Posts mit dem Label Nan Dowas werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Nan Dowas werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 10. Februar 2019

473 »Tabubrüche heute und einst«

Teil 473 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Nan Dowas, Nan Madol, anno 1899

In unserer säkularisierten Welt des Abendlands hat das Wort Tabu Einzug in die Alltagssprache gefunden. Wer zu viele Kilos auf die Waage bringt, sagt man, der muss abnehmen. Fette Speisen sind dann »tabu« für ihn. Die ursprüngliche, also die religiöse Bedeutung von »Tabus«, gerät weitestgehend in Vergessenheit.

Herbert Achternbuschs Schwarzweißfilm »Das Gespenst« erzählte anno 1982 eine merkwürdige Geschichte: Da wird eine lebensgroße geschnitzte Christusfigur eines bayerischen Klosters lebendig und steigt vom Kreuz. Als Oberkellner zieht der im Christentum als Messias verehrte Gottessohn dann mit der Oberin durch die Lande. Gelegentlich verwandelt er sich in eine Schlange. Am Schluss verwandeln sich Ober Jesus in eine Schlange und die Oberin in einen Greifvogel. Sie packt sich die Schlange und fliegt mit ihrer »Beute« in den Himmel hinein.

Eine Szene, in der Christus als »Scheiße« angeredet wird, musste aus dem »Filmopus« geschnitten werden. Trotzdem wäre »Das Gespenst« fast  verbannt worden. Am 20. April 1983 entschieden die zuständigen Vertreter der Filmwirtschaft im Hauptausschuss aber mit 2 zu 1: Der Film wird  für Zuschauer ab 18 freigegeben. Als »Das Gespenst« schließlich, ab 18 zugelassen, anlief, interessierte sich kaum jemand für den Streifen. Das änderte sich erst, als der Film wegen seiner Tabubrüche heftig angegriffen wurde. Heute, das wage ich zu behaupten, würde »Das Gespenst« kaum noch Proteste auslösen und kaum jemand würde wegen so eines Films noch ins Kino gehen. Auf einen Index verbotener Filme käme der Film schon gar nicht. Was vorgestern als Tabubruch Empörung ausgelöst hat, wird heute oft nur noch gelangweilt zur Kenntnis genommen.

Foto 2: Moses empfängt die 10 Gebote, Schnorr-Bibel, 1860.

Mir drängt sich der Eindruck auf, dass sich der vermeintlich moderne und tolerante Mensch unserer westlichen Welt, also des christlichen Abendlands, gern über religiöse Tabus des eigenen Kulturkreises hinwegsetzt, aber eben nur, so es um christliche Tabus geht. Ein vergleichbarer Umgang in einem Film wie »Das Gespenst« mit der Glaubenswelt des Islam freilich ist heute derart inakzeptabel, dass es niemand wagen wird, einen entsprechenden Film etwa über Mohammed zu drehen. So gesehen sind neue Tabus an die Stelle von alten getreten. Es gilt, so scheint mir, als Zeichen von Toleranz, Tabus fremder Religionen (vor allem des Islam!) zu achten und nicht auch nur anzutasten. Wer sich über Tabus aus dem christlichen Bereich lustig macht, der sieht sich gern als aufgeklärt und modern. Die eigenen Wurzeln werden gerade von jenen geleugnet, die fremdes Glaubensgut vehement verteidigen.


Das Wort Tabu geht auf das französische »tabou« und das englische »taboo« zurück. Das französische »tabou« und das englische »taboo« haben beide eine gemeinsame Wurzel, nämlich das aus polynesische »tapu«, zu Deutsch »geweiht, unberührbar«. Heilig wurden nach dem »Alten Testament« Orte, an denen sich Gott höchstpersönlich zeigte. Solche Orte durften von Normalsterblichen in der Regel nicht betreten werden. Zuwiderhandelnde wurden mit dem Tode bestraft. Ein solches »Tabu« galt auch für Tiere, zumindest im Fall der Landung Gottes auf einem Berg im »Heiligen Land«.

Foto 3: Fromme Bibelillustration, 1919, Moses und der Dornbusch.

Eine der irritierendsten Beschreibungen, die das Alte Testament zu bieten hat, findet sich im 2. Buch Mose. Zur Erinnerung: Moses führt sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit, ins »gelobte Land«. Nach einem Marsch von über zwei Monaten lagern, so beschreibt es das Alte Testament, die Israeliten in »Refidim«. Von »Refidim«, der Ort lässt sich heute nicht mehr lokalisieren, geht es weiter (1): »Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.« 

So wie wir heute nicht mit Bestimmtheit sagen können, wo genau dieses »Refidim« lag, bleibt unklar, von welchem Berg genau die Rede ist. Er bleibt namenlos. Nüchtern stellt wikipedia fest (2): »Die genaue Lage des biblischen Sinai ist nicht sicher bekannt. Ab dem 4. Jahrhundert wurde er mit dem Dschebel Musa (Mosesberg), der zweithöchsten Erhebung der Sinaihalbinsel (der Katharinenberg ist um ca. 350 m höher), gleichgesetzt. Am Fuß des Berges Sinai leben seither Mönche, die im 6. Jahrhundert das Katharinenkloster erbauten. Felsinschriften aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. zeigen, dass sich dort auch ein Wallfahrtsheiligtum der Nabatäer befand.« 

