Sonntag, 29. November 2020

567. »Und es gab weder Anfang noch Ende.«

Teil 567 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


 »Doch was überhaupt ist das Leben
und was ist der Lebenssinn?
Mit welchem Recht geht der Mensch
so willkürlich von der eigenen Wichtigkeit
in der Schöpfung aus?«
Howard Phillips Lovecraft (1)


James Lovelock (*1919) hat als Hundertjähriger wieder ein faszinierendes Sachbuch verfasst und veröffentlicht. Er beschreibt auf überzeugende Weise Gegenwart und Zukunft der Menschheit. In seinem Opus »Novozän« (2) lässt er »Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz« plastisch sichtbar werden. Demnach sind wir Jetztmenschen die Steigbügelhalter unserer Nachfolger auf Planet Terra. Nichtbiologische Einheiten von gottgleicher Intelligenz und Allmacht werden morgen oder übermorgen das Regiment auf unserem Heimatplaneten übernehmen.

Was aus dem Jetztmenschen werden wird? Lovelock (3): »Die Zukunft ist für uns unvorhersehbar, so wie es schon immer gewesen ist, selbst in einer organischen Welt. Cyborgs werden Cyborgs entwerfen. Sie werden keineswegs als minderwertige Lebensform weitermachen, die uns Bequemlichkeiten verschafft, sondern sie werden sich entwickeln und könnten die fortschrittlichen evolutionären Produkte einer neuen und kraftvollen Spezies sein.« Bei allem Respekt vor James Lovelock und seinem Lebenswerk: Im Gegensatz zu Lovelock sehe ich keinen realen Grund, warum die künstliche Intelligenz nicht die Herrschaft über uns an sich reißen wird. Bei allem Respekt vor James Lovelocks wissenschaftlichen Leistungen, etwa für die NASA: Ich halte es für überhaupt nicht nachvollziehbar, dass das unendliche Universum ausschließlich den Menschen als intelligente Spezies hervorgebracht haben soll. »Wir sind allein« (4) behauptet James Lovelock. In einem unendlich großen Kosmos sollte es nur uns Menschen als intelligente Spezies geben? Der Mensch soll nicht nur die Krone der irdischen, sondern auch der kosmischen Schöpfung sein? Das ist – meine ich – unvorstellbar.

Foto 1: Prof. Hermann Oberth (links)
und Autor Langbein im Gespräch (März 1983).

James Lovelock, von 1961 bis 1964 »Professor für Chemie« am »Baylor College of Medicine« in Houston, Texas, sieht den Menschen als unfassbare Ausnahme im gesamten Universum. Seiner Überzeugung nach ist der Kosmos nur dazu in der Lage, ausschließlich uns Menschen hervorzubringen. Howard Phillips Lovecraft (*1890; †1937) monierte vehement diese Selbsterhöhung von uns Menschen (5): »Und so können wir begreifen, dass die Menschheit nichts anderes als ein momentanes Phänomen ist. Unsere Existenz auf unserem Planeten ist im Vergleich zur Unendlichkeit erst neueren Datums, wurde in der ganzen unermesslichen Weite des Raums erst gestern möglich.«

Die vielleicht zentralen Fragen, die sich uns an dieser Stelle aufdrängen müssen, lauten: Hat das tote Universum zufällig Intelligenz auf Welten wie der Erde hervorgebracht? Oder hat Intelligenz das Universum erschaffen? Ist das Universum das Produkt von Intelligenz und nicht Intelligenz das Produkt des Universums? Was war am Anfang: der Geist oder die Materie? Religiös orientierte Menschen, speziell die Anhänger einer der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, postulieren, dass es am Anfang Gott gab, der das Universum schuf. Materialistisch orientierte Menschen, die freilich nur anderen »Gurus« folgen, gehen davon aus, dass am Anfang der Urknall war. Aber auch der Urknall kann nichts aus dem Nichts hervorbringen. Entweder gab es am Anfang Gott oder Materie.

Was aber war vor Gott? Was war vor der Materie? Auch wenn wir es nicht wirklich begreifen können, es gibt eine dritte Variante: War am Anfang Intelligenz? Mir ist klar: Niemand vermag zu erklären, was vor Gott, was vor der Materie, was vor der Intelligenz war. Die drei Denkmodelle setzen voraus, dass es am Anfang etwas und nicht das Nichts gab.

In der Lutherbibel von 1545 lesen wir gleich zu Beginn des Evangeliums nach Johannes: »Im anfang war das Wort / Vnd das wort war bey Gott / vnd Gott war das Wort.« Noch in der Lutherbibel von 1984 findet sich der 1. Vers des 1. Kapitels des Evangeliums nach Johannes so: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.«

Vergleicht man damit die Lutherbibel von 2017, reibt man sich staunend die Augen ob der Veränderungen im Text: »Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – «. Von einer Übersetzung kann nicht mehr die Rede sein, nur noch von einer freien Interpretation. Das Wort, das am Anfang war, ist verschwunden. Wir finden es nur noch in folgenden Bibelausgaben: »Neue Genfer Übersetzung«, »Hoffnung für alle«, »Zürcher Bibel«, »Gute Nachricht Bibel« und »Neues Leben. Die Bibel«. In der »Elberfelder Bibel« entdecken wir, freilich verklausuliert, das »Wort, das am Anfang war«: »Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens.«

Bis 1984 sagt die Lutherbibel klar und deutlich, dass am Anfang – vor dem eigentlichen Schöpfungsakt – das Wort war. Im Band 1 von Ginzbergs »Legends of the Jews«, 1909 von »The Jewish Publication Society of America« in Philadelphia publiziert, wird der Sachverhalt noch viel deutlicher, nämlich dass dass Wort vor der Schöpfung da war. Da wird präzisiert, dass das Wort (6) bereits »zweitausend Jahre vor der Erschaffung von Himmel und Erde« vorhanden ward, geschrieben mit »schwarzem Feuer auf weißem Feuer«. Als dann Gott zur Schöpfung schritt, konsultierte er das Wort. Wenn Gott das Wort zu Rate zog, hat er es nicht selbst geschaffen. Es muss vor Gott da gewesen sein. Warum sollte Gott Antworten in einem Buch suchen, das er selbst geschrieben hat?

Was aber war das »Wort«? Die »Intelligenz«? Der deutsche Physiker Prof. Markolf H. Niemz (* 1964 in Hofheim am Taunus) hat ein wahrhaft kühnes Bild von der Realität entwickelt. Nach Prof. Niemz ist das All eine Art Computerprogramm, das ohne »Hardware« auskommt. Wenn alles scheinbar Reale Illusion ist, wer oder was hat sie geschaffen? In der Kabbala, der jüdischen Mystik, kommt alles aus dem Göttlichen und kehrt ins Göttliche zurück. Kabbala-Kenner Michael Laitman enthüllt in seinem Standardwerk »Kabbala für Anfänger« (7):

Es gab »nur das Einfache Höhere Licht, welches die ganze Wirklichkeit ausfüllte.« Und weiter (8): »Es gab keinen leeren Raum und keine unausgefüllte Atmosphäre, sondern es war alles mit diesem unendlichen Einfachen Licht erfüllt. Und es gab weder Anfang noch Ende. Und alles war Eins: Einfaches, vollkommen gleichmäßiges Licht. Und dieses hieß: Licht von Ejn Sof (Unendlichkeit).« Was können wir uns unter diesem mysteriösen »Licht« vorstellen?

