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Sonntag, 16. Februar 2020

526. »Die zwei Tode eines Mörders«

Teil 526 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Fotos 1 und 2: Der blinde Lamech tötet den Brudermörder Kain

Da stehen, in Stein verewigt, zwei Menschen. Einer scheint ehrfürchtig-ängstlich zu warten, der andere handelt konzentriert. Zwischen beiden liegt so etwas wie ein eng verschnürtes Bündel. Der Mann blickt in ein Buch. Was tut er? Bei dem Bündel könnte es sich um eine Mumie eines Kindes handeln. Der Mann mit dem Buch, angeblich soll das der Heilige Benedikt sein, mag Zaubersprüche murmeln, um die Mumie wieder zum Leben zu erwecken. Die Frau könnte die Mutter des toten Kindes sein. Dieses in Stein gemeißelte Halbrelief an einem der Säulenkapitelle habe ich als Kind in der Basilika von Vézelay gesehen.


Ich habe noch heute dieses geradezu bizarre Bild von mir. Es erinnert mich heute an einen der Klassiker des Horrorfilms aus den 1930ern in Schwarzweiß: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zu neuem Leben. Es mag sein, dass zu den echten Erinnerungen an die Basilika von Vézelay (1) nach und nach auch noch gruselige Fantasiebilder hinzukamen, ausgelöst von den höchst realen Reliefs oben an den kostbaren Säulenkapitellen.

Foto 3: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zum Leben.

Ich kann mich gut an meinen Besuch damals im Gotteshaus erinnern. Ich wäre am liebsten umher gerannt, um möglichst viele der zum Teil recht merkwürdigen Steinreliefs zu betrachten. Unser Führer, ein etwas verhärmt wirkender Herr mit wenig Verständnis für meinen Bewegungsdrang, mahnte mich immer wieder gestenreich zu ruhigem und stillem Benehmen. Die vielen Bilder faszinierten mich. Ich verstand nicht, was sie angeblich darstellen sollten. Sie regten meine Fantasie an. Manche machten mir Angst, manche fand ich lustig. Anderen wiederum hatte der Zahn der Zeit so stark zugesetzt, dass kaum noch etwas zu erkennen war.


Viele, vielleicht sogar die meisten Säulenkapitelle lagen im Halbdunkel des uralten Gotteshauses. Für wen waren wohl die mysteriösen Darstellungen gedacht? Kann man, so paradox das klingen mag, nur die Reliefs verstehen, wenn man weiß, was sie darstellen sollen? An manchen Kapitellen sind kleine Szenen dargestellt, mit einem Comicstrip vergleichbar, der in zwei oder drei Bildern eine Geschichte erzählen will. Aber ohne erklärenden Text kann der, der die Geschichte nicht kennt, die Bilder nicht verstehen. Wurden die Besucher des Gotteshauses vor Jahrhunderten von Geistlichen darüber aufgeklärt, was sie da sahen und zu sehen hatten?

Mein Vater führte mich von Säule zu Säule und machte mich auf die steinernen Darstellungen aufmerksam. Ein örtlicher Führer aus dem Klerus gab fromme Erklärungen ab, die mein Vater für mich aus dem Französischen ins Deutsche übersetzte.

Bei manchen der präzise gearbeiteten Reliefs wurde es unserem Guide sichtlich peinlich. Dann und wann versuchte er uns von bestimmten Darstellungen weg zu lotsen. Das waren aber gerade jene Abbildungen, die mich als Kind faszinierten oder beängstigten. Was waren das, zum Beispiel, für seltsame Wesen, die aufrecht wie ganz normale Menschen gingen, die aber Hundeköpfe hatten? Oberhalb eines Portals entdeckte ich zwei menschenähnliche Gestalten, die sehr seltsame Häupter hatten. Ich deutete auf ein Paar mit schweineartigen Köpfen. Sie hatten anstelle eines Mundes und der Nase etwas Rüsselartiges. Unser Guide zog mich weiter und reagierte gereizt, als ich leise wie ein Schweinchen quiekte. Und einen Zwerg durfte ich auch nicht lange betrachten, denn schon drängte unser Führer. Weiter sollte es gehen. Vorbei an einem Riesen und an seltsamen Gestalten, die wie Fische Schuppen zu haben schienen. Es gab ein faszinierendes und doch zugleich auch manchmal unheimliches Panoptikum an kuriosen Kreaturen und frommen Darstellungen.

