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Sonntag, 3. März 2013

163 »Von einem, der in den Himmel stieg!«

»Alle Straßen führen nach Cobá«, Teil II
Teil 163 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


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Ritual-Raum auf der
Nohoch-Mul-Pyramide
Foto: Dlogic
»Nach Cobá wollen Sie? Nach Cobá in Mexiko? Warum das denn?« fragte mich der »Mexiko-Experte« eines Reisebüros. »Da gibt es doch nichts zu sehen!« Gut, dass ich mich nicht davon abhalten ließ, die Maya-Metropole Cobá zu besuchen ... und das im Verlauf der Jahrzehnte wiederholt.

Das bis zu 100 Quadratkilometer große Areal von Cobá ist weitestgehend eben. Einige kleinere Erhöhungen wurden genutzt, um darauf Tempel oder Pyramiden zu errichten. Zwanzig Gebäudekomplexe hat die Archäologie inzwischen ausfindig gemacht, die untereinander mit Dammstraßen (genannt »sakbeo'ob«) verbunden sind. Bis zu sechs Kilometer sind diese vorzüglich nivellierten Wege auf erhöhtem Niveau lang ... im innerstädtischen Straßennetz.

Das Straßennetz von Cobá ist aber auch an jenes System von Fernstraßen angebunden, das so typisch für die Maya-Kultur war. So führt eine Fernstraße vom »Grupo Nohoch Mul« über Cuacan, Xcahumil, Ekal und Sisal ins einhundert Kilometer entfernte Yaxuná. Die Fernstraßen waren Luxus pur für ein Volk, das angeblich nicht einmal das Rad kannte. Dammstraßen ins übrige Mayareich waren nach heutigen Erkenntnissen zwischen zwanzig und hundert Kilometer lang und zwischen sechs und zehn Metern breit!

Warum wurden Straßen auch über lange Strecken auf Dämmen geführt? Nach vorsichtigen Schätzungen wurden bis zu 750.000 Kubikmeter Material in einer einzigen Straße verbaut. Und wir wissen nicht, wie riesig und komplex das Netz gewesen ist, wovon die Metropole Cobá nur ein kleiner Teil war! In Zentralamerika führten alle Straßen nach Cobá ... und in andere sakrale Zentren! Jahrhunderte gingen über das Straßennetz hinweg. Einst freie Ebenen wurden vom Urwald zurück erobert, der die Straßen verschlang. Andere Dammstraßen wurden im Zuge der Bebauung und Nutzbarmachung für die Landwirtschaft und Viehzucht abgetragen und vollkommen zerstört. (1) Straßen verschwanden ... Selbst einst stolze Pyramiden sind oft kaum oder gar nicht mehr zu erkennen!

Das war einmal eine Pyramide
Foto: Laslovarga
Es gibt keinen Zweifel: Das Volk der Mayas war alles andere als primitiv. Um das riesige Straßennetz anzulegen, war eine präzise strategische Planung erforderlich. Nach wie vor ungeklärt ist die Frage, welchem Zweck dieses Straßennetz diente. Und wenn die Mayas, wie nach wie vor behauptet wird, das Rad nicht kannten, wenn sie keine Zug- oder Lasttiere kannten, dann waren Straßen von zwanzig Metern Breite schlicht und einfach absurd.

Und wenn man in der Schulwissenschaft vor einem scheinbar unlösbaren Rätsel steht, hilft rasch die Erklärung »Kult«. Schon sind wieder unbequeme Fragen beantwortet: Die Straßen hatten zeremoniellen Charakter. Oder: Es waren »Prozessionswege«. Wem das zu religiös-esoterisch ist, mag andere Antworten vorziehen: Demnach waren die Straßen ein »Prestigeobjekt zur Selbstdarstellung der herrschenden Elite«. (2)

»Ein Straßennetz zwischen einzelnen Kultkomplexen und auch zu entfernten Orten Nord-Yukatans lassen darauf schließen, daß Cobá ein bedeutendes Bevölkerungs- und Handelszentrum war.« So lesen wir im fulminanten Standardwerk »Das Alte Mexiko – Geschichte und Kultur der Völker Mesoamerikas« von Hanns J. Prem und Ursula Dyckerhoff (3). Weiter heißt es (4): »Sehr bemerkenswerte Monumente unterhalb der zugänglichen Ruinenkomplexe sind die beiden etwa 40 m hohen Pyramiden ›El Castillo‹ und ›Nohoch Mul‹ .., außerdem die Baugruppe ›Las Pinturas‹ mit Säulenhallen und Resten von Fassadenmalerei, eine Ansammlung von acht Stelen mit Darstellungen von Würdenträgern, die auf dem Rücken von Gefangenen stehen.«

Pyramide Nochol Mul
Foto: W-J.Langbein
Anmerkung: Hier hat sich offenbar ein Fehler eingeschlichen. »El Castillo« ist ein anderer Name von »Nohoch Mul«. Beide Namen kennzeichnen nicht zwei, sondern eine Pyramide!

Mich lockte schon bei meinem ersten Besuch in Cobá die »Grupo Nohoch Mul«. Der Name der Gruppe sagt alles: »nohoch« steht für »groß«, »mul« für »künstlicher Hügel«. Der »große künstliche Hügel« stand ganz vorn auf meinem Reiseprogramm. Allerdings hatte mich bei der Ankunft im Hotel »Villas Arqueológicas« Montezumas Rache heimgesucht. So verbrachte ich den ersten Abend und die Nacht nicht im bequemen Hotelbett, sondern im Badezimmer ... Auch den zweiten Tag hielt ich mich in jener hygienischen Räumlichkeit auf. Mit dem Feuerzeug angekokeltes Brot brachte schließlich Linderung ... und so machte ich mich am zweiten Abend, immer noch geschwächt, auf ... um der Pyramide Nohoch Mul einen ersten Besuch abzustatten. Meine Kameratasche ließ ich im Hotelzimmer zurück, sie kam mir in meinem Zustand vor, als sei sie mit Bleibarren gefüllt.

Vom Haupteingang der archäologischen Anlage, so hatte man mir im Hotel versichert, würde ich zum gesuchten Komplex 20, höchstens 25 Minuten benötigen. Nach 50 Minuten erreichte ich endlich, vollkommen verschwitzt die Pyramide »Nohoch Mul«. Manche Archäologen nennen das mysteriöse Bauwerk prosaisch »Estructura 1« (»Struktur 1«), andere ziehen den spanischen Namen »El Castillo« (»Die Burg« vor). Der in den Himmel ragende steile Turmbau mag den spanischen Eroberern ob seiner imposanten Mächtigkeit wie »Die Burg« vorgekommen sein, eine Burg war der »große künstliche Hügel« aber nie.

Ich gebe zu, ich habe mich in der rasch einsetzenden abendlichen Dämmerung ein, zwei Mal auf einem schmalen Pfad bei einer Abzweigung im Busch geirrt... Ich stand dann aber doch endlich und unvermittelt vor der steinernen Sensation. Sie tauchte wie aus dem grünen Nichts des Urwalds auf. Urplötzlich ragte vor mir in den Himmel, wonach ich gesucht hatte ... »Nohoch Mul«. Im Verlauf der Jahrhunderte war die steile Pyramide vollkommen vom alles überwuchernden Urwald verschlungen worden. Das stolze Bauwerk musste mühsam freigelegt werden. Und seither wird der freie Platz unmittelbar vor dem Bauwerk ... so gründlich wie möglich ... von aufkeimendem Grün befreit. Und doch pirscht sich der feuchtheiße Busch wieder an die Treppe in den Himmel heran. Da und dort stehen schon nah an der Pyramide Bäumchen. Auch anderen majestätischen Gebäuden wird auf diese Weise »geholfen«, etwa der »nur« 24 Meter hohen »Iglesia«, die natürlich niemals eine »Kirche« (»iglesia«) war. Auch diese kleiner Pyramide muss vor dem Urwald bewahrt werden. Hunderte, nein Tausende andere Gebäude werden im undurchdringbaren Gestrüpp des Urwalds vermutet.

Die Kirche, die keine war
Foto: W-J.Langbein
Nie vergessen werde ich ein fast schon gespenstisch anmutendes Erlebnis bei »Nohoch Mul« ... Ermattet sitze ich auf einem Stein, wenige Meter von der steilen Treppe entfernt. Plötzlich hält wenige Schritte von mir entfernt ein Jeep. Zwei in Olivgrün gekleidete Muskelprotze stürzen auf mich zu. »No foto, no foto!« schreien sie und fuchteln mit Baseballschlägern herum. »I have no foto!« antworte ich und hoffe, dass sie ihre Pistolen in den Halftern lassen. Als ich wieder versichere, dass ich »no foto« habe, klettert ein beleibter Uniformierter aus dem Jeep und marschiert die wenigen Schritte auf die Pyramide zu.

Dann beginnt er, zunächst schnell, dann immer langsamer werdend, das Bauwerk zu erklimmen. Immer lauter schnappt er prustend nach Luft, quält sich aber weiter nach oben. Schließlich kriecht er auf allen Vieren die Stufen empor. Argwöhnisch beäugen mich dabei die beiden Muskelprotze, tippen mich mit ihren Baseballschlägern an. »No foto! No foto!« wiederholen sie immer wieder, recht aggressiv. Offensichtlich soll ich auf keinen Fall den Aufstieg des Dicken nach oben im Bilde festhalten.

