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Sonntag, 10. Mai 2015

277 »Maria Magdalena, Heilige und falsche Märtyrer«

277 »Maria Magdalena, Heilige und falsche Märtyrer«
Teil 277 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Adam und Eva.. oder nicht?
Vézelay ist mir nicht in erster Linie als Sakralbau in Erinnerung geblieben, sondern als eine mächtige, wehrhafte Burg mit dicken steinernen Mauern und einem wuchtigen Turm. Das Gotteshaus ist Maria Magdalena gewidmet. »Magdalena« kann auf das hebräische »migdal«, zu Deutsch »Turm« zurückgeführt werden. So gesehen passt der massive Turm gut zur Namensgeberin der »Magdalenen-Basilika«.

Faszinierend sind die Reliefdarstellungen auf unzähligen Säulenkapitellen. Was mir bei meinen Recherchen auffällt: Die »offizielle« Erklärung so manches Kunstwerks scheint mir nicht so recht zur Realität des Dargestellten zu passen.

Da gibt es, wie beschrieben, eine sehr schöne Darstellung von Adam und Eva. Eva wird von einer Schlange erklommen, Adam hat eine Narbe aufzuweisen, just dort, wo nach Genesis eine Rippe entnommen wurde. Adam und Eva sind nackt, sie hantieren mit großen Blättern. Wollen sie gleich ihre Blöße bedecken, so wie wir das aus Genesis kennen?

Adam? (Foto links), Adams Narbe (Foto rechts)

Die offizielle Erklärung will aber von Adam und Eva nichts wissen. Dargestellt seien, so notierte mein Vater aus einem vergilbten Kirchenführer, nicht die ersten Menschen. Sondern »Wollust und Verzweiflung«. Tatsächlich hat der vermeintliche (?) Adam das Attribut, das in Vézelay böse Dämonen auszeichnet, stehende, wehende Haare wie züngelnde Flammen. Und wenn man genauer hinsieht, dann erkennt man, dass »Adam« wie alle Dämonen von Vézelay, den Mund zu einem Schrei weit aufgerissen hat. Offensichtlich peinigen ihn große Schmerzen… Und er rammt sich ein Schwert in den Leib. Offensichtlich begeht der Dämon in der Darstellung von Vézelay Selbstmord….

»Eustachius jagt den Hirsch« stand in französischer und deutscher Sprache auf einem Täfelchen am Fuße einer der Säulen. Eustachius ist einer der großen Märtyrer und Nothelfer im Volksglauben des Katholizismus. Der Überlieferung nach soll ein gewissen Placidus, römischer Heermeister unter Kaiser Trajan in Kleinasien, ein wundersames Erlebnis gehabt haben. Placidus war auf der Jagd, als ihm ein Hirsch entgegentrat, dessen Geweih ein leuchtendes Kreuz schmückte. Eine Stimme habe die wundersame Erscheinung erklärt. Jesus selbst, so wird überliefert, habe zum Jäger gesprochen und verkündet: »Ich bin Christus, der Himmel und Erde erschaffen. Ich bin der Herr des Lichts und der Finsternis!«

Placidus jagt den Wunderhirsch.

Placidus fiel, so heißt es, vor Schreck vom Pferd. Mehrfach soll sich das Schauspiel wiederholt haben. Auch Placidus‘ Frau soll die Stimme gehört haben. Schließlich ließ Placidus sich und alle Angehörigen taufen. Von nun an nannte er sich Eustachius. Offenbar waren aber die himmlischen Mächte von Eustachius‘ Bekehrung zum Christentum nicht wirklich überzeugt. So wurden seine Knechte und Mägde krank und starben. Sein Vieh wurde von einer schlimmen Säuche dahingerafft. Blutrünstige Räuber überfielen die Besitzung des Eustachius, der völlig mittellos mit Weib und Kindern fliehen musste. Schließlich sollte es Eustachius ans Leben gehen. Mit seiner Familie wurde er hungrigen Löwen zum Fraß vorgeworfen. Die wilden Bestien aber krümmten Eustachius und seinen Lieben kein Haar. Sie zollten ihnen Respekt und verbeugten sich vor ihnen. Daraufhin wurden Eustachius und Anhang in kochendes Wasser geworfen. Sie starben qualvoll, auch wenn sie  ansonsten unversehrt blieben.


Der Hund des Heiligen...
Die Darstellung von Véseley zeigt Eustachius hoch zu Ross, in ein Horn blasend. An einer Leine führt Eustachius einen Jagdhund.