Foto 4: Usas Tod, Gemälde des Todes von Usa von Giulio Quaglio (*1668;†1751) im Dom St. Nikolaus (von 1704)

Unklar ist, auf welchem Berg Gott herniederkam. Unklar ist übrigens auch, wo die Bundeslade, ein echtes Tabu-Objekt, verblieben ist. Zurück zum biblischen Gott auf dem Berg. Oben auf dem Berg wartet Gott selbst auf Moses. Moses macht sich auf den Weg zu Gott auf dem Berg. Noch darf Moses Gott nicht gegenübertreten. Gott stellt ihm vom Berg herab Forderungen (3). Das Volk Israel soll sich verpflichten, der Stimme Gottes zu gehorchen. »Und alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles, was Jahwe geredet hat, wollen wir tun.« (4)

Jetzt wird es spannend (5): »Und Jahwe sprach zu Mose: ›Siehe, ich will zu dir kommen in einer dichten Wolke, auf dass dies Volk es höre, wenn ich mit dir rede, und dir für immer glaube.‹« Gott fährt schließlich auf furchteinflößende Weise aus dem Himmel hinab auf den Berg in der Wüste (6): »Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil Jahwe auf den Berg herabfuhr im Feuer; und sein Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen, und der ganze Berg bebte sehr.«  Nur Moses darf hinauf auf den Berg steigen, um Gott zu begegnen (6): »Als nun Jahwe herniedergekommen war auf den Berg Sinai, oben auf seinen Gipfel, berief er Mose hinauf auf den Gipfel des Berges, und Mose stieg hinauf.«

Das Volk freilich muss zurückbleiben. Korrekt übersetzt die »Elberfelder Bibel« (8): »Zieh eine Grenze rings um den Berg, und warne die Leute davor, sie zu überschreiten! Sie dürfen ihn nicht besteigen und sich auch nicht am Fuß des Berges aufhalten. Wer dem Berg zu nahe kommt, muss sterben.« Sterben müssen Mensch und Tier, die das »Tabu« missachten und das verbotene Gebiet betreten (9): »Keine Hand soll ihn anrühren, sondern er soll gesteinigt oder mit Geschoß erschossen werden; es sei ein Tier oder ein Mensch, so soll er nicht leben.«

Uneins sind sich die Übersetzer in einem Punkt. Die einen sind davon überzeugt, dass um das Volk ein Zaun gezogen werden musste, um ein Betreten der Tabu-Region zu verhindern. So lesen wir in der Luther-Bibel von 2017 (10): »Und zieh eine Grenze um das Volk und sprich zu ihnen: Hütet euch, auf den Berg zu steigen oder seinen Fuß anzurühren; denn wer den Berg anrührt, der soll des Todes sterben.«  Auch nach der »Elberfelder Bibel« soll eine »Grenze« um das Volk gezogen werden. Diese Übersetzung bietet auch die »Zürcher Bibel«. Nach anderen Übersetzungen wird nicht um das Volk, sondern um den Berg ein Zaun errichtet. Die »Hoffnung für Alle«-Übersetzung sieht das so, aber auch die »Gute Nachricht«-Version. Wie dem auch sei: Alle Übersetzungen sind sich einig im zentralen Punkt, nämlich dass ein Zaun das Tabu-Gebiet schützen soll. Die Volksmassen dürfen es nicht betreten!

Einerseits soll das Tabu-Areal geschützt werden. Andererseits sollen die Menschen davor bewahrt werden, einen Tabubruch zu begehen, was gnadenlos mit dem Tode bestraft würde. In der »Neues Leben«-Bibel lesen wir:»Zieh eine Grenzlinie und warne die Israeliten: »Wagt es nicht, auf den Berg zu steigen oder ihn auch nur zu berühren. Wer den Berg berührt, muss mit dem Tod bestraft werden!« 

Foto 5: Der Gott des Alten Testaments
Der Gott des Alten Testaments steigt vom Himmel herab, kommt auf einem Berg hernieder und heiligt so das Areal. Dadurch wird das Areal der Gotteslandung zur Tabuzone. Wo Gott ist, da ist Tabu. Ein weiteres biblisches Beispiel: Wo sich Gott dem Moses im brennenden Dornbusch zeigt (11), da wird der staubige Wüstenboden zu etwas Besonderem. Gott selbst befielt (12): »Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!«

Was wohl vielen Bibellesern nicht auffällt: Zunächst ist es nur »der Engel des Herrn«, der sich im Dornbusch zeigt (13): »Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch.« Als sich Moses neugierig dem seltsamen Phänomen nähert, wird aus dem Engel plötzlich der Herr, also Gott selbst (14): »Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.«

Tabu-Land darf von Normalsterblichen nicht betreten werden. Die Bundeslade war auch Tabu. Kein Normalsterblicher durfte sie berühren, wie es Usa schmerzlich erfahren musste. Als die Zugtiere, die den Wagen mit der Bundeslade zogen, ausrutschten, griff Usa beherzt zu. Er wollte in bester Absicht verhindern, dass die Bundeslade zu Boden stürzte. Er musste dennoch den Tabubruch mit dem Leben bezahlen (15): »Da entbrannte des Herrn Zorn über Usa, und Gott schlug ihn dort, weil er seine Hand nach der Lade ausgestreckt hatte, sodass er dort starb bei der Lade Gottes.« Guilo Quaglio (*1668; †1751) malte anno 1704 den toten Usa, am Boden liegend. Von Josph Keller (†1823) stammt ein Gemälde von Usas Tod. Es zeigt den toten Usa, vom göttlichen Zorn niedergestreckt, verewigt an der Decke der Pfarrkirche von Menzingen im Schweizer Kanton Zug.

