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Sonntag, 21. Februar 2021

579. »Sagen, Legenden und die Genschere (Gen-Schere)«

 

Teil 579 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

»Man darf das Unwahrscheinliche
nicht mit dem Unmöglichen verwechseln!«
Sherlock Holmes (1)


                                            Foto 1: »Mittelalterliches Weltbild«,
                                            Holzschnitt, um 1530.
                                            Collage, koloriert, gespiegelt.

Die Vergangenheit zu erforschen, das ist eine faszinierende Aufgabe. Auf jeden Suchenden warten schienbar unendlich viele Details, die zu einem Mosaikbild zusammengefügt werden müssen. Bei einem Puzzle stehen uns immer Einzelteilchen zur Verfügung, die – so man sie zusammenfügt – ein Bild ergeben. Die Erforschung der Vergangenheit gestaltet sich freilich wesentlich komplizierter. Da gibt es eine Vielzahl von Bruchstücken, die eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Bildern ergeben. Anders als beim Puzzle kennen wir im Vorfeld nicht das Bild, das wir zusammenstellen wollen. Und wir wissen nicht, welche Teilchen zu welchem Bild gehören. So besteht ein erhebliches Risiko, weil wir Elemente, die gar nicht zusammen gehören zu einem falschen Bild zusammenstellen.

So verdienstvoll die verschiedenen Schulwissenschaften bei der Erforschung der Vergangenheit sind, so scheinen sie doch in erster Linie vorgefasste Meinungen bestätigen zu wollen. Anders ausgedrückt: Schulwissenschaftler neigen dazu, die Mosaiksteinchen der Vergangenheit immer so zusammen zu fügen, dass immer wieder das gewünschte Bild entsteht. Das Unwahrscheinliche wird dann mit dem Unmöglichen verwechselt und bei der Erforschung der Vergangenheit als Lösung von Problemen erst gar nicht in Erwägung gezogen. Folgen wir Sherlock Homes‘ Prinzip, das Unwahrscheinliche nicht mit dem Unmöglichen zu verwechseln. Dann sind wir dazu in der Lage, auch noch so fantastisch anmutende, reale Bilder von realen Ereignissen in der fantastischen Vergangenheit zu entdecken. Nutzen wir Hilfsmittel, um in die Vergangenheit zu reisen!

Monika Detering schreibt (2): »Die Wurzeln von Sagen und Legenden führen weit zurück in Zeiten, die von Glauben und Intuition geprägt waren. Sie hatten eine wichtige Funktion im Alltag der Menschen vor vielen hundert Jahren, sie wurden erzählt und weitergegeben. … Sagen sind – anders als Märchen – Geschichten, die sich um reale Geschehnisse ranken. Fantasievoll ausgeschmückt, mit wunderbaren und fantastischen Elementen versehen, aber sprachlich einfach gehalten. Da es an Wissen um rationale Erklärungen mangelte, wurden Sagen mit Fantasie und Übernatürlichem angereichert.«

In der Schulwissenschaft von heute hat Intuition weitestgehend keinen Platz. Nach wie vor sieht man einen Gegensatz zwischen »Intuition« und »Denken«. Nur Denken darf als Werkzeug genutzt werden, um wissenschaftlich zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Was aber ist »Denken«? Wie denkt man? Wie darf, muss man denken? Die heute noch gültige Definition, sprich Eingrenzung, ist schon längst überholt, auch wenn Schulwissenschaftler das nicht zur Kenntnis nehmen wollen oder können. James Lovelock (*26.07.1919) hat einen sehr viel breiter angelegten Begriff von Logik und Denken. Lovelock sieht keinen Widerspruch zwischen »Denken« und »Intuition«, er benutzt den Ausdruck (3) »intuitiver Denkprozess«. Er moniert, dass (4) »das lineare Denken zum Dogma erhoben« wurde, während gleichzeitig zugelassen wurde und noch wird, »dass die Kraft der Intuition abgewertet wird«.


                                            Foto 2: »Mittelalterliches Weltbild«,
                                            Holzschnitt, um 1530.
                                            Collage, koloriert, gespiegelt.
 

Sagen führen uns weit zurück in der Zeit: zu Schilderungen realer Geschehnisse. Was aber sind Beschreibungen realer Fakten, was schmückende fantastische Elemente aus dem Reich der Fiktion? Je enger unser Horizont ist, desto mehr Überlieferungen werden wir dem Reich der reinen Fantasieprodukte zuordnen.  Je weiter wir unseren Horizont ausdehnen, desto weniger fantastische Fakten bleiben außen vor. Nur wenn wir nicht ausschließen, dass in »grauer Vorzeit« scheinbar Unmögliches Realität gewesen sein kann, haben wir überhaupt die Chance, Spuren fantastischer Wirklichkeiten zu entdecken. Wir müssen aber die Möglichkeit, dass es zum Beispiel in »grauer Vorzeit« fantastisches, eigentlich unmögliches Wissen gab, in unsere Überlegungen einbeziehen. Was wäre, wenn Wissen, das wir uns gerade erarbeiten, bereits in alten Sagen dokumentiert wurde?