Foto 4: Zwei Ritter im Duell.
Unzählige Bildnisse befanden sich an den Säulenkapitellen (2). Da waren zum Beispiel zwei Ritter im Kampf. Sie hieben mit hoch erhobenen Schwertern aufeinander ein. Wer diese Ritter sein sollen, das verrät uns das Kapitellen-Relief nicht mehr. Wenn sollen die beiden Gestalten darstellen, die man rechts und links von den Rittern sieht? Sind es neugierige Zuschauer? Oder haben sie mit dem Kampf der Ritter gar nichts zu tun? Es mag sein, dass irgendwann eine erklärende Schrifttafel entfernt wurde oder dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel.

Ich kann mich an ein weiteres Relief erinnern, dass ich vor vielen Jahren in der Basilika von Vézelay gesehen und natürlich nicht verstanden habe. Leider fehlt auch hier eine erklärende Hinweistafel. Eine theologische Interpretation gibt es, die ich aber nicht wirklich nachvollziehen kann.

Interpretieren lässt sich fast jede Darstellung auf theologische Weise, selbst die von Wilhelm Busch (*1832; †1908) gezeichneten Bilder von Max und Moritz.

Foto 5: Seltsame »Mühle«.
Demnach stellt die Person links keinen Geringeren als Moses selbst in kurzer Kutte dar. Er schüttet Korn in die Mühle. Nach der theologischen Deutung symbolisiert das Getreide, das in die Mühle gegeben wird, das Gesetz des »Alten Testaments« dar. Theologen erkennen nun in den Speichen des Rades an der Mühle das Kreuz Jesu. Dieses Kreuz versinnbildlicht angeblich den Opfertod Jesu. Das alte Gesetz wird gemahlen. Apostel Paulus, so wird weiter interpretiert, fängt das Mehl in einem Sack auf. Aus dem Mehl wird dann das »Brot des Lebens« gebacken. Ob das die richtige Interpretation ist? Niemand kann das mit Sicherheit sagen.

Niemand vermag bis heute eine mir einleuchtende Erklärung für zwei »Engel« anzubieten, die ich schon als Kind bewunderte. Der eine Engel ist ohne Zweifel ein Guter, trägt er doch einen stattlichen Heiligenschein. Er handelt wie ein Polizist aus einem Krimi. Mit einem raschen Griff hat er seinem Gegenspieler die Arme auf den Rücken gedreht. Der »Verhaftete« hat den breiten Mund zu einem hämischen Lachen verzerrt.

Foto 6: Engel überwältigt
Engel.
Der »Polizeiengel« mit Heiligenschein wird ihm wohl gleich Handschellen anlegen. Er zeigt eine ernste Miene und ist sich seiner Sache sicher. Ob er wirklich schon gewonnen hat? Oder verrät das Lachen des scheinbar Nackten, dass der sich mit einem schmutzigen Trick befreien können wird? Beide Wesen haben Flügel. Sollte es sich bei dem wilden, lachenden Engel um einen der abtrünnigen Himmlischen handeln? Bei näherem Betrachten fällt auf, dass er so etwas wie einen Tierschweif am Allerwertesten und seltsame klauenartige Füße hat. Und sein Haar ist wild wie aufloderndes Feuer.

Eine der bekanntesten Geschichten aus dem »Alten Testament« habe ich beim Besuch mit meinem Vater in Vézelay entdeckt: David und Goliath. Dargestellt wird zunächst, wie der mutige David seine Steinschleuder gegen den tumben Riesen einsetzt. Noch ahnt der kraftstrotzende Goliath nicht, was ihm gleich blühen wird. Davids Stein wird ihn am Kopf treffen und zu Boden strecken. Und dann wird David dem Goliath, auch das wird sehr anschaulich im Steinrelief gezeigt, mit seinem eigenen Schwert den Kopf vom Rumpf trennen. Lehr baumelt die gewaltige Schwertscheide an der Seite des Riesen, während David das imposante Schwert Goliaths recht gekonnt einsetzt.

