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Sonntag, 23. Februar 2020

527. »Da traf er den Kain zwischen die Augen«

Teil 527 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Der blinde Lamech
schießt seinen Pfeil ab
Louis Ginzberg hat mit seiner Sammlung »The Legends of the Jews« sehr viel mehr als eine Vielzahl von Legenden der Juden zusammengetragen. Er hat so etwas wie ein Konglomerat des Wissens unzähliger Weiser aus ganz unterschiedlichen Quellen geschöpft. Das vielfältige geistige Erbe mag im Verlauf von Jahrtausenden zusammengetragenen worden sein. Erst wurde es mündlich weitergereicht, bevor es irgendwann da und dort schriftlich festgehalten wurde.

Sein bewundernswertes Mammutwerk bietet so viel Wissenswertes, dass heute noch unzählige Suchende so manches Geheimnis darin entdecken könnten, das auf den ersten Blick, bei oberflächlichem Lesen, verborgen bleibt.

Nach Jahrzehnten des Studierens und Forschens habe ich erkannt, dass ich auf eine Weise mehr als auf jede andere zur Aufklärung der großen Geheimnisse unserer Welt beitragen kann. Es muss mir nur gelingen, in so vielen Menschen wie nur möglich die Neugier auf das Wissens jenseits des Horizonts der ach so endgültigen vermeintlich unanzweifelbaren »Wahrheiten« zu wecken. Wissenschaften wie theologische Lehren versperren oftmals den Weg zu wirklich bahnbrechenden Erkenntnissen wie ein Paravent.

Eugène Ionesco (*1909; †1994) stellte fest: »Phantasie ist nicht Ausflucht. Denn sich etwas vorstellen, heißt, eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.« Und Albert Einstein (*1879; †1955) beklagte: »Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.« Manche Texte aus dem »Alten Testament« regen unsere Fantasie an. Können wir mit Hilfe der vernachlässigten Intuition manches besser verstehen? Suchen kann jeder für sich, in Werken wie Louis Ginzbergs, Paul Rießler und Emil Kautzsch.

Lamech gesteht, verkündet im »Alten Testament«, einen Menschen getötet zu haben. Das verkündet Prof. John Byron, Fachbereich »Neues Testament« am »Ashland Theological Seminary« (Oregon, USA), der sich intensiv mit dem Judentum und den Ursprüngen des Christentums beschäftigt. In der »Luther Bibel« von 2017 lesen wir (1): »Und Lamech sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla, höret meine Rede, ihr Frauen Lamechs, merkt auf, was ich sage: Einen Mann erschlug ich.« In der »Elberfelder Bibel« wird der gleich Vers so formuliert: »Fürwahr, einen Mann erschlug ich.« Wer soll das Opfer Lamechs gewesen sein? Prof. John Byron ist davon überzeugt, dass sich Lamechs Geständnis auf den Tod Kains bezieht. Diese Interpretation halte ich für fragwürdig, prahlt doch Lamech geradezu damit, nicht nur einen, sondern zwei Menschen getötet zu haben, ich zitiere den Vers vollständig (1): »Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule.« Meiner Meinung nach ist weder mit dem »Mann«, noch mit dem »Jüngling« Kain gemeint. Kain fügte Lamech keine Wunde zu und Kain, der Brudermörder, war bei seinem Tod ein alter Mann und kein »Jüngling«. Und eine Beule hat ihm weder Kain, noch dessen Sohn verpasst. Mein Fazit: Lamech gesteht im zitierten Bibeltext nicht, Kain getötet zu haben.

Foto 2:
Kain wird gleich
vom Pfeil
getroffen
In der sakralen Kunst gibt es diverse Darstellungen, die zeigen, wie Lamech seinen Urahn Kain mit Pfeil und Bogen erlegt. Im 12. Jahrhundert entstand ein Relief, das ein Säulenkapitell der Kathedrale von Saint Lazare, Frankreich, ziert. Es hält den Moment fest, da Kain vom Pfeil Lamechs im Hals getroffen wird.

Eine »Weltchronik« aus dem Jahr 1563 zeigt als Buchillustration just diese Szene: Lamech hat einen Pfeil abgeschossen, der offenbar gerade in Kains Leib eingedrungen ist. Aufbewahrt wird das kostbare Dokument aus dem 16. Jahrhundert in der Österreichischen Nationalbibliothek zu Wien (2). Das »Ökumensiche Heiligenlexikon« geht ausführlich auf Lamech ein (3). »Lamech«, erfahren wir dort, bedeutet im Hebräischen »kräftiger Mann«. Das Lexikon verweist auf »jüdische Legenden«, die vom Tod Kains erzählen: Lamech soll Kain bei einem Jagdunfall mit Pfeil und Bogen erschossen haben.

Das seriöse »Ökumenische Heiligenlexikon« zeigt eine weitere Darstellung vom Tod Kains, der auch hier dem Jäger Lamech zum Opfer fällt: »Mosaik: Lamech erschießt Kain und tötet Tubal-Kajin, 5. Jahrhundert, im Baptisterium San Giovanni in Florenz«.

Tatsächlich zeigt das Mosaik gleichzeitig zwei Szenen der alten jüdischen Überlieferung. Da sehen wir zunächst Lamech, stehend, mit dem Bogen in der Hand. Sein Sohn Tubal-Kain (Tubal-Kajin) hat dem greisen Vater offenbar die Richtung angegeben, wo das vermeintliche Wild im Gebüsch zu finden war. Kain steht, weitestgehend verdeckt, zwischen Gestrüpp.

Foto 3: Lamech stehend mit Bogen,
Lamechs Sohn stehend und liegend, Opfer Kain im Gestrüpp.

Nach der Überlieferung hat Lamech seinen Sohn, als der tragische Irrtum erkannt worden war, versehentlich erschlagen, nachdem er bereits versehentlich Kain erschossen hatte. Wir sehen Lamechs Sohn als »Schützenhilfe« und gleichzeitig tot am Boden liegend. Es wird also die gesamte Geschichte um Kains Tod in einem einzigen Mosaikbild »erzählt«. Anders als in einem Comicstrip werden zwei Bilder in einem dargestellt. In der großen Kathedrale von Monreale, Sizilien, findet der interessierte Besucher zahlreiche Mosaikdarstellungen biblischer Szenen, aber auch die Geschichte von Lamech und Kain. Lamech hat seinen Schuss bereits abgefeuert, Kain ist in der Brust getroffen. Seine Knie knicken ein, der Brudermörder wird im Fallen gezeigt. Lamechs kleiner Sohn deutet noch in Richtung Kain, der freilich ohne irreführendes Horn auf der Stirn dargestellt wurde.

In der »Österreichischen Nationalbibliothek«, Wien, wird eine wertvolle Buchmalerei aufbewahrt. Die Miniatur, entstanden etwa 1465 bis 1475, stammt aus einem Illustrations-Zyklus. Lamech hat auf dem Bild Kain bereits niedergestreckt und den tödlichen Fehler erkannt. Wütend erschlägt der blinde Jäger seinen kleinen Sohn mit dem mächtigen Bogen. Im krassen Gegensatz zum geringen Bekanntheitsgrad der Story von Lamechs Todesschuss in unserer Zeit steht die Fülle an Darstellungen eben jener Szene in alten Buchmalereien. Ein Beispiel von vielen sei noch genannt: Die berühmte »Maciejowski-Bibel«, alias »Kreuzfahrerbibel«, alias »Buch der Könige«, alias »Morgan-Bibel«, soll von Ludwig IX. von Frankreich um das Jahr 1245 in Auftrag gegeben worden sein. Auch hier findet sich eine Darstellung von Kains Tod.

Ich selbst sah ja vor Jahrzehnten ein Säulenkapitell in der Basilika von Vézelay, Frankreich, mit dem Todesschuss, von Lamech, abgegeben auf den Brudermörder Kain.

Das Motiv »Lamech tötet Kain« war vor Jahrhunderten in der sakralen Kunst offenbar weit verbreitet. Es stellt sich eine Frage: Worauf basieren diese Darstellungen, die nur in unwichtigen Details voneinander abweichen? Paul Rießler (*1865; † 1935) wurde 1907 Professor für alttestamentliche Bibelexegese an der Universität Tübingen. 1924 veröffentlichte er erstmals seine »Übersetzung des Alten Testaments«. Rießlers Monumentalwerk (4) »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« erschien erstmals 1928. Es ist als zuverlässige Quelle für altjüdisches Schrifttum auch heute noch unverzichtbar.

