Die Olmeken, zu Deutsch »Gummileute« mögen die ersten Ballexperten gewesen sein. Die vieltausendfach ausgefochtenen blutigen Spiele dienten sicher nicht dem profanen Zeitvertreib. Man muss davon ausgehen, dass der ursprüngliche Hintergrund des brutalen Sports ein religiöser war. Sprachanalysen ergeben: Ballspielen hatte eine mystisch-religiöse Bedeutung ... Aber welche?

Ein katholischer Archäologe vertraute mir abends im Hotel bei einem Whisky an, dass seiner Überzeugung nach das Spiel mit der Gummikugel ursprünglich von mythologisch-religiöser Bedeutung war.

Die Pyramide des Zauberers, Uxmal
Foto: W-J.Langbein
»Es war ein kosmologisches Spiel. Es ging um den ewigen Ablauf von Werden, Vergehen und Werden!« So wie die Sonne am Tag scheinbar den Himmel überquert und nachts durch die Unterwelt wieder an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt, um wieder über den Himmel zu reisen ... so muss auch die heilige Kugel immer in Bewegung bleiben. So wie der Ball niemals die Erde berühren darf, so darf auch nicht die Sonne auf die Erde stürzen.«

Vor Jahrtausenden war das Ballspiel ein rein sakrales Ereignis ... ein religiöser Akt, Menschenopfer inklusive. Beim religiösen Zeremoniell, zum Erhalt des ewigen Kreislaufs der Zeit und des Lebens, blieb es nicht. So wie im Lauf der Jahrhunderte, ja Jahrtausende immer neue Varianten des Spiels entstanden, so änderte sich auch seine Bedeutung. Es gab irgendwann keine einheitliche Spielplatzgröße mehr. Es gab nicht mehr »die« richtigen Regeln ... und es wurde aus den unterschiedlichsten Gründen »gespielt«.

Mysteriöse Bauten von Uxmal
Foto W-J.Langbein
Prof. Hans Schindler-Bellamy erklärte mir im Interview: »So blutrünstig uns das Ballspiel erscheint, so diente es manchmal friedvollen Zwecken. Zwei Stämme befanden sich im Kriegszustand. Man hätte bis zum bitteren Ende gegeneinander kämpfen können. Stattdessen vertraten zwei Mannschaften im Ballspiel ihren jeweiligen Stamm. Die Mannschaften rangen erbittert um den Sieg. Der Ausgang des Spiels entschied über Sieger und Verlierer im Krieg. So wurden Kriegshandlungen verkürzt, wurden Menschenleben gerettet!«

Nach und nach wurde das Spiel profaner. Es ging dann um ganz weltliche Wettspiele, bei denen Wohlhabende hohe Summen auf »ihre« Mannschaften setzten. Es ging um Sensationsgier: Kriegsgefangene durften ums Überleben kämpfen. So motiviert ging es dann wohl noch viel härter zur Sache ... zur Belustigung der Zuschauer. In Rom gab es »Brot und Spiele« zur Befriedigung der Massen ... in Zentralamerika gab es das degenerierte Ballspiel ...

Kopf in der Schlange
Foto: W-J.Langbein
Das Ballspiel der Mayas war immer hart und hatte mit spielerischem Sportsgeist nie etwas zu tun ... so wie die »Pyramide des Zauberers« wohl nie etwas mit Magie zu tun hatte. Wer schon einmal die extrem steile Treppe dieser Pyramide erklommen hat ... und ohne Sturz wieder nach unten geklettert ist, der kann sich ohne Probleme folgendes Szenario vorstellen: an ein Seil gebunden wurde die »Verlierer-« oder die »Gewinnermannschaft« hinabgestürzt. Wer das zunächst überlebte, erlag den dabei zugezogenen schlimmen Verletzungen und Brüchen ...

Uxmal ... der mysteriöse Komplex hat noch so manches Geheimnis zu bieten ... einen Kopf in einem Schlangenmaul, Schildkröten aus Stein umkriechen einen uralten Tempel ... und Ruinen ... Ach, könnte man die Steine von Uxmal wie ein Buch lesen!

»Schildkröten, Schlangen und Ruinen«,
Teil 140 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.09.2012

Sonntag, 24. Juni 2012

127 »Die Göttin und kuriose Steine«

Das Geheimnis der Anden VI,
Teil 127 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Künstliche Inseln auf dem
Titicaca-See
Foto: W-J.Langbein
Einst lebte das Volk der Uros auf künstlichen Schilf-Inseln ... auf dem Titicaca-See. Sie seien keine Menschen, wie die übrige Erdbevölkerung ... behaupteten sie stolz. Ihre Urahnen hätten schwarzes Blut gehabt, seien aus dem Kosmos zur Erde gekommen. Die Uros waren ein friedfertiges Volk. Oder waren sie arrogant? Sie zogen sich zurück, flohen vor den Kriegern des Aymara-Stamms, später vor den Horden der spanischen Eroberer. Um 1960 soll der letzte echte Angehörige des Stammes gestorben sein. Heute gibt es keine echten Uros mehr, aber die künstlichen Schilf-Inseln auf dem Titicaca-See werden immer noch gebaut.