Foto 7:
David schleudert
den tödlichen Stein
Beileibe nicht alle Darstellungen stammen aus der Welt des »Alten« und des »Neuen Testaments«. Ich erinnere mich genau an einen monströsen Riesenvogel, der die Ausmaße eines Pferdes gehabt haben muss. Im gewaltigen Schnabel trägt er ein Menschlein. Heute weiß ich, wie diese Darstellung interpretiert wird.

Das Menschlein im Schnabel des Riesenvogels soll der Hirtenknabe Ganymed sein, der von Zeus in Adlergestalt in die hohen Gefilde des Olymps verschleppt wurde. Dort musste er als Mundschenk die Götter bedienen. Diese Entführung existiert in verschiedenen Varianten. Die älteste ist schon vor Jahrtausenden entstanden. In einem der ältesten Epen der Menschheitsgeschichte, im sumerischen Etana-Mythos (3. Jahrtausend v.Chr.), wurde sie verewigt. Die Fassung, die Homer (850 v.Chr.?) zugeschrieben wird, ist sehr viel jünger. Andere Varianten gibt es von Lukian (2. Jahrhundert v.Chr.), Vergil (1. Jahrhundert v. Chr.) und Ovid (1. Jahrhundert vor/ 1. Jahrhundert n.Chr.). Die Entführung Ganymeds ist ja nun wirklich kein christliches Motiv. Warum wurde es in der Basilika von Vézelay kunstvoll in ein Säulenkapitell gemeißelt?

Nirgendwo in der Bibel findet sich die kuriose Geschichte vom blinden Jäger Lamech, der aus Versehen Kain mit Pfeil und Bogen erlegt. Und diese seltsame Geschichte soll in Gestalt eines Reliefs an einem der Säulenkapitelle in der Basilika von Vézelay dargestellt worden sein.

Foto 8: David
enthauptet Goliath.
Offen gesagt: Die Geschichte vom blinden Jäger Lamech halte ich für nicht sehr glaubwürdig. Gott selbst hat nach dem Text der Bibel (3) Kain das ominöse Kainsmal verpasst und ausdrücklich verboten, ihn zu töten. Wer gegen dieses göttliche Verbot verstößt, muss mit schlimmer Strafe rechnen. Dann werde der Tod Kains siebenfach gerächt. Haben anonyme Bibelinterpreten die Geschichte von Lamech erfunden? Ein blinder Jäger, der aus Versehen den Kain tötete, der musste doch eigentlich nicht die Strafe Gottes fürchten müssen!

Noch kurioser mutet die Erklärung von Kains Tod im apokryphen »Jubiläenbuch« (4) an. Demnach kam Kain in einem tragischen Unfall ums Leben, weil dies angeblich göttlichem Gebot entsprach (5): »Am Ende dieses Jubiläum, ein Jahr nach ihm, ward Kain getötet; sein Haus fiel auf ihn und er starb mitten in seinem Haus und er ward durch dessen Steine getötet. Denn mit einem Stein tötete er den Abel, und mit einem Stein ward er nach gerechtem Gericht getötet.

Deshalb ist in den himmlischen Tafeln angeordnet: ›Mit dem Gerät, womit ein Mann seinen Nächsten tötet, soll er getötet werden, wie er einen verwundet, so soll man ihm tun!‹« Wie starb Kain? Zwei Tode werden beschrieben. Kam er beim Einsturz seines Hauses ums Leben? Oder wurde er vom blinden Lamech erschossen? An einem der zahllosen Reliefs an einem der Säulenkapitelle wird ein Jäger dargestellt, der einen Pfeil abschießt. Im üppigen Gestrüpp steht jemand. Soll das Kain sein, den der Pfeilgleich töten wird?


