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Sonntag, 15. März 2020

530. »Rebellion der Himmelssöhne«

Teil 530 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Ruinenstadt Nan Madol aus der Luft.

»Pohnpei«, auch als »Ponape« bekannt, gehört zur Inselgruppe der Karolinen. Touristen verirren sich nur selten in diese weit abgelegene Region der Südsee. Man muss sprichwörtlich um unseren Planeten reisen und sieht am Ziel »nur« Ruinen und keine Spur von Südseeromantik. Manche kommen, um im glasklaren Wasser zu tauchen. Erstaunt stellen sie dann fest, dass es eine echte archäologische Sensation gibt. Auf künstlichen Inseln wurden gigantische Bauten errichtet. Aus gewaltigen Steinsäulen wurden meterdicke Mauern aufgetürmt, die keinen erkennbaren Sinn ergeben.

Warum wurde in der fernen Südsee so gigantisch gebaut? Warum setzte man unvorstellbare Mengen an massivem Stein ein? Warum schichtete man kolossale Steinsäulen im »Blockhüttenstil« aufeinander? Warum machte man sich unendliche Mühen mit tonnenschwerem Stein, statt das viel einfacher zu bearbeitende, leichter zu transportierende und im Übermaß vorhandene Holz zu nutzen?

Von Pohnpeis Hauptstadt Kolonia (Einwohnerzahl: etwa 6.100/ Stand Frühjahr 2020) aus war ich mit einigen Freunden im Motorboot Richtung »Nan Madol«-Ruinen unterwegs. Plötzlich tauchte ein Delphin auf, der uns einige Minuten lang in gleichbleibendem Abstand verfolgte. Guide Lihp Spegal holte das Letzte aus dem Motor heraus und beschleunigte die Fahrt unseres Bootes. Das beeindruckte den Delphin offensichtlich überhaupt nicht. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit holte er auf und begleitete uns in geringem Abstand. Er schwamm neben unserem Boot, vollführte dabei immer wieder beachtliche Sprünge. Bald wurde es dem Tier wohl zu langweilig. Der Delphin überholte uns, wurde immer schneller, beschleunigte weiter und war nach kurzer Zeit aus unserem Gesichtsfeld verschwunden. Minuten später tauchte er wieder neben unserem Boot auf, schwamm wieder mit erstaunlicher Geschwindigkeit neben uns her und verschwand dann wieder.

Foto 2: Mythos Delphin im Westwerk von »Kloster Corvey«.

Lihp Segal erzählte uns auf der Fahrt zu den mysteriösen Ruinen einige abenteuerlich anmutende Geschichten, von Delphinen, die Schiffbrüchige gegen angreifende Haie verteidigt hätten. Einheimische Fischer seien bei Sturm gekentert und sofort von Haien attackiert worden. Delphine hätten nun die Haie angegriffen und vertrieben. Mancher schiffbrüchige Seemann sei vor dem Ertrinken durch Delphine bewahrt und ans ferne rettende Ufer gezogen worden. Unser Guide beteuerte, das alles sei wirklich geschehen.

Auf der weiteren Fahrt zu den mysteriösen Ruinen von Nan Madol berichtete ich von Göttin Demeter. Ich war froh, auch etwas zur spannenden Unterhaltung beitragen zu können. In der griechischen Mythologie, so führte ich aus, tauchen Delphine als Tiere dieser mächtigen Göttin auf.  Sehr interessiert hörte Lihp Segal zu, als ich  die Sage von Sonnengott Apollon wiedergab. Der wurde angeblich auf einer Insel mitten im Meer geboren und schließlich von einem Delphin ans Festland gebracht. Zum Sternbild »befördert« wurde der Delphin zur Belohnung für die tatkräftige Unterstützung von Gott Poseidon. Dank des Delphins hat die Meeresnymphe Amphitrite den verliebten Gott erhört.

In der Kunst des »Alten Griechenlands« gibt es viele Darstellungen der Nereiden, die auf dem Rücken von Delphinen reiten. Im Westwerk des einstigen Klosters zu Corvey wurde vor vielen Jahrhunderten ein Delphin in einer Wandmalerei verewigt, auf dem eine Person unbestimmbaren Geschlechts reitet. Warum verewigte man ein heidnisches Motiv in einem christlichen Gotteshaus? Weil die heidnische Legende von der christlichen Glaubensgemeinschaft übernommen wurde. Nur war es jetzt Christus, der Retter der Seelen, den man in den heidnischen Delphinen zu erkennen glaubte. Offensichtlich halten sich religiöse Symbol sehr viel hartnäckiger als die Anhänger verschiedener Religionen glauben möchten. In »neuen« Religionen leben »alte« Glaubensbilder weiter. Sie werden nur mehr oder minder unverändert integriert.

Foto 3: Percy John Wisemans
Werk im Original.
Bereits im Jahr 1936 erschien das Buch (1) »New Discoveries in Babylonia about Genesis« von Percy John Wiseman, einem biblischen Offizier und Amateurarchäologen. Eine Übersetzung ins Deutsche folgte 1957 (2): »Die Entstehung der Genesis: Das erste Buch der Bibel im Licht der archäologischen Forschung«. Das Buch stieß auf ein gewisses Interesse, so dass einige weitere Auflagen folgten (3). In der theologischen Welt hüllte man sich allerdings weitestgehend in Schweigen. Air Commodore Wiseman war fasziniert von der Flut von archäologischen Entdeckungen in Mesopotamien. Tausende und Abertausende von Tontafeln in Keilschrift sind damals ausgegraben worden. Bienenfleißige Übersetzer übertrugen die teilweise mysteriösen Texte in moderne Sprachen. Wiseman konzentrierte sich auf die Art und Weise, wie einige der gebackenen Tontafeln strukturiert waren. Viele wiesen eine Besonderheit auf. Nach einem Textabschnitt folgte wieder ein sogenanntes »Kolophon«. Da stand dann formelhaft beispielsweise wer eine Tafel zu welchem Zweck geschrieben hat. Oder es wurde angemerkt, dass der Textabschnitt auf Befehl eines bestimmten Königs kopiert worden ist. Häufig wurde einem Textabschnitt eine Überschrift vorangestellt, die am Ende des Textabschnitts wiederholt wurde.

Viele Keilschrifttafeln trugen einen in sich abgeschlossenen Text. Viele Keilschrifttafeln bildeten aber so etwas wie ein fortlaufendes »Buch«. Wenn so eine Keilschrifttafel Teil einer Serie war, dann wurden häufig am Anfang und am Ende in einem »Kolofon« Verknüpfungsinformationen hinzugefügt. So sollte gewährleistet sein, dass die Keilschrifttafeln in einer ganz bestimmten Reihenfolge gelesen wurden.

Foto 4: Percy John Wisemans
Buch in deutscher Übersetzung.
Percy John Wiseman machte nun eine erstaunliche Entdeckung. Das Phänomen der »Kolofone« war nicht nur typisch für mesopotamische Keilschrifttafeln. Es tauchte in identischer Weise im biblischen Buch »Genesis«, im »Ersten Buch Mose«, auf. Am Ende seiner detektivischen Fleißarbeit schlussfolgerte Wiseman, dass das biblische Buch Genesis »ursprünglich in ganz alter Schrift auf Tontäfelchen niedergeschrieben wurde«. Mit anderen Worten: Das »Erste Buch Mose« ist zumindest in Teilen uralt, die von Keilschrifttafeln übernommen und kopiert wurden.

Wiseman (4): »Das Vorkommen babylonischer Wörter in den ersten elf Kapiteln der Genesis weist darauf hin, daß diese Kapitel in sehr früher Zeit im babylonischen Lebensraum entstanden sind.«
Theologen beschäftigen sich im Fachbereich »Altest Testament« in der Regel auch heute noch nur mit den Texten des »Alten Testaments«. Ihnen fällt dann natürlich nicht auf, was Percy John Wiseman bereits in den 1930er Jahren entdeckt hat. Und Keilschriftexperten setzen sich in der Regel nur mit Keilschriften aus Babylon auseinander und nicht mit den Texten des »Alten Testaments«. Ihnen kann also auch nicht auffallen, dass das Buch Genesis ganz nach babylonischer Art geschrieben wurde. Es ist mehr denn überfällig, dass es zu interdisziplinärer Arbeit kommt, etwa zwischen Experten »Altes Testament« und Experten »Babylonische Keilschrifttafeln«. Vielleicht müssen dann bis heute als gültig angesehene Lehrmeinungen über die Entstehung des »Alten Testaments« gründlich revidiert werden! Davor schreckt die überwältigende Mehrheit der Theologen zurück.

