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Sonntag, 21. Februar 2021

579. »Sagen, Legenden und die Genschere (Gen-Schere)«

 

Teil 579 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

»Man darf das Unwahrscheinliche
nicht mit dem Unmöglichen verwechseln!«
Sherlock Holmes (1)


                                            Foto 1: »Mittelalterliches Weltbild«,
                                            Holzschnitt, um 1530.
                                            Collage, koloriert, gespiegelt.

Die Vergangenheit zu erforschen, das ist eine faszinierende Aufgabe. Auf jeden Suchenden warten schienbar unendlich viele Details, die zu einem Mosaikbild zusammengefügt werden müssen. Bei einem Puzzle stehen uns immer Einzelteilchen zur Verfügung, die – so man sie zusammenfügt – ein Bild ergeben. Die Erforschung der Vergangenheit gestaltet sich freilich wesentlich komplizierter. Da gibt es eine Vielzahl von Bruchstücken, die eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Bildern ergeben. Anders als beim Puzzle kennen wir im Vorfeld nicht das Bild, das wir zusammenstellen wollen. Und wir wissen nicht, welche Teilchen zu welchem Bild gehören. So besteht ein erhebliches Risiko, weil wir Elemente, die gar nicht zusammen gehören zu einem falschen Bild zusammenstellen.

So verdienstvoll die verschiedenen Schulwissenschaften bei der Erforschung der Vergangenheit sind, so scheinen sie doch in erster Linie vorgefasste Meinungen bestätigen zu wollen. Anders ausgedrückt: Schulwissenschaftler neigen dazu, die Mosaiksteinchen der Vergangenheit immer so zusammen zu fügen, dass immer wieder das gewünschte Bild entsteht. Das Unwahrscheinliche wird dann mit dem Unmöglichen verwechselt und bei der Erforschung der Vergangenheit als Lösung von Problemen erst gar nicht in Erwägung gezogen. Folgen wir Sherlock Homes‘ Prinzip, das Unwahrscheinliche nicht mit dem Unmöglichen zu verwechseln. Dann sind wir dazu in der Lage, auch noch so fantastisch anmutende, reale Bilder von realen Ereignissen in der fantastischen Vergangenheit zu entdecken. Nutzen wir Hilfsmittel, um in die Vergangenheit zu reisen!

Monika Detering schreibt (2): »Die Wurzeln von Sagen und Legenden führen weit zurück in Zeiten, die von Glauben und Intuition geprägt waren. Sie hatten eine wichtige Funktion im Alltag der Menschen vor vielen hundert Jahren, sie wurden erzählt und weitergegeben. … Sagen sind – anders als Märchen – Geschichten, die sich um reale Geschehnisse ranken. Fantasievoll ausgeschmückt, mit wunderbaren und fantastischen Elementen versehen, aber sprachlich einfach gehalten. Da es an Wissen um rationale Erklärungen mangelte, wurden Sagen mit Fantasie und Übernatürlichem angereichert.«

In der Schulwissenschaft von heute hat Intuition weitestgehend keinen Platz. Nach wie vor sieht man einen Gegensatz zwischen »Intuition« und »Denken«. Nur Denken darf als Werkzeug genutzt werden, um wissenschaftlich zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Was aber ist »Denken«? Wie denkt man? Wie darf, muss man denken? Die heute noch gültige Definition, sprich Eingrenzung, ist schon längst überholt, auch wenn Schulwissenschaftler das nicht zur Kenntnis nehmen wollen oder können. James Lovelock (*26.07.1919) hat einen sehr viel breiter angelegten Begriff von Logik und Denken. Lovelock sieht keinen Widerspruch zwischen »Denken« und »Intuition«, er benutzt den Ausdruck (3) »intuitiver Denkprozess«. Er moniert, dass (4) »das lineare Denken zum Dogma erhoben« wurde, während gleichzeitig zugelassen wurde und noch wird, »dass die Kraft der Intuition abgewertet wird«.


                                            Foto 2: »Mittelalterliches Weltbild«,
                                            Holzschnitt, um 1530.
                                            Collage, koloriert, gespiegelt.
 