Foto 4: »Ephräm der Syrer«
Es enthält auch den apokryphen Text »Die Syrische Schatzhöhle«. Umstritten ist, wer als Verfasser verantwortlich zeichnete. Ein Kandidat ist Ephräm. Ephräm der Syrer (* um 306; †373), ein spätantiker Schriftsteller und Kirchenlehrer, lebte als Asket und unterrichtete viele Jahre in der Nähe der Stadt Edessa, heute Türkei. 1920 wurde er durch Papst Benedikt XV. zum Kirchenlehrer erklärt. Er wird auch heute noch in vielen Regionen als Heiliger verehrt. »Die Syrische Schatzhöhle« berichtet über Kains Tod so (5):

 »Lamech stützte sich auf seinen Sohn, einen kleinen Knaben,
und dieser Knabe lenkte ihm seinen Arm auf das Wild,
so oft er solches sah.
Nun hörte er die Stimme Kains, der im Wald umherstreifte,
weil er nirgends Ruhe fand.
Lamech, der Blinde, aber hielt ihn für ein Tier,
das im Wald umherjagt.
So hob er seinen Arm, hielt seinen Bogen bereit, spannte ihn
und schoß ihn gegen jenen Platz ab.
Da traf er den Kain zwischen die Augen, daß er hinfiel und starb.
Lamech aber glaubte, ein Wild getroffen zu haben
und sprach zu dem Knaben:
›Geh hin, daß wir das Wild sehen, das wir trafen!‹
Als sie hinkamen und nachsahen,
sprach zu ihm der Knabe, auf den er sich stützte:
›Wehe, mein Herr! Du hast den Kain getötet.‹
Da winkte er und schlug die Hände zusammen;
dabei traf er den Knaben und tötete ihn.«

Prof. John Byron ist davon überzeugt, dass frühe Interpreten altehrwürdiger sakraler Texte da und dort in den biblischen Schriften Lücken entdeckten. So bietet das »Alte Testament« geradezu ausufernde Informationen über zahlreiche biblische Gestalten an. Wir erfahren, wie alt die Männer wurden und in welchem Alter sie welche Kinder zeugten. Über Kains Tod indes scheint sich das »Alte Testament« auszuschweigen. Er verschwindet irgendwie, ohne dass wir etwas über seinen Tod erfahren. Dieses Defizit hat die alten Interpreten, so Prof. Byron, aktiv werden lassen. Sie schufen ergänzende Texte, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden. So wurden Lücken geschlossen. In apokryphen Texten zum »Neuen Testament« erfahren wir, wie Jesus als Kind war, worüber nichts im »Neuen Testament« zu finden ist. »Die Syrische Schatzhöhle« wartet mit einer doch unglaubwürdigen Story über Kains Tod auf.

Wie aber starb Kain wirklich? Kam er bei der Sintflut ums Leben? Starb er überhaupt? Ein einzelner, unscheinbarer Vers in der biblischen Mordgeschichte von Kain und Abel kann eine geradezu fantastisch anmutende Geschichte erzählen: Demnach nahm Gott selbst Kain von der Erde hinweg.

Fußnoten
(1) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 23
(2) Inventarnummer Cod. Nr. 2823
http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/006596.htm (Stand 16.01.2020)
(3) https://www.heiligenlexikon.de/BiographienL/Lamech.html (Stand 16.01.2020)
(4) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel«, Augsburg 1928, S.942-1013
(5) Ebenda, S.952+953, 8. Kapitel, Verse 3-10 (Die Rechtschreibung wurde unverändert von der Vorlage übernommen und nicht der heutigen Schreibweise unter Berücksichtigung der Rechtschreibreform angepasst.)

Zu den Fotos
Foto 1: Der blinde Lamech schießt seinen Pfeil ab (Basilika von Vézelay, Frankreich). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Kain wird gleich vom Pfeil getroffen. (Basilika von Vézelay, Frankreich). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Lamech stehend mit Bogen, Lamechs Sohn stehend und liegend, Opfer Kain im Gestrüpp. Foto Joachim Schäfer, Ökumenisches Heiligenlexikon, gemeinfrei.
Foto 4: »Ephräm der Syrer« (Ikone). Foto gemeinfrei

528. »Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott.«,
Teil 528 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 01. März 2020


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Sonntag, 16. Februar 2020

526. »Die zwei Tode eines Mörders«

Teil 526 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Fotos 1 und 2: Der blinde Lamech tötet den Brudermörder Kain

Da stehen, in Stein verewigt, zwei Menschen. Einer scheint ehrfürchtig-ängstlich zu warten, der andere handelt konzentriert. Zwischen beiden liegt so etwas wie ein eng verschnürtes Bündel. Der Mann blickt in ein Buch. Was tut er? Bei dem Bündel könnte es sich um eine Mumie eines Kindes handeln. Der Mann mit dem Buch, angeblich soll das der Heilige Benedikt sein, mag Zaubersprüche murmeln, um die Mumie wieder zum Leben zu erwecken. Die Frau könnte die Mutter des toten Kindes sein. Dieses in Stein gemeißelte Halbrelief an einem der Säulenkapitelle habe ich als Kind in der Basilika von Vézelay gesehen.


Ich habe noch heute dieses geradezu bizarre Bild von mir. Es erinnert mich heute an einen der Klassiker des Horrorfilms aus den 1930ern in Schwarzweiß: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zu neuem Leben. Es mag sein, dass zu den echten Erinnerungen an die Basilika von Vézelay (1) nach und nach auch noch gruselige Fantasiebilder hinzukamen, ausgelöst von den höchst realen Reliefs oben an den kostbaren Säulenkapitellen.

Foto 3: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zum Leben.

Ich kann mich gut an meinen Besuch damals im Gotteshaus erinnern. Ich wäre am liebsten umher gerannt, um möglichst viele der zum Teil recht merkwürdigen Steinreliefs zu betrachten. Unser Führer, ein etwas verhärmt wirkender Herr mit wenig Verständnis für meinen Bewegungsdrang, mahnte mich immer wieder gestenreich zu ruhigem und stillem Benehmen. Die vielen Bilder faszinierten mich. Ich verstand nicht, was sie angeblich darstellen sollten. Sie regten meine Fantasie an. Manche machten mir Angst, manche fand ich lustig. Anderen wiederum hatte der Zahn der Zeit so stark zugesetzt, dass kaum noch etwas zu erkennen war.


Viele, vielleicht sogar die meisten Säulenkapitelle lagen im Halbdunkel des uralten Gotteshauses. Für wen waren wohl die mysteriösen Darstellungen gedacht? Kann man, so paradox das klingen mag, nur die Reliefs verstehen, wenn man weiß, was sie darstellen sollen? An manchen Kapitellen sind kleine Szenen dargestellt, mit einem Comicstrip vergleichbar, der in zwei oder drei Bildern eine Geschichte erzählen will. Aber ohne erklärenden Text kann der, der die Geschichte nicht kennt, die Bilder nicht verstehen. Wurden die Besucher des Gotteshauses vor Jahrhunderten von Geistlichen darüber aufgeklärt, was sie da sahen und zu sehen hatten?

Mein Vater führte mich von Säule zu Säule und machte mich auf die steinernen Darstellungen aufmerksam. Ein örtlicher Führer aus dem Klerus gab fromme Erklärungen ab, die mein Vater für mich aus dem Französischen ins Deutsche übersetzte.

Bei manchen der präzise gearbeiteten Reliefs wurde es unserem Guide sichtlich peinlich. Dann und wann versuchte er uns von bestimmten Darstellungen weg zu lotsen. Das waren aber gerade jene Abbildungen, die mich als Kind faszinierten oder beängstigten. Was waren das, zum Beispiel, für seltsame Wesen, die aufrecht wie ganz normale Menschen gingen, die aber Hundeköpfe hatten? Oberhalb eines Portals entdeckte ich zwei menschenähnliche Gestalten, die sehr seltsame Häupter hatten. Ich deutete auf ein Paar mit schweineartigen Köpfen. Sie hatten anstelle eines Mundes und der Nase etwas Rüsselartiges. Unser Guide zog mich weiter und reagierte gereizt, als ich leise wie ein Schweinchen quiekte. Und einen Zwerg durfte ich auch nicht lange betrachten, denn schon drängte unser Führer. Weiter sollte es gehen. Vorbei an einem Riesen und an seltsamen Gestalten, die wie Fische Schuppen zu haben schienen. Es gab ein faszinierendes und doch zugleich auch manchmal unheimliches Panoptikum an kuriosen Kreaturen und frommen Darstellungen.

Foto 4: Zwei Ritter im Duell.
Unzählige Bildnisse befanden sich an den Säulenkapitellen (2). Da waren zum Beispiel zwei Ritter im Kampf. Sie hieben mit hoch erhobenen Schwertern aufeinander ein. Wer diese Ritter sein sollen, das verrät uns das Kapitellen-Relief nicht mehr. Wenn sollen die beiden Gestalten darstellen, die man rechts und links von den Rittern sieht? Sind es neugierige Zuschauer? Oder haben sie mit dem Kampf der Ritter gar nichts zu tun? Es mag sein, dass irgendwann eine erklärende Schrifttafel entfernt wurde oder dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel.

Ich kann mich an ein weiteres Relief erinnern, dass ich vor vielen Jahren in der Basilika von Vézelay gesehen und natürlich nicht verstanden habe. Leider fehlt auch hier eine erklärende Hinweistafel. Eine theologische Interpretation gibt es, die ich aber nicht wirklich nachvollziehen kann.

Interpretieren lässt sich fast jede Darstellung auf theologische Weise, selbst die von Wilhelm Busch (*1832; †1908) gezeichneten Bilder von Max und Moritz.

Foto 5: Seltsame »Mühle«.
Demnach stellt die Person links keinen Geringeren als Moses selbst in kurzer Kutte dar. Er schüttet Korn in die Mühle. Nach der theologischen Deutung symbolisiert das Getreide, das in die Mühle gegeben wird, das Gesetz des »Alten Testaments« dar. Theologen erkennen nun in den Speichen des Rades an der Mühle das Kreuz Jesu. Dieses Kreuz versinnbildlicht angeblich den Opfertod Jesu. Das alte Gesetz wird gemahlen. Apostel Paulus, so wird weiter interpretiert, fängt das Mehl in einem Sack auf. Aus dem Mehl wird dann das »Brot des Lebens« gebacken. Ob das die richtige Interpretation ist? Niemand kann das mit Sicherheit sagen.