Wenn Theologie wissenschaftlich arbeiten will, dann dürfen Theologen nicht an dem manchmal recht engen Horizont ihres Denkens halt machen. Es müssen dann Zusammenhänge zwischen biblischem und außerbiblischem Schrifttum erforscht werden. Beispiel: die mysteriösen Riesen, die kurz und bündig im »Ersten Buch Mose« erwähnt werden. Zur Erinnerung: Nach »Genesis« (5) paarten sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern, woraus dann die Riesen entstanden, die »hochgerühmten«.

Die ausführlichste Beschreibung über die Entstehung der Riesen außerhalb der Bibel ist im Buch »Henoch« nachzulesen. Meine Quelle (6): »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments« von Emil Kautzsch.

Unter der Überschrift »Der Fall der Engel, ihre vorläufige und endgültige Bestrafung« lesen wir in »Das Buch Henoch«(7): »Nachdem die Menschenkinder sich gemehrt hatten, wurden ihnen in jenen Tagen schöne und liebliche Töchter geboren. Als aber die Engel, die Himmelssöhne, sie sahen, gelüstete es sie nach ihnen und sie sprachen untereinander: ›Wohlan, wir wollen uns Weiber unter den Menschentöchtern wählen und uns Kinder zeugen.‹« Auch in Rießlers Textsammlung (8) »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler« wird das »Henochbuch« (9) geboten. Rießlers Übersetzung leicht marginal von der bei Kautzsch ab (10): »Als sich die Menschenkinder vermehrten, wurden ihnen damals schöne und liebliche Töchter geboren. Als die Engel, die Himmelssöhne, sie erblickten, gelüstete es sie nach ihnen, und sie sprachen untereinander: ›Wir wollen uns Weiber aus den Menschenkindern wählen und uns Kinder erzeugen!‹«

Foto 5: Sturz der Engel,
Peter Paul Rubens, um 1521
In den himmlischen Gefilden ging es offensichtlich alles andere als harmonisch zu. Da gab es offenbar Intrigen und Verschwörungen. Offenbar war es den Himmelssöhnen nicht gestattet, sich mit den Menschentöchtern zu paaren. Genau das aber taten einige. Ihr Anführer hatten Angst, am Schluss als Alleinschuldiger für die Rebellion bestraft zu werden. Der Anführer der rebellischen Himmlischen (»Engel, Himmelssöhne«) hatte offensichtlich Bedenken. Er befürchtete wohl, dass er sich nicht so recht auf seine Gefolgsleute verlassen konnte (11):

»Semjasa aber, ihr Oberster, sprach zu ihnen: ›lch fürchte, ihr werdet wohl diese Tat nicht ausführen wollen, so dass ich alleine eine große Sünde zu büßen haben werde.‹ Da antworteten ihm alle und sprachen: ›Wir wollen alle einen Eid schwören und durch Verwünschungen uns untereinander verpflichten, diesen Plan nicht aufzugeben, sondern dieses beabsichtigte Werk auszuführen.‹ Da schworen alle zusammen und verpflichteten sich untereinander durch Verwünschungen. Es waren ihrer im ganzen 200, die in den Tagen Jareds auf den Gipfel des Berges Hermon herabstiegen. Sie nannten aber den Berg Hermon, weil sie auf ihm geschworen und durch Verwünschungen sich untereinander verpflichtet hatten.«

Eine Mannschaft von 200 »Himmlischen« widersetzte sich in überirdischen Gefilden, ja wem? Gott? Gab es einen Aufstand, eine Rebellion? Diese Vorstellung passt nicht so recht zum Verhältnis zwischen Himmlischen (Engeln/ Gottessöhnen) und Gott. Wie dem auch sei, die Rebellen vereinbarten in einer geheimen, trotzigen Absprache, das Verbot zu brechen und die Konsequenzen gemeinsam zu tragen. Überliefert sind nur die Namen des obersten Anführers und von im Rang niedriger stehenden Anführern der himmlischen Rebellion (12):

»Dies sind die Namen ihrer Anführer: Semjasa, ihr Oberster, Arakib, Arameel, Akibeel, Tamiel, Ramuel, Danel, Ezequel, Saraqujal, Asael, Armers, Batraal, Anani, Zaquebe, Samsaveel, Sartael, Turel, Jomael, Arasjal. Diese und alle übrigen nahmen sich Weiber, jeder von ihnen wählte sich eine aus, und sie begannen zu ihnen hineinzugehen und sich an ihnen zu verunreinigen. Sie lehrten sie Zaubermittel, Beschwörungsformeln und das Schneiden von Wurzeln und offenbarten ihnen die heilkräftigen Pflanzen. Sie wurden aber schwanger und gebaren 3.000 Ellen lange Riesen.«

Das Henoch-Zitat belegt, dass die »Himmelssöhne« für die Menschen zu Lehrmeistern wurden. Sie unterrichteten die Menschen. Sie brachten ihnen offenbar verbotenes Wissen bei. Denken wir an den Baum der »Erkenntnis« im Paradies, der für Adam und Eva unter Androhung der Todesstrafe  tabu war (13): »Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.«

Völlig unglaubwürdig hingegen ist die Behauptung, die Riesen seien »3.000 Ellen lang« geworden. Auch wenn die biblische Elle nicht genau umrechenbar ist, weil es verschiedene Ellen gegeben zu haben scheint, so entsprächen 3.000 Ellen etwa 1,5 km! Hier muss wohl ein späterer Textbearbeiter erschrocken zwei Nullen hinzugefügt haben.

Fußnoten
(1) Wiseman, P(ercy) J(ohn): »New Discoveries in Babylonia about Genesis«, Marshall, Morgan & Scott, London 1936
(2) Wiseman, Percy John: »Die Entstehung der Genesis«, Verlag Sonne und Schild, Wuppertal, 1957
(3) Wiseman, Percy John: »Die Entstehung der Genesis«, Brockhaus, Wuppertal  1968, 2. Aufl. 3. Auflage 1971, 4. Auflage 1987, 5. Auflage 1989
(4) Wiseman, Percy John: »Die Entstehung der Genesis«, Brockhaus, Wuppertal  1968, 3. Auflage 1971, Seite 146, 10.-7. Zeile von unten
(5) 1. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 1-4
(6) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900
(7) Ebenda, Seite 238, Kapitel 6, Verse 1+2
(8) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928
(9) Ebenda, Seiten 355-473
(10) Ebenda, Seite 358
(11) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900. Seiten 238+239, Kapitel 6, Verse 3-6
(12) Ebenda, Seite 239, Kapitel 6, Vers 7 und Kapitel 7, Verse 1+2
(13) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Verse 16+17

Zu den Fotos
Foto 1: Die Ruinenstadt Nan Madol aus der Luft. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Mythos Delphin im Westwerk von »Kloster Corvey«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
(Zeichnerisch rekonstruiert und gespiegelt!)
Foto 3: Percy John Wisemans Werk im Original. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Percy John Wisemans Buch in deutscher Übersetzung. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sturz der Engel, Peter Paul Rubens, um 1521. gemeinfrei

531. »Nicht eines Menschen Atem«,
Teil 531 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. März 2020


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Sonntag, 11. März 2018

425 „Das himmlische Riff“

Teil  425 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Reste des einstigen Schutzwalls.

Nan Mwoluhsei, die gewaltige Wallanlage vor der Seeseite von Nan Madol heißt übersetzt »Wo die Reise endet«. Für wen? Für die Insulaner, die mit ihren Booten nach Nan Madol kamen? Vor Ort erfuhr ich eine andere Erklärung: Dort habe die Reise  für die vom Himmel Kommenden geendet. Dort habe sich für die himmlischen Wesen, die einst aus den Tiefen des Alls zur Erde kamen, der »Eingang« zur Erde befunden.

Deshalb lautet der älteste Name von Nan Madol »Soun Nan-leng«, zu Deutsch »das himmlische Riff«. Warum? Weil dort die Götter vom Himmel zur Erde herabstiegen und auch wieder von dort aus gen Himmel entschwanden. Nan Madol war für die Götter der Ort, wo ihre Reise endete. Wo sie zur Erde herabkamen, da war das »himmlische Riff«. Sie waren nicht von dieser Welt. Ihre eigentliche Heimat lag im Himmel.