Foto 6: Nebeneingang von »Nan Dowas« zur Jahrtausendwende

Tabus mag es einst weltweit gegeben haben. Nach und nach geraten sie in Vergessenheit. Beispiel: Die Ruinen von Nan Madol in der Südsee! Die Anreise aus Europa ist schon eine Strapaze, und das trotz modernster Transportmittel. Meine Flugroute: Hannover - Frankfurt - Newark/ New York - Honolulu/ Hawaii - Johnston Island - Majuro - Kwajalein - Kosrae - Pohnpei. Für den »einfachen Weg« müssen – und das bei günstigen Flugverbindungen! – drei oder vier Tage einkalkuliert werden. Bei der Reiseplanung muss darauf geachtet werden, für die jeweiligen Zwischenstationen ausreichend Zeit einzuplanen. Verpasst man bei einem Zwischenaufenthalt den Anschlussflug, kann das mehr als ärgerliche Folgen haben. Dann sitzt man tagelang irgendwo fest. Aber die rund 22.000 Flugkilometer lohnen sich für jeden, der sich für die großen Geheimnisse unseres Planeten interessiert!

»Pohnpei« mit den zyklopischen Monsterbauten von »Nan Madol« ist wirklich eine Weltreise wert! »Pohnpei« – auch »Ponape« geschrieben – gehört zur Inselgruppe der Karolinen. Touristen verirren sich nur selten in diese weit abgelegene Region der Südsee. Manche kommen, um im glasklaren Wasser zu tauchen. Erstaunt stellen sie dann fest, dass es eine echte archäologische Sensation gibt! Warum setzte man unvorstellbare Mengen an massivem Stein ein und nicht Holz, das so üppig wächst? Warum schichtete man kolossale Steinsäulen im Blockhüttenstil aufeinander und nicht das im Übermaß vorhandene Holz? Welchem Zweck dienten einst die Monstermauern von Nan Madol? So manchen Tag habe ich das Geheimnis von »Pohnpei« vor Ort zu erforschen versucht.

Über die uralte Religion der Erbauer der geheimnisvollen Anlagen von Nan Madol ist heute nichts mehr bekannt. So scheint es. Aber wenn Einheimische noch Kenntnisse über alte Riten haben, so schweigen sie wie die steinernen Ruinen von Nan Madol. Besonders interessant ist der Komplex von Nan Dowas (andere Schreibweise: Nan Tauas). Der massive Komplex bietet in seinem Zentrum, von zwei Monstermauern umschlossen, eine bunkerartige Gruft. Angeblich verrotteten hier die Leichname der vornehmsten Toten. Die Gebeine wurden angeblich auf geheimen Friedhöfen bestattet.

Foto 7: Nan Dowas alias Nan Tauas als Markenmotiv (Mikronesien)

Das unheimlich wirkende Mauerwerk war offenbar einst mit einem starken Tabu belegt. Für »Normalsterbliche« galt damals: Betreten verboten! Das war damals. Und heute? Noch heute wagt sich kaum ein Einheimischer des Nachts in das bunkerartige Bauwerk mit meterdicken Monstermauern. Warum? Warum wurden manche Orte mit Tabus belegt? Warum galten sie als heilig? Was unterschied diese Stätten von anderen? Was zeichnete sie aus?
  
Fußnoten
(1) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 2
(2) wikipedia-Artikel »Sinai (Berg)«, Stand 27.12.2018
(3) ebenda, Verse 3-5
(4) ebenda, Vers 8
(5) ebenda, Vers 9
(6) ebenda, Vers 18
(7) ebenda, Vers 20
(8) ebenda, Vers 12
(9) ebenda, Vers 13
(10) ebenda, Vers 12 in der Luther-Bibel von 2017
(11) 2. Buch Mose Kapitel 3, Verse 2-5
(12) ebenda, Vers 5
(13) ebenda, Vers 2
(14) ebenda, Vers 4
(15) 2. Buch Samuel Kapitel 6, Vers 7

Foto 8: Noch einmal Usas Tod. Deckenfresko, gemalt von Joseph Keller

Zu den Fotos
Foto 1: Nan Dowas, Nan Madol, anno 1899
Foto 2: Moses empfängt die 10 Gebote, Schnorr-Bibel, 1860.
Foto 3: Fromme Bibelillustration, 1919, Moses und der Dornbusch.
Foto 4: Usas Tod, Gemälde des Todes von Usa von Giulio Quaglio (*1668;†1751) im Dom St. Nikolaus (von 1704)
Foto 5: Der Gott des Alten Testaments. Schnorr-Bibel, 1860.
Foto 6: Nebeneingang von »Nan Dowas« zur Jahrtausendwende
Foto 7: Nan Dowas alias Nan Tauas als Markenmotiv (Mikronesien). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Noch einmal Usas Tod. Deckenfresko von Usas Tod in der Pfarrkirche Menzingen, Zug, um 1800 gemalt von Joseph Keller.