Diese Vorstellung kratzt an der Eitelkeit des vermeintlich wissenschaftlich denkenden Jetztmenschen. Nach und nach sammelten unsere Vorfahren Wissen an. Nach und nach entwickelten sie Wissenschaften. Heute, davon hat man überzeugt zu sein, weiß man mehr als gestern und sehr viel mehr als vorgestern. Zu keinem Zeitpunkt der Weltgeschichte, so lautet die Quintessenz dieser Überzeugung, kann man von der Realität mehr verstanden haben als der Jetztmensch. Demnach kann es gestern und vorgestern keinerlei Hinweise auf Wissen gegeben haben, das dem heutigen oder gar einem zukünftigen Stand entspricht. Solche Hinweise aber gibt es sehr wohl.

Strikte Darwinjünger und monotheistische Religionsfanatiker bieten die gleiche angebliche »Wahrheit«: Der Mensch stehe auf der höchsten Stufe der Entwicklung. Evolutionsfanatiker sehen Auswahlprinzip Zufall als treibende Kraft für die Entwicklung an, religiöse Monotheisten meinen das Wirken Gottes voraussetzen zu können. Und nun fängt der atheistisch orientierte Neu-Religionsfanatiker zum Entsetzen der strikten Anhänger monotheistischer Religionen damit an, selbst Gott zu spielen. Was nach herkömmlichen Religionen Gott selbst vorbehalten war, das scheint schon jetzt den führenden Genetikern zu gelingen: der Eingriff in die »Schöpfung«.


                                              Foto 3: »Mittelalterliches Weltbild«,
                                              Holzschnitt, um 1530.
                                              Collage, koloriert, gespiegelt.
 

Professor Dr. Wolfgang Nellen (*1949), ein deutscher Biologe und Professor Emeritus für Genetik am Institut für Biologie der Universität Kassel (5): »Es übersteigt wahrscheinlich die Vorstellungskraft der meisten Menschen, was die Entdeckung und Entwicklung des CRISPR-Cas-Systems in den letzten Jahren an Anwendungen der Gentechnik möglich macht. Mit CRISPR-Cas können punktgenau Veränderungen in jedem beliebigen Genom, einschließlich dem des Menschen vorgenommen werden. In der Forschung ist die Methode zur Routine geworden.«

Emanuelle Charpentier (*11.12.1968) und Jennifer Doudna (*19.2.1964) erhielten 2020 die höchste Auszeichnung, die in der Welt der Wissenschaft vergeben wird, den Nobelpreis. Sie wurden mit dem Chemie-Nobelpreis für eine fantastische Erfindung ausgezeichnet: für ein Werkzeug, das es schon heute geschickten Wissenschaftlern ermöglicht, Gott ins Handwerk zu pfuschen. Mit ihrer »Genschere« (»Gen-Schere«) sind schon heute in der Sterilität eines Labors wahre Wunder möglich (6): »Vereinfacht dargestellt kann mit ihr in einer lebenden Zelle ein bestimmter DNA-Abschnitt angesteuert und (relativ) präzise geschnitten werden. An genau dieser Stelle können einzelne ›Buchstaben‹ (Basen) der DNA ausgetauscht, eingefügt oder entfernt werden. Es ist auch möglich, ganze Gene zu löschen oder hinzuzufügen. Die genetische Information wird umgeschrieben oder ›editiert‹.«

In jeder Zelle befindet sich das »Buch des Lebens«. Jeder Organismus besteht aus schier unendlich vielen Zellen, vergleichbar mit einer Bibliothek mit unendlich vielen Bänden, von denen jeder alle Informationen enthält.  Heutige Wissenschaftler sind schon erstaunlich weit bei der Entzifferung der Texte dieses Buchs. Noch ist die offizielle Wissenschaft sehr zurückhaltend mit der Anwendung des bereits vorhandenen Wissens und der existierenden Werkzeuge. Heute muss man sich nicht mehr damit begnügen zu lesen, mit der »Genschere« kann in das »Buch des Lebens« eingegriffen werden, ja man kann es bereits partiell umschreiben. Mit der »Genschere« (»Gen-Schere«) können, ich wiederhole diese kurze Aussage von zentraler Bedeutung, »einzelne ›Buchstaben‹ (Basen) der DNA ausgetauscht, eingefügt oder entfernt werden«. Diese Realität wird bereits in der Kabbala beschrieben!

Nach dem alten Geheimwissen der Kabbala entstand der Golem mit Hilfe von »Buchstabenmagie«. Mit simpelster »Buchstabenmagie« – durch das Verschieben von Buchstaben des Lebens – kann man gezielt einen männlichen oder weiblichen Golem erzeugen. Nichts anderes geschieht bei der Manipulation der Gene: »Buchstaben« des Lebens werden hin und her geschoben oder ausgetauscht. Wissen um Genmanipulationen vor vielen Jahrhunderten freilich passt nicht in das Mosaik, das die Schulwissenschaft von der Vergangenheit unseres Planeten zusammengestellt hat. Das Bild von der Vergangenheit mag auf den ersten und zweiten Bild schlüssig erscheinen, es ist aber an entscheidenden Stellen fehlerhaft! 

Die Bilder von Vergangenheit und Zukunft ähneln einander auf erschreckende Weise. Leben wird manipuliert: in der legendenhaften Umschreibung der Kabbala, in der wissenschaftlichen Literatur in Sachen »Gen-Schere« und – das wage ich zu behaupten – in der Realität von Geheimlabors unserer Welt. Stephen Hawking (*1942; †2018), der geniale Physiker, forderte einerseits die Einführung von strikten Gesetzen, die eine Anwendung der Genetik am Menschen verbieten. Andererseits aber war er Realist und ging davon aus, dass es genügend Wissenschaftler gibt, die nicht der Versuchung widerstehen können, mit Hilfe der Gentechnik in die »Schöpfung« einzugreifen.