Fußnoten
(1) Spielmann, Peter: »Licht wird hier der Raum: eine Hommage an die Magdalenenkirche von Vézelay«, Frankfurt 2014
(2) Rouchon-Mouilleron, Veronique: »Vézelay/ The Great Romanesque Church: The Romanesque Vision in Stone«, New York 1999
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 15
(4) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900, S. 31–119
»Jubiläenbuch oder Kleine Genesis« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel«, Augsburg 1928, S. 539-S.666
(5) »Jubiläenbuch«, Kapitel 4, Verse 31+32

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Der blinde Lamech tötet den Brudermörder Kain. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zum Leben. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Zwei Ritter im Duell. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Seltsame »Mühle«. Foto wiki commons/ Vassil
Foto 6: Engel überwältigt Engel. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: David schleudert den tödlichen Stein Foto wiki commons/ Vassil
Foto 8: David enthauptet Goliath. Foto wiki commons/ Vassil


527. »Da traf er den Kain zwischen die Augen«,
Teil 527 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23. Februar 2020


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Sonntag, 28. Oktober 2018

458 »Ein Pirat, Samson und Skelette«

Teil 458 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Edward Davis - Entdecker?
Der niederländische Seefahrer und Forschungsreisende Jakob Roggeveen (*1659; † 1729) gilt auch heute noch als der »Entdecker« der Osterinsel.  Er sichtete die mysteriöse Insel Ostern 1722 also, erblickte und taufte sie »Paaschen Eiland«, »Osterinsel«. Welcher Europäer wirklich als »Entdecker« gelten darf, das ist allerdings umstritten.

Lion Wafer war Wundarzt und Chirurg. Von 1680 bis 1688 begleitete er den berüchtigten englischen Seeräuber Edward Davis     auf  seinen abenteuerlichen Erkundungsfahrten und Beutezügen . Wafer benennt den Freibeuter als wahren Entdecker der Osterinsel. Davis soll schon im Jahre 1687 die Osterinsel erspäht haben, also Jahrzehnte vor Roggeveen. Allerdings hielt er sie für einen Zipfel des mysteriösen Kontinents im Pazifik, den es allerdings nicht gibt. Carl Friedrich Behrens freilich dürfte der erste Europäer gewesen sein, der die »Osterinsel« betreten hat.

Als die ersten Europäer die Osterinsel heimsuchten, da gab es bereits in Tamsweg im Salzbuerger Lumgau einen merkwürdigen alten Brauch. Tamsweg findet man in der südlichsten Ecke des Salzburger Landes. Der Bezirkshauptort liegt auf knapp über 1.024 m Seehöhe, zählt ca. 6.000 Einwohner und bietet seinen Besuchern reichlich weitgehend unberührte Natur. Wahrzeichen des malerischen Städtchens ist die Wallfahrtskirche St. Leonhard.

Zum Fronleichnams-Fest gibt es große Schauumzüge, an denen Gestalten aus der biblischen Geschichte sowie Sagen- und Heldenfiguren teilnehmen. Besonders imposant ist natürlich der Samson von Tamsweg, der immerhin 6,20 Meter in den Himmel ragt, vergleichbar mit so manch‘ steinernem »Kollegen« der Osterinsel. 1635 wurde der Samson von Tamsweg erstmals urkundlich erwähnt. Wann er erstmals umhergetragen wurde, niemand vermag das zu sagen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wollte die Kirche derlei Umzüge verbieten. Das Volk aber hielt am alten Brauch fest, trennte diplomatisch Weltliches von Kirchlichem und ließ den Riesen am Abend des Tages vor der kirchlichen Prozession und am Nachmittag nach der Prozession durch die Straßen tragen. Trotz seiner Größe von 6,20 m wiegt er »nur« 105 Kilogramm, kann also von einem Mann auf den Schultern getragen und manövriert werden. Folgenden interessanten Hinweis fand ich im Internet (1):

