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Samstag, 25. Juli 2020

Gute Reise, Inge!

Nachruf »Ingeborg Diekmann«...

Ingeborg Diekmann
(*16.11.1928; †22.07.2020)
Foto: Ingeborg Diekmann
in der Atacamawüste
im Norden Chiles.

Sonntag, 19. Juli 2020: Wie jeden Sonntag seit Jahrzehnten rufe ich Ingeborg in Bremen an. Wir plaudern über dies und das. Wir kommen auf unsere Reisen zu den geheimnisvollsten Stätten unserer Erde zu sprechen. Inge hat die Welt bereist. Sie war auf allen meinen Reisen dabei, die ich für kleine Gruppen organisiert habe. Wann wir uns wohl wiedersehen, fragt Inge. Beim nächsten Seminar in Bremen, Anfang März 2021 vielleicht? Bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg, die wir schon manches Mal gemeinsam besucht haben? Hoffentlich gibt es 2021 wieder Karl-May life in Bad Segeberg. 2020 fallen die Festspiele Corona zum Opfer.

Ingeborg Diekmann in der Stadt der
»Wolkenmenschen« (Kuelap, Peru)
Inge hat meinen Sonntagsblog von Nummer 1 an gelesen. Sie fragt, wann ich ihr denn die nächste Folge schicken werde. Am Mittwoch, verspreche ich ihr. Inge freut sich sehr.

Mittwoch, 22.Juli 2020: Ich drucke Folge Nr. 549, wie immer doppelt, für Inge aus. Damit sie’s besser lesen kann in Schriftgröße 16. Der Briefträger nimmt meinen Brief für Inge mit. Folge 549 geht auf die Reise. Er wird wohl am Donnerstag oder Freitag ankommen. Dann wird mich Inge anrufen und wir werden über den Artikel sprechen.

Ingeborg Diekmann in einer der Höhlen der Osterinsel.
Eine weitere Folge entsteht: Nr. 565.. »Das Wüten des Golems«. Schließich ist der Text fertig. Ich speichere ihn mit den »eingebauten« Fotos ab. »Das Wüten des Golems« wird am Sonntag, den 15. November 2020 in meinem Sonntagsblog erscheinen.

Zur Kontrolle schaue ich mir an, wie der Beitrag aussehen wird. »Kann man so lassen!«… denke ich. Da klingelt das Telefon. Es ist Inges »Seniorenwohnpark«. Inge lebt dort. Man teilt mir mit: Inge ist gerade gestorben. Sie ist, versichert man mir, »friedlich eingeschlafen«… auf einem Stuhl in ihrer Wohnung sitzend, leicht nach vorn geneigt.

Ein Krankenlager, ein Leben auf der Pflegestation… das ist ihr erspart geblieben. Vor langsamem Siechtum hatte sie Angst. Das Schicksal hat es gut mit ihr gemeint. Leid zum Lebensende hat sie nicht heimgesucht. Still und leise ist sie gegangen. Ohne Schmerz.

Inge fotografiert
im Hinterhof von »Santo Domingo«
(Peru)
Ingeborg Diekmann, seit Jahrzehnten Mitglied der AAS, bereiste die Welt auf den Spuren der Astronautengötter: von Ägypten bis Vanuatu. Sie erkundete die Ruinen von Nan Madol (Mikronesien) und nahm am Jahresfest des John-Frum-Kults (Tanna) teil. Inge Diekmann ist am 22.7.2020 im 92. Lebensjahr sanft entschlafen.

Inge hat ihre letzte Reise, die größte und vielleicht doch kürzeste, angetreten, als ich Blog-Folge 565 abgeschlossen hatte. Nr. 565 wird am Sonntag, den 15. November 2020 erscheinen, einen Tag vor Inges 92. Geburtstag.

Ingeborg Diekmann wartet darauf, dass die
Tür zum Gepäckraum abgenommen wird, damit sie
aus luftiger Höhe ungehindert fotografieren kann...

Inge war zeitlebens aktiv und wissbegierig. Sie liebte es zu reisen und zu fotografieren. Die großen Rätsel unseres Planeten faszinierten sie, so wie mich. Das war die Basis unserer Freundschaft, die vor 40 Jahren ihren Anfang nahm. Wir waren immer wieder gemeinsam unterwegs, zuletzt in der Südsee. Wir erkundeten zum Beispiel die mysteriösen Ruinen von Nan Madol auf den künstlichen Inseln vor Temwen Island, einer Nebeninsel von Pohnpei im Archipel der Karolinen (politisch Föderierte Staaten von Mikronesien). Wir überflogen das Eiland in einer gecharterten Propellermaschine. Inge saß im »Gepäckraum« des kleinen Flugzeugs. Die Tür war abmontiert worden, so dass Inge aus luftiger Höhe ungehindert fotografieren konnte. Mutig war sie immer, die Inge.

Nan Madol aus der Luft.
Foto: Ingeborg Diekmann

Und nun hat Inge, um es poetisch auszudrücken, ihre »letzte Reise« angetreten. Oder ist es die erste »richtige Reise«, gar nicht zu vergleichen mit Reisen auf unserem kleinen Planeten? Ist sie unterwegs zu Orten, die man von keinem regulären Flugplatz aus erreichen kann? Wenn ja, dann wird sie alles spannend finden.

Walter-Jörg Langbein in den Ruinen
von Nan Madol.
Foto Ingeborg Diekmann.
Gute Reise, Inge! Und, wer weiß, vielleicht bis irgendwann irgendwo…. 

Ingeborg Diekmann bei der Jahresfeier des John-Frum-Kults.
(Die weißhaarige Dame im Hintergrund ist Inge.)



Inge in Copan (Honduras)

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Sonntag, 15. März 2020

530. »Rebellion der Himmelssöhne«

Teil 530 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Ruinenstadt Nan Madol aus der Luft.

»Pohnpei«, auch als »Ponape« bekannt, gehört zur Inselgruppe der Karolinen. Touristen verirren sich nur selten in diese weit abgelegene Region der Südsee. Man muss sprichwörtlich um unseren Planeten reisen und sieht am Ziel »nur« Ruinen und keine Spur von Südseeromantik. Manche kommen, um im glasklaren Wasser zu tauchen. Erstaunt stellen sie dann fest, dass es eine echte archäologische Sensation gibt. Auf künstlichen Inseln wurden gigantische Bauten errichtet. Aus gewaltigen Steinsäulen wurden meterdicke Mauern aufgetürmt, die keinen erkennbaren Sinn ergeben.

Warum wurde in der fernen Südsee so gigantisch gebaut? Warum setzte man unvorstellbare Mengen an massivem Stein ein? Warum schichtete man kolossale Steinsäulen im »Blockhüttenstil« aufeinander? Warum machte man sich unendliche Mühen mit tonnenschwerem Stein, statt das viel einfacher zu bearbeitende, leichter zu transportierende und im Übermaß vorhandene Holz zu nutzen?

Von Pohnpeis Hauptstadt Kolonia (Einwohnerzahl: etwa 6.100/ Stand Frühjahr 2020) aus war ich mit einigen Freunden im Motorboot Richtung »Nan Madol«-Ruinen unterwegs. Plötzlich tauchte ein Delphin auf, der uns einige Minuten lang in gleichbleibendem Abstand verfolgte. Guide Lihp Spegal holte das Letzte aus dem Motor heraus und beschleunigte die Fahrt unseres Bootes. Das beeindruckte den Delphin offensichtlich überhaupt nicht. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit holte er auf und begleitete uns in geringem Abstand. Er schwamm neben unserem Boot, vollführte dabei immer wieder beachtliche Sprünge. Bald wurde es dem Tier wohl zu langweilig. Der Delphin überholte uns, wurde immer schneller, beschleunigte weiter und war nach kurzer Zeit aus unserem Gesichtsfeld verschwunden. Minuten später tauchte er wieder neben unserem Boot auf, schwamm wieder mit erstaunlicher Geschwindigkeit neben uns her und verschwand dann wieder.

Foto 2: Mythos Delphin im Westwerk von »Kloster Corvey«.

Lihp Segal erzählte uns auf der Fahrt zu den mysteriösen Ruinen einige abenteuerlich anmutende Geschichten, von Delphinen, die Schiffbrüchige gegen angreifende Haie verteidigt hätten. Einheimische Fischer seien bei Sturm gekentert und sofort von Haien attackiert worden. Delphine hätten nun die Haie angegriffen und vertrieben. Mancher schiffbrüchige Seemann sei vor dem Ertrinken durch Delphine bewahrt und ans ferne rettende Ufer gezogen worden. Unser Guide beteuerte, das alles sei wirklich geschehen.

