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Sonntag, 15. November 2020

565. »Das Wüten des Golems«

Teil 565 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1:
Aufmarsch
der Golems.
Kunstwerk
nach
Paul Wegener.
Bei meinen Recherchen zur Erschaffung des Golems stieß ich auf einen bemerkenswerten Aufsatz aus der Feder von Jakob Ludwig Grimm (*1785; †1863). Offen gesagt: Der Text, 1808 veröffentlicht, interessierte mich zunächst nicht besonders. Und Grimms Anmerkung zur Legende von der Erschaffung des Golems durch die richtige Kombination von Buchstaben hätte ich fast überlesen (1). Erschaffung von Leben »durch richtig kombinierte Buchstaben«?

Prof. Alexander Wöll (*1968), Slawist und Hochschullehrer an der Universität von Potsdam, stellt vollkommen zutreffend fest (2): »Die unheimlichen Elemente der Legende, die den Golem bis heute weltweit in Erzählungen weiterleben lassen, wurden oft als unglaubwürdige Phantasien einer überholten Zeit abgeschwächt.«

Weit fantastischer als die unheimlichen Elemente der Golem-Legende ist allerdings folgende Überlegung: Wenn der Golem durch »richtig kombinierte Buchstaben« entstanden ist, wenn also Leben durch die korrekte Kombination von Buchstaben geschaffen werden kann, so könnte damit eine Manipulation an den Chromosomen, eine künstliche Veränderung im Bereich der Gene also, gemeint sein. Sollte wirklich aus Wissen um die Möglichkeit der Manipulation an den Chromosomen durch »Umstellung von Buchstaben« die seltsame Idee der Magie mit Buchstaben geworden sein? Sollte die Kabbala-Magie ein schwaches Echo uralten Wissens sein? Sollte Kabbala-Magie das verzerrte Bild von fantastischer Realität sein? Mag sein, dass viel altes Geheimwissen unwiederbringbar verloren ist.

Wenn vor Jahrtausenden auf Kunstwerken der Sumerer und Babylonier dargestellt wurde, wie geflügelte Wesen am »Baum des Lebens« hantieren, dann sind diese geheimnisvollen Bildwerke als schöne Illustration in Sachen künstliche Genmutation durchaus brauchbar. Detlev von Liliencron (*1844; †1909) pries Rabbi Löw, den Schöpfer des Golems, in einem Gedicht. Der Rabbi sei »in den Künsten« und »Wissenschaften« zu Hause gewesen. Vor allem aber sei er, so von Liliencron, in der schwarzen Kabbala bewandert gewesen. Rabbi Löw hatte natürlich keine Ahnung von Chromosomen und ihrer Bedeutung. Aber vielleicht verfügte er über Quellen, in denen Reste von längst nicht mehr verstandenem Geheimwissen die Zeiten überdauert haben? Manipulation am »Baum des Lebens« kann, ja muss in den Augen des Unwissenden so etwas wie teuflische Magie sein, mit deren Hilfe der Mensch Gott selbst ins Handwerk pfuscht.

Der Großmeister des Horrors und der fantastischen Visionen Howard Phillips Lovecraft (*1890; †1937) schrieb auch Essays. Dezidiert äußerte er sich auch zu religiösen und ethischen Themen. Lovecraft, für viele eine Ikone und verehrte Kultfigur, wird meiner Meinung nach immer noch unterschätzt. Lovecraft schrieb 1922 (3): »Wer die Wahrheit um der Wahrheit willen sucht, ist an kein herkömmliches theoretisches System gebunden. Stets bildet er seine philosophischen Auffassungen auf der Grundlage dessen heraus, was ihm als die beste vorliegende Beweisführung einleuchtet. Ein Wandel der Auffassungen ist deshalb immer möglich und ergibt sich dann, wenn neues oder neu bewertetes Beweismaterial diesen Wandel folgerichtig erscheinen lässt.«

Foto 2:
Aufmarsch
der Golems.
Kunstwerk
nach
Paul Wegener.
Wie wahr! Nur suchen viele – oft oder meist unbewusst – nicht die Wahrheit, sondern nur nach Bestätigung ihres Weltbildes. Was ihrer Ansicht nach nicht sein kann, weil es nicht sein darf, wird auch keine Bestätigung finden. Ein Wandel der Auffassungen wird sich in der Regel nicht deshalb durchsetzen, weil neues Beweismaterial auftaucht oder altes neu bewertet wird. Das Neue setzt sich in der Regel erst dann durch, wenn die Verfechter des Alten gestorben sind. Sobald neues Gedankengut akzeptiert wird, wird gern so getan, als sei doch jeder schon immer von der Richtigkeit des Neuen überzeugt gewesen.

