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Sonntag, 21. Oktober 2012

144 »Das geheimnisvolle Tor von Labná«

Teil 144 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Labná von Frederick Catherwood
Archiv: W-J.Langbein
Es waren zwei Abenteurer, die anno 1842 die Ruinen von Labná entdeckten: John Lloyd Stephens (1805-1852) und Frederick Catherwood (1799-1854). Stephens war eigentlich Diplomat und Anwalt ... und von Reisen in ferne Länder begeistert. Catherwood war Architekt von Beruf ... und zeichnete mit großem Enthusiasmus. Seine Zeichnungen und Gemälde führten vor rund 150 Jahren zu einer bald weltweit grassierenden Begeisterung für die alte Kultur der Mayas. Man kann sie wie ein Buch lesen, wie einen Reisebericht ohne Worte.

Frederick Catherwood und John Lloyd Stephens legten den Grundstein der wissenschaftlichen Mayaforschung ... Die beiden Laien machten vor rund eineinhalb Jahrhunderten Entdeckungen, die auch heute von der Wissenschaft noch lange nicht erforscht und verstanden werden.

Labná, im heutigen Yucatán, Mexiko, gelegen, lässt sich mit »altes Haus« übersetzen. Vermutlich bekamen die altehrwürdigen Ruinen diesen Namen erst im 19. Jahrhundert. Wie die Stadt einst hieß ... wir wissen es nicht. Schon um 300 n.Chr. (»Frühklassik«) war Labná besiedelt. Die einst stolzen großen Bauwerke sind, so heißt es, erst um 800 bis 1000 n.Chr. entstanden (»Spätklassik«). Ein eingraviertes Datum entspricht dem Jahr 862 n.Chr. Das Bauwerk kann aber möglicherweise älter sein. Das eingravierte Datum kann durchaus entstanden sein, als das Gebäude schon alt war.

Auferstanden aus Ruinen ...
Foto: Walter-J. Langbein
Wer Labná wann genau erbaut hat ... unbekannt. Es wurde bislang erst ein kleiner Teil der steinernen Gebäude rekonstruiert ... und das wiederum nur teilweise. Vermutet wird, warum auch immer, dass Labná zwar bedeutend, aber nicht selbständig war. Labná sei – lese ich in einem Reiseführer – die Dependance einer größeren, mächtigeren Stadt gewesen. »Die monumentale Architektur lässt ... darauf schließen, dass der Ort eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat, doch vermutlich unter der Herrschaft einer größeren Stadt stand.« (1)

Auch in Labná scheint die Rekonstruktion der alten Bauwerke in Etappen zu erfolgen. Sobald wieder finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, wird wieder etwas gearbeitet. Da ragt der sogenannte »Aussichtsturm« aus einem Schutthügel heraus. Die Bezeichnung »Aussichtsturm« ist willkürlich und falsch gewählt! Bei dem stark zerfallenen Bauwerk handelt es sich um eine steile Pyramide mit einem Tempel oben an der Spitze. Wie beim Turm zu Babel sollte der Tempel dem Himmel so nah wie möglich sein. Gottesdienste wurden hoch über den Normalsterblichen, dem Himmel so nah zelebriert.

Der »Aussichtsturm«
von Labná, Foto:
W-J.Langbein
Tempel in luftiger Höhe waren für Göttinnen und Götter eine Einladung: »Kommt vom Himmel herab! Wir haben euch ein Haus bereitet!« Der biblische Gott indes reagiert mit Zorn ... (2) ... und zerstörte wütend den legendären Turm zu Babel. Sein aggressiver Akt war gegen den heidnischen Kult der »heiligen Hochzeit« gerichtet, die im Tempel in luftiger Höhe zelebriert wurde. Die Pyramiden-Ruine von Labná erinnert mich ... an die Zerstörung von Babel! Allerdings ist der Zerfall in Labná auf den »Zahn der Zeit« zurückzuführen. So sollen am Dachaufsatz – Höhe vier Meter – einst riesenhafte menschliche Gestalten zu sehen gewesen sein. Sie sind fast vollständig verschwunden.

»Wenn ich nur wüsste, wie der ›palacio‹ zu rekonstruieren ist!« vertraute mir ein verzweifelter Archäologe bei einem meiner Besuche in Labná an. »Offensichtlich wurde der ›Palast‹ im Laufe der Zeit immer wieder umgebaut! Es ist sehr schwer zu erkennen, welcher Grundriss der ältere, welcher der neuere ist. Und dann stellt sich die Frage: Soll die Urform des palacio so weit wie möglich wieder hergestellt werden.... oder die letzte, neueste?«

Ein Palast nach unserem Verständnis war der »palacio« nie. Er war kein weltlicher, sondern ein sakraler Bau. Welchem Zweck die vielen Kammern dienten ... wir wissen es nicht. Ein Arbeiter verriet mir: »Die Bauaufsicht wechselt immer wieder. Und dann kann es sein, dass die Richtlinien für den Wiederaufbau ... geändert werden!«

Der »Palacio« von Labná
Foto: W-J.Langbein
Einig scheinen sich alle Archäologen zu sein, dass einstmals in dem großen Bauwerk der Regengott Chaak (Chac u.a. Schreibweisen kommen vor!) verehrt wurde. Es erhebt sich auf einer fast 170 Meter langen Plattform. Im unteren Stockwerk gab es einst vierzig Kammern. Auf einem steinernen Fries reihte sich eine Chaak-Maske an die andere. Auch von diesen sakralen Darstellungen ist kaum noch etwas zu erkennen.