Niemand vermag bis heute eine mir einleuchtende Erklärung für zwei »Engel« anzubieten, die ich schon als Kind bewunderte. Der eine Engel ist ohne Zweifel ein Guter, trägt er doch einen stattlichen Heiligenschein. Er handelt wie ein Polizist aus einem Krimi. Mit einem raschen Griff hat er seinem Gegenspieler die Arme auf den Rücken gedreht. Der »Verhaftete« hat den breiten Mund zu einem hämischen Lachen verzerrt.

Foto 6: Engel überwältigt
Engel.
Der »Polizeiengel« mit Heiligenschein wird ihm wohl gleich Handschellen anlegen. Er zeigt eine ernste Miene und ist sich seiner Sache sicher. Ob er wirklich schon gewonnen hat? Oder verrät das Lachen des scheinbar Nackten, dass der sich mit einem schmutzigen Trick befreien können wird? Beide Wesen haben Flügel. Sollte es sich bei dem wilden, lachenden Engel um einen der abtrünnigen Himmlischen handeln? Bei näherem Betrachten fällt auf, dass er so etwas wie einen Tierschweif am Allerwertesten und seltsame klauenartige Füße hat. Und sein Haar ist wild wie aufloderndes Feuer.

Eine der bekanntesten Geschichten aus dem »Alten Testament« habe ich beim Besuch mit meinem Vater in Vézelay entdeckt: David und Goliath. Dargestellt wird zunächst, wie der mutige David seine Steinschleuder gegen den tumben Riesen einsetzt. Noch ahnt der kraftstrotzende Goliath nicht, was ihm gleich blühen wird. Davids Stein wird ihn am Kopf treffen und zu Boden strecken. Und dann wird David dem Goliath, auch das wird sehr anschaulich im Steinrelief gezeigt, mit seinem eigenen Schwert den Kopf vom Rumpf trennen. Lehr baumelt die gewaltige Schwertscheide an der Seite des Riesen, während David das imposante Schwert Goliaths recht gekonnt einsetzt.

Foto 7:
David schleudert
den tödlichen Stein
Beileibe nicht alle Darstellungen stammen aus der Welt des »Alten« und des »Neuen Testaments«. Ich erinnere mich genau an einen monströsen Riesenvogel, der die Ausmaße eines Pferdes gehabt haben muss. Im gewaltigen Schnabel trägt er ein Menschlein. Heute weiß ich, wie diese Darstellung interpretiert wird.

Das Menschlein im Schnabel des Riesenvogels soll der Hirtenknabe Ganymed sein, der von Zeus in Adlergestalt in die hohen Gefilde des Olymps verschleppt wurde. Dort musste er als Mundschenk die Götter bedienen. Diese Entführung existiert in verschiedenen Varianten. Die älteste ist schon vor Jahrtausenden entstanden. In einem der ältesten Epen der Menschheitsgeschichte, im sumerischen Etana-Mythos (3. Jahrtausend v.Chr.), wurde sie verewigt. Die Fassung, die Homer (850 v.Chr.?) zugeschrieben wird, ist sehr viel jünger. Andere Varianten gibt es von Lukian (2. Jahrhundert v.Chr.), Vergil (1. Jahrhundert v. Chr.) und Ovid (1. Jahrhundert vor/ 1. Jahrhundert n.Chr.). Die Entführung Ganymeds ist ja nun wirklich kein christliches Motiv. Warum wurde es in der Basilika von Vézelay kunstvoll in ein Säulenkapitell gemeißelt?

Nirgendwo in der Bibel findet sich die kuriose Geschichte vom blinden Jäger Lamech, der aus Versehen Kain mit Pfeil und Bogen erlegt. Und diese seltsame Geschichte soll in Gestalt eines Reliefs an einem der Säulenkapitelle in der Basilika von Vézelay dargestellt worden sein.

Foto 8: David
enthauptet Goliath.
Offen gesagt: Die Geschichte vom blinden Jäger Lamech halte ich für nicht sehr glaubwürdig. Gott selbst hat nach dem Text der Bibel (3) Kain das ominöse Kainsmal verpasst und ausdrücklich verboten, ihn zu töten. Wer gegen dieses göttliche Verbot verstößt, muss mit schlimmer Strafe rechnen. Dann werde der Tod Kains siebenfach gerächt. Haben anonyme Bibelinterpreten die Geschichte von Lamech erfunden? Ein blinder Jäger, der aus Versehen den Kain tötete, der musste doch eigentlich nicht die Strafe Gottes fürchten müssen!

Noch kurioser mutet die Erklärung von Kains Tod im apokryphen »Jubiläenbuch« (4) an. Demnach kam Kain in einem tragischen Unfall ums Leben, weil dies angeblich göttlichem Gebot entsprach (5): »Am Ende dieses Jubiläum, ein Jahr nach ihm, ward Kain getötet; sein Haus fiel auf ihn und er starb mitten in seinem Haus und er ward durch dessen Steine getötet. Denn mit einem Stein tötete er den Abel, und mit einem Stein ward er nach gerechtem Gericht getötet.

Deshalb ist in den himmlischen Tafeln angeordnet: ›Mit dem Gerät, womit ein Mann seinen Nächsten tötet, soll er getötet werden, wie er einen verwundet, so soll man ihm tun!‹« Wie starb Kain? Zwei Tode werden beschrieben. Kam er beim Einsturz seines Hauses ums Leben? Oder wurde er vom blinden Lamech erschossen? An einem der zahllosen Reliefs an einem der Säulenkapitelle wird ein Jäger dargestellt, der einen Pfeil abschießt. Im üppigen Gestrüpp steht jemand. Soll das Kain sein, den der Pfeilgleich töten wird?


Fußnoten
(1) Spielmann, Peter: »Licht wird hier der Raum: eine Hommage an die Magdalenenkirche von Vézelay«, Frankfurt 2014
(2) Rouchon-Mouilleron, Veronique: »Vézelay/ The Great Romanesque Church: The Romanesque Vision in Stone«, New York 1999
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 15
(4) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900, S. 31–119
»Jubiläenbuch oder Kleine Genesis« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel«, Augsburg 1928, S. 539-S.666
(5) »Jubiläenbuch«, Kapitel 4, Verse 31+32

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Der blinde Lamech tötet den Brudermörder Kain. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zum Leben. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Zwei Ritter im Duell. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Seltsame »Mühle«. Foto wiki commons/ Vassil
Foto 6: Engel überwältigt Engel. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: David schleudert den tödlichen Stein Foto wiki commons/ Vassil
Foto 8: David enthauptet Goliath. Foto wiki commons/ Vassil


527. »Da traf er den Kain zwischen die Augen«,
Teil 527 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23. Februar 2020


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Sonntag, 9. Februar 2020

525. »Kain und der blinde Jäger«

Teil 525 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der wohl bekannteste Mörder der Bibel ist wohl Kain. Das wissen auch Zeitgenossen, die nie in der Bibel lesen. Was aber ist das »Kains-Mal«? Es sollte Kains Leben schützen und wurde ihm zum Verhängnis.

Schon im 4. Kapitel des 1. Buches Mose wird der erste Mord geschildert. Die Geschichte lässt, so scheint es, keine Frage offen. Adam und Eva müssen wegen des ominösen Sündenfalls das Paradies verlassen. Der Engel mit dem Flammenschwert macht eine Rückkehr unmöglich. Adam muss zur Strafe auf dem Feld schuften, Eva Kinder gebären. So kommen Kain und Abel auf die Welt. Beide bringen Gott Opfer dar, Gott verschmäht Kains Opfergabe. Wütend tötet Kain seinen Bruder. In meiner wörtlichen Übersetzung liest sich das so (1):

Foto 1: Kain erschlägt Abel,
Genter Altar von Jan van Eyck, 1432,
gespiegeltes Foto

»Vers 1: Und er, Adam, erkannte Chawa (Eva), seine Frau, und sie empfing und sie gebar den Kajin und sie sprach: ich habe hervorgebracht einen Mann mit Hilfe Jahwes.
Vers 2: Und sie fuhr fort zu gebären: seinen Bruder, den Habäl (Abel), und der Habäl, er war ein Hirte von Kleinvieh und Kajin, er war bearbeitend den Acker.
Vers 3: Und es war am Ende der Tage, da brachte Kajin von den Früchten des Ackers eine Opfergabe für Jahwe.
Vers 4: Und Habäl, er brachte, von seinem Erstgeborenen seines Kleinviehs und von ihrem Fett und er sah, Jahwe, auf den Habäl und sein Opfer.
Vers 5: Aber auf Kajin und sein Opfer sah er nicht und er entbrannte (zu ergänzen? der Zorn?) dem Kajin und er senkte sein Gesicht.
Vers 6: Und er sprach, Jahwe, zu Kajin, warum entbrannte (dein Zorn) und warum ist gesenkt dein Gesicht?
Vers 7: Wenn du recht handelst, kannst du (dein Gesicht) erheben, wenn du nicht
recht handelst, dann lauert die Sünde vor der Tür.
Vers 8: Und es sprach der Kajin zu seinem Bruder Habäl (2) und es war auf dem Feld, da stand auf der Kajin gegen seinen Bruder Habäl und tötete ihn.