Foto 2: Prof. Oberths
bahnbrechendes Werk.
Alle Systeme, die die Wirklichkeit erklären sollen, sind allenfalls Versuche einer Annäherung an die Wirklichkeit. Genauer gesagt: Sie sind Versuche von Annäherungen an das, was man für die Wirklichkeit hält. Religiöse Weltbilder, fabriziert von monotheistischen Religionsgründern und ihren Anhängern, machen es sich leicht. Ein allmächtiger Gott hat das Universum, Erde inklusive, geschaffen. Diese Götter geraten allerdings recht irdisch-menschlich. Sie tun Gutes für ihre Geschöpfe, erwarten aber ewige Dankbarkeit und Kulthandlungen. Sie erlassen zum Teil seltsam anmutende Gesetze, die befolgt werden müssen. Nur wer nach diesen Gesetzen lebt, darf hoffen nach dem Tode in ein himmlisches Elysium aufgenommen zu werden. Solche »Götter« sind doch eher rechthaberische Kleingeister als allmächtige Schöpfer des Universums.

Religiös orientierte Menschen sind nicht automatisch alle dumm. Selbst Fanatiker können intelligent sein. Sie nutzen aber nicht ihre Intelligenz, um zu suchen. Warum nicht? Ganz einfach, weil sie glauben, dass alle Antworten in ihrem »Heiligen Buch« stehen. Sie suchen nicht nach Unbekanntem, weil man sie davon überzeugt hat, dass längst alles gefunden wurde. Sie versuchen auch gar nicht, Antworten auf bislang ungeklärte Fragen zu finden. Warum nicht? Weil sie glauben, alles zu wissen, was ihr Gott sie wissen lassen will. Wenn es unbeantwortete Fragen gibt, dann weil ihnen ihr Gott keine Antworten geben möchte. Zu suchen wäre dann Blasphemie. Sie akzeptieren ihr Unwissen in bravem Gottvertrauen.

Dabei haben schon die primitivsten Urformen, die in den Ozeanen hausten, gesucht. Unsere Vorvorfahren lebten im Wasser. Sie atmeten mit Kiemen, nicht mit Lungen. Das ideale Ambiente dieser unserer schlichten Urururahnen war das Wasser. Offensichtlich hatten sie keinen Anführer, der ihnen Ausflüge an Land verbieten konnte. Sie eroberten langsam das Land. Statt wie schwerelos im Wasser zu schweben, musste sie sich schwerfällig an Land dahinschleppen. Hitze versengte ihnen die Haut. Kälte schlug beißende Wunden.

Tödliche Gefahren lauerten, die es im Lebensraum Wasser nicht gab. So strapaziös und gefährlich der Umzug auch war, er brachte nicht nur Nachteile. Es tat sich eine vollkommen neue Welt für das Leben auf. Nein: Die Pioniere unter den primitiven Kleinstlebewesen eroberten eine neue Welt für sich und für ihre Nachkommen.

Unsere primitiven Vorfahren haben sich auf die Suche gemacht. Sie haben das Wasser verlassen und sind an Land gegangen. Ihre Nachkommen haben nach und nach den Heimatplaneten Erde erkundet. Ihr Wissensdrang hat sie auf die höchsten Berge steigen und in die tiefsten Abgründe der Meere tauchen lassen. Unser Wissensdurst treibt uns weiter. Geradezu zwangsläufig werden wir ins All aufbrechen. Erste zaghafte Schritte sind schon gewagt worden. Weitere werden folgen.

Das Meer ist unsere »Wiege«, Planet Erde ist unsere Kinderstube. Unsere Vorvorfahren haben die »Wiege« verlassen. Wir werden nicht in der Kinderstube ausharren. Wir werden sie verlassen. Unser Heimatplanet steht nicht im Zentrum des Universums. Er ist eine kleine unbedeutende Welt in einem unwichtigen Sonnensystems am »Rande« des Universums.

Vor vielen Jahrtausenden begannen die Menschen, Planet Erde zu erobern. Sie erkundeten zunächst die engere Heimat, dann das eigene Land. Sie erforschten schließlich den eigenen Kontinent und überquerten Berge und Meere. Irgendwann waren alle Länder erkundet, alle Flüsse befahren, alle Meere erforscht, alle Gebirge erklommen. In unseren Tagen verließen die ersten Menschen Planet Erde. Sie besuchten den Mond. Bald werden Menschen zum Mond zurückkehren. Bald werden sich Menschen zum Mars aufmachen.

Ich wage ein Prognose: Irgendwann wird es soweit sein, dass Menschen unser Sonnensystem verlassen, so wie einst die »Astronautengötter« vor Jahrtausenden aus den Tiefen des Alls zur Erde kamen. Prof. Dr. Hermann Oberth jedenfalls war davon überzeugt, dass jede Intelligenz irgendwann einmal Weltraumfahrt betreiben wird. Warum? Warum sollten einst Besucher aus dem All zur Erde gekommen sein? Warum soll der Mensch dereinst ins All aufbrechen?

Foto 3: Handschriftliche Widmung
von Prof. Oberth für Walter-Jörg Langbein.

Der »Vater der Weltraumfahrt« formulierte verallgemeinernd (9): »Das ist das Ziel: Dem Leben jeden Platz zu erobern, auf dem es bestehen und weiter anwachsen kann, jede unbelebte Welt zu beleben und jede lebende sinnvoll zu machen.« So wie wir ins All streben, so tun dies anderen Orts Außerirdische auch.


Fußnoten
(1) Lovecraft, Howard Phillips: »Gegen die Religion/ Atheistische Schriften«, Leipzig Juli 2020 (Einmalige Vorzugausgabe limitiert auf 250 Stück), Seite 60, 13.-10. Zeile von unten
(2) Lovelock, James: »Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz«, 1. Auflage, München 2020
(3) Ebenda, Seite 148, 1. Zeile von unten und Seite 149, 1.-6. Zeile von oben
(4) Ebenda, Kapitel 1, »Wir sind allein«, Seiten 17-20
(5) Lovecraft, Howard Phillips: »Gegen die Religion/ Atheistische Schriften«, Leipzig Juli 2020, Seite 61, 2.-7. Zeile von oben
(6) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews/ Bible Times and Characters from the Creation to Jacob«, Übersetzung nach dem deutschen Manuskript von Henrietta Szold, »The Jewish Publication Society of America«, Philadelphia 1909, Seite 3, »The First Things Created«.
(7) Laitman, Michael: »Kabbala für Anfänger«, Toronto/ Wien 2009, Seite 7, 2. Zeile von oben
(8) Ebenda, Zeilen 3-7 von oben
(9) Oberth, Hermann: »Menschen im Weltraum/ Neue Projekte für Raketen- und Raumfahrt«, 4. Auflage, Düsseldorf 1963,« S. 301

 

Zu den Fotos 
Foto 1: Prof. Hermann Oberth und Autor Langbein im Gespräch (März 1983). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Prof. Oberths bahnbrechendes Werk. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Handschriftliche Widmung von Prof. Oberth für Walter-Jörg Langbein. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein



 
568. »Nun überschreiten wir unsere Wissensgrenze«,
Teil 568 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 06. Dezember 2020


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Sonntag, 22. November 2020

566. »Waren die Götter ›Cyborgs‹?«

Teil 566 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Howard Phillips Lovecraft (*1890; †1937) schrieb Kurzgeschichten und Romane. Und er verfasste eine wahre Flut an Briefen, korrespondierte mit Leserinnen und Lesern. Mit dem Englischlehrer Maruice W. Moe scheint er sich heftig über Religion gestritten zu haben. Anders als der tiefgläubige Moe aus Wisconsin, USA, glaubte Lovecraft nicht an die Notwendigkeit religiösen Glaubens. Lovecraft vertraute auf einen besonderen Impuls.