Erstaunlich gut hat eine ungewöhnliche Chaak-Skulptur dem Zahn er Zeit widerstanden. Chaak wirkt hier nicht roboterhaft-kantig wie sonst. Er hat ein recht menschliches Gesicht ... und blickt aus dem weit aufgerissenen Maul einer Schlange. Eine ähnliche Darstellung hat auch das »Nonnenviereck« vom Uxmal aufzuweisen. Ein Reiseführer beschreibt den »Schlangenkopf« von Labná so (3): »Bemerkenswert ist eine ungewöhnliche Chac-Maske an der Südostecke des Gebäudes, der Außenecke von Kammer 18. Sie zeigt einen Menschenkopf, der aus dem aufgesperrten Rachen einer Schlange herausschaut: Eine Darstellung, die auch im ungleich berühmteren Nonnenviereck von Uxmal zu finden ist.«

Ich habe beide Chaaks fotografiert ... wenn es denn wirklich Chaaks sind. Gibt es doch eine ganz andere Interpretation des »Menschenkopfes im Schlangenmaul«. In der Ikonographie versucht man, bildliche Darstellungen zu interpretieren.

»Menschenkopf im Schlangenmaul« wird häufig als »visionärer Kontakt mit dem Jenseits« verstanden! Es sind nach dieser Deutung die Häupter von Verstorbenen, die aus dem Schlangenschlund schauen und sprechen.

Der Chaak von Labná (links),
der Chaak von Uxmal (rechts),
Fotos: W-J.Langbein
Im Zentrum von Labná steht – unweit des »Aussichtsturms« – ein imposanter Torbogen, der aber kein Tor ist. Wer ihn durchschreitet, gelangt nicht ein ein Gebäude, kommt nicht auf einen Platz. Der »Arco« ist kein Ein- oder Ausgang. Er ist ein eigenständiges Bauwerk. Ist der Bogen ein Denkmal, das zu Ehren eines triumphalen Siegers in einem vergessenen Krieg errichtet wurde? Oder hatte der »Arco« einst mythisch-religiöse Bedeutung: etwa als Verbindung zwischen den Welten des Diesseits und des Jenseits? In diesen Zusammenhang würde die Visionsschlange passen, aus deren Maul die Toten zu den Lebenden sprechen.

Linda Schele und David Freidel, zwei internationale Mayaexperten, erklären in ihrem fulminanten Opus »Die unbekannte Welt der Maya« (4): »Die Kommunikation zwischen Diesseits und Jenseits wurde in den tiefgründigsten Sinnbildern des Maya-Königtums symbolisiert: in der Visionsschlange und dem doppelköpfigen Schlangenstab.« Die Visionen wurden auf in wahrstem Sinne des Wortes blutigem Wege erreicht: Man nahm bei sich selbst einen kräftigen Aderlass vor, ließ das eigene Blut fließen und erlebte dann ... bei womöglich schwindenden Sinnen ... geheimnisvolle Bilder.

Linda Schele und David Freidel (5) sprechen von einem »Portal ins Jenseits«, das als »Rachen der Unterwelt in Gestalt einer bärtigen Riesenschlange mit skelettierten Riesenbacken« dargestellt werden kann. Ist da die Vermutung so abwegig, dass das imposante Tor – lichte Höhe der Toröffnung immerhin fünf Meter! – eben jenes mythologische Portal ins Jenseits darstellte? Wurde es von Auserwählten durchschritten, um ihre Visionen auszulösen? Man stelle sich vor: durch selbst beigefügte Verwundungen – Durchstechen der Zunge mit Pflöcken – floss das Blut in Strömen. Torkelten die Auserwählten mit schwindenden Sinnen durch das mächtige Tor? Wurden ihnen Visionen zuteil?

Das mysteriöse Tor von Labná.
Vorder- und Rückseite.
Fotos: W-J.Langbein.
Zeichnung von Catherwood.
Frederick Catherwood jedenfalls war vom Tor fasziniert. Seine Darstellung könnte aus unserer Zeit stammen, ist aber rund 170 Jahre alt!

Fußnoten


1 Mehling, Marianne (Herausgeberin): »Mittelamerika – Die Welt der Maya«, Lizenzausgabe, Augsburg 1998, S. 182
2 Das 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
3 Mehling, Marianne (Herausgeberin): »Mittelamerika – Die Welt der Maya«, Lizenzausgabe, Augsburg 1998, S. 182 unten und S. 183 oben
4 Schele, Linda und Freidel, David: »Die unbekannte Welt der Maya/ Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt«, Lizenzausgabe, Augsburg 1994, S. 57
5 ebenda





Literaturhinweise

Eine kleine Auswahl wichtiger Maya-Literatur
Adams, Richard: »The Origins of the Maya-Civilization«, Albuquerque, New Mexiko 1977
Benson, Elizabeth (Hrsg.): »City-states of the Maya«, Denver 1986
Coe, Michael: »Die Maya«, Bergisch-Gladbach 1977
Eggebrecht, Eva und Grube, Arne: »Die Welt der Maya«, Mainz 1992
Maler, Teobert: »Auf den Spuren der Maya«, Graz 1992
Wilhelmy, Herbert: »Welt und Umwelt der Maya«, München 1990