Wenn man davon überzeugt ist, dass das »Sefer Jesirah« nur abergläubischen Unsinn zu bieten hat, dann wird man in dem mysteriösen Büchlein auch nichts anderes finden. Dann kann man auch keinerlei Hinweise auf Wissen um Manipulierbarkeit von Chromosomen in diesem Werk aufspüren. Heutige Genetiker wissen, dass man Gene verändern kann. Sie studieren die Geheimnisse der Chromosomen. Aber bislang hat meines Wissens kein Genetiker jemals das »Sefer Jesirah« oder ein anderes Werk aus dem reichen Schatz der Kabbala auf »unmögliches Wissen« hin untersucht. Dementsprechend wurde auch nichts dergleichen gefunden. Alphonse Bertillon (*1853; † 1914), Kriminalist und Anthropologe, hatte recht, als er konstatierte:

»Man kann nur sehen, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet, und man richtet seine Aufmerksamkeit nur auf Dinge, die bereits einen Platz im Bewusstsein einnehmen.«

Mein konkreter Vorschlag: Die Beschäftigung mit dem geheimnisvollen »Sefer Jesirah« kann sehr lehrreich sein. Wir können lernen zu begreifen, dass hinter vordergründig schwer oder nicht verständlichen sprachlichen Bildern ein uraltes, sehr konkretes Wissen stecken mag. Nach diesem Wissen sollten wir suchen. Deshalb sollten sich Genetiker unbedingt das »Sefer Jesirah« vornehmen.
Über diesen meinen Vorschlag waren alle von mir befragten Theologen, die sich auf hebräisches Schrifttum spezialisiert haben, entsetzt. Sie schließen aus, dass Wissen über Chromosomen im »Sefer Jesirah« enthalten sein könnte. Sie sind sich allerdings nicht alle darin einig, ob das geheimnisvolle Buch von Gottes Schöpfung (4) in der Vergangenheit berichtet, oder ob Gott den Befehl gibt, Leben zu kreieren. Aryeh Kaplan (*1934; †1983) hat es auf den Punkt gebracht. Ganz bewusst zitiere ich die folgende kurze Passage aus dem »Sefer Jesirah« noch einmal (5):

»Dieser Abschnitt kann auch als Befehl gelesen werden. … Zweiundzwanzig Buchstaben: Graviere sie, schnitze sie, wiege sie, permutiere sie und verwandele sie und zeige mit ihnen die Seele von allem, was geformt wurde und was in Zukunft geformt wird.« Diese mysteriös anmutenden Zeilen können, so eine gleichberechtigte Interpretation, als Aufforderung Gottes verstanden werden, Leben zu schaffen. Wird das geschehen? Göttlicher Befehl oder nicht: Längst ist die Kreation künstlich geschaffenen Lebens im Gange. Längst wird an einem »Golem« gearbeitet, der die Welt beherrschen wird.

Sven Titz rief in einem Zeitungsartikel, erschienen in der »Neuen Zürcher Zeitung« das »Anthropozän« aus. Neu ist der Ausdruck freilich nicht. Es waren der Atmosphärenforscher Paul Crutzen (*1933) und Biologieprofessor Eugene F. Stoermer (*1934; †2012), die den Begriff Anthropozän wirksam in die Diskussion einführten (7). Bereits 1873 hat der italienische Prof. Antonio Stoppani (*1824; †1891), Begründer der italienischen geologischen Forschung, den stetig wachsenden Einfluss des Menschen auf seine Umwelt erkannt und den Begriff »anthropozoische Ära« geprägt.