474 »Heilige Orte, an denen Götter und Geister wohnen«,
Teil 474 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17. Februar 2019



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 18. März 2018

426 „Im Totenbunker“

Teil  426 der Serie Monstermauern, Mumien und Mysterien                         
von Walter-Jörg Langbein      
                  

Fotos 1-4: Gespenstische Ruinen von Nan Madol

Die rätselhaften Bauten von Nan Madol wirken auf den Besucher märchenhaft schön. In üppigem Pflanzengrün sind oft massive Mauerbauten nur noch zu erahnen. Auch auf das besterhaltene Gemäuer breitet sich stetig die Natur aus. Palmen wachsen zwischen mächtigen Steinen. Ihre starken Wurzeln durchdringen die Fundamente von Steinmauern und drohen sie zum Einsturz zu bringen. Mangrovenbäume wachsen direkt in wuchtigen Steinmauern und sprengen Steinblöcke auseinander.

Ende des 19. Jahrhunderts – das dokumentieren Fotos – waren die mysteriösen Ruinen von Nan Madol im höchsten Maße bedroht. Extremer Baumwuchs, das schien unausweichlich, würde das uralte Gemäuer zerstören. Fotos, die wohl in den 1890er Jahren entstanden, wirken so, als seien sie in den Kulissen eines Horrorfilms entstanden. Offensichtlich wurden im Verlauf der letzten hundert Jahre immer wieder Bäume in und um einige der Ruinen gefällt, um zumindest einige Überbleibsel der uralten Stadt zu erhalten. Es fehlt am Geld. Nur mit sehr hohem finanziellen Aufwand könnte Nan Madol, das »8. Weltwunder« da und dort restauriert und konserviert werden.

Foto 5: Eingang zur Totengruft

In den frühen 1990er Jahren suchte und sammelte ich Berichte über unheimliche Begegnungen, etwa mit »Geistern«. Zahlreiche Menschen aus den USA, aber auch aus Deutschland, schickten mir ihre »Erlebnisberichte«, deren Wahrheitsgehalt ich natürlich nicht überprüfen kann. Aus dem geplanten Buch wurde allerdings nichts. Die spannendsten und ungewöhnlichsten Schilderungen habe ich archiviert. Claudia G., damals 29 teilte mir mit, sie habe in den frühen 1990er Jahren vor der Insel Ponape geschnorchelt. Sie wollte bunte Fische und Korallen bestaunen. Es kam aber ganz anders. Sie habe einen grässlichen Spuk erlebt, beteuerte sie mir. Ich zitiere ihren kurzen Bericht:

»Von der kleinen Hauptstadt Kolonia fuhr ich mit einem gemieteten Motorboot zu den Ruinen von Nan Madol. Ich machte es an einem kleinen Eiland fest und schnorchelte im flachen, warmen Wasser. Herrliche buntglänzende Fische schienen zum Greifen nahe. Plötzlich kam ich über eine tiefere Stelle. Weit unten meinte ich steinerne Särge erkennen zu können! Panik befiel mich! Plötzlich war mir eiskalt. Ich schwamm hastig an die kleine Insel. Über eine steinerne Treppe stieg ich empor. Ich ging auf einem Weg durch zwei gewaltige Mauern. Vor einem wuchtigen, gedrungenen Bau setzte ich mich auf einen Stein. Plötzlich spürte ich extreme Angst. 


Foto 6: Die bunkerartige Gruft, Foto etwa 1890 bis 1899

Etwas kam von hinten auf mich zu, begleitet von eisigem Wind, und das bei 30 Grad im Schatten! Eine eiskalte Knochenhand legte sich auf meine nackte Schulter. Es stank ganz widerlich nach Verwesung! Mir blieb fast das Herz stehen! Panisch vor Angst floh ich ins Boot. Der Motor sprang sofort an. Nichts wie weg! Ich spinne nicht: Ich habe einen echten Spuk erlebt, in der Südsee!«

Atemberaubend ist auch heute noch »Nan Dowas«, ein wahrhaft gigantischer Gebäudekomplex. Oder genauer: Was von der einstigen Pracht noch übrig geblieben ist, verschlägt dem Besucher den Atem. Die äußeren Mauern haben eine Länge von neunzig Metern, wie ich vor Ort abgeschritten habe (1). Sie wurden aus wuchtigen steinernen Säulen in Blockhausbauweise aufgetürmt: drei Meter dick und neun Meter hoch ist die Mauer heute noch. Deutlich sind Beschädigungen zu erkennen. Gewaltige Steinsäulen stürzten irgendwann zu Boden. Unermessliche Kräfte müssen hier gewirkt haben. Wie hoch diese gewaltige Mauer einst wohl war? Niemand vermag das zu sagen. Ich fragte »meinen« Guide, den tüchtigen Lihp Spegal, was er von dem unheimlichen Erlebnis halte. Der junge Mann war alles andere als erstaunt. Einheimische würden nie und nimmer nachts die Ruinen aufsuchen. Warum? Aus Angst vor Begegnungen mit Spukerscheinungen.
    
Foto 7: Im Inneren des »Totenbunkers«.