Am 15. Mai 1918 schrieb Lovecraft an Maurice W. Moe (1): »Sie vergessen einen menschlichen Impuls, der sich trotz seiner Beschränkung auf eine relativ kleine Anzahl von Männern im Laufe der Geschichte als so real und lebenswichtig wie Hunger erwiesen hat – als so stark wie Durst oder Gier. Ich muss ja wohl nicht sagen, dass ich mich auf das einfachste, aber erhabenste Attribut unserer Spezies beziehe – auf das starke, anhaltende, unstillbare Sehnen nach WISSEN.«

Foto 1: Vielleicht stellen
die Kachina-Puppen der Hopi-Indianer
»Cyborgs« dar.
Von geradezu zwanghafter Sehnsucht nach Wissen wurde ein Amerikaner geplagt. Ich meine den großen Archivar von Tatsachen, die von der etablierten Schulwissenschaft verdammt werden, Charles Hoy Fort (*1874; †1932). Von zehn Romanen aus Forts Feder wurde nur ein einziger veröffentlich. Anno 1909 erschien »The Outcast Manufacturers«, von Kritikern gepriesen, vom Publikum kaum zur Kenntnis genommen. Eine Übersetzung ins Deutsche liegt meines Wissens nicht vor. Was aus den anderen neun Romanen wurde? Sie gelten als verschollen. Eine deutsche Übersetzung des publizierten Romans liegt bis heute nicht vor.

Fort veröffentlichte sein erstes Buch anno 1919. Er nannte es »Book of the damned« (2a). Die deutsche Übersetzung ließ lange auf sich warten: »Das Buch der Verdammten« kam erst 1995 auf den Markt. Drei weitere Bücher Forts erschienen, die allesamt sehr zu empfehlen sind (2b-2d). Fort interessierte sich brennend für die Welt der Wissenschaften, allerdings nicht für die hinlänglich beantworteten Fragen und faktenreich belegten Theorien. Ihn faszinierten die unmöglichen Fakten, die seiner Überzeugung nach von der Wissenschaft »unter den Teppich gekehrt« wurden, weil es sie eigentlich gar nicht geben dürfte. Er fand spannend, was mit den herkömmlichen schulwissenschaftlichen Theorien nicht erklärbar war. Fort bezeichnete den etablierten Wissenschaftlern verhassten Fakten als »Verdammte«. Er sah es als seine Lebensaufgabe an, just diese Fakten zu sammeln und zu publizieren. Dank einer Erbschaft konnte Fort zum Vollzeit-Sammler der verbotenen Fakten werden.

Bis zu seinem Tode wühlte er sich wie ein Besessener durch ganze Bibliotheken und trug zigtausende Fakten zusammen, die seiner Überzeugung nach das Dasein von Verdammten fristeten. Er interessierte sich brennend für die Welt der Wissenschaften. Er sah sich selbst als wahren Wissenschaftler, der ohne Vorurteile alles sammelte, um Wissen zu schaffen. Er lehnte es strikt ab, Theorien zu ersinnen und nur solche Fakten zu akzeptieren, die irgendwelche Theorien bestätigten. Es ging ihm um ein breites Spektrum an Fakten, nicht um eine willkürliche Auswahl an Fakten, die irgendeine Theorie beweisen sollen. Fort wollte aufzeigen, dass die Realität sehr viel mehr zu bieten hat als vermeintlich wissenschaftlich Denkende zu erfassen bereit sind. Die Wirklichkeit fühlt sich nicht an Theorien gebunden.

Charles Hoy Fort nahm vor über einem Jahrhundert fantastisches Gedankengut vorweg. Vieles publizierte er, manches nahm er sich für künftige Bücher vor. Über außerirdische Besucher auf unserem Planeten dachte er vor über einem Jahrhundert nach (3): »Eines Tages werde ich mich damit beschäftigen, dass die seltsam geformten Erdhügel von Forschern von irgendwo gebaut wurden, die nicht zurückkehren konnten, konstruiert in der Absicht, die Aufmerksamkeit von einer anderen Welt anzulocken ...«

Charles Hoy Fort weiter (4): »Wir werden ... oder auch nicht ... akzeptieren, dass es eine verlorene Kolonie oder Expedition von irgendwo auf dieser Erde gegeben haben mag und außerirdische Besucher, die nie zurückkehren konnten, und andere außerirdische Besucher, die wieder gegangen sind.«

Vor über einem Jahrhundert spekulierte Charles Hoy Fort über Besucher von Außerirdischen auf unserem Planeten, als Raumfahrt bestenfalls eine verrückte Idee von Fantasten ohne jeglichen Realitätssinn war. Und doch räsonierte Fort schon so früh über kosmische Besucher in grauer Vergangenheit (5): »Ich denke, wir sind Besitz. Ich denke, ich sollte sagen, Etwas besitzt uns. Dass irgendwann diese Erde Niemandsland war und dass andere Welten hier forschten und kolonisierten und untereinander um den Besitz ... der Erde kämpften ... und dass Etwas diese Erde besitzt.« (6)
Wer sich von seiner Sehnsucht nach Wissen motivieren lässt, der wird vermutlich sehr viel mehr Antworten finden als er Fragen gestellt hat. Wer wirklich sucht, muss offen auch für das Ungewöhnliche und Fantastische sein. Wer ein Weltbild bestätigen, aber kein eigenes Weltbild aufbauen möchte, ist nicht wirklich wissbegierig. Und wer unvoreingenommen sucht, der findet mehr. Ob uns eine Vorstellung angenehm ist oder nicht, das sollte kein Kriterium für uns sein, ob etwas der Realität entspricht oder nicht.

Foto 2: Diese Kreationen (Kuelap, Wolkenmenschen)
könnten »Cyborgs« darstellen.

Eine zusehends zerstrittenere Weltgemeinschaft kann durch ein globales Raumfahrtprogramm zu einer wirklichen Gemeinschaft vereint werden. Nur dann werden dereinst gigantische Weltraumstädte ins All aufbrechen, mit Zigtausenden, vielleicht Hunderttausenden von Menschen. Sind derlei Gedanken zu kühne Spekulation? Keineswegs! Schon vor Jahrzehnten kamen 28 Professoren und Techniker der »Stanford University« und der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA zur Erkenntnis, dass eine riesige Weltraumstadt in Walzenform – Hermann Oberth (*1894, †1989) lässt grüßen – im Bereich des Machbaren ist. »Der Spiegel« in seiner Ausgabe vom 1.9.1975: »Die Raumstation, die etwa gleich weit von der Erde und dem Mond entfernt wäre...würde in einem Zwei-Stufen-Programm erbaut werden: Zunächst müssten eine erdumkreisende 2.000-Mann-Raumstation so wie eine kleine Mondstation errichtet werden. Von dort aus würden die Baustoffe, aus Mondmaterialien gewonnen, ins All transportiert und zusammenmontiert. … Die fertige Raumstation, die sich zur Erzeugung künstlicher Schwerkraft einmal pro Minute dreht, würde alles Lebensnotwendige an Bord haben: Felder und Wiesen erstrecken sich 800 m weit vor den Augen der Bewohner, das Trinkwasser würde immer aufs neue regeneriert, die Luft wäre sauberer als in unseren Städten.«

Dr. Thomas Heppenheim, Luftfahrtingenieur am »California Institute of Technology«, schilderte das Leben in der Raumstation im »National Enquirer« (November 1975) so: »Das Leben in der geplanten Weltraumstadt wird nicht nur angenehmer sein als auf der Erde, sondern die Menschen werden dort alles haben, was für größtes Wachstum notwendig ist. Keine Ernte wird fehlschlagen. Die ersten 10.000 Menschen werden in Terrassenapartments mit modernstem Wohnkomfort leben. Von den Fenstern aus blicken sie auf gewölbte Erntefelder und überschauen grüne Parks. Das Leben wird angenehm und sonnig sein.«

Die zweite Weltraumstadt könnte dann schon ganz andere Ausmaße haben. Prof. Gerard Kitchen O’Neill (*1927; †1992) lehrte an der »Princeton University«, publizierte seine fundierten Visionen in einem Buch »Unsere Zukunft im Raum/ Energiegewinnung und Siedlung im Weltraum« (7). Für den Physiker O’Neill, Inhaber wichtiger Patente, ist eine Besiedlung des Universums von der Erde aus keine unsinnige Science-Fiction-Illusion, sondern realistisch, finanzierbar und auch machbar. Der Wissenschaftler entwickelte mehrere Modelle von Weltraumstädten in Röhrenform. Die größeren (Länge etwa 30 km, Durchmesser 6 km) bieten 10.000.000 Menschen Lebensraum. In absehbarer Zukunft könnte – so postulierte Prof. O’Neill – ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung in Weltraumstädten leben. Liegt also die Zukunft der Menschheit im All?