Die Sonneninsel im Titicaca-See galt beim Volk der Aymara als Fleckchen Erde von besonderer Bedeutung. Nach ihren heiligen Überlieferungen kam hier der erste Inka, der legendäre Manco Cápac aus himmlischen Gefilden über einen mächtigen Steinbrocken zur Erde. So manche Legende rankt sich um den See, der immerhin fünfzehn Mal so groß wie der Bodensee ist ... und 3810 Meter über Meeresniveau liegt. Der »aufgeklärte« Mensch hält natürlich nichts von solchen Ammenmärchen ... und lächelt über Geschichten von Bauten in den Tiefen des geheimnisvollen Sees. Wie sollte es auch von Menschen errichtetes Mauerwerk geben ... in bis zu 280 Metern Tiefe?

Rätselhaftes Erbe von Tiahuanaco
Foto: Ingeborg Diekmann
»Auf dem Grunde des Titicaca-Sees schlummern Ruinen aus uralten Zeiten!« - »Vor vielen Jahrtausenden gab es eine hochstehende Kultur im Raum Bolivien-Peru. Es kam zu einer gewaltigen Katastrophe ... die steinernen Bauten wurden überschwemmt ... und liegen heute auf dem Grund des Titicaca-Sees!« Solche Aussagen kursieren in Südamerika schon seit Jahrhunderten. 1986 machte sich der berühmte Unterwasserforscher Jacques Cousteau (1910-1997) auf, um dem Geheimnis unterseeischer Ruinen im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund zu gehen. Cousteau und sein Team konzentrierten sich auf die Umgebung der Eilande »Isla de Sol« (»Sonnen-«) und »Isla de Luna« (»Mond-Insel«). Sie fanden nichts. 1980 allerdings wurde der bekannte Forscher Hugo Boero Rojo, Experte für präkolumbische Kulturen, fündig. Unweit von Puerto Acosta, einem Dörfchen am nordöstlichen Ufer des Sees gelegen, entdeckte er Ruinen auf dem Meeresgrund! Und am 23. August 2000 vermeldete der renommierte Nachrichtensender »BBC«: »Antiker Tempel auf dem Grund des Titicaca-Sees entdeckt«. Taucher machten sensationelle Entdeckungen: eine künstlich angelegte Terrasse, eine 800 Meter lange Mauer und eine Straße ... auf dem Grund des Titicaca-Sees. Als die Taucher der Straße folgten, stießen sie auf die Ruinen eines uralten Tempels!

Geheimnisvoller Stein, präzise
bearbeitet - Foto: W-J.Langbein
Die sensationellen Entdeckungen bestätigten den Gelehrten Prof. Dr. Arthur Posnansky (1873-1946). Posnansky vertrat die These von immer wieder auftretenden gewaltigen Kataklysmen, die in periodischen Abständen zu verheerenden Fluten führten. Wenn nun bewiesen ist, dass auf dem Grund des Titicaca-Sees uralte Ruinen auf ihre Erforschung warten ... so bedeutet dies doch, dass Straßen, Mauern und Tempel in grauer Vorzeit ... in einer »Sintflut« überschwemmt und vom Titicaca-See verschlungen wurden. Und genau so – folgt man Gelehrten wie Arthur Posnansky und Edmund Kiss (1886-1960) erging es vor vielen Jahrtausenden der Stadt Tiahuanaco, 4.000 Meter über dem Meeresspiegel in den Hochanden!

Wenig, nur sehr wenig wissen wir über die Menschen von Tiahuanaco. Bekannt ist, dass sie einen unglaublich präzisen Kalender hatten: verewigt auf dem Sonnentor von Tiahuanaco ... und auf dem Rücken des riesigen »Idols von Tiahuanaco«. Dieser Kalender setzt ein gewaltiges Wissen in Astronomie und Mathematik voraus, höchste Präzision bei der Vermessung unseres Planeten ... und der Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen!

Mehrfach habe ich die Ruinen von Tiahuanaco erkundet, immer hat mir die gewaltige Ruine sprichwörtlich den Atem geraubt. Für mich ist es – bei aller Bewunderung für die Baumeister von Tiahuanaco – von eher geringer Bedeutung, wie hart der Stein war, den sie bearbeiteten und gravierten. Was mich staunen lässt, das ist die unglaubliche Präzision, mit der Tausende und Abertausende von Gravuren in Stein geritzt wurden! Im Ruinenfeld von Tiahuanaco wurden Steine aus uralten Zeiten dem verbackenen Erdreich entrissen, deren Bedeutung wir nicht kennen: mysteriös-technisch muten die Gravuren an.

