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Sonntag, 16. Dezember 2012

152 »Von Affen und von Drachen«

Teil 152 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein Brüllaffe in Palenque
Komisch, diese Touristen...
Foto: W-J.Langbein
Die letzte Touristengruppe strebt hastigen Schritts dem Ausgang zu. »Und wann besichtigen wir endlich Palenque?« nörgelt jemand mit näselnder Stimme. Genervt antwortet der Guide: »Wir sind hier in Palenque ...« Nach kurzer Pause ist wieder der unzufriedene Reisende zu hören: »Aha. Und morgen fliegen wir dann endlich nach Mexiko?« Der gestresste Guide antwortet: »Nein. Wir sind seit einer Woche in Mexiko. Morgen fliegen wir nach Guatemala!«

Der Nörgler beschwert sich über das Reiseprogramm: »Und warum steht Lima nicht auf dem Programm, wenn wir dann schon mal in Guatemala sind?« Die Antwort des Guide höre ich kaum noch: »Weil Lima in Peru und nicht in Guatemala liegt. Peru gehört zu Südamerika, wir aber ...«

Es wird rasch dunkel in Palenque. Die Dämmerung bricht herein, die Touristen fahren ab. Und plötzlich melden sich die Brüllaffen zu Wort. Es kommt mir so vor, als würden sie miteinander kommunizieren. »Hier sind keine mehr von diesen kranken Nacktaffen!« - »Endlich! Es sind bemitleidenswerte Kreaturen!« - »Ja, schon! Aber hoffentlich ist ihr Fellausfall nicht ansteckend!« Ob wir einige dieser Vertreter der Familie alouatta caraya zu sehen bekommen?

Leise gehen wir in den rasch dichter werdenden Wald unweit des Tempels der Inschriften. Etwas raschelt über uns. Ein Männchen, erkennbar an der schwärzlichen Färbung, schwingt sich von Ast zu Ast. Sein kräftiger Schwanz dient als zusätzliches Greiforgan. Kaum dass der Bursche – etwa einen halben Meter groß – bemerkt, dass wir ihn beobachten, verharrt er in seiner Bewegung. Aus der Ferne machen sich einige seiner Artgenossen bemerkbar. »Unser« Affe beobachtet uns nur, dann klettert er gemächlich seinen Baum empor, bis er im Dunkel der Krone nicht mehr auszumachen ist.

Der Brüllaffe zieht sich zurück
Foto: Ingeborg Diekmann
Brüllaffen halten sich meist in Bäumen auf, wo sie in kleinen Gruppen von meist zehn bis zwanzig Tieren leben. Gelegentlich wagen sie sich bei der Nahrungssuche auf den Boden. Ihre »Kollegen«, die Nasenbären, leben am Rand von Wüsten ebenso wie im Urwald. Auch wenn sie mit sprichwörtlicher affenartiger Geschwindigkeit Bäume erklimmen können, so gehören sie doch zur Gattung der procyonidae, der Kleinbären.

Man trifft sie in Scharen in den Ruinen von Tikal, Honduras, an ... wo sie sich an uns Touristen gewöhnt haben. So possierlich die kleinen Tierchen auch sind ... Vorsicht ist vor ihren scharfen Klauen geboten. Irgendwann haben Nasenbären in Tikal erkannt, dass diese seltsamen Menschen nicht nur steinerne Ruinen bestaunen, sondern auch ein Herz für Nasenbären haben. Wenn wir Menschen unserer Meinung nach genug zwischen Ruinen herumgewandert sind und alle erreichbaren Pyramiden erklommen haben ... dann wird Rast gemacht. Mensch setzt sich dann in den Schatten eines Baumes und verzehrt mitgebrachte Lunchpakete. Örtliche Kleinstunternehmer bieten koffeinhaltige Brause an, die von uns Besuchern aus der Fremde gern erworben und getrunken wird.

Ich rieche Cola ...
Foto: W-J.Langbein
Vor Jahren nun, so wird erzählt, saß ein Amerikaner bei Sandwich und Cola, als sich ihm ein Nasenbär näherte. Der Amerikaner soll aufgesprungen und in Panik ausgerissen sein. Dabei, so heißt es, sei seine Cola-Flasche umgefallen und ausgelaufen. Der ob seiner Wirkung auf den ängstlichen Mann aus den Staaten nicht sonderlich beeindruckte Nasenbär schnüffelte seine Beute ab ... das Sandwich und das auslaufende Cola. Genüsslich schlabberte das possierliche Tierchen die braune Flüssigkeit. Das wiederum beobachteten weitere Nasenbären ... und schon soll es zu einem Streit um das verschüttete Cola gekommen sein.