In seinem Buch »Kurze Antworten auf große Fragen« (7) entwickelte Hawking ein Zukunftsbild. Was auf uns zukommt, hat Stephen Hawking als wahres Horrorszenario empfunden. Zunächst, so  prognostiziert Hawking, werde es mit Hilfe der Gentechnik reichen Menschen möglich werden, länger zu leben, klüger und resistenter gegen Krankheiten zu sein. Das ist ohne Zweifel unmoralisch, aber durchaus nachvollziehbar. Wer würde nicht (fast?) alles tun, um so lang wie möglich bei bester Gesundheit leben zu können? 

Mit Gentechnik und künstlicher Intelligenz aber kann, so Hawking, ein Supermensch erschaffen werden, der im Vergleich zu uns Menschen der Gegenwart mehr einem mythologischen Gott als einem sterblichen Menschen gleicht. Der vergleichsweise erschreckend primitive Jetztmensch mag vom Supermenschen der Zukunft als schädlich oder auch nur überflüssig angesehen und im Zuge der optimalen Ausnutzung der Ressourcen unseres Planeten ausgelöscht werden. Stephen Hawking (8): »Unsere Zukunft ist ein Wettlauf zwischen der wachsenden Macht unserer Technologien und der Weisheit, mit der wir davon Gebrauch machen. Wir sollten sicherstellen, dass die Weisheit gewinnt.« Das sollten wir, aber ob uns das gelingt?


 

  

Foto 4: Cover von Monika Detering: »Sagen & Legenden aus Westfalen«, Regionalia Verlag, Daun, 3. Überarbeitete Auflage 2020

Fußnoten
(1) Zitat aus »Wisteria Lodge«, Fernsehfilm (1988) aus der Reihe »The Return of Sherlock Holmes« (1986-1988), »Granada Television«. Originalzitat: »One must not confuse the unlikely with the impossible!« Übersetzung: Walter-Jörg Langbein
(2) Detering, Monika: »Sagen & Legenden aus Westfalen«, Regionalia Verlag, Daun, 3. Überarbeitete Auflage 2020, Seite 9, 9.-15. Zeile
(3) Lovelock, James: »Novozän/ Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz«, München 2020, Seite 123, 1. Zeile von oben
(4) Ebenda, Seite 121, 10.-12. Zeile von oben
(5) Zitiert nach »Die Genschere CRISPR konfrontiert uns mit Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt«
(6) https://1e9.community/t/die-genschere-crispr-konfrontiert-uns-mit-fragen-auf-die-es-keine-einfachen-antworten-gibt/5435?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE
(7) Hawking, Stephen: » Kurze Antworten auf große Fragen«, Stuttgart 2018
(8) Ebenda, Seite 22, 20.-24. Zeile von oben

Zu den Fotos
Fotos 1-3: »Mittelalterliches Weltbild«, Holzschnitt, um 1530. Collage, koloriert, gespiegelt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Cover von Monika Detering: »Sagen & Legenden aus Westfalen«, Regionalia Verlag, Daun, 3. Überarbeitete Auflage 2020


 




Samstag, 5. Dezember 2020

568. »Nun überschreiten wir unsere Wissensgrenze«

Teil 568 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Die Mayas hatten ein zyklisches Weltbild
(Kukulkan Pyramide von Chichen Itza).

In der Theologie wird immer noch darüber diskutiert, ob denn nun der Sonnengesang Echnatons von den Verfassern von Psalm 104 leicht abgewandelt und plagiiert worden ist. Die Frage ist eigentlich geklärt. Katharina Schaub hat unvoreingenommen und mit wissenschaftlicher Akribie Echnatons Lobpreisung mit der Hymne auf Jahwe verglichen. Sie verfasste im Seminar »Schöpfungstheologien im Ersten Testament« eine »Exegetische Hausarbeit zum Psalm 104« und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: »Oft sind Hymnen, die zum gleichen Thema geschrieben werden ähnlich und können sich inhaltlich überschneiden. Die Übereinstimmungen dieser beider Hymnen sind allerdings so groß, dass man nicht von Zufall reden kann.«

Für christliche Theologen mag es wichtig sein, ob der angebliche Autor von Psalm nun ein Plagiator ist oder nicht. Sie mögen sich darüber streiten, ob Moses seinen Eingottglauben von Echnaton übernommen hat. Wichtiger ist aber ein Paradigmenwechsel, der klammheimlich vollzogen wurde: Die göttliche Sonne wurde von den Jahweanhängern durch Jahwe ersetzt. Von nun an wurde ein neues Zeitbild propagiert. Es galt nicht mehr der unendliche, ewige Kreislauf der sich ständig wiederholenden Natur.