Das gezeichnete Buch des
großen Idols - Foto:
Hans Schindler-Bellamy
Gewiss: Auf den ersten Blick beeindrucken die steinernen Kolossalstatuen, die roboterhaft-stoisch dreinblicken. Wenn sie nur sprechen könnten ... Auf den zweiten Blick übersieht man womöglich immer noch das Geheimnis von Tiahuanaco. Man findet es nur, wenn man weiß, dass es existiert. Es ist so etwas wie eine Bibliothek in Stein. So manche Statue stellt so etwas dar wie einen Folianten. So manche Statue wurde mit unbekannten Werkzeugen mit unzähligen Bildnisse förmlich übersät. Sie wurden in den Stein graviert ... Hunderte, ja Tausende einzelne Elemente, die wiederum kaum überschaubare »Bildwände« ergeben, die der Fachmann wie ein Buch lesen kann.

Besonders mysteriös ist »das große Idol«, dessen vier Seiten über und über mit eingravierten Zeichnungen bedeckt sind. Die vier Seiten der Statue ergeben – man erkennt es erst in der Zeichnung – ein großes geritztes Bild mit unzähligen Details. Was will uns dieses »Bilderbuch« erzählen? Prof. Hans Schindler-Bellamy erkannte, dass auf der Rückseite des »großen Idols« der älteste Kalender der bekannten Menschheitsgeschichte eingraviert wurde. Ich frage mich: Wann werden die Erkenntnisse des Professors endlich anerkannt? Und wann werden seine wissenschaftlichen Recherchen fortgesetzt? Erst ein Bruchteil der bekannten Gravuren wurde übersetzt!

Die Kalender von Tiahuanaco zwingen uns eigentlich, das Bild von der Geschichte der Menschheit komplett umzuschreiben: was ihre Anfänge anbelangt. Vor Jahrtausenden muss es in Bolivien eine hochstehende Kultur gegeben haben, die über unvorstellbar präzise wissenschaftliche Erkenntnisse verfügte!

Mysteriöse Steine
von Tiahuanaco
Fotos: W-J.Langbein
Immer wieder stolpert man förmlich über mehr als mysteriöse Steine. Es gibt sie zu Hunderten. Sie sehen aus, als seien sie in einer Fabrik hergestellt worden. Und doch entstanden die Massenprodukte ... vor Jahrtausenden. Das eigentliche Geheimnis wird von Vielen zu Beginn des dritten Jahrtausends nicht gern gesehen!

Und doch gibt es einen mehr als deutlichen Hinweis auf ein uraltes Matriarchat im alten Reich von Tiahuanaco. Warum titulierte man die größte Statue, dies bislang in Tiahuanaco gefunden wurde, schlicht als »das große Idol«? Groß ist die Statue in der Tat ... gut 7,20 Meter. Doch während man bei den meisten Figuren nur Fantasienamen kennt, die den Statuen von den Spaniern verpasst wurden ... ist das beim großen Idol anders.

Das große Idol ... stellt eine weibliche Gottheit dar, Pachamama ... die Urgöttin, die Urmutter Südamerikas! Vergessen ist die Göttin schlechthin freilich nicht, auch wenn sie von christlichen Missionaren seit vielen Jahrhunderten bekämpft und durch die christliche »Göttin« Maria ersetzt werden soll. So fand am 21. Januar 2006 in Tiahuanaco eine höchst ungewöhnliche Zeremonie statt. Mehrere Tausend Menschen begrüßten den Sonnenaufgang und opferten Muttergöttin Pachamama! Die Feierlichkeiten fanden zum großen Verdruss der christlichen Geistlichkeit statt ... unter Beteiligung von Präsident Evo Morales!

Das Haupt der Göttin
Fotos: H.S.-Bellamy u. WJ.Langbein
Kehrt Pachamama in das offizielle Leben Boliviens zurück? Wenn ja: Wie lange mag es noch dauern, bis Pachamama wieder Anerkennung und Verehrung findet? Ihre Statue ist ja vor Jahren wieder nach Tiahuanaco zurückgekehrt. Und wer Augen hat zu sehen ... und auch sieht, der erkennt auch heute noch die Haarpracht der Göttin! Ihre langen Haare sind zu Zöpfen geflochten, die der Pachamama bis über die Schultern reichen.

Am 22. September 2011 hielt Papst Benedikt XVI. Eine Rede vor dem deutschen Bundestag. Der Papst führte aus, »dass irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen.« Ob dem »Heiligen Vater« dabei bewusst war, dass er einforderte, was für die Verehrer der Muttergöttin Pachamama selbstverständlich war?