Das wiederum soll den Amerikaner geradezu gerührt haben. Wie schön, dass diese kleinen Tierchen das amerikanische Nationalgetränk so zu schätzen wussten. Vorsichtig näherte er sich wieder seinem Rastplatz, holte aus seinem Rucksack mehrere Colaflaschen heraus und spendierte das süße Getränk der immer größer werdenden Nasenbärenhorde.

Ob diese Überlieferung der Wahrheit entspricht, das weiß ich nicht. Ich konnte mich aber davon überzeugen, dass die Nasenbären in den Ruinen von Tikal geradezu süchtig sind auf Cola. Die Kleinstunternehmer vor Ort können gar nicht schnell genug Cola heranschaffen, so wie es ihnen von den Besuchern förmlich aus den Händen gerissen wird.

Her mit dem Cola!
Foto: W-J.Langbein
Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass bei meinem Besuch die Nasenbären von Tikal ausschließlich Pepsi angeboten bekamen ... und genüsslich konsumierten. Einen Vergleichstest mit Coca Cola konnte ich leider nicht durchführen.

Und wir Besucher freuen uns riesig darüber, wie sich die Nasenbären in großer Zahl nähern und genüsslich besagtes Getränk gleich aus der dargereichten Flasche trinken. Auf diese Weise fördern sie ganz erheblich den Umsatz der örtlichen Kleinstunternehmer.

Ich habe es selbst erlebt: Wasser, Fruchtsaft und Brause wurde von den Nasenbären empört abgelehnt, Cola aber begierig getrunken. Es kam gelegentlich zu Zweikämpfen, wenn nicht rasch genug Flaschen geöffnet wurden. Unser Guide erklärte uns, es sei das Coca in der Cola, was die Nasenbären so verrückt nach der braunen Brause machen würde.

Na endlich!
Foto: Ingeborg Diekmann
Von Brüllaffen über Nasenbären ... zu leibhaftigen Drachen! Von Mexiko über Guatemala nach Copan (Honduras). In den faszinierenden Ruinen von Copan fielen mir zwischen kunstvollen Stelen in Stein gehauene ... Drachen auf! Diese kuriosen Darstellungen werden meist von Besuchern übersehen, die nach Pyramiden Ausschau halten. Und doch gibt es sie, die kleinen Skulpturen dieser uns Europäern nur noch aus Märchen bekannten Wesen. Glotzäugig starren sie offenbar ihre Beute an, die sie wohl gleich mit brachialer Gewalt zerreißen und dann gierig verschlingen wollen.

Wer oder was aber stand der Maya-Künstlern Modell ... Drachen etwa? Das scheint mir unwahrscheinlich zu sein! Welches Drachenmonster harrt denn schon geduldig aus, bis es von einem Künstler als Zeichnung oder gar als Skulptur verewigt worden ist? Vor allem: Welcher Künstler begibt sich freiwillig in die Gefahr, bei Ausübung seines Berufs einem Monster zum Opfer zu fallen?

Drachen aus Stein - Fotos: W-J.Langbein
Des Rätsels Lösung ... Die Drachen hat es wirklich gegeben! Sie wurden von Maya-Künstlern tatsächlich porträtiert. Es waren aber keine Kreaturen von Riesendinosaurierwuchs, sondern wesentlich kleinere Tiere! Ich bin davon überzeugt, dass es sich bei den »Drachen« um Leguane handelte. Der Leguan spielt in der Mythologie der Mayas eine wesentliche Rolle!

Der Kosmos der Mayas hatte drei Ebenen: Die unterste Ebene war die Unterwelt, bestehend aus neun »Etagen«. Hier soll es einst zu einem wahrhaft höllischen Ballspiel gekommen sein. Das Wurzelwerk des Ceiba-Baums steht für dieses unterirdische Reich. Die mittlere Welt wird von uns Menschen und den Tieren und Pflanzen bevölkert. Der mächtige Stamm des Ceiba-Baumes wird in der Maya-Kosmologie mit unserem Lebensraum verglichen.