Dabei dachte man keineswegs an überirdische Gefilde im religiösen Sinne. Man verstand darunter nicht einen transzendenten Ort, an dem die seligen Geister von Verstorbenen auf Wolken sitzend Manna verspeisen und zu lieblichen Lautenklängen frommes Liedgut singen. In »Polynesiean Mythology« wird dieser Himmel als ein recht ungastlicher Ort beschrieben. Aus dem Munde einer Himmlischen, die zur Erde herabgekommen war, erfahren wir, dass ihr unsere Erde sehr gut gefällt. Und das im Gegensatz zum »Himmel«:

Foto 2: Reste des einstigen Schutzwalls.
    
     »Ich liebe diese Welt.
     Sie ist nicht kalt und leer wie
     der hohe Raum dort oben.«

Seltsam, wie exakt diese Beschreibung des Weltalls den Erkenntnissen entspricht, wie wir Menschen des 20. Jahrhunderts sie der Raumfahrt verdanken! Auch für die Götter aus dem All war unser blauer Planet »himmlischer« als das kalte, leere All. Wenn also davon die Rede ist, dass die Götter vom »Himmel« zur Erde kamen, dann ist damit eben nicht ein über den Wolken vermutetes Paradies im Gegensatz zur harten Realität auf der Erde gedacht! Lassen wir den legendären Gott der Südsee Pourangahua zu Wort kommen. Er frohlockt geradezu über seine Ankunft auf der Erde:
    
     »Ich komme,
     und eine unbekannte Erde
     liegt unter meinen Füßen.
     Ich komme,
     und ein neuer Himmel dreht (sich)
     über mir.
     Ich komme
     auf diese Erde und sie ist
     ein friedlicher Rastplatz für mich.
     O Geist des Planeten!«

Hier spricht kein körperloses Geistwesen aus einem Himmel im fromm-religiösen Sinne, sondern ein real-körperliches Wesen, das als Astronaut von Welt zu Welt, von Planet zu Planet reist.
    
Fotos 3-5: Götterstatue von Ponape.

Kontakte zwischen den himmlischen Besuchern und den irdischen Bewohnern von Nan Madol gab es immer wieder. Sie blieben nicht immer ohne Folgen. Paul Hambruch, der deutsche Gelehrte und Archäologe, erkundete zu Beginn unseres Jahrhunderts intensiv die Geheimnisse von Nan Madol.  Wissende Einheimische fassten Vertrauen zu ihm und erzählten dem Deutschen einige ihrer heiligen Überlieferungen, die er sorgsam notierte, und zwar in der Originalsprache Nan MadMadolsd in der deutschen Übersetzung. Da begegnen wir zum Beispiel dem Himmelsgott Nan Dzapue, der mit höchst »menschlichen« Absichten auf unseren Planeten kam.   
    
Foto 6: War Gott Nan Dzapue ein Astronaut?

»Einstmals verließ Nan Dzapue den Himmel und stieg nach Pankatera hinab; dort trieb er Ehebruch mit der Frau des Sau Telur. Sie trafen einander und badeten in einem Bach. Er beschlief sie auf der Stelle.« (1) Die Geburt seines Sohnes wartete der himmlische Vater nicht ab: »Nan Dzapue begab sich wieder in den Himmel zurück.« Sohn Iso Kalakal entwickelte sich zu einem kriegerischen Helden und begründete die erste große Herrscherdynastie von Nan Madol.
    
Berichte über die Frühgeschichte von Nan Madol wurden über viele Jahrhunderte hinweg mündlich weitergereicht, von Generation zu Generation. Die heiligen Legenden wurden von unzähligen Generationen als Tatsachenberichte aufgefasst und als solche den Jungen vererbt, die wiederum ehrfurchtsvoll die Texte auswendig lernten - um sie wiederum der nächsten Generation anzuvertrauen. Noch im 19. Jahrhundert gab es kaum einen Inselbewohner, der nicht firm war in den altehrwürdigen Überlieferungen. Heute sterben die Wissenden nach und nach aus. So droht ein reiches kulturelles Erbe, dessen wahres Alter niemand kennt, in Vergessenheit zu geraten.
    
Foto 7: Lageplan Nan Madol

Diesem Trend wirken zahlreiche Studenten der örtlichen Hochschule »Community College of Micronesia«, Kolonia, Pohnpei, entgegen. In mühevoller Kleinarbeit haben sie sich alte Erzählungen diktieren lassen und schriftlich festgehalten. So entstand die wertvolle Mythensammlung  »Never and Always«. Diesem Standardwerk zufolge gehen die Siedlungen auf den künstlichen Inseln von Nan Madol auf zwei legendäre Brüder –  Olsihpa und Olsohpa –  zurück. Sie kamen von »irgendwoher« aus dem Westen. Bei ihrer Ankunft fanden die Beiden freilich bereits Bewohner vor - solche der göttlichen Art. Die Brüder, sie werden als Halbgötter bezeichnet, sollen magische Kräfte besessen haben. Ohne Schwierigkeit ließen sie die Basaltsäulen vom entfernt gelegenen Steinbruch herbeischweben. Göttliche Magie wurde demnach genutzt um die scheinbar anders nicht zu erklärenden Leistungen beim Transport unvorstellbarer Steinmengen zu bewerkstelligen.
    
Arthur C. Clarke schrieb, dass eine fortschrittliche Technologie der Zukunft aus heutiger Sicht von Magie kaum mehr zu unterscheiden sein wird (2). Wenn bei der Erstellung der steinernen Welt von Nan Madol tatsächlich Außerirdische »die Hand im Spiel« gehabt haben sollten, dann muss ihr Wirken für die Inselbewohner tatsächlich wie Zauberei ausgesehen haben!

Foto 8: Blick ins All.
Die überirdischen, göttlichen Ur-Gründer von Nan Madol lebten, so heißt es in uralten Überlieferungen, im Meer. Masao Hadley, angesehener Wächter von Nan Madol: »Bevor das Volk von Pohnpei hier ankam, da gab es schon die Stadt der Götter! Auf dem Meeresgrund! (3)« Diese Behausungen tief unter dem Meeresspiegel sollen auch heute noch zu finden sein: Direkt bei Nan Mwoluhsei, also dort, wo die Reise endet - die der Götter aus dem All? Davon sind auch heute noch die Einheimischen überzeugt. Mutige Taucher, so wird berichtet, sind in jene Gefilde vorgedrungen und haben Ruinen erblickt. Diese Überreste einer uralten Urkultur hat noch niemand zu erforschen gewagt. Ein göttlicher Fluch soll auf ihnen ruhen und jeden Menschen töten, der sich den einstigen Behausungen der himmlischen Wesen nähert.
     
David Hatcher Childress ließ sich auch durch noch so Furcht einflößende Schilderungen der tödlichen Auswirkungen dieses Fluchs nicht davon abhalten, zusammen mit einigen Freunden vor Ort zu tauchen. In einer Tiefe von zwischen zwanzig und fünfunddreißig Metern unter dem Meeresspiegel stießen sie immer wieder auf senkrecht stehende Monolithen. Sie traten häufig paarweise auf und waren fast immer stark mit Korallen überwuchert. Childress (4): »Einige dieser Steine tragen Gravuren, zum Beispiel Kreuze, Quadrate, Rechtecke und auf einer Seite offene Vierecke. Ähnliches habe ich in den fantastischen Ruinen in den Bergen Boliviens, bei Puma Punku, einige Meilen von Tiahuanaco entfernt, gesehen. Gab es eine Verbindung?«

Waren das die ersten Hinweise auf die Stadt der Götter? Childress und seine Kollegen stellten fest: Unweit der stehenden Säule fiel der Meeresboden noch weiter ab, vermutlich auf fünfzig bis sechzig Meter. In jene tieferen Regionen wagten sie nicht hinabzutauchen (4).
    
Bereits 1980 hat Dr. Arthur Saxe die unterseeische Nachbarschaft von Nan Madol tauchend erkundet. Das geschah im Auftrag der Behörde »The Trust Territory of the Pacific«. Dr. Saxe veröffentlichte in einer wissenschaftlichen Broschüre seine unter Wasser gewonnenen Erkenntnisse. So berichtet er von senkrecht stehenden Säulen, die in einer schnurgeraden Linie verlaufen, die sich wiederum in den Tiefen des Meeres verliert. Sie haben einen Durchmesser, so der Gelehrte, zwischen  70 cm und zwei Metern. Ihre Länge war nicht festzustellen, da nicht eruiert werden konnte, wie tief sie im Boden des Meeresgrundes stecken. Besonders imposant: Majestätisch ruht da eine fast sieben Meter hohe Säule auf einer flachen Plattform, die an einem unterseeischen Abhang eingearbeitet ist.
     