Blick in die Unterwelt
Foto: W-J.Langbein
Die Ausbeutung der Erde wurde Jahrhunderte lang christlich legitimiert. Gebot doch der jüdisch-christliche Gott: »Macht euch die Erde untertan!« Pachamama ist »Mutter Erde«. Pachamama personifizierte Mutter Erde. Das Christentum versucht, Pachamama durch Maria zu ersetzen. Tatsächlich aber entspricht Pachamama eher Eva, von der die Bibel sagt, dass aus ihr alles Lebende hervorging. Pachamama wurde als allmächtige Göttin angebetet, die allen Kreaturen das Leben schenkt und sie – wie eine Mutter – nährt und erhält. Und sie verband – wie der Lebensbaum – Unter- und Oberwelt miteinander.

Die Unterwelt von Tiahuanaco ist bis heute weitestgehend unerforscht. Einst wurde die Kultanlage in den Anden von einer gewaltigen Pyramide bestimmt ... und darunter gab es unterirdische Räume ... die Unterwelt.

2008 wurde das Prinzip »Pachamama« in die neue Verfassung von Ecuador aufgenommen: Es geht um Schutz und Erhalt von »Mutter Erde« ... nicht um ihre Ausbeutung!

Puma Punku,
Das Geheimnis der Anden VII,
Teil 128 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 01.07.2012


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Sonntag, 10. Juni 2012

125 »Das Sonnentor«

Das Geheimnis der Anden IV,
Teil 125 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Das Sonnentor von
Tiahuanaco.
Vorderseite (oben,
Foto: Ingeborg Diekmann)
und Rückseite
(unten, Foto: W-J.Langbein)
Eisiger Wind beißt sich durch meine zwei dicken Wollpullover. Jeder Schritt fällt schwer, jeder Atemzug schmerzt. Kein Wunder: Ich befinde mich in 4.000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel, nicht im Flugzeug, sondern in den Hochanden Boliviens. Vor mir erhebt sich ein Monument aus schwärzlich-grauem Stein. Das seltsame »Sonnentor« wurde aus einem einzigen Andesitblock gemeißelt. Irgendwann einmal zerbracht es in zwei Teile ... wurde es von einem Erdbeben gestürzt? Wurde es in einer apokalyptischen Katastrophe umgeworfen, so als wäre es ein kleines Modell für die Spielzeugeisenbahn und nicht dreieinhalb Meter hoch und vier Meter breit?

Seltsam: Ich habe einige Grabungsberichte gelesen, in denen geschildert wird, wie die kostbaren Steinmonumente von Tiahuanaco »gefunden« wurden. Sie mussten ausgegraben werden, lagen unter einer oft meterdicken Schicht aus hart gebackenem Schlamm. Eine Vermutung drängt sich auf: Eine Flut zerstörte einen riesigen Tempel aus Stein, warf die Steine und Statuen durcheinander ... weichte den Boden auf, wühlte ihn förmlich auf ... und ließ Statuen und Steine im Schlamm versinken.

Im Lauf der Jahrtausende wurde der morastige Schlamm fast so hart wie Zement ... und bedeckte die uralten Zeugnisse der Kultur von Tiahuanaco mit einer schützenden Schicht.

Edmund Kiss (1886-1960) kam nach intensiver Recherche zu einer mehr als erstaunlichen Erkenntnis. Demnach war Tiahuanaco – ältere Schreibweise Tihuanaku – vor vielen Jahrtausenden ... Hafenstadt. Und es soll Epochen gegeben haben, zu denen die mysteriöse Ruinenstadt vollständig überschwemmt war. So schreibt Kiss (1): »Daß Tihuanaku einmal ganz unter Wasser gestanden hat, ist sicher. Die große Freitreppe der Sonnenwarte Kalasasaya in Tihuanaku ist von einer dünnen Schicht im Wasser abgesetzten Kalkes überzogen, der so fest haftet, daß man ihn mit dem Messer abkratzen muß, um eine Probe zu Versuchszwecken nach Hause zu nehmen.«

Rückseite des Sonnentors
Fotos W-J.Langbein
Kiss trägt fantastisch anmutende Thesen vor: Eine gewaltige Flutkatastrophe hat vor vielen Jahrtausenden Tiahuanaco zerstört (2): »Diese Annahme ist wahrscheinlich und entspricht auch dem Augenschein, denn die Anden-Metropole ist durch ein plötzliches Ereignis, wahrscheinlich durch eine Flutwelle vernichtet und ihr Bau jäh unterbrochen worden. Die Gebeine von Menschen und Tieren, darunter von heute ausgestorbenen Tierarten, liegen in wüstem Durcheinander meilenweit in den Alluvien (3) Tihuanakus. Dieses Knochensediment hat an einer Stelle, die der Beobachtung zugänglich ist, eine Mächtigkeit von etwa 3,50 m. Diese Stelle liegt in der Nähe von Tihuanaku. Die Eisenbahn fährt hier durch einen Hohlweg, und dieser hat eine Wandhöhe von 3,50 m, ohne daß das Knochensediment durchstoßen ist. Denn unter den Schienen liegt immer noch das gleiche unheimliche Sediment von weißgrauer Farbe, zusammengesetzt aus Abermillionen größerer und kleinerer Knochen, Bruchstücken von bemalter und glasierter Keramik, Schmuckstücken aus Bronze, mitunter auch aus Gold und Silber, Malachitperlen und anderem mehr.«

Edmund Kiss interpretiert das Durcheinander von Knochen von Menschen und längst ausgestorbenen Tieren als Beweis für Kataklysmen vor vielen Jahrtausenden. Wie ein Detektiv durchforstet er die Artefakte aus uralten Zeiten ... und kommt zu der Schlussfolgerung, dass die mysteriöse Stadt in den Hochanden Boliviens noch im Bau war, als die Apokalypse über sie hereinbrach.