Sagen führen uns weit zurück in der Zeit: zu Schilderungen realer Geschehnisse. Was aber sind Beschreibungen realer Fakten, was schmückende fantastische Elemente aus dem Reich der Fiktion? Je enger unser Horizont ist, desto mehr Überlieferungen werden wir dem Reich der reinen Fantasieprodukte zuordnen.  Je weiter wir unseren Horizont ausdehnen, desto weniger fantastische Fakten bleiben außen vor. Nur wenn wir nicht ausschließen, dass in »grauer Vorzeit« scheinbar Unmögliches Realität gewesen sein kann, haben wir überhaupt die Chance, Spuren fantastischer Wirklichkeiten zu entdecken. Wir müssen aber die Möglichkeit, dass es zum Beispiel in »grauer Vorzeit« fantastisches, eigentlich unmögliches Wissen gab, in unsere Überlegungen einbeziehen. Was wäre, wenn Wissen, das wir uns gerade erarbeiten, bereits in alten Sagen dokumentiert wurde?

Diese Vorstellung kratzt an der Eitelkeit des vermeintlich wissenschaftlich denkenden Jetztmenschen. Nach und nach sammelten unsere Vorfahren Wissen an. Nach und nach entwickelten sie Wissenschaften. Heute, davon hat man überzeugt zu sein, weiß man mehr als gestern und sehr viel mehr als vorgestern. Zu keinem Zeitpunkt der Weltgeschichte, so lautet die Quintessenz dieser Überzeugung, kann man von der Realität mehr verstanden haben als der Jetztmensch. Demnach kann es gestern und vorgestern keinerlei Hinweise auf Wissen gegeben haben, das dem heutigen oder gar einem zukünftigen Stand entspricht. Solche Hinweise aber gibt es sehr wohl.

Strikte Darwinjünger und monotheistische Religionsfanatiker bieten die gleiche angebliche »Wahrheit«: Der Mensch stehe auf der höchsten Stufe der Entwicklung. Evolutionsfanatiker sehen Auswahlprinzip Zufall als treibende Kraft für die Entwicklung an, religiöse Monotheisten meinen das Wirken Gottes voraussetzen zu können. Und nun fängt der atheistisch orientierte Neu-Religionsfanatiker zum Entsetzen der strikten Anhänger monotheistischer Religionen damit an, selbst Gott zu spielen. Was nach herkömmlichen Religionen Gott selbst vorbehalten war, das scheint schon jetzt den führenden Genetikern zu gelingen: der Eingriff in die »Schöpfung«.


                                              Foto 3: »Mittelalterliches Weltbild«,
                                              Holzschnitt, um 1530.
                                              Collage, koloriert, gespiegelt.
 

Professor Dr. Wolfgang Nellen (*1949), ein deutscher Biologe und Professor Emeritus für Genetik am Institut für Biologie der Universität Kassel (5): »Es übersteigt wahrscheinlich die Vorstellungskraft der meisten Menschen, was die Entdeckung und Entwicklung des CRISPR-Cas-Systems in den letzten Jahren an Anwendungen der Gentechnik möglich macht. Mit CRISPR-Cas können punktgenau Veränderungen in jedem beliebigen Genom, einschließlich dem des Menschen vorgenommen werden. In der Forschung ist die Methode zur Routine geworden.«

Emanuelle Charpentier (*11.12.1968) und Jennifer Doudna (*19.2.1964) erhielten 2020 die höchste Auszeichnung, die in der Welt der Wissenschaft vergeben wird, den Nobelpreis. Sie wurden mit dem Chemie-Nobelpreis für eine fantastische Erfindung ausgezeichnet: für ein Werkzeug, das es schon heute geschickten Wissenschaftlern ermöglicht, Gott ins Handwerk zu pfuschen. Mit ihrer »Genschere« (»Gen-Schere«) sind schon heute in der Sterilität eines Labors wahre Wunder möglich (6): »Vereinfacht dargestellt kann mit ihr in einer lebenden Zelle ein bestimmter DNA-Abschnitt angesteuert und (relativ) präzise geschnitten werden. An genau dieser Stelle können einzelne ›Buchstaben‹ (Basen) der DNA ausgetauscht, eingefügt oder entfernt werden. Es ist auch möglich, ganze Gene zu löschen oder hinzuzufügen. Die genetische Information wird umgeschrieben oder ›editiert‹.«