Der Himmel schließlich, der von den mächtigen Ästen des Ceiba-Baumes getragen wird, ist viel mehr als nur der hohe Luftraum über unseren Köpfen. Dort hausen und herrschen Götter wie Kukulcán alias Quetzalcoatl, Herr der Winde, aber auch der Medizin. Für die Medizin war auch Mondgöttin Ix-Chel zuständig, eine alte Fruchtbarkeitsgöttin. Zugleich war sie die himmlische Repräsentantin der Webkunst.

Ein grüner Leguan in Copan
Foto: W-J.Langbein
Auch Chac war im Himmel angesiedelt. Auch er war ein Gott der Fruchtbarkeit, spendete dem Land den lebenswichtigen Regen. Er schleuderte aber – wie Thor – Blitze vom Firmament.

Itzamná, männlicher Partner der Mondgöttin Ix-Chel, muss von den Mayas als ein besonders hoch stehender Gott angesehen worden sein. Itzamná trug auch den Namen »Leguan-Haus«. Verwundert es da, wenn die Mayas in Copan Leguane in Stein verewigten?

Anmerkung des Verfassers: Anlässlich des für den 21. Dezember 2012 prophezeiten Weltuntergangs wird sich Folge 153 mit dieser Thematik auseinandersetzen – am 23.12. 2012. Sollte die Welt allerdings tatsächlich bereits am 21. Dezember 2012 untergehen, wird Teil 153 meiner Serie nicht mehr erscheinen. Ich bitte um Verständnis! Für den Fall der Apokalypse verabschiede ich mich dann bei allen Leserinnen und Lesern. Sollte – wie so oft geschehen – der Weltuntergang wieder ausbleiben ... dann wird meine Serie am 23.12.2012 fortgesetzt!

»21.12.2012«,
Teil 153 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.12.2012


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Sonntag, 21. Oktober 2012

144 »Das geheimnisvolle Tor von Labná«

Teil 144 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Labná von Frederick Catherwood
Archiv: W-J.Langbein
Es waren zwei Abenteurer, die anno 1842 die Ruinen von Labná entdeckten: John Lloyd Stephens (1805-1852) und Frederick Catherwood (1799-1854). Stephens war eigentlich Diplomat und Anwalt ... und von Reisen in ferne Länder begeistert. Catherwood war Architekt von Beruf ... und zeichnete mit großem Enthusiasmus. Seine Zeichnungen und Gemälde führten vor rund 150 Jahren zu einer bald weltweit grassierenden Begeisterung für die alte Kultur der Mayas. Man kann sie wie ein Buch lesen, wie einen Reisebericht ohne Worte.

Frederick Catherwood und John Lloyd Stephens legten den Grundstein der wissenschaftlichen Mayaforschung ... Die beiden Laien machten vor rund eineinhalb Jahrhunderten Entdeckungen, die auch heute von der Wissenschaft noch lange nicht erforscht und verstanden werden.

Labná, im heutigen Yucatán, Mexiko, gelegen, lässt sich mit »altes Haus« übersetzen. Vermutlich bekamen die altehrwürdigen Ruinen diesen Namen erst im 19. Jahrhundert. Wie die Stadt einst hieß ... wir wissen es nicht. Schon um 300 n.Chr. (»Frühklassik«) war Labná besiedelt. Die einst stolzen großen Bauwerke sind, so heißt es, erst um 800 bis 1000 n.Chr. entstanden (»Spätklassik«). Ein eingraviertes Datum entspricht dem Jahr 862 n.Chr. Das Bauwerk kann aber möglicherweise älter sein. Das eingravierte Datum kann durchaus entstanden sein, als das Gebäude schon alt war.

Auferstanden aus Ruinen ...
Foto: Walter-J. Langbein
Wer Labná wann genau erbaut hat ... unbekannt. Es wurde bislang erst ein kleiner Teil der steinernen Gebäude rekonstruiert ... und das wiederum nur teilweise. Vermutet wird, warum auch immer, dass Labná zwar bedeutend, aber nicht selbständig war. Labná sei – lese ich in einem Reiseführer – die Dependance einer größeren, mächtigeren Stadt gewesen. »Die monumentale Architektur lässt ... darauf schließen, dass der Ort eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat, doch vermutlich unter der Herrschaft einer größeren Stadt stand.« (1)

Auch in Labná scheint die Rekonstruktion der alten Bauwerke in Etappen zu erfolgen. Sobald wieder finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, wird wieder etwas gearbeitet. Da ragt der sogenannte »Aussichtsturm« aus einem Schutthügel heraus. Die Bezeichnung »Aussichtsturm« ist willkürlich und falsch gewählt! Bei dem stark zerfallenen Bauwerk handelt es sich um eine steile Pyramide mit einem Tempel oben an der Spitze. Wie beim Turm zu Babel sollte der Tempel dem Himmel so nah wie möglich sein. Gottesdienste wurden hoch über den Normalsterblichen, dem Himmel so nah zelebriert.