Die Bauten aus Basaltsäulen, so Lihp Spegal, seien so von furchteinflößenden Erscheinungen geschützt. Plünderer würden nicht wagen, in den Ruinen nach Schätzen oder auch nur Tonscherben und Knochen zu suchen. Ein Fluch soll nicht nur auf der unterseeischen Heimstatt der Götter liegen sondern auch auf den Gräbern der direkten Nachfahren der ältesten Götter. Vermeintlich »zivilisierte« Europäer, die derlei Überlieferung für Humbug hielten, wurden, davon sind viele Einheimische vor Ort überzeugt, mit dem Tode bestraft. So berichtete mir Tour-Guide Lihp Spegal, kein Geringerer als Victor Berg, »Kaiserlicher Regierungsrat« und »Stellvertretender Gouverneur« der Insel, sei ein Opfer eines Fluches geworden.
    
Ende April 1907 gab er den Befehl, das Grab des verehrten Iso Kalakal zu suchen und zu öffnen. Bei einer Nacht- und Nebelaktion wurde tatsächlich die letzte Ruhestätte jenes frühen Herrschers gefunden. Zur Erinnerung: Iso Kalakal war von Gott Nan Dzapue höchstpersönlich gezeugt worden, der extra zu diesem Anlass vom Himmel auf die Erde herabgestiegen war. Trotz lauter Warnungen der Einheimischen wurde die Totenruhe Iso Kalakals empfindlich gestört. Sein Grab wurde geschändet, seine Gebeine wurden herausgenommen. Die Europäer machten sich lustig über den angeblich wirkungslosen Fluch. Man sei ja auch kein Grabräuber, sondern Wissenschaftler. Abfällig äußerten sie sich über die vermeintlich dummen und abergläubischen Insulaner.

Foto 8: Mauerwerk im Inneren des »Totenbunkers«.

Die Insulaner freilich wunderten sich über die arroganten Europäer. Der Fluch würde jeden Treffen, der es wage, die Totenruhe der Altvorderen zu stören. Betroffen seien Grabräuber wie Archäologen, der Fluch würde da nicht differenzieren. Das Lachen der »Zivilisierten« über die vermeintlich »Primitiven« verstummte allerdings bald. Schon einen Tag nach der Grabschändung erkrankte Victor Berg, der Stunden zuvor noch kerngesund war, und starb. Eine medizinische Erklärung fanden die Ärzte nicht. Die Einheimischen waren alles andere als überrascht. So ergehe es jedem, der die heiligen Orte von Nan Madol störe!

Die Anlage von Nan Dows ist allen Schäden zum Trotz immer noch sehr gut erhalten. Da und dort sind einstmals stolze Mauern eingestürzt. Tonnenschwere Basaltsäulen fielen aus luftiger Höhe und liegen heute noch, Jahrhunderte nach einer Katastrophe, zerbrochen wie ein Mikadospiel für Riesen am Boden. Die Anlage war freilich noch viel komplexer als der heutige Besucher zu erkennen vermag.

Foto 9: Mauerwerk im Inneren des »Totenbunkers«.

In ihrem Zentrum steht ein massives »Gebäude«. Es ist fensterlos und erinnert am ehesten an einen massiven Bunker. Die Wände wie die tonnenschwere Decke bestehen aus massiven Basaltsäulen, die für Nan Madol typisch sind. Im Inneren ist es bedrückend eng und es riecht muffig. Ich habe mich einige Stunden im »Totenbunker« aufgehalten, einfach um die Atmosphäre zu spüren. Leise war die Brandung des Meeres zu vernehmen. Der Geruch war unangenehm, stammte wohl von modrigem Brackwasser. Verwesende Leichtenteile gibt es schon lange nicht mehr. Und die steinernen Tische, auf denen die verfaulenden Toten aufgebahrt wurden, sind schon lange verschwunden. Einheimisch in Kolonia meinten im Gespräch, europäische Plünderer hätten sie im 19. Jahrhundert zerlegt und abtransportiert.

Nach wie vor gibt es mündliche Überlieferungen, die freilich nach und nach in Vergessenheit geraten. So hörte ich von zwei greisen am Rande der Hauptstadt Kolonia lebenden Männern, dass Nan Madol einst eine sehr große Stadt war, viel größer als die Ruinen heute vermuten lassen. Einst, so heißt es, war Kanimweiso Teil der riesigen Gesamtanlage. Kanimweiso (2) lasse sich mit »die zu ehrende Stadt« oder »die Stadt, die man ehrt« übersetzen. In grauer Vorzeit, wann immer das gewesen sein mag, versank Kanimweiso in den Fluten des Pazifik.

Die ehrwürdigen Toten, die zu Lebzeiten die Herrscher von Nan Madol waren, wurden nicht einfach begraben. Ihre Leichname wurden zunächst in heiligen Zeremonien, die nur der eingeweihten Priesterschaft bekannt waren, im steinernen »Bunker« von Nan Dowas aufgebahrt. Dort lagen sie dann bis zur vollständigen Skelettierung. Die Knochen wurden dann bestattet: und zwar an geheimen Orten auf der Hauptinsel Ponape, auf dem Festland also.