In jeder Zelle befindet sich das »Buch des Lebens«. Jeder Organismus besteht aus schier unendlich vielen Zellen, vergleichbar mit einer Bibliothek mit unendlich vielen Bänden, von denen jeder alle Informationen enthält.  Heutige Wissenschaftler sind schon erstaunlich weit bei der Entzifferung der Texte dieses Buchs. Noch ist die offizielle Wissenschaft sehr zurückhaltend mit der Anwendung des bereits vorhandenen Wissens und der existierenden Werkzeuge. Heute muss man sich nicht mehr damit begnügen zu lesen, mit der »Genschere« kann in das »Buch des Lebens« eingegriffen werden, ja man kann es bereits partiell umschreiben. Mit der »Genschere« (»Gen-Schere«) können, ich wiederhole diese kurze Aussage von zentraler Bedeutung, »einzelne ›Buchstaben‹ (Basen) der DNA ausgetauscht, eingefügt oder entfernt werden«. Diese Realität wird bereits in der Kabbala beschrieben!

Nach dem alten Geheimwissen der Kabbala entstand der Golem mit Hilfe von »Buchstabenmagie«. Mit simpelster »Buchstabenmagie« – durch das Verschieben von Buchstaben des Lebens – kann man gezielt einen männlichen oder weiblichen Golem erzeugen. Nichts anderes geschieht bei der Manipulation der Gene: »Buchstaben« des Lebens werden hin und her geschoben oder ausgetauscht. Wissen um Genmanipulationen vor vielen Jahrhunderten freilich passt nicht in das Mosaik, das die Schulwissenschaft von der Vergangenheit unseres Planeten zusammengestellt hat. Das Bild von der Vergangenheit mag auf den ersten und zweiten Bild schlüssig erscheinen, es ist aber an entscheidenden Stellen fehlerhaft! 

Die Bilder von Vergangenheit und Zukunft ähneln einander auf erschreckende Weise. Leben wird manipuliert: in der legendenhaften Umschreibung der Kabbala, in der wissenschaftlichen Literatur in Sachen »Gen-Schere« und – das wage ich zu behaupten – in der Realität von Geheimlabors unserer Welt. Stephen Hawking (*1942; †2018), der geniale Physiker, forderte einerseits die Einführung von strikten Gesetzen, die eine Anwendung der Genetik am Menschen verbieten. Andererseits aber war er Realist und ging davon aus, dass es genügend Wissenschaftler gibt, die nicht der Versuchung widerstehen können, mit Hilfe der Gentechnik in die »Schöpfung« einzugreifen.

In seinem Buch »Kurze Antworten auf große Fragen« (7) entwickelte Hawking ein Zukunftsbild. Was auf uns zukommt, hat Stephen Hawking als wahres Horrorszenario empfunden. Zunächst, so  prognostiziert Hawking, werde es mit Hilfe der Gentechnik reichen Menschen möglich werden, länger zu leben, klüger und resistenter gegen Krankheiten zu sein. Das ist ohne Zweifel unmoralisch, aber durchaus nachvollziehbar. Wer würde nicht (fast?) alles tun, um so lang wie möglich bei bester Gesundheit leben zu können? 

Mit Gentechnik und künstlicher Intelligenz aber kann, so Hawking, ein Supermensch erschaffen werden, der im Vergleich zu uns Menschen der Gegenwart mehr einem mythologischen Gott als einem sterblichen Menschen gleicht. Der vergleichsweise erschreckend primitive Jetztmensch mag vom Supermenschen der Zukunft als schädlich oder auch nur überflüssig angesehen und im Zuge der optimalen Ausnutzung der Ressourcen unseres Planeten ausgelöscht werden. Stephen Hawking (8): »Unsere Zukunft ist ein Wettlauf zwischen der wachsenden Macht unserer Technologien und der Weisheit, mit der wir davon Gebrauch machen. Wir sollten sicherstellen, dass die Weisheit gewinnt.« Das sollten wir, aber ob uns das gelingt?


 

  

Foto 4: Cover von Monika Detering: »Sagen & Legenden aus Westfalen«, Regionalia Verlag, Daun, 3. Überarbeitete Auflage 2020