Foto 2: Echnaton
betet zum Sonnengott.
Ein neuer Gott wurde propagiert. Vom eher unbedeutenden Lokalgott wurde er zum Schöpfer des Universums erhoben. Der »neue« biblische Gott setzte mit seiner Schöpfung einen Anfang. Er initiierte den Anfang einer neuen Geschichte. Die Weltzeit wurde nicht mehr als ein ewiger Kreislauf angesehen. Vielmehr gab es jetzt einen Nullpunkt und einen Schlusspunkt. Am Anfang war der göttliche Schöpfungsakt, die Kreation aus dem Nichts. Von da an lief alles zielstrebig auf die Apokalypse zu. Die neue Weltsicht sah einen Anfang und ein Ende vor. Die ältere – wie sie noch von den Mayas vertreten wurde – hatte ein zyklisches Weltbild. Es gab eine Aufeinanderfolge von Zeitepochen, von Zeitzyklen. Wenn ein Zyklus zu Ende ging, folgte ein neuer.

Schon immer gab es in der Mythologie der Ägypter Apophis, die Schlangengottheit im Urozean. Das war schon so, bevor aus dem Chaos das Universum geschaffen wurde. Nacht für Nacht musste die Sonnenbarke des Sonnengottes die Unterwelt durchqueren. Nacht für Nacht wurde sie von Apophis angegriffen. Wäre Apophis erfolgreich gewesen, wäre die Zeit in ihrem Fluss unterbrochen worden. Doch Nacht für Nacht gelang es dem Sonnengott, den Widersacher abzuwehren und die Unterwelt zu durchfahren. So war es der Sonne möglich, jeden Tag aufs Neue aufzugehen und in der Barke wieder den Himmel von Ost nach West zu durchqueren.

Apophis war aber nicht nur das böse Monster und ein Feind des Sonnengottes. Apophis stand auch für das ewige Leben, für den Kreislauf des ewigen Lebens. So wurde Apophis Nacht für Nacht besiegt und zerstückelt. Es ist das Blut des Apophis, das den morgendlichen Himmel rot färbt. Im ewigen Konzert der ägyptischen Götterwelt verschwinden die Grenzen zwischen Gut und Böse. Seth war nach biblischer Terminologie das Böse, also der Satan. In der ägyptischen Götterwelt war Seth das Böse, aber im Kampf von Apophis gegen den Sonnengott stand Seth dem Sonnengott bei. Seth war destruktiv. Aber die Zerstörung der Apophis-Schlange war Voraussetzung dafür, dass Sonnengott Ra nach überstandener Nacht am folgenden Morgen wieder seine Fahrt über den Himmel antreten konnte.

»Ist da jemand da draußen?« Diese Frage stellten Dr. Simon Mitton (*1946) und Dr. Roger Lewin (*1944) anno 1973 in einem spannenden Artikel (1). Dr. Mitton, Astronom, und Dr. Lewin, Wissenschaftsjournalist, erörterten im seriösen, in der Welt der Wissenschaft anerkannten und geschätzten »New Scientist« die Frage nach außerirdischem Leben. Konkreter: Sie diskutieren die Frage, wie das Leben auf unserem Planeten entstanden sein mag. Zwei Gruppen, so die beiden Wissenschaftler, vertreten zwei recht unterschiedliche Thesen (2):

»Eine Gruppe folgte Darwins Führung und befürwortete eine lange, langsame Entwicklung von Organismen aus sehr primitiven Anfängen. Aber eine Sekunde war radikaler. Diese Idee – formuliert vom schwedischen Chemiker Svente Arrhenius Ende des letzten Jahrhunderts – war, dass das Leben hier in Form von Bakteriensporen ankam, die von einem anderen Planeten entkommen waren, auf dem das Leben bereits etabliert war. Später modifizierte Lord Kelvin Arrhenius‘ Vorschlag – bekannt als Panspermie – indem er vorschlug, dass die Sporen Meteoriten als Vehikel für ihre lange Reise durch den unwirtlichen Raum verwendet haben könnten. Angesichts der offensichtlichen Unwahrscheinlichkeit, dass das Leben in der sprichwörtlichen Ursuppe entstanden ist, fanden viele Menschen die Idee der Panspermie attraktiv.«

Sollte es in der zeitlichen wie räumlichen Unendlichkeit des Alls auch zyklisch wie – zum Beispiel – in der Mythenwelt der Mayas und der Ägypter zugehen? Auch wenn man im Christentum schon lange zum linearen Weltbild – Schöpfung bis Apokalypse – übergegangen ist, so erinnert doch das Kirchenjahr an zyklisches Denken! Das Kirchenjahr beginnt nach katholischer wie evangelischer Tradition mit der Vesper am Vorabend des ersten Adventssonntags. Es folgt Christi Geburt im Stall von Bethlehem, Christi Wirken im »Heiligen Land«, seine Verhaftung, sein Prozess und seine Hinrichtung, gefolgt von Auferstehung und Himmelfahrt. Jahr für Jahr wiederholen sich die gleichen Ereignisse in gleicher Abfolge. Das ist Erinnerung an uralte zyklische Zeitvorstellungen!


Foto 3: Das Kirchenjahr - Erinnerung an zyklische Weltbilder.
Krippe im Dom zu Paderborn.