Foto 9: Blick ins All.
Meine Forderung: Es ist endlich an der Zeit, den Meeresboden um Nan Madol herum gründlich zu erforschen. Es genügt nicht, planlos herumzutauchen. Vielmehr muss sehr sorgsam kartografiert werden. Und es gilt, die Säulen auf dem Meeresgrund zu vermessen. Schließlich muss versucht werden, auch jene tiefer gelegenen Regionen - vielleicht mit Mini-U-Booten? - zu erfassen, in die bisher noch keine Taucher vorgedrungen sind. Wird man dann endlich die uralten Stadt der Götter, über die die Überlieferungen berichten, entdecken? Warten gar mehrere solche Götter-Metropolen in den Tiefen der Südsee? Davon sind zahlreiche Bewohner von Pohnpei überzeugt. Ein solches Unterfangen ist freilich extrem kostspielig. Auch heute fehlen, wie schon seit Jahrzehnten, die Mittel, um auch nur die wichtigsten bekannten Ruinen vor dem weiteren Verfall zu bewahren.
    
Literatur
Ashby, Gene (Hrsg.): »A Guide to Pohnpei/ An Island Argosy by George
     Ashby«, 2. revidierte Auflage, Kolonia 1993
Ashby, Gene (Hrsg.): »Micronesian Customs and Beliefs«, revised edition,
     Kolonia 1993
Ashby, Gene (Hrsg.): »Never and Always/ Micronesian Legends, Fables and
     Folklore«, 2. erweiterte Auflage, Kolonia 1989
Childress, David Hatcher: »Lost Cities of Ancient Lemuria and the Pacific«,  
     Stelle, Ill., USA, 1988
Hambruch, Paul: »Ergebnisse der Südsee-Expedition 1908-10«, Berlin  
     1936
Morrill, Sibley (Herausgeber): »Ponape«, San Francisco 1970
»Polynesian Mythology«, Wellington, New Zealand, o.J.

Fußnoten
1) Maschinegeschriebenes Manuskript, Privatsammlung, Ponape
2) Arthur C. Clarke: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«
3) Maschinegeschriebenes Manuskript, Privatsammlung, Ponape
4) Childress, David Hatcher: »Lost Cities of Ancient Lemuria and the Pacific«,  
     Stelle, Ill., USA, 1988

Foto 10: Nan Madol um 1899

Zu den Fotos

Foto 1: Reste des einstigen Schutzwalls. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Reste des einstigen Schutzwalls. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3-5: Götterstatue von Ponape. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Foto 6: War Gott Nan Dzapue ein Astronaut? Astronaut Bruce McCandless II im All Challengermission Foto NASA gemeinfrei.
Foto 7: Lageplan Nan Madol, Ausschnitt. Foto: wiki commons/ Hobe Holger Behr
Foto 8: Blick ins All. Foto: Wikimedia Commons/ NASA.
Foto 9: Blick ins All. Foto: Wikimedia Commons/ NASA.
Foto 10: Nan Madol um 1899. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

426 »Im Totenbunker«,
Teil  426 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.03.2018



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Sonntag, 25. Februar 2018

423 „Eine Apokalypse, zwei Zauberer und fliegende Steine“

Teil  423 der Serie Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Steinerner "Tempel" von Nan Madol.

Die mysteriösen Bauten von Nan Madol wirken je nach Licht unheimlich-düster oder trotz der Masse geradezu grazil, wie von Riesenhand spielerisch aufgetürmt. Einheimische munkeln von fliegenden Schiffen, von Wesen, die "von oben" kamen und von Magiern, die tonnenschwere Steinsäulen zum Schweben bringen konnten. Anders als mit Hilfe von wissenden Zauberern seien die Bauwerke auf den künstlichen Inselm von Nan Madol doch gar nicht zu erklären, von den massiven steinernen Fundamenten der künstlichen Eilande ganz zu schweigen.

Foto 2: Pandanus.
Pandanus wächst »unkrautartig« auf Pohnpei. Ihre Früchte wurden schon vor Jahrhunderten von den Seefahrern geschätzt. Gebacken oder zu einer Paste verarbeitet dienten sie auf langen Seereisen als Kraftnahrung für die Seeleute. Das üppige Blattwerk bietet einen angenehmen Schutz vor der  grellen Sonne. Ein mildes Halbdunkel breitet sich aus. Das Auge gewöhnt sich an die neue, angenehme Situation. Obwohl die Luft feucht und warm ist und überall kleine oder größere Tümpel ideale Brutstätten für Moskitos wären, gibt es diese bösen Plagegeister hier nicht. Überall taucht zwischen Wurzeln und Farnen  das typische Nan-Madol-Mauerwerk auf.  Lange sechs- oder achteckige Säulen sind da aufeinander getürmt. Meist sind die Mauern nicht sehr hoch, erinnern eher an rudimentäre Fundamente als an Wände. Wurden alte Gebäude weitestgehend abgetragen, wenn neue errichtet wurden? Wie wurden sie transportiert? Auf Kähnen über die Wasserstraßen?
    
Deutlicher noch sind Mauern zu erkennen, die  die Kanäle begrenzen. Oder sind es die Fundamente der künstlichen Inseln, an denen wir vorbeifahren? Auch im Wasser liegen Basaltsäulen. Wurden sie beim Transport verloren? Oder sind es Reste von Bauten, die hier einst standen? Wurden sie abgetragen, als neue künstliche Eilande angelegt wurden? Angeblich wurde mehrere hundert, vielleicht sogar tausend Jahre an der Inselwelt gebaut. Imme neue Architekten verwarfen alte Pläne und entwickelten neue. Sie ließen wieder abtragen, was Generationen zuvor errichtet hatten. Immer wieder soll Magie im Spiel gewesen sein. Zaubersprüche wurden angeblich benutzt, um die Riesensäulen leicht zu machen.
    
Foto 3: Massives Inselfundament.

Hastig huschen Fischschwärme am steinigen Boden dahin. Manchmal dringt ein Sonnenstrahl durch das Blattwerk bis auf den Grund des niedrigen Kanals. Golden blitzen Fische auf. Sie fliehen vor dem leise tuckernden, langsam dahingleitenden Motorboot.

Immer wieder sind die Spuren von schmalen Kanälen auszumachen, die einst seitlich von der »Hauptwasserstraße« wegführten. Sie sind aber verschlammt, zugewachsen und für Boote nicht mehr passierbar. »Vielleicht gibt es hier im Morast noch Reste der alten Schleusen!« mutmaßt der tüchtige Guide. »Man müsste sie ausgraben, freilegen! Aber wer soll das bezahlen?« Dann mahnt Lihp Spegal ernst zum Aufbruch: »Wir müssen umkehren! Noch ist Flut, bei Ebbe schaffen wir den Rückweg nicht! Dann ist an manchen Stellen das Wasser zu seicht!«
     
Foto 4: Massive Steinsäulen unter Wasser.

Zurück bleibt die märchenhaft schöne, verträumte Zauberwelt der künstlichen Inseln des steinzeitlichen Venedigs der Südsee. »Morgen kommen wir wieder!« Mehr als strapaziös ist der Weg  zu den mysteriösen Ruinen. Doch wer einmal hier war, ist vom geheimnisvollen friedlich-idyllischen Zauber fasziniert, der möchte immer wieder in dieses Paradies zurückkehren. Es sind nicht die erstaunlichen Ruinen allein, die faszinieren. Es ist nicht die üppige Pflanzenpracht allein, die es auf anderen Südseeinseln in bunteren Variationen gibt, die den Besucher fesselt. Es ist die dichte Atmosphäre, die von begabten Hollywoodregisseuren mit noch so vielen Dollars nicht realisiert werden könnte, die den Besucher in ihren Bann zieht: Hier sind Mythen und alte Sagen förmlich greifbar. Man spürt sie geradezu körperlich, ohne sie zu verstehen.

»Nan Douwas« (Siehe Foto 9, Lageplan, unten!) ist das am besten erhaltene steinerne Riesenbauwerk von Nan Madol. Furchteinflößende Kräfte gewaltigen Ausmaßes haben freilich dem hohen Außenwall zugesetzt. Die imposanten Basaltsäulen, die heute nur mit starken Kränen bewegt werden könnten, wurden umhergewirbelt, so als handele es sich um ein überdimensionales Mikado-Spiel. Wer oder was brachte Teile der monumentalen Mauer teilweise zum Einsturz? Ein Erdbeben? Ein Orkan? Eine Riesenwelle? Oder fielen sie von Menschenhand, in einem Krieg?