Die katholische Kirche allerdings anerkennt die fromme Legende heute nicht mehr. Vermutlich ist die Geschichte ebenso das Produkt frommer Fabulierer wie die angebliche Himmelserscheinung, die Konstatin der Große zwei Jahrhunderte später gesehen haben soll. Am Himmel soll Konstatin ein leuchtendes Kreuz gesehen haben, kurz vor der Schlacht gegen seinen Rivalen Maxentius im Jahre 312. Eine Inschrift habe verkündet: »Unter diesem Zeichen wirst Du siegen!« Der Historiker Rolf Bergmeier allerdings geht von einer frommen Erfindung aus.  Anno 312 war das Kreuz noch gar nicht das Symbol des jungen christlichen Glaubens.

Die fromme Mär von Eustachius und den Löwen ist wohl von »Daniel in der Löwengrube« inspiriert (1). Im Fall Daniel war es Gott selbst, der einen himmlischen Helfer sandte, so dass Daniel den Aufenthalt bei den wilden Löwen unberührt überstehen konnte. Daniel selbst erklärt (2): »Mein Gott hat seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten hat, sodass sie mir kein Leid antun konnten; denn vor ihm bin ich unschuldig, und auch gegen dich, mein König, habe ich nichts Böses getan.«

Darius der Große
Die Künstler, die so emsig die Säulenkapitelle von Vézelay mit Reliefbildern versahen, stellten auch Daniel in der Löwengrube dar. Daniel, mit »Heiligenschein« versehen, gehüllt in einen majestätischen Mantel, trotzt ohne Angst den Löwen. Daniel gerät, so der biblische Bericht, in Lebensgefahr, weil ihm böse Neider nach dem Leben trachten. Sie wenden sich an König Darius (* 549 v. Chr.; † 486 v. Chr.) und fordern die Bestrafung Daniels. Hat er doch dem Verbot zum Trotz weiter zu seinem Gott Jahwe gebetet und nicht zum Gottkönig Darius. Also wird Daniel in die Löwengrube geworfen, überlebt aber auf wundersame Weise, weil Gott die flehentlichen Gebete des Darius erhört und einen Schutzengel schickt. Daniel wird also nicht zum Märtyrer, weil Gott selbst helfend eingreift. Dieses Glück hatten christliche Märtyrer nicht. Auch sie wurden angeklagt, weil sie den falschen Gott anbeteten. Sie wurden oft auf grauenhafte Weise gefoltert und gepeinigt. Zunächst griffen himmlische Mächte zu ihren Gunsten ein, doch am Ende starben sie dann doch.

Die Säulenkapitelle von Vézelay stellen ein Kompendium in Stein dar. Sie wurden geschaffen für Menschen, die nicht lesen können. Sie illustrieren freilich nicht nur Texte des Alten und des Neuen Testaments, sondern auch Tierfabeln, Legenden von Heiligen und alte Mythen der Römer und der Griechen. Allegorische Darstellungen – etwa von Jahreszeiten – gehören auch zum vielseitigen Repertoire der Künstler, die die »steinerne Bibliothek« von Vézelay schufen.

Entstanden sind die Kunstwerke bereits im frühen zwölften Jahrhundert, etwa von 1125 bis 1140. Fast alle sind im Original bestens erhalten und mussten nicht restauriert werden.

»Nur ganz wenige der Darstellungen an den Kapitellen sind keine Originale!«, beklagte fast ein wenig ärgerlich unser mönchischer Führer. »Im 19. Jahrhundert wurden einige wenige Originale entfernt und durch sehr exakte Kopien ersetzt.«

»Manche Darstellungen muten aber doch etwas heidnisch an…«, meinte mein Vater zögernd. »Auch die ›heidnischen‹ Motive erzählen christliche Geschichten!«, protestierte unser Führer. »Was für die einen der Kampf des Odysseus gegen Skylla ist, ist für den anderen der Heilige Michael als Sieger über den Drachen!«

Fakt ist, dass wir heute – rund 900 Jahre später – die Bildnisse an den Kapitellen nicht mehr alle wie ein Buch lesen können. Manche »Comicstrips« sind uns vertraut: Da tötet David Goliath mit einem Stein aus seiner Schleuder, dort klettert der siegreiche David auf Schilfrohr und enthauptet den Giganten. Und dort trägt er als Trophäe  des Riesen Kopf ins Lager der Hebräer. Wir erkennen Moses, der beobachtet, dass ein Ägypter einen seiner Landsleute misshandelt hat. Moses erschlägt den Römer und deckt seine Leiche mit Laub zu. Wer aber soll der Mann sein, der in Gesellschaft von zwei Bären gezeigt wird?