Fußnoten
(1) Zitat aus »Wisteria Lodge«, Fernsehfilm (1988) aus der Reihe »The Return of Sherlock Holmes« (1986-1988), »Granada Television«. Originalzitat: »One must not confuse the unlikely with the impossible!« Übersetzung: Walter-Jörg Langbein
(2) Detering, Monika: »Sagen & Legenden aus Westfalen«, Regionalia Verlag, Daun, 3. Überarbeitete Auflage 2020, Seite 9, 9.-15. Zeile
(3) Lovelock, James: »Novozän/ Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz«, München 2020, Seite 123, 1. Zeile von oben
(4) Ebenda, Seite 121, 10.-12. Zeile von oben
(5) Zitiert nach »Die Genschere CRISPR konfrontiert uns mit Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt«
(6) https://1e9.community/t/die-genschere-crispr-konfrontiert-uns-mit-fragen-auf-die-es-keine-einfachen-antworten-gibt/5435?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE
(7) Hawking, Stephen: » Kurze Antworten auf große Fragen«, Stuttgart 2018
(8) Ebenda, Seite 22, 20.-24. Zeile von oben

Zu den Fotos
Fotos 1-3: »Mittelalterliches Weltbild«, Holzschnitt, um 1530. Collage, koloriert, gespiegelt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Cover von Monika Detering: »Sagen & Legenden aus Westfalen«, Regionalia Verlag, Daun, 3. Überarbeitete Auflage 2020


 




Sonntag, 15. November 2020

565. »Das Wüten des Golems«

Teil 565 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1:
Aufmarsch
der Golems.
Kunstwerk
nach
Paul Wegener.
Bei meinen Recherchen zur Erschaffung des Golems stieß ich auf einen bemerkenswerten Aufsatz aus der Feder von Jakob Ludwig Grimm (*1785; †1863). Offen gesagt: Der Text, 1808 veröffentlicht, interessierte mich zunächst nicht besonders. Und Grimms Anmerkung zur Legende von der Erschaffung des Golems durch die richtige Kombination von Buchstaben hätte ich fast überlesen (1). Erschaffung von Leben »durch richtig kombinierte Buchstaben«?

Prof. Alexander Wöll (*1968), Slawist und Hochschullehrer an der Universität von Potsdam, stellt vollkommen zutreffend fest (2): »Die unheimlichen Elemente der Legende, die den Golem bis heute weltweit in Erzählungen weiterleben lassen, wurden oft als unglaubwürdige Phantasien einer überholten Zeit abgeschwächt.«

Weit fantastischer als die unheimlichen Elemente der Golem-Legende ist allerdings folgende Überlegung: Wenn der Golem durch »richtig kombinierte Buchstaben« entstanden ist, wenn also Leben durch die korrekte Kombination von Buchstaben geschaffen werden kann, so könnte damit eine Manipulation an den Chromosomen, eine künstliche Veränderung im Bereich der Gene also, gemeint sein. Sollte wirklich aus Wissen um die Möglichkeit der Manipulation an den Chromosomen durch »Umstellung von Buchstaben« die seltsame Idee der Magie mit Buchstaben geworden sein? Sollte die Kabbala-Magie ein schwaches Echo uralten Wissens sein? Sollte Kabbala-Magie das verzerrte Bild von fantastischer Realität sein? Mag sein, dass viel altes Geheimwissen unwiederbringbar verloren ist.

Wenn vor Jahrtausenden auf Kunstwerken der Sumerer und Babylonier dargestellt wurde, wie geflügelte Wesen am »Baum des Lebens« hantieren, dann sind diese geheimnisvollen Bildwerke als schöne Illustration in Sachen künstliche Genmutation durchaus brauchbar. Detlev von Liliencron (*1844; †1909) pries Rabbi Löw, den Schöpfer des Golems, in einem Gedicht. Der Rabbi sei »in den Künsten« und »Wissenschaften« zu Hause gewesen. Vor allem aber sei er, so von Liliencron, in der schwarzen Kabbala bewandert gewesen. Rabbi Löw hatte natürlich keine Ahnung von Chromosomen und ihrer Bedeutung. Aber vielleicht verfügte er über Quellen, in denen Reste von längst nicht mehr verstandenem Geheimwissen die Zeiten überdauert haben? Manipulation am »Baum des Lebens« kann, ja muss in den Augen des Unwissenden so etwas wie teuflische Magie sein, mit deren Hilfe der Mensch Gott selbst ins Handwerk pfuscht.