Auf der weiteren Fahrt zu den mysteriösen Ruinen von Nan Madol berichtete ich von Göttin Demeter. Ich war froh, auch etwas zur spannenden Unterhaltung beitragen zu können. In der griechischen Mythologie, so führte ich aus, tauchen Delphine als Tiere dieser mächtigen Göttin auf.  Sehr interessiert hörte Lihp Segal zu, als ich  die Sage von Sonnengott Apollon wiedergab. Der wurde angeblich auf einer Insel mitten im Meer geboren und schließlich von einem Delphin ans Festland gebracht. Zum Sternbild »befördert« wurde der Delphin zur Belohnung für die tatkräftige Unterstützung von Gott Poseidon. Dank des Delphins hat die Meeresnymphe Amphitrite den verliebten Gott erhört.

In der Kunst des »Alten Griechenlands« gibt es viele Darstellungen der Nereiden, die auf dem Rücken von Delphinen reiten. Im Westwerk des einstigen Klosters zu Corvey wurde vor vielen Jahrhunderten ein Delphin in einer Wandmalerei verewigt, auf dem eine Person unbestimmbaren Geschlechts reitet. Warum verewigte man ein heidnisches Motiv in einem christlichen Gotteshaus? Weil die heidnische Legende von der christlichen Glaubensgemeinschaft übernommen wurde. Nur war es jetzt Christus, der Retter der Seelen, den man in den heidnischen Delphinen zu erkennen glaubte. Offensichtlich halten sich religiöse Symbol sehr viel hartnäckiger als die Anhänger verschiedener Religionen glauben möchten. In »neuen« Religionen leben »alte« Glaubensbilder weiter. Sie werden nur mehr oder minder unverändert integriert.

Foto 3: Percy John Wisemans
Werk im Original.
Bereits im Jahr 1936 erschien das Buch (1) »New Discoveries in Babylonia about Genesis« von Percy John Wiseman, einem biblischen Offizier und Amateurarchäologen. Eine Übersetzung ins Deutsche folgte 1957 (2): »Die Entstehung der Genesis: Das erste Buch der Bibel im Licht der archäologischen Forschung«. Das Buch stieß auf ein gewisses Interesse, so dass einige weitere Auflagen folgten (3). In der theologischen Welt hüllte man sich allerdings weitestgehend in Schweigen. Air Commodore Wiseman war fasziniert von der Flut von archäologischen Entdeckungen in Mesopotamien. Tausende und Abertausende von Tontafeln in Keilschrift sind damals ausgegraben worden. Bienenfleißige Übersetzer übertrugen die teilweise mysteriösen Texte in moderne Sprachen. Wiseman konzentrierte sich auf die Art und Weise, wie einige der gebackenen Tontafeln strukturiert waren. Viele wiesen eine Besonderheit auf. Nach einem Textabschnitt folgte wieder ein sogenanntes »Kolophon«. Da stand dann formelhaft beispielsweise wer eine Tafel zu welchem Zweck geschrieben hat. Oder es wurde angemerkt, dass der Textabschnitt auf Befehl eines bestimmten Königs kopiert worden ist. Häufig wurde einem Textabschnitt eine Überschrift vorangestellt, die am Ende des Textabschnitts wiederholt wurde.

Viele Keilschrifttafeln trugen einen in sich abgeschlossenen Text. Viele Keilschrifttafeln bildeten aber so etwas wie ein fortlaufendes »Buch«. Wenn so eine Keilschrifttafel Teil einer Serie war, dann wurden häufig am Anfang und am Ende in einem »Kolofon« Verknüpfungsinformationen hinzugefügt. So sollte gewährleistet sein, dass die Keilschrifttafeln in einer ganz bestimmten Reihenfolge gelesen wurden.

Foto 4: Percy John Wisemans
Buch in deutscher Übersetzung.
Percy John Wiseman machte nun eine erstaunliche Entdeckung. Das Phänomen der »Kolofone« war nicht nur typisch für mesopotamische Keilschrifttafeln. Es tauchte in identischer Weise im biblischen Buch »Genesis«, im »Ersten Buch Mose«, auf. Am Ende seiner detektivischen Fleißarbeit schlussfolgerte Wiseman, dass das biblische Buch Genesis »ursprünglich in ganz alter Schrift auf Tontäfelchen niedergeschrieben wurde«. Mit anderen Worten: Das »Erste Buch Mose« ist zumindest in Teilen uralt, die von Keilschrifttafeln übernommen und kopiert wurden.

Wiseman (4): »Das Vorkommen babylonischer Wörter in den ersten elf Kapiteln der Genesis weist darauf hin, daß diese Kapitel in sehr früher Zeit im babylonischen Lebensraum entstanden sind.«
Theologen beschäftigen sich im Fachbereich »Altest Testament« in der Regel auch heute noch nur mit den Texten des »Alten Testaments«. Ihnen fällt dann natürlich nicht auf, was Percy John Wiseman bereits in den 1930er Jahren entdeckt hat. Und Keilschriftexperten setzen sich in der Regel nur mit Keilschriften aus Babylon auseinander und nicht mit den Texten des »Alten Testaments«. Ihnen kann also auch nicht auffallen, dass das Buch Genesis ganz nach babylonischer Art geschrieben wurde. Es ist mehr denn überfällig, dass es zu interdisziplinärer Arbeit kommt, etwa zwischen Experten »Altes Testament« und Experten »Babylonische Keilschrifttafeln«. Vielleicht müssen dann bis heute als gültig angesehene Lehrmeinungen über die Entstehung des »Alten Testaments« gründlich revidiert werden! Davor schreckt die überwältigende Mehrheit der Theologen zurück.

Wenn Theologie wissenschaftlich arbeiten will, dann dürfen Theologen nicht an dem manchmal recht engen Horizont ihres Denkens halt machen. Es müssen dann Zusammenhänge zwischen biblischem und außerbiblischem Schrifttum erforscht werden. Beispiel: die mysteriösen Riesen, die kurz und bündig im »Ersten Buch Mose« erwähnt werden. Zur Erinnerung: Nach »Genesis« (5) paarten sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern, woraus dann die Riesen entstanden, die »hochgerühmten«.

Die ausführlichste Beschreibung über die Entstehung der Riesen außerhalb der Bibel ist im Buch »Henoch« nachzulesen. Meine Quelle (6): »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments« von Emil Kautzsch.

Unter der Überschrift »Der Fall der Engel, ihre vorläufige und endgültige Bestrafung« lesen wir in »Das Buch Henoch«(7): »Nachdem die Menschenkinder sich gemehrt hatten, wurden ihnen in jenen Tagen schöne und liebliche Töchter geboren. Als aber die Engel, die Himmelssöhne, sie sahen, gelüstete es sie nach ihnen und sie sprachen untereinander: ›Wohlan, wir wollen uns Weiber unter den Menschentöchtern wählen und uns Kinder zeugen.‹« Auch in Rießlers Textsammlung (8) »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler« wird das »Henochbuch« (9) geboten. Rießlers Übersetzung leicht marginal von der bei Kautzsch ab (10): »Als sich die Menschenkinder vermehrten, wurden ihnen damals schöne und liebliche Töchter geboren. Als die Engel, die Himmelssöhne, sie erblickten, gelüstete es sie nach ihnen, und sie sprachen untereinander: ›Wir wollen uns Weiber aus den Menschenkindern wählen und uns Kinder erzeugen!‹«

Foto 5: Sturz der Engel,
Peter Paul Rubens, um 1521
In den himmlischen Gefilden ging es offensichtlich alles andere als harmonisch zu. Da gab es offenbar Intrigen und Verschwörungen. Offenbar war es den Himmelssöhnen nicht gestattet, sich mit den Menschentöchtern zu paaren. Genau das aber taten einige. Ihr Anführer hatten Angst, am Schluss als Alleinschuldiger für die Rebellion bestraft zu werden. Der Anführer der rebellischen Himmlischen (»Engel, Himmelssöhne«) hatte offensichtlich Bedenken. Er befürchtete wohl, dass er sich nicht so recht auf seine Gefolgsleute verlassen konnte (11):