Kain hat Abel getötet und Gott fragt, wo denn Abel sei. Seltsam: Gott soll doch allwissend sein. Warum fragt er dann, wo denn Abel zu finden sei. Gott verflucht den Mörder Kain. Der zeigt Reue und hat Angst um sein Leben. Er befürchtet, dass ihn jeder, der ihn trifft, töten wird. Aber wer soll denn Kain nach dem Leben trachten? Nach Abel tot ist, gibt es damals nach dem Text der Bibel ja nur noch Adam und Eva. Weiter geht es im Text meiner wörtlichen Übersetzung:

»Vers 9: Und er sprach, Jahwe, zu Kajin: Wo ist Habäl, und der sprach: nicht weiß ich, bin ich etwa ein Hüter meines Bruders?
Vers 10: Und er sprach: was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders eine schreiende zu mir aus dem Acker!
Vers 11: Und nun, verflucht mögest du sein, weg von dem Acker, welcher aufriss seinen Mund um zu nehmen das Blut deines Bruders aus deiner Hand!
Vers 12: Ja, wenn du bearbeitest den Acker, nicht fährt er fort zu geben dir seine Kraft. Schwankend und heimatlos wirst du sein auf der Welt.
Vers 13: Und er sprach, Kajin zu Jahwe: groß (ist) mein Vergehen (oder: meine Sünde).
Vers 14: Siehe, du hast mich vertrieben vom Gesicht des Ackers und weg von deinem Gesicht verberge ich mich und bin schwankend und heimatlos und es wird ein jeder, der trifft mich an, (er) wird mich töten.
Vers 15: Und es sprach zu ihm, Jahwe: Alle, die Kajin töten – sieben mal sieben wird er gerächt! Und er setzte, Jahwe, dem Kajin ein Zeichen, damit nicht ihn töte ein jeder, der ihm begegnet.«

Nach dem Mord an seinem Bruder Abel zeugte Kain einen Sohn (3):»Und Kain erkannte seine Frau; die ward schwanger und gebar den Henoch. Und er baute eine Stadt, die nannte er nach seines Sohnes Namen Henoch.« Seltsam: Adam und Eva hatten zunächst zwei Söhne, nämlich Kain und Abel. Nach der Ermordung Abels gab es nur noch Adam, Eva, Kain und Seth (ein weiterer Sohn von Adam und Eva). Woher nahm dann Kain seine Frau, die im »Alten Testament« namenlos bleibt. Die anonyme Frau gebar Sohn Henoch. Jetzt gab es nach dem »Alten Testament« eine »Weltbevölkerung« von sechs Personen. Und jetzt baute Kain eine Stadt. Für wen? Für sich, seine Frau und ihren Sohn Henoch? Da wäre ein Häuschen vollkommen ausreichend gewesen! Zurück zum Brudermord!

Foto 2: Kain und Abel als Motiv einer Briefmarke.
Frankreich 1974

Gott verpasst Kain ein Zeichen zu seinem Schutz: Es macht Kain kenntlich und soll jeden davon abhalten, Kain zu töten. Wie dieses »Zeichen« ausgesehen hat, darüber findet sich kein Hinweis im »Alten Testament«. Das »Alte Testament« verschweigt auch, ob und falls ja, wie und wann Kain gestorben ist. Das ist seltsam. Finden sich doch von Adam bis Jesus konkrete Zahlenangaben zu jeder der biblischen Gestalten. Das »Kains-Zeichen« brachte mich auf die richtige Spur. Fündig wurde ich im »Ökumenischen Heiligenlexikon« (4):

»Jüdische Legenden erzählen deshalb: Lamech ging, als er im Alter schon blind war, auf die Jagd und ließ sich dabei von seinem jungen Sohn Tubal-Kajin leiten. Als der das Zeichen gab, schoss Lamech - doch es war nicht ein Wildtier, sondern Kain, der getötet wurde; Tubal-Kajin hatte das Kains-Zeichen, das hier als Horn beschrieben wird, mit dem Horn eines Tieres verwechselt. Verzweifelt schlug Lamech sich in die Hände und tötete so versehentlich auch Tubal-Kajin.«Konkrete Angaben zu den »jüdischen Legenden« sind freilich im »Ökumenischen Heiligenlexikon« nicht zu finden.

Wolfgang Stuch schrieb im Januar 2020 zwei interessante Kommentare bei facebook zu einem Beitrag von mir: »In den Apokryphen Schriften wird Kain versehentlich durch einen Pfeil getötet. … Sucht einfach mal im Netz nach Kains Tod. ... In jüdischen Legenden kommt da eine Passage vor.« Wenn es um »jüdische Legenden« geht, ist für mich das siebenbändige »Legends of the Jews« die erste Quelle, die ich zu Rate ziehe. Als sehr hilfreich hat sich die eBook-Aushabe von Ginzbergs monumentalem Werk in Sachen »Kains Tod« erwiesen. In Band 1 entdeckte ich im Kapitel »Die Nachkommen von Kain« die kuriose Beschreibung vom Tod Kains, wird der doch das Opfer eines blinden Jägers (5):

»Das Ende Kains überkam ihn in der siebten Generation der Menschen, und es wurde ihm zugefügt von der Hand seines Urenkels Lamech. Dieser Lamech war blind und wenn er zum Jagen ging, da wurde er von seinem jungen Sohn geführt, der seinen Vater darüber informieren würde, wenn Wild in Sicht kam, und Lamech würde dann mit Pfeil und Bogen darauf schießen.
Eines Tages gingen er und sein Sohn auf die Jagd, und der junge Bursche machte etwas Gehörntes in der Ferne aus. Natürlich hielt er es für irgendein Tier und er teilte dem blinden Lamech mit, er könne seinen Pfeil fliegen lassen. Der zielte gut und die Beute fiel zu Boden. Als sie dem Opfer nahe kamen, rief der kleine Junge aus: ›Vater, du hast etwas getötet, das in jeder Hinsicht einem Menschen ähnelt, mit Ausnahme des Horns auf der Stirn!‹
Lamech wusste sofort was geschehen war – er hatte seinen Ahnen Kain getötet, der von Gott mit einem Horn gekennzeichnet worden war. Voller Verzweiflung schlug er die Hände zusammen, wobei er dabei versehentlich seinen Sohn tötete.«

Brudermörder Kain, versehentlich von einem blinden Jäger mit Pfeil und Bogen erlegt? Ich suchte nach einer Illustration zur Geschichte vom blinden Jäger Lamech, der seinen Urahnen mit einem Pfeil erlegte. Genauer gesagt: Ich hatte vor meinem geistigen Auge ein Bild von Lamech, wie er gerade seinen Pfeil auf Kain abfeuerte. Irgendwann hatte ich dieses Bild irgendwo gesehen. Ich suchte in meinem Fotoarchiv. Ich wälzte diverse kunsthistorische Fachbücher, grub mich durch Berge von Kirchenführern. Vergeblich. Eines Nachts Anfang Januar 2020 wachte ich auf und erinnerte mich plötzlich sehr genau. Ich hatte das ominöse Bild vor vielen Jahren als Kind gesehen.

Mein Vater Walter Langbein sen. Unterrichtete am »Meranier-Gymansium Lichtenfels« Englisch und Französisch. Er bereiste England, Frankreich und die USA, arbeitete auch in Frankreich und in den USA als Lehrer. Intensiv sind meine Erinnerungen an die Basilika von Vézelay.

Vézelay ist eine kleine französische Gemeinde mit etwa vierhundert Einwohnern im Département Yonne in der Region Bourgogne-Franche-Comté. So wenige Menschen in Vézelay auch leben, so ist der Ort weltweit als einer der Ausgangspunkte des Jakobswegs (Via Lemovicensis) bekannt. Ich war als Kind mit meinem Vater vor Ort und kann mich nur noch an die Basilika von Vézelay erinnern. Das mächtige Gotteshaus empfand ich als bedrohlich. Wie eine furchteinflößende Kreatur thronte es auf einer Anhöhe über dem kleinen Dörfchen Vézelay. Das Riesenbauwerk hat sich mir als eine riesige Verschachtelung von Monstermauern, die wohl Mumien und Mysterien bieten würden, eingeprägt.

Gruselig war ein kurzer Besuch in der Krypta. Beim schwachen Schein einzelner Glühbirnen war die Wirklichkeit unheimlich wie ein alter Stummfilm über das »Phantom der Oper«. Spinnen hatten wohl schon vor Ewigkeiten ihre Netze aufgegeben, in denen sich längst keine Insekten mehr verfingen. Von irgendwo her kamen Geräusche von tropfendem Wasser. Ob es noch weitere, bislang unentdeckte Räume gab, hinter dicken steinernen Mauern? Würde man dort die Gebeine verschmachteter Gefangener finden, die irgendwo lebendig eingemauert worden waren?

Der wuchtige Turm beeindruckte mich sehr. Ausführlich erklärte mir mein Vater  die kunstvollen Kapitelle, die alle in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstanden sind.

Fußnoten
(1) Genesis, Kapitel 4, übersetzt aus dem hebräischen Text der »Biblia Hebraica«
(2) Hier ist der hebräische Text wohl unvollständig überliefert! Was sagte Kain zu Abel? Die Aussage Kains fehlt. Vermutlich fordert Kain seinen Bruder auf, aufs Feld zu gehen.
(3) 1. Buch Mose Kapitel 4, Vers 17
(4) »Ökumenisches Heiligenlexikon«, Stichwort »Lamech«. https://www.heiligenlexikon.de/BiographienL/Lamech.html Stand 8.1.2020
(5) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews: From Creation to Jacob«, zu Deutsch etwa: »Die Legenden der Juden: Von der Schöpfung bis Jakob«
Die Printausgabe von Band 1 erschien erstmals 1909, S. 116, 14. Zeile von oben – S.117, 1. Zeile von oben

Zu den Fotos
Foto 1: Kain erschlägt Abel, Genter Altar von Jan van Eyck, 1432, gespiegeltes Foto, Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Kain und Abel als Motiv einer Briefmarke. Frankreich 1974, Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

526. »Die zwei Tode eines Mörders«,
Teil 526 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. Februar 2020



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Sonntag, 10. Mai 2015

277 »Maria Magdalena, Heilige und falsche Märtyrer«

277 »Maria Magdalena, Heilige und falsche Märtyrer«
Teil 277 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Adam und Eva.. oder nicht?
Vézelay ist mir nicht in erster Linie als Sakralbau in Erinnerung geblieben, sondern als eine mächtige, wehrhafte Burg mit dicken steinernen Mauern und einem wuchtigen Turm. Das Gotteshaus ist Maria Magdalena gewidmet. »Magdalena« kann auf das hebräische »migdal«, zu Deutsch »Turm« zurückgeführt werden. So gesehen passt der massive Turm gut zur Namensgeberin der »Magdalenen-Basilika«.