Der Großmeister des Horrors und der fantastischen Visionen Howard Phillips Lovecraft (*1890; †1937) schrieb auch Essays. Dezidiert äußerte er sich auch zu religiösen und ethischen Themen. Lovecraft, für viele eine Ikone und verehrte Kultfigur, wird meiner Meinung nach immer noch unterschätzt. Lovecraft schrieb 1922 (3): »Wer die Wahrheit um der Wahrheit willen sucht, ist an kein herkömmliches theoretisches System gebunden. Stets bildet er seine philosophischen Auffassungen auf der Grundlage dessen heraus, was ihm als die beste vorliegende Beweisführung einleuchtet. Ein Wandel der Auffassungen ist deshalb immer möglich und ergibt sich dann, wenn neues oder neu bewertetes Beweismaterial diesen Wandel folgerichtig erscheinen lässt.«

Foto 2:
Aufmarsch
der Golems.
Kunstwerk
nach
Paul Wegener.
Wie wahr! Nur suchen viele – oft oder meist unbewusst – nicht die Wahrheit, sondern nur nach Bestätigung ihres Weltbildes. Was ihrer Ansicht nach nicht sein kann, weil es nicht sein darf, wird auch keine Bestätigung finden. Ein Wandel der Auffassungen wird sich in der Regel nicht deshalb durchsetzen, weil neues Beweismaterial auftaucht oder altes neu bewertet wird. Das Neue setzt sich in der Regel erst dann durch, wenn die Verfechter des Alten gestorben sind. Sobald neues Gedankengut akzeptiert wird, wird gern so getan, als sei doch jeder schon immer von der Richtigkeit des Neuen überzeugt gewesen.

Wenn man davon überzeugt ist, dass das »Sefer Jesirah« nur abergläubischen Unsinn zu bieten hat, dann wird man in dem mysteriösen Büchlein auch nichts anderes finden. Dann kann man auch keinerlei Hinweise auf Wissen um Manipulierbarkeit von Chromosomen in diesem Werk aufspüren. Heutige Genetiker wissen, dass man Gene verändern kann. Sie studieren die Geheimnisse der Chromosomen. Aber bislang hat meines Wissens kein Genetiker jemals das »Sefer Jesirah« oder ein anderes Werk aus dem reichen Schatz der Kabbala auf »unmögliches Wissen« hin untersucht. Dementsprechend wurde auch nichts dergleichen gefunden. Alphonse Bertillon (*1853; † 1914), Kriminalist und Anthropologe, hatte recht, als er konstatierte:

»Man kann nur sehen, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet, und man richtet seine Aufmerksamkeit nur auf Dinge, die bereits einen Platz im Bewusstsein einnehmen.«

Mein konkreter Vorschlag: Die Beschäftigung mit dem geheimnisvollen »Sefer Jesirah« kann sehr lehrreich sein. Wir können lernen zu begreifen, dass hinter vordergründig schwer oder nicht verständlichen sprachlichen Bildern ein uraltes, sehr konkretes Wissen stecken mag. Nach diesem Wissen sollten wir suchen. Deshalb sollten sich Genetiker unbedingt das »Sefer Jesirah« vornehmen.
Über diesen meinen Vorschlag waren alle von mir befragten Theologen, die sich auf hebräisches Schrifttum spezialisiert haben, entsetzt. Sie schließen aus, dass Wissen über Chromosomen im »Sefer Jesirah« enthalten sein könnte. Sie sind sich allerdings nicht alle darin einig, ob das geheimnisvolle Buch von Gottes Schöpfung (4) in der Vergangenheit berichtet, oder ob Gott den Befehl gibt, Leben zu kreieren. Aryeh Kaplan (*1934; †1983) hat es auf den Punkt gebracht. Ganz bewusst zitiere ich die folgende kurze Passage aus dem »Sefer Jesirah« noch einmal (5):

»Dieser Abschnitt kann auch als Befehl gelesen werden. … Zweiundzwanzig Buchstaben: Graviere sie, schnitze sie, wiege sie, permutiere sie und verwandele sie und zeige mit ihnen die Seele von allem, was geformt wurde und was in Zukunft geformt wird.« Diese mysteriös anmutenden Zeilen können, so eine gleichberechtigte Interpretation, als Aufforderung Gottes verstanden werden, Leben zu schaffen. Wird das geschehen? Göttlicher Befehl oder nicht: Längst ist die Kreation künstlich geschaffenen Lebens im Gange. Längst wird an einem »Golem« gearbeitet, der die Welt beherrschen wird.