Buchtipp: 2012 - Endzeit und Neuanfang, von Walter-Jörg Langbein

»Von Rädern, Zahnrädern und Spielzeug«,
Teil 145 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.10.2012


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Sonntag, 30. September 2012

141 »Der Gott mit dem Rüssel«

Schildkröten, Schlangen und Ruinen 2
Teil 141 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


In den Ruinen von Palenque soll es
Darstellungen von Elefanten
geben - Foto W-J.Langbein
Zu den bedeutendsten Künstlern unter den frühen Erforschen von Zentralamerika gehört Johann Friedrich Graf von Waldeck (1766-1875), der sich auch gern Jean Frédéric Maximilien de Waldeck nannte. Die genauere Herkunft des Mannes, der auch als Herzog oder Baron auftrat, ist bis heute unklar. Er selbst gab gelegentlich Deutschland, Österreich und Großbritannien als Heimat an. In Paris, der Stadt der Liebe und der Kunst, lebte der Adelige als Maler. Es zog ihn in die Ferne. Er wollte Zentralamerika erkunden und erforschen. Mit bedeutungslosen »amtlichen Dokumenten« machte er sich anno 1825 nach Mexiko auf. Sein erstes Ziel: Palenque. Er ließ auf eigene Kosten Grabungen durchführen und entdeckte – seiner Meinung nach – Sensationelles: Darstellungen von Elefanten ... in Palenque ... eine Unmöglichkeit.

Graf von Waldeck infizierte mit seiner Begeisterung John Lloyd Stephens (1805-1852) und Frederick Catherwood (1799-1854). Wie der reiselustige Graf von Waldeck waren auch Stephens und Catherwood Amateure. Das bedeutete, dass zunächst nur sehr wenige Mitglieder der schulwissenschaftlichen Archäologenzunft die enthusiastischen Männer zur Kenntnis nahm. 1838 reisten Stephens und Catherwood nach Mexiko und erkundeten unter anderem auch die Ruinen von Palenque. Dann wandten sie sich nach Copan ... und trauten ihren Augen nicht: Ganz eindeutig, so meinten sie, hatten da Mayas oder ihre Vorgänger Elefanten dargestellt.

Gewiss, die Vorstellung, Mayas hätten Elefanten gesehen und dargestellt, ist verrückt. Sie ist aus wissenschaftlicher Sicht vollkommen unakzeptabel. Selbst wenn man kühn die ersten Mayas weit früher als bislang angenommen ansetzt, sie können in Zentralamerika nie und nimmer Elefanten erlebt haben. Und doch soll es in mehreren Ruinenstädten der Mayas diese unmöglichen Darstellungen von Elefanten geben: zum Beispiel in Copan, Honduras.

Bei einem meiner ersten Besuche dort suchte ich gezielt nach Reliefs, die irgendwie »elefantös« wirkten. Ich wurde aber nicht fündig. »Hier soll es Darstellungen von Elefanten geben ... « fragte ich einen Arbeiter (via Führer, der übersetzte). Der Mann war gerade dabei, Zement für Restaurierungsarbeiten anzurühren. »Das ist verbotene Archäologie ...« antwortete er. »Niemals wird man ein Buch lesen können, das über diesen Fund berichtet!« Von was für einem Fund er denn spreche, wollte ich wissen. Der Mann druckste herum. Ein saftiges Trinkgeld lehnte er fast empört ab.

Reste eines »Maya-Elefanten«
Foto: W-J.Langbein
»Es ist eine steinerne Statue ...« rückte er schließlich heraus. »Sie war stark beschädigt! Bestand aus mehreren Trümmern, die mühsam zusammengesetzt werden müssen.« Bislang seien noch nicht alle Teile des Tieres gefunden worden. »Es war ein sehr schweres Tier mit vier stämmigen Beinen, einem massigen Körper, einem dicken Kopf und einem gewaltigen Rüssel!« Natürlich wollte ich das mysteriöse Fabelwesen aus Stein sehr gern sehen. »Das darf ich nicht zeigen ...« sträubte sich der Arbeiter. »Was meinen Sie, was mir mein Chef sagt ... wenn er erfährt, dass ich Sie diesen kleinen Weg entlang geführt habe ... bis wir nach etwa zweihundert Metern an das eingezäunte steinerne Tier gekommen sind?«

Es folgte eine geradezu humoristische Szene ... Ich nicke verständnisvoll. »Natürlich dürfen Sie mir nicht raten ... diesem Weg zu folgen ...« Dabei deute ich auf einen schmalen Trampelpfad. »Genau!« Und so folge ich dem Weg, den mir der Arbeiter nicht gezeigt hat ... und gelange schließlich an eine massige Skulptur. Die Einzäunung besteht aus vier Pfählen, die mit Draht verbunden sind ... Den unscheinbaren Koloss wird wohl kaum jemand stehlen, denke ich. Und mittendrin entdecke sich ein kurioses Tier, das – mit einiger Fantasie – als »Elefant« identifiziert werden kann. Besonders eindrucksvoll ist der gewaltige Rüssel am steinernen Quadratschädel.