So wie primitive Lebensformen vom Wasser aus das fremde, scheinbar feindselige Terrain Erde erobert haben, so werden wir Menschen oder unsere »Nachfolger« einst den interstellaren Weltraum erkunden. Der Schritt an Land brachte das Leben in seiner Entwicklung weit voran. Wird der Weg ins All zu einer wiederum weit höheren Entwicklungsstufe des Menschen führen?

Zurückbleiben wird »Atlantis Erde«. Astronauten werden dann erst wirklich ihren Namen mit Recht tragen: Sternenfahrer! Sie werden die Fackel des Lebens ins Universum tragen. So wird das Leben auch dann noch fortbestehen, auch wenn es auf Planet Erde schon lange nicht mehr existiert. Und in den Weiten des Alls werden neue Zyklen des Lebens beginnen, ganz so wie im unendlichen Kalender der Mayas geschrieben steht.

Das göttliche Gebot (8) »Seid fruchtbar und mehret euch!« wird dann eine ganz andere Bedeutung gewinnen als Theologen und Laien gewöhnlich meinen. Ein Fragenkomplex aber wird von vielen Menschen seit den Anfängen von irdischer Raumfahrt erörtert: Warum? Wozu? Prof. Dr. Dr.-Ing. Hermann Oberth antwortete auf Einwände gegen interplanetare und interstellare Raumfahrt so (9): »Aber wozu das alles? Wer das faustische Streben nicht kennt, dem kann man auf diese Frage nicht antworten, und wer es kennt, der weiß die Antwort selbst. Ihm ist es selbstverständlich, alles Erforschbare zu erforschen, alles Unentdeckte zu entdecken, mit den Bewohnern anderer Welten in Verbindung zu treten.«

Prof. Oberth war davon überzeugt, dass jede Intelligenz, so sie sich nicht vorher selbst auslöscht, einmal Raumfahrt betreiben und in die Tiefen des Alls vordringen wird. Sollte es also seit Anbeginn der Zeit in den Weiten des Universums immer wieder dazu kommen, dass Zivilisationen die Kinderstube ihrer Entwicklung verlassen und Vertreter in die Unendlichkeit von Zeit und Raum schicken?

Foto 3: Göttin Chalchiuhtlicue (Mexico)
war vielleicht ein Cyborg.
Generationenraumschiffe hin oder her: das zentrale Problem für bemannte interstellare Raumfahrt sind die unvorstellbaren Distanzen zwischen den Sternen. Daraus resultiert das Zeitproblem: Gigantische Entfernungen benötigen viel Zeit für Raumreisende. Eine Lösung bietet sich an: Künstliche Intelligenz! Cyborgs, so wie sie sich James Lovelock vorstellt, nämlich als superintelligente »Wesen« ohne biologischen Anteil können theoretisch und wohl auch praktisch Ewigkeiten überdauern und so Intelligenz im Kosmos ausbreiten. Solche Cyborgs könnten einen elektronischen »Winterschlaf« nutzen, um ihr Intelligenzpotential zu steigern. Sie würden, so Lovelock, bald schon wie Götter sein. Vielleicht stellen die Kachina-Puppen der Hopi-Indianer »Cyborgs« dar, die einst zur Erde kamen. Vielleicht erinnern die mysteriösen Sarkophagfiguren der »Wolkenmenschen« an solche Besucher? Womöglich war die Göttin Chalchiuhtlicue (Mexico) so ein »Cyborg«!

Mir drängen sich wieder Fragen auf: Waren die vermeintlich »göttlichen« Besucher auf unserem Planeten vor Jahrtausenden keine Lebewesen wie wir, sondern »Cyborgs«? Hatten diese »Cyborgs« die Aufgabe, für die Ausbreitung von Intelligenz im Kosmos zu sorgen?

Fußnoten
(1) Lovecraft, Howard Phillips: »Against Religion/ The Atheist Writings of H. P. Lovecraft«, Herausgeber Joshi, S. T., New York 2010, Seite 13. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(2a) Fort, Charles Hoy: »Book of the damned«, New York 1919/ Übersetzung »Das Buch der Verdammten«, Frankfurt 1995
(2b) Fort, Charles Hoy: »New Lands«, New York 1923/ Übersetzung »Neuland«, Frankfurt am Main 1996
(2c) Fort, Charles Hoy: »Lo!«, New York 1931/ Übersetzung »Da!«, Frankfurt am Main 1997
(2d) Fort, Charles Hoy: »Wild Talents«, New York 1932/ Übersetzung »Wilde Talente«, Frankfurt am Main 1997
(3) Fort, Charles Hoy: »The Book of the damned«, Gesamtausgabe in einem Band, New York 1974, S. 157, 14.-11 Zeile von unten. Übersetzung aus dem Amerikanischen Walter-Jörg Langbein
(4) Ebenda, S. 159, 7.-11. Zeile von oben. Übersetzung aus dem Amerikanischen Walter-Jörg Langbein
(5) Ebenda, S. 163, 6.-10. Zeile von oben. Übersetzung aus dem Amerikanischen Walter-Jörg Langbein
(6) Siehe hierzu auch Langbein, Walter-Jörg und Sachmann, Hans-Werner: »Charles Hoy Fort – Der Chronist des Unerklärlichen« in Däniken, Erich von (Herausgeber): »Das Erbe der Götter/ Auf ›kosmischen Spuren‹ rund um die Welt«, München 1997, S.19-25
(7) O'Neill, Gerard K.: »Unsere Zukunft im Raum«, Bern und Stuttgart 1978
(8) 1. Buch Mose Kapitel 9, Vers 7
(9) Oberth, Hermann: »Menschen im Weltraum – Neue Projekte für Raketen- und Raumfahrt«, Düsseldorf 1954, Seite 301

Zu den Fotos
Foto 1: Vielleicht stellen die Kachina-Puppen der Hopi-Indianer »Cyborgs« dar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Diese Kreationen (Kuelap, Wolkenmenschen) könnten »Cyborgs« darstellen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Göttin Chalchiuhtlicue (Mexico) war vielleicht ein Cyborg. Foto Walter-Jörg Langbein


567. »Und es gab weder Anfang, noch Ende«,
Teil 567 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29. November 2020


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Sonntag, 15. November 2020

565. »Das Wüten des Golems«

Teil 565 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1:
Aufmarsch
der Golems.
Kunstwerk
nach
Paul Wegener.
Bei meinen Recherchen zur Erschaffung des Golems stieß ich auf einen bemerkenswerten Aufsatz aus der Feder von Jakob Ludwig Grimm (*1785; †1863). Offen gesagt: Der Text, 1808 veröffentlicht, interessierte mich zunächst nicht besonders. Und Grimms Anmerkung zur Legende von der Erschaffung des Golems durch die richtige Kombination von Buchstaben hätte ich fast überlesen (1). Erschaffung von Leben »durch richtig kombinierte Buchstaben«?