»He very strong man!« radebreche ich. Die beiden Aufpasser nicken. Sie scheinen zu meinen, mir erklären zu müssen, warum der Starke die Pyramide erklimmt.

»Old religion!« erklären sie mir. »Very old religion!« Und so erfahre ich, dass es sich bei dem Dicken offenbar um einen hochrangigen Angehörigen des Militärs handelt. Und der steige so schnell wie möglich die Pyramidentreppe hinauf, um im Tempel an der Spitze zu beten. »He climb in sky, in heaven!« höre ich. In den Himmel steigt er also hinauf. Ich frage, ob sich der Mann im Tempel opfern wolle. Fahre dabei mit dem Zeigefinger an meiner Kehle entlang. Die beiden Muskelprotze lachen.

Nein, nein! Ihr Boss sei Big Boss. Er wolle die Göttin da oben um Macht bitten. »Power from the goddess!« Macht von der Göttin, will er haben. Und die Göttin komme natürlich auf der höchsten Pyramide hernieder, nicht auf einer der kleineren!

Klein, nicht minder fein ...
Foto: W-J.Langbein
Dann macht sich der Mann an den Abstieg. Er steht hoch oben auf der Plattform, reckt die Arme in den Himmel. Dann geht er Schritt für Schritt nach unten. Ich weiß aus Erfahrung, wie steil so eine Pyramidentreppe wirkt, wenn man von oben nach unten blickt. Die Tiefe scheint einen förmlich anzuziehen. Und wer hier fällt, kann sich alle Knochen im Leibe brechen.

Touristisch stärker frequentierte Orte bieten oft einen speziellen »Service« für heutige Besucher an. Eine oder mehrere Eisenketten dienen dem Gast als Behelfsgeländer. Man ergreift die Kette möglichst mit beiden Händen ... und zieht sich daran bei Ersteigen der Pyramide hoch. Beim Abstieg hält man sich wiederum an so einer Kette fest. Mit dem Rücken zum Abgrund kommt man so sicher zum Boden, wenn man sich nur Schritt für Schritt nach unten tastet ... die Hände stets fest an der Kette. Eine solche Kette gab es bei meinen Besuchen in Cobá nicht.

Geheimnisvolle Reliefs
Foto:



 W-J.Langbein
Dem Dicken in der Uniform scheint auch angst und bange zu werden. Vorsichtig lässt er sich auf seine »vier Buchstaben« nieder... und rutscht Stufe für Stufe aus dem Himmel zur Erde. Den Aufpassern wird offenbar bewusst, was für ein jämmerliches Schauspiel ich da beobachte. »No look...« befehlen sie. Sie packen mich an den Schultern, drehen mich um. Da stehe ich, mit dem Rücken zur Pyramide. Ich höre, wie sich der Uniformierte ächzend vom Himmel zur Erde zurück arbeitet. Ob ihm die Göttin Macht geschenkt hat? Mut hat sie ihm offenbar nicht zuteil werden lassen... Und würdevoll wirkte sein Abstieg ganz und gar nicht.

Kaum ist der Dicke unten angekommen, darf ich mich wieder umdrehen. Und schon klettert er erstaunlich behende in den Jeep. Seine Bodyguards grüße zum Abschied, indem sie mit ihren Baseballschlägern – grimmig blickend – salutieren. Wenig später braust der Jeep davon.

Viele Geheimnisse birgt Cobá... in den archäologisch unerforschten Dschungelregionen. Und dann gibt es noch steinerne Stelen mit geheimnisvollen Reliefs. Diese altehrwürdigen Kunstwerke haben unter dem Zahn der Zeit erheblich gelitten. Und doch verraten sie uns ein Geheimnis.... vielleicht das große Geheimnis von Cobá

Fußnoten

1: Sehr umfangreiche Informationen zum Straßensystem unter Einbeziehung von Cobá bietet eine Studie des wissenschaftlichen Studienzentrums INAH (»Instituto Nacional de Antropologia e Historia«): »Los caminos de Cobá«, Mexico, 1981
2: »Städte Altamerikas«, Hausarbeit von Sven Gronemeyer, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Institut für Altamerikanistik und Ethnologie, Wintersemester 2002/2003
3: Prem, Hanns J. und Dyckerhoff, Ursula: »Das Alte Mexiko – Geschichte und Kultur der Völker Mesoamerikas««, München 1986, S. 402
4: Ebenda

»Von einem Gott, der vom Himmel stieg«
Alle Straßen führen nach Cobá«, Teil III
Teil 164 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10.03.2013


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Sonntag, 16. Dezember 2012

152 »Von Affen und von Drachen«

Teil 152 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein Brüllaffe in Palenque
Komisch, diese Touristen...
Foto: W-J.Langbein
Die letzte Touristengruppe strebt hastigen Schritts dem Ausgang zu. »Und wann besichtigen wir endlich Palenque?« nörgelt jemand mit näselnder Stimme. Genervt antwortet der Guide: »Wir sind hier in Palenque ...« Nach kurzer Pause ist wieder der unzufriedene Reisende zu hören: »Aha. Und morgen fliegen wir dann endlich nach Mexiko?« Der gestresste Guide antwortet: »Nein. Wir sind seit einer Woche in Mexiko. Morgen fliegen wir nach Guatemala!«

Der Nörgler beschwert sich über das Reiseprogramm: »Und warum steht Lima nicht auf dem Programm, wenn wir dann schon mal in Guatemala sind?« Die Antwort des Guide höre ich kaum noch: »Weil Lima in Peru und nicht in Guatemala liegt. Peru gehört zu Südamerika, wir aber ...«

Es wird rasch dunkel in Palenque. Die Dämmerung bricht herein, die Touristen fahren ab. Und plötzlich melden sich die Brüllaffen zu Wort. Es kommt mir so vor, als würden sie miteinander kommunizieren. »Hier sind keine mehr von diesen kranken Nacktaffen!« - »Endlich! Es sind bemitleidenswerte Kreaturen!« - »Ja, schon! Aber hoffentlich ist ihr Fellausfall nicht ansteckend!« Ob wir einige dieser Vertreter der Familie alouatta caraya zu sehen bekommen?

Leise gehen wir in den rasch dichter werdenden Wald unweit des Tempels der Inschriften. Etwas raschelt über uns. Ein Männchen, erkennbar an der schwärzlichen Färbung, schwingt sich von Ast zu Ast. Sein kräftiger Schwanz dient als zusätzliches Greiforgan. Kaum dass der Bursche – etwa einen halben Meter groß – bemerkt, dass wir ihn beobachten, verharrt er in seiner Bewegung. Aus der Ferne machen sich einige seiner Artgenossen bemerkbar. »Unser« Affe beobachtet uns nur, dann klettert er gemächlich seinen Baum empor, bis er im Dunkel der Krone nicht mehr auszumachen ist.

Der Brüllaffe zieht sich zurück
Foto: Ingeborg Diekmann
Brüllaffen halten sich meist in Bäumen auf, wo sie in kleinen Gruppen von meist zehn bis zwanzig Tieren leben. Gelegentlich wagen sie sich bei der Nahrungssuche auf den Boden. Ihre »Kollegen«, die Nasenbären, leben am Rand von Wüsten ebenso wie im Urwald. Auch wenn sie mit sprichwörtlicher affenartiger Geschwindigkeit Bäume erklimmen können, so gehören sie doch zur Gattung der procyonidae, der Kleinbären.

Man trifft sie in Scharen in den Ruinen von Tikal, Honduras, an ... wo sie sich an uns Touristen gewöhnt haben. So possierlich die kleinen Tierchen auch sind ... Vorsicht ist vor ihren scharfen Klauen geboten. Irgendwann haben Nasenbären in Tikal erkannt, dass diese seltsamen Menschen nicht nur steinerne Ruinen bestaunen, sondern auch ein Herz für Nasenbären haben. Wenn wir Menschen unserer Meinung nach genug zwischen Ruinen herumgewandert sind und alle erreichbaren Pyramiden erklommen haben ... dann wird Rast gemacht. Mensch setzt sich dann in den Schatten eines Baumes und verzehrt mitgebrachte Lunchpakete. Örtliche Kleinstunternehmer bieten koffeinhaltige Brause an, die von uns Besuchern aus der Fremde gern erworben und getrunken wird.

Ich rieche Cola ...
Foto: W-J.Langbein
Vor Jahren nun, so wird erzählt, saß ein Amerikaner bei Sandwich und Cola, als sich ihm ein Nasenbär näherte. Der Amerikaner soll aufgesprungen und in Panik ausgerissen sein. Dabei, so heißt es, sei seine Cola-Flasche umgefallen und ausgelaufen. Der ob seiner Wirkung auf den ängstlichen Mann aus den Staaten nicht sonderlich beeindruckte Nasenbär schnüffelte seine Beute ab ... das Sandwich und das auslaufende Cola. Genüsslich schlabberte das possierliche Tierchen die braune Flüssigkeit. Das wiederum beobachteten weitere Nasenbären ... und schon soll es zu einem Streit um das verschüttete Cola gekommen sein.