Foto 10: Der Nan-Dowas-Komplex, nach einer Vorlage aus der Zeit von 1890 bis 1899

Der »Bunker«, aber auch das ausgeklügelte System von Mauern um den Bunker, wurden besonders massiv gebaut. Die wuchtigsten Steinsäulen, aber auch die größten Steinbrocken, wurden für den Bau des sakralen Gebäudekomplexes verwendet. Bei Ausgrabungen in Nan Dowas, gegen die die Nachkommen der Erbauer massiv protestierten, fand man einige wenige Knochensplitter. Wie mir ein junger Lehrer in Kolonia bestätigte, wurden die Skelette der Toten mit Ritual-Werkzeug und strengen Vorschriften folgend pietätvoll im Bunker zerschlagen, bevor sie aufs Festland geschafft werden durften. Dort wurden sie an verschiedenen Stellen, die einige Einheimische angeblich heute noch kennen, bestattet. Warum? Der Pädagoge erklärte mir: »So wollte man verhindern, dass die Toten zurückkehren würden!« Belege für diese Erklärung fand ich nirgendwo in der Literatur.

Foto 11: Decke des »Totenbunkers« von oben.

Ende des 19. Jahrhunderts haben  Forscher wie F.W. Christian (3)  die künstlichen Inseln von Nan Madol kartographiert und möglichst präzise Lagepläne von Nan Madol angefertigt. Angeblich haben sie , das hört man vor Ort auch heute noch, »kistenweise«  Artefakte aus den Ruinen geborgen und mitgenommen . Die Einheimischen waren ob dieser Plünderungen entsetzt. Sie fürchteten sich vor dem Zorn der Toten. Der örtliche Führer Paul Nahnmwarki habe schließlich mit Selbstmord gedroht, falls man weiter die heiligen Stätten entweihen würde. Ob das die plündernde Europäer beeindruckt hat? Vielleicht hörten sie auf, Kostbarkeiten zu stehlen, weil es so gut wie keine Funde mehr gab?

Fußnoten

1) Die Angaben in der Literatur variieren.
2) Die Namen und Bezeichnungen wurden und werden oft in stark voneinander abweichenden Schreibweisen überliefert. Offenbar versuchten die ersten Besucher die ihnen völlig fremden Worte mehr oder minder lautsprachlich festzuhalten.
3) Christian, F.W.: »The Caroline Islands/ Travel in the Sea of Little Islands«, London 1899


Zu den Fotos
Fotos 1-4: Gespenstische Ruinen von Nan Madol, etwa 1890-1899. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Eingang zur Totengruft. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Die bunkerartige Gruft, Foto etwa 1890 bis 1899, Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Im Inneren des »Totenbunkers«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Mauerwerk im Inneren des »Totenbunkers«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Hier ließ man die vornehmen Toten verfaulen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Der Nan-Dowas-Komplex, nach einer Vorlage aus der Zeit von 1890 bis 1899. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Decke des »Totenbunkers« von oben. Foto Walter-Jörg Langbein

427 »Warum versank das Land?«,
Teil  427 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.03.2018



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 18. Februar 2018

422 „Nan Madol - das Mirakel der Südsee“

Teil  422 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein
                       


Foto 1: Nan Madol aus der Vogelperspektive.

Oxford-Professor John Macmillan Brown, unermüdlicher Forschungsweltreisender und einer der großen Gelehrten Neu Seelands, Gründer die »University of Canterbury« von Christchurch, anno 1924 in »The Riddle of the Pacific« (1): »Beim südöstlichen Riff von Ponape gibt es eine zyklopische Ruine; da sind große Gebäude mit einer Grundfläche von insgesamt elf Quadratmeilen errichtet worden, auf quadratischen oder rechteckigen künstlich geschaffenen Inselchen. Das Verschiffen über das Riff bei Flut und das Hochzerren dieser gewaltigen Blöcke, wovon viele bis zu fünfundzwanzig Tonnen wiegen, bis in eine Höhe von zwanzig Metern, muss den Einsatz von Zehntausenden von gut organisierten Arbeitern bedeutet haben. Und die müssten alle gekleidet und ernährt worden sein.«
     
Das aber, so der Gelehrte, war eigentlich unmöglich: Für zehntausende Arbeiter war kein Platz. Zehntausende konnten nicht hinreichend ernährt werden. So viel Nahrungsmittel konnten auf dem kleinen Eiland gar nicht produziert werden. Und selbst wenn die Arbeitssklaven kärglichst verköstigt wurden, so hätten sie doch unübersehbare Spuren hinterlassen müssen. Selbst wenn sie in armseligsten Behausungen vegetiert hätten, derlei große Ansiedlungen verschwinden nicht spurlos. Fazit: Um die Bauten von Nan Madol zu verwirklichen, wären Zigtausende von Arbeitern erforderlich gewesen. Ein auch nur annähernd großes Heer von Arbeitern hat es aber auf Nan Madol nie gegeben. Also dürfte es eigentlich die Anlagen von Nan Madol gar nicht geben. Sie existieren aber. Professor Macmillan Brown (2): »Es ist eines der großen Mirakel der Südsee!«

Foto 2: Der Svartifoss-Wasserfall.

Im Skaftafell-Nationalpark im Südosten Islands gibt es eine besondere Sehenswürdigkeit: den Svartifoss-Wasserfall. Tosende Wassermassen stürzen da weiß schäumend in die Tiefe, und das vor schwarzen Basaltsäulen. So soll zumindest auch einer der »Steinbrüche« von Nan Madol aussehen. Die Säulen mussten nur noch gebrochen und transportiert werden. Trotz mehrerer Anläufe ist es mir nicht gelungen, einen der Steinbrüche zu besichtigen. Ich muss zugeben: Die Ruinen waren mir sowieso wichtiger.