Der »Aussichtsturm«
von Labná, Foto:
W-J.Langbein
Tempel in luftiger Höhe waren für Göttinnen und Götter eine Einladung: »Kommt vom Himmel herab! Wir haben euch ein Haus bereitet!« Der biblische Gott indes reagiert mit Zorn ... (2) ... und zerstörte wütend den legendären Turm zu Babel. Sein aggressiver Akt war gegen den heidnischen Kult der »heiligen Hochzeit« gerichtet, die im Tempel in luftiger Höhe zelebriert wurde. Die Pyramiden-Ruine von Labná erinnert mich ... an die Zerstörung von Babel! Allerdings ist der Zerfall in Labná auf den »Zahn der Zeit« zurückzuführen. So sollen am Dachaufsatz – Höhe vier Meter – einst riesenhafte menschliche Gestalten zu sehen gewesen sein. Sie sind fast vollständig verschwunden.

»Wenn ich nur wüsste, wie der ›palacio‹ zu rekonstruieren ist!« vertraute mir ein verzweifelter Archäologe bei einem meiner Besuche in Labná an. »Offensichtlich wurde der ›Palast‹ im Laufe der Zeit immer wieder umgebaut! Es ist sehr schwer zu erkennen, welcher Grundriss der ältere, welcher der neuere ist. Und dann stellt sich die Frage: Soll die Urform des palacio so weit wie möglich wieder hergestellt werden.... oder die letzte, neueste?«

Ein Palast nach unserem Verständnis war der »palacio« nie. Er war kein weltlicher, sondern ein sakraler Bau. Welchem Zweck die vielen Kammern dienten ... wir wissen es nicht. Ein Arbeiter verriet mir: »Die Bauaufsicht wechselt immer wieder. Und dann kann es sein, dass die Richtlinien für den Wiederaufbau ... geändert werden!«

Der »Palacio« von Labná
Foto: W-J.Langbein
Einig scheinen sich alle Archäologen zu sein, dass einstmals in dem großen Bauwerk der Regengott Chaak (Chac u.a. Schreibweisen kommen vor!) verehrt wurde. Es erhebt sich auf einer fast 170 Meter langen Plattform. Im unteren Stockwerk gab es einst vierzig Kammern. Auf einem steinernen Fries reihte sich eine Chaak-Maske an die andere. Auch von diesen sakralen Darstellungen ist kaum noch etwas zu erkennen.

Erstaunlich gut hat eine ungewöhnliche Chaak-Skulptur dem Zahn er Zeit widerstanden. Chaak wirkt hier nicht roboterhaft-kantig wie sonst. Er hat ein recht menschliches Gesicht ... und blickt aus dem weit aufgerissenen Maul einer Schlange. Eine ähnliche Darstellung hat auch das »Nonnenviereck« vom Uxmal aufzuweisen. Ein Reiseführer beschreibt den »Schlangenkopf« von Labná so (3): »Bemerkenswert ist eine ungewöhnliche Chac-Maske an der Südostecke des Gebäudes, der Außenecke von Kammer 18. Sie zeigt einen Menschenkopf, der aus dem aufgesperrten Rachen einer Schlange herausschaut: Eine Darstellung, die auch im ungleich berühmteren Nonnenviereck von Uxmal zu finden ist.«

Ich habe beide Chaaks fotografiert ... wenn es denn wirklich Chaaks sind. Gibt es doch eine ganz andere Interpretation des »Menschenkopfes im Schlangenmaul«. In der Ikonographie versucht man, bildliche Darstellungen zu interpretieren.

»Menschenkopf im Schlangenmaul« wird häufig als »visionärer Kontakt mit dem Jenseits« verstanden! Es sind nach dieser Deutung die Häupter von Verstorbenen, die aus dem Schlangenschlund schauen und sprechen.