Das wiederum soll den Amerikaner geradezu gerührt haben. Wie schön, dass diese kleinen Tierchen das amerikanische Nationalgetränk so zu schätzen wussten. Vorsichtig näherte er sich wieder seinem Rastplatz, holte aus seinem Rucksack mehrere Colaflaschen heraus und spendierte das süße Getränk der immer größer werdenden Nasenbärenhorde.

Ob diese Überlieferung der Wahrheit entspricht, das weiß ich nicht. Ich konnte mich aber davon überzeugen, dass die Nasenbären in den Ruinen von Tikal geradezu süchtig sind auf Cola. Die Kleinstunternehmer vor Ort können gar nicht schnell genug Cola heranschaffen, so wie es ihnen von den Besuchern förmlich aus den Händen gerissen wird.

Her mit dem Cola!
Foto: W-J.Langbein
Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass bei meinem Besuch die Nasenbären von Tikal ausschließlich Pepsi angeboten bekamen ... und genüsslich konsumierten. Einen Vergleichstest mit Coca Cola konnte ich leider nicht durchführen.

Und wir Besucher freuen uns riesig darüber, wie sich die Nasenbären in großer Zahl nähern und genüsslich besagtes Getränk gleich aus der dargereichten Flasche trinken. Auf diese Weise fördern sie ganz erheblich den Umsatz der örtlichen Kleinstunternehmer.

Ich habe es selbst erlebt: Wasser, Fruchtsaft und Brause wurde von den Nasenbären empört abgelehnt, Cola aber begierig getrunken. Es kam gelegentlich zu Zweikämpfen, wenn nicht rasch genug Flaschen geöffnet wurden. Unser Guide erklärte uns, es sei das Coca in der Cola, was die Nasenbären so verrückt nach der braunen Brause machen würde.

Na endlich!
Foto: Ingeborg Diekmann
Von Brüllaffen über Nasenbären ... zu leibhaftigen Drachen! Von Mexiko über Guatemala nach Copan (Honduras). In den faszinierenden Ruinen von Copan fielen mir zwischen kunstvollen Stelen in Stein gehauene ... Drachen auf! Diese kuriosen Darstellungen werden meist von Besuchern übersehen, die nach Pyramiden Ausschau halten. Und doch gibt es sie, die kleinen Skulpturen dieser uns Europäern nur noch aus Märchen bekannten Wesen. Glotzäugig starren sie offenbar ihre Beute an, die sie wohl gleich mit brachialer Gewalt zerreißen und dann gierig verschlingen wollen.

Wer oder was aber stand der Maya-Künstlern Modell ... Drachen etwa? Das scheint mir unwahrscheinlich zu sein! Welches Drachenmonster harrt denn schon geduldig aus, bis es von einem Künstler als Zeichnung oder gar als Skulptur verewigt worden ist? Vor allem: Welcher Künstler begibt sich freiwillig in die Gefahr, bei Ausübung seines Berufs einem Monster zum Opfer zu fallen?

Drachen aus Stein - Fotos: W-J.Langbein
Des Rätsels Lösung ... Die Drachen hat es wirklich gegeben! Sie wurden von Maya-Künstlern tatsächlich porträtiert. Es waren aber keine Kreaturen von Riesendinosaurierwuchs, sondern wesentlich kleinere Tiere! Ich bin davon überzeugt, dass es sich bei den »Drachen« um Leguane handelte. Der Leguan spielt in der Mythologie der Mayas eine wesentliche Rolle!

Der Kosmos der Mayas hatte drei Ebenen: Die unterste Ebene war die Unterwelt, bestehend aus neun »Etagen«. Hier soll es einst zu einem wahrhaft höllischen Ballspiel gekommen sein. Das Wurzelwerk des Ceiba-Baums steht für dieses unterirdische Reich. Die mittlere Welt wird von uns Menschen und den Tieren und Pflanzen bevölkert. Der mächtige Stamm des Ceiba-Baumes wird in der Maya-Kosmologie mit unserem Lebensraum verglichen.

Der Himmel schließlich, der von den mächtigen Ästen des Ceiba-Baumes getragen wird, ist viel mehr als nur der hohe Luftraum über unseren Köpfen. Dort hausen und herrschen Götter wie Kukulcán alias Quetzalcoatl, Herr der Winde, aber auch der Medizin. Für die Medizin war auch Mondgöttin Ix-Chel zuständig, eine alte Fruchtbarkeitsgöttin. Zugleich war sie die himmlische Repräsentantin der Webkunst.

Ein grüner Leguan in Copan
Foto: W-J.Langbein
Auch Chac war im Himmel angesiedelt. Auch er war ein Gott der Fruchtbarkeit, spendete dem Land den lebenswichtigen Regen. Er schleuderte aber – wie Thor – Blitze vom Firmament.

Itzamná, männlicher Partner der Mondgöttin Ix-Chel, muss von den Mayas als ein besonders hoch stehender Gott angesehen worden sein. Itzamná trug auch den Namen »Leguan-Haus«. Verwundert es da, wenn die Mayas in Copan Leguane in Stein verewigten?

Anmerkung des Verfassers: Anlässlich des für den 21. Dezember 2012 prophezeiten Weltuntergangs wird sich Folge 153 mit dieser Thematik auseinandersetzen – am 23.12. 2012. Sollte die Welt allerdings tatsächlich bereits am 21. Dezember 2012 untergehen, wird Teil 153 meiner Serie nicht mehr erscheinen. Ich bitte um Verständnis! Für den Fall der Apokalypse verabschiede ich mich dann bei allen Leserinnen und Lesern. Sollte – wie so oft geschehen – der Weltuntergang wieder ausbleiben ... dann wird meine Serie am 23.12.2012 fortgesetzt!

»21.12.2012«,
Teil 153 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.12.2012


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Sonntag, 23. September 2012

140 »Schildkröten, Schlangen und Ruinen«

1: Die Pyramide des Zauberers
Teil 140 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


US-Präsident George W. Bush
besichtigt Uxmal
Foto: Paul Morse - Weißes Haus
Vom Hotel »Misión Park Inn Uxmal« ist es nur ein Katzensprung zu den Ruinen von Uxmal. Hier haben, so erfahre ich, neben anderen Größen Königin Elizabeth und Prinz Philipp von England und Rainer von Monaco nebst Gattin logiert. In der »Queen Elizabeth Master Suite« darf auch der Normalsterbliche sein müdes Haupt betten ... muss aber in der Urlaubszeit mit etwa 1100 Dollar pro Nacht rechnen. Ob US-Präsident George W. Bush ebenfalls hier nächtigte, konnte ich nicht eruieren. Besichtigt hat das Staatsoberhaupt der USA Uxmal gemeinsam mit seinem mexikanischen Amtskollegen Felipe Calderon am 13. März 2007.

Sehr viel günstiger ist das »normale« Einzelzimmer ... selbst mit Whirlpool im Bad.
Der kleine Spaziergang vom Hotel zu den »Ruinas« tut nach einer nervigen Busfahrt gut. Schon vom Hotel aus sieht man die »magische« Pyramide. Am Abend scheint sie von innen heraus zu glimmen ...

Die Atmosphäre ist exotisch-idyllisch ... »Urwald« pur, aber parkanlagenhaft, bequem zu durchschlendern. Man schreitet heute sozusagen durch ein fremdartiges Paradies, während sich die ersten Besucher vor Jahrhunderten durch eine lebensbedrohliche Hölle quälen mussten. Die frühen Entdecker und Erforscher waren oftmals begeisterte Laien, die unter Einsatz ihres Lebens die Maya-Welten erkunden wollten. Sie waren unsäglichen hygienischen Bedingungen ausgesetzt, wurden von Krankheitserregern attackiert und hatten Angst vor den Nachkommen der einst so stolzen Mayas. Für sie gab es keine bequemen Wege zu den Ruinen. Sie mussten sich Meter für Meter durch den gefährlichen, oft lebensbedrohlichen Urwald kämpfen.

Aufgang zum Götterschlund
Foto W-J.Langbein
Unterstützung von amtlicher Seite wurde ihnen allenfalls ideelle zuteil. Finanzieren mussten die ersten Entdecker ihre Exkursionen am Ende der Welt selbst. Anerkennung konnten sie nicht erwarten ... 1996 wurde Uxmal von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Und das mit Recht. Ich persönlich ziehe die mysteriöse Welt von Uxmal selbst dem grandiosen Komplex von Chichen Itza vor. Uxmal, im südwestlichen Teil von Yucatán gelegen, bietet noch viele ungelöste Rätsel und Geheimnisse.