Sven Titz rief in einem Zeitungsartikel, erschienen in der »Neuen Zürcher Zeitung« das »Anthropozän« aus. Neu ist der Ausdruck freilich nicht. Es waren der Atmosphärenforscher Paul Crutzen (*1933) und Biologieprofessor Eugene F. Stoermer (*1934; †2012), die den Begriff Anthropozän wirksam in die Diskussion einführten (7). Bereits 1873 hat der italienische Prof. Antonio Stoppani (*1824; †1891), Begründer der italienischen geologischen Forschung, den stetig wachsenden Einfluss des Menschen auf seine Umwelt erkannt und den Begriff »anthropozoische Ära« geprägt.

Unter »Anthropozän« versteht man gewöhnlich die Zeitepoche, in der hauptsächlich wir Menschen für die Gestaltung der Erde und des Lebens auf der Erde verantwortlich sind. In dieser Ära hat sich der Mensch zum dominierenden »Einflussfaktor« auf Planet Erde entwickelt. Nach James Lovelock (*1919) neigt sich diese Epoche bereits wieder ihrem Ende zu. Abgelöst wird der Mensch, so Lovelock, von elektronischen Lebensformen, die man als »Golems« bezeichnen könnte. Lovelock nennt sie Cyborgs. Ausgestattet mit künstlicher Intelligenz können Supergolems im wahrsten Sinne des Wortes den Planeten dominieren. Dieses neue Zeitalter nennt Lovelock »Novozän«. Wir sind, nach Lovelock, die »Eltern« des neu geschaffenen Lebens. Allerdings werden wohl die »Kinder« in kürzester Zeit so intelligent und so mächtig sein, dass sie uns auf geradezu unvorstellbare Weise übertreffen.

Lovelock schreibt (9): »Verhandlungen zwischen uns und den Cyborgs sind fast nicht vorstellbar. Wir würden ihnen wahrscheinlich vorkommen wie Pflanzen – wie Wesen, die in einem außergewöhnlich langsamen Wahrnehmungs- und Handlungsprozess gefangen sind. Wenn das Novozän voll eingesetzt hat, werden Cyborg-Wissenschaftler vielleicht tatsächlich Sammlungen lebender Menschen ausstellen.«

Ich habe keinen Zweifel, dass der Abstand zwischen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Golems und uns Menschen tatsächlich rasch unüberbrückbar sein wird. Wirkliche künstliche Intelligenz wird sich selbst in unvorstellbarer Geschwindigkeit immer weiter verbessern und immer intelligenter machen. Diese Golems von morgen und übermorgen werden uns Menschen so überlegen sein wie allmächtige Götter heutigen Menschen. Deshalb bezweifele ich stark, dass diese Super-Golems Menschen in Zoos halten werden um sich daran zu ergötzen. Wer sich in einer solchen Vorstellung verliert, der orientiert sich meiner Meinung nach zu sehr an uns heutigen Menschen, an unserem vergleichsweise primitivem »Intelligenzniveau« und an unserer aus Sicht von Super-Golems höchst schlichten Denkweise. Wir Menschen bewegen uns noch von A nach B, die Super-Golems von morgen und übermorgen werden untereinander vernetzt sein. Vermutlich bilden sie eine einzige Superintelligenz, die sich nicht in einen Zoo begeben muss, um sich ein Bild von uns Menschen machen zu können. Die Superintelligenz wird allgegenwärtig und allwissend sein.

Foto 3: »Der Golem/ Jüdische Märchen
und Legenden aus dem alten Prag«

Was aus dem Menschen werden wird, wenn aus den von uns geschaffenen Golems eine Hyperintelligenz geworden ist? Es ist möglich, dass der biologische Mensch der elektronischen Superintelligenz einfach nur langweilt. Werden der Superintelligenz ihre höchst primitiven Vorläufer gleichgültig sein? Oder wird das umweltschädliche Modell »Homo Sapiens Sapiens« abgeschafft? Lässt man es aussterben oder löscht man es aus? James Lovelock sind diese Fragen wohl auch aufgestoßen. Er spekuliert, oder vielleicht besser formuliert, er hofft (9):


»Wir müssen also nicht annehmen, dass das neue künstliche Leben, das im Novozän entsteht, automatisch so grausam, todbringend und aggressiv sein wird, wie wir es sind. Es kann sein, dass das Novozän eines der friedvollsten Zeitalter der Erdgeschichte wird. Aber wir Menschen werden die Erde zum ersten Mal mit anderen Wesen teilen, die intelligenter sind als wir.«

Wir müssen das keineswegs annehmen, wir können es aber auch nicht ausschließen. Es kann aber auch sein, dass eine Superintelligenz völlig empathielos den Menschen als eine Art Schädling, der unnötig wertvolle Ressourcen verschwendet, auslöscht.