»Semjasa aber, ihr Oberster, sprach zu ihnen: ›lch fürchte, ihr werdet wohl diese Tat nicht ausführen wollen, so dass ich alleine eine große Sünde zu büßen haben werde.‹ Da antworteten ihm alle und sprachen: ›Wir wollen alle einen Eid schwören und durch Verwünschungen uns untereinander verpflichten, diesen Plan nicht aufzugeben, sondern dieses beabsichtigte Werk auszuführen.‹ Da schworen alle zusammen und verpflichteten sich untereinander durch Verwünschungen. Es waren ihrer im ganzen 200, die in den Tagen Jareds auf den Gipfel des Berges Hermon herabstiegen. Sie nannten aber den Berg Hermon, weil sie auf ihm geschworen und durch Verwünschungen sich untereinander verpflichtet hatten.«

Eine Mannschaft von 200 »Himmlischen« widersetzte sich in überirdischen Gefilden, ja wem? Gott? Gab es einen Aufstand, eine Rebellion? Diese Vorstellung passt nicht so recht zum Verhältnis zwischen Himmlischen (Engeln/ Gottessöhnen) und Gott. Wie dem auch sei, die Rebellen vereinbarten in einer geheimen, trotzigen Absprache, das Verbot zu brechen und die Konsequenzen gemeinsam zu tragen. Überliefert sind nur die Namen des obersten Anführers und von im Rang niedriger stehenden Anführern der himmlischen Rebellion (12):

»Dies sind die Namen ihrer Anführer: Semjasa, ihr Oberster, Arakib, Arameel, Akibeel, Tamiel, Ramuel, Danel, Ezequel, Saraqujal, Asael, Armers, Batraal, Anani, Zaquebe, Samsaveel, Sartael, Turel, Jomael, Arasjal. Diese und alle übrigen nahmen sich Weiber, jeder von ihnen wählte sich eine aus, und sie begannen zu ihnen hineinzugehen und sich an ihnen zu verunreinigen. Sie lehrten sie Zaubermittel, Beschwörungsformeln und das Schneiden von Wurzeln und offenbarten ihnen die heilkräftigen Pflanzen. Sie wurden aber schwanger und gebaren 3.000 Ellen lange Riesen.«

Das Henoch-Zitat belegt, dass die »Himmelssöhne« für die Menschen zu Lehrmeistern wurden. Sie unterrichteten die Menschen. Sie brachten ihnen offenbar verbotenes Wissen bei. Denken wir an den Baum der »Erkenntnis« im Paradies, der für Adam und Eva unter Androhung der Todesstrafe  tabu war (13): »Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.«

Völlig unglaubwürdig hingegen ist die Behauptung, die Riesen seien »3.000 Ellen lang« geworden. Auch wenn die biblische Elle nicht genau umrechenbar ist, weil es verschiedene Ellen gegeben zu haben scheint, so entsprächen 3.000 Ellen etwa 1,5 km! Hier muss wohl ein späterer Textbearbeiter erschrocken zwei Nullen hinzugefügt haben.

Fußnoten
(1) Wiseman, P(ercy) J(ohn): »New Discoveries in Babylonia about Genesis«, Marshall, Morgan & Scott, London 1936
(2) Wiseman, Percy John: »Die Entstehung der Genesis«, Verlag Sonne und Schild, Wuppertal, 1957
(3) Wiseman, Percy John: »Die Entstehung der Genesis«, Brockhaus, Wuppertal  1968, 2. Aufl. 3. Auflage 1971, 4. Auflage 1987, 5. Auflage 1989
(4) Wiseman, Percy John: »Die Entstehung der Genesis«, Brockhaus, Wuppertal  1968, 3. Auflage 1971, Seite 146, 10.-7. Zeile von unten
(5) 1. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 1-4
(6) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900
(7) Ebenda, Seite 238, Kapitel 6, Verse 1+2
(8) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928
(9) Ebenda, Seiten 355-473
(10) Ebenda, Seite 358
(11) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900. Seiten 238+239, Kapitel 6, Verse 3-6
(12) Ebenda, Seite 239, Kapitel 6, Vers 7 und Kapitel 7, Verse 1+2
(13) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Verse 16+17

Zu den Fotos
Foto 1: Die Ruinenstadt Nan Madol aus der Luft. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Mythos Delphin im Westwerk von »Kloster Corvey«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
(Zeichnerisch rekonstruiert und gespiegelt!)
Foto 3: Percy John Wisemans Werk im Original. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Percy John Wisemans Buch in deutscher Übersetzung. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sturz der Engel, Peter Paul Rubens, um 1521. gemeinfrei

531. »Nicht eines Menschen Atem«,
Teil 531 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. März 2020


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Sonntag, 24. November 2019

514. »Von Nan Madol bis Ugarit«

Teil 514 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Monstermauern haben mich schon immer fasziniert. Staunend stand ich vor so manchem Bauwerk der Superlative. Ein Beispiel: Die Ruinen von Nan Madol, deren Mauern auch heute noch bis in den Himmel zu ragen scheinen. Es ist erstaunlich, zu welch fantastischen Leistungen Menschen in der Lage waren! Weltweit, von der Südsee bis nach Indien, von Japan bis nach Peru, wurden vor ewigen Zeiten tonnenschwere Monstersteine zu gewaltigen Mauern aufgetürmt. Sie trotzten den Jahrhunderten, ja den Jahrtausenden. Manche hielten Erdbeben stand. Andere überdauerten Tsunamis. Monstermauern stehen noch, wenn von der Kultur ihrer Erbauer ansonsten schon lange nichts mehr zu finden ist.


Fotos 1-4: Einige der Monstermauern von Nan Madol.

Es kommt mir so vor, als hätten die zerstörerischen Kräfte längt den Kampf gegen diese Monstermauern aufgegeben.

Man sagt in Ägypten, dass sich der Mensch vor der Zeit fürchtet, die Zeit aber Angst vor der Pyramide hat (1). Zumindest Respekt hat die Zeit dann wohl vor der einen oder der anderen Monstermauer auf unserem Planeten, die von Meistern der Baukunst schon vor Ewigkeiten errichtet wurden. Angst und Bange muss es aber der Zeit werden, wenn sie an andere Mauern denkt. Die stabilsten und dauerhaftesten Mauern werden nicht aus Stein gebaut. Sie sind durabler als die massivste megalithische Mauer aus Stein und doch nur imaginär. Religiöse Fanatiker bauen scheinbar unüberwindbare Mauern, nicht aus Stein, sondern aus Angst. Religiöse wie vermeintlich wissenschaftliche Fundamentalisten mauern sich selbst ein, weil sie nur die eigene Wahrheit sehen möchten. Sie positionieren sich gern als die Alleinvertreter der angeblichen Wahrheit schlechthin. Sie mauern sich ein, weil sie Angst vor Fakten haben, die ihr simples Weltbild erschüttern könnten. Fanatiker belügen sich selbst. Je weniger sie selbst an ihre Weltsicht glauben, desto höhere und dickere Mauern bauen sie in ihren Köpfen auf. Und desto fanatischer bekämpfen sie Zweifler und Andersdenkende: früher mit Feuer und Schwert, heute machen sie sie unglaubwürdig und lächerlich.

Foto 5: Cheopspyramide und Sphinx.
Historische Aufnahme um 1910

Es gibt eine Wahrheit, vor der Fundamentalisten jeder Couleur Angst haben. Sie verstärken ihre Mauern, sie lassen sie noch weiter in die Höhe wachsen. Dabei unterscheiden sich »religiöse« wie »wissenschaftliche« Fundamentalisten sehr viel weniger als beiden Lagern bewusst und lieb sein kann. Man präsentiert sich als alleiniger, als einzig berechtigter Vertreter »der Wahrheit«.

Letztlich wird der Schock umso größer werden, je länger sich Fanatiker gegen Zweifel an ihrer Weltsicht zur Wehr setzen. Es wird weltweit zu Panik kommen, wenn sich diverse »wissenschaftliche« wie »religiöse« Pseudowahrheiten als »Humbug« erweisen, um Ebenezer Scrooge (2) aus dem berühmten »Weihnachtsmärchen« von Charles Dickens (*1812; †1870) zu zitieren.

In einem Punkt unterscheiden sich »religiöse« und »wissenschaftliche« Fundamentalisten: Wissenschaftliche Hardliner sind der Überzeugung, dass der Mensch mehr von der Wirklichkeit erkannt hat als alle seine Vorfahren. Das heute gültige Weltbild hat sich nach seiner Überzeugung nach und nach evolutionär aufgebaut. Der heutige Mensch ist für ihn die momentane Krone der Evolution.