Foto 5: Pedro Fernandez de Quiros.
Anno 1595 betrat Pedro Fernandez de Quiros als erster Weißer Nan Madol. »Nan Douwas« imponierte ihm sehr. Solch eine gewaltige Festungsanlage, so schlussfolgerte der recht materiell denkende Seemann, musste doch immense Schätze bergen. Vergeblich suchte er nach Wertvollem und verschwand enttäuscht. Anno 1686 sahen sich Spanier »Nan Douwas« an. Sie beanspruchten den gesamten Inselkomplex als Besitz der spanischen Krone. Auch die neuen Herren suchten vergebens nach kostbaren Schätzen.

Anno 1826 landete James O’Connel als Schiffbrüchiger. Ihm wurde ob der Einheimischen Angst und  bange. Freilich erwiesen sich seine Befürchtungen als unbegründet. Der wackere Ire kam erst gar nicht auf den Speiseplan der einheimischen Kannibalen, die damals angeblich noch der Menschenfresserei huldigten. Er heiratete eine Einheimische und ließ sich am ganzen Körper tätowieren. Die Meister jener Kunst genossen es, die weiße Haut mit komplizierten Motiven zu überziehen. (Später zog O’Connel mit einem Zirkus um die Welt und ließ sich gegen Barbezahlung bestaunen.) Wenn je ein Außenstehender das Vertrauen der Einheimischen genossen hat, dann war es der einstige Schiffbrüchige. Auch er erfuhr freilich nichts von einem Schatz auf »Nan Douwas«.
    
Foto 6: Nebeneingang von Nan Dowas.

»Nan Douwas« ist freilich nur eine steinerne Anlage der mysteriösen Art von vielen. Sie alle wurden einst auf einer künstlichen Inseln errichtet.

»Dapahu« gilt heute als eines der ältesten künstlichen Eilande, soll etwa 230 nach der Zeitwende erbaut worden sein. Solche Datierungen sind freilich fragwürdiger denn je. Gewiss, es fanden sich hier mehr auswertbare Spuren als sonst wo in Nan Madol: unzählige Töpferwaren. Ist es aber nicht eher unwahrscheinlich, dass in den angeblich ältesten Bauwerken die meisten Spuren der einstigen Bewohner gefunden wurden? Wahrscheinlicher ist es doch, dass dort, wo besonders viele Tonwaren gefunden wurden, historisch gesehen zuletzt gesiedelt wurde. Dann aber wäre »Dapahu« nicht die älteste, sondern die jüngste Anlage. Dann müssten folgerichtig die anderen noch älter sein.
    
Foto 7: Gab es einst eine »Apokalypse« in der Südsee?

Diese Annahme wird auch durch die örtliche mündliche Überlieferung bestätigt! Auf Dapahu sollen einst die Speisen für die ersten Herrscher von Nan Madol zubereitet worden sein. Besonders hohes Ansehen genossen die Schiffsbauer. Die Besten der Besten arbeiteten für die hohen »Chefs«. Sie hatten auf Dapahu ihre Werkstätten. Oder sollte man besser sagen: ihre Büros? Denn die Herrscher mieden allem Anschein nach wo immer das möglich war jeden Kontakt mit der »niederen Bevölkerung«.

»Pahn Kadira« war, so mutmaßt man, das logistische Zentrum. Von hier aus wurden die Baumaßnahmen gesteuert. Hier wohnten die besten Steinspezialisten. Sie waren es, die die riesigen Basaltsäulen, die im Norden von Temuen aus dem Boden wuchsen, »fällten«. Allein das erforderte schon erstaunliches Können. Die gewaltigen Kolosse mussten nicht nur »geschlagen« werden. Sie mussten mit enormen Kraftaufwand niedergelassen, zum Boden abgesenkt werden, ohne dass die viele Tonnen schweren »Steinstämme« zerbrachen. Wie wurden sie abgesägt? Schließlich stand den Spezialisten damals angeblich kein Metall zur Verfügung!

Foto 8: Auch die Osterinsulaner sollen von einem »Atlantis« der Südsee gekommen sein.

In einer kleinen Privatbibliothek in Kolonia durfte ich einige erstaunliche Werke einsehen, die die Ursprünge von Nan Madol zu ergründen versuchten.  Dr. Campbell, ein Schiffsarzt, der anno 1836 Nan Madol besuchte, mutmaßte, dass die künstlichen Inseln von einer Rasse bebaut wurden, über die nichts mehr in Erfahrung gebracht werden könne. Es gebe nicht nur auf den künstlichen Inseln, sondern auch auf Ponape alias Pohnpei erstaunliche Bauten. Längst seien sie vom Urwalddickicht verschlungen und kaum noch zu finden.

Zweimal bekam ich vor Ort eine Legende erzählt, demnach kamen einst siebzehn Frauen und Männer aus einem Land weit im Süden und schufen die Fundamente der »Tempel«. Erst sehr viel später kamen die Zwillingsbrüder Olisihapa und Olsohapa in einem »riesigen Kanu«. Die Heimat der beiden Zauberer, so wird überliefert, wurde in einer katastrophalen Apokalypse zerstört und versank schließlich im Meer. Kanamwayso könnte mit der Urheimat der Osterinsulaner identisch sein. Auch die Mythologie der Osterinsel kennt ein uraltes Königreich im Pazifik, das in den Fluten versank. Der fliegende Gott Make Make soll dem Priester Hau Maka sozusagen im letzten. Moment, als neue Heimat die Osterinsel gezeigt haben. Olisihapa und Olsohapa konnten, so weiß es die mündlich  weitergereichte Mythologie, riesige Steinsäulen durch die Luft schweben lassen und zu Monstermauern und Riesentempeln auftürmen.

Foto 9: Nach wie vor mysteriös - die Osterinsel.

Zu den Fotos
Foto 1: Steinerner "Tempel" von Nan Madol. Foto um 1898, Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Pandanus. Foto Wikimedia commons/ public domain/ Luke Skywalker
Foto 3: Massives Inselfundament. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Massive Steinsäulen unter Wasser. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Pedro Fernandez de Quiros. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Nebeneingang von Nan Dowas. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gab es einst eine »Apokalypse« in der Südsee? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Auch die Osterinsulaner sollen von einem »Atlantis« der Südsee gekommen sein.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Nach wie vor mysteriös - die Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Hier liegt Dapahu. Foto Wiki commons, Hobe/ Holger Behr
(Siehe unten!)


Foto 10: Hier liegt Dapahu. Foto Wiki commons, Hobe/ Holger Behr

»Wo die Reise endet - Künstliche Inseln und das kleine Volk«,
Teil  424 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 04.03.2018




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Sonntag, 18. Februar 2018

422 „Nan Madol - das Mirakel der Südsee“

Teil  422 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein
                       


Foto 1: Nan Madol aus der Vogelperspektive.

Oxford-Professor John Macmillan Brown, unermüdlicher Forschungsweltreisender und einer der großen Gelehrten Neu Seelands, Gründer die »University of Canterbury« von Christchurch, anno 1924 in »The Riddle of the Pacific« (1): »Beim südöstlichen Riff von Ponape gibt es eine zyklopische Ruine; da sind große Gebäude mit einer Grundfläche von insgesamt elf Quadratmeilen errichtet worden, auf quadratischen oder rechteckigen künstlich geschaffenen Inselchen. Das Verschiffen über das Riff bei Flut und das Hochzerren dieser gewaltigen Blöcke, wovon viele bis zu fünfundzwanzig Tonnen wiegen, bis in eine Höhe von zwanzig Metern, muss den Einsatz von Zehntausenden von gut organisierten Arbeitern bedeutet haben. Und die müssten alle gekleidet und ernährt worden sein.«
     
Das aber, so der Gelehrte, war eigentlich unmöglich: Für zehntausende Arbeiter war kein Platz. Zehntausende konnten nicht hinreichend ernährt werden. So viel Nahrungsmittel konnten auf dem kleinen Eiland gar nicht produziert werden. Und selbst wenn die Arbeitssklaven kärglichst verköstigt wurden, so hätten sie doch unübersehbare Spuren hinterlassen müssen. Selbst wenn sie in armseligsten Behausungen vegetiert hätten, derlei große Ansiedlungen verschwinden nicht spurlos. Fazit: Um die Bauten von Nan Madol zu verwirklichen, wären Zigtausende von Arbeitern erforderlich gewesen. Ein auch nur annähernd großes Heer von Arbeitern hat es aber auf Nan Madol nie gegeben. Also dürfte es eigentlich die Anlagen von Nan Madol gar nicht geben. Sie existieren aber. Professor Macmillan Brown (2): »Es ist eines der großen Mirakel der Südsee!«

Foto 2: Der Svartifoss-Wasserfall.