Wie groß Nan Madol einst wirklich war, wir wissen es nicht. Man kann davon ausgehen, dass Teile der heutigen Ruinenstadt im Meer versunken sind. Taucher haben Reste von einstmals wohl riesenhaften Bauten weiter im Westen von Nan Madol auf dem Meeresgrund entdeckt. Eine Untersuchung hat es dort bis heute nicht gegeben. Klar ist: Die »Säulen« wurden von der Erde gestellt, schlagen und transportieren musste sie der Mensch. Svartifoss, Skaftafell national park, Island

Fotos 3 und 4: Der »Urwald« von Pohnpei bietet noch manches Geheimnis.

Warum hat man aber die Gebäude nicht in der Nähe des Steinbruchs errichtet? Genauer: Warum hat man die Stadt aus Basaltsäulen nicht in der Nähe eines der Steinbrüche gebaut? Mehrere heute von Urwaldickicht überwucherte Orte werden als potentielle ehemalige Steinbrüche gewertet. Erreichbar waren sie bei meinen Besuchen leider nicht. Dann wäre das Problem des Transports der Säulen erst gar nicht aufgekommen. Irgendwie muss es vor vielen Jahrhunderten gelöst worden sein. Wie? Eine überzeugende Antwort vermögen die Archäologen nicht zu bieten. Warum wurden an der entgegengesetzten Seite der Hauptinsel erst im Meer unter kaum vorstellbarem Aufwand 92 künstliche (oder mehr) Inseln gebaut, um als Fundamente für eine steinzeitliche Anlage monströser Bauten zu dienen? Warum schuf man direkt im Meer eine Stadt? Und nicht auf dem Festland von Temuen selbst?
    
Warum wurde überhaupt mit Stein gebaut? Gab und gibt es doch Holz in unbeschreiblichem Überfluss. Holzstämme standen  in ausreichendem Maße zur Verfügung, um die ganze Insel mit Häusern und Tempeln förmlich zu überziehen. Warum verschmähte man aber dieses leicht zu bearbeitende Material und zog tonnenschwere Basaltsäulen vor? Wie wurden die bis zu neun Meter langen und oft mehr als zehn Tonnen schweren Säulen transportiert? Welchem Zweck dienten die Bauwerke?

Foto 5: Flug über Nan Madol.

James G.O’Connell war vermutlich der erste Europäer, der die geheimnisvolle Welt von Nan Madol bestaunte und ausführlich beschrieb. In seinem Werk »Adventures of James G. O’Connell«, 1836 in Boston publiziert, lesen wir (3):

»Das schönste Abenteuer dieser Exkursion war die Entdeckung einer großen unbewohnten Insel, auf der erstaunliche Ruinen waren, von einem geradezu wirklich wundersamen Umfang und Ausmaß. Im äußersten Osten befindet sich eine große flache Insel, die bei Flut in dreißig oder vierzig kleinere unterteilt zu sein scheint, nämlich vom Wasser, das dann ansteigt und über sie fließt. Dort gibt es keine Felsen, die von der Natur aus dort befinden. (Sie müssen also von Menschenhand hingeschafft worden sein.) In manchen Teilen wachsen Früchte, reifen und verfaulen. Aus einer gewissen Entfernung scheinen die Ruinen eine fantastische Anhäufung durch Mutter Natur zu sein, als wir uns aber näherten, waren wir erstaunt ob der offensichtlichen Spuren von Menschenhand bezüglich ihrer Errichtung.

»Die Flut war hoch, unser Kanu wurde in einen schmalen Bach gepaddelt, der so eng war, dass er an manchen Stellen kaum durchfahren konnte. Am Eingang passierten wir viele Yards zwischen zwei Mauern, die so nah waren, dass wir beide vom Boot aus, ohne seine Lage zu verändern, die Wände hätten berühren können.«
    
Foto 6: Die Küste von Pohnpei.

Für die Bewohner der Hauptinsel war die Ruinenwelt absolutes Tabu (»majorhowi«). Ein Zauber, so warnte man James G. O’Connell eindringlich, liege auf der mysteriösen Stätte und werde ihn töten, so er den heiligen Bauten auch nur nahe komme. O’Connell ließ sich nicht abschrecken. Immer wieder kehrte er zurück, beobachtete, studierte und notierte seine Eindrücke. Bewundernd hielt er fest: »Die immense Größe eines Teils der Steine in den Wänden machte es unmöglich, dass sie ohne die Hilfe einer mechanischen Apparatur hätten eingebaut werden können, welche allem überlegen hätte sein müssen, was ich bei den Insulanern sah.«

Am 26. August 1857 veröffentlichte Dr. L. H. Gulick in »The Friend« seinen Bericht eines Besuchs von Nan Madol. Da heißt es: »Die gesamte Hauptinsel, und auch kleinere der bescheidensten Größe sind, so kann man sagen, von steinernen Strukturen überzogen, die man gewöhnlich als Ruinen bezeichnet, obwohl man daraus nicht ableiten sollte, dass sie tatsächlich in einem ruinenhaften Zustand sind. Es ist schwierig eine Meile, ja auch nur die Hälfte davon, in irgendeine Richtung zu gehen, ohne auf die Überreste uralter  Arbeit zu stoßen. Sie werden an allen möglichen Orten entlang der Küste, Meilen davon entfernt im Landesinneren, auf Anhöhen und in abgeschlossenen Tälern, auf flachen Ebenen und an Steilhängen gefunden.«

Foto 7: Schützt ein Fluch die künstlichen Inseln von Nan Madol?