Unter »Anthropozän« versteht man gewöhnlich die Zeitepoche, in der hauptsächlich wir Menschen für die Gestaltung der Erde und des Lebens auf der Erde verantwortlich sind. In dieser Ära hat sich der Mensch zum dominierenden »Einflussfaktor« auf Planet Erde entwickelt. Nach James Lovelock (*1919) neigt sich diese Epoche bereits wieder ihrem Ende zu. Abgelöst wird der Mensch, so Lovelock, von elektronischen Lebensformen, die man als »Golems« bezeichnen könnte. Lovelock nennt sie Cyborgs. Ausgestattet mit künstlicher Intelligenz können Supergolems im wahrsten Sinne des Wortes den Planeten dominieren. Dieses neue Zeitalter nennt Lovelock »Novozän«. Wir sind, nach Lovelock, die »Eltern« des neu geschaffenen Lebens. Allerdings werden wohl die »Kinder« in kürzester Zeit so intelligent und so mächtig sein, dass sie uns auf geradezu unvorstellbare Weise übertreffen.

Lovelock schreibt (9): »Verhandlungen zwischen uns und den Cyborgs sind fast nicht vorstellbar. Wir würden ihnen wahrscheinlich vorkommen wie Pflanzen – wie Wesen, die in einem außergewöhnlich langsamen Wahrnehmungs- und Handlungsprozess gefangen sind. Wenn das Novozän voll eingesetzt hat, werden Cyborg-Wissenschaftler vielleicht tatsächlich Sammlungen lebender Menschen ausstellen.«

Ich habe keinen Zweifel, dass der Abstand zwischen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Golems und uns Menschen tatsächlich rasch unüberbrückbar sein wird. Wirkliche künstliche Intelligenz wird sich selbst in unvorstellbarer Geschwindigkeit immer weiter verbessern und immer intelligenter machen. Diese Golems von morgen und übermorgen werden uns Menschen so überlegen sein wie allmächtige Götter heutigen Menschen. Deshalb bezweifele ich stark, dass diese Super-Golems Menschen in Zoos halten werden um sich daran zu ergötzen. Wer sich in einer solchen Vorstellung verliert, der orientiert sich meiner Meinung nach zu sehr an uns heutigen Menschen, an unserem vergleichsweise primitivem »Intelligenzniveau« und an unserer aus Sicht von Super-Golems höchst schlichten Denkweise. Wir Menschen bewegen uns noch von A nach B, die Super-Golems von morgen und übermorgen werden untereinander vernetzt sein. Vermutlich bilden sie eine einzige Superintelligenz, die sich nicht in einen Zoo begeben muss, um sich ein Bild von uns Menschen machen zu können. Die Superintelligenz wird allgegenwärtig und allwissend sein.

Foto 3: »Der Golem/ Jüdische Märchen
und Legenden aus dem alten Prag«

Was aus dem Menschen werden wird, wenn aus den von uns geschaffenen Golems eine Hyperintelligenz geworden ist? Es ist möglich, dass der biologische Mensch der elektronischen Superintelligenz einfach nur langweilt. Werden der Superintelligenz ihre höchst primitiven Vorläufer gleichgültig sein? Oder wird das umweltschädliche Modell »Homo Sapiens Sapiens« abgeschafft? Lässt man es aussterben oder löscht man es aus? James Lovelock sind diese Fragen wohl auch aufgestoßen. Er spekuliert, oder vielleicht besser formuliert, er hofft (9):


»Wir müssen also nicht annehmen, dass das neue künstliche Leben, das im Novozän entsteht, automatisch so grausam, todbringend und aggressiv sein wird, wie wir es sind. Es kann sein, dass das Novozän eines der friedvollsten Zeitalter der Erdgeschichte wird. Aber wir Menschen werden die Erde zum ersten Mal mit anderen Wesen teilen, die intelligenter sind als wir.«

Wir müssen das keineswegs annehmen, wir können es aber auch nicht ausschließen. Es kann aber auch sein, dass eine Superintelligenz völlig empathielos den Menschen als eine Art Schädling, der unnötig wertvolle Ressourcen verschwendet, auslöscht.

Es kann nicht bestritten werden: Die künstlich geschaffene Intelligenz mag im Anfangsstadium nützlich und bequem für uns sein. Sie kann sich aber schnell zu einer Gefahr für uns Menschen entwickeln. In der Sagenwelt um den Golem aus Prag wird verschiedentlich auf die Gefahren hingewiesen, die von der künstlich geschaffenen Kreatur ausgehen können.