Im Skaftafell-Nationalpark im Südosten Islands gibt es eine besondere Sehenswürdigkeit: den Svartifoss-Wasserfall. Tosende Wassermassen stürzen da weiß schäumend in die Tiefe, und das vor schwarzen Basaltsäulen. So soll zumindest auch einer der »Steinbrüche« von Nan Madol aussehen. Die Säulen mussten nur noch gebrochen und transportiert werden. Trotz mehrerer Anläufe ist es mir nicht gelungen, einen der Steinbrüche zu besichtigen. Ich muss zugeben: Die Ruinen waren mir sowieso wichtiger.

Wie groß Nan Madol einst wirklich war, wir wissen es nicht. Man kann davon ausgehen, dass Teile der heutigen Ruinenstadt im Meer versunken sind. Taucher haben Reste von einstmals wohl riesenhaften Bauten weiter im Westen von Nan Madol auf dem Meeresgrund entdeckt. Eine Untersuchung hat es dort bis heute nicht gegeben. Klar ist: Die »Säulen« wurden von der Erde gestellt, schlagen und transportieren musste sie der Mensch. Svartifoss, Skaftafell national park, Island

Fotos 3 und 4: Der »Urwald« von Pohnpei bietet noch manches Geheimnis.

Warum hat man aber die Gebäude nicht in der Nähe des Steinbruchs errichtet? Genauer: Warum hat man die Stadt aus Basaltsäulen nicht in der Nähe eines der Steinbrüche gebaut? Mehrere heute von Urwaldickicht überwucherte Orte werden als potentielle ehemalige Steinbrüche gewertet. Erreichbar waren sie bei meinen Besuchen leider nicht. Dann wäre das Problem des Transports der Säulen erst gar nicht aufgekommen. Irgendwie muss es vor vielen Jahrhunderten gelöst worden sein. Wie? Eine überzeugende Antwort vermögen die Archäologen nicht zu bieten. Warum wurden an der entgegengesetzten Seite der Hauptinsel erst im Meer unter kaum vorstellbarem Aufwand 92 künstliche (oder mehr) Inseln gebaut, um als Fundamente für eine steinzeitliche Anlage monströser Bauten zu dienen? Warum schuf man direkt im Meer eine Stadt? Und nicht auf dem Festland von Temuen selbst?
    
Warum wurde überhaupt mit Stein gebaut? Gab und gibt es doch Holz in unbeschreiblichem Überfluss. Holzstämme standen  in ausreichendem Maße zur Verfügung, um die ganze Insel mit Häusern und Tempeln förmlich zu überziehen. Warum verschmähte man aber dieses leicht zu bearbeitende Material und zog tonnenschwere Basaltsäulen vor? Wie wurden die bis zu neun Meter langen und oft mehr als zehn Tonnen schweren Säulen transportiert? Welchem Zweck dienten die Bauwerke?

Foto 5: Flug über Nan Madol.

James G.O’Connell war vermutlich der erste Europäer, der die geheimnisvolle Welt von Nan Madol bestaunte und ausführlich beschrieb. In seinem Werk »Adventures of James G. O’Connell«, 1836 in Boston publiziert, lesen wir (3):

»Das schönste Abenteuer dieser Exkursion war die Entdeckung einer großen unbewohnten Insel, auf der erstaunliche Ruinen waren, von einem geradezu wirklich wundersamen Umfang und Ausmaß. Im äußersten Osten befindet sich eine große flache Insel, die bei Flut in dreißig oder vierzig kleinere unterteilt zu sein scheint, nämlich vom Wasser, das dann ansteigt und über sie fließt. Dort gibt es keine Felsen, die von der Natur aus dort befinden. (Sie müssen also von Menschenhand hingeschafft worden sein.) In manchen Teilen wachsen Früchte, reifen und verfaulen. Aus einer gewissen Entfernung scheinen die Ruinen eine fantastische Anhäufung durch Mutter Natur zu sein, als wir uns aber näherten, waren wir erstaunt ob der offensichtlichen Spuren von Menschenhand bezüglich ihrer Errichtung.

»Die Flut war hoch, unser Kanu wurde in einen schmalen Bach gepaddelt, der so eng war, dass er an manchen Stellen kaum durchfahren konnte. Am Eingang passierten wir viele Yards zwischen zwei Mauern, die so nah waren, dass wir beide vom Boot aus, ohne seine Lage zu verändern, die Wände hätten berühren können.«
    
Foto 6: Die Küste von Pohnpei.

Für die Bewohner der Hauptinsel war die Ruinenwelt absolutes Tabu (»majorhowi«). Ein Zauber, so warnte man James G. O’Connell eindringlich, liege auf der mysteriösen Stätte und werde ihn töten, so er den heiligen Bauten auch nur nahe komme. O’Connell ließ sich nicht abschrecken. Immer wieder kehrte er zurück, beobachtete, studierte und notierte seine Eindrücke. Bewundernd hielt er fest: »Die immense Größe eines Teils der Steine in den Wänden machte es unmöglich, dass sie ohne die Hilfe einer mechanischen Apparatur hätten eingebaut werden können, welche allem überlegen hätte sein müssen, was ich bei den Insulanern sah.«

Am 26. August 1857 veröffentlichte Dr. L. H. Gulick in »The Friend« seinen Bericht eines Besuchs von Nan Madol. Da heißt es: »Die gesamte Hauptinsel, und auch kleinere der bescheidensten Größe sind, so kann man sagen, von steinernen Strukturen überzogen, die man gewöhnlich als Ruinen bezeichnet, obwohl man daraus nicht ableiten sollte, dass sie tatsächlich in einem ruinenhaften Zustand sind. Es ist schwierig eine Meile, ja auch nur die Hälfte davon, in irgendeine Richtung zu gehen, ohne auf die Überreste uralter  Arbeit zu stoßen. Sie werden an allen möglichen Orten entlang der Küste, Meilen davon entfernt im Landesinneren, auf Anhöhen und in abgeschlossenen Tälern, auf flachen Ebenen und an Steilhängen gefunden.«

Foto 7: Schützt ein Fluch die künstlichen Inseln von Nan Madol?

»Nan Douwas« heißt eine der Inseln, für die allein sich jeder Pohnpei-Besucher mehrere Tage Zeit nehmen sollte. Lihp Spegal, der tüchtige Guide, der mich  mehrere Tage lang durch die steinernen Anlagen von Nan Madol geleitet hat, übersetzt den Namen so: »Im Mund des Hohen Häuptlings«. Was das zu bedeuten hat, wusste er nicht zu sagen. Justan dieser Stelle soll einst die Gottheit Nahnisohnsapw verehrt worden sein. Hier wurden die ersten Herrscher von Nan Madol feierlich in bunkerartigen Grüften bestattet. Jene Auserwählten sollen noch Kontakt zu den himmlischen Lehrmeistern gehabt haben, die auch in der Südsee als reale Wesen angesehen wurden, nicht etwa als geistige Prinzipien oder Verkörperung von Naturgewalten.
    
»Nan Douwas« macht einen wahrlich imposanten Eindruck. Die äußeren Mauern, bestehend aus meterlangen Basaltsäulen, sind stolze neun Meter hoch und drei Meter dick. Das riesige Geviert ist quadratisch angelegt. Jede Seite misst neunzig Meter. Vorsichtigen Schätzungen zufolge wurden allein hier schon 25 000 Basaltsäulen verarbeitet! Im Inneren folgt eine weitere Mauer, die einen Innenhof umgibt. Sie ist wiederum aus Basaltkolumnen errichtet worden. Aus gleichem Material ist auch die zentrale Gruft, die an einen Bunker erinnert. Die meterlangen »Steinbalken« sind millimetergenau aufeinandergesetzt. Auf Mörtel oder ein sonstiges Bindemittel wurde verzichtet. Geschickt wurden immer wieder bewusst Hohlräume ausgespart und mit zerstoßenen Korallen aufgefüllt. Verarbeitet wurden allein für die Gemäuer von »Nan Douwas« 13.500 Kubikmeter Füllmaterial und 4.500 Kubikmeter Basalt in Form von Steinsäulen.
     
Foto 8: Unser Rennkann vor Nan Dowas.