Betritt man die archäologische Anlage von Uxmal, so fällt sofort ein eigenartiges Gebäude auf: die »Pyramide des Zauberers« genannt, auch »Pyramide des Wahrsagers« oder »Pyramide des Magiers« und »Pyramide des Zwerges« tituliert. Ihr Grundriss ist nicht quadratisch, wie man das weltweit von Ägypten bis Peru von einer »anständigen« Pyramide erwartet, sondern elipsenförmig.
Sie ragt – die Angaben dazu variieren um einige Meter – fast vierzig Meter in den Himmel. Der Mythologie nach entstand sie in einer einzigen Nacht. Ein unheimlicher Zwerg soll sie, zusammen mit seiner Großmutter, einer Hexe, mit magischen Mitteln errichtet haben. Und man sieht ihr immer noch an, dass Jahrhunderte lang an ihr herumgebaut wurde.

Die »Pyramide des Zauberers«
Foto: W-J.Langbein
In einer einzigen Nacht wurde die seltsame Pyramide ganz sicher nicht gebaut. Man kann sie am ehesten mit einer steinernen Zwiebel vergleichen. Im Verlauf vieler Jahrhunderte wurde Schicht auf Schicht aufgetürmt, wurde ein Tempel über den anderen gestülpt.

Mit anderen Worten: die Pyramide wurde mehrfach gebaut, in der Wissenschaft geht man von fünf Mal aus. »Uxmal« deutet auf wiederholtes Aufbauen hin. Lässt sich doch der Name mit »die drei Mal errichtet wurde« übersetzen! Zum sechsten Mal wird der Uxmal-Komplex seit Jahrzehnten gebaut ... von Archäologen, die in mühsamer Kleinarbeit aus Ruinen und Schutthaufen ansehnliche Gebäude entstehen lassen.

Ruinen von Uxmal
Foto: W-J.Langbein
Bei meinem ersten Besuch in Uxmal hatten findige Arbeiter der Pyramide so etwas wie einen »Baulift« aufgesetzt. So mussten sie die Materialien für die Restaurierung nicht mühsam über die extrem steile Treppe in die Höhe schleppen. Wie von Zauberhand bewegt wanderten so Eimer ruckelnd und zuckelnd bis zur Pyramidenspitze. Ein junger Archäologiestudent erklärte mir: »Von manchem Gebäude finden sich nur noch einige Steine. Baupläne liegen uns keine vor. Wenn wir nur ein Buch lesen könnten, das uns die Architekten von Uxmal hinterlassen haben. Aber so ein Buch wurde bislang nicht gefunden!«

Nach einigem Nachfragen gibt der junge Mann zu: Fantasievoll ist so manche »Rekonstruktion«. So soll die Außenwand der Pyramide des Zauberers nicht so glatt gewesen sein, wie sie heute ist. Angeblich bestand sie einst aus roh zugeschlagenen Steinbrocken. Das heutige, für unsere Augen ansehnlichere Äußere ... ist das Werk der modernen Archäologie.

Auferstanden
aus Ruinen ...
Foto: W-J.Langbein
Noch ist erst ein kleiner Teil von Uxmal neu entstanden. So manche Ruine wartet darauf, wieder zu einem ansehnlichen Gebäude gemacht zu werden. Die Rekonstruktionen erfolgen etappenweise, je nach finanzieller Lage ... Lokalpolitische Empfindsamkeiten, so ergaben meine Recherchen vor Ort, erschweren die wissenschaftliche Arbeit an den Ruinen. Auf keinen Fall darf der Eindruck entstehen, dass man ausländische Unterstützung besonders finanzieller Art annehmen muss.
»Mein« Student raunte mir zu: »Je gründlicher wir uns mit diesem Bauwerk beschäftigen, desto früher müssen wir die Urpyramide datieren.«

Zunächst hatte die »Pyramide des Zauberers« als »junges Gebäude« gegolten ... errichtet im 10. Jahrhundert! Nun muss man davon ausgehen, dass der innerste Pyramidenkern bereits ein halbes Jahrtausend früher entstand. Fünf aufeinander folgende Bauetappen hat es gegeben. Viermal wurde über die Urpyramide eine weitere übergestülpt. Fünf Bauherrn waren tätig. Für sie alle muss der Standort der Pyramide von besonderer Heiligkeit gewesen sein.

Eingang zu »Tempel IV«
Foto: HJPD
Die fünf Pyramiden sind ineinander verschachtelt ... und doch wurde jedes Mal die Ausrichtung des sakralen Bauwerks verändert, als habe es immer wieder Änderungen im religiös-mythologischen Weltbild gegeben. Da die einzelnen Pyramiden jeweils die älteren in sich aufnahmen, fällt den Archäologen ihre Arbeit schwer. »Eigentlich müsste man die Pyramide Schicht für Schicht abtragen, um exakt erkennen zu können, wie sie zu Zeiten der einzelnen Bauphasen ausgesehen hat.«

Tempel IV betritt man durch das gewaltige Maul eines Gottes. Es ist Gott Chac, dessen furchteinflößende Maske die Fassade des Tempels ziert. Durch diesen göttlichen Schlund betrat einst der Gläubige das Allerheiligste, nachdem er andächtig die steile Treppe erklommen hatte.

Für mich gibt es keinen Zweifel: die »Pyramide des Zauberers« war einst ein sakraler Ort für religiöse Riten. Ich vermute: Hier wurden Einweihungen in einen göttlichen Kult zelebriert. Der Adept musste erst spirituell »sterben«, von Gott Chac verschlungen werden.

Teil des Komplexes von Uxmal
Foto: W-J.Langbein
Erst dann konnte – durfte – er in das Innere der Pyramide vordringen ... ins Totenreich. Erst danach – nach Durchleben geheimer Zeremonien – war es ihm möglich, in ein neues Leben zurückkehren. Nach drei Jahrzehnten des Erforschens uralter Kultbauten auf unserem Planeten sehe ich die großen Heiligtümer als »Tempel« uralter Glaubensvorstellungen von Leben, Sterben und Wiedergeburt an!

Fakt ist: Typisch Maya ist die Pyramide des Zauberers nicht. Sie unterscheidet sich durch ihre Gestalt von allen anderen echten Mayabauwerken der sakralen Art. Gab es in Uxmal auch einen Kult, der nicht der bekannten Maya-Ära zugeordnet werden kann?



»Der Gott mit dem Rüssel«,
Schildkröten, Schlangen und Ruinen 2
Teil 141 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30.09.2012


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Sonntag, 20. November 2011

96 »Eine Schlange aus Licht«

Teil 96 der Serie
»Monstermauern, Mumien und My
sterien«
von Walter-Jörg Langbein

»Glühbirnen« ... »Wunderleuchten«
Foto Archiv W-J.Langbein
Ein Urenkel von Karl Mays Hadschi Halef Omar führte mich vorbei am einstigen »heiligen See« von Dendera zum Hauptgebäude. Aus der Sonnenglut ging's ins Innere des Sakralbaus. Ein zweites Bakschisch wird fällig. Der bezahlte Eintritt berechtigte mich zu einer Führung durch den Tempel, nicht aber zum Betreten der Unterwelt.

Nach Entgegennahme meines zweiten Obolus wuchtet der freundliche Guide eine hölzerne Bodenklappe auf. Über eine steile, ebenfalls hölzerne Treppe geht’s nach unten. Schließlich stehen wir ... im Kerzenschimmer vage zu erkennen ... vor einem Schlupfloch in der steinernen Wand. Mein Guide stellt die Kerze ab und demonstriert, wie der »Eingang« zu bewältigen ist. Mit den Beinen voran kriecht er in das enge Loch. Als nur noch sein Kopf zu sehen ist, ruft er: »Leg up ... leg up!« Dann ist er verschwunden.

Mit einigen Schwierigkeiten gelingt es mir, meine Beine durch das katzentürartige Loch zu schieben. Ich spüre harten Widerstand an den Füßen. Weitere dumpfe Rufe »leg up!« erschallen. Ich taste mit den Füßen das Hindernis ab. Auf diese Weise finde ich nach kurzer Zeit ein weiteres Loch in der Wand, höher gelegen, durch das ich mich – einer dicklichen Schlange gleich – schließlich mühsam winde. Auf der anderen Seite geht’s senkrecht nach unten. »Jump! Jump!« ruft mir der Führer in der Unterwelt zu. Ich wage den Sprung... Endlich stehe ich in der Unterwelt von Dendera. Endlich stehe ich den berühmt-berüchtigten »Glühbirnen« gegenüber.

WJL vor einer der »Glühbirnen«
Foto: Walter Langbein sen.
Die Luft ist stickig. Kein Lüftchen regt sich. Rasch gewöhne ich mich an den muffigen Geruch. Ob man seit Kleopatras Zeiten nicht mehr gelüftet hat? So kommt es mir fast vor ... Draußen im kleinen »Treppenhaus« allerdings, das erkenne ich, war die Luft noch sehr viel schlechter.

Es ist gar nicht so leicht, sich einen Überblick zu verschaffen. Ist doch der Raum eher ein Korridor, etwas mehr als einen Meter breit und und fast fünf Meter lang. Aus der Literatur weiß ich ... ich habe mich vorbereitet ... dass ich nun in einem Aufbewahrungsraum für sakrale Gegenstände stehe. Zweifel kommen mir an dieser »Erklärung«. Wie soll man »sakrale Gegenstände« welcher Art auch immer durch die unpraktische »Tür« in diesen Schlauch geschafft haben? Groß können sie auch nicht gewesen sein, so schmal wie der »Raum« ist!