Faszinierend sind die Reliefdarstellungen auf unzähligen Säulenkapitellen. Was mir bei meinen Recherchen auffällt: Die »offizielle« Erklärung so manches Kunstwerks scheint mir nicht so recht zur Realität des Dargestellten zu passen.

Da gibt es, wie beschrieben, eine sehr schöne Darstellung von Adam und Eva. Eva wird von einer Schlange erklommen, Adam hat eine Narbe aufzuweisen, just dort, wo nach Genesis eine Rippe entnommen wurde. Adam und Eva sind nackt, sie hantieren mit großen Blättern. Wollen sie gleich ihre Blöße bedecken, so wie wir das aus Genesis kennen?

Adam? (Foto links), Adams Narbe (Foto rechts)

Die offizielle Erklärung will aber von Adam und Eva nichts wissen. Dargestellt seien, so notierte mein Vater aus einem vergilbten Kirchenführer, nicht die ersten Menschen. Sondern »Wollust und Verzweiflung«. Tatsächlich hat der vermeintliche (?) Adam das Attribut, das in Vézelay böse Dämonen auszeichnet, stehende, wehende Haare wie züngelnde Flammen. Und wenn man genauer hinsieht, dann erkennt man, dass »Adam« wie alle Dämonen von Vézelay, den Mund zu einem Schrei weit aufgerissen hat. Offensichtlich peinigen ihn große Schmerzen… Und er rammt sich ein Schwert in den Leib. Offensichtlich begeht der Dämon in der Darstellung von Vézelay Selbstmord….

»Eustachius jagt den Hirsch« stand in französischer und deutscher Sprache auf einem Täfelchen am Fuße einer der Säulen. Eustachius ist einer der großen Märtyrer und Nothelfer im Volksglauben des Katholizismus. Der Überlieferung nach soll ein gewissen Placidus, römischer Heermeister unter Kaiser Trajan in Kleinasien, ein wundersames Erlebnis gehabt haben. Placidus war auf der Jagd, als ihm ein Hirsch entgegentrat, dessen Geweih ein leuchtendes Kreuz schmückte. Eine Stimme habe die wundersame Erscheinung erklärt. Jesus selbst, so wird überliefert, habe zum Jäger gesprochen und verkündet: »Ich bin Christus, der Himmel und Erde erschaffen. Ich bin der Herr des Lichts und der Finsternis!«

Placidus jagt den Wunderhirsch.

Placidus fiel, so heißt es, vor Schreck vom Pferd. Mehrfach soll sich das Schauspiel wiederholt haben. Auch Placidus‘ Frau soll die Stimme gehört haben. Schließlich ließ Placidus sich und alle Angehörigen taufen. Von nun an nannte er sich Eustachius. Offenbar waren aber die himmlischen Mächte von Eustachius‘ Bekehrung zum Christentum nicht wirklich überzeugt. So wurden seine Knechte und Mägde krank und starben. Sein Vieh wurde von einer schlimmen Säuche dahingerafft. Blutrünstige Räuber überfielen die Besitzung des Eustachius, der völlig mittellos mit Weib und Kindern fliehen musste. Schließlich sollte es Eustachius ans Leben gehen. Mit seiner Familie wurde er hungrigen Löwen zum Fraß vorgeworfen. Die wilden Bestien aber krümmten Eustachius und seinen Lieben kein Haar. Sie zollten ihnen Respekt und verbeugten sich vor ihnen. Daraufhin wurden Eustachius und Anhang in kochendes Wasser geworfen. Sie starben qualvoll, auch wenn sie  ansonsten unversehrt blieben.


Der Hund des Heiligen...
Die Darstellung von Véseley zeigt Eustachius hoch zu Ross, in ein Horn blasend. An einer Leine führt Eustachius einen Jagdhund.

Die katholische Kirche allerdings anerkennt die fromme Legende heute nicht mehr. Vermutlich ist die Geschichte ebenso das Produkt frommer Fabulierer wie die angebliche Himmelserscheinung, die Konstatin der Große zwei Jahrhunderte später gesehen haben soll. Am Himmel soll Konstatin ein leuchtendes Kreuz gesehen haben, kurz vor der Schlacht gegen seinen Rivalen Maxentius im Jahre 312. Eine Inschrift habe verkündet: »Unter diesem Zeichen wirst Du siegen!« Der Historiker Rolf Bergmeier allerdings geht von einer frommen Erfindung aus.  Anno 312 war das Kreuz noch gar nicht das Symbol des jungen christlichen Glaubens.

Die fromme Mär von Eustachius und den Löwen ist wohl von »Daniel in der Löwengrube« inspiriert (1). Im Fall Daniel war es Gott selbst, der einen himmlischen Helfer sandte, so dass Daniel den Aufenthalt bei den wilden Löwen unberührt überstehen konnte. Daniel selbst erklärt (2): »Mein Gott hat seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten hat, sodass sie mir kein Leid antun konnten; denn vor ihm bin ich unschuldig, und auch gegen dich, mein König, habe ich nichts Böses getan.«

Darius der Große
Die Künstler, die so emsig die Säulenkapitelle von Vézelay mit Reliefbildern versahen, stellten auch Daniel in der Löwengrube dar. Daniel, mit »Heiligenschein« versehen, gehüllt in einen majestätischen Mantel, trotzt ohne Angst den Löwen. Daniel gerät, so der biblische Bericht, in Lebensgefahr, weil ihm böse Neider nach dem Leben trachten. Sie wenden sich an König Darius (* 549 v. Chr.; † 486 v. Chr.) und fordern die Bestrafung Daniels. Hat er doch dem Verbot zum Trotz weiter zu seinem Gott Jahwe gebetet und nicht zum Gottkönig Darius. Also wird Daniel in die Löwengrube geworfen, überlebt aber auf wundersame Weise, weil Gott die flehentlichen Gebete des Darius erhört und einen Schutzengel schickt. Daniel wird also nicht zum Märtyrer, weil Gott selbst helfend eingreift. Dieses Glück hatten christliche Märtyrer nicht. Auch sie wurden angeklagt, weil sie den falschen Gott anbeteten. Sie wurden oft auf grauenhafte Weise gefoltert und gepeinigt. Zunächst griffen himmlische Mächte zu ihren Gunsten ein, doch am Ende starben sie dann doch.

Die Säulenkapitelle von Vézelay stellen ein Kompendium in Stein dar. Sie wurden geschaffen für Menschen, die nicht lesen können. Sie illustrieren freilich nicht nur Texte des Alten und des Neuen Testaments, sondern auch Tierfabeln, Legenden von Heiligen und alte Mythen der Römer und der Griechen. Allegorische Darstellungen – etwa von Jahreszeiten – gehören auch zum vielseitigen Repertoire der Künstler, die die »steinerne Bibliothek« von Vézelay schufen.

Entstanden sind die Kunstwerke bereits im frühen zwölften Jahrhundert, etwa von 1125 bis 1140. Fast alle sind im Original bestens erhalten und mussten nicht restauriert werden.

»Nur ganz wenige der Darstellungen an den Kapitellen sind keine Originale!«, beklagte fast ein wenig ärgerlich unser mönchischer Führer. »Im 19. Jahrhundert wurden einige wenige Originale entfernt und durch sehr exakte Kopien ersetzt.«

»Manche Darstellungen muten aber doch etwas heidnisch an…«, meinte mein Vater zögernd. »Auch die ›heidnischen‹ Motive erzählen christliche Geschichten!«, protestierte unser Führer. »Was für die einen der Kampf des Odysseus gegen Skylla ist, ist für den anderen der Heilige Michael als Sieger über den Drachen!«

Fakt ist, dass wir heute – rund 900 Jahre später – die Bildnisse an den Kapitellen nicht mehr alle wie ein Buch lesen können. Manche »Comicstrips« sind uns vertraut: Da tötet David Goliath mit einem Stein aus seiner Schleuder, dort klettert der siegreiche David auf Schilfrohr und enthauptet den Giganten. Und dort trägt er als Trophäe  des Riesen Kopf ins Lager der Hebräer. Wir erkennen Moses, der beobachtet, dass ein Ägypter einen seiner Landsleute misshandelt hat. Moses erschlägt den Römer und deckt seine Leiche mit Laub zu. Wer aber soll der Mann sein, der in Gesellschaft von zwei Bären gezeigt wird?

An anderer Stelle wurde jemand – präzise in Stein graviert – aufgehängt. Wir vermuten, dass das Judas, der »Verräter« sein soll. Auf dem nächsten steinernen Bild wird der Tote geschultert und weggetragen. Von wem? Sollte gezeigt werden, dass Jesus auch seinen Verräter – Judas – errettet? So manches der stummen Bildnisse ist offen für Spekulation.

Benedikt bei der Totenauferweckung
Wundersames und Skandalöses erzählen die stummen steinernen Zeugen von Vézelay. Da führt der Heilige Benedikt eine Totenauferweckung durch… von einem Baby oder Kleinkind. Eugenia von Rom (etwa 180 – 260 n.Chr.) trat – so lautet die Überlieferung – als Frau in ein Männerkloster ein: als Mann verkleidet. 