Vier Elefanten - Fotos: W-J.Langbein
(links außen, Mitte und rechts
unten), Jean-Pierre Dalbéra
(rechts oben)
»Die Beine fehlen noch ... « erklärt der Arbeiter, der gefolgt war. »Deshalb haben wir den Leib auf Steine gestellt ...« Ich nicke erneut ... »Die Ohren kann ich nicht so recht erkennen ...« Lächelnd versucht mein Informant, meine zweifelnde Anmerkung zu entkräften. »Es ist ein indischer Kleinohrelefant...«

Elefanten ... von den alten Mayas in Stein gemeißelt ... das passt so gar nicht in das Geschichtsbild Zentralamerikas. Ich fotografiere ... und der Arbeiter entfernt sich eiligen Schrittes. Ob ich ihn beleidigt habe? Der Übersetzer verneint. Einige Stunden später drückt mir mein »Informant« triumphierend eine Zeichnung in die Hand. Angeblich zeigt sie – vor rund einhundert Jahren von einem Archäologen angefertigt – einen Elefanten auf einem Relief von Copan. In der Tat: Da scheint ein Maya ein Rüsseltier zu führen ... einen Elefanten. »Die Zeichnung erschien in einer führenden wissenschaftlichen Zeitschrift ...«, erfahre ich ... aber weder dem Namen des Wissenschaftlers, noch der Quelle.

Gott Chaak von Uxmal
Foto: W-J.Langbein
Zögerlich gebe ich die Zeichnung dennoch wieder ... zwischen steinernen Elefanten aus Indien (Relief von Mahabalipuram) und einer Statue des indischen Gottes Ganesha mit Elefantenkopf ... Bislang habe ich vergeblich nach der Quelle gesucht, die angeblich die Elefantenzeichnung enthielt ...

Prof. Hans Schindler-Bellamy, Wiener Archäologe und Südamerikaspezialist, bot mir eine interessante Antwort auf die »Elefanten-Frage«. In Zentralamerika spielte Gott Chaak eine ganz bedeutende Rolle!

Gott Chaak wird in vielen Maya-Tempeln dargestellt ... und das darf nicht verwundern! Chaak – gesprochen »cha-ak« - war der Gott des Regens. Er spendete das kostbare Nass, ohne das es kein Leben geben konnte. Die Mayas verehrten ihn als Gott der Landwirtschaft, der er den Regen schenkte. So ließ er Pflanzen sprießen. Und er war – als Gott der Fruchtbarkeit – für den Fortbestand des Lebens zuständig! Chaak hat ein besonders Merkmal: einen Rüssel, der sehr stark an einen Elefanten erinnert!

Nirgendwo sonst in Zentralamerika begegneten mir steinerne Chaaks, die so deutlich an einen Elefanten erinnerten wie in Uxmal. Wer einen Elefanten gesehen hat, muss förmlich in Chaak ... einen Elefanten erkennen: mit hoch erhobenem Rüssel und mit seitwärts aufgestellten Ohren. Sind das ganz zufällig übereinstimmende Merkmale? Ich weiß: Selbst vor zwei Jahrtausenden hat es im Reich der Mayas definitiv keine Elefanten gegeben! Sehen wir was wir sehen wollen?

Der Gott mit dem Rüssel
Foto: W-J.Langbein
Die Spanier staunten nicht schlecht über die herrlichen Bauwerke von Uxmal. Und sie verliehen ihnen Namen. Ein Prachtbau mit vielen kleinen Räumen wurde so zum »Nonnenkloster« ernannt. Die Spanier meinten ein »Viereck der Nonnen« zu erkennen. Welchem Zweck er auch gedient haben mag: ein »Nonnenkloster« war er mit Sicherheit nicht.

Ein anderer Bau kam den Spaniern ganz besonders majestätisch vor. Schon hatten sie einen Namen für ihn parat: »Palast des Gouverneurs«, auch wenn nie ein solcher darin gewohnt hat. Die Mayas hatten natürlich keine »Gouverneure«. Weitere Bauten erweckten bei den Spaniern wieder andere Assoziationen. Und schon gab es in Uxmal die »Taubenhausgruppe«. Mag sein, dass die Spanier damals noch hätten in Erfahrung bringen können, welchem Zweck die so formschönen Gebäude wirklich einst dienten ... Das aber interessierte die Spanier nicht. Wozu sollte man auch »Wilde« befragen?

Der »Gouverneurspalast«
Foto: W-J.Langbein
So muss ich die angeblichen »Elefanten« kritisch betrachten. Sehen sie nur zufällig wie Rüsseltiere aus ... und sind doch nur von den Mayas verehrte Chaak-Götter? Und ist es nur ein Zufall, dass auch der indische Ganesha einen Elefantenkopf hat? Im Hinduismus war Brahma, der vierköpfige und vierarmige Gott, der große Schöpfer. (Hinweis: Es gab bei den Mayas vier verschiedene Chaaks ... Zufall?)

Shiva wurde als Gott der Zerstörung und der Erneuerung angesehen, der vermutlich meistverehrte Gott. Er galt keineswegs als negative Kraft, ganz im Gegenteil. Leben war ohne ihn nicht möglich. Sein Sohn war Ganesha ... der mit dem Elefantenkopf!