Foto 2: Der Riese Samson, Tamsweg
»Vermutlich leitet sich die Riesenfigur von den wesentlich älteren mythischen oder symbolischen Riesengestalten ab, welche die europäischen Urvölker einst bei ihren kultischen Flurumgängen herumzutragen pflegten.«

Immer, wenn ich auf Reisen bin, besuche ich örtliche Bibliotheken, auch private. Dabei habe ich schon so manche Entdeckung machen dürfen. Bei meinem ersten Besuch der »Osterinsel« hatte ich Gelegenheit in der Erstausgabe eines spannenden Buches über die ersten Europäer auf dem Eiland zu lesen. Erschienen ist das Werk 1891 (2). Es gehörte meinem Pensionswirt, einem behäbigen Polynesier. Geschrieben hat es William J. Thomson, der Titel lautet »Te Pito te Henua, or Easter Island«. William J. Thomson, der ohne Zweifel als seriöse Quelle gelten darf, zitiert da einen Bericht, den man sonst in der Literatur über die Osterinsel weitestgehend vergeblich sucht,  verfasst von Carl Friedrich Behrens. Der Rostocker Behrens (*1701; †1750) berichtet über Begegnungen mit Riesen auf der Osterinsel (3):

»Wahrheitsgemäß könnte ich wohl sagen, dass diese Wilden von mehr als gigantischer Größe sind. Die Männer sind groß und breit, im Schnitt 3,65 Meter (4) groß. So erstaunlich es auch anmuten mag, aber der größte Mann unserer Besatzung konnte zwischen den Beinen dieser Kinder Goliaths hindurchgehen ohne auch nur den Kopf zu neigen. Die Frauen können nicht, was die Statur angeht, mit den Männern mithalten, da sie im Allgemeinen nicht größer als drei Meter sind.«


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Von diesen mysteriösen Riesen hörte ich einige Male bei meinen Besuchen auf der Osterinsel. Manche Erzähler sahen in Hinweisen auf Giganten, die angeblich im 18. Jahrhundert auf der Osterinsel gehaust haben sollen, unglaubwürdige Fantastereien. Charles Hoy Fort  (*1874; »1932) veröffentlichte 1919 sein erstes Buch, betitelt »Book of the damned«. Eine deutsche Übersetzung ließ leider viel zu lange auf sich warten. Der deutsche Titel lautet »Das Buch der Verdammten« (5). Das Werk kam erst 1995 auf den Markt. Fort interessierte sich brennend für die Welt der Wissenschaften.

Genauer gesagt: Mit Eifer suchte er Fakten, die  seiner Überzeugung nach von der Wissenschaft »unter den Teppich gekehrt« wurden. Er sammelte, was mit den herkömmlichen schulwissenschaftlichen Theorien nicht erklärbar war. Fort bezeichnete diese verhassten Fakten als »Verdammte«. Und zu diesen »Verdammten« zählte er die Riesen. Nach seiner Meinung lehnte die Wissenschaft die Existenz von Riesen ab, nach dem Motto: »Es kann nicht sein, was nicht sein darf!« (6)

Foto 3: Tod des Riesen Goliath

Manche Osterinsulaner lachten über die angebliche Existenz von Riesen auf der Osterinsel. Andere wiederum verwiesen mich auf Berichte, wonach es auf der Insel »Santa Catalina« an der Küste vor Los Angeles einst Riesen gegeben haben soll. Das Eiland ist 35 km lang, 13 km breit und weist eine Fläche von 194,2 km² auf, ist also geringfügig größer als die Osterinsel (Fläche 162,5 km². »Santa Catalina«  liegt etwa 35km südwestlich von San Pedro, Los Angeles und gehört zum Los Angeles County.