Dr. Eduard Petiška (*1924; †1987), ein renommierter tschechischer Schriftsteller und Übersetzer, sammelte jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag. Auch bei Petiška begegnet uns »Das Wüten des Golems« (10). Der Golem verfiel in Raserei, konnte aber gebändigt werden. Rabbi Löw, Schöpfer des Golem (11): »Vergeßt mir diesen Vorfall nicht und zieht daraus eure Lehren. Auch der vollkommenste Golem, ins Leben gerufen, um uns zu beschützen, kann sich leicht in unser Verderben verwandeln.« Schließlich gab es nur noch einen Ausweg (12): Der Golem, geschaffen zur Verteidigung der Juden, musste von seinen Schöpfern mit »Magie« ausgeschaltet werden.

Wie man auch zur Bewertung der Golem-Mythologie stehen mag, unverkennbar ist die Warnung vor künstlich geschaffenem Leben, das sich gegen den eigenen Schöpfer wendet. Auf unsere Zeit übertragen: Die Kreation von »Golems«, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, kann zum Segen, aber auch zum Fluch gereichen. Mag sein, dass der Mensch zu spät entdeckt, dass er die Geister, die er schuf, nicht mehr loswerden kann.



Fußnoten
(1) Grimm, Jacob: »Entstehung der Verlagspoesie«, »Zeitschrift für Einsiedler«, Herausgeber: Achim von Arnim und Clemens Brentano, Heidelberg 1808 (Nachdruck Stuttgart 1962, Nr. 7, April, S. 56).
(2) Wöll, Alexander: »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?«, Beitrag zu Marek Nekula et. Al. (Herausgeber.): »Deutsche und Tschechen. Geschichte - Kultur - Politik.«, München 2001, S. 235-245
(3) Lovecraft, Howard Phillips: »Gegen die Religion« (Einmalige Vorzugsausgabe), Leipzig Juli 2020, Seite 49, 3.-1. Zeile von unten und Seite 50, 1.-5. Zeile von oben.
(4) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah/ Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt 1894, »Zweiter Abschnitt I«
(5) Kaplan, Aryeh: »Sefer Yetzira/the Book of Creation: The Book of Creation in Theory and Practice«, revidierte Fassung, San Francisco 1997, eBook, Seite 100, 7.-10. Zeile von oben und Seite 262, 6.-2. Zeile von unten. Originalzitat: »Twenty-two letters …: Engrave them, carve them, weigh them, permute them, and transform them, and with them depict the soul of all that was formed and all that will be formed in the future.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(6) Titz, Sven: »Ausrufung des Anthropozäns: Ein gut gemeinter Mahnruf«, »Neue Zürcher Zeitung«, 4. November 2016
(7) Crutzen, Paul J. und Stoermer, Eugene F.: »The Anthropocene«, » IGBP Global Change Newsletter«, Nr. 41, Mai 2000, S. 17–18
(8) Lovelock, James: »Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz«, 1. Auflage, München 2020, Seite 143, 13.-19. Zeile von oben
(9) Ebenda, Seite 141, 6.-1. Zeile von unten
(10) Petiška, Eduard: »Der Golem/ Jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag«, 2. Auflage, Zürich 1979, Seite108- Seite 110
(11) Ebenda, Seite 110, 7.-4. Zeile von unten
(12) Ebenda, Seite 111- Seite 114: »Das Ende des Golems«

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Aufmarsch der Golems. Kunstwerk nach Paul Wegener. Fotomontage. Unbekannter Künstler. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »Der Golem/ Jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag«, Buchcover.
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: »IN MEMORIAM INGEBORG DIEKMANN«. Das Foto zeigt Ingeborg Diekmann in Copàn (Honduras, Zentralamerika). Am 16.11.2020 wäre sie 92 Jahre alt geworden.




566. »Waren die Götter ›Cyborgs‹?«
Teil 566 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. November 2020



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Sonntag, 18. Oktober 2020

561. »Von der Magie des göttlichen Namens«

Teil 561 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Uns sind die Legenden
ein Quell historischer Erkenntnis.«
Rabbi Judah Bergmann (1)

Foto 1: Buchstabenmagie der Kabbala.

Das kleine Schwarzweißfoto ist verblasst. Eine Ecke fehlt. Zu sehen ist ein kleines Sandsteinhäuschen. An einer Ecke wagt sich zaghaft etwas Efeu empor.  Auf der Rückseite ist, kaum noch leserlich, ein Datum notiert: 10. November 1938. Der vornehme alte, etwas hagere Herr lächelt. Er erzählt vom 10.November 1938, vom Tag nach der »Reichskristallnacht«. Hunderte Synagogen und Betstuben sind in dieser schrecklichen Nacht abgebrannt. Mehrere hundert Juden wurden ermordet.