Für den religiösen monotheistischen Hardliner hat es keine solche allmähliche und zufällige Evolution des Menschen gegeben. In seinem Weltbild war der Mensch von Anfang an die »Krone der Schöpfung«, weil Gott höchstpersönlich den Menschen erschaffen und ins Paradies gesetzt hat. Beide Fanatiker haben den Menschen auf einen Thron gehoben, der früher oder später zusammenbrechen wird.

Mauern können schützen, aber auch einengen. Manche Mauern in den Köpfen sind brüchig geworden und werden von Vordenkern zum Einsturz gebracht. So wird langsam immer deutlicher sichtbar, dass es vor Jahrhunderten und Jahrtausenden keine isolierte Entwicklung auf den Kontinenten gegeben hat. Vielmehr gab es offenbar zu frühen Zeiten lange vor Kolumbus transozeanische Kontakte. Europäer waren vor Jahrhunderten im Norden Perus. Kelten haben am Bau von Kuelap, der Metropole der Wolkenmenschen, zumindest mitgewirkt. Bleiben wir in Peru: Europäer aus dem »griechischen Kulturkreis« kannten das Monster in der Unterwelt der geheimnisvollen Ruinenstadt Chavín de Huántar. Das sageumwobene Monster Minotaurus und die Kreatur von Chavín de Huántar waren womöglich identisch.

Zwei Varianten bieten sich an:

Variante 1: Einwanderer aus Griechenland brachten vor mindestens 2.500 Jahren das Abbild eines monströsen »Dings« über Syrakus nach Peru. Oder sie kannten das unheimliche »Ding« aus Europa und fertigten in Peru ein Gegenstück an.

Variante 2: Besucher aus Europa bekamen Jahrtausende vor Kolumbus die Anlage von Chavín de Huántar zu sehen. Sie erkundeten den riesigen Komplex und entdeckten das monströse »Ding« im Zentrum des Labyrinths. Sie kehrten nach Griechenland zurück und fertigten aus Stein ein furchteinflößendes »Etwas« an: ein Abbild des Monsters von Peru.  Das »Ding« von Syrakus, das aus Griechenland stammte, hatte einen Namen: »Gorgo«. Offenbar hauste »Gorgo« oder ein naher »Verwandter« aus der griechischen Mythologie in der Unterwelt von Chavín de Huántar im Norden Perus!

Foto 6: ‭Monster »Gorgo«.
Zeichnung: Grete C. Söcker
Es gibt verblüffende Tatsachen, die eigentlich unmöglich, aber doch real sind. Homer beschreibt in seiner »Odyssee« und in seiner »Ilias« (3) »Gorgo« als eine scheußliche Kreatur der Unterwelt, so wie das »Ding« von Chavín de Huántar, das im Norden Perus in der Unterwelt verborgen ist.

Nach Hesiods Werk »Theogonie«, das die Mythologie der Entstehung der Götter beschreibt, hausten die furchteinflößenden Gorgonen (4) »jenseits des großen Okeanos, hart an der Grenze der Nacht«. Dr. Enrico Mattievich, Prof. emeritus der »Federal University of Rio de Janeiro«, ist davon überzeugt, dass Homers Reise in die Unterwelt keine dichterische Fiktion ist. Vielmehr kommt er in seinem Werk zur Überzeugung, dass da reale Örtlichkeiten beschrieben werden, die  in Südamerika anzusiedeln sind. In seinem penibel recherchierten Werk »Journey to the Mythological Inferno« (5) lässt der Wissenschaftler kaum Zweifel aufkommen! Homer beschreibt, so Dr. Mattievich, die »Unterwelt« von Chavín de Huántar. »Ancient Origins« fasst zusammen (6):

»Ein Teil des Buchs erforscht die Ähnlichkeiten zwischen Chavín de Huántar und der Beschreibung bei Hesiod. Es passen nicht nur Hesiods geographisch Beschreibungen zur Stätte (von Chavín de Huántar), örtliche Legenden stimmen auch mit der griechischen Mythologie überein und außerdem scheinen Funde im Tempel zu korrespondieren.« Ich darf noch einmal das Fachblatt »Ancient Origins« zitieren (7): »Antike griechische Legende scheint Ort in Peru zu beschreiben: Früher Kontakt?«

Für den religiösen monotheistischen Hardliner hat es keine solche allmähliche und zufällige Evolution des Menschen gegeben. Sein »Heiliges Buch« kann und darf auch nicht nach und nach entstanden sein. Es wurde, so die Fundamentalisten der monotheistischen Religionen, von Gott erschaffen und existierte von Anfang an in der heute vorliegenden Form.  Mancher Fanatiker unterscheidet gar nicht zwischen Gott und seinem Heiligen Buch. Für ihn ist das Buch das Heilige und vollkommen frei von Fehlern. Natürlich hat Gott auch nicht abgeschrieben oder auch nur ältere Texte weiterentwickelt oder gar übernommen.

Zu den spannendsten Stunden meines Studiums der evangelischen Theologie gehörte die detektivische Beschäftigung mit den Namen biblischer Personen. Jehu war in der Zeit von 841 v.Chr. bis etwa 814 v. Chr. König von Israel. Sein Name Jehu lässt sich mit »Jahwe ist er« übersetzen. Sollte es sich bei Jehu in Wirklichkeit um eine Chiffre für Jahwe handeln? Über »Jahwe ist er« lesen wir (8): »Und Jehu versammelte alles Volk und ließ ihnen sagen: Ahab hat Baal wenig gedient; Jehu will ihm besser dienen.« Dieser »Jahwe ist er« gibt sich scheinheilig als Anhänger Baals aus. Er lässt alle Baals-Priester zu einem Festgelage einladen. Wer die Einladung ausschlägt, wird umgebracht (9), lässt Jehu verkünden und verleiht so seiner Einladung mehr Nachdruck. Jehus Motivation (10): »Aber Jehu tat dies mit Hinterlist, um die Diener Baals umzubringen.« Das traurige Ergebnis der Hinterlist Jehus: Alle Diener Baals werden ermordet. Jehu alias »Jahwe ist er« lässt unter den Baal-Anhängern ein Blutbad anrichten, so steht’s im »Alten Testament«.

Foto 7:  Eine Seite aus
Hesiods Theogonie
Weniger brutal geht es nach einem sehr viel älteren Keilschrifttext aus Ugarit (11) zu. Unterweltgott Mt sendet Götterboten zu Baal. Baal erhält »eine Einladung zu einem Gastmahl, verbunden mit der Drohung ihn zu durchbohren und aufzufressen, falls er der Einladung nicht entsprechen würde.« Erst nach einer zweiten Einladung macht sich Baal auf den Weg. Wenig später ist Baal tot. »Die Göttin Anat geht auf die Suche nach Baal und findet ihn niedergesunken, tot in der Unterwelt.«

In Ugarit wurde nur Baal selbst mit dem Tod bedroht, so er die Einladung ausschlagen sollte. Der »Jahwe ist er« lädt alle Priester Baals ein und schüchtert sie alle ein. Wer nicht zum Festschmaus kommt. Der wird umgebracht.

Jetzt wird es spannend: »Hierauf vollzieht El die Trauerriten und klagt laut um Baal. El ersucht seine Gemahlin, Atrt, einen Nachkommen Baals im Königtum vorzuschlagen.«

Gott El taucht um 1400 v.Chr. erstmals in den Keilschrifttexten von Ugarit auf. El war (zumindest für einen Teil der Bevölkerung von Ugarit) der höchste Gott. Er wurde als »Schöpfer der Schöpfung«, »Erbauer des Erbauten« und »Vater der Menschheit« bezeichnet. Diese lobpreisenden Beinamen passen auch auf den Schöpfergott des Alten Testaments Jahwe. Und der hatte – auch – den Beinamen El! Freilich wird häufig der Name El einfach mit »Gott« übersetzt und »El« verschwindet als Name. Ein Beispiel (12)! Wörtlich: »Du El mich sehend!« Freier: »Du bist El, der mich sieht.« Luther-Bibel 2017: »Du bist ein Gott, der mich sieht.« Ein Gott, der mich sieht? Daraus kann man schließen, dass es nicht nur einen Gott gab, sondern mehrere. Und einer davon war »ein Gott, der mich sieht«.