Primitives Leben entsteht auf einem Planeten, entwickelt sich, erobert den Planeten, um schließlich ins All vorzudringen? Wiederholt sich dieser Prozess in der Ewigkeit immer und immer wieder? Ich darf noch einmal den »New Scientist«-Artikel von Dr. Simon Mitton (*1946) und Dr. Roger Lewin (*1944) zitieren (3):

»Das Leben muss natürlich irgendwo beginnen, aber Arrhenius hat diese Schwierigkeit umgangen, indem er sagte, dass das Leben ewig sein muss; das Problem seiner Entstehung tritt also nicht auf!« Svante August Arrhenius (*1859; † 1927) war ein schwedischer Physiker und Chemiker. Er wurde 1903 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. So wie für Arrhenius das Leben ewig war, also nie »geschaffen« wurde, so sah Albert Einstein die »Raumzeit« (4): 

»Einstein … lehrte uns, dass es zwei äquivalente Vorstellungen über unsere materielle Wirklichkeit gibt: Wir können sie uns entweder als dreidimensionalen Ort namens Raum denken, wo sich die Dinge im Lauf der Zeit ändern, oder als einen vierdimensionalen Ort namens Raumzeit, die einfach nur existiert, unveränderlich, niemals erschaffen und niemals zerstört.«

»Ewigkeit« kann sich kein Mensch wirklich vorstellen. Wir werden, wie jedes andere Tier auch, geboren, wir leben und wir sterben. Es gibt also im Kleinen einen Anfang und ein Ende. Das können wir uns begreifbar machen. Aber eine Ewigkeit ohne Anfang und Ende ist nicht wirklich gedanklich fassbar. Ein Zitat von Francis Bacon (*1561; †1626) kommt mir in den Sinn:

»Wir dürfen das Weltall nicht einengen, um es den Grenzen unseres Vorstellungsvermögens anzupassen, wie der Mensch es bisher zu tun pflegte. Wir müssen vielmehr unser Wissen ausdehnen, so dass es das Bild des Weltalls zu fassen vermag.«

Der britischer Schriftsteller Douglas Noël Adams (*1952; †2001) veröffentlichte eine sarkastischen Science-Fiction-Satire mit dem Titel »Per Anhalter durch die Galaxis« als »intergalaktische Trilogie in fünf Teilen«. In diesem seinem Opus gibt es zahlreiche skurril anmutende Aussagen. Dem zweiten Band »Das Restaurant am Ende des Universums« stellte Adams folgendes Wort voraus (5): »Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. - Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.«
 
Wir bilden uns viel auf unser Wissen ein, doch wenn es zum Beispiel um die Ewigkeit geht, versagt unser Verstand. Eine Million Jahre nach dem ominösen Urknall, so heißt es (6), »war der Raum mit fast gleichförmig durchsichtigem Gas gefüllt. Könnten wir uns das kosmische Drama rückwärts in der Zeit laufend ansehen, würden wir erkennen, wie dieses Gas allmählich heißer wird und seine Atome zunehmend härter ineinander krachen, bis sie in Atomkerne und freie Elektronen zerfallen.

 Dann sähen wir Heliumatome in Protonen und Neutronen auseinanderbrechen. Anschließend werden diese in ihre Bausteine, die Quarks, zerlegt. Nun überschreiten wir unsere Wissensgrenze und betreten einen Bereich wissenschaftlicher Spekulation.« Jetzt erst? Wer oder was führte die Temperaturänderung dieses ominösen Gases herbei? Wieso kam es an unendlich vielen Punkten gleichzeitig zum »Urknall«? Was löste diese »Miniurknalle« (»Miniurknälle«?) aus?

Foto 4: Blick in die Gefilde jenseits unseres Wissens.
Mittelalterliches Weltbild. Holzschnitt, um 1530

Fragen über Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Was löste den Urknall aus? Der Urknall soll nicht an einem, sondern an unendlich vielen Punkten gleichzeitig stattgefunden haben. Das heißt also, dass es vor dem Urknall bereits etwas gegeben hat. Und das war »unendlich«. Es war also etwas am Anfang. Was? Was liegt in den weiten Gefilden jenseits unserer Wissensgrenze?



Fußnoten
(1) Mitton, Dr. Simon und Lewin, Dr. Roger: »Is Antone out Theres?«, »New Scientist«, London, 16. August 1973, S. 380-382.
(2) Ebenda, Seite 380, recite Spalte, 2.-19. Zeile von oben. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein. Zitat im Original:
»One group followed Darwin's lead and favored a long, slow evolution of organisms from very primitive beginnings. But a second took a more radical view. This idea – formulated by the Swedish chemist Svente Arrhenius at the end of the last century – was that life arrived here in the form of bacterial spores that had escaped from another planet where life was already established. Later, Lord Kelvin modified Arrhenius's proposal – known as Panspermia – by suggesting that the spores may have used meteorites as vehicles for their long journey through inhospitable space.
Faced with the apparent improbability of life generated in the proverbial primeval soup, many people found the idea of Panspermia attractive.«
(3) Ebenda, Seite 380, rechte Spalte,19.-21. Zeile von oben. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein. Zitat im Original:
»Life must start somewhere, of course, but Arrhenius got round this difficulty by saying that life must be eternal; the problem of its origin therefore does not arise!«
(4) Tegmark, Max: »Unser mathematisches Universum/ Auf der Suche nach dem Wesen der Wirklichkeit«, Berlin 2015, eBook-Version, Seite 39 von 573/ Position 5932 von 11847
(5) Adams, Douglas: »Das Restaurant am Ende des Universums«, eBook-Version, Zürich 2017
(6) Tegmark, Max: »Unser mathematisches Universum/ Auf der Suche nach dem Wesen der Wirklichkeit«, Berlin 2015, eBook-Version,  Seite 106 von 573/ Position 1439 von 11847

Zu den Fotos
Foto 1: Die Mayas hatten ein zyklisches Weltbild (Kukulkan Pyramide von Chichen Itza). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Echnaton betet zum Sonnengott. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Das Kirchenjahr - Erinnerung an zyklische Weltbilder. Krippe im Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Blick in die Gefilde jenseits unseres Wissens. Mittelalterliches Weltbild. Holzschnitt, um 1530

Leben wir in einer Simulation?
Leben wir in einem simulierten Universum?
Lektüreempfehlung für trübe Corona-Zeiten
Walter-Jörg Langbein empfiehlt...