Glühbirnen, Glühbirnen ... Foto Archiv Habeck
Wie schrieb Tons Brunés über die Reliefs in dieser unterirdischen Krypta: »Für uns symbolisieren die Bilder, besonders die Schlange in den Röhren, eine Kraft wie Elektrizität. Die eine Schlange wendet das Haupt nach vorn, die andere nach hinten, was das Symbol für PLUS und MINUS sein kann. Die Halterungen ruhen auf einer Stütze, einer sogenannten Djedsäule. Jeder Techniker wird sagen, dass in diesem Zusammenhang der betreffende Gegenstand stark an einen Isolator des Typs erinnert, wie sie bei Hochspannungsanlagen verwendet werden.«

In der Tat: Auch auf mich machen die »Glühbirnen« von Dendera einen technischen Eindruck. Auch mir drängen sich Vergleiche mit modernen technischen Anlagen unserer Zeit auf. Elektroingenieur Walter Garn (1940-2010) hat sich intensiv mit den Dendera-Darstellungen beschäftigt. Sein Resümee (2): »Ohne elementare Kenntnisse der Elektrotechnik wären solche Zeichnungen, wie in den Krypten des Hathortempels nicht möglich. Es stimmt einfach zu viel überein.«

Skeptiker können einwenden: Warum bedarf es so intensiver Isolation, warum sollte Hochspannung zum Einsatz kommen ... bei einer simplen Glühbirne? Nun, der Elektroingenieur Walter Garn hat den »Dendera-Apparat« rekonstruiert ... und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern als funktionierendes Modell! Demnach zeigen die Reliefs in allen Einzelheiten etwas anderes als eine »Glühbirne«, so wie wir sie noch heute kennen.

Glühbirnen  ... Foto: Archiv Habeck
Die glühbirnenartigen Blasen mussten leergepumpt werden. So entstand in ihrem Inneren ein Vakuum. In diesem Vakuum kam es dann unter hoher Spannung zu einem elektrischen Lichtbogenüberschlag oder zu einer elektrischen Entladung. Wie Elektroingenieur Walter Garn im praktischen Experiment erfolgreich nachgewiesen hat, funktioniert die »Dendera-Birne«... Die im Inneren der »Blase« dargestellte »Schlange« stellt nicht den Draht in einer Glühbirne, sondern den tatsächlich stark an eine Schlange erinnernden Lichtbogenüberschlag!

Eine solche »Glühbirne« war und ist nicht als Leuchtkörper für den Alltag geeignet ... wohl aber als sakral-mysteriöser Kultgegenstand in einem Tempel. Eine solche »Glühbirne« sorgte vor Jahrtausenden nicht für profanes Licht in den Haushalten, sie war ein mystisches Objekt im religiösen Tempelkult. Von einer solchen »Glühbirne« gab es keine unüberschaubar große Menge, sondern allenfalls einige wenige Exemplare, die als sakrale Kultgegenstände im Zentrum religiösen Kults gestanden haben mögen.

Ist es eine bösartige Unterstellung, dass die »Glühbirne« von der Priesterschaft als fromme Magie eingesetzt wurde? Wollten die Priester die Gläubigen in Angst und Erstaunen versetzen, um sie empfänglicher für ihre Religion zu machen? Sollte mit einem technischen Trick den Menschen die göttliche Macht in Form von furchteinflößend-fremdartigen Licht in Schlangenform vor Augen geführt werden?

Glühbirnen ... Foto Archiv Habeck
So heißt es in einem Text, der direkt bei einer der »Dendera-Birnen« in den Stein graviert wurde: »Du erleuchtest mit der Uräus-Schlange das Land von Dendera...Du herrschst über die beiden Länder....« Diese Zeilen passen sehr gut zu den »Wunderleuchten« von Dendera... zur leuchtenden Schlange!

Elektroingenieur Walter Garn hat experimentell nachgewiesen, dass die Wunderlampe von Dendera als technischer Apparat funktioniert. Im wiederholt durchgeführten Versuch ließ er eine geheimnisvolle Schlange aus Licht entstehen. Die Ägypter können vor Jahrtausenden derlei Erscheinung nur als unbegreifbar-göttlich eingestuft haben. Walter Garn hat gezeigt, dass die Schlange aus Licht vor Jahrtausenden in Ägypten mit damals vorhandenen technischen Möglichkeiten zum Leben erweckt werden konnte.

Elektroingenieur Walter Garn
Foto: Archiv Habeck
Bleibt eine wichtige Frage: Wo befinden sich die »Wunderleuchten« von Dendera? Wir wissen es nicht! Sie sind ... so es sie wirklich gegeben haben soll ... verschwunden. Unmöglich? Denken wir an Sakralgegenstände der Inkas, die bis heute nicht gefunden wurden ... Dabei haben die marodierenden Spanier brutalste Mittel eingesetzt, um Wissende zum Sprechen zu bringen. Vergeblich! 1533 war der Inkaherrscher Atahualpa Geisel der Spanier. Sie forderten ein gigantisches Lösegeld ... und Gold in unvorstellbaren Mengen wurde geliefert. Ein Raum von sechs Meter Länge und fünf Meter Breite wurde mannshoch mit edelsten Arbeiten aus purem Gold gefüllt. Die »kultivierten« Spanier stampften alles, schmolzen das Gold ein und sandten gigantische Mengen an Barrengold nach Europa.

Freigelassen wurde Atahualpa nicht. Er wurde in einem Scheinprozess zum Tode verurteilt und ermordet. Da er sich zum Christentum bekehren ließ, blieb ihm der qualvolle Tod auf dem Scheiterhaufen erspart. Atahualpa wurde erwürgt. Riesige Goldschätze wurden nach dem Tod Atahualpas von dessen Witwe umgeleitet und in unterirdischen Gängen versteckt. Mehrere Tonnen Gold sollen bis heute unentdeckt geblieben sein ... heiligste Gegenstände der Inkas. Werden wir je die Inkaschätze entdecken ... und die Wunderleuchten von Dendera?

Fußnoten
1 Brunés, Tons: »Energien der Urzeit«, Zug 1977, zitiert in Krassa, Peter und Habeck, Reinhard: »Das Licht der Pharaonen/ Hochtechnologie und elektrischer Strom im alten Ägypten«, München 1992
2 Krassa, Peter und Habeck, Reinhard: »Das Licht der Pharaonen/ Hochtechnologie und elektrischer Strom im alten Ägypten«, München 1992, S. 226

Literaturempfehlung
Ein kurzer Artikel kann der Thematik »Elektrizität im alten Ägypten«
nicht gerecht werden. Interessierten Leserinnen und Lesern empfehle ich dringend das fundamentale fundierte Werk von Krassa und Habeck »Das Licht der Pharaonen« (siehe Fußnote 2)!

»Muttergöttin und Sonnengott«,
Teil 97 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27.11.2011

Sonntag, 5. Dezember 2010

46 »Das Wunder von Guadalupe«

Teil 46 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die größte Pilgerkirche der Welt ist die Basilika von Guadalupe. Sie wurde gebaut, weil vor fast einem halben Jahrtausend ein armer getaufter Azteke eine Marienerscheinung hatte. Millionen Pilger strömen an den Ort des Geschehens und besuchen das Gotteshaus. Emsige Verkäufer bieten Souvenirs der religiösen Art an. Sie sind aber sehr zurückhaltend und keineswegs so aufdringlich wie an manch’ anderem sakralen Ort der Christenheit.

Händler vor der Basilika von Guadalupe
Foto: Walter-Jörg Langbein
Auf dem Weg zum Gottesdienst hatte Juan Diego eine geheimnisvolle Erscheinung. Die Gottesmutter sei ihm begegnet. Davon war der gläubige Azteke, der zum Christentum übergetreten war, überzeugt. An der Stätte der Erscheinung, so forderte es Maria, solle ein Gotteshaus errichtet werden. Juan Diego berichtete über den himmlischen Auftrag dem Bischof. Der aber war skeptisch und forderte einen Beweis.

Der Wunsch des skeptischen Kirchenmannes beunruhigte Juan Diego sehr. Wie würde Maria, so er sie denn überhaupt noch einmal sehen durfte, auf die doch wohl kränkende Skepsis reagieren? Die Erscheinung erwies sich zur Freude Juan Diegos, als sehr geduldig. Sie willigte ein. Juan solle am 12. Dezember 1531 erneut kommen. Dann werde sie einen unumstößlichen Beweis dafür liefern, dass sie – die Gottesmutter – tatsächlich mit ihm, einem einfachen Indio gesprochen habe.

An jenem 12. Dezember freilich erkrankte der Onkel Juan Diegos schwer. Juan Bernardino, so schien es, würde bald sterben. Sein Neffe solle nur rasch einen Priester herbeiholen. Juan rannte los, befürchtete aber, von der Jungfrau aufgehalten zu werden. So nahm er einen Umweg in Kauf, mied bewusst jene Stelle, an der er mehrfach die Erscheinung gesehen hatte. Die Erscheinung aber »schnitt ihm den Weg ab«, fragte, warum er denn nicht zu ihr gekommen sei, so wie man es doch abgesprochen habe.