An anderer Stelle wurde jemand – präzise in Stein graviert – aufgehängt. Wir vermuten, dass das Judas, der »Verräter« sein soll. Auf dem nächsten steinernen Bild wird der Tote geschultert und weggetragen. Von wem? Sollte gezeigt werden, dass Jesus auch seinen Verräter – Judas – errettet? So manches der stummen Bildnisse ist offen für Spekulation.

Benedikt bei der Totenauferweckung
Wundersames und Skandalöses erzählen die stummen steinernen Zeugen von Vézelay. Da führt der Heilige Benedikt eine Totenauferweckung durch… von einem Baby oder Kleinkind. Eugenia von Rom (etwa 180 – 260 n.Chr.) trat – so lautet die Überlieferung – als Frau in ein Männerkloster ein: als Mann verkleidet. 

Sie genoss schon bald so hohes Ansehen in ihrer Gemeinschaft, dass sie – der vermeintliche Mann – zum Abt gewählt wurde. Von einer bösartigen Frau wurde sie – als Mann – der Vergewaltigung beschuldigt. Da offenbarte Eugenia ihr Geheimnis. Nur dadurch dass sie sich als Frau offenbart kann sie die Anschuldigung der Vergewaltigung ad absurdum führen.

Die fromme Eugenia endete als Märtyrerin. Sie wurde wegen ihres christlichen Glaubens eingesperrt, zum Tode verurteilt und durch Enthauptung hingerichtet. Märtyrer - Menschen, die wegen ihres Glaubens leiden, gepeinigt, getötet werden – gab es freilich nicht nur in der frühen Geschichte des Christentums. Im 16. Und 17. Jahrhundert bezahlten unzählige Anhänger der christlichen Wiedertäufer ihr offenes Bekenntnis ihres Glaubens mit dem Leben. Bis heute ist dieses dunkle Kapitel der Geschichte des Christentums nicht vollständig erforscht. Die Zahl der Opfer wird bis heute eher zu niedrig geschätzt. Täter waren Katholiken wie Lutheraner.

Daniel zwischen Löwen
Daniel blieb das Los eines Märtyrers erspart. Dank eines Engels überlebte er den Aufenthalt in der Löwengrube. Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus gibt es mehr Märtyrer denn je. Das Missionswerk »Open Doors« schätzt, dass weltweit erschreckende 100 Millionen Menschen in über fünfzig Ländern wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt werden. Märtyrer unserer Tage sind koptische Christen. Märtyrer leiden wegen ihres Glaubens. Sie fügen Andersgläubigen kein Leid zu. Märtyrer sind immer Opfer, Täter können niemals Märtyrer sein.

Vermutlich befürchteten einst schon die Künstler von Vézelay Missverständnisse und Rätselraten. Sie sollen – einige oder viele – ihrer steinernen Szenarien mit Titeln versehen haben. Diese Inschriften aber sind – wann auch immer – verschwunden. Sollte es gar mit der offiziellen Lehrmeinung der katholischen Kirche unvereinbare Erklärungen gegeben haben?

Die Baumeister von Vézelay müssen wahre Meister ihres Fachs gewesen sein. Sie haben als Bauingenieure viele Details mit Pedanterie und ohne Computer berechnet. Wichtig ist auch das Licht. Je nach Sonnenstand und Uhrzeit  treffen die durch Fenster fallenden Sonnenstrahlen ganz bestimmte Stellen im Gotteshaus. Erstrahlten besonders wichtige Darstellungen zu ganz bestimmten kirchlichen Feiertagen im punktuellen Licht der Sonne? Werden wir je die Geheimnisse von Vézelay wie ein Buch lesen können, neun Jahrhunderte später?

Fußnoten

(1) Buch Daniel Kapitel 6, Verse 1-28
(2) ebenda, Vers 23

Zu den Fotos:

Adam und Eva.. oder nicht?: Foto wiki commons/ Vassil
Adams Narbe?: Foto wiki commons/ Vassil
Adam?: Foto wiki commons/ Vassil
Placidus jagt den Wunderhirsch: Foto wiki commons/ Vassil
Der Hund des Heiligen: Foto wiki commons/ Vassil
Darius der Große/ Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Benedikt bei der Totenauferweckung: Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Daniel zwischen Löwen: Foto wiki commons/ Vassil

278 »Karl der Große, Feuerräder und Gebetsuhren«
Teil 278 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 17.05.2015