Foto 4: »Santa Catalina«-Insel, Foto NASA

Bereits um 8000 v. Chr. lebten Menschen auf »Santa Catalina«. Sehr alt sollen auch die Skelette von Riesen sein, die in großer Zahl auf der kleinen Insel entdeckt wurden. Das zumindest behauptete der Hobbyarchäologe Ralph Gidden (*1881, †1968), der von 1919 bis 1928 umfangreiche Grabungen vor Ort durchführte. Immer wieder, so Ralph Gidden, stieß er auf Skelette von Riesen. Die »kleineren« maßen angeblich nur 2,13 Meter, die größeren über 2,74 Meter. Eine Frage drängt sich auf: Wo sind die Skelette geblieben, die Ralph Gidden aus ihren Gräbern geholt haben will? 3.000 Skelette von Riesen sollen es gewesen sein. Und alle hatten angeblich sechs Finger an jeder Hand.

Der »Ogden Standard-Examiner«, Morgenzeitung von Ogden im Bundesstaat Utah, berichtete am 10. November 1929: »In verschiedenen Teilen der Insel wurden mehr als 3.000 Skelette gefunden, fast alle männlichen Skelette waren 2,13 Meter groß, ein anderes über 2,74 Meter.« Im Artikel wird ein vermutliches Alter von 3.000 Jahren angegeben.

Foto 5: Avalon Bay, Catalina Island, Kalifornien

Wo aber sind die Skelette geblieben? Diese Frage muss immer wieder gestellt werden. Bekannt ist nur, dass Glidden seine gesamte Sammlung anno 1962 für 5.000 US-Dollar  verkauft hat, Skelette inklusive. Fünfzig Jahre später wurde angeblich im Archiv des »Catalina Island Museum« eine verstaubte Schachtel gefunden. Diese Schachtel soll diverse Dokumente, verfasst von Glidden, aber auch Fotos von Riesenskeletten enthalten haben. Ein gewisser L.A. Marzulli soll eines der Fotos analysiert haben und zum Ergebnis gekommen sein, dass da tatsächlich das echte Skelett eines Riesen zu sehen sei, der zu Lebzeiten 2,59 Meter groß war. Nach Marzulli habe eines der Skelette sechs Finger an jeder Hand gehabt. Offenbar war Mr. Marzulli von der Echtheit der Riesenfunde überzeugt.

Fakt ist, dass Ralph Gidden über Jahre hinweg von der »Heye Foundation« finanziell unterstützt wurde. Die Stiftung finanzierte die Ausgrabungen des engagierten Hobbyarchäologen. 1924 stellte die »Heye Foundation« die Zahlungen an Ralph Gidden komplett ein. Der aber benötigte natürlich Geld, um weitere Ausgrabungen durchführen zu können. So erschloss sich der emsige Ralph Gidden eine neue, die Einnahmequelle. Er eröffnete ein »Museum«, das allerdings eher einem Horrorkabinett als einem Museum nach heutigem Verständnis entsprach, und kassierte Eintrittsgelder. Reichtümer konnte er freilich so nicht anhäufen, die Einnahmen fielen wohl eher bescheiden aus.Fotos zeigen Ansammlungen von Skeletten oder von Skelettteilen, von Totenschädeln zwischen Tonwaren aus uralten Zeiten.

Foto 6: Ralph Glidden gräbt das Skelett eines Riesen aus

Ich habe wiederholt versucht, mit Archäologen unserer Zeit über Ralph Gidden und sein Museum zu unterhalten. Die meisten fühlten sich zu erhaben, um in die Niederungen eines solchen Themas hinab zu steigen. Einige wenige hatten nur Verachtung übrig für die Ausgrabungen auf »Santa Catalina«. Man müsse von Grabschändungen sprechen und die Zurschaustellung von Gebeinen von Ureinwohnern auf das Schärfste kritisieren. Dabei wird vergessen, dass die wissenschaftliche Archäologie bis heute nicht sehr viel pietätvoller mit Totengebeinen aus uralten Zeiten umgeht.

Ein Beispiel: In den Jahren von 1896 bis 1902 raubten Archäologen menschliche Gebeine aus Bestattungshöhlen von Hawaii. Sie gelangten in den Besitz des »Museums für Völkerkunde«, Dresden, und wurden wie Tonwaren oder Holzschnitzereien ausgestellt. Pietät sieht anders aus! Ab 2010 gehörten die Skelette zu den »