Original (oben) und
»moderne« Kopie
(unten) - Fotos:
W-J.Langbein
Noch einmal zitiere ich Edmund Kiss (4): »Mit welch katastrophaler Plötzlichkeit die Bauarbeiten an der Stadt unterbrochen worden sind, beweisen die Funde silberner und kupferner Mauerlote, die neben begonnenen Bauten liegen geblieben sind, die Funde säuberlich nebeneinander aufgereihter Hausteinblöcke mit nagelneuer Skulptur, die wohl in den nächsten Tagen versetzt werden sollten, nun aber bis auf den heutigen Tag stehengeblieben sind und auch nicht mehr an die Stelle ihrer Bestimmung gelangen werden.«

Mich erinnert das von Kiss skizzierte Bild von den durch eine gewaltige Naturkatastrophe abrupt beendeten Bauarbeiten ... an die Osterinsel. Auch auf diesem einsamsten Fleckchen in der Südsee muss es eine Katastrophe gegeben haben. Von einem Tag auf den anderen wurden die Arbeiten in den Steinbrüchen abgebrochen. Halbfertige Statuen, noch mit dem Vulkan verbunden, warten seit vielen Jahrhunderten auf Fertigstellung. Andere Kolosse waren aus dem Vulkangestein herausgemeißelt worden, wurden aber nur einige Meter transportiert und blieben dann liegen. Wieder andere tonnenschwere Kolosse wurden offensichtlich fast bis an den Ort ihrer Bestimmung geschafft ... aber nicht mehr aufgerichtet!

Sonnentor von Tiahuanaco
Foto: Ingeborg Diekmann
Zurück nach Bolivien ins Hochland der Anden ... So manches Mal stand ich vor dem »Sonnentor«. Die Vorderseite wird von zahlreichen Bildnissen geziert. Halbreliefs wurden in den harten Stein geschnitzt. Zentrale Figur ist ein mythisches Wesen, dem Tränen über die Wangen rinnen. Strahlenförmig umrahmen, fast wie beim »Struwwelpeter«, Haare das Gesicht. Bei näherem Betrachten erkennt man, dass es Schlangen sind. Das seltsame Wesen hält rechts und links in nach außen gehaltenen Händen »Stangen«.

Insgesamt verlaufen über die gesamte Breite des »Sonnentores« vier Zeilen mit halbreliefartig in den Stein gravierten Bildern. Schon aus nur wenigen Metern Entfernung betrachtet wirken sie wie sich wiederholende »Stempel«. Im untersten, im vierten Band erkennen wir wiederum Gesichter, die dem Zentralmotiv »Struwwelpeter« ähneln. Kiss spricht von ihren »geflügelten Augen«, die (4) »den Eindruck erwecken, daß es sich bei den Darstellungen vielleicht um Sinnbilder einer fliegenden Bewegung, also vielleicht der Zeit, handeln könnte.«

Historische Aufnahme
Foto: Archiv W-J.Langbein
Bänder 1 und 3 lassen eine Schar mythologischer Wesen aufmarschieren. Sie alle tragen seltsame Zeremonialstäbe. In Bändern 1 und 3 meinen wir, gekrönte Wesen mit Flügeln ausmachen zu können. Sie erinnern uns an Engel mit mächtigen Schwingen. Die Wesen von Band 2 recken mächtige Schnäbel gen Himmel. Es könnte sich um »Mischwesen« aus Kondor und Mensch handeln.

Schon manches Mal stand ich vor dem »Sonnentor« von Tiahuanaco ... und versuchte vergeblich, die winzigen Einzelheiten in jedem der einzelnen Gestalten zu erkennen. Prof. Hans Schindler-Bellamy machte mich darauf aufmerksam, dass die millimetergenau in den harten Stein gefrästen, detailreichen Bildchen von einem Steinzeitvolk mit Faustkeilen nicht geschaffen werden konnten. Sie müssen fortgeschrittenes Werkzeug besessen haben.

Am 29. Mai 1975 hielt der Gelehrte einen viel beachteten Vortrag im Rahmen der »2nd World Conference« der »Ancient Astronaut Society« in Zürich zum Thema »Tiahuanaco und das Sonnentor«. Der höchst sympathische Österreicher, gebildet und ein präziser Analytiker, wusste die Zuhörerschaft für sich zu gewinnen und zu überzeugen.