Bryan Blackwater und Nefatari Nimjah:
»Das simulierte Universum«


Man stelle sich vor: Man liest einen spannenden Roman und folgt den Helden auf wahrhaft wagemutigen Reisen in andere Wirklichkeiten. Dabei vergisst man gern den Alltagstrott. Oder: Man sitzt im Kino und lässt sich in die fantastische Welt eines Sciencefiction-Fiction-Films entführen. Für kurze Zeit werden Alltagstrott und widrige Lebensumstände vergessen. Aber irgendwann muss man in die oft langweilige Realität zurückkehren.

Was wäre, wenn unser Leben alles andere als dröge Realität, sondern fantastischer als jeder Roman oder jeder Film wäre? Was wäre, wenn es ein Buch gäbe, das einem die Augen öffnet für die Wirklichkeit in der wir leben. Was wäre, wenn es ein Buch gäbe, das mehr als atemberaubend erkennen lässt, dass unsere Realität sehr viel fantastischer als jede Fiktion ist? Was wäre, wenn..?

Das Buch gibt es: »Das simulierte Universum« von Bryan Blackwater und Nefatari Nimjah. Das Buch ist mit »atemberaubend« nur unzulänglich beschrieben. In präziser Sachlichkeit erfahren wir, dass unsere Realität so ganz anders ist als wir wahrzunehmen meinen. In überzeugender Weise wird uns der Blick auf die Wirklichkeit freigegeben, von der wir ein Teil sind. Und diese Realität ist atemberaubend. Sie ist spannender als jeder Roman und als jeder Film, weil es nicht um amüsante Gedankenspiele, sondern eben um uns und unsere Wirklichkeit geht. 

Es geht um die Essenz unseres Seins, um unsere Existenz, um unser wirkliches Sein. Es geht darum, dass wir erkennen können, was wir wirklich sind und um die Chancen und Möglichkeiten zur Entfaltung, die wir haben! »Das simulierte Universum« von Bryan Blackwater und Nefatari Nimjah öffnet nicht die Tür in eine andere Wirklichkeit. Es bietet uns an, dass wir wirklich erfahren und nachvollziehen können, was wir, wie wir und wo wir sind.

»Das simulierte Universum« von Bryan Blackwater und Nefatari Nimjah – das vielleicht wichtigste Werk über uns und unsere Welt: mehr als nur atemberaubend, dabei geradezu erschreckend überzeugend. Unverzichtbar für jeden unvoreingenommen denkenden Menschen und jeden, der wirklich bereit für kühnste Gedanken ist!

569. »Das wäre eine armselige Wissenschaft...«
Teil 569 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13. Dezember 2020


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Sonntag, 21. Juli 2013

183 »Wege zur Osterinsel«

Teil 183 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein Beispiel der Osterinselschrift - Foto: Archiv W-J.Langbein

In Puri wurde ich auf die Forschungsarbeit Wilhelm von Hevesys aufmerksam gemacht. Angeblich gab es Hinweise fantastischer Art: Demnach stammte die Osterinselschrift aus dem »Alten Indien«. Ich recherchierte vor Ort, aber auch zuhause in Archiven und Bibliotheken.

1932 hielt der Sprachwissenschaftler Wilhelm von Hevesy einen viel beachteten Vortrag an der »Académie Française« über die Parallelen zwischen Osterinselschrift und indischer Schrift. In meinem Buch »Bevor die Sintflut kam« fasste ich zusammen (1): »Kernsatz: 100 Schriftzeichen beider Systeme ›stimmen überein‹. Der Wissenschaftler vertiefte sich in die Materie, verglich weitere Schriftzeichen. Ergebnis: Beide Systeme haben je 400 Schriftzeichen. 175 davon wurden sowohl auf der Osterinsel als auch in Indien benutzt. Da kann schwerlich der Zufall verantwortlich gemacht werden.«

Damit nicht genug (2): »Noch erstaunlichere Parallelen wurden entdeckt. Vor etwa 6000 Jahren entstand im Zweistromland das ›Gilgamesch-Epos‹. Die Sprache, in der es verfasst wurde, weist Besonderheiten auf, die sie stark von allen übrigen Sprachen unterscheidet. So fehlen die sogenannten Hilfswörter, genau wie bei den Texten auf den Schrifttafeln der Osterinsel. So wurden nicht einzelne Silben durch Zeichen, sondern Wörter mit Hilfe einer einzigen Hieroglyphe dargestellt, genau wie bei den Schrifttafeln der Osterinsel.«

Wenn der Koloss nur sprechen
könnte ...
Foto: W-J.Langbein
Sollte es einen Kulturexport von Indien zur Osterinsel gegeben haben? Vor Jahrtausenden? Eine solche Verbindung passt nicht in die Dogmenwelt der Schulwissenschaft und darf es deshalb nicht geben. Dogmen sollten aber nur Platz in der Welt der Religionen haben. In der Welt der Wissenschaft darf es keine unumstößlichen Dogmen geben. Vielmehr gilt jede Aussage nur so lange, so lange sie nicht widerlegt werden kann.