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Sonntag, 28. November 2010

45 »Das Geheimnis der Maria von Guadalupe«

Teil 45 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Andenkenhändler vor der Basilika von Guadalupe
Foto: Walter-Jörg Langbein
Der gewaltige, moderne Bau der Basilika von Guadalupe wirkt höchst imposant, ja futuristisch-kühn. Pedro Ramirez Vasquez hat das Gotteshaus entworfen. Am 13. Oktober 1976 wurde die Basilika geweiht, ein Jahr später eröffnet. Mit 10.000 Sitzplätzen gehört sie zu den größten Kirchen unseres Planeten. Insgesamt kann sie 40.000 Pilger aufnehmen, wie ein riesiges Zelt aus Stahl und Beton. Gewaltig ist die Last, die die unsichere Erde von Guadalupe außerhalb von Mexiko-City zu tragen hat. Um die größte Pilgerkirche der Welt abzusichern, wurden gut 1000 massive Säulen ins Erdreich versenkt, die den monumentalen Bau tragen. Für motorisierte »Pilger« wurde ein unterirdisches Parkhaus ins Erdreich gegraben. 1000 Autos finden Platz.

Beim Bau der Basilika hat man sich auf den Besuch von Millionen von Pilgern eingestellt. Dem Architekten war klar: Die Menschen würden in die Basilika strömen, um ein physisch greifbares Wunder zu sehen: das mysteriöse Bildnis der Maria von Guadalupe. Jeder sollte die Chance haben, das verehrte Tuch zu sehen. Würden aber fromme Pilger nicht zu lange vor der Reliquie stehen bleiben... und andere daran hindern, möglichst nahe an das Ziel ihrer Reise zu treten... an das Bildnis der Maria von Guadalupe? So wurden drein mechanische Förderbänder installiert, die am Hauptaltar vorbeiführen.

Innenansicht der Basilika von Guadalupe
Foto: Joaquín Martínez Rosado (Public Domain)


Pedro Ramirez Vasquez, der berühmte Architekt, durfte das Tuch von Guadalupe mit dem berühmten Bildnis untersuchen. Er soll, so heißt es, kein gläubiger Christ gewesen sein. Nachdem Vasquez die Tilma studiert hatte, trat er der katholischen Kirche bei ... Was hat den kühlen Denker so beeindruckt?

»Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.«... So heißt es in Goethes Faust. Und in der Tat entziehen sich fast alle religiösen Wunder der rationalen Hinterfragung. Eine ganz erstaunliche Ausnahme gibt es freilich - und die ist eine Sensation. Die Jungfrau von Guadalupe hat so etwas wie einen fotografischen Beweis hinterlassen. Und das, obwohl die mehr als mysteriösen Ereignisse bereits vor fast 500 Jahren stattfanden. Ein wundersames Bildnis erschien auf nicht nachvollziehbare Weise auf dem Umhang eines einfachen Indio ...

Dieses Bildnis ist in Mexiko allgegenwärtig. Es wurde über die Jahrhunderte zu einer Ikone des Glaubens der mexikanischen Ureinwohner, der Nachfahren der Azteken. Auch wenn es nicht leicht fällt, zu verstehen: der christliche Glaube, der vor rund einem halben Jahrtausend mit gewalttätigen Plünderern ins Land kam, wurde von der gedemütigten Bevölkerung angenommen ... nach den wundersamen Ereignissen von Guadalupe. Auf einem kleinen Friedhof außerhalb von Mexiko-City sah ich das Bildnis von Guadalupe auf einem heutigen Grabstein verewigt...

Das Bildnis der Maria auf einem Grabstein
Foto: Walter-Jörg Langbein
Juan Diego war ein gebürtiger Azteke. 1525 trat er zum christlichen Glauben über. Er war vom neuen Glauben zutiefst überzeugt. Man muss ihn als guten Katholiken bezeichnen. Fast täglich suchte er die Kirche im mexikanischen Tlaticlo auf. Er verbrachte einen erheblichen Teil seines Alltags damit, von seinem bescheidenen Heim im Dörfchen Tolpetlac zum Gotteshaus und zurück zu marschieren. Neun Weilen war der Weg lang, Juan Diego stand meist schon in der Nacht auf.

Am 9. Dezember 1531 war Juan Diego wieder einmal unterwegs zur Kirche, da hörte er unweit des Berges Tepeyac wunderschöne Musik. Als er nach kurzer Pause weitermarschieren wollte, so wird überliefert, sprach ihn eine Stimme an: »Juanito, Juan Dieguito.« Wer redete ihn da so zärtlich an? Wer verwandelte seinen Namen im Spanischen geradezu zu einem Kosewort? Man kann die Anrede so übersetzen: »Kleiner Juan-chen, Juan Diego-chen«.