Noch ein Beispiel (13)! Wörtlich: »Er ist El, der mich mit Kraft umgürtet.« Luther 2017: »Gott rüstet mich mit Kraft« Der ugaritische El wird von den Autoren diverser Texte des »Alten Testaments« übernommen, teil als Eigenname, teils als Titel.

Es gibt keine »Mauern« zwischen den Epochen, auch nicht zwischen den Religionen. Eines geht ins andere über, wird verändert und weiterentwickelt. Alles fließt ineinander. Keine Religion entsteht sofort aus dem Nichts. Jede neue Religion entwickelt sich aus einer älteren. Nur rechthaberische Fundamentalisten bauen Mauern, grenzen ab. Wer nicht daran glaubt, alle überzeugen zu können, der konzentriert sich auf eine Gruppe, sperrt sie in »Mauern« und traktiert sie mit Drohungen. Wer nicht glaubt, dem winken Teufel und Hölle.


Fußnoten
(1) Das ägyptische Sprichwort kursiert in voneinander abweichenden Varianten. Drei Beispiele: »Mensch fürchtet die Zeit, Zeit fürchtet die Pyramiden«, »Der Mensch fürchtet sich vor der Zeit – die Zeit fürchtet sich vor den Pyramiden« und »Die Menschen fürchten die Zeit, aber die Zeit fürchtet die Pyramiden«.
(2) Ebenezer Scrooge ist die Hauptperson in der Erzählung »A Christmas Carol« (deutscher Titel: »Eine Weihnachtsgeschichte«), 1843 von Charles Dickens verfasst.
(3) »Odyssee« 11/633, »Ilias« 5/741, 8/349 und 11/36
(4) Hesiod: »Theogonie«, Verse 274-276
(5) Mattievich, Enrico: »Journey to the Mythological Inferno«, Rogem Press, 21. Juni 2010 (»Reise ins Mythologische Inferno« würde der Titel in deutscher Übersetzung lauten. Aber das bahnbrechende Werk wurde nie ins Deutsche übersetzt!)
(6) https://www.ancient-origins.net/myths-legends-europe/ancient-greek-legend-seems-describe-place-peru-early-contact-003153 (Stand 7.10.2019)
(7) »Ancient Greek Legend Seems to Describe a Place in Peru: Early Contact?«,
https://www.ancient-origins.net/myths-legends-europe/ancient-greek-legend-seems-describe-place-peru-early-contact-003153 (Stand 7.10.2019)
(8) 2. Könige 10, Vers 18
(9) Ebenda, Vers 9
(10) Ebenda, Vers 19
(11) »Die mythologischen und kultischen Texte aus Ras Schmra«, übersetzt von J. Aisleitner, 2. Auflage, Budapest 1964, Seite 13
(12) 1. Buch Mose, Kapitel 16, Vers 13
(13) Psalm 18, Vers 33
Siehe http://www.die-buecherstube.de/bibelarb/t19/bk1901.htm (Stand 8.10.2019)

Zu den Fotos
Fotos 1-4: Einige der Monstermauern von Nan Madol. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Cheopspyramide und Sphinx. Historische Aufnahme um 1910. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: ‭Monster »Gorgo«: Chavín de Huántar und Syrakus. Zeichnung Grete C. Söcker
Foto 7:  Eine Seite aus Hesiods Theogonie, mittelalterliche Handschrift. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


515. »Auf der Suche nach den Göttersöhnen«,
Teil 515 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 1. Dezember 2019



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Sonntag, 10. Februar 2019

473 »Tabubrüche heute und einst«

Teil 473 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Nan Dowas, Nan Madol, anno 1899

In unserer säkularisierten Welt des Abendlands hat das Wort Tabu Einzug in die Alltagssprache gefunden. Wer zu viele Kilos auf die Waage bringt, sagt man, der muss abnehmen. Fette Speisen sind dann »tabu« für ihn. Die ursprüngliche, also die religiöse Bedeutung von »Tabus«, gerät weitestgehend in Vergessenheit.

Herbert Achternbuschs Schwarzweißfilm »Das Gespenst« erzählte anno 1982 eine merkwürdige Geschichte: Da wird eine lebensgroße geschnitzte Christusfigur eines bayerischen Klosters lebendig und steigt vom Kreuz. Als Oberkellner zieht der im Christentum als Messias verehrte Gottessohn dann mit der Oberin durch die Lande. Gelegentlich verwandelt er sich in eine Schlange. Am Schluss verwandeln sich Ober Jesus in eine Schlange und die Oberin in einen Greifvogel. Sie packt sich die Schlange und fliegt mit ihrer »Beute« in den Himmel hinein.

Eine Szene, in der Christus als »Scheiße« angeredet wird, musste aus dem »Filmopus« geschnitten werden. Trotzdem wäre »Das Gespenst« fast  verbannt worden. Am 20. April 1983 entschieden die zuständigen Vertreter der Filmwirtschaft im Hauptausschuss aber mit 2 zu 1: Der Film wird  für Zuschauer ab 18 freigegeben. Als »Das Gespenst« schließlich, ab 18 zugelassen, anlief, interessierte sich kaum jemand für den Streifen. Das änderte sich erst, als der Film wegen seiner Tabubrüche heftig angegriffen wurde. Heute, das wage ich zu behaupten, würde »Das Gespenst« kaum noch Proteste auslösen und kaum jemand würde wegen so eines Films noch ins Kino gehen. Auf einen Index verbotener Filme käme der Film schon gar nicht. Was vorgestern als Tabubruch Empörung ausgelöst hat, wird heute oft nur noch gelangweilt zur Kenntnis genommen.

Foto 2: Moses empfängt die 10 Gebote, Schnorr-Bibel, 1860.

Mir drängt sich der Eindruck auf, dass sich der vermeintlich moderne und tolerante Mensch unserer westlichen Welt, also des christlichen Abendlands, gern über religiöse Tabus des eigenen Kulturkreises hinwegsetzt, aber eben nur, so es um christliche Tabus geht. Ein vergleichbarer Umgang in einem Film wie »Das Gespenst« mit der Glaubenswelt des Islam freilich ist heute derart inakzeptabel, dass es niemand wagen wird, einen entsprechenden Film etwa über Mohammed zu drehen. So gesehen sind neue Tabus an die Stelle von alten getreten. Es gilt, so scheint mir, als Zeichen von Toleranz, Tabus fremder Religionen (vor allem des Islam!) zu achten und nicht auch nur anzutasten. Wer sich über Tabus aus dem christlichen Bereich lustig macht, der sieht sich gern als aufgeklärt und modern. Die eigenen Wurzeln werden gerade von jenen geleugnet, die fremdes Glaubensgut vehement verteidigen.


Das Wort Tabu geht auf das französische »tabou« und das englische »taboo« zurück. Das französische »tabou« und das englische »taboo« haben beide eine gemeinsame Wurzel, nämlich das aus polynesische »tapu«, zu Deutsch »geweiht, unberührbar«. Heilig wurden nach dem »Alten Testament« Orte, an denen sich Gott höchstpersönlich zeigte. Solche Orte durften von Normalsterblichen in der Regel nicht betreten werden. Zuwiderhandelnde wurden mit dem Tode bestraft. Ein solches »Tabu« galt auch für Tiere, zumindest im Fall der Landung Gottes auf einem Berg im »Heiligen Land«.

Foto 3: Fromme Bibelillustration, 1919, Moses und der Dornbusch.