Wenn ich etwas gelernt habe in rund vier Jahrzehnten des Erforschens der Geheimnisse unseres Planeten, dann dies: In der Schulwissenschaft gilt auch für die Entwicklung irdischer Kultur und Zivilisation der Darwinismus. Das bedeutet: Wir Heutigen haben den Zenit erreicht. Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, um so primitiver war die Menschheit. Deshalb muss eine Kultur aus Vor-Inkazeiten primitiver sein als die der Inkas. Deshalb dürfen die gigantischen unterirdischen Städte in der Türkei nicht älter als christliche Bauten sein. Immer wieder müssen falsche Datierungen korrigiert werden: Es gibt eben sehr wohl Bauten aus Vor-Inkazeiten, deren megalithische Bauweise atemberaubend ist. Und die unterirdischen Welten in der Türkei entstanden eben doch Jahrtausende vor Christi Geburt.

Typisches Merkmal alter, also laut Dogma primitiver Kulturen, ist ihre angebliche Unkenntnis von Schrift. Natürlich dürfen die Erbauer von Stonehenge in England als »primitive Steinzeitmenschen« keine Schrift gekannt haben. Inzwischen wissen wir, dass Stonehenge so etwas wie ein Sonnenobservatorium war, ein riesiger Steincomputer zu Berechnung von Sonnen- und Mondfinsternissen. Jahrtausende lang wurde an Stonehenge gebaut. Es muss einen Plan gegeben haben. Es muss eine Schrift gegeben haben, um die erforderlichen komplizierten Berechnungen durchzuführen – bevor mit dem Kolossalbau begonnen werden konnte.

Schweigsamer Riese - Foto: W-J.Langbein
Kolossalstatuen gibt es auch auf der Osterinsel ... und eine Schrift kannten die Erbauer der Riesenstatuen auch. Das gefiel so manchem Wissenschaftler nicht, die einem »primitiven« Südseevolk keine Schrift zutrauten. Rasch kam die These auf, Rongorongo sei gar keine »Erfindung« der Osterinsulaner. Diese vermeintlich »Primitiven« hätten in ihrer gesamten Geschichte die Kunst des Schreibens und Lesens nicht beherrscht. Aber zu ihrem Glück tauchten ja dann Europäer auf der einsamen Insel auf. Prof. Jared Diamond, Jahrgang 1937, Experte in Sachen Evolutionsbiologie, fasst zusammen (3):

»Die meisten Experten für die Osterinsel ... sind mittlerweile zu dem Schluss gelangt, dass die Inselbewohner die Anregung zur Erfindung des Rongorongo während der Landung der Spanier im Jahr 1770 erhielten, als sie erstmals mit einer Schrift in Berührung kamen.«

Mit anderen Worten: Die »tumben« Osterinsulaner waren des Schreibens und Lesens unkundig. Schlimmer noch: Im Lauf ihrer Geschichte sind sie nie auch nur auf die Idee gekommen, eine Schrift zu entwickeln. Sie konnten zwar meisterlich riesige Statuen aus dem Vulkangestein meißeln, die Kolosse über viele Kilometer transportieren und dann aufrichten. Sie hatten auch keine Schwierigkeiten, wenn es darum ging, den Kolossen steinerne »Hüte« auf die Häupter zu setzen, aber eine Schrift kannten sie nicht.

Dann aber erschienen Europäer, die Insulaner kamen in Kontakt mit Schrift. Und schon entwickelten sie eine eigene Schrift, die mit jener der Europäer nicht das Geringste zu tun hatte. Rund ein Jahrhundert später – 1864 – tauchten englische Forscher auf dem einsamsten Eiland der Welt auf. Und schon fand sich auf der gesamten Insel kein einziger Mensch mehr, der die seltsamen Hieroglyphen entziffern konnte!

Wartende Riesen - Foto: W-J.Langbein
Ich halte es für ausgeschlossen, dass innerhalb eines Jahrhunderts eine eigenständige Schrift entwickelt und wieder vollkommen vergessen wurde! Glaubwürdiger ist die Überlieferung, dass schon die ersten Besiedler der Osterinsel die Schrift mit auf das Eiland brachten. Die Schrift spielt eine ganz bedeutende Rolle für die Osterinsulaner. Es gab, wie mir Osterinselexperte Dr. Fritz Felbermayer versicherte, Schulen, deren Hauptaufgabe im Erhalt der alten Überlieferungen bestand.

Bei meinen Besuchen auf der Osterinsel bekam ich immer wieder, besonders von Älteren zu hören, dass die heiligen Berichte – etwa über religiöse Praktiken – seit ewigen Zeiten in Schrift und Wort überliefert wurden.