Der Chaak von Labná (links),
der Chaak von Uxmal (rechts),
Fotos: W-J.Langbein
Im Zentrum von Labná steht – unweit des »Aussichtsturms« – ein imposanter Torbogen, der aber kein Tor ist. Wer ihn durchschreitet, gelangt nicht ein ein Gebäude, kommt nicht auf einen Platz. Der »Arco« ist kein Ein- oder Ausgang. Er ist ein eigenständiges Bauwerk. Ist der Bogen ein Denkmal, das zu Ehren eines triumphalen Siegers in einem vergessenen Krieg errichtet wurde? Oder hatte der »Arco« einst mythisch-religiöse Bedeutung: etwa als Verbindung zwischen den Welten des Diesseits und des Jenseits? In diesen Zusammenhang würde die Visionsschlange passen, aus deren Maul die Toten zu den Lebenden sprechen.

Linda Schele und David Freidel, zwei internationale Mayaexperten, erklären in ihrem fulminanten Opus »Die unbekannte Welt der Maya« (4): »Die Kommunikation zwischen Diesseits und Jenseits wurde in den tiefgründigsten Sinnbildern des Maya-Königtums symbolisiert: in der Visionsschlange und dem doppelköpfigen Schlangenstab.« Die Visionen wurden auf in wahrstem Sinne des Wortes blutigem Wege erreicht: Man nahm bei sich selbst einen kräftigen Aderlass vor, ließ das eigene Blut fließen und erlebte dann ... bei womöglich schwindenden Sinnen ... geheimnisvolle Bilder.

Linda Schele und David Freidel (5) sprechen von einem »Portal ins Jenseits«, das als »Rachen der Unterwelt in Gestalt einer bärtigen Riesenschlange mit skelettierten Riesenbacken« dargestellt werden kann. Ist da die Vermutung so abwegig, dass das imposante Tor – lichte Höhe der Toröffnung immerhin fünf Meter! – eben jenes mythologische Portal ins Jenseits darstellte? Wurde es von Auserwählten durchschritten, um ihre Visionen auszulösen? Man stelle sich vor: durch selbst beigefügte Verwundungen – Durchstechen der Zunge mit Pflöcken – floss das Blut in Strömen. Torkelten die Auserwählten mit schwindenden Sinnen durch das mächtige Tor? Wurden ihnen Visionen zuteil?

Das mysteriöse Tor von Labná.
Vorder- und Rückseite.
Fotos: W-J.Langbein.
Zeichnung von Catherwood.
Frederick Catherwood jedenfalls war vom Tor fasziniert. Seine Darstellung könnte aus unserer Zeit stammen, ist aber rund 170 Jahre alt!

Fußnoten


1 Mehling, Marianne (Herausgeberin): »Mittelamerika – Die Welt der Maya«, Lizenzausgabe, Augsburg 1998, S. 182
2 Das 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
3 Mehling, Marianne (Herausgeberin): »Mittelamerika – Die Welt der Maya«, Lizenzausgabe, Augsburg 1998, S. 182 unten und S. 183 oben
4 Schele, Linda und Freidel, David: »Die unbekannte Welt der Maya/ Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt«, Lizenzausgabe, Augsburg 1994, S. 57
5 ebenda





Literaturhinweise

Eine kleine Auswahl wichtiger Maya-Literatur
Adams, Richard: »The Origins of the Maya-Civilization«, Albuquerque, New Mexiko 1977
Benson, Elizabeth (Hrsg.): »City-states of the Maya«, Denver 1986
Coe, Michael: »Die Maya«, Bergisch-Gladbach 1977
Eggebrecht, Eva und Grube, Arne: »Die Welt der Maya«, Mainz 1992
Maler, Teobert: »Auf den Spuren der Maya«, Graz 1992
Wilhelmy, Herbert: »Welt und Umwelt der Maya«, München 1990

Buchtipp: 2012 - Endzeit und Neuanfang, von Walter-Jörg Langbein

»Von Rädern, Zahnrädern und Spielzeug«,
Teil 145 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.10.2012


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Sonntag, 23. September 2012

140 »Schildkröten, Schlangen und Ruinen«

1: Die Pyramide des Zauberers
Teil 140 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


US-Präsident George W. Bush
besichtigt Uxmal
Foto: Paul Morse - Weißes Haus
Vom Hotel »Misión Park Inn Uxmal« ist es nur ein Katzensprung zu den Ruinen von Uxmal. Hier haben, so erfahre ich, neben anderen Größen Königin Elizabeth und Prinz Philipp von England und Rainer von Monaco nebst Gattin logiert. In der »Queen Elizabeth Master Suite« darf auch der Normalsterbliche sein müdes Haupt betten ... muss aber in der Urlaubszeit mit etwa 1100 Dollar pro Nacht rechnen. Ob US-Präsident George W. Bush ebenfalls hier nächtigte, konnte ich nicht eruieren. Besichtigt hat das Staatsoberhaupt der USA Uxmal gemeinsam mit seinem mexikanischen Amtskollegen Felipe Calderon am 13. März 2007.