Sie genoss schon bald so hohes Ansehen in ihrer Gemeinschaft, dass sie – der vermeintliche Mann – zum Abt gewählt wurde. Von einer bösartigen Frau wurde sie – als Mann – der Vergewaltigung beschuldigt. Da offenbarte Eugenia ihr Geheimnis. Nur dadurch dass sie sich als Frau offenbart kann sie die Anschuldigung der Vergewaltigung ad absurdum führen.

Die fromme Eugenia endete als Märtyrerin. Sie wurde wegen ihres christlichen Glaubens eingesperrt, zum Tode verurteilt und durch Enthauptung hingerichtet. Märtyrer - Menschen, die wegen ihres Glaubens leiden, gepeinigt, getötet werden – gab es freilich nicht nur in der frühen Geschichte des Christentums. Im 16. Und 17. Jahrhundert bezahlten unzählige Anhänger der christlichen Wiedertäufer ihr offenes Bekenntnis ihres Glaubens mit dem Leben. Bis heute ist dieses dunkle Kapitel der Geschichte des Christentums nicht vollständig erforscht. Die Zahl der Opfer wird bis heute eher zu niedrig geschätzt. Täter waren Katholiken wie Lutheraner.

Daniel zwischen Löwen
Daniel blieb das Los eines Märtyrers erspart. Dank eines Engels überlebte er den Aufenthalt in der Löwengrube. Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus gibt es mehr Märtyrer denn je. Das Missionswerk »Open Doors« schätzt, dass weltweit erschreckende 100 Millionen Menschen in über fünfzig Ländern wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt werden. Märtyrer unserer Tage sind koptische Christen. Märtyrer leiden wegen ihres Glaubens. Sie fügen Andersgläubigen kein Leid zu. Märtyrer sind immer Opfer, Täter können niemals Märtyrer sein.

Vermutlich befürchteten einst schon die Künstler von Vézelay Missverständnisse und Rätselraten. Sie sollen – einige oder viele – ihrer steinernen Szenarien mit Titeln versehen haben. Diese Inschriften aber sind – wann auch immer – verschwunden. Sollte es gar mit der offiziellen Lehrmeinung der katholischen Kirche unvereinbare Erklärungen gegeben haben?

Die Baumeister von Vézelay müssen wahre Meister ihres Fachs gewesen sein. Sie haben als Bauingenieure viele Details mit Pedanterie und ohne Computer berechnet. Wichtig ist auch das Licht. Je nach Sonnenstand und Uhrzeit  treffen die durch Fenster fallenden Sonnenstrahlen ganz bestimmte Stellen im Gotteshaus. Erstrahlten besonders wichtige Darstellungen zu ganz bestimmten kirchlichen Feiertagen im punktuellen Licht der Sonne? Werden wir je die Geheimnisse von Vézelay wie ein Buch lesen können, neun Jahrhunderte später?

Fußnoten

(1) Buch Daniel Kapitel 6, Verse 1-28
(2) ebenda, Vers 23

Zu den Fotos:

Adam und Eva.. oder nicht?: Foto wiki commons/ Vassil
Adams Narbe?: Foto wiki commons/ Vassil
Adam?: Foto wiki commons/ Vassil
Placidus jagt den Wunderhirsch: Foto wiki commons/ Vassil
Der Hund des Heiligen: Foto wiki commons/ Vassil
Darius der Große/ Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Benedikt bei der Totenauferweckung: Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Daniel zwischen Löwen: Foto wiki commons/ Vassil

278 »Karl der Große, Feuerräder und Gebetsuhren«
Teil 278 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 17.05.2015

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Sonntag, 3. Mai 2015

276 »Adam, Eva und Dämonen«

Teil 276 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Basilika und Festung...

Eine Fülle von Bildern, in Stein gemeißelt, zieht an meinem geistigen Auge vorüber, wenn ich an meinen Besuch vor Ort in der Basilika von Vézelay denke. An einzelne kunstvoll reliefartig gearbeitete Szenen kann ich mich sehr gut erinnern. Da waren zum Beispiel zwei Männer zu sehen, die genüsslich Weintrauben verzehrten. Andere Kapitelle wiederum boten »nur« kunstvoll ausgearbeitete Ornamente oder Blattwerk. An die »Bremer Stadtmusikanten« erinnerte mich die Darstellung musizierender Tiere.


Adam und Eva von Höxter
Manch‘ biblisches Motiv ist ganz eindeutig zu verstehen. Da waren, ich erinnere mich sehr genau, Adam und Eva zu sehen, beide – angedeutet – nackt. Der unbekannte Künstler von Vézelay vermied einen Fehler, der bis heute immer wieder gemacht wird! Was viele Zeitgenossen nicht wissen: 

Die falsche Frucht
Der biblische Bericht vom »Sündenfall« spricht nicht von »Äpfeln«, sondern allgemein von Früchten, die Adam und Eva nicht verzehren durften. Im Säulenkapitell von Vézelay sind es Weintrauben, die den ersten Menschen zum  Verhängnis werden.Adam und Eva von Höxter (Foto links) haben eindeutig die falsche Frucht konsumiert (Foto rechts).

Nach der »Vertreibung von Adam  und Eva aus dem Paradies durch einen Engel mit Flammenschwert« suchte unser mönchischer Führer vergeblich. Er fand die Darstellung nicht, versicherte uns aber immer wieder, sie »erst gestern« gesehen zu haben. Heute bezweifele ich, dass es eine solche Darstellung in Vézelay überhaupt gibt. Jedenfalls habe ich nirgendwo in der – allerdings spärlichen – Literatur einen Hinweis auf eine solche Szene in der Basilika von Vézelay ausfindig machen können.

Vertraut war mir damals beim Besuch vor Ort die Geschichte von David und Goliath. Nachdem der kleinwüchsige David den hünenhaften Goliath mit seiner Steinschleuder außer Gefecht gesetzt hatte und der Riese zu Boden gestürzt war, hatte David leichtes Spiel. Er lieh sich das Schwert des Besiegten und hieb ihm das Haupt vom Rumpf. Was die kleine kunstvolle Illustration zur biblischen Erzählung von David und Goliath so interessant macht? Fast im Stil eines heutigen Comicstrips wird dargestellt wie David gerade seine Steinschleuder schwingt. Und dann sieht man den besiegten Goliath, dem David just den Kopf vom Leibe trennt. Beide, zeitlich natürlich aufeinander folgenden Szenen, wurden vom unbekannten Künstler in Vézelay in einem Bild aus Stein vereinigt.

David und Goliath von Vézelay

Andere Darstellungen haben überhaupt keinen erkennbaren biblischen oder auch allgemein religiösen Hintergrund. Mich beeindruckte der Kampf zwischen zwei Rittern. Unser frommer Führer erklärte, die beiden Ritter symbolisierten Streit und Zwietracht. Spannend fand ich Mythologisches. Da gab es zum Beispiel einen muskulösen Zentauren. Das Fabelwesen aus der griechischen Mythologie, halb Mensch, halb Pferd, war mit Peil und Bogen ausgestattet und zielte auf einen riesigen Vogel. Mir tat damals das potentielle Jagdopfer sehr leid. Saß es doch ahnungslos an einem Baum und pickte friedlich an den Zweigen herum.

Beängstigend war ein bemerkenswerter Zweikampf, den eine Mann und eine Frau austrugen. Der Mann war, so schien es, auch eine Art Zentaur. Oder war es ein Mensch der auf einem monströsen Fabelwesen ritt? Die Frau war wohl – auch? –  eine Art Zentaur. Sie hatte den Leib eines Vierbeiners, eher eines Rindes als eines Pferdes, ansonsten war sie irdisch-verführerische Frau.

Sehr beeindruckt hat mich, ich erinnere mich genau, an einen riesenhaften Adler, der ein kleines Menschlein entführte und durch die Lüfte davontrug. Sollte als Vorlage alte Mythologie gedient haben? Dann war der Adler kein Geringerer als Gott Jupiter höchstpersönlich, der in Gestalt eines Adlers Ganymed verschleppt hat. Wie auch immer: Eine hässliche Fratze beobachtete wohlgefällig, ja zufrieden grinsend das Geschehen. Von solchen Bildnissen wollte uns unser ansonsten sehr geduldiger Führer immer wieder weglocken, um uns biblische Darstellungen zu zeigen und zu erklären.

Moses, das Goldene Kalb...
Immer wieder gab es Darstellungen von zwei aufeinander folgenden Szenen, die auf den Säulenkapitellen zu einem Bild vereinigt wurden. Ein weiteres Beispiel: Moses hatte Gott höchstselbst auf dem »Heiligen Berg« getroffen und die berühmten beiden steinernen Tafeln mit den »Zehn Geboten« erhalten. Als Moses mit diesen konkreten Vorschriften Gottes vom Berg herabkam, musste er entsetzt feststellen, dass sich das Volk längst heidnischem Glauben zugewendet hatte. Aus Goldschmuck hatten die Undankbaren ein Standbild gefertigt, das »Goldene Kalb«, dem sie tanzend und frohlockend huldigten. Diesem Idol opferten sie.

Auf dem Säulenkapitell sieht man nun Moses mit den Gesetzestafeln, das Kalb, einen Menschen, der auf seinen Schultern ein Opfertier heranträgt… und über dem Kalb frohlockt jubilierend, die Arme begeistert gen Himmel reckend, den Mund weit zum  triumphierenden Schrei aufgerissen, ein böser Dämon. Der teuflische Unhold hat – wohl als kennzeichnendes Merkmal für höllische Gestalten – wild gen Himmel stehende Flammenhaare! Solche Dämonen wurden immer wieder auf Kapitellen von Vézelay verewigt!