»Nan Douwas« heißt eine der Inseln, für die allein sich jeder Pohnpei-Besucher mehrere Tage Zeit nehmen sollte. Lihp Spegal, der tüchtige Guide, der mich  mehrere Tage lang durch die steinernen Anlagen von Nan Madol geleitet hat, übersetzt den Namen so: »Im Mund des Hohen Häuptlings«. Was das zu bedeuten hat, wusste er nicht zu sagen. Justan dieser Stelle soll einst die Gottheit Nahnisohnsapw verehrt worden sein. Hier wurden die ersten Herrscher von Nan Madol feierlich in bunkerartigen Grüften bestattet. Jene Auserwählten sollen noch Kontakt zu den himmlischen Lehrmeistern gehabt haben, die auch in der Südsee als reale Wesen angesehen wurden, nicht etwa als geistige Prinzipien oder Verkörperung von Naturgewalten.
    
»Nan Douwas« macht einen wahrlich imposanten Eindruck. Die äußeren Mauern, bestehend aus meterlangen Basaltsäulen, sind stolze neun Meter hoch und drei Meter dick. Das riesige Geviert ist quadratisch angelegt. Jede Seite misst neunzig Meter. Vorsichtigen Schätzungen zufolge wurden allein hier schon 25 000 Basaltsäulen verarbeitet! Im Inneren folgt eine weitere Mauer, die einen Innenhof umgibt. Sie ist wiederum aus Basaltkolumnen errichtet worden. Aus gleichem Material ist auch die zentrale Gruft, die an einen Bunker erinnert. Die meterlangen »Steinbalken« sind millimetergenau aufeinandergesetzt. Auf Mörtel oder ein sonstiges Bindemittel wurde verzichtet. Geschickt wurden immer wieder bewusst Hohlräume ausgespart und mit zerstoßenen Korallen aufgefüllt. Verarbeitet wurden allein für die Gemäuer von »Nan Douwas« 13.500 Kubikmeter Füllmaterial und 4.500 Kubikmeter Basalt in Form von Steinsäulen.
     
Foto 8: Unser Rennkann vor Nan Dowas.

Worte sind zu schwach, um hinreichend zu beschreiben, was die Väter des achten Weltwunders einst vollbracht haben! Selbst noch so gute Fotos können die unglaublichen Leistungen der alten Südseebewohner nicht ausreichend würdigen. Die riesigen Gebäudekomplexe lassen sich nun einmal nicht wirklich fototechnisch erfassen. Wer freilich in der tropischen Hitze an Ort und Stelle die mysteriösen Bauwerke abgeschritten ist, der begreift, dass Nan Madol  mit Fug und Recht als achtes Weltwunder bezeichnet wird.
    
Fotos 9-11: Pflanzen gedeihen im Salzwasser?

Doch selbst wer es vor Ort erkundet, kann nur erahnen, wie gewaltig der riesige Komplex einst war. Auch heute können noch manche Kanäle per Boot mit möglichst geringem Tiefgang  erkundet werden. Andere wiederum sind fast vollständig von tropischem Blattwerk zugewuchert. Es ist ein faszinierendes Erlebnis,  sich vorsichtig per Boot in jenes grüne Dickicht hineinzuwagen. Hohe Pfahlwurzeln ragen weit aus dem brackigen, manchmal faulig riechenden Wasser heraus, verzweigen sich oberhalb des Wasserspiegels zu bizarren gewachsenen »Kunstwerken«.

»Wie können Pflanzen im Salzwasser wachsen?« Lihp Spegal zuckt mit den Schultern. »Es gibt hier wahrscheinlich Süßwasserquellen! Im Gemisch aus salzigem und süßem Wasser gedeihen Pflanzen, die in Salzwasser  absterben würden!«
    
Fußnoten
1) Brown, John Macmillan: »The Riddle of the Paific«, Honolulu, Hawaii,
Nachdruck 1996, Seite 52, Zwischenüberschrift »A vanished Empire Had Ponape as Centre«. (Zu Deutsch: »Ein verschwundenes Reich hatte Ponape als Zentrum«) 
2) ebenda, Zeilen 9 und 10 von unten (Übersetzung aus dem Englischen durch den Verfasser.)
3) Manuskript-Kopie. Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 12: Geheimnisvoller Pazifik.
Zu den Fotos
Foto 1: Nan Madol aus der Vogelperspektive. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 2: Der Svartifoss-Wasserfall. Foto: wiki commons Andreas Tille
Fotos 3 und 4: Der »Urwald« von Pohnpei bietet noch manches Geheimnis. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Flug über Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Die Küste von Pohnpei. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Schützt ein Fluch die künstlichen Inseln von Nan Madol? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Unser Rennkann vor Nan Dowas. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9-11: Pflanzen gedeihen im Salzwasser? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Geheimnisvoller Pazifik. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

423 »Eine Apokalypse, zwei Zauberer und fliegende Steine«,
Teil  423 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.02.2018


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)