Sehr viel günstiger ist das »normale« Einzelzimmer ... selbst mit Whirlpool im Bad.
Der kleine Spaziergang vom Hotel zu den »Ruinas« tut nach einer nervigen Busfahrt gut. Schon vom Hotel aus sieht man die »magische« Pyramide. Am Abend scheint sie von innen heraus zu glimmen ...

Die Atmosphäre ist exotisch-idyllisch ... »Urwald« pur, aber parkanlagenhaft, bequem zu durchschlendern. Man schreitet heute sozusagen durch ein fremdartiges Paradies, während sich die ersten Besucher vor Jahrhunderten durch eine lebensbedrohliche Hölle quälen mussten. Die frühen Entdecker und Erforscher waren oftmals begeisterte Laien, die unter Einsatz ihres Lebens die Maya-Welten erkunden wollten. Sie waren unsäglichen hygienischen Bedingungen ausgesetzt, wurden von Krankheitserregern attackiert und hatten Angst vor den Nachkommen der einst so stolzen Mayas. Für sie gab es keine bequemen Wege zu den Ruinen. Sie mussten sich Meter für Meter durch den gefährlichen, oft lebensbedrohlichen Urwald kämpfen.

Aufgang zum Götterschlund
Foto W-J.Langbein
Unterstützung von amtlicher Seite wurde ihnen allenfalls ideelle zuteil. Finanzieren mussten die ersten Entdecker ihre Exkursionen am Ende der Welt selbst. Anerkennung konnten sie nicht erwarten ... 1996 wurde Uxmal von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Und das mit Recht. Ich persönlich ziehe die mysteriöse Welt von Uxmal selbst dem grandiosen Komplex von Chichen Itza vor. Uxmal, im südwestlichen Teil von Yucatán gelegen, bietet noch viele ungelöste Rätsel und Geheimnisse.

Betritt man die archäologische Anlage von Uxmal, so fällt sofort ein eigenartiges Gebäude auf: die »Pyramide des Zauberers« genannt, auch »Pyramide des Wahrsagers« oder »Pyramide des Magiers« und »Pyramide des Zwerges« tituliert. Ihr Grundriss ist nicht quadratisch, wie man das weltweit von Ägypten bis Peru von einer »anständigen« Pyramide erwartet, sondern elipsenförmig.
Sie ragt – die Angaben dazu variieren um einige Meter – fast vierzig Meter in den Himmel. Der Mythologie nach entstand sie in einer einzigen Nacht. Ein unheimlicher Zwerg soll sie, zusammen mit seiner Großmutter, einer Hexe, mit magischen Mitteln errichtet haben. Und man sieht ihr immer noch an, dass Jahrhunderte lang an ihr herumgebaut wurde.

Die »Pyramide des Zauberers«
Foto: W-J.Langbein
In einer einzigen Nacht wurde die seltsame Pyramide ganz sicher nicht gebaut. Man kann sie am ehesten mit einer steinernen Zwiebel vergleichen. Im Verlauf vieler Jahrhunderte wurde Schicht auf Schicht aufgetürmt, wurde ein Tempel über den anderen gestülpt.

Mit anderen Worten: die Pyramide wurde mehrfach gebaut, in der Wissenschaft geht man von fünf Mal aus. »Uxmal« deutet auf wiederholtes Aufbauen hin. Lässt sich doch der Name mit »die drei Mal errichtet wurde« übersetzen! Zum sechsten Mal wird der Uxmal-Komplex seit Jahrzehnten gebaut ... von Archäologen, die in mühsamer Kleinarbeit aus Ruinen und Schutthaufen ansehnliche Gebäude entstehen lassen.