Die kleine Synagoge, im frühen 18. Jahrhundert in einem Städtchen in Franken gebaut, blieb verschont. Die Männer der SA, so erfahre ich, verzichteten darauf, die Synagoge in Brand zu stecken. Sie befürchteten ein Übergreifen der Flammen auf das Städtchen.

Traurig erzählt mir der alte Herr, immer wieder stockend, dass die SA-Männer die Juden des Orts zwangen, ihre Synagoge leerzuräumen und Schriften, Möbel und alles, was irgendwie abtransportiert werden konnte, auf einer Wiese außerhalb des Städtchens zu verbrennen. In einem Zwischenboden über dem Toraschrein wurde, so flüsterte mir der ehrwürdige alte Herr zu, ein kurzer handschriftlicher Kommentar gefunden. Im Text, da ist sich der einstige Gehilfe eines Rabbi sicher, erklärte »die magische Bedeutung der hebräischen Konsonanten«.

Der Text, bei weitem nicht vollständig, bot keine sensationellen Enthüllungen. Vielmehr behandelte er die seit vielen Jahrhunderten zumindest eingeweihten Kennern des Judentums bekannte magische Wirkung der alten Buchstaben. Einzelne Kombinationen einiger weniger Buchstaben galten in der alten Geheimlehre der Kabbala als besonders starker Zauber. Der alte Mann schweigt. Dann fährt er fort: »Ich weiß, im Zentrum des Textes stand die Erschaffung eines Golem mit Hilfe des Gottesnamens.«

Foto 2: »sefer jezira«
oder »Buch des Lebens« (Cover)
Dr. Julius Judah Bergmann (*1874; †1956) studierte von 1893 bis 1897 am Rabbinerseminar in Wien. Dort legte er das Rabbinerexamen ab. Anno 1897 promovierte er zum Dr. phil. an der Universität Wien. 1919 gehörte er zu den Gründern der »Freien Jüdischen Volkshochschule« von Berlin. 1934 gelang ihm noch rechtzeitig mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter die Flucht nach Palästina. In Jerusalem wurde er Rabbiner am »Hadassah-Hospital« und an der tschechischen Synagoge in Jerusalem. Sein Werk »Die Legenden der Juden« bietet eine erstaunliche Fülle an Material über die zum Teil mysteriösen Überlieferungen der Juden. Über den Golem lesen wir (2):

»Das Höchste, das die kabbalistischen Wundertäter vollbringen konnten, war die Schöpfung lebender Wesen. Der hohe R(abbi) Löw zu Prag schuf ein Gebilde aus Lehm, einen Golem, legte ihm den Gottesnamen in den Mund und hauchte ihm Leben ein. Der Golem wurde der Diener des Rabbi. Jedesmal vor Sabbatbeginn nahm R(abbi) Löw den Gottesnamen aus dem Munde seines Dieners. Einmal vergaß er das zu tun, und der Diener begann, während der Meister im Gotteshause weilte, alles zu zerstören. Darauf eilte R(abbi) Löw aus der Synagoge und nahm den Gottesnamen aus dem Munde seines Dieners. Der Golem war tot und zerfiel zu Staub.«

Rabbi Löw, eigentlich Jehuda ben Bezal’el Löw von Prag (*1512-1525; † 17. September 1609 in Prag), war ein geradezu legendärer Rabbiner, Talmudist, Prediger und Philosoph. Er gilt, so überliefert es die Legende, als der Schöpfer des mythischen Golem von Prag. Auf ihn nimmt Gustav Meyrinks Roman »Der Golem«, 1915 in Leipzig erschienen, Bezug. Der expressionistische deutscher Stummfilmilm »Der Golem, wie er in die Welt kam« von Paul Wegener und Carl Boese erzählt die geheimnisvolle Geschichte von Rabbi Löws künstlichem Monster.

Das alte Herr steckt das vergilbte Schwarzweißfoto der kleinen Synagoge wieder in eine Brusttasche seines Jacketts. »Rabbi Löw war aber der Legende nach nicht der einige, der Golems schuf!«, erklärt er mir. Er hat einiges zu erzählen. Ich lausche gebannt seinen Worten und mache mir Notizen.