Höllische Kreaturen – Dämonen – tauchten, so ich mich recht entsinne, immer wieder auf, auf den Säulenkapitellen. Mit brachialer Gewalt peinigten sie ihre Opfer. Da waren in einer Darstellung gleich drei wahrlich bösartige Teufel zu sehen… nach erfolgreichem Verbrechen! Sie hatten soeben ein Menschlein von einem hohen Turm gestürzt. Einer der drei höllischen Unholde wollte wohl auf »Nummer Sicher« gehen und versetzte dem zerschmettert am Boden liegenden Sünder einen wuchtigen Hieb auf den Kopf.

Eine Art Drachen – eine Mixtur aus verschiedenen Tieren – und eine riesige Heuschrecke saßen einander gegenüber. Laut klösterlichem Führer sei die Riesenheuschrecke – warum auch immer – als die bekehrte Heidenwelt zu verstehen, die sich dem Christentum zugewendet hatte. Das furchteinflößende Drachenmischwesen wiederum, das die Neu-Christen zu attackieren gedachte, sei leicht als der Teufel selbst zu erkennen. Weitschweifig erklärte der Gottesmann, dass der Teufel immer wieder versuche, Neubekehrte Christen vom wahren Glauben abzubringen und wieder zu Heiden zu machen. Kurzum, der Teufel missioniere für Irrglauben und brächte Verderben, Tod und ewige Höllenqual.

Vézelay als Briefmarkenmotiv, Frankreich 1946

Dieser »ewige Kampf« zwischen den göttlich-himmlischen und den teuflisch-bösen Mächten sei vielfach auf den Säulenkapitellen von Vézelay zu sehen. Das Böse locke mit Sünde, sprich mit den Verlockungen schöner Frauen. Auf einem der Kapitelle sah man eine schöne Frau, die einen jungen Mann bezirzen will. Ob das »böse Weib« den Jüngling vom rechten Pfad abbringen kann? Die steinerne Reliefarbeit ließ das Ende der Geschichte offen. Daneben gab es noch zwei Menschlein undefinierbaren Geschlechts, die sich – verliebt – an den Händen hielten. Der manchmal etwas sehr grimmige Mönch wertete die Darstellung als »Sünde des Fleisches«. Er zeigte auch wiederholt große Bedenken, als mir mein Vater seine Erklärungen übersetzte. Er meinte wohl, dass ich zu jung sei, um von derlei »Sündenpfuhl« zu erfahren.

Ganz eindeutig zu erkennen waren ein hold lächelnder Engel und ein Teufel mit grässlicher Fratze. Engel und Teufel seien die mächtigen Vertreter von Gut und Böse. Der hämisch grinsende, hasserfüllt die Zähne fletschende Satan hatte nur das ewige Verderben der Menschen im Sinn. Der Engel, als Vertreter der Himmelsmacht, hingegen wollte verhindern, dass die Menschen den »sündigen Verlockungen« aus der Höllenwelt zum Opfer fielen.

Zu den schönsten Darstellungen gehören die Reliefarbeiten an einem der Kapitelle im südlichen Seitenschiff. Aus der Vorhalle kommend sieht man rechts eine imposante Säule. An der Westseite dieser Säule kämpfen im Kapitell zwei mythologische Fabelwesen miteinander. An der Südseite der Säule wird im Kapitell ein Hirte von einem Adler durch die Lüfte entführt. An der Ostseite des Säulenkapitells musizieren Tiere. Thema der Nordseite des Säulenkapitells: Judas Tod am »Galgen« und Abtransport des toten Verräters.

Adam und Eva von Vézelay
Geht man weiter nach Osten in Richtung Chor, steht man vor der nächsten Säule, deren Kapitelle sehr interessant sind. An der Nordseite ist im Kapitell eine der vielen grausamen Mordtaten des Alten Testaments verewigt. Abschalom (zu Deutsch: »Vater des Friedens« oder »Der Vater ist Frieden«) lässt seinen Halbbruder Amnon (zu Deutsch: »Treue«) aus Rache ermorden. Amnon hatte sich krank gestellt, Abschaloms Halbschwester Tamar war ans Krankenlager geschickt worden, um den heimtückischen Amnon verköstigen und zu pflegen. Amnon nutzte die Gelegenheit und vergewaltigte Tamar. Da traf es sich gut, dass Amnons Vater kein Geringerer als der legendäre König David war. So wurde Amnon nicht, wie es das mosaische Gesetz eigentlich forderte, hingerichtet. Abschalom sann auf Rache. Als er gemeinsam mit Amnon ein rauschendes Fest feierte, ergab sich eine günstige Gelegenheit. Als Amnon betrunken war, ließ ihn Abschalom von Gefolgsleuten töten. Das Relief am Säulenkapitell zeigt den gewaltsamen Tod Amnons.

Die Ostseite des Säulenkapitells bietet angeblich eines der schönsten Kunstwerke von Vézelay. Auf den ersten Blick wurde hier das wohl bekannteste Paar der Bibel im steinernen Relief hoch oben am Ende der Säule verewigt. Wir erkennen zwei Menschen, beide sind nackt, beide hantieren mit großen Blättern. Beide sind wohl im Begriff, ihre Blöße mit den Blättern zu bedecken. An den Beinen der Nackten klettert eine Schlange empor. Das alles kennen wir aus dem Schöpfungsbericht. Die Schlange hat Eva verleitet, gegen das göttliche Verbot zu verstoßen... Im 1.Buch Mose (Kapitel 3, Verse 6 und 7) lesen wir:

»Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.«

Just dieses Szenario, so scheint es, wird hoch oben am Säulenkapitell dargestellt. Ein weiteres Detail deutet auf »Adam und Eva« hin.....

Ein weiteres Detail...

Daszu mehr in der nächsten Folge.... Und noch ein Detail... Rätsel über Rätsel in Vézelay.....

Fotos

Basilika und Festung: Foto wiki commons/ Ziegler175
Adam und Eva von Höxter: Foto Walter-Jörg Langbein
Die falsche Frucht: Foto Walter-Jörg Langbein
David und Goliath von Vézelay: Foto wiki commons/ Vassil
Moses, das Goldene Kalb..: Foto wiki commons/ Vassil
Vézelay als Briefmarkenmotiv, Frankreich 1946:
Foto Archiv Langbein
Adam und Eva von Vézelay: Foto wiki commons/ Vassil
Ein weiteres Detail: Foto wiki commons/ Vassil
Und noch ein Detail (Foto links!): Foto wiki commons/ Vassil

277 »Maria Magdalena, Heilige und falsche Märtyrer«
Teil 277 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 10.05.2015

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Sonntag, 26. April 2015

275 »Ein mysteriöses Kompendium in Stein«

Teil 275 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Das »lebende Kreuz« von Verden, Foto W-J.Langbein

Die geheimnisvolle »Gestalt« auf dem mysteriösen Sakralbau von Verden…. Sie wirkt wie ein lebendes Kreuz, wie eine lebende Pflanzenkreatur, wie ein Mischwesen aus uralten Zeiten. Albert Einstein äußerte sich wie folgt: »Der intuitive Verstand ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.« Ich halte es für wichtig, dass wir wieder das »heilige Geschenk des intuitiven Verstands« achten und als Werkzeug des Denkens einsetzen. Bemerkenswert ist ja, dass Einstein Intuition und Logik nicht als unvereinbare Gegensätze ansieht. Vielmehr ordnet er Intuition auch dem weiten Feld des Verstandes zu.

Die Gestalt in Stein.
Uralte Sakralbaten des christlichen Abendlandes bieten eine Fülle von Kunstwerken, die – so habe ich in unzähligen Kirchen von örtlichen Führern gehört – vor allem für die große Masse der Menschen gedacht waren, die vor Jahrhunderten eben nicht ein Buch lesen konnten! Viele religiöse Darstellungen, wie wir sie aus Kirchen kennen, bieten Geschichte, die jeder Christ sofort versteht. Das Jesuskind in der Krippe, umringt von Maria und Joseph, den »Heiligen Drei Königen« und Ochs‘ und Esel, bedarf keiner weiteren Erklärung. Auch wenn das fromme Idyll meist eher in einen Stall aus dem rustikalen Bayernland als ins »Heilige Land« verlegt wird… die Geschichte von der Geburt Jesus im Stall von Bethlehem erkennt wohl jeder Zeitgenosse, der jemals die Weihnachtsgeschichte vernommen hat.

Andere sakrale Darstellungen allerdings sind sehr mysteriös. Nicht immer passt die offizielle Erklärung, wie sie beispielsweise in Führern suggeriert wird, wirklich zu den religiösen Kunstwerken. Oft ist Spekulation gefragt, wenn man die Botschaft der religiösen Darstellungen verstehen will. Das trifft in besonderem Maße für die Basilika von Vézelay zu, die man mit zahllosen Halbreliefs über dem Haupteingang bis hin zu den Säulenkapitellen überreich ausgestattet hat. Als Kind empfand ich diese Kunstwerke nicht als märchenhaft oder gar erbaulich, sondern als oftmals geradezu furchteinflößend!