Die Maria von Guadalupe
auf einem Heiligenbildchen
Foto: Walter-Jörg Langbein
Als die edle Frauengestalt von der Erkrankung des Onkels vernahm, da lächelte sie nur milde und erklärte, der Onkel sei durch ein Wunder genesen. Und genau das sei auch wirklich geschehen – behaupten zumindest glaubhafte Dokumente aus dem 16. Jahrhundert.

Juan Diego erhielt einen kurios anmutenden Befehl. Er solle umgehend jene Stelle, an der er zum ersten Mal die Erscheinung gesehen habe, aufsuchen und ganz bestimmte Knospen und Blüten einsammeln. Am angegebenen Ort fand der Indio aztekischer Herkunft tatsächlich Knospen und Blüten, obwohl ja Trockenzeit war, obwohl es also nichts Grünes, geschweige denn Knospendes oder gar Blühendes geben durfte. Eigentlich war der Befehl, den Juan Diego ausführen sollte, unsinnig. Und doch machte er sich auf den Weg.

Zu seinem Erstaunen fand er, mitten in der Trockenzeit, an der angegebenen Stelle ... ein Meer von Knospen und Blüten. Juan Diego pflückte sie gehorsam, und sammelte sie in seiner Tilma, einem schürzenähnlichen Umhang. Wieder suchte Bischof Juan de Zumarrage auf. Der Bischof und weitere hohe Würdenträger, zum Beispiel Bischof Don Sebastian Ramirez y Funeral, waren zugegen, als der getaufte Azteke seine Tilma öffnete.

Die Knospen und Blüten, die es eigentlich zu jener Jahreszeit gar nicht geben konnte, fielen zu Boden. Auf dem Umhang Juan Diegos war plötzlich ein wunderschönes Bildnis zu erkennen, »das geliebte Bild der Vollkommenheit, der heiligen Jungfrau Maria, der Mutter Gottes«. Das überzeugte Bischof Juan de Zumarrage. Er und seine Gäste knieten ergriffen nieder und beteten. Der Bischof erfüllte nun den Auftrag der Erscheinung. Auf seinen Befehl hin wurde am Erscheinungsort eine Kapelle errichtet.

Fast ein halbes Jahrtausend ist seit jenem denkwürdigen Ereignis vergangen... Ich habe nach ausgiebigem Literaturstudium zusammengefasst, was in dieser Zeit geschah!

1649: Nican Mophua übersetzt ältere Beschreibungen der Ereignisse von Guadalupe ins mexikanische Nahuatl. Die Kunde vom »Wunder« wird im ganzen Land bekannt. Immer mehr Pilger strömen an den mysteriösen Erscheinungsort.

1695: Die Kapelle am Erscheinungsort ist für den wachsenden Pilgerstrom viel zu klein geworden. Sie muss einer Kathedrale weichen.

1754: Papst Benedikt anerkannt das »Wunder der Jungfrau von Guadalupe« als echt.

1970: Die Kathedrale droht einzustürzen. Das Gebäude weist starke Schäden auf. Teile der Kathedrale haben sich deutlich gesenkt. Risse sind entstanden. Ein Besuch der Kathedrale wird immer gefährlicher. Man will nicht so lange warten, bis es zu einem Unglück kommt. Experten werden befragt. Sie halten erhebliche Renovierungsarbeiten für unbedingt erforderlich... als Minimallösung. Mit Nachdruck fordern sie aber einen Neubau.

Der Vorgänger der heutigen Basilika von
Guadalupe. Foto: Walter-Jörg Langbein


1976: Eine Basilika wird neben die Kathedrale gebaut. Sie bietet 40 000 Menschen Platz.

1981: Papst Johannes Paul II. besucht die Basilika.

1990: Neuerlicher Besuch des Papstes in Guadalupe. Ein großes Denkmal erinnert an den höchsten Repräsentanten der katholischen Kirche am Erscheinungsort.

Mehr als drei Jahrzehnte besuchte ich mysteriöse Stätten von Ägypten bis Vanuatu. Immer wieder hörte ich seltsame Erzählungen und märchenhafte Legenden. Ersinnt der fromme Mensch aus Sehnsucht nach Beweisen für seine Religion wundersame Geschichten, die mit der Realität nichts zu tun haben? Das »Wunder von Guadalupe« ereignete sich in einer für die katholische Kirche äußerst günstigen Zeit!

Mit den mordenden Eroberern aus Europa waren auch Missionare zu den Azteken gekommen. Sehr überzeugend waren die Geistlichen nicht. Verkündeten sie doch das Christentum als Lehre der absoluten Nächstenliebe ... während ihre Glaubensgenossen mit Grausamkeit gegen die Azteken vorgingen, um möglichst viel Gold zu erbeuten. Die Missionare wurden weitestgehend abgelehnt... bis sich das »Wunder von Guadalupe« ereignete. Plötzlich mieden die Einheimischen nicht mehr die Missionare. Sie suchten sie auf und baten, den christlichen Glauben annehmen zu dürfen. In kürzester Zeit ließen sich Millionen von Menschen taufen!

Das Bildnis der Maria von Guadalupe -
Wunder oder Fälschung?
Foto: Walter-Jörg Langbein
Die Überlieferung über das Wunder von Guadalupe mutet dem modernen, skeptischen Menschen von heute wie eine unglaubwürdige Legende an. Wunder machen dem »modernen« Rationalisten, auch wenn er das nicht zugeben mag, Angst. Der »aufgeklärte« Skeptiker lehnt Wundersames grundsätzlich ab. Er protestiert lautstark, aber letztlich ängstlich, gegen die Existenz von Unerklärbarem...

In Theologenkreisen wird unterstellt, sie entbehre jeder historischen Grundlage. Man habe die Story nur erfunden, um den Menschen Zentralamerikas eine »eigene« Maria bieten zu können. Und in der Tat: Nach dem »Wunder« wurden die Nachfahren der einst stolzen Azteken katholisch. Aber genügt dies als Beweis dafür, dass das »Wunder von Guadalupe« reine Fiktion ist? Was ist Tatsache, was ist Fiktion?

Das verehrte Bildnis, so höre ich immer wieder, sei auf ganz natürliche Weise entstanden, ein unbekannter Künstler habe es vor Jahrhunderten gemalt. Für viele Theologen sind »Wunder« heute nicht mehr vermittelbar. Zumindest glauben »moderne« Theologen, dass unsere so wissenschaftliche Zeit keine Wunder mehr anerkennen mag. Also muss die »Maria von Guadalupe« eine Fälschung sein.

Das aber ist falsch. Und: Es ist schon ein Wunder, dass wir heute die Maria auf Juan Diegos Tilma überhaupt noch bewundern können!


»Beweise für ein Wunder«,
Teil 47 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12.12.2010

Sonntag, 28. November 2010

45 »Das Geheimnis der Maria von Guadalupe«

Teil 45 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Andenkenhändler vor der Basilika von Guadalupe
Foto: Walter-Jörg Langbein
Der gewaltige, moderne Bau der Basilika von Guadalupe wirkt höchst imposant, ja futuristisch-kühn. Pedro Ramirez Vasquez hat das Gotteshaus entworfen. Am 13. Oktober 1976 wurde die Basilika geweiht, ein Jahr später eröffnet. Mit 10.000 Sitzplätzen gehört sie zu den größten Kirchen unseres Planeten. Insgesamt kann sie 40.000 Pilger aufnehmen, wie ein riesiges Zelt aus Stahl und Beton. Gewaltig ist die Last, die die unsichere Erde von Guadalupe außerhalb von Mexiko-City zu tragen hat. Um die größte Pilgerkirche der Welt abzusichern, wurden gut 1000 massive Säulen ins Erdreich versenkt, die den monumentalen Bau tragen. Für motorisierte »Pilger« wurde ein unterirdisches Parkhaus ins Erdreich gegraben. 1000 Autos finden Platz.

Beim Bau der Basilika hat man sich auf den Besuch von Millionen von Pilgern eingestellt. Dem Architekten war klar: Die Menschen würden in die Basilika strömen, um ein physisch greifbares Wunder zu sehen: das mysteriöse Bildnis der Maria von Guadalupe. Jeder sollte die Chance haben, das verehrte Tuch zu sehen. Würden aber fromme Pilger nicht zu lange vor der Reliquie stehen bleiben... und andere daran hindern, möglichst nahe an das Ziel ihrer Reise zu treten... an das Bildnis der Maria von Guadalupe? So wurden drein mechanische Förderbänder installiert, die am Hauptaltar vorbeiführen.

Innenansicht der Basilika von Guadalupe
Foto: Joaquín Martínez Rosado (Public Domain)


Pedro Ramirez Vasquez, der berühmte Architekt, durfte das Tuch von Guadalupe mit dem berühmten Bildnis untersuchen. Er soll, so heißt es, kein gläubiger Christ gewesen sein. Nachdem Vasquez die Tilma studiert hatte, trat er der katholischen Kirche bei ... Was hat den kühlen Denker so beeindruckt?

»Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.«... So heißt es in Goethes Faust. Und in der Tat entziehen sich fast alle religiösen Wunder der rationalen Hinterfragung. Eine ganz erstaunliche Ausnahme gibt es freilich - und die ist eine Sensation. Die Jungfrau von Guadalupe hat so etwas wie einen fotografischen Beweis hinterlassen. Und das, obwohl die mehr als mysteriösen Ereignisse bereits vor fast 500 Jahren stattfanden. Ein wundersames Bildnis erschien auf nicht nachvollziehbare Weise auf dem Umhang eines einfachen Indio ...

Dieses Bildnis ist in Mexiko allgegenwärtig. Es wurde über die Jahrhunderte zu einer Ikone des Glaubens der mexikanischen Ureinwohner, der Nachfahren der Azteken. Auch wenn es nicht leicht fällt, zu verstehen: der christliche Glaube, der vor rund einem halben Jahrtausend mit gewalttätigen Plünderern ins Land kam, wurde von der gedemütigten Bevölkerung angenommen ... nach den wundersamen Ereignissen von Guadalupe. Auf einem kleinen Friedhof außerhalb von Mexiko-City sah ich das Bildnis von Guadalupe auf einem heutigen Grabstein verewigt...

Das Bildnis der Maria auf einem Grabstein
Foto: Walter-Jörg Langbein
Juan Diego war ein gebürtiger Azteke. 1525 trat er zum christlichen Glauben über. Er war vom neuen Glauben zutiefst überzeugt. Man muss ihn als guten Katholiken bezeichnen. Fast täglich suchte er die Kirche im mexikanischen Tlaticlo auf. Er verbrachte einen erheblichen Teil seines Alltags damit, von seinem bescheidenen Heim im Dörfchen Tolpetlac zum Gotteshaus und zurück zu marschieren. Neun Weilen war der Weg lang, Juan Diego stand meist schon in der Nacht auf.

Am 9. Dezember 1531 war Juan Diego wieder einmal unterwegs zur Kirche, da hörte er unweit des Berges Tepeyac wunderschöne Musik. Als er nach kurzer Pause weitermarschieren wollte, so wird überliefert, sprach ihn eine Stimme an: »Juanito, Juan Dieguito.« Wer redete ihn da so zärtlich an? Wer verwandelte seinen Namen im Spanischen geradezu zu einem Kosewort? Man kann die Anrede so übersetzen: »Kleiner Juan-chen, Juan Diego-chen«.

Die Gläubigen sind von der Realität des mysteriösen Erlebnisses überzeugt. Sie kommen aus aller Welt nach Mexiko, um dem Ort des rätselhaften Geschehens zumindest einmal im Leben nahe zu sein. Da schläft der erschöpfte Hirte in ärmlicher Kleidung im Gotteshaus ein. Neben ihm sitzt ein reicher Industrieller im teuren Anzug. Wo man auch im gewaltigen Kirchenhaus sitzt, man kann immer das Bildnis der Maria sehen. Gar manches Mal war ich in der Basilika. Mehr als der mächtige Bau hat mich die friedliche Stimmung im Gotteshaus beeindruckt. Nonnen und Mönche, Arme und Reiche erweisen der Maria ihre Referenz. Selbst Touristen in grellbunter Kleidung fallen hier nicht unangenehm auf.

Die Atmosphäre ist nicht in Worte zu fassen. Es liegt ein geheimnisvoller Frieden über dem Raum. Die Menschen spüren so etwas wie eine geistig-seelische Verbindung. Sie verstehen einander, auch wenn sie aus unterschiedlichsten Kulturkreisen und Schichten kommen. Mich, der ich alles andere als kirchenfromm bin, hat Guadalupe immer wieder zutiefst beeindruckt. Mir war, als würde in jener riesigen Kathedrale zumindest für einen Moment die tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Frieden erfüllt ... in einer Welt der Hektik, nur einen Katzensprung von der lauten, oft stinkenden Metropole Mexiko City entfernt.

Es ist, als gehe ein Zauber von den mysteriösen Ereignissen aus, die vor fast einem halben Jahrtausend Juan Diego in ihren Bann zogen. Ein »edles Fräulein, dessen Gewand leuchtete wie die Sonne, als ob es vom Licht widerstrahle« stand da, so ist uns überliefert worden, auf einem Felsen. »Der Glanz von ihr schien wie Edelsteine, wie der schönste Schmuck. Und die Kakteen und die übrigen Kräutlein sahen aus wie Smaragde. Wie Türkis sah ihr Blätterwerk aus, und ihre Zweige, ihre Dornen leuchteten wie Gold.«

Juan Diego fiel auf die Knie. Er schlug ergriffen, ja erschüttert, die Augen nieder. Das himmlische Wesen erklärte, es sei »die vollkommene heilige Jungfrau Maria«. Juan Diego bekam den Befehl, auf dem Tepeyac eine Kapelle errichten zu lassen. Er solle nur rasch den Bischof von Mexiko aufsuchen und das dringende Anliegen Mariens vortragen. Juan Diego hatte keinen Zweifel: Er musste gehorchen, dem Willen Mariens konnte er sich nicht widersetzen. Er stürzte in die Stadt, um eine Audienz bei Bischof Juan de Zumarrage zu erbitten. Der hochrangige Mitarbeiter in Gottes Bodenpersonal war allerdings nicht unbedingt ein Mann des Volkes, der sich auf ein Gespräch mit einem einfachen Gläubigen einließ ... schon gar nicht mit einem Indio, der sich womöglich eine obskure Geschichte ausgedacht hatte. Oder war der Mann gar alkoholisiert gewesen, als er angeblich eine Erscheinung hatte?

Wenn Juan Diego aber doch die Wahrheit sprach? Immerhin ließ er sich nicht abwimmeln, sondern beharrte darauf, den Bischof unbedingt sprechen zu müssen. Seine Ausdauer wurde auf eine harte Probe gestellt. Man ließ ihn warten... stundenlang...Immer wieder versuchte man, ihn abzuwimmeln... Vergeblich. Schließlich hörte sich der hohe Würdenträger Juan Diegos Bericht an und schickte ihn wieder weg. Enttäuscht machte sich Juan Diego auf den Heimweg. Unterwegs begegnete ihm wieder die Erscheinung. Wieder bekam er den Auftrag, zum Bischof zu gehen. Wieder wurde er vorgelassen. Der Bischof fühlte sich belästigt. Er forderte Juan Diego auf, ihm doch einen Beweis für seine angebliche Begegnung zu bringen. Wie aber sollte so ein Beweis aussehen? War das Wort Marias nicht Beweis genug? Wie sollte er dem Bischof glaubhaft machen, dass ihm tatsächlich Maria, die Mutter Gottes nach katholischem Glauben, begegnet war?


Die Maria von Guadalupe, das Original
Foto: Walter-Jörg Langbein
»Das Wunder von Guadalupe«,
Teil 46 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 5.12.2010

















Sonntag, 7. November 2010

42 »Das Geheimnis der fliegenden Männer«

Teil 42 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«

von Walter-Jörg Langbein

Auf einem meiner Rundgänge durch die weitläufige Anlage von Chichen Itza zeigte mir ein tüchtiger Guide eine seltsame, verwaschene Gravur... »Das ist eine der legendären Himmellsschlangen, die einst zur Erde herabstiegen... Göttliche Besucher waren das...« Und dann verwies er mich auf eine uralte Zeremonie, die nur einen Steinwurf entfernt von der Kukulkan-Pyramide zur Aufführung komme: der Flug der Voladores....

Ein geheimnisvoller »Herabsteigender«
Zum ersten Mal erlebte ich die »fliegenden Männer«, die geheimnisvollen »Vogelmenschen«, im Sommer 1964... vor dem Pavillon von Mexico auf der Weltausstellung in New York. Ich war damals neun Jahre alt und staunte über eine wagemutige Demonstration von tollkühnen Akrobaten. Seither ist fast ein halbes Jahrhundert verstrichen, aber ich erinnere mich sehr genau an die unglaubliche Darbietung:

Ein Indio kletterte behände auf einen etwa fünfzig Meter hohen Mast. Dort oben war ein hölzernes quadratisches Viereck angebracht. Es ruhte offenbar auf einem Lager und konnte sich wie ein Rad auf der Spitze des Mastes drehen. Der erste Indio erklomm den Mast. Seine vier Kollegen umkreisten ihn am Boden. Dabei vollführten sie stets einen bestimmten Bewegungsablauf, der sich endlose Male zu wiederholen schien.

Die Männer gingen tänzelnd, sich immer wieder in kurzen Pausen verbeugend, um den Mast. Sie blickten, den Kopf weit in den Nacken geworfen, gen Himmel. Suchten sie etwas? Oben auf der Spitze spielte der erste Indio auf einer kleinen Flöte. Er stampfte mit den Füßen, bewegte sich im Kreis. Mit spielerischer Leichtigkeit erklommen nun die vier Indios die Höhe. Oben angekommen, schlangen sie jeweils ein Seil um ihr rechtes Fußgelenk und hielten kurz inne.