Rabbi Elijah Ba'al Shem von Chełm (*1550; †1583) war als Oberrabbiner von Chelm hoch angesehen. Sein Ruf als Kenner der Geheimlehre der Kabbala war legendär. Besonders gründlich soll der Oberrabbiner das »Buch der Schöpfung« studiert haben. Schließlich sei es dem gelehrten Mann gelungen, einen künstlichen Menschen zu schaffen.

Dr. Julius Judah Bergmann schreibt (3): »R(abbi) Jakob Emden berichtet im Namen seines Vaters, R(abbi) Elia aus Cholm habe mit Hilfe des ›Buches der Schöpfung‹ einen Menschen erschaffen. Als der Erschaffene immer größer wurde, fürchtete der Rabbi, sein Geschöpf könne die Welt zerstören. Darum nahm er von der Stirn des Erschaffenen den Gottesnamen und verwandelte sein Geschöpf in Staub.«

Foto 3: Noch ein Druck
von »sefer jezira« (»Buch des Lebens«)
(Cover)
Mit dem »Gottesnamen« konnte, darüber gibt es zahlreiche jüdische Legenden, wirklich Erstaunliches bewirkt werden. Ein frappantes Beispiel: Moses ben Nachman (* 1194; † 1270), auch bekannt als Rabbi Moshe ben Nahman, genoss im Mittelalter einen legendären Ruf als herausragender jüdischer Gelehrter, Arzt, Philosoph und Dichter. Die Überlieferung zeichnet ihn als außerordentlichen Kenner der kabbalistischen Buchstabenmagie. Mit erstaunlichem Erfolg nutzte er die Kraft des Gottesnamens. Manche Sage klingt in unseren Ohren seltsam vertraut. So wie der Golem mit dem Gottesnamen programmiert wurde, so geschah dies auch mit einem Schiff (4): »Von selbst fuhr das Schiff in kurzer Zeit eine weite Strecke in das Meer hinaus und kehrte ebenso schnell in den Hafen zurück, fuhr aufs Land und hielt in der Mitte der Stadt inne. Zur Erinnerung an das wundersame Ereignis erbauten die Bewohner der Stadt an dieser Stelle einen Turm.«

Ein von selbst agierender Golem erinnert uns, am Anfang des dritten Jahrtausends nach Christus, an einen Roboter, der von einem Programm (»heiliger Gottesname«) gesteuert wird. Ein Schiff, dass wie von selbst aufs Meer hinaus fährt und wieder retour kommt, wird ebenfalls vom »Programm heiliger Gottesname« gelenkt. Es kann sogar an Land fahren, wie ein modernes Amphibienfahrzeug. Aus Sicht der »alten Juden« wäre ein Programm, wie es heute in unzähligen Computern zum Einsatz kommt, nichts anderes als geschriebene Buchstabenmagie. Ein Computerprogramm, das einen Roboter oder ein Amphibienfahrzeug steuert, würde ihnen wie wundersamer Zauber erscheinen.

Sir Arthur C. Clarke (*1917;† 2008) hat es in »Profiles of the Future« völlig zutreffend so formuliert, und ich muss noch einmal dieses wichtige Zitat ins Gedächtnis rufen (5): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.« Bis heute hielt es niemand für nötig, zum Beispiel die umfangreichen »Legenden der Juden« nach Hinweisen auf unmögliche Technologie zu überprüfen. Damit meine ich modernste Technologie, die es nach herkömmlicher Lehrmeinung zur Zeit der Legendenentstehung natürlich nicht gegeben haben kann, weil es sie noch nicht gegeben haben darf.

Foto 4: »sefer jezira« oder »Buch des Lebens«,
frühes Manuskript (10.- 11. Jahrhundert), Ausschnitt.

Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, kommen weltweit »Tunnelbohrmaschinen« zum Einsatz (6): »Eine Tunnelbohrmaschine ist eine Maschine, die zum Bau von Tunneln eingesetzt wird. Sie eignet sich besonders für hartes Gestein. Auch beim Tunnelbau im lockeren Fels, der für Vortrieb mittels Sprengtechnik ungeeignet ist, werden solche Großmaschinen eingesetzt.