Zeichnung Zentralmotiv
Prof. Schindler-Bellamy führte aus (5): »Wir kennen auch nicht die hochwertigen Werkzeuge, die sie für die Arbeit mit den unwahrscheinlich harten Andesiten ihrer Monumente benutzt haben: zum Schneiden, Polieren und Gravieren. Sie müssen Flaschenzüge zum Heben und Geräte zum Transportieren großer Lasten (bis zu 200 Tonnen) über beträchtliche Entfernungen von den Steinbrüchen bis zu ihrem derzeitigen Standort besessen haben. Es ist schwierig, sich vorzustellen, all die gewaltige Arbeit könne ohne irgendeine Form der Schrift und ohne ein System der Aufzeichnung bewerkstelligt worden sein.«

Ich darf zusammenfassen: Hoch in den Anden gibt es die Ruinen einer wahrlich mysteriösen Stadt. Sie wurde, so der Gelehrte Edmund Kiss, schon vor vielen Jahrtausenden in einer gewaltigen Naturkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes zerstört, und zwar bevor sie vollendet werden konnte. In der archäologischen Literatur wird sie einem primitiven Volk auf Steinzeitniveau zugeschrieben. Glaubwürdig ist das nicht. Historische Detailfotos – viele Jahrzehnte alt – offenbaren einen Detailreichtum, den der perplexe Besucher vor Ort in den Hochanden kaum zu erfassen vermag!

Mythologisches Wesen
Foto: Archiv W-J.Langbein
Vergleichen wir doch einmal eine moderne »Kopie« des Sonnentorreliefs mit dem Original. Die moderne Fassung kann nur als stümperhaft bezeichnet werden ... im Vergleich zum Original.

Edmund Kiss hat nun versucht, die unglaublich präzisen Einzelbilder mit ihren zahllosen Details wie ein Buch zu lesen (6). Und das ist ihm offenbar gelungen. In seinem umfangreichen Werk interpretiert er mit der detektivischen Pedanterie eines Sherlock Holmes ... als einen Kalender von geradezu unglaublicher Präzision! Es ist bewundernswert, wie Edmund Kiss die Symbole bis zum kleinen Häkchen übersetzt. Er belegt, dass das Sonnentor dem Betrachter einen Kalender zeigt, der das Jahr in zwölf »Monate« unterteilt. Sonnwendtermine wie Tagundnachtgleichen können abgelesen werden. Ein Tiahuanaco-»Monat« umfasst 24 Tage. »Februar« und »März« haben 25 Tage. Anders als heute hat der Tiahuanaco-Kalender 30 Stunden zu je 22 Minuten.

Rätsel über Rätsel machen uns staunen! Da gab es vor Jahrtausenden auf der Hochebene in den Anden Boliviens eine unglaublich fortgeschrittene Kultur mit einem fremdartigen Kalender. Das Sonnentor von Tiahuanaco erweist sich als komplexer Kalender von unglaublicher Präzision! Bestätigt wurden die kühn anmutenden Kalender-Thesen von Edmund Kiss Jahrzehnte später durch Prof. Hans Schindler-Bellamy! (7)


Der Sonnentor-Kalender nach Kiss
Foto: Archiv W-J.Langbein
Fußnoten
1 Kiss, Edmund: »Das Sonnentor von Tihuanaku«, Leipzig 1937, S. 28
2 Kiss, Edmund: »Das Sonnentor von Tihuanaku«, Leipzig 1937, S. 31
3 alluvium, das Angeschwemmte
4 Kiss, Edmund: »Das Sonnentor von Tihuanaku«, Leipzig 1937, S. 125
5 Schindler-Bellamy, Prof. Hans: »Tiahuanaco und das Sonnentor«, Vortragsmanuskript
6 Kiss, Edmund: »Das Sonnentor von Tihuanaku«, Leipzig 1937, siehe Kapitel III, »Das Sonnentor zu Tihuanaku. Versuch der Enträtselung seiner Ideographien«, S. 121-194
7 Bellamy, H.S. und Allan, P.: »The Great Idol of Tiahuanaco«, London 1959


Der steinerne Riese von Tiahuanaco
Das Geheimnis der Anden V,
Teil 126 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17.06.2012


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Sonntag, 3. Juni 2012

124 »Von Toren aus Stein«

Das Geheimnis der Anden III,
Teil 124 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der Verfasser im
»Tunnel« - Foto
Selbstauslöser,
Archiv Langbein
Ein schmales, niedriges Törchen aus Stein ist hinter einem Bretterverschlag verborgen. Ein missmutig drein blickender Wächter schiebt einsam Posten. Wenn sich ein neugieriger Besucher auch nur in seine Nähe verirrt, wird er auch schon mit wilden Gesten vertrieben. Als ich schon aus einiger Entfernung mit einem Kistchen edler Zigarren winke ... darf ich näher treten. Und als ich dem schon deutlich freundlicheren Zerberus gar eine der Zigarren anbiete, lacht er freundlich.