Eine der irritierendsten Beschreibungen, die das Alte Testament zu bieten hat, findet sich im 2. Buch Mose. Zur Erinnerung: Moses führt sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit, ins »gelobte Land«. Nach einem Marsch von über zwei Monaten lagern, so beschreibt es das Alte Testament, die Israeliten in »Refidim«. Von »Refidim«, der Ort lässt sich heute nicht mehr lokalisieren, geht es weiter (1): »Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.« 

So wie wir heute nicht mit Bestimmtheit sagen können, wo genau dieses »Refidim« lag, bleibt unklar, von welchem Berg genau die Rede ist. Er bleibt namenlos. Nüchtern stellt wikipedia fest (2): »Die genaue Lage des biblischen Sinai ist nicht sicher bekannt. Ab dem 4. Jahrhundert wurde er mit dem Dschebel Musa (Mosesberg), der zweithöchsten Erhebung der Sinaihalbinsel (der Katharinenberg ist um ca. 350 m höher), gleichgesetzt. Am Fuß des Berges Sinai leben seither Mönche, die im 6. Jahrhundert das Katharinenkloster erbauten. Felsinschriften aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. zeigen, dass sich dort auch ein Wallfahrtsheiligtum der Nabatäer befand.« 

Foto 4: Usas Tod, Gemälde des Todes von Usa von Giulio Quaglio (*1668;†1751) im Dom St. Nikolaus (von 1704)

Unklar ist, auf welchem Berg Gott herniederkam. Unklar ist übrigens auch, wo die Bundeslade, ein echtes Tabu-Objekt, verblieben ist. Zurück zum biblischen Gott auf dem Berg. Oben auf dem Berg wartet Gott selbst auf Moses. Moses macht sich auf den Weg zu Gott auf dem Berg. Noch darf Moses Gott nicht gegenübertreten. Gott stellt ihm vom Berg herab Forderungen (3). Das Volk Israel soll sich verpflichten, der Stimme Gottes zu gehorchen. »Und alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles, was Jahwe geredet hat, wollen wir tun.« (4)

Jetzt wird es spannend (5): »Und Jahwe sprach zu Mose: ›Siehe, ich will zu dir kommen in einer dichten Wolke, auf dass dies Volk es höre, wenn ich mit dir rede, und dir für immer glaube.‹« Gott fährt schließlich auf furchteinflößende Weise aus dem Himmel hinab auf den Berg in der Wüste (6): »Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil Jahwe auf den Berg herabfuhr im Feuer; und sein Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen, und der ganze Berg bebte sehr.«  Nur Moses darf hinauf auf den Berg steigen, um Gott zu begegnen (6): »Als nun Jahwe herniedergekommen war auf den Berg Sinai, oben auf seinen Gipfel, berief er Mose hinauf auf den Gipfel des Berges, und Mose stieg hinauf.«

Das Volk freilich muss zurückbleiben. Korrekt übersetzt die »Elberfelder Bibel« (8): »Zieh eine Grenze rings um den Berg, und warne die Leute davor, sie zu überschreiten! Sie dürfen ihn nicht besteigen und sich auch nicht am Fuß des Berges aufhalten. Wer dem Berg zu nahe kommt, muss sterben.« Sterben müssen Mensch und Tier, die das »Tabu« missachten und das verbotene Gebiet betreten (9): »Keine Hand soll ihn anrühren, sondern er soll gesteinigt oder mit Geschoß erschossen werden; es sei ein Tier oder ein Mensch, so soll er nicht leben.«

Uneins sind sich die Übersetzer in einem Punkt. Die einen sind davon überzeugt, dass um das Volk ein Zaun gezogen werden musste, um ein Betreten der Tabu-Region zu verhindern. So lesen wir in der Luther-Bibel von 2017 (10): »Und zieh eine Grenze um das Volk und sprich zu ihnen: Hütet euch, auf den Berg zu steigen oder seinen Fuß anzurühren; denn wer den Berg anrührt, der soll des Todes sterben.«  Auch nach der »Elberfelder Bibel« soll eine »Grenze« um das Volk gezogen werden. Diese Übersetzung bietet auch die »Zürcher Bibel«. Nach anderen Übersetzungen wird nicht um das Volk, sondern um den Berg ein Zaun errichtet. Die »Hoffnung für Alle«-Übersetzung sieht das so, aber auch die »Gute Nachricht«-Version. Wie dem auch sei: Alle Übersetzungen sind sich einig im zentralen Punkt, nämlich dass ein Zaun das Tabu-Gebiet schützen soll. Die Volksmassen dürfen es nicht betreten!

Einerseits soll das Tabu-Areal geschützt werden. Andererseits sollen die Menschen davor bewahrt werden, einen Tabubruch zu begehen, was gnadenlos mit dem Tode bestraft würde. In der »Neues Leben«-Bibel lesen wir:»Zieh eine Grenzlinie und warne die Israeliten: »Wagt es nicht, auf den Berg zu steigen oder ihn auch nur zu berühren. Wer den Berg berührt, muss mit dem Tod bestraft werden!« 

Foto 5: Der Gott des Alten Testaments
Der Gott des Alten Testaments steigt vom Himmel herab, kommt auf einem Berg hernieder und heiligt so das Areal. Dadurch wird das Areal der Gotteslandung zur Tabuzone. Wo Gott ist, da ist Tabu. Ein weiteres biblisches Beispiel: Wo sich Gott dem Moses im brennenden Dornbusch zeigt (11), da wird der staubige Wüstenboden zu etwas Besonderem. Gott selbst befielt (12): »Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!«

Was wohl vielen Bibellesern nicht auffällt: Zunächst ist es nur »der Engel des Herrn«, der sich im Dornbusch zeigt (13): »Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch.« Als sich Moses neugierig dem seltsamen Phänomen nähert, wird aus dem Engel plötzlich der Herr, also Gott selbst (14): »Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.«

Tabu-Land darf von Normalsterblichen nicht betreten werden. Die Bundeslade war auch Tabu. Kein Normalsterblicher durfte sie berühren, wie es Usa schmerzlich erfahren musste. Als die Zugtiere, die den Wagen mit der Bundeslade zogen, ausrutschten, griff Usa beherzt zu. Er wollte in bester Absicht verhindern, dass die Bundeslade zu Boden stürzte. Er musste dennoch den Tabubruch mit dem Leben bezahlen (15): »Da entbrannte des Herrn Zorn über Usa, und Gott schlug ihn dort, weil er seine Hand nach der Lade ausgestreckt hatte, sodass er dort starb bei der Lade Gottes.« Guilo Quaglio (*1668; †1751) malte anno 1704 den toten Usa, am Boden liegend. Von Josph Keller (†1823) stammt ein Gemälde von Usas Tod. Es zeigt den toten Usa, vom göttlichen Zorn niedergestreckt, verewigt an der Decke der Pfarrkirche von Menzingen im Schweizer Kanton Zug.

Foto 6: Nebeneingang von »Nan Dowas« zur Jahrtausendwende

Tabus mag es einst weltweit gegeben haben. Nach und nach geraten sie in Vergessenheit. Beispiel: Die Ruinen von Nan Madol in der Südsee! Die Anreise aus Europa ist schon eine Strapaze, und das trotz modernster Transportmittel. Meine Flugroute: Hannover - Frankfurt - Newark/ New York - Honolulu/ Hawaii - Johnston Island - Majuro - Kwajalein - Kosrae - Pohnpei. Für den »einfachen Weg« müssen – und das bei günstigen Flugverbindungen! – drei oder vier Tage einkalkuliert werden. Bei der Reiseplanung muss darauf geachtet werden, für die jeweiligen Zwischenstationen ausreichend Zeit einzuplanen. Verpasst man bei einem Zwischenaufenthalt den Anschlussflug, kann das mehr als ärgerliche Folgen haben. Dann sitzt man tagelang irgendwo fest. Aber die rund 22.000 Flugkilometer lohnen sich für jeden, der sich für die großen Geheimnisse unseres Planeten interessiert!

»Pohnpei« mit den zyklopischen Monsterbauten von »Nan Madol« ist wirklich eine Weltreise wert! »Pohnpei« – auch »Ponape« geschrieben – gehört zur Inselgruppe der Karolinen. Touristen verirren sich nur selten in diese weit abgelegene Region der Südsee. Manche kommen, um im glasklaren Wasser zu tauchen. Erstaunt stellen sie dann fest, dass es eine echte archäologische Sensation gibt! Warum setzte man unvorstellbare Mengen an massivem Stein ein und nicht Holz, das so üppig wächst? Warum schichtete man kolossale Steinsäulen im Blockhüttenstil aufeinander und nicht das im Übermaß vorhandene Holz? Welchem Zweck dienten einst die Monstermauern von Nan Madol? So manchen Tag habe ich das Geheimnis von »Pohnpei« vor Ort zu erforschen versucht.

Über die uralte Religion der Erbauer der geheimnisvollen Anlagen von Nan Madol ist heute nichts mehr bekannt. So scheint es. Aber wenn Einheimische noch Kenntnisse über alte Riten haben, so schweigen sie wie die steinernen Ruinen von Nan Madol. Besonders interessant ist der Komplex von Nan Dowas (andere Schreibweise: Nan Tauas). Der massive Komplex bietet in seinem Zentrum, von zwei Monstermauern umschlossen, eine bunkerartige Gruft. Angeblich verrotteten hier die Leichname der vornehmsten Toten. Die Gebeine wurden angeblich auf geheimen Friedhöfen bestattet.