Die Gläubigen sind von der Realität des mysteriösen Erlebnisses überzeugt. Sie kommen aus aller Welt nach Mexiko, um dem Ort des rätselhaften Geschehens zumindest einmal im Leben nahe zu sein. Da schläft der erschöpfte Hirte in ärmlicher Kleidung im Gotteshaus ein. Neben ihm sitzt ein reicher Industrieller im teuren Anzug. Wo man auch im gewaltigen Kirchenhaus sitzt, man kann immer das Bildnis der Maria sehen. Gar manches Mal war ich in der Basilika. Mehr als der mächtige Bau hat mich die friedliche Stimmung im Gotteshaus beeindruckt. Nonnen und Mönche, Arme und Reiche erweisen der Maria ihre Referenz. Selbst Touristen in grellbunter Kleidung fallen hier nicht unangenehm auf.

Die Atmosphäre ist nicht in Worte zu fassen. Es liegt ein geheimnisvoller Frieden über dem Raum. Die Menschen spüren so etwas wie eine geistig-seelische Verbindung. Sie verstehen einander, auch wenn sie aus unterschiedlichsten Kulturkreisen und Schichten kommen. Mich, der ich alles andere als kirchenfromm bin, hat Guadalupe immer wieder zutiefst beeindruckt. Mir war, als würde in jener riesigen Kathedrale zumindest für einen Moment die tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Frieden erfüllt ... in einer Welt der Hektik, nur einen Katzensprung von der lauten, oft stinkenden Metropole Mexiko City entfernt.

Es ist, als gehe ein Zauber von den mysteriösen Ereignissen aus, die vor fast einem halben Jahrtausend Juan Diego in ihren Bann zogen. Ein »edles Fräulein, dessen Gewand leuchtete wie die Sonne, als ob es vom Licht widerstrahle« stand da, so ist uns überliefert worden, auf einem Felsen. »Der Glanz von ihr schien wie Edelsteine, wie der schönste Schmuck. Und die Kakteen und die übrigen Kräutlein sahen aus wie Smaragde. Wie Türkis sah ihr Blätterwerk aus, und ihre Zweige, ihre Dornen leuchteten wie Gold.«

Juan Diego fiel auf die Knie. Er schlug ergriffen, ja erschüttert, die Augen nieder. Das himmlische Wesen erklärte, es sei »die vollkommene heilige Jungfrau Maria«. Juan Diego bekam den Befehl, auf dem Tepeyac eine Kapelle errichten zu lassen. Er solle nur rasch den Bischof von Mexiko aufsuchen und das dringende Anliegen Mariens vortragen. Juan Diego hatte keinen Zweifel: Er musste gehorchen, dem Willen Mariens konnte er sich nicht widersetzen. Er stürzte in die Stadt, um eine Audienz bei Bischof Juan de Zumarrage zu erbitten. Der hochrangige Mitarbeiter in Gottes Bodenpersonal war allerdings nicht unbedingt ein Mann des Volkes, der sich auf ein Gespräch mit einem einfachen Gläubigen einließ ... schon gar nicht mit einem Indio, der sich womöglich eine obskure Geschichte ausgedacht hatte. Oder war der Mann gar alkoholisiert gewesen, als er angeblich eine Erscheinung hatte?

Wenn Juan Diego aber doch die Wahrheit sprach? Immerhin ließ er sich nicht abwimmeln, sondern beharrte darauf, den Bischof unbedingt sprechen zu müssen. Seine Ausdauer wurde auf eine harte Probe gestellt. Man ließ ihn warten... stundenlang...Immer wieder versuchte man, ihn abzuwimmeln... Vergeblich. Schließlich hörte sich der hohe Würdenträger Juan Diegos Bericht an und schickte ihn wieder weg. Enttäuscht machte sich Juan Diego auf den Heimweg. Unterwegs begegnete ihm wieder die Erscheinung. Wieder bekam er den Auftrag, zum Bischof zu gehen. Wieder wurde er vorgelassen. Der Bischof fühlte sich belästigt. Er forderte Juan Diego auf, ihm doch einen Beweis für seine angebliche Begegnung zu bringen. Wie aber sollte so ein Beweis aussehen? War das Wort Marias nicht Beweis genug? Wie sollte er dem Bischof glaubhaft machen, dass ihm tatsächlich Maria, die Mutter Gottes nach katholischem Glauben, begegnet war?


Die Maria von Guadalupe, das Original
Foto: Walter-Jörg Langbein
»Das Wunder von Guadalupe«,
Teil 46 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 5.12.2010

















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