Prof. Alexander Wöll (*1968), Slawist und Hochschullehrer an der Universität von Potsdam, stellt vollkommen zutreffend fest (2): »Die unheimlichen Elemente der Legende, die den Golem bis heute weltweit in Erzählungen weiterleben lassen, wurden oft als unglaubwürdige Phantasien einer überholten Zeit abgeschwächt.«

Weit fantastischer als die unheimlichen Elemente der Golem-Legende ist allerdings folgende Überlegung: Wenn der Golem durch »richtig kombinierte Buchstaben« entstanden ist, wenn also Leben durch die korrekte Kombination von Buchstaben geschaffen werden kann, so könnte damit eine Manipulation an den Chromosomen, eine künstliche Veränderung im Bereich der Gene also, gemeint sein. Sollte wirklich aus Wissen um die Möglichkeit der Manipulation an den Chromosomen durch »Umstellung von Buchstaben« die seltsame Idee der Magie mit Buchstaben geworden sein? Sollte die Kabbala-Magie ein schwaches Echo uralten Wissens sein? Sollte Kabbala-Magie das verzerrte Bild von fantastischer Realität sein? Mag sein, dass viel altes Geheimwissen unwiederbringbar verloren ist.

Wenn vor Jahrtausenden auf Kunstwerken der Sumerer und Babylonier dargestellt wurde, wie geflügelte Wesen am »Baum des Lebens« hantieren, dann sind diese geheimnisvollen Bildwerke als schöne Illustration in Sachen künstliche Genmutation durchaus brauchbar. Detlev von Liliencron (*1844; †1909) pries Rabbi Löw, den Schöpfer des Golems, in einem Gedicht. Der Rabbi sei »in den Künsten« und »Wissenschaften« zu Hause gewesen. Vor allem aber sei er, so von Liliencron, in der schwarzen Kabbala bewandert gewesen. Rabbi Löw hatte natürlich keine Ahnung von Chromosomen und ihrer Bedeutung. Aber vielleicht verfügte er über Quellen, in denen Reste von längst nicht mehr verstandenem Geheimwissen die Zeiten überdauert haben? Manipulation am »Baum des Lebens« kann, ja muss in den Augen des Unwissenden so etwas wie teuflische Magie sein, mit deren Hilfe der Mensch Gott selbst ins Handwerk pfuscht.

Der Großmeister des Horrors und der fantastischen Visionen Howard Phillips Lovecraft (*1890; †1937) schrieb auch Essays. Dezidiert äußerte er sich auch zu religiösen und ethischen Themen. Lovecraft, für viele eine Ikone und verehrte Kultfigur, wird meiner Meinung nach immer noch unterschätzt. Lovecraft schrieb 1922 (3): »Wer die Wahrheit um der Wahrheit willen sucht, ist an kein herkömmliches theoretisches System gebunden. Stets bildet er seine philosophischen Auffassungen auf der Grundlage dessen heraus, was ihm als die beste vorliegende Beweisführung einleuchtet. Ein Wandel der Auffassungen ist deshalb immer möglich und ergibt sich dann, wenn neues oder neu bewertetes Beweismaterial diesen Wandel folgerichtig erscheinen lässt.«

Foto 2:
Aufmarsch
der Golems.
Kunstwerk
nach
Paul Wegener.
Wie wahr! Nur suchen viele – oft oder meist unbewusst – nicht die Wahrheit, sondern nur nach Bestätigung ihres Weltbildes. Was ihrer Ansicht nach nicht sein kann, weil es nicht sein darf, wird auch keine Bestätigung finden. Ein Wandel der Auffassungen wird sich in der Regel nicht deshalb durchsetzen, weil neues Beweismaterial auftaucht oder altes neu bewertet wird. Das Neue setzt sich in der Regel erst dann durch, wenn die Verfechter des Alten gestorben sind. Sobald neues Gedankengut akzeptiert wird, wird gern so getan, als sei doch jeder schon immer von der Richtigkeit des Neuen überzeugt gewesen.

Wenn man davon überzeugt ist, dass das »Sefer Jesirah« nur abergläubischen Unsinn zu bieten hat, dann wird man in dem mysteriösen Büchlein auch nichts anderes finden. Dann kann man auch keinerlei Hinweise auf Wissen um Manipulierbarkeit von Chromosomen in diesem Werk aufspüren. Heutige Genetiker wissen, dass man Gene verändern kann. Sie studieren die Geheimnisse der Chromosomen. Aber bislang hat meines Wissens kein Genetiker jemals das »Sefer Jesirah« oder ein anderes Werk aus dem reichen Schatz der Kabbala auf »unmögliches Wissen« hin untersucht. Dementsprechend wurde auch nichts dergleichen gefunden. Alphonse Bertillon (*1853; † 1914), Kriminalist und Anthropologe, hatte recht, als er konstatierte:

»Man kann nur sehen, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet, und man richtet seine Aufmerksamkeit nur auf Dinge, die bereits einen Platz im Bewusstsein einnehmen.«

Mein konkreter Vorschlag: Die Beschäftigung mit dem geheimnisvollen »Sefer Jesirah« kann sehr lehrreich sein. Wir können lernen zu begreifen, dass hinter vordergründig schwer oder nicht verständlichen sprachlichen Bildern ein uraltes, sehr konkretes Wissen stecken mag. Nach diesem Wissen sollten wir suchen. Deshalb sollten sich Genetiker unbedingt das »Sefer Jesirah« vornehmen.
Über diesen meinen Vorschlag waren alle von mir befragten Theologen, die sich auf hebräisches Schrifttum spezialisiert haben, entsetzt. Sie schließen aus, dass Wissen über Chromosomen im »Sefer Jesirah« enthalten sein könnte. Sie sind sich allerdings nicht alle darin einig, ob das geheimnisvolle Buch von Gottes Schöpfung (4) in der Vergangenheit berichtet, oder ob Gott den Befehl gibt, Leben zu kreieren. Aryeh Kaplan (*1934; †1983) hat es auf den Punkt gebracht. Ganz bewusst zitiere ich die folgende kurze Passage aus dem »Sefer Jesirah« noch einmal (5):

»Dieser Abschnitt kann auch als Befehl gelesen werden. … Zweiundzwanzig Buchstaben: Graviere sie, schnitze sie, wiege sie, permutiere sie und verwandele sie und zeige mit ihnen die Seele von allem, was geformt wurde und was in Zukunft geformt wird.« Diese mysteriös anmutenden Zeilen können, so eine gleichberechtigte Interpretation, als Aufforderung Gottes verstanden werden, Leben zu schaffen. Wird das geschehen? Göttlicher Befehl oder nicht: Längst ist die Kreation künstlich geschaffenen Lebens im Gange. Längst wird an einem »Golem« gearbeitet, der die Welt beherrschen wird.

Sven Titz rief in einem Zeitungsartikel, erschienen in der »Neuen Zürcher Zeitung« das »Anthropozän« aus. Neu ist der Ausdruck freilich nicht. Es waren der Atmosphärenforscher Paul Crutzen (*1933) und Biologieprofessor Eugene F. Stoermer (*1934; †2012), die den Begriff Anthropozän wirksam in die Diskussion einführten (7). Bereits 1873 hat der italienische Prof. Antonio Stoppani (*1824; †1891), Begründer der italienischen geologischen Forschung, den stetig wachsenden Einfluss des Menschen auf seine Umwelt erkannt und den Begriff »anthropozoische Ära« geprägt.

Unter »Anthropozän« versteht man gewöhnlich die Zeitepoche, in der hauptsächlich wir Menschen für die Gestaltung der Erde und des Lebens auf der Erde verantwortlich sind. In dieser Ära hat sich der Mensch zum dominierenden »Einflussfaktor« auf Planet Erde entwickelt. Nach James Lovelock (*1919) neigt sich diese Epoche bereits wieder ihrem Ende zu. Abgelöst wird der Mensch, so Lovelock, von elektronischen Lebensformen, die man als »Golems« bezeichnen könnte. Lovelock nennt sie Cyborgs. Ausgestattet mit künstlicher Intelligenz können Supergolems im wahrsten Sinne des Wortes den Planeten dominieren. Dieses neue Zeitalter nennt Lovelock »Novozän«. Wir sind, nach Lovelock, die »Eltern« des neu geschaffenen Lebens. Allerdings werden wohl die »Kinder« in kürzester Zeit so intelligent und so mächtig sein, dass sie uns auf geradezu unvorstellbare Weise übertreffen.