Worte sind zu schwach, um hinreichend zu beschreiben, was die Väter des achten Weltwunders einst vollbracht haben! Selbst noch so gute Fotos können die unglaublichen Leistungen der alten Südseebewohner nicht ausreichend würdigen. Die riesigen Gebäudekomplexe lassen sich nun einmal nicht wirklich fototechnisch erfassen. Wer freilich in der tropischen Hitze an Ort und Stelle die mysteriösen Bauwerke abgeschritten ist, der begreift, dass Nan Madol  mit Fug und Recht als achtes Weltwunder bezeichnet wird.
    
Fotos 9-11: Pflanzen gedeihen im Salzwasser?

Doch selbst wer es vor Ort erkundet, kann nur erahnen, wie gewaltig der riesige Komplex einst war. Auch heute können noch manche Kanäle per Boot mit möglichst geringem Tiefgang  erkundet werden. Andere wiederum sind fast vollständig von tropischem Blattwerk zugewuchert. Es ist ein faszinierendes Erlebnis,  sich vorsichtig per Boot in jenes grüne Dickicht hineinzuwagen. Hohe Pfahlwurzeln ragen weit aus dem brackigen, manchmal faulig riechenden Wasser heraus, verzweigen sich oberhalb des Wasserspiegels zu bizarren gewachsenen »Kunstwerken«.

»Wie können Pflanzen im Salzwasser wachsen?« Lihp Spegal zuckt mit den Schultern. »Es gibt hier wahrscheinlich Süßwasserquellen! Im Gemisch aus salzigem und süßem Wasser gedeihen Pflanzen, die in Salzwasser  absterben würden!«
    
Fußnoten
1) Brown, John Macmillan: »The Riddle of the Paific«, Honolulu, Hawaii,
Nachdruck 1996, Seite 52, Zwischenüberschrift »A vanished Empire Had Ponape as Centre«. (Zu Deutsch: »Ein verschwundenes Reich hatte Ponape als Zentrum«) 
2) ebenda, Zeilen 9 und 10 von unten (Übersetzung aus dem Englischen durch den Verfasser.)
3) Manuskript-Kopie. Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 12: Geheimnisvoller Pazifik.
Zu den Fotos
Foto 1: Nan Madol aus der Vogelperspektive. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 2: Der Svartifoss-Wasserfall. Foto: wiki commons Andreas Tille
Fotos 3 und 4: Der »Urwald« von Pohnpei bietet noch manches Geheimnis. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Flug über Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Die Küste von Pohnpei. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Schützt ein Fluch die künstlichen Inseln von Nan Madol? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Unser Rennkann vor Nan Dowas. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9-11: Pflanzen gedeihen im Salzwasser? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Geheimnisvoller Pazifik. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

423 »Eine Apokalypse, zwei Zauberer und fliegende Steine«,
Teil  423 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.02.2018


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Sonntag, 11. Februar 2018

421 »Aufstieg vom Himmlischen Riff - Mysterien der Südsee«

Teil  421 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein 
                      

Fotos 1 und 2: Die Karolinen und Pohnpei

Die geographischen Fakten: Pohnpei ist die größte der Karolinen-Inseln und gehört zu Mikronesien. Pohnpei übersieht man auf den Karten des Südseeraums leicht. Betrachtet man den kleinen Klecks auf der Karte genauer, so erkennt man: Es handelt sich bei Pohnpei wiederum um eine eigene Inselgruppe. Vom Flugzeug aus gesehen sticht zunächst das gebirgige, grüne Zentrum von Pohnpei ins Auge. Beim Landeanflug fallen weitere Details auf. Schützend umgeben ein schmales steiniges, trostloses Riff und winzig wirkende, oft kaum die schaumigen Meereswogen überragende Felsbrocken das Haupteiland. Die »Felsbrocken« erweisen sich als einzelne kleine Inseln oder Ansammlungen kleiner Eilande, gegen die mächtige Wellenberge anstürmen.

Den Namen Pohnpei, so haben Sprachforscher herausgefunden, kann man übersetzen: »Auf einem steinernen Altar«. In Erinnerung an die alten Götter, die hier einst verehrt wurden, wurden 1984 diverse Schreibweisen wie »Ponape« und »Ponape To« offiziell abgeschafft. In der neuen Verfassung wurde offiziell »Pohnpei« als amtlicher Name festgeschrieben. Welchen Göttern zu Ehren wurde da ein Inselkomplex als »steinerner Altar« bezeichnet? Welchen Göttern wurde hier gehuldigt?

Foto 3: Ein riesiger steinerner Altar?

Je gründlicher man sich mit der Geschichte von »Pohnpei« beschäftigt, desto deutlicher wird, dass man wenig wirklich gesicherte Informationen zur Vorgeschichte der steinernen Anlage hat. Schriftliche Quellen aus der Zeit vor der »Entdeckung« gibt es keine. Legenden und Mythen wurden mündlich bis in unsere Tage überliefert. Freilich sind die Einheimisch heute recht vorsichtig, wenn es darum geht, Fremde in die Geheimnisse der Vorfahren einzuweihen. Das Wissen der Altvorderen wird nach wie vor von Generation zu Generation weitergereicht. Eingeweiht wurden und werden offenbar immer die jüngsten männlichen Nachkommen. Die älteren erben Landbesitz, der Jüngsten das »geheime Wissen«, etwa über naturheilkundliche Methoden (1). Mündlich überliefert wurde auch der eigentliche, der ursprüngliche Name von Nan Madol. Demnach bezieht sich die neuere Bezeichnung »Nan Madol« auf die Wasserstraßen zwischen den künstlichen Inseln. »Nan Madol« soll so viel wie »Räume dazwischen« bedeuten (2). Der ursprüngliche Name, so lautet die Überlieferung, war »Soun Nan-Leng« (3), zu Deutsch »Das himmlische Riff«.


Foto 4: Die Ruinen von Nan Madol... Aufstieg in den Himmel?

In Kolonia, der Hauptstadt von »Pohnpei«, kam ich mit einem Geistlichen ins Gespräch. Der Priester hatte gerade einen Gottesdienst in der »Kirche der United Church of Christ in Pohnpei« abgehalten. Eigentlich wollte der geschäftige Mann rasch enteilen, er blieb aber stehen, als ich auf mein Studium der evangelischen Theologie verwies. »Immerhin sind Sie kein Katholik!«, lachte er. Als ich mich nach »seinem« Gotteshaus erkundigte, war er zunächst sehr erfreut. Als ich dann aber auf die Ruinen von Nan Madol zu sprechen kam, wurde er zusehends reservierter. Als ich nach der Bedeutung des Namens »Soun Nan-Leng« fragte, wandte er sich abrupt ab, kam dann aber doch zurück. »Der Name ›Das himmlische Riff‹ führte zu einem weiteren Namen von Nan Madol: ›Ascension Island‹.«  Und was das heiße, müsse ich ja wissen. »Ascension« kann man mit »Aufstieg«, »Aufsteigen« und »Himmelfahrt« übersetzen.


Foto 5: Pohnpei, Kolonia Church

Der Geistliche pflichtete mir bei, lächelte und nickte jovial. Als ich freilich wissen wollte, wer denn seiner Meinung nach von Nan Madol zum Himmel aufgestiegen ist, verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck. Wütend stapfte er wortlos davon. Mich stimmen diese Namen nachdenklich. Künstliche Inseln im Pazifik auf massivem steinernen Fundament, auf dem massive Bauten errichtet wurden, deren Zweck niemand mehr wirklich kennt, werden als »Das himmlische Riff« bezeichnet, als »Himmelfahrts-Insel«?  Mir kommen da jedenfalls unsere alten »Astronautengötter« in den Sinn!

Anno 1828, so steht es in den Geschichtsbüchern, entdeckte der russische Kapitän Fedor Lütke die Inselwelt. Viele Einheimische hören das nicht so gern. »Was heißt hier, unsere Heimat wurde 1828 von einem Russen entdeckt? Das ist doch Unsinn! Entdeckt wurde unsere Heimat von unseren Vorvätern vor Jahrtausenden!«
    
Örtliche Forscher freilich haben herausgefunden, dass Temuen alias Nan Madol, kein Produkt von »Mutter Natur« ist. Temuen alias Nan Madol  besteht nämlich aus einem dichten Komplex von  künstlich geschaffenen Inseln! Wie viele künstliche Eilande einst mit riesigem Aufwand geschaffen wurden, scheint nicht ganz klar zu sein. Ende der 1990er Jahre sprach man vor Ort von 82 künstlichen Inseln. Allerdings hieß es schon damals, dass es deutlich mehr gewesen sein könnten. So scheint es außerhalb des eigentlichen Nan Madol-Komplexes weitere Inseln zu geben, die von Menschenhand gebaut wurden.  In den 2000er Jahren wusste man in Kolonia von »mindestens 92 künstlichen Inseln«. Ich bin davon überzeugt, dass man so manch' weitere Insel in der Art von Nan Madol entdecken wird.