Tunnelbohrmaschinen gehören zusammen mit den Schildmaschinen zu den Tunnelvortriebsmaschinen. Wichtigster Teil einer Tunnelbohrmaschine ist der Bohrkopf; er hat einen Durchmesser von bis zu 20 Metern und besteht aus einem Meißelträger mit rotierenden Rollenmeißeln, der ausgebrochenes Gestein nach hinten befördert. Die Einrichtung im hinteren Teil des Bohrkopfes hat bei großen Durchmessern eine Länge von bis zu 200 Metern mit Hilfseinrichtungen. Tunnelbohrmaschinen sind Vollschnittmaschinen, das heißt, sie bauen, anders als Teilschnittmaschinen, den gesamten Tunnelquerschnitt in einem Arbeitsschritt ab.«

Eine solche Bohrmaschine erscheint auch uns heute noch wie ein technologisches Meisterwerk von monströsen Ausmaßen. Stellen wir uns so eine Bohrmaschine vor. Versuchen wir sie so zu beschreiben, dass sie in eine der »Legenden der Juden« passen würde: »Gott schickte einen Wurm, der den Berg durchbohrte.« So eine Tunnelbohrmschine ist in der Tat nichts anderes als ein riesiger Wurm, computergesteuert, der sich einen Weg durch Berge bahnt. Wer anders als Gott selbst könnte in einer Legende der Juden so einen Monsterwurm lenken als Gott selbst?

Das Zitat »Gott schickte einen Wurm, der den Berg durchbohrte.« ist keine fiktive sagenhaft klingende Umschreibung einer Tunnelbohrmaschine. Wir finden es in Dr. Julius Judah Bergmanns »Die Legenden der Juden« im Kapitel »Die Lieblinge Gottes« (7). Aber beschreibt die Legende tatsächlich so etwas wie einen riesigen Roboter, der mit erstaunlicher Geschwindigkeit Tunnel durch Erde und Gestein gräbt? Und hat der legendäre Golem tatsächlich existiert, ein Roboter, der Amok laufen konnte?

Foto 5: »sefer jezira« oder »Buch des Lebens«,
jüngeres Exemplar, etwa 14. Jahrhundert. Ausschnitt.

Rabbi Elia aus Cholm, so überliefert es die Legende, soll mit Hilfe des »Buches der Schöpfung«  eine Art Roboter-Menschen erschaffen haben. Die Kreatur bedrohte schließlich, so befürchtete es der Rabbi, die Welt. Rabbi Elia schaltete sein Werk aus, bevor es die Menschheit auslöschen konnte. Die »Golems« an denen heute bereits gearbeitet wird, werden womöglich Nachfolger der Menschheit, so wie wir sie kennen, werden. Dann sind die Tage von uns Jetzt-Menschen gezählt! Warnt die uralte Legende vom Golem vor so einer Entwicklung? Werden wir vom Planeten verschwinden oder von den Golems geduldet ein Dasein als »Haustiere« der Golems fristen?


Fußnoten
(1) Bergmann, Rabbi Judah: »Die Legenden der Juden«, Berlin 1919, Vorwort, Seite 3, 5.+4. Zeile von unten
(2) Ebenda, Seite 42, 15.-25. Zeile von oben

(3) Ebenda, 14.-8. Zeile von unten. Anmerkung: Dr. Julius Judah Bergmann schreibt »Cholm«, heute ist »Chelm« gebräuchlicher.
(4) Ebenda, Seite 39, 20.-25. Zeile von oben. Bergmann nennt als Originalquelle »Schalschelet 43b«.
(5) Clarke, Sir Arthur C: »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«. Quelle: »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(6) Wikimedia-Artikel »Tunnelbohrmaschine«: https://de.wikipedia.org/wiki/Tunnelbohrmaschine (Stand 05.07.2020)
(7) Bergmann, Rabbi Judah: »Die Legenden der Juden«, Berlin 1919,  Seite 21, 7. Zeile von oben

Zu den Fotos
Foto 1: Buchstabenmagie der Kabbala. Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: »sefer jezira« oder »Buch des Lebens« (Cover). Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Noch ein Druck von »sefer jezira« oder »Buch des Lebens« (Cover). Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »sefer jezira« oder »Buch des Lebens«, frühes Manuskript (10.- 11. Jahrhundert), Ausschnitt. Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 5: »sefer jezira« oder »Buch des Lebens«, jüngeres Exemplar, etwa 14. Jahrhundert. Ausschnitt.
Archiv Walter-Jörg Langbein


562. »Vom assyrischen Baum des Lebens zum jüdischen ›Buch der Schöpfung‹«,
Teil 562 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25. Oktober 2020


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