Wir schmauchen beide meine Havannas und klopfen uns gegenseitig auf die Schultern. Schließlich schenke ich ihm das ganze Kistchen Zigarren ... und der Mann verlässt demonstrativ seinen Posten. Er hat verstanden, dass ich gern durch das »Törchen« in die Unterwelt von Tiahuanaco kriechen möchte. Unter seinen Augen darf ich das nicht. Also entfernt er sich diskret.

Auf Ellenbogen und Knien krieche ich durch den sehr schmalen und niedrigen Eingang ... hinein in die Dunkelheit eines »Tunnels«. Es riecht muffig. Wie weit mag mich der Minigang führen? Ob er abrupt im Nichts endet? Ich werde es erfahren!

Meine Taschenlampe gibt schon nach wenigen Metern ihren Geist auf. Ich taste mich langsam weiter, meine Hände streichen über den Boden, die Seitenwände und die Decke ... Glatt polierte Platten sind nahtlos aneinander gefügt. Zentimeter für Zentimeter spüre ich ... nichts, nicht die Spur einer Fuge.

Licht am Ende des
Tunnels - Foto:
W-J.Langbein
Plötzlich stoße ich mich an einem Hindernis. Ein Stein liegt im Weg. Ich wage ein Experiment. Tatsächlich gelingt es mir, meinen Fotoapparat auf »Selbstauslöser« einzustellen, auf dem Hindernis zu deponieren ... und ein Foto von mir im »Tunnel« aufzunehmen. Ich muss zugeben: Mehrere Versuche hab ich gewagt, alle bis auf einer schlugen fehl. Eine einzige Aufnahme lässt erahnen, wie »abenteuerlich« mir meine Kriecherei in der Dunkelheit vorkam!

Wie weit ich krieche ... ich weiß es nicht. Wie lange ich unterwegs bin ... ich weiß es nicht. Und plötzlich taucht Licht am Ende des »Tunnels« auf ... Meine Augen haben sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt. Der Lichtpunkt blendet mich förmlich. Ich mache ein Foto. Deutlich sind die glatt polierten Wände zu erkennen. Später erfahre ich: der »Tunnel« war ein simpler Abwasserkanal von einst.

Was ich nicht verstehe: Wieso hat man die Wände eines Abwasserkanals so extrem glatt poliert? Warum hat man die einzelnen Platten millimetergenau zugeschnitten, so dass sie sich ohne erkennbare Fuge förmlich aneinander schmiegen ... während an »Stempelwänden« von Tiahuanaco geradezu stümperhaft Stein auf Stein gesetzt wurde? Da hat man seltsam fremdartig wirkende Köpfe aus Stein in Wänden verarbeitet. Hier kamen nur roh behauene Steine zum Einsatz. Zentimeterdicke »Fugen« weisen auf stümperhafte Arbeit hin. Warum hat man im verborgenen »Abwasserkanal« so präzise ... bei den »Tempelwänden« so schlampig gearbeitet?

Steinerner Kopf in einer Tempelwand
Foto: W-J.Langbein
Die steinernen Köpfe – jeder weist individuelle Kopfform und Gesichtszüge auf – wurden bei Ausgrabungsarbeiten gefunden. Wo sie einst im Bauwerk von Tiahuanaco platziert waren ... wir wissen es nicht. Mauerwerk wurde schlampig »rekonstruiert«, wo seit Generationen nur einsame Monolithen standen. Steinerne Köpfe wurden nach Gutdünken eingesetzt, wo sich eine passende Lücke ergab ... Kurzum: Die bewundernswert präzisen Steinmetzarbeiten im Tunnel sind Originale der Erbauer von Tiahuanaco. Die »rekonstruierten« Mauern mussten so primitiv ausfallen, weil die Archäologen die Erbauer zu den primitiven Steinzeitmenschen zählten.

Die Gesichter dieser Köpfe wirken fremdartig, zum Teil fast fratzenhaft. Sollten reale Individuen gezeigt werden? Sollten unterschiedliche Rassen im Stein verewigt werden? Leider können wir die starren Mienen nicht wie ein Buch lesen. Was sie uns wohl zu erzählen hätten? Prof. Hans Schindler-Bellamy, österreichischer Archäologe, erkundete intensiv Tiahuanaco, zum Verfasser: »Womöglich begann die Geschichte Südamerikas vor vielen Jahrtausenden in Tiahuanaco. Womöglich war sie sehr viel älter als die Kulturen von Sumer und Ägypten!«

Das Werk von
Archäologen
Foto: W-J.Langbein
Zur Erinnerung: Das »Museo Submisubterraneo Tiwanaku«, La Paz, ist ein Freilichtmuseum der besonderen Art: Die archäologischen Kostbarkeiten werden auf einem weitestgehend im Erdboden versenkten Platz zur Schau gestellt. Diese besondere Form wurde ganz bewusst gewählt. Die Erbauer des Museums imitierten einen »Tempel« von Tiahuanaco, 4.000 Meter über dem Meeresspiegel!