Foto 7: Nan Dowas alias Nan Tauas als Markenmotiv (Mikronesien)

Das unheimlich wirkende Mauerwerk war offenbar einst mit einem starken Tabu belegt. Für »Normalsterbliche« galt damals: Betreten verboten! Das war damals. Und heute? Noch heute wagt sich kaum ein Einheimischer des Nachts in das bunkerartige Bauwerk mit meterdicken Monstermauern. Warum? Warum wurden manche Orte mit Tabus belegt? Warum galten sie als heilig? Was unterschied diese Stätten von anderen? Was zeichnete sie aus?
  
Fußnoten
(1) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 2
(2) wikipedia-Artikel »Sinai (Berg)«, Stand 27.12.2018
(3) ebenda, Verse 3-5
(4) ebenda, Vers 8
(5) ebenda, Vers 9
(6) ebenda, Vers 18
(7) ebenda, Vers 20
(8) ebenda, Vers 12
(9) ebenda, Vers 13
(10) ebenda, Vers 12 in der Luther-Bibel von 2017
(11) 2. Buch Mose Kapitel 3, Verse 2-5
(12) ebenda, Vers 5
(13) ebenda, Vers 2
(14) ebenda, Vers 4
(15) 2. Buch Samuel Kapitel 6, Vers 7

Foto 8: Noch einmal Usas Tod. Deckenfresko, gemalt von Joseph Keller

Zu den Fotos
Foto 1: Nan Dowas, Nan Madol, anno 1899
Foto 2: Moses empfängt die 10 Gebote, Schnorr-Bibel, 1860.
Foto 3: Fromme Bibelillustration, 1919, Moses und der Dornbusch.
Foto 4: Usas Tod, Gemälde des Todes von Usa von Giulio Quaglio (*1668;†1751) im Dom St. Nikolaus (von 1704)
Foto 5: Der Gott des Alten Testaments. Schnorr-Bibel, 1860.
Foto 6: Nebeneingang von »Nan Dowas« zur Jahrtausendwende
Foto 7: Nan Dowas alias Nan Tauas als Markenmotiv (Mikronesien). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Noch einmal Usas Tod. Deckenfresko von Usas Tod in der Pfarrkirche Menzingen, Zug, um 1800 gemalt von Joseph Keller.

474 »Heilige Orte, an denen Götter und Geister wohnen«,
Teil 474 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17. Februar 2019



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Sonntag, 12. August 2018

447 »Wo liegt der Nabel der Welt?«

Teil 447 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ich stimme mit Ephraim George Squier überein: Auch meiner Meinung nach war Pachacamac das »Mekka Südamerikas«. Aber warum? Die Menschen kamen als Pilger zu den heiligen Tempeln, offenbar aus dem gesamten Reich der Inkas. Warum? Was machte den Ort in der Wüste so anziehend? Was zeichnete ihn aus?

Foto 1: Die  Kathedrale von Guadalupe

Am Rande von Mexico City kommen Jahr für Jahr 20 Millionen von katholischen Pilgern in der riesigen Kathedrale zusammen, weil dort alter Überlieferung nach Juan Diego auf dem Tepeyac-Hügel am 9. Dezember Maria erschienen sein soll (1). Damals kam es zum berühmten Wunder: Auf dem schlichten Umhang des Heiligen Diego erschien wie von Zauberhand ein mysteriöses Bildnis der »Jungfrau Maria«, das eigentlich gar nicht hätte entstehen können, das gar nicht existieren dürfte und das längst wieder hätte zerfallen müssen. Selbst kritische Zeitgenossen sprechen von einem Wunder. Papst Johannes Paul II. sprach 1990 Juan Diego selig, 2002 schließlich heilig. Gab es in der Wüste bei Lima an der Küste auch ein so ungewöhnliches Ereignis, das Pachacamac zu so einem bedeutenden Pilgerort des Inkareiches machte?

Foto 2: Eine Statue von Johannes Paul II.

Vermutlich galt der Mensch als besonders vom Glück begünstigt, dessen sterbliche Überreste möglichst nah bei den heiligen Stätten beigesetzt wurden. Ephraim George Squier schreibt (2): »Abermals tiefer begegnet man wohl noch einer dritten solcher Lagen, woraus hervorgeht, wie stark einst der Zusammenfluss von Leuten an dieser Stelle war, und wie begierig das Verlangen, einen Ruheplatz in geheiligter Erde zu finden.«

Foto 3: Palmyra-Übersicht

Eine Anmerkung sei mir gestattet: Ephraim George Squier vergleicht Pachacamac mit den »Ruinen von Palmyra«. Das legendäre Palmyra liegt 215 Kilometer nordöstlich von der syrischen Hauptstadt Damaskus. Schon im 7. Jahrtausend vor Christus siedelten hier Menschen. Weltberühmt war zum Beispiel der Baaltempel, der laut einer Inschrift am 6. April 32 v. Chr. Eingeweiht wurde. Am 30. August 2015 setzte die Islamistenmiliz dem uralten Heiligtum mit gezielten Sprengungen zu, verursache kaum zu behebende Schäden. Weltberühmt war auch der »Tempel des Baalschamin« in der Oase von Palmyra. Baalschamin gehörte zu einer Göttertriade, zusammen mit dem Mondgott Aglibol und dem Sonnengott Jarchibol. Im 4. Jahrhundert wurde der Tempel zur Kirche umgestaltet. Und am 22. August 2015 sprengte die Terrororganisation» Islamischer Staat« das Heiligtum.

Foto 4: Baaltempel von Palmyra.

Die Römer hatten an der Kreuzung der beiden wichtigsten Straßen Palmyras ein Tetrapylon (vierseitiges Tor-Monument) errichtet. Sie hatten unter großen Mühen sechzehn Säulen aus rosafarbenem Granit von Assuan herbeigeschafft. Der Zahn der Zeit hatte schon arg an dem herrlichen Bauwerk genagt. Nur noch eine der Säulen war ein Original, die übrigen waren durch Kopien ersetzt worden. Zwischen dem 26. Dezember 2016 und dem 10. Januar 2017 wurde das Tetrapylon fast vollkommen zerstört. Nach dem »Palmyra Monitor« (3) hat vermutlich der »Islamische Staat« das Tetrapylon, angeblich einst das schönste seiner Art, gesprengt.

Über Pachacamac liegt bedrückend bleierne Zeit, die scheinbar nur quälend langsam voranschreitet. Die Mari haben hier Tempel gebaut. Die Inkas kamen und zelebrierten ihren eigenen Kult mit dem Sonnengott im Zentrum. Die Inkas, die wir heute noch gern als blutrünstige Barbaren sehen, verhielten sich dem älteren Kult gegenüber sehr viel toleranter als die spanischen Eroberer den Menschen und der Kultur des Inkareiches gegenüber.

Es gab einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Glauben der Ureinwohner und dem Glauben der Inkas (4). Die Ureinwohner verehrten eher das Weibliche. Erde, Mond und Nacht waren bei ihnen weiblich. Die Inkas waren eher religiös-patriarchalisch orientiert. Feuer, Sonne und Tag waren bei ihnen männlich. Mit den Spaniern kamen Vertreter des männlichen Elements in seiner schlimmsten Ausprägung nach Südamerika.

Foto 5: Inka-Schlächter Pizarro
Am 16. November 1532 lockte Francisco Pizarro den Inka-Herrscher Atahualpa in eine Falle. Wie verabredet erschien Atahualpa mit mehreren tausend Ratgebern, Offizieren und Bediensteten im Zentrum von Cajamarca. Atahualpa wurde in einer Sänfte getragen. Alle waren wie besprochen unbewaffnet. Dominikaner Bruder Vincente de Valverde trat mit einem Dolmetscher auf Atahualpa zu, erklärte sich zum Gesandten Gottes und des spanischen Throns und forderte Atahualpa ebergisch auf, den katholischen Glauben anzunehmen und sich Karl V. zu unterwerfen. Atahualpa empfand das Ansinnen des »Gottesmannes« als beleidigend.