Es kann nicht bestritten werden: Die künstlich geschaffene Intelligenz mag im Anfangsstadium nützlich und bequem für uns sein. Sie kann sich aber schnell zu einer Gefahr für uns Menschen entwickeln. In der Sagenwelt um den Golem aus Prag wird verschiedentlich auf die Gefahren hingewiesen, die von der künstlich geschaffenen Kreatur ausgehen können.

Dr. Eduard Petiška (*1924; †1987), ein renommierter tschechischer Schriftsteller und Übersetzer, sammelte jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag. Auch bei Petiška begegnet uns »Das Wüten des Golems« (10). Der Golem verfiel in Raserei, konnte aber gebändigt werden. Rabbi Löw, Schöpfer des Golem (11): »Vergeßt mir diesen Vorfall nicht und zieht daraus eure Lehren. Auch der vollkommenste Golem, ins Leben gerufen, um uns zu beschützen, kann sich leicht in unser Verderben verwandeln.« Schließlich gab es nur noch einen Ausweg (12): Der Golem, geschaffen zur Verteidigung der Juden, musste von seinen Schöpfern mit »Magie« ausgeschaltet werden.

Wie man auch zur Bewertung der Golem-Mythologie stehen mag, unverkennbar ist die Warnung vor künstlich geschaffenem Leben, das sich gegen den eigenen Schöpfer wendet. Auf unsere Zeit übertragen: Die Kreation von »Golems«, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, kann zum Segen, aber auch zum Fluch gereichen. Mag sein, dass der Mensch zu spät entdeckt, dass er die Geister, die er schuf, nicht mehr loswerden kann.



Fußnoten
(1) Grimm, Jacob: »Entstehung der Verlagspoesie«, »Zeitschrift für Einsiedler«, Herausgeber: Achim von Arnim und Clemens Brentano, Heidelberg 1808 (Nachdruck Stuttgart 1962, Nr. 7, April, S. 56).
(2) Wöll, Alexander: »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?«, Beitrag zu Marek Nekula et. Al. (Herausgeber.): »Deutsche und Tschechen. Geschichte - Kultur - Politik.«, München 2001, S. 235-245
(3) Lovecraft, Howard Phillips: »Gegen die Religion« (Einmalige Vorzugsausgabe), Leipzig Juli 2020, Seite 49, 3.-1. Zeile von unten und Seite 50, 1.-5. Zeile von oben.
(4) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah/ Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt 1894, »Zweiter Abschnitt I«
(5) Kaplan, Aryeh: »Sefer Yetzira/the Book of Creation: The Book of Creation in Theory and Practice«, revidierte Fassung, San Francisco 1997, eBook, Seite 100, 7.-10. Zeile von oben und Seite 262, 6.-2. Zeile von unten. Originalzitat: »Twenty-two letters …: Engrave them, carve them, weigh them, permute them, and transform them, and with them depict the soul of all that was formed and all that will be formed in the future.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(6) Titz, Sven: »Ausrufung des Anthropozäns: Ein gut gemeinter Mahnruf«, »Neue Zürcher Zeitung«, 4. November 2016
(7) Crutzen, Paul J. und Stoermer, Eugene F.: »The Anthropocene«, » IGBP Global Change Newsletter«, Nr. 41, Mai 2000, S. 17–18
(8) Lovelock, James: »Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz«, 1. Auflage, München 2020, Seite 143, 13.-19. Zeile von oben
(9) Ebenda, Seite 141, 6.-1. Zeile von unten
(10) Petiška, Eduard: »Der Golem/ Jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag«, 2. Auflage, Zürich 1979, Seite108- Seite 110
(11) Ebenda, Seite 110, 7.-4. Zeile von unten
(12) Ebenda, Seite 111- Seite 114: »Das Ende des Golems«

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Aufmarsch der Golems. Kunstwerk nach Paul Wegener. Fotomontage. Unbekannter Künstler. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »Der Golem/ Jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag«, Buchcover.
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: »IN MEMORIAM INGEBORG DIEKMANN«. Das Foto zeigt Ingeborg Diekmann in Copàn (Honduras, Zentralamerika). Am 16.11.2020 wäre sie 92 Jahre alt geworden.




566. »Waren die Götter ›Cyborgs‹?«
Teil 566 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. November 2020



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