Aufstieg der Voladores
Foto: Walter-Jörg Langbein


Ihr Kollege auf der kleinen Plattform tanzte immer schneller ... die Vier stürzten sich in die Tiefe ... kopfüber. Nun bekann der Tanz der fliegenden Männer. Die Vier streckten ihre Arme weit aus, wie beschwörend, umreisten dabei den Mast ... sich auf weiter werdenden Kreisen gleichmäßig zur Erde bewegend. Ein Aufatmen ging durch die Menge, als die Männer den Flug vollendet hatten. Allein schon, wie die kopfüber hängenden stolzen Nachkommen der Mayas nach der letzten Runde wieder auf die Beine kamen, erforderte akrobatische Fähigkeiten!
Ich erinnere mich noch gut an die prächtige Kleidung der Voladores: rote Hose, weißes Hemd, rote Schärpe um die Schultern, dazu ein edler Federschmuck auf dem Kopf. So sehr mich die Leistung der Voladores auch beeindruckte, so beschlich mich auch ein seltsames Gefühl der Betroffenheit. Da standen wir Nachfahren jener wüsten Eroberer, die die hochstehenden Kulturen Zentral- und Südamerikas ausgelöscht hatten. Und die Nachfahren der Mayas führten zu unserer Erbauung Tänze auf.

Würde Winnetou, der von mir so verehrte Häuptling der Apachen, aus der Fantasiewelt Karl Mays, so für Touristen tanzen? War das mutige Treiben mit der Würde eines uralten Kulturvolkes zu vereinbaren? Im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte habe ich die Voladores immer wieder gesehen: in Mexico City zum Beispiel, auch in Tulum, direkt an der Karibikküste Mexikos gelegen. In Details unterschieden sich die Darbietungen. Manchmal spielten die »fliegenden Männer« bei ihrem sausenden Weg nach unten auch noch Flöte. Aber egal wie hoch der Mast auch war, immer benötigten die vier Männer je dreizehn Umrundungen des Masts, bis sie am Boden ankamen. Dreizehn Umdrehungen pro Mann, das ergibt – bei vier Voladores – exakt 52 Umdrehungen.

Gleich stürzen sich die vier Voladores in die Tiefe.
Foto Ingeborg Diekmann


»Vor rund fünf Jahrhunderten entstand der Kult der Voladores!« habe ich in einer vielzitierten Internetquelle gelesen. Was für ein Unsinn: Die Spanier tauchten Ende des 15. Jahrhunderts in Mexiko auf, also vor rund 500 Jahren. Der »Tanz der fliegenden Männer« aber ist sehr viel älter. Er wurde lange vor der Zeit der spanischen Eroberer zelebriert... als Mittelamerika noch nicht »christlich zivilisiert« von den Europäern ausgeraubt worden war.

Der Kult der Voladores hat mit den alten Göttern zu tun, zum Beispiel mit Quetzalcoatl, dem »Morgenstern«. »Quetzalcoatl« lässt sich mit »Grünfederschlange« übersetzen. Quetzalcoatl war nicht die vom Christentum verteufelte Schlange aus dem Paradies-Mythos. Quetzalcoatl wurde nicht von einem Gott zum Herumkriechen verurteilt wie das Reptil der Bibel. Quetzalcoatl war selbst göttlich... und wird mit einer heiligen, fliegenden Schlange in Verbindung gebracht. Prof. Hans Schindler-Bellamy, Erforscher südamerikanischer Mysterien uralter Kulturen, im Interview: »Quetzalcoatl alias Kukulkan war die fliegende Schlange.«

Bildunterschrift: Der Absprung.
Foto: Walter-Jörg Langbein


Seltsam: die biblische Schlange wurde verteufelt. Sie bot den Menschen Wissen an. In der christlichen Glaubenswelt wird der Teufel mit Luzifer gleichgesetzt... mit Venus. Quetzalcoatl wird ebenfalls mit der Venus identifiziert... und der fliegenden Schlange!

Manchen Abend habe ich in den Ruinen von Chichen Itza verbracht und zu Füßen der Pyramide des Kukulkan über die Götter Süd- und Zentralamerikas nachgedacht. Immer wieder wurde mir bewusst, dass – wie zum Beispiel in der europäischen Mythologie – Götter in unterschiedlichen Regionen unterschiedliche Namen tragen. Es waren aber die gleichen Götter, die nur anders tituliert wurden. Manches Mal habe ich diesem geheimnisvollen Ritus beigewohnt. Zu Beginn umtanzen die Voladores den Pfahl, blicken suchend gen Himmel. Dann steigen sie empor und fliegen wie die mythologischen Schlangen zur Erde herab. Erinnern uns die Voladores an den Besuch von »Göttern« aus himmlischen Gefilden? Warteten die Mayas auf die Rückkehr dieser Götter? Offensichtlich! Die Azteken rechneten mit der Rückkehr der Mächtigen... und das wurde ihnen zum Verhängnis. Hielten sie doch zunächst die marodierenden Spanier für Götter, denen man sich als Mensch nicht widersetzen konnte!


Kopfüber geht es in die Tiefe
Foto: Ingeborg Diekmann

Quetzalcoatl, der Gott mit der »fliegenden Schlange«, wurde bei den Azteken verehrt. Die Mayas kannten ihn auch, sie nannten ihn Kukulkan. In anderen Gefilden, in den Anden, lautete sein Name Viracocha. Viracocha alias Quetzalcoatl alias Kukulkan war ein Kulturbringer, der in grauer Vorzeit den Menschen Wissen schenkte. Den Mayas soll er die Geheimnisse ihres komplexen Kalenders, der mit Jahrmilliarden rechnet, anvertraut haben. Als Viracocha kam er in der mythischen Zeit der Finsternis in die mysteriöse Stadt Tiahuanaco (1).

Harold Osborne hat sich intensiv mit der verwirrenden Götterwelt Mittel- und Südamerikas beschäftigt. Sein Werk über die Mythologie Südamerikas ist leider nur in englischer Sprache erhältlich. Ausführlich wird auf göttliche Himmelsschlangen hingewiesen, die den Menschen Kultur schenkten (2).
Viracocha alias Kukulkan brachte den Menschen »die Geschenke des Lichts und der Zivilisation« (3)... so wie der verteufelte Luzifer, dessen Namen Lichtbringer bedeutet!

Die Ursprünge des Kultes um die »fliegenden Männer«, die »Vogelmenschen« verliert sich in uralten Zeiten. Bis heute wird der uralte Ritus zelebriert... sehr zum Ärger der christlichen Kirche. Nachdem der alte Brauch nicht verboten werden konnte, wurde er christianisiert. Mag sein, dass die ersten »Voladores« in Tajin (etwa 300 Kilometer nordöstlich von Mexico-City gelegen) durch die Luft tanzten. Hier siedelten schon vor 6000 Jahren Menschen, Von der riesigen Kultstadt ist bis heute erst ein Zehntel erforscht.

Der Flug der Vogelmenschen
Foto: Walter-Jörg Langbein
In Tajin wird der »Voladores-Ritus« mit besonderer Inbrunst zelebriert. Die spanischen Eroberer sahen ihn als reinen Wettkampf an, ohne religiöse Bedeutung. Nur deshalb schritten sie nicht gegen den alten Brauch ein. Die Missionare der katholische Kirche hatten tatenlos zugesehen, wie die Kultur Mittelamerikas zerstört, wie gemordet und geplündert wurde. Angesichts der »Voladores« entdeckten sie ihr Sorge um das Wohlergehen der Mayas. Sie wollten es den Voladores verbieten, sich von ihrem hohen Mast in die Tiefe zu stürzen. Das sei doch zu gefährlich. In Wirklichkeit wollten sie die Erinnerung an uraltes heidnisches Wissen tilgen. Der Kult erwies sich aber als stärker und überlebte.. bis in unsere Tage.

Anstatt zu verbieten, wird nun von der katholischen Kirche der Kult in christliche Bahnen gelenkt. Alljährlich zum Fronleichnamsfest schweben die Voladores zu Boden. Gefeiert wird die leibhaftige Gegenwart Jesu in der Oblate und im Wein. Vergessen ist längst der wirkliche Ursprung der »Voladores«... so wie die Bedeutung von »Fronleichnam« auch im christlichen Abendland nur noch einer Minderheit bekannt ist.

Ich frage mich: Werden wir je die Wahrheit über die Schlangengötter, die vom Himmel herabstiegen und in den Kosmos zurückkehrten, erfahren?

Noch ein Herabsteigender von Chichen Itza
Foto Walter-Jörg Langbein




Fußnoten(1) Tiahuanaco, Bolivien, gehört zu den mysteriösesten Orten unseres Planeten. Monstersteine unvorstellbarer Größe wurden dort wie Bauklötzchen verbaut. Ich werde in einer kommenden Folge über meine Besuche in der Ruinenstadt berichten!

(2) Osborne, Harold: South American Mythology; London 1968

(3) Osborne, Harold: South American Mythology; London 1968, Seite 74

Hinweis: Die Fotos von den Voladores entstanden bei zwei verschiedenen Aufführungen!

Dank: Ein herzliches Dankeschön an Ingeborg Diekmann, Bremen, für die Genehmigung, ihre Fotos zu publizieren!



»Tempel im Paradies«,
Teil 43 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14.11.2010

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