Er soll sich nach dem fremden Glauben erkundigt haben. Nicht zuletzt dank des mäßig talentierten Übersetzers kam das Gespräch ins Stocken. Ich vermute, dass der Geistliche Atahualpa bewusst provozieren sollte, um die unbewaffneten Inkas angreifen zu können. Warum sonst hatten sich Pizarros Gefolgsleute in den Gebäuden um die Plaza versteckt? Zahlenmäßig weit unterlegen, aber mit effektiven Waffen ausgerüstet, richteten die Spanier ein grausames Blutbad an. Tausende Gefolgsleute Atahualpas wurden niedergemetzelt, Atahualpa selbst wurde gefangen genommen. Gegen ein gigantisches Lösegeld, so versprachen die Spanier, würde der Inka freikommen. Sie hatten wohl nie ernsthaft in Erwägung gezogen, Atahualpa tatsächlich freizulassen. Zu groß war ihre Angst, Atahualpa würde sich rächen.

Atahualpa war schon ermordet, da waren immer noch unvorstellbare Schätze aus dem Inkareich unterwegs. Es soll den Inkas aber gelungen sein, die Kostbarkeiten vor den Spaniern zu verstecken. Bis heute sind riesige Mengen sakraler Kunstwerke der Inkas (vorwiegend aus Gold und Silber), die eigentlich als Lösegeld für Atahualpa gedacht waren, nicht gefunden worden. Sie werden in unterirdischen bei Cuzco und in unterirdischen Kammern im Umfeld von Pachacamac vermutet.Bekannt ist: Am 15. Januar 1533 machte sich Hernando mit vierzehn Reitern auf den Weg nach Pachacamac. Man kann davon ausgehen, dass Inka-Läufer lange vor den Spaniern in Pachacamac ankamen und die Tempelpriester warnten. So wurde wahrscheinlich der größte Teil des Tempelschatzes gerettet, sprich irgendwo in der Wüste vergraben.

Foto 6: Riesenwand des Riesentempels von Malta.

Ich stimme, wie gesagt, mit Ephraim George Squier überein: Auch meiner Meinung nach war Pachacamac das »Mekka Südamerikas«. Aber warum? Warum wurde Pachacamac zum Kultort? Warum wurde Pachacamac zum Sitz eines großen Orakels, schon bevor die Inkas dort ihren Sonnentempel errichteten? Warum wurden vor 6.000 bis 8.000 Jahren auf den kleinen Inseln Malta und Gozo 28 Tempel errichtet? Warum wurden mit immensem Arbeitsaufwand gigantische Steinkolosse verbaut?

Foto 7: Gott oder Astronaut?(Val Camonica)
Warum wurden im doch sehr begrenzten Val Camonica in Norditalien über einen Zeitraum von vermutlich rund 10.000 Jahren hunderttausende Gravuren in den Stein geritzt?

Warum gab es bereits lange vor der Islamisierung in Mekka ein Heiligtum (Kaaba in Mekka), das lange vor Mohammed Ziel von Wallfahrten war? Hubal (5) war ein Mondgott. Sein Bildnis, vermutlich eine Statue aus rotem Karneol, stand einst in der Kaaba. ʿAmr ibn Luhaiy soll das Abbild der alten Gottheit von einer seiner Reisen nach Mekka gebracht haben. Woher das verehrte Kunstwerk stammt, wir wissen es nicht. Angeblich stand es einst an einer Quelle. Hubal war berühmt für seine Orakel. Er würde gut zum Orakel von Pachacamac passen. Wie erfolgreich die Hubal-Orakel waren, das sei dahingestellt. Sehr hilfreich war das Orakel von Pachacamac für die Inkas offensichtlich nicht. Die Inkas sollen es häufig konsultiert haben. Wichtige Entscheidungen wurden stets erst nach Befragung des Orakels getroffen. Offensichtlich hat das Orakel die Inkas nicht vor den Spaniern gewarnt. Oder schlugen die Inkas die Prophezeiungen des Orakels in den Wind? Ja womöglich deuteten sie nebulöse Vorhersagen falsch und schätzten die Spanier vollkommen falsch ein.

Foto 8: Der Omphalos-Stein
In Griechenland markierte der Omphalos-Stein im Apollon-Tempel zu Delphi den »Nabel der Welt«. Das altehrwürdige Kultobjekt war ursprünglich ein Opferstein der Göttin Gaia. »Omphalos« hieß auch der kleine Tempel, der im »Forum Romanum« stand, nach dem Glauben der Römer genau am »Nabel der Welt«.

So gut wie alle Statuen waren umgestürzt, als der holländischen Admiral Jakob Roggeveen das merkwürdige Eiland am Ostermontag den 6. April 1722 »entdeckte«. So kam die Insel zu ihrem Namen. Die Eingeborenen aber nannten ihre kleine Heimat (163 Quadratkilometer) »Te Pito o Te Henua« (Nabel der Welt).  Roggeveen hatte Kap Horn umrundet und war quer durch den riesigen Pazifik gesegelt, in der Hoffnung, einen bis dato unbekannten Kontinent zu entdecken. Roggeveens Vater war mit dem Projekt gescheitert: an der damals schon übermächtigen Bürokratie. Als Vater Roggeveen endlich alle Genehmigungen beisammen hatte, konnte er nicht mehr in See stechen.

Foto 9:  Nan Madol.
Warum wurden vor »Temwen Island« (Pohnpei, Archipel der Karolinen, »Föderierte Staaten von Mikronesien«) mit gewaltigem Aufwand 92 künstliche Inseln geschaffen, um darauf teils gigantische Tempel aus Basaltsäulen zu errichten? Viel einfacher wäre es gewesen, die Tempel auf dem Festland zu bauen, aber es musste offenbar genau dort im Meer geschehen. Warum?

Offensichtlich gibt es auf unserem Globus Orte, die die Menschen  seit Jahrtausenden wie magisch anziehen. Gläubige sehen es als ihre religiöse Pflicht an, diese Orte aufzusuchen. Sie nehmen große Strapazen auf sich, um ans Ziel zu kommen, allen Gefahren zum Trotz.

Warum sind manche Orte so besonders für religiöse Zentren geeignet? Was unterscheidet diese Orte von anderen? Was zeichnet diese besonderen Stätten aus? Was zeichnet Orte aus, die als »Nabel der Welt« bezeichnet wurden?

Hat sich an diesen Orten einstmals Wundersames ereignet? Der Sage nach wurde der erste König von Nan Madol von »Himmlischen« bestimmt, die in fliegenden Schiffen unterwegs waren. Sollte es vor Jahrtausenden wirklich Kontakte mit »Himmelsschiffen« gegeben haben? Wurden die Plätze, an denen sie landeten, für heilig gehalten? Glaubte man, sie besonders verehren zu müssen, weil sie von den »Himmlischen« auserwählt und begünstigt worden sind?

Fußnoten
(1.1) Badde, Paul: »Maria von Guadalupe. Wie das Erscheinen der Jungfrau Weltgeschichte schrieb«, Berlin 2004
(1.2)Fischinger, Lars: »Das Wunder von Guadalupe/ Nicht von Menschenhand«, Güllesheim 2007
(1.3) Hesemann, Michael: »Nicht von Menschenhand – Marienerscheinungen und heilige Bilder: Mysterium – Ungelöste Rätsel der Christenheit, Band 1«, Paderborn 17. September 2015
(2) Squier, Ephraim George: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883, S. 85 unten
(3) http://www.palmyra-monitor.net/isis-destroyed-the-tetrapylon-and-part-of-the-roman-theater-in-palmyra/ (Stand 20.06.2018)
(4) Mailahn, Klaus: »Der Fuchs als Tier der Gottheiten Altperus«, eBook, GRIN Verlag, 1. Auflage 8. September 2009, Pos. 40
(5) Nagel, Tilman: »Mohammed/ Leben und Legende«, München 2008

Foto 10: E. George Squier

Zu den Fotos
Foto 1: Die  Kathedrale von Guadalupe, Mexico City. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eine Statue von Johannes Paul II. steht nahe der Kathedrale von Guadalupe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Palmyra-Übersicht. Foto wikimedia commons/ James Gordon Stobkcuf
Foto 4: Baaltempel von Palmyra. Foto wikimedia commons/ Zeledi Longbow4u Foto 6: Riesenwand des Riesentempels von Malta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Denkmal für den Inka-Schlächter Pizarro, Lima, Peru. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6 Riesenwand des Riesentempels von Malta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gott oder Astronaut, Val Camonica. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Omphalos-Stein, Nabel der Welt in Griechenland. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 9: Eine Monstermauer von Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ephraim George Squier um 1870. Wikimedia commons public domain


448 »Voodoo-Magie für den Weltfrieden?«,
Teil 448 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19.08.2018

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