Nähert man sich der Anlage von Tiahuanaco auf einem kleinen Trampelpfad, so stößt man auf einen im Boden versenkten Tempel. In den Wänden sind seltsame Kopfskulpturen eingelassen, nach Gutdünken der Archäologen. Prof. Hans Schindler-Bellamy: »Dieser versenkte Platz ist so etwas wie ein Vorhof zum eigentlichen ›Tempel‹ von Tiahuanaco gewesen!«

Vom »versenkten Tempel«, den das Freilichtmuseum von La Paz imitiert, führt – nach Westen – eine steinerne Treppe empor zu einem Tor. Dieses Tor, flankiert von zwei tonnenschweren Monolithen, ist weit mehr als »nur« ein Eingang. Just zur Tag-und-Nachtgleiche geht die Sonne präzise in diesem steinernen Tor auf. Und wenn man vom versenkten Tempel aus gen Westen blickt ... just zum Termin der Tag- und Nachtgleiche ... konnte man erkennen, dass ein steinerner Riese mit roboterhaften Zügen exakt diese Position der Sonne markierte!

Versenkter Tempel von Tiahuanaco
Foto: Dr.Eugen Lehle
So beeindruckend das heutige Tiahuanaco auch ist ... wie imposant muss das Original gewesen sein, bevor es von Vertretern der ach so hoch stehenden europäischen Kultur verwüstet wurde! So beklagt Edmund Kiss in seinem Werk über »Das Sonnentor von Tihuanaku« (1): »Es ist ein Wunder, dass in Tihuanaku überhaupt noch Stein vorhanden ist, und wenn die übrig gebliebenen Blöcke nicht so schwer wären, dass sie sich dem Abtransport passiv widersetzten, und wenn sie nicht so fest wären, dass sie den Pistolenschießübungen fremder Touristen Trotz böten, und selbst Sprengversuche mit Pulver und Dynamit nicht immer zu dem gewünschten Ergebnis geführt haben, so wäre ganz sicher nichts mehr übrig.«

Weiter schreibt Kiss (2): »Zweifellos ist das Ruinenfeld schon seit Jahrtausenden von den vielen Völkern und ihren Herren … ausgeplündert worden, angefangen bei den Inkas bis zurück zu den Völkern aus dem Dunkel der vorgeschichtlichen Zeit. Dennoch war das, was an Plünderungen geschehen war, nichts gegen das, was das vordringende Christentum der Conquista in dieser Hinsicht geleistet hat. Spanische Chronisten der ersten Jahrzehnte der Eroberung erzählen von ragenden Mauern, die sie in Tihuanaku vorgefunden hätten.«

Die Treppe zum steinernen Tor
Foto: W-J.Langbein
Sie wurden als Steinbrüche benutzt, in christlichen Kirchen verbaut ... und mehr schlecht als recht von Archäologen »rekonstruiert«. Bedauernd stellt Kiss fest (3): »So ist die Kalasasaya, die weiträumige Sonnenwarte der vorgeschichtlichen Astronomen, verstümmelt worden.«

Als ich in den engen und niedrigen Gang kroch, hatte ich eine vage Hoffnung. Laut Prof. Hans Schindler-Bellamy gab es vor rund 90 Jahren auf dem Areal von Tiahuanaco noch Zugänge zu unterirdischen Räumen, deren Wände glatt wie Glas gewesen seien. Die mit unglaublicher Präzision zugeschnittenen Blöcke sollen millimetergenau aufeinander abgestimmt und zusammengefügt worden sein ... vor vielen Jahrtausenden. Diese Zugänge wurden, so Prof. Hans Schindler-Bellamy, zugeschüttet. Ich muss zugeben: Zumindest ein klein wenig hoffte ich, in einen dieser verschollenen Räume zu gelangen ... Eine solche Entdeckung war mir aber nicht gegönnt. Ich gelangte irgendwann wieder ins Freie ...

Wird man diese Räume je wieder entdecken? Sucht man überhaupt nach ihnen? Fakt ist: Allenfalls ein Prozent von Tiahuanaco wurde bislang ausgegraben. Es fehlt am Geld. Und ausländische Investoren kommen aus Nationalstolz nicht zum Zuge ...


Fußnoten
1 Kiss, Edmund: »Das Sonnenthor von Tihuanaku«, Leipzig 1937, S. 41 u. 42
2 ebenda, S.42
3 ebenda


Das Sonnentor
Das Geheimnis der Anden IV,
Teil 125 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein«,
erscheint am 10.06.2012



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