Lovelock schreibt (9): »Verhandlungen zwischen uns und den Cyborgs sind fast nicht vorstellbar. Wir würden ihnen wahrscheinlich vorkommen wie Pflanzen – wie Wesen, die in einem außergewöhnlich langsamen Wahrnehmungs- und Handlungsprozess gefangen sind. Wenn das Novozän voll eingesetzt hat, werden Cyborg-Wissenschaftler vielleicht tatsächlich Sammlungen lebender Menschen ausstellen.«

Ich habe keinen Zweifel, dass der Abstand zwischen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Golems und uns Menschen tatsächlich rasch unüberbrückbar sein wird. Wirkliche künstliche Intelligenz wird sich selbst in unvorstellbarer Geschwindigkeit immer weiter verbessern und immer intelligenter machen. Diese Golems von morgen und übermorgen werden uns Menschen so überlegen sein wie allmächtige Götter heutigen Menschen. Deshalb bezweifele ich stark, dass diese Super-Golems Menschen in Zoos halten werden um sich daran zu ergötzen. Wer sich in einer solchen Vorstellung verliert, der orientiert sich meiner Meinung nach zu sehr an uns heutigen Menschen, an unserem vergleichsweise primitivem »Intelligenzniveau« und an unserer aus Sicht von Super-Golems höchst schlichten Denkweise. Wir Menschen bewegen uns noch von A nach B, die Super-Golems von morgen und übermorgen werden untereinander vernetzt sein. Vermutlich bilden sie eine einzige Superintelligenz, die sich nicht in einen Zoo begeben muss, um sich ein Bild von uns Menschen machen zu können. Die Superintelligenz wird allgegenwärtig und allwissend sein.

Foto 3: »Der Golem/ Jüdische Märchen
und Legenden aus dem alten Prag«

Was aus dem Menschen werden wird, wenn aus den von uns geschaffenen Golems eine Hyperintelligenz geworden ist? Es ist möglich, dass der biologische Mensch der elektronischen Superintelligenz einfach nur langweilt. Werden der Superintelligenz ihre höchst primitiven Vorläufer gleichgültig sein? Oder wird das umweltschädliche Modell »Homo Sapiens Sapiens« abgeschafft? Lässt man es aussterben oder löscht man es aus? James Lovelock sind diese Fragen wohl auch aufgestoßen. Er spekuliert, oder vielleicht besser formuliert, er hofft (9):


»Wir müssen also nicht annehmen, dass das neue künstliche Leben, das im Novozän entsteht, automatisch so grausam, todbringend und aggressiv sein wird, wie wir es sind. Es kann sein, dass das Novozän eines der friedvollsten Zeitalter der Erdgeschichte wird. Aber wir Menschen werden die Erde zum ersten Mal mit anderen Wesen teilen, die intelligenter sind als wir.«

Wir müssen das keineswegs annehmen, wir können es aber auch nicht ausschließen. Es kann aber auch sein, dass eine Superintelligenz völlig empathielos den Menschen als eine Art Schädling, der unnötig wertvolle Ressourcen verschwendet, auslöscht.

Es kann nicht bestritten werden: Die künstlich geschaffene Intelligenz mag im Anfangsstadium nützlich und bequem für uns sein. Sie kann sich aber schnell zu einer Gefahr für uns Menschen entwickeln. In der Sagenwelt um den Golem aus Prag wird verschiedentlich auf die Gefahren hingewiesen, die von der künstlich geschaffenen Kreatur ausgehen können.

Dr. Eduard Petiška (*1924; †1987), ein renommierter tschechischer Schriftsteller und Übersetzer, sammelte jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag. Auch bei Petiška begegnet uns »Das Wüten des Golems« (10). Der Golem verfiel in Raserei, konnte aber gebändigt werden. Rabbi Löw, Schöpfer des Golem (11): »Vergeßt mir diesen Vorfall nicht und zieht daraus eure Lehren. Auch der vollkommenste Golem, ins Leben gerufen, um uns zu beschützen, kann sich leicht in unser Verderben verwandeln.« Schließlich gab es nur noch einen Ausweg (12): Der Golem, geschaffen zur Verteidigung der Juden, musste von seinen Schöpfern mit »Magie« ausgeschaltet werden.

Wie man auch zur Bewertung der Golem-Mythologie stehen mag, unverkennbar ist die Warnung vor künstlich geschaffenem Leben, das sich gegen den eigenen Schöpfer wendet. Auf unsere Zeit übertragen: Die Kreation von »Golems«, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, kann zum Segen, aber auch zum Fluch gereichen. Mag sein, dass der Mensch zu spät entdeckt, dass er die Geister, die er schuf, nicht mehr loswerden kann.



Fußnoten
(1) Grimm, Jacob: »Entstehung der Verlagspoesie«, »Zeitschrift für Einsiedler«, Herausgeber: Achim von Arnim und Clemens Brentano, Heidelberg 1808 (Nachdruck Stuttgart 1962, Nr. 7, April, S. 56).
(2) Wöll, Alexander: »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?«, Beitrag zu Marek Nekula et. Al. (Herausgeber.): »Deutsche und Tschechen. Geschichte - Kultur - Politik.«, München 2001, S. 235-245
(3) Lovecraft, Howard Phillips: »Gegen die Religion« (Einmalige Vorzugsausgabe), Leipzig Juli 2020, Seite 49, 3.-1. Zeile von unten und Seite 50, 1.-5. Zeile von oben.
(4) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah/ Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt 1894, »Zweiter Abschnitt I«
(5) Kaplan, Aryeh: »Sefer Yetzira/the Book of Creation: The Book of Creation in Theory and Practice«, revidierte Fassung, San Francisco 1997, eBook, Seite 100, 7.-10. Zeile von oben und Seite 262, 6.-2. Zeile von unten. Originalzitat: »Twenty-two letters …: Engrave them, carve them, weigh them, permute them, and transform them, and with them depict the soul of all that was formed and all that will be formed in the future.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(6) Titz, Sven: »Ausrufung des Anthropozäns: Ein gut gemeinter Mahnruf«, »Neue Zürcher Zeitung«, 4. November 2016
(7) Crutzen, Paul J. und Stoermer, Eugene F.: »The Anthropocene«, » IGBP Global Change Newsletter«, Nr. 41, Mai 2000, S. 17–18
(8) Lovelock, James: »Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz«, 1. Auflage, München 2020, Seite 143, 13.-19. Zeile von oben
(9) Ebenda, Seite 141, 6.-1. Zeile von unten
(10) Petiška, Eduard: »Der Golem/ Jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag«, 2. Auflage, Zürich 1979, Seite108- Seite 110
(11) Ebenda, Seite 110, 7.-4. Zeile von unten
(12) Ebenda, Seite 111- Seite 114: »Das Ende des Golems«

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Aufmarsch der Golems. Kunstwerk nach Paul Wegener. Fotomontage. Unbekannter Künstler. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »Der Golem/ Jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag«, Buchcover.
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: »IN MEMORIAM INGEBORG DIEKMANN«. Das Foto zeigt Ingeborg Diekmann in Copàn (Honduras, Zentralamerika). Am 16.11.2020 wäre sie 92 Jahre alt geworden.