Foto 6: Wie gingen die Baumeister vor?

Wie gingen die Baumeister vor? Geniale Konstrukteure haben zunächst ein Fundament aus tonnenschweren Steinbalken gelegt - unter Wasser! Das wird wohl bei Ebbe geschehen sein. Dann ist das Meer an manchen Stellen extrem seicht. Trotzdem kann man ob der enormen bautechnischen Leistung nur staunen! Die 92 Inseln sind – ich wiederhole mich – tatsächlich künstlich, von Menschenhand angelegt: Hatte man erst einmal eine Grundmauer errichtet, so wurde sie hauptsächlich mit Steinmaterial, Korallenstaub und Erde aufgefüllt. Auf dieser Basis wiederum wurden riesige Gebäude im Blockhüttenstil aufgetürmt, wobei bis zu neun Meter lange sechs- und achteckige Säulen verwendet wurden. Die künstlichen Inseln, die seit unzähligen Jahrhunderten den Gewalten des tosenden Meeres trotzen, stellen zusammen mit den steinernen Riesenbauten das achte Weltwunder dar: Nan Madol!


Foto 7: Steinerne Bauten
Nan Madol war einst so etwas wie das steinzeitliche Venedig der Südsee. Zwischen hunderten mächtigen Bauten auf künstlichen Inseln gab es kanalartige Seewege anstatt von Straßen. Die Bewohner von Nan Madol besuchten sich gegenseitig mit dem Boot. Es nimmt nicht Wunder, dass sie ihre in den Weiten der Südsee verlorene Heimat »Nan Madol« nannten, was sich mit »Ort der Zwischenräume« übersetzen lässt. Aber ist das auch wirklich der ursprüngliche Name? Wohl kaum!
   
Der Weg von Pohnpeis Hauptstadt Kolonia nach Nan Madol ist nichts für Menschen, die schnell seekrank werden. Die Reise muss so angetreten werden, dass man dann am Ziel ankommt, wenn die Flut hoch steht. Und man muss sich wieder auf den Rückweg machen, so lange die Flut noch währt. Sonst sind die seichten Meeresuntiefen um Nan Madol herum nicht zu passieren. Lihp Spegal, der tüchtige Guide, erklärte mir: »Es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste: Man fährt langsam aufs Meer hinaus. Dann spürt man jede einzelne Welle und wird durch das dauernde Auf und Ab auf den hohen Wellen seekrank. Die zweite: Man fährt so schnell es geht. Dann fliegt man förmlich über die Wellen dahin. Aber fast jede schlägt kräftig gegen den Boden des Boots. Man wird also tüchtig durchgeschüttelt!«

Foto 8: Lihp Spegal, Kapitän des Rennkahns
Meine Reisegefährten und ich, wir entschieden uns für Version 2. Tag für Tag nahmen wir zwei bis drei Stunden Ritt auf den polternden Wellen in Kauf. Und das in einem einfachen Kahn, auf einem Brett am Boden sitzend. Schon nach kurzer Zeit war der Boden mit Salzwasser bedeckt, saß man mit dem Allerwertesten hart und nass. Meine Kameraausrüstung lag dabei in meinem Schoß.

Ich versuchte, mit wachsendem Erfolg, die gewaltigen Schläge so gut es ging abzufedern. Ausgestattet war unser Vehikel mit einem Motor für ein starkes Rennboot. 

So brauste unser Kahn nur so dahin, bekam etwa alle zehn Sekunden von einer Welle einen gewaltigen Hieb gegen den wenig vertrauenerweckend aussehenden Boden. Die langen Risse im Kunststoffrumpf übersahen wir dabei geflissentlich. Irgendwann würde der Rennkahn auseinanderbrechen. Sollte mir das widerfahren, so hoffte ich, dass die Haie derweil anderweitig beschäftigt sein würden.
    
Foto 9: Uferbefestigung aus »Steinsäulen«

In rasender Fahrt ging es vorbei an kleinen dicht bewaldeten Inselchen. Da und dort sieht man eine windschiefe Hütte darauf errichtet. Ein paar Pfähle wurden in den Boden gerammt. Ein Wellblechdach als Regenschutz und Schattenspender angebracht. Diese »Bauten« passen nicht in die Natur. Schon haben wir die kleinen Eilande hinter uns gelassen. Immer wieder musste das Tempo stark gedrosselt werden. Dann zuckelten wir wieder einmal über eine seichte Untiefe. Bunte Seesterne leuchteten vom greifbar nahen Boden. Geschickt hob dann Guide Lihp Spegal den Außenbordmotor hoch. »Sonst streift er mir am Boden an!«, erklärte er lachend in gut verständlichem Englisch und fügte hinzu: »Jetzt stellen Sie sich einmal vor, wir hätten eine tonnenschwere Basaltsäule im Boot, um sie nach Nan Madol zu transportieren! Wir würden garantiert an einer dieser Untiefen hängen bleiben!«

Gnadenlos brannte die Sonne vom Firmament, wenn es nicht wieder einmal in Strömen regnete. Sonnenbrände entstehen, mag man sich noch so intensiv mit Sonnencreme einschmieren, alle Tage wieder. Die Schmerzen sind aber rasch vergessen. Denn unser Ziel ist das achte Weltwunder, das steinzeitliche Venedig der Südsee.
   
Foto 10: Ein Trümmerhaufen aus Stein

Schon dem flüchtigen Beobachter drängen sich Fragen auf, sobald er sich per Boot dem geheimnisvollen Ziel nähert. Sie konnten bislang nicht zufrieden stellend beantwortet werden. Warum wurde im Meer vor der südöstlichen Küste von Temuen ein steinzeitliches »Disneyland« geschaffen? Warum geschah dies nicht stattdessen auf der Hauptinsel von Pohnpei, also auf Temuen selbst? Etwa im Norden, im Distrikt Sokehs. Hier wachsen vieleckige Steinsäulen wie monströse Haare aus dem Boden: erstarrte Lava. Diese natürlichen Riesenbalken wurden abgeschlagen, wie auch immer über weite Distanzen transportiert und zu gewaltigen Bauten nach dem »Blockhütten-Prinzip« aufgetürmt.
    
Heutige »Aufklärer« der populärwissenschaftlichen Sorte neigen dazu, die großen Rätsel der Vergangenheit einfach wegzuerklären. Dies geschieht auch in Sachen Nan Madol. Da wird so getan, als sei es geradezu ein Kinderspiel gewesen, das Baumaterial für die Monsterbauten von Nan Madol zu gewinnen. Weil angeblich die Basaltpfeiler allesamt so, wie sie später verbaut wurden, fix und fertig vor Jahrmillionen entstanden.

Fotos 11 und 12: Steinsäulen unter Wasser.


Fußnoten
1) Ashby, Gene (Hrsg.): »A Guide to Pohnpei/ An Island Argosy by George
Ashby«, 2. revidierte Auflage, Kolonia 1993, Seite 236
2) »Nan Madol« = »spaces between«, nach  Shah, Amish: »Built by levitation«, Manuskript, undatiert, Archiv Walter-Jörg Langbein
3)  Ashby, Gene (Hrsg.): »A Guide to Pohnpei/ An Island Argosy by George
Ashby«, 2. revidierte Auflage, Kolonia 1993, Seite 346
4) Brown, John Macmillan: »The Riddle of the Paific«, Honolulu, Hawaii,

Nachdruck 1996.  

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Die Karolinen und Pohnpei. Foto 1 (links): wikimedia commons, gemeinfrei. Foto 2 (rechts) Pohnpei. Aotearoa, Polen. 
Foto 3: Ein riesiger steinerner Altar? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Die Ruinen von Nan Madol... Aufstieg in den Himmel? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Pohnpei, Kolonia Church. Foto wikimedia commons/ public domain/ National Oceanic Atmospheric Administration
Foto 6: Wie gingen die Baumeister vor? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Steinerne Bauten... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Lihp Spegal, Kapitän des Rennkahns. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Uferbefestigung aus »Steinsäulen«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ein Trümmerhaufen aus Stein. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Steinsäulen unter Wasser. Fotos Walter-Jörg Langbein


422 »Nan Madol - das Mirakel der Südsee«,
Teil  422 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.02.2018


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