Dr. Pater Sebastian Englert (1888-1969) wird auch heute noch auf der Osterinsel verehrt. Der deutsche Altphilologe genoss das Vertrauen der einheimischen Bevölkerung. Ihm, den zu Lebzeiten viele fast wie einen Heiligen verehrten, vertrauten auch Wissende. Der Gelehrte wusste von einer »Schreibschule« zu berichten (4):

»Ein alter Mann, der in seiner Jugend am Unterricht teilnahm, erzählte einigen heute (in den 1930er Jahren) noch lebenden Personen davon: Die Disziplin war sehr streng. Die Schüler mussten zuerst die Texte lernen. Sie durften weder sprechen noch spielen, sondern mussten aufpassen, auf den Knien hockend, die Hände vor der Brust zusammengelegt … Nachdem die Schüler gelernt hatten, die Texte zu rezitieren, begannen sie die Zeichen zu kopieren, um sich an das Schreiben zu gewöhnen. Diese Kopierübungen wurden nicht auf Holz gemacht, sondern mit einem Stilus (Stift) aus einem Vogelknochen auf Bananenblättern. Erst wenn sie ein gewisses Maß an Vollkommenheit erreicht hatten, schreiben die Schüler auf hölzernen Tafeln, vorzugsweise aus Toromiro (ein Baum auf der Osterinsel). Zu diesem Einritzen benutzten sie sehr feine Obsidiansplitter oder scharfe Haifischzähne.«

Im Lauf der letzten dreißig Jahre besuchte ich wiederholt die Osterinsel. Zu meiner Freude gab es eine positive Entwicklung. Es ist eindeutig zu beobachten, dass von Jahr zu Jahr das Interesse der jüngeren Generation an der eigenen Geschichte wächst. Galt vor wenigen Jahrzehnten die Osterinselsprache, »Rapa Nui« genannt, als langweiliges Relikt aus längst vergessenen Zeiten, so wird sie heute verstärkt gelehrt und gelernt. Das Interesse am alten Brauchtum, an den uralten Tänzen, ist heute vor Ort größer denn je. Rapanui, vor einigen Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, wurde wieder zum Pflichtfach an der Schule.

Gefallener Riese - Foto: W-J.Langbein
Alte Osterinsulaner zeigen sich glücklich. Sie hatten befürchtet, dass das alte Erbe vergessen wird. Die Sprache »Rapa Nui« ist ein polynesischer Dialekt der austronesischen Sprachenfamilie, die ein gewaltiges Ausbreitungsgebiet hat. Es reicht von Madagaskar im Indischen Ozean über Australien und Südost-Asien bis Hawai’i und die Osterinsel im Ost-Pazifik. Verbindet »Rapanui« die Osterinsel mit Indien?

Wilhelm von Hevesy jedenfalls war davon überzeugt, dass es eine Verbindung zwischen dem »Alten Indien« und der Osterinsel gab. Er wurde heftig attackiert und als Fälscher beschuldigt. Schlimmer noch: Die verunglimpfende Behauptung wurde bis heute nicht zurückgenommen. Nach wie vor heißt es in Diskussionen, von Hevesy habe die Schriftzeichen manipuliert, er habe die Schriftzeichen aus dem Indus-Raum und der Osterinsel einander angepasst, um seine Theorie zu unterstützen.

Alfred Metraux (1902-1962), einer der renommiertesten Ethnologen, machte sich 1938 über von Hevesys vermeintliche »Fälschungen« lustig. Der berühmte Wissenschaftler bezeichnete sie als völlig unhaltbar. Nur durch massive Manipulationen seien »Beweise« geschaffen worden. Seither gilt von Hevesy in der wissenschaftlichen Welt bestenfalls als verrückter Spinner. Fakt ist aber, dass von Hevesy eben nicht gefälscht hat. Fakt ist weiter, dass Alfred Metraux längst widerlegt wurde.

So bestätigten hochkarätige Fachleute wie Dr. G. R. Hunter und Richard von Heine-Geldern (5), dass von Hevesy sauber und seriös gearbeitet hat. Und dass es unbestreitbare Parallelen von erstaunlichem Ausmaß zwischen der alten Indus-Schrift und jener der Osterinsel gibt.

Ein Pferd und eine Statue aus Stein
Foto: W-J.Langbein
Da tickt eine Zeitbombe. Sobald sie – mit einer Verzögerung von mindestens siebzig Jahren – explodieren sollte, wird sich das Bild von der Vorgeschichte unseres Planeten grundlegend verändern. Eine Verbindung zwischen dem Indus-Tal und der Osterinsel vor fünf oder mehr Jahrtausenden setzt weltweite Seefahrt in grauer Vorzeit voraus! Derlei globale Verbindungen weisen auf hochstehende Zivilisationen hin, die nach heute noch gültiger Schulwissenschaft nicht existiert haben dürfen!

Es ist aber endlich an der Zeit, dass das Motto »Weil nicht sein kann, was nicht sein darf!« endlich an Bedeutung verliert. Und Scheinargumente müssen als solche entlarvt werden, auch wenn sie aus noch so seriösem Munde stammen!

Fußnoten

1 Langbein, Walter-Jörg: »Das Sphinx-Syndrom«, München 1995, S. 33
2 ebenda
3 Diamond, Jarred: »Kollaps«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011, S. 145
4 Heyerdahl, Thor: »Die Kunst der Osterinsel«, München, Gütersloh, Wien, 1975, Seite 233
5 Joseph, Frank: »The Lost Civilization of Lemuria«, Rochester 2006, S. 70-73
6 Heine-Geldern, Richard von: »Easter Island Script Controversy«, »Anthropos«,
Vol. 35, London 1938

Ringoronge auf sprechenden Hölzern - Foto: Archiv W-J.Langbein

»Blutspuren«, 
Teil 184 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.07.2013


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