566. »Waren die Götter ›Cyborgs‹?«
Teil 566 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. November 2020



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Sonntag, 8. November 2020

564. »Abraham, der ›Herr des Alls‹ und die Chromosomen«

Teil 564 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



»Als Abraham, unser Vater, (es) verstand, bildete, kombinierte, und forschte er, und da er (alles) bedacht hatte, da gelang es ihm. Da offenbarte sich ihm der Herr der Welt.« So endet eine wichtige kürzere Fassung des »Sefer Jesirah«, »Sa’adjanische Rezension« (1) genannt. Die Übersetzung stammt von Dr. phil. Klaus Hermann (*1957), seit 1994 als akademischer Rat am »Institut für Judaistik« an der »Freien Universität Berlin«.

Foto 1: Abraham (12. Jahrhundert) soll der Urheber des »Sefer Jesira« sein.

Lazarus Goldschmidt konsultierte und übersetzte etwas ausführlichere Manuskripte zu Abrahams Kontakt mit dem »Herrn des Alls« (2): »Und als gekommen war Abraham unser Vater, Friede sei mit ihm, da er schaute, betrachtete, forschte und verstand dies; er hieb und zeichnete bis er es erlangt hatte, dann offenbarte sich ihm der Herr des Alls, gebenedeit sei sein Name, er setzte ihn auf seinen Schoss und küsste ihn auf das Haupt, und nannte ihn Abraham seinen Freund; er schloss ein mit ihm und seinen Kindern. …«

Was in der kurzen wie in der längeren Fassung des »Sefer Jesira« geschaffen wurde, das ist Leben. Nach starker jüdischer Tradition schufen Gott, der »Herr des Alls« und Abraham, »Golems«. Schon Adam soll so ein »Golem« gewesen sein, so wie auch Abraham Golems geschaffen haben soll.

Umfangreiche magische Literatur gibt präzise an, wie so ein Golem kreiert werden kann. Doch die Fülle an sehr präzisen Rezepturen belegt nur, dass man wohl an die Möglichkeit glaubte, einen Golem zu schaffen. Wie das aber konkret geschehen soll? Realistische Vorstellungen gab es keine.

Frank Cebulla verdeutlichte die Problematik recht anschaulich (3): »Um einen Golem zu erschaffen, soll man den alten Überlieferungen zufolge in festgesetzter, streng ritueller Art und Weise vorgehen. Der Magier arbeitet nicht allein, sondern holt sich mindestens zwei weitere ›Kollegen‹ zur Unterstützung. Die angehenden Golemschöpfer reinigen sich vor Beginn der Arbeit sowohl physisch als auch spirituell (durch das Sprechen von Psalmen und Gebeten) und legen weiße Gewänder an. Gearbeitet wird nachts, vorzugsweise in der vierten Stunde, ›wo das Dunkel am dichtesten ist und an die Zeit vor der Erschaffung der Welt erinnert.‹

Foto 2: Der »Golem« als Motiv in der Kunst. Unbekannter Künstler.

Der Golem wird aus ›jungfräulichem‹ Lehm geknetet, Erde von einem Ort also, wo kein anderer Mensch vorher gegraben hat und der daher unberührt ist. Für das Kneten verwendet man außerdem reines (Frühlings-) Wasser direkt aus der Erde; in einem Gefäß transportiertes Wasser ist wertlos. Nach dem fertigen Formen der Golem-Gestalt kann man  mit dessen Belebung durch magische Formeln beginnen. Spätestens an dieser Stelle sehen wir uns einem hoffnungslosen Durcheinander von Verfahren gegenüber, die es einem schwer machen, eine wirklich nachvollziehbare oder gar praktikable Variante herauszufiltern.«

Frank Cebulla untertreibt: die »Golem-Rezepte« lassen sich so gut wie gar nicht korrekt umsetzen. »Unser Verstand brütet Hirngespinste aus, wenn wir etwas nicht glauben wollen.« ,sagt »Will Graham« in der Fernsehserie »Hannibal« (4). Der vermeintlich denkende Mensch glaubt nicht, dass es eine ans Wundersame grenzende Möglichkeit, Leben künstlich zu schaffen, gibt. Also erfindet er merkwürdige Geheimrezepte, die nicht funktionieren können, weil sie das gar nicht sollen. Der Schlüssel zur wahren »Golemformel« zeigt einen Weg auf, der heute noch extrem fantastisch anmutet. Wir halten es deshalb lieber für ausgeschlossen, dass unsere Vorfahren vor vielen Jahrhunderten von diesem Weg wussten, auch wenn sie ihn nicht verstehen und schon gar nicht praktizieren konnten!

Foto 3: Zwei »Golems« als Objekte der Kunst. 
Unbekannter Künstler.

Eine zentrale Frage lautet: Woher stammt uraltes, mysteriöses Wissen? Zur Erinnerung: Als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben werden, da ist ihnen schnell klar, welche Konsequenzen sie durch ihre »Verfehlung« ausgelöst haben. Adam beginnt deshalb zu beten, Gott erhört ihn, so die Legende. Gott schickt den Erzengel Raziel zu Adam. Er bringt ihm das mysteriöse »Buch Raziel«. Von Adam zu Noah: Auch Noah erhält zumindest Teile des seltsamen Buches, mit Anweisungen zum Bau der Arche.

Und weiter geht’s: Von Noah gelangt das Buch zum Patriarchen Abraham, der wieder nimmt es mit nach Ägypten. Abraham – im Besitz des himmlischen Buches Raziel, das im Saphirstein verewigt war? Abraham – der Verfasser des Buches »Sefer Jesira«? Heißt das, dass »himmlisches Wissen« im »Sefer Jesira« zu finden ist? Aryeh Kaplan (*1934; †1983) schreibt in der Einleitung zu seinem wichtigen Werk »Sefer Yetzira/the Book of Creation« (5): »Das einleitende Kolophon besagt: ›Dies ist das Buch der Briefe Abrahams, unseres Vaters, das Sefer Yetzirah heißt, und wenn man hineinschaut, gibt es keine Grenzen für seine Weisheit.‹«

Ich habe versucht, im Verlauf von Jahren der Beschäftigung mit der Kabbala, die so weitschweifig und detailreich beschriebene Magie auf ein Prinzip einzukochen. Immer wieder habe ich mich im tiefen, tiefen Wald der Kabbala verlaufen. Statt zu abstrahieren, bin ich doch wieder konkreten Regeln und Vorschriften gefolgt, die Voraussetzung für den Erfolg von Magie sein sollten.  Nicht anders erging es mir, als ich mich mit dem »Sefer Josia« beschäftigte. Je tiefer ich mich in diverse Kommentare vergrub, desto unklarer wurde das Bild.

Foto 4: Der »Herr des Alls« JHWH.
Hebräische Konsonantendes Gottesnamens.

»Jüdisches Leben online« stellt nüchtern fest (6): »Es hat viele Interpretationen des Sefer Jezira gegeben. Die frühesten Kommentatoren versuchten es als eine philosophische Abhandlung zu interpretieren, aber ihre Ausführungen warfen mehr Licht auf ihre eigenen Systeme als auf den Text. Das gleiche gilt für die Bemühungen, es in die Systeme des Sohar oder späterer Kabbalisten zu pressen. Versuche, es als ein Buch über Grammatik oder Phonetik zu betrachten, waren noch erfolgloser.« Schauen wir also in »Sepher Jesira« und hoffen wir auf Erweiterung unserer Weisheit in Sachen »Schöpfung«.