»Kuriose Tempel, kuriose Schlangen«,
Schildkröten, Schlangen und Ruinen 3
Teil 142 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 07.10.2012


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Sonntag, 16. September 2012

139 »Die Pyramide des Zauberers«

Teil 139 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der Uxmal-Komplex - Foto: HJPD
Der Name »Bundesstraße 261« erweckt einen falschen Eindruck. Bei meiner Planung hatte ich für die knapp achtzig Kilometer von Merida bis Uxmal eine knappe Stunde einkalkuliert. Eher mühsam holpert der kleine Minibus weiter. Der Fahrer reagiert mit einem Lachen auf meine Ungeduld.

»Sie hätten zu Zeiten der Mayas reisen sollen! Damals war das Straßennetz besser als heute!« Und in der Tat: Zu Zeiten der Mayas gab es Straßen zwischen allen Tempelstädten, Hunderte von Kilometern lang. Alle Straßen besaßen ein solides Fundament aus Fels, bedeckt von einer wetterfesten Schicht. Bis zu zehn Meter breit war so eine gepflasterte Mayastraße ... und dabei bestreitet die Wissenschaft, dass den Mayas das Rad bekannt war.

»Sie hätten zu Zeiten der Mayas hier reisen müssen ... « wiederholt der Busfahrer. Mit modernen Verkehrsmitteln auf modernen Straßen benötigen wir für die achtzig Kilometer von Merida nach Uxmal fast zwei Stunden. »Freuen Sie sich, dass es so schnell geht!« fordert mich der Busfahrer auf. »Vor ein paar Jahren habe ich für diese Strecke vier und mehr Stunden gebraucht!« Als sich meine Miene nicht aufhellt, fügt er hinzu: »Und wir hatten damals keine Klimaanlage!«

Die Anlage von Uxmal, Gemälde von
Frederick Catherwood 1843
(wiki commons)
Aber: Uxmal – von Frederick Catherwood romantisierend verklärt – war an ein erstaunliches Straßennetz angeschlossen ... Straßen, wie es sie zur gleichen Zeit in Europa nicht gegeben hat.

Während ich in meinen Unterlagen blättere, schleudert mir der Busfahrer schließlich ein »Beckenbauer! Beckenbauer!« entgegen, gefolgt von einem enthusiastischen »Bayern München!« Der Mann wurde mir sofort sympathisch. Die Mayas, erzählt er mir, hatten auch ein Ballspiel. Es war am ehesten mit unserem heutigen Basketball zu vergleichen, musste doch einen massiver und sehr schwerer Ball durch einen steinernen Ring am Spielfeldrand bugsiert werden. Der Ball – angeblich so schwer wie ein heutiger Medizinball – durfte auf keinen Fall den Boden berühren. Die Spieler durften ihn weder treten, noch werfen. Sie durften auf keinen Fall mit Fuß oder Hand an den Ball kommen, mussten ihn mit Ellenbogen, Hüfte oder Schulter in der Luft halten, bis zum steinernen Ring schaffen. Und dann mussten sie versuchen, den Ball durch den steinernen Ring zu schlagen.

Im »Dallas Museum of Art« zeigt eine Vase – etwa 1400 Jahre alt – einen Ballspieler in Schutzkluft, die an die Montur eines Rugby- oder Eishockey-Spielers erinnert. Der wesentliche Unterschied zu heutigen Sportarten: das Maya-Ballspiel war wesentlich härter.

Ein Ballspieler auf einer
kostbaren Vase
Foto: Madman
Die genauen Regeln kennen wir heute nicht mehr. Bekannt ist allerdings, dass es beim »Spiel« um Leben oder Tod ging. Eine Mannschaft wurde am Ende eines Spieles den Göttern geopfert. Musste die ganze Mannschaft sterben ... oder nur ihr Kapitän? Wurden die Verlierer gefesselt, aneinandergebunden und die steilen Treppen der höchsten Pyramiden hinab gestürzt ... oder wurde diese Ehre der Siegermannschaft zuteil?

Der Name des Spiels - »poktapok« - kling wie eine Lautmalerei, die das Ballspiel akustisch beschreibt. Hernándo Cortés schaffte 1492 zwölf Ballspieler nach Europa, wo sie am Hof Karl des V. Ihre Kunst demonstrierten ... angeblich unter vollem Einsatz. War die höfische Gesellschaft zunächst gelangweilt, als das Ballspiel der »Wilden« angekündigt wurde ... Dann waren die Adeligen gebannt ... und entsetzt. Knochen barsten, Nasen wurden eingeschlagen ... das Spiel ging weiter. Blut spritze, ein »Spieler« kam ums Leben und musste vom Platz getragen werden. Knie und Hüften wiesen bald schlimme Verletzungen auf ...

Der Ring aus Stein von
Uxmal ... »Tor« beim
Ballspiel
Foto: W-J.Langbein
Wie viele Ballspielplätze es in Zentralamerika gegeben haben mag? Wir wissen es nicht mehr. Vor Ort hörte ich aus Expertenmund Schätzungen zwischen 1500 und 3000. Wer das Ballspiel erfunden hat? Auch darüber weiß man nichts Genaues. Die Mayas zelebrierten das blutige Spektakel, erfunden haben sie es sicher nicht. Archäologen förderten anno 1989 in El Manatí (im mexikanischen Bundesstaat Veracruz) zwölf Gummibälle zutage, die datiert werden konnten. Mit Hilfe der Radiokarbonmethode wurde festgestellt, dass sie zwischen 1600 und 1200 v.Chr. angefertigt und benutzt worden sind.

Wann mag zum ersten Mal das Ballspiel zelebriert worden sein? Vor 3600 Jahren? Vor 4000 Jahren? Wir wissen es nicht. Die Olmeken, zu Deutsch »Gummileute« mögen die ersten Ballexperten gewesen sein. Die vieltausendfach ausgefochtenen blutigen Spiele dienten sicher nicht dem profanen Zeitvertreib. Man muss davon ausgehen, dass der ursprüngliche Hintergrund des brutalen Sports ein religiöser war. Sprachanalysen ergeben: Ballspielen hatte eine mystisch-religiöse Bedeutung ... Aber welche?

Ein katholischer Archäologe vertraute mir abends im Hotel bei einem Whisky an, dass seiner Überzeugung nach das Spiel mit der Gummikugel ursprünglich von mythologisch-religiöser Bedeutung war.

Die Pyramide des Zauberers, Uxmal
Foto: W-J.Langbein
»Es war ein kosmologisches Spiel. Es ging um den ewigen Ablauf von Werden, Vergehen und Werden!« So wie die Sonne am Tag scheinbar den Himmel überquert und nachts durch die Unterwelt wieder an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt, um wieder über den Himmel zu reisen ... so muss auch die heilige Kugel immer in Bewegung bleiben. So wie der Ball niemals die Erde berühren darf, so darf auch nicht die Sonne auf die Erde stürzen.«

Vor Jahrtausenden war das Ballspiel ein rein sakrales Ereignis ... ein religiöser Akt, Menschenopfer inklusive. Beim religiösen Zeremoniell, zum Erhalt des ewigen Kreislaufs der Zeit und des Lebens, blieb es nicht. So wie im Lauf der Jahrhunderte, ja Jahrtausende immer neue Varianten des Spiels entstanden, so änderte sich auch seine Bedeutung. Es gab irgendwann keine einheitliche Spielplatzgröße mehr. Es gab nicht mehr »die« richtigen Regeln ... und es wurde aus den unterschiedlichsten Gründen »gespielt«.

Mysteriöse Bauten von Uxmal
Foto W-J.Langbein
Prof. Hans Schindler-Bellamy erklärte mir im Interview: »So blutrünstig uns das Ballspiel erscheint, so diente es manchmal friedvollen Zwecken. Zwei Stämme befanden sich im Kriegszustand. Man hätte bis zum bitteren Ende gegeneinander kämpfen können. Stattdessen vertraten zwei Mannschaften im Ballspiel ihren jeweiligen Stamm. Die Mannschaften rangen erbittert um den Sieg. Der Ausgang des Spiels entschied über Sieger und Verlierer im Krieg. So wurden Kriegshandlungen verkürzt, wurden Menschenleben gerettet!«

Nach und nach wurde das Spiel profaner. Es ging dann um ganz weltliche Wettspiele, bei denen Wohlhabende hohe Summen auf »ihre« Mannschaften setzten. Es ging um Sensationsgier: Kriegsgefangene durften ums Überleben kämpfen. So motiviert ging es dann wohl noch viel härter zur Sache ... zur Belustigung der Zuschauer. In Rom gab es »Brot und Spiele« zur Befriedigung der Massen ... in Zentralamerika gab es das degenerierte Ballspiel ...

Kopf in der Schlange
Foto: W-J.Langbein
Das Ballspiel der Mayas war immer hart und hatte mit spielerischem Sportsgeist nie etwas zu tun ... so wie die »Pyramide des Zauberers« wohl nie etwas mit Magie zu tun hatte. Wer schon einmal die extrem steile Treppe dieser Pyramide erklommen hat ... und ohne Sturz wieder nach unten geklettert ist, der kann sich ohne Probleme folgendes Szenario vorstellen: an ein Seil gebunden wurde die »Verlierer-« oder die »Gewinnermannschaft« hinabgestürzt. Wer das zunächst überlebte, erlag den dabei zugezogenen schlimmen Verletzungen und Brüchen ...

Uxmal ... der mysteriöse Komplex hat noch so manches Geheimnis zu bieten ... einen Kopf in einem Schlangenmaul, Schildkröten aus Stein umkriechen einen uralten Tempel ... und Ruinen ... Ach, könnte man die Steine von Uxmal wie ein Buch lesen!

»Schildkröten, Schlangen und Ruinen«,
Teil 140 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.09.2012

Sonntag, 26. Dezember 2010

49 »Die Gruft von Palenque«

Teil 49 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Auf dem Buchcover ist eine technisch anmutende Szene dargestellt. Die detailreiche Zeichnung bietet, so scheint es, Fantastisches. Ein Astronaut ist da zu sehen, der in einer Art Raumkapsel hockt. Ganz ähnliche Bilder kennen wir aus der Raumfahrt, von Astronauten unserer Tage. Der Astronaut vom Buchcover hantiert mit etwas. Was genau tut er? Er scheint an Schaltknöpfen zu drehen, dabei auf etwas wie einen Monitor starrend. Am Heck des Vehikels meint man so etwas wie einen Raketenantrieb zu sehen. Fliegt da ein irdischer Kosmonaut ins All? Ganz ähnliche Bilder sahen wir 1968, als die ersten Astronauten zum Mond flogen und als erste Menschen den Erdtrabanten besuchten. Die Raumfahrt des Jahres 1968 rückte den Kosmos näher an unseren Planeten heran... und ebnete den Weg für das vielleicht erfolgreichste Sachbuch überhaupt!


Dänikens Weltbestseller machte
Palenque weltberühmt
1968 schlug ein Sachbuch ein wie eine Bombe. Nachdem es zunächst von rund zwanzig Verlegern abgelehnt worden war, druckte der Econ-Verlag ängstlich-vorsichtig eine kleine Auflage von zunächst nur 3000 Exemplaren. Wenige Monate später würde das Buch zum Megabestseller – und das nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern weltweit. »Erinnerungen an die Zukunft - Ungelöste Rätsel der Vergangenheit« (1) lautete der Titel.

Auf dem Cover der deutschen Ausgabe prangte die Zeichnung des »Astronauten« in seiner Kapsel. Sie entstammte nicht der blühenden Fantasie eines modernen Grafikers. Vielmehr gibt sie ein Relief aus uralten Mayazeiten wieder....

Bis heute sind Dänikens Werke weltweit in gigantischer Auflage erschienen. Wie viele Exemplare der rund 30 Sachbücher bislang gedruckt wurden, das ist nicht so genau bekannt. Es sind sicher deutlich mehr als 60.000.000. Fanden schon 100.000.000 Däniken-Bücher den Weg zum Leser? Allein von »Erinnerungen an die Zukunft« wurden weltweit mehr als 10.000.000 Exemplare gedruckt. Wieder ist die genaue Zahl nicht bekannt: 12 Millionen, 15 Millionen oder mehr? Unlängst erstand ein chinesischer Verlag die Übersetzungsrechte aller Bücher Erich von Dänikens. In den USA sind Dokumentationen fürs Fernsehen und Verfilmungen für die große Leinwand geplant. Wird die Auflage Erich von Dänikens ins Astronomische ansteigen?

Geheimnisvolles Palenque
Foto: Walter-Jörg Langbein
Als Vierzehnjähriger verschlang ich Dänikens »Erinnerungen an die Zukunft«. Jahrzehnte später stand ich in der Gruft von Palenque vor dem Original jenes Reliefs, das durch Dänikens »Erinnerungen an die Zukunft« weltberühmt wurde ... in der Mayastadt Palenque. Die plündernden Spanier haben die mysteriöse Urwaldstadt so genannt.

Palenque bedeutet, ins Deutsche übersetzt, etwa »befestigte Häuser«. Wie die Stadt im tiefsten Urwald von ihren Erbauern genannt wurde, das ist ebenso unbekannt wie ihr Alter. Nach dem studierten Religionswissenschaftler White Bear Fredericks, er wurde in der Hopi-Reservation Old Oraibi in Arizona geboren und war einer der angesehensten Vertreter seines Stammes, geht Palenque auf Besucher aus dem All zurück. Einst sollen himmlische Lehrmeister, »Katchinas« genannt, die Menschen in einer Art Universität in die Geheimnisse des Universums eingeweiht haben.

Die Geschichte von Palenque belegt in eindrucksvoller Weise die Wirkung des gedruckten Wortes. Man kann ein Buch lesen und sich dabei unterhalten lassen. Man kann aber auch ein Buch lesen ... und zu Abenteuern in die Welt aufbrechen!

Die Universität von Palenque
Foto: Walter-Jörg Langbein
Bereits im Jahre 1773 vernahm Antonio de Solis, Kurator von Tumbala (im heutigen Chiaspas gelegen) Gerüchte über eine gespenstische Stadt mitten im Urwald. Der Geistliche Ordonez hörte ebenfalls von den »befestigten Häusern« im Urwald. Er befahl die Aussendung eines Erkundungstrupps. Die Männer entdeckten tatsächlich kaum sechs Kilometer von Santo Domingo entfern die Reste einer einstigen Urwaldmetropole. Allerdings waren sie vom Urwald überwuchert.

Im Jahre 1787 suchte der Offizier Antonio del Rio in Palenque nach verborgenen Schätzen. Mit roher Gewalt zwang er Indiosklaven, in den Ruinen zu graben. Gold fanden sie nicht. Die geknechteten Indios hatten panische Angst. Sie waren davon überzeugt, dass es in Palenque spuke. Del Rios Bericht erreichte auf Umwegen Europa. Seine Aufzeichnungen erschienen in England als schmales Buch ... und erweckten die Neugier eines reiselustigen Adeligen: Graf von Waldeck wollte unbedingt Palenque selbst in Augenschein nehmen. Allerdings war Jean Frederic von Waldeck mittellos. Einen reichen Sponsor fand er nicht, also bettelte er um Spenden. Mühsam bekam er umgerechnet 3000 Dollar zusammen ... und brach 1822 nach Mexiko auf.

Auch die Behörden vor Ort waren nicht bereit, den Grafen finanziell zu unterstützen. Er erhielt nur eine bombastische Urkunde, die ihn dazu autorisierte, Palenque dem Urwald zu entreißen. Die Indios allerdings maßen dem amtlichen Dokument keinerlei Bedeutung zu. Graf von Waldeck zahlte, so gut er konnte. Die amtlichen Behörden verdächtigten ihn schließlich, die Ruinenstadt zu plündern. Wertvolle Schätze, so wurde getuschelt, habe er außer Landes geschafft. Enttäuscht musste er außer Landes fliehen. 1838 veröffentlichte er, von einem Buch ins ferne Zentralamerika gelockt, selbst ein Buch.

Sein Opus »Romantische Reise in Yukatan« interessierte nur wenige seiner Zeitgenossen. Und doch war es eben dieses Buch, das die Entwicklung vorantrieb! John Lloyd Stephens (1805-1852) und Frederick Catherwood (1799-1854) wurden durch die Lektüre dieses Buches mit dem Palenque-Bazillus infiziert. Sie reisten nach Mexiko und quälten sich unter Erduldung schlimmster Strapazen bis nach Palenque vor. Mitten in den überwucherten Ruinen schlugen sie ihr ärmliches Lager auf: stets in Angst vor Überfällen durch vermeintlich wilde Indios und gefährliche Tiere.

Stechmücken, Zecken, Schlangen und anderes Getier machten ihnen das Leben zur Hölle. Sie erduldeten die drückende Hitze des Urwalds, immense gesundheitliche Gefahren und unsäglich unhygienische Verhältnisse ... und doch zogen die uralten Ruinen die Männer in ihren Bann! John Lloyd Stevens fasste seine Begeisterung in seinem Tagebuch so zusammen: »Nichts hat mich im Roman der Weltgeschichte mehr beeindruckt als diese spektakuläre und liebliche Stadt.«

Staunend erforschten die Männer das mysteriöse Palenque. Vieles war ihnen rätselhaft. Offenbar hatten die Mayas in der Unterwelt von Palenque ein komplexes Tunnel- und Röhrensystem angelegt. Die Wassermassen, die in der Regenzeit auf die Dächer der steinernen Tempel niederprasselten, wurden gefasst und in unterirdischen Zisternen gespeichert.

Frederick Catherwood fertigte Zeichnungen an, deren geradezu magischer Zauber noch so gelungene Fotos aus unseren Tagen verblassen lässt. Catherwood und Stephens veröffentlichten Bücher (2), die die Bauten der Mayas – auch die von Palenque – weltberühmt machten. Die Werke wurden zu Bestsellern und lösten heftiges Interesse an den Mayas aus. Als Schulknabe faszinierten mich die herrlichen Zeichnungen Catherwoods. Erich von Dänikens Buch »Erinnerungen an die Zukunft« löste in mir den Wunsch aus, selbst die mysteriösen Bauten der Mayas zu erkunden. Rund 20 Jahre später war ich dann vor Ort: im Urwald von Palenque.
Der Tempel der Inschriften
Foto: Walter-Jörg Langbein
Wiederholt schlenderte ich durch die Ruinenstadt. Im Zentrum der Stadt liegt der »Tempel der Inschriften«, ganz in der Nähe der einstigen »Universität«. Üppig wuchert das Grün des Urwalds. Die steinernen Gebäude, auf künstlichen Hügeln errichtet, muss mühsam davor bewahrt werden, wieder von der Natur zurückerobert zu werden. Ich kroch abseits der Wege in scheinbar undurchdringbares Dickicht. Überall gab es pyramidenartige Hügel, unter denen weitere Gebäude schlummern dürften. Man vermutet, dass erst ein Bruchteil der einstigen Metropole – vielleicht fünf Prozent – ausgegraben wurde.

Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass es sich bei den Pyramiden von Palenque nicht um Pyramiden handelte. Man sah sie vielmehr – im Gegensatz zu den Pyramiden in Ägypten – als steinerne Sockel für Tempelbauten an. Tempel waren aber, das galt als gesichertes Wissen, keine Begräbnisstätten wie die Pyramiden im Reich der Pharaonen. Weil es der Theorie nach keine Gräber in den Pyramiden gab, suchte man auch nicht nach Gräbern. Und so blieb die Gruft von Palenque, tief in der Unterwelt unterhalb des »Tempels der Inschriften« sehr lange unentdeckt. Dabei bietet doch gerade diese Gruft eines der großen Geheimnisse der Mayas: die Grabplatte von Palenque, die Erich von Däniken weltberühmt machte.

Abstieg zur Gruft
Immer wieder bin ich in diese Grabkammer hinabgestiegen, manchmal allein, manchmal in Gesellschaft unzähliger Touristen. Der Weg in diese unterirdische Welt ist unglaublich anstrengend. Die steinernen Treppen sind steil und oft glitschig. Schon nach wenigen Schritten nach unten klebt die Kleidung am Leibe, ist man vollkommen durchgeschwitzt im saunaartigen Ambiente ... Tief unter der Pyramide wurde auf einem steinernen Sarg eine steinerne Platte entdeckt, mit einem Relief darauf. Zeigt es einen außerirdischen Besucher, der vor vielen Jahrhunderten zur Erde kam?



Fußnoten
(1) Däniken, Erich von: »Erinnerungen an die Zukunft - Ungelöste Rätsel der Vergangenheit«, Erstauflage Düsseldorf 1968
(2) 1841 veröffentliche Stephens das Buch »Incidents of Travel in Central America, Chiapas, and Yucatan«. 1843 folgte Stephens Buch »Incidents of Travel in Yucatan«. 1844 schließlich erschien Catherwoods Buch »Views of Ancient Monuments in Central America, Chiapas and Yucatan«.


»Der Astronaut in der Grabkammer«,
Teil 50 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.01.2011








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