Vézelay... auf dem »Heiligen Hügel«

Schon die Basilika von Vézelay selbst empfand ich als bedrohlich auf einer Anhöhe über dem kleinen Dörfchen Vézelay thronend, wie eine riesige Verschachtelung von Monstermauern, die wohl Mumien und Mysterien bieten würden. Unheimlich war ein kurzer Besuch in der Krypta, beim schwachen Schein einzelner Glühbirnen, war unheimlich wie ein alter Stummfilm über das »Phantom der Oper«. Spinnen hatten wohl schon vor Ewigkeiten ihre Netze aufgegeben, in denen sich längst keine Insekten mehr verfingen. Von irgendwo her kamen Geräusche von tropfendem Wasser. Ob es noch weitere, bislang unentdeckte Räume gab, hinter dicken steinernen Mauern? Würde man dort die Gebeine verschmachteter Gefangener finden, die irgendwo lebendig eingemauert worden waren?

Die Basilika von Vézelay
Hier in der Krypta wurden einst angeblich die Gebeine der Maria Magdalena bestattet. Der Glaube an diese ganz besondere Reliquie machte Vézelay zum vielleicht wichtigsten Pilgerziel Europas! Der Legende nach erreichte Maria Magdalena nach Jesu Tod am Kreuz auf dem Seeweg über das Mittelmeer Saintes-Maries-de-la-Mer in der Provence. Dort habe sie, als Apostelin der Apostel, das Christentum gepredigt und sei schließlich in der Fremde, fern der Heimat, gestorben. Ein Mönch, so besagt es die Legende weiter, schaffte die Gebeine der Maria Magdalena, die nach den Schriften des Neuen Testaments übrigens keine Prostituierte war, nach Burgund. Vézelay galt allgemein als besonders gesegnet… durch die Gebeine der Heiligen Maria Magdalena.

Im späten 13. Jahrhundert aber, verlor Vézelay schlagartig seine Bedeutung, als die lange angebeteten Gebeine nicht mehr als echt angesehen wurden. Der gewaltige Pilgerstrom, der sonst unzählige Gläubige nach Vézelay geführt hatte, versiegte. Vézelay versank in der Bedeutungslosigkeit. Auch wenn die Reliquien der Maria Magdalena heute nicht mehr als echt gelten, so finden sich auch zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends immer wieder Pilger, die vom Mysterium Maria Magdalena angelockt den Weg nach Vézelay finden. Das Gotteshaus und der Hügel, auf dem die Basilika und die mächtigen Wehranlagen erbaut wurden, wurden 1979 zum »UNESCO-Weltkulturerbe« ernannt.

Ausschlaggebend für den Niedergang Vézelay war Mitte des zwölften Jahrhunderts die Entdeckung neuer Gebeine der Maria Magdalena in St. Maximin, in der Provence. Die angeblich wirklichen Reliquien befinden sich in einer Krypta unter der Basilika »Ste.-Marie-Madeleine de Saint-Maximin-la-Sainte-Baume«. Ich jedenfalls fand den mir riesenhaft erscheinenden Bau als unheimlich und schön zugleich. Er war in meinen Augen so etwas wie mittelalterliche Burg und lichtdurchflutete Kirche zugleich.

Ein wehrhafter Eingang zur Basilika

Ein örtlicher Führer wisperte meinem Vater damals zu, es gebe Geheimgänge von den unterirdischen Gewölben in der Unterwelt, die weit hinab in die einstige Stadt Vézelay führten. Von einer einst Tausenden Menschen Wohnraum schenkenden Stadt war so gut wie nichts mehr erhalten. Ein kleines Dörfchen schmiegte sich an die Anhöhe, auf der sich die Basilika im Lauf der Jahrhunderte breit gemacht hatte. Wo hörte der Sakralbau auf? Was waren steinerne Mauern des Gotteshauses, was Überbleibsel von einst stolzen Häusern reicher Bürger von Vézelay, die so nah wie möglich an der Basilika leben und sterben wollten? Was gehört zur Basilika, was zu den imposanten Schutzmauern?

Die massive Eingangstür des Hauptportals war verschlossen, eine kleine, unscheinbare seitlich versteckte Tür aber ließ sich knarzend öffnen. Noch aber befand man sich nicht im eigentlichen Gotteshaus, sondern in einem beeindruckenden Vorraum. Wie man zu wissen meint, versammelten sich hier wahrscheinlich die Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostella. Hier versammelten sich im Jahr 1190 die Gefolgsleute von König Philipp II August und von König Richard Löwenherz zum Aufbruch. In diesem Jahr ging’s zu dritten Kreuzzug ins »Heilige Land«!

Johannes der Täufer
Wie so oft sind es, zum Beispiel im Hauptschiff,  die Säulenkapitelle, die die Aufmerksamkeit der Besucher verdienen. In zwölf Metern Höhe wurden da Szenen aus dem Leben von Heiligen in den Stein gemeißelt, es wurden aber auch biblische Episoden in Stein verewigt. Leicht zu erkennen ist zum Beispiel Johannes der Täufer. Und es gibt Darstellungen, die nicht leicht zu interpretieren sind. Nach christlichem Verständnis war er der Verkünder von Jesu Bedeutung als Messias. Die steinerne Figur trägt das Lamm vor sich her, als Symbol für Jesus. Das Kreuz soll auf den Opfertod Jesus hinweisen.

Vieles aber bleibt rätselhaft. Der klösterliche Führer, der meinem Vater das »gotische Gotteshaus« erklärte, verwies verschämt auf »heidnische Einflüsse«.

Offenbar sollten im frühen 12. Jahrhundert auch heidnische Besucher der Basilika von Vézelay angesprochen werden. Ihnen vertraute Bilder sollten den neuen Glauben für sie schmackhafter machen. »Heidnisch ist zum Beispiel das steinerne Halbrelief auf einem der Säulenkapitelle, das Odysseus und die mythologische Sirene zeigt. Ein sehr ähnliches »Duo« sah ich, leider im Stadium der Auflösung befindlich, in der einstigen Kaiserkirche von Kloster-Schloss Corvey an der Weser.

Nicht minder mysteriös ist ein ganz und gar nicht christliches Fabelwesen mit Schwimmhäuten an den Füßen. Vor dem angsteinflößenden »Tier« flieht entsetzt eine Art Vogel. Dieses Monster hat drei Köpfe.  Ganz in der Nähe postiert wurde eine aus der griechischen Mythologie entliehene Sirene (Mischwesen aus Frau und Vogel), versehen mit einer Schlange am »Allerwertesten«.

Der »Vorraum« wurde nachträglich angefügt. Die wuchtigen Kreuzgewölbe, die steinernen Rundbögen und die massiven, vertrauenerweckenden Pfeiler und beeindruckende Emporen lassen den »Vorraum« eher wie eine kleine Kirche vor der großen erscheinen. Eine steinerne Statue des legendären Vorläufers von Jesus gab dem »Vorraum« einen würdevollen Namen: »Kirche des Heiligen Johannes des Täufers«. Johannes trägt das Lamm mit dem Kreuz vor sich her, also das Symbol für den Messias, der nach christlichem Verständnis den Opfertod am Kreuz sterben wird.

Von den vielen Säulenkapitellen ist mir eines besonders im Gedächtnis geblieben: Da öffnet ein gefährlicher Drache seinen Schlund, aus dem so etwas wie ein gewaltiger Strahl schießt… gegen eine Frau. Kein Zweifel, der böse Drache trachtet der Frau nach dem Leben. Nach offizieller theologischer Sicht steht der Drache -  natürlich? –  für den Teufel, die Frau für »Mutter Kirche«. Der Teufel will die Gemeinschaft der Gläubigen vernichten.

Fratze, schreiend, mit Flammenhaar

Aufgefallen sind mir damals beim Besuch mit meinem Vater vor Ort immer wieder  menschliche (?) Gestalten mit sehr eigenartiger Haartracht. Das Haar fällt nicht etwa mähnenartig wallend zu den Schultern herab, es erinnert am ehesten an hoch auflodernde Flammen, die von den Köpfen gen Himmel schießen. Passend zu den schauerlichen Haaren sind oft die Fratzen, die die häufig schmerzhaft verrenkten Gestalten schneiden….

Kann man die unzähligen Reliefs auf den Säulenkapitellen wie ein Buch lesen? Wer die steinernen Rätsel zu entschlüsseln vermag, entdeckt ein ganzes Kompendium, das ohne einen geschriebenen Buchstaben auskommt! In unseren Breiten gibt es zahlreiche Darstellungen von Geschichten aus dem Neuen Testament, die wir auch ohne erklärenden Text sofort verstehen. Krippenszenen, zum Beispiel, sind uns bestens vertraut. Wir verstehen ihre Bedeutung sofort. Zahllose Darstellungen in Vézelay aber sind und bleiben rätselhaft. Hilft uns die intuitive Fantasie beim Verstehenwollen weiter? Was mag die mysteriöse Szene um die Mühle von Vézelay bedeuten? (Fotos weiter unten!)


Fotos

Die »Mühle« von Vézelay...
Das lebende Kreuz von Verden:
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Gestalt in Stein:
Foto Walter-Jörg Langbein

Vézelay... auf dem »Heiligen Hügel«:
Foto wiki commons/ amarant

Die Basilika von Vézelay:
Foto wiki commons/ Jean-Pol Grandmont

Ein wehrhafter Eingang zur Basilika:
Foto wiko commons/ pymouss gross

Johannes der Täufer:
Foto wiki commons/ vassil

Fratze, schreiend, mit Flammenhaar:
Foto wiki commons/ vassil

Krippenszene... uns wohlvertraut.
Die »Mühle« von Vézelay...: Foto wiki commons/ vassil

Krippenszene... uns wohlvertraut: Foto
Walter-Jörg Langbein



276 »Adam, Eva und Dämonen«,
Teil 276 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 03.05.2015

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