Ruinen von Uxmal
Foto: W-J.Langbein
Bei meinem ersten Besuch in Uxmal hatten findige Arbeiter der Pyramide so etwas wie einen »Baulift« aufgesetzt. So mussten sie die Materialien für die Restaurierung nicht mühsam über die extrem steile Treppe in die Höhe schleppen. Wie von Zauberhand bewegt wanderten so Eimer ruckelnd und zuckelnd bis zur Pyramidenspitze. Ein junger Archäologiestudent erklärte mir: »Von manchem Gebäude finden sich nur noch einige Steine. Baupläne liegen uns keine vor. Wenn wir nur ein Buch lesen könnten, das uns die Architekten von Uxmal hinterlassen haben. Aber so ein Buch wurde bislang nicht gefunden!«

Nach einigem Nachfragen gibt der junge Mann zu: Fantasievoll ist so manche »Rekonstruktion«. So soll die Außenwand der Pyramide des Zauberers nicht so glatt gewesen sein, wie sie heute ist. Angeblich bestand sie einst aus roh zugeschlagenen Steinbrocken. Das heutige, für unsere Augen ansehnlichere Äußere ... ist das Werk der modernen Archäologie.

Auferstanden
aus Ruinen ...
Foto: W-J.Langbein
Noch ist erst ein kleiner Teil von Uxmal neu entstanden. So manche Ruine wartet darauf, wieder zu einem ansehnlichen Gebäude gemacht zu werden. Die Rekonstruktionen erfolgen etappenweise, je nach finanzieller Lage ... Lokalpolitische Empfindsamkeiten, so ergaben meine Recherchen vor Ort, erschweren die wissenschaftliche Arbeit an den Ruinen. Auf keinen Fall darf der Eindruck entstehen, dass man ausländische Unterstützung besonders finanzieller Art annehmen muss.
»Mein« Student raunte mir zu: »Je gründlicher wir uns mit diesem Bauwerk beschäftigen, desto früher müssen wir die Urpyramide datieren.«

Zunächst hatte die »Pyramide des Zauberers« als »junges Gebäude« gegolten ... errichtet im 10. Jahrhundert! Nun muss man davon ausgehen, dass der innerste Pyramidenkern bereits ein halbes Jahrtausend früher entstand. Fünf aufeinander folgende Bauetappen hat es gegeben. Viermal wurde über die Urpyramide eine weitere übergestülpt. Fünf Bauherrn waren tätig. Für sie alle muss der Standort der Pyramide von besonderer Heiligkeit gewesen sein.

Eingang zu »Tempel IV«
Foto: HJPD
Die fünf Pyramiden sind ineinander verschachtelt ... und doch wurde jedes Mal die Ausrichtung des sakralen Bauwerks verändert, als habe es immer wieder Änderungen im religiös-mythologischen Weltbild gegeben. Da die einzelnen Pyramiden jeweils die älteren in sich aufnahmen, fällt den Archäologen ihre Arbeit schwer. »Eigentlich müsste man die Pyramide Schicht für Schicht abtragen, um exakt erkennen zu können, wie sie zu Zeiten der einzelnen Bauphasen ausgesehen hat.«

Tempel IV betritt man durch das gewaltige Maul eines Gottes. Es ist Gott Chac, dessen furchteinflößende Maske die Fassade des Tempels ziert. Durch diesen göttlichen Schlund betrat einst der Gläubige das Allerheiligste, nachdem er andächtig die steile Treppe erklommen hatte.

Für mich gibt es keinen Zweifel: die »Pyramide des Zauberers« war einst ein sakraler Ort für religiöse Riten. Ich vermute: Hier wurden Einweihungen in einen göttlichen Kult zelebriert. Der Adept musste erst spirituell »sterben«, von Gott Chac verschlungen werden.

Teil des Komplexes von Uxmal
Foto: W-J.Langbein
Erst dann konnte – durfte – er in das Innere der Pyramide vordringen ... ins Totenreich. Erst danach – nach Durchleben geheimer Zeremonien – war es ihm möglich, in ein neues Leben zurückkehren. Nach drei Jahrzehnten des Erforschens uralter Kultbauten auf unserem Planeten sehe ich die großen Heiligtümer als »Tempel« uralter Glaubensvorstellungen von Leben, Sterben und Wiedergeburt an!

Fakt ist: Typisch Maya ist die Pyramide des Zauberers nicht. Sie unterscheidet sich durch ihre Gestalt von allen anderen echten Mayabauwerken der sakralen Art. Gab es in Uxmal auch einen Kult, der nicht der bekannten Maya-Ära zugeordnet werden kann?



»Der Gott mit dem Rüssel«,
Schildkröten, Schlangen und Ruinen 2
Teil 141 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30.09.2012


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