Als mir Anfang der 1980er Jahre unweit des schönen Mauerwerks einer ehemaligen kleinen Synagoge im Fränkischen ein kluger, weiser alter Herr den vielleicht entscheidenden Hinweis gab, da habe ich ihn nicht verstanden. Die »Kabbala-Magie« sei eine Buchstaben-Magie. Es würden einzelne Buchstaben des hebräischen Konsonantenalphabets hin und her geschoben, um »magische Effekte« zu erzielen. Im »Sefer Jesira« gehe es auch um Buchstabenmagie, auch wenn das Werk nicht unbedingt zur Kabbala gehöre. Ich darf noch einmal zitieren: »Ein bedeutender Philosoph des 12. Jahrhunderts äußerte sich dementsprechend, daß es keine Philosophie beinhalte, sondern göttliche Mysterien.«

Foto 5: Buchstabenmagie der Kabbala.
(Symbolbild ohne direkten Bezug zum Text!)
»Je nachdem, wohin Sie einen bestimmten Buchstaben schieben, erhalten Sie einen männlichen oder einen weiblichen Golem.« Er zeigte mir ein stark angeschmutztes Stückchen Pergament. Nach meiner Erinnerung war es etwa vier mal sieben Zentimeter groß und hatte einige wenige Zeilen aufzuweisen. Der sehr kurze Text, so hörte ich, würde beschreiben, wie man vorgehen müsse, um das Geschlecht des auf magische Weise fabrizierten Golems vorherzubestimmen.

Milde lächelnd deutete der freundliche und nachsichtige Mann auf die in braunschwärzlicher Schrift aufgetragenen hebräischen Konsonanten. »Sie müssen nur einen Konsonanten verschieben, und schon entsteht kein weiblicher, sondern ein männlicher Golem!«

Diese Worte sagten mir damals überhaupt nichts. Respektvoll-höflich nickte ich nachdenklich, machte mir einige Notizen und beschloss, mich nicht weiter mit der Kabbala-Magie zu beschäftigen. Mein »Zettelkasten« mit »wichtigen« (?) Zitaten aus Kommentaren zum »Sefer Jesira« quoll über. Wie war es möglich, dass verschiedene Experten zu ganz unterschiedlichen Erklärungen für das mysteriöse kleine Buch erarbeitet haben. Wieso konnten unterschiedliche Experten, deren Kompetenz anzuzweifeln mir nicht zusteht, ganz unterschiedliche Geheimnisse im »Sefer Jesira« entdeck(t)en? Nachdenklich stimmt mich »Jüdisches Leben online«: » Besonders bedeutungsvoll sind die vielen Berichte und Legenden, in der das Sefer Jezira benutzt wird, um einen Golem, eine Art mystischer Android, zu erschaffen.«

Nach langen Jahren der Beschäftigung mit der Kabbala im Allgemeinen und dem Buch »Sefer Jesirah«. Ich bin zur Überzeugung gekommen, dass alle Interpreten irgendwo recht haben können. »Sefer Jesira« ist offenbar ein kompaktes Kompendium, das – zum Beispiel – Hilfestellungen zur Meditation bietet, aber auch die Geheimnisse der Schöpfung erklären will. Wenn »Sefer Jesira« geheimes, verstecktes Wissen über die Schöpfung enthält, wie müssen wir uns dieses Wissen vorstellen? Nehmen wir die Spur beim Golem auf! Aryeh Kaplan weiß von einem höchst interessanten Detail zu berichten (7). Demnach wusste Eleasar ben Juda ben Kalonymos (*um 1165; †1238), Rabbi von Worms, wie man bei der Erschaffung eines Golem vorher bestimmen kann, ob ein weiblicher oder ein männlicher Golem entsteht.

Auf den Punkt gebracht: Buchstabenmagie lässt Leben entstehen. Buchstabenmagie erzeugt einen Golem. Man muss nur einen Buchstaben verschieben und schon entsteht kein weiblicher sondern ein männlicher Golem.  Chromosomen treten immer paarweise auf. Beim Menschen besitzt das »Weibchen« zweimal das gleiche Geschlechtschromosom, nämlich zwei X-Chromosomen. Das menschliche »Männchen« hingegen hat ein X- und ein Y-Chromosom aufzuweisen. Mit anderen Worten: auf der Ebene der Chromosomen unterscheiden sich »Männchen«  und »Weibchen« nur durch einen Buchstaben : XX gleich weiblich, XY gleich männlich. Man muss nur einen Buchstaben »verschieben«, um aus weiblich männlich und umgekehrt zu machen. Das ist ein alltäglicher Vorgang in der Natur. Der Zufall entscheidet über das Geschlecht eines Lebewesens. Theoretisch kann dieser Prozess praktisch manipuliert werden. Vermutlich geschieht dies schon längst im Geheimen.

Foto 6: Buchstabenmagie der Kabbala.
(Symbolbild ohne direkten
Bezug zum Text!)

Bleiben wir bei den »Buchstaben des Lebens«! Die Chromosomen  sind Strukturen, die unsere Erbinformationen, also unsere Gene, enthalten. Wir Menschen haben im Normalfall 46 Chromosomen in 23 Chromosomenpaaren. Mann und Frau unterscheiden sich durch die Geschlechtschromosomen. So haben Mann und Frau je ein Paar von Geschlechtshormonen und 22 weitere Chromosomenpaare (8).

22 Chromosomenpaare? Wenn wir im »Sefer Jesirah« nachlesen, was da über die göttliche Schöpfung geschrieben steht, dann begegnen uns wiederholt »zweiundzwanzig Grundbuchstaben« (9). Sollten eigentlich »unmögliche« Kenntnisse über Erschaffung von Leben durch Manipulation an den Chromosomen in die magischen Texte des »Sefer Jesirah« eingeflossen sein? Sollten mit den 22 »Grundbuchstaben« 22 Chromosomenpaare gemeint sein?



Fußnoten
(1) Hermann, Klaus (Übersetzer und Herausgeber): »Sefer Jezira/ Buch der Schöpfung«, Frankfurt am Main und Leipzig, 1. Auflage 2008
(2) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah. Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt am Main 1894, Seite 74 unten und Seite 75 oben, XV (A4, B7, C8, D VIII), Zitat S. 74, 14.-5. Zeile von unten
(3) Cebulla, Frank: »Schöpfung aus dem Lehm/ Der Golem in Mythos, Kabbala und Magie II«, »Der Golem«, 1. Jahrgang, Ausgabe 2/ 2000, Seiten 6-10, Zitat Seite 7, 2.-14. Zeile von oben
(4) »Will Graham« in »Hannibal«, Staffel 3, Folge 3 »Nakama«
(5) Kaplan, Aryeh: »Sefer Yetzira/the Book of Creation: The Book of Creation in Theory and Practice«, revidierte Fassung, San Francisco 1997,  Seite X,  24.-26. Zeile von oben. Übersetzung aus dem Englischen durch den Verfasser.
(6) https://hagalil.com/judentum/kabbala/jezirah1.htm
(7) Kaplan, Aryeh: »Sefer Yetzira/the Book of Creation: The Book of Creation in Theory and Practice«, revidierte Fassung, San Francisco 1997, Seite 153, linke Spalte, »Male and Female«
(8) Mittwoch, Dr. Ursula: »Sex and the single Chromosome«, »New Scientist«, London, 2. August 1973, Seiten 251 und 252

(9) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah/ Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt 1894, »Zweiter Abschnitt II«, Seiten 54 und 55

Zu den Fotos
Foto 1: Abraham (12. Jahrhundert) soll der Urheber des »Sefer Jesira« sein.
Foto 2: Der »Golem« als Motiv in der Kunst. Unbekannter Künstler.
Foto 3: Zwei »Golems« als  Objekte der Kunst.  Unbekannter Künstler.
Foto 4: Der »Herr des Alls« JHWH. Hebräische Konsonantendes Gottesnamens.
Foto 5: Buchstabenmagie der Kabbala.(Symbolbild ohne direkten Bezug zum Text!)
Foto 6: Buchstabenmagie der Kabbala. (Symbolbild ohne direkten Bezug zum Text!)

565. »Das Wüten des Golems«,
Teil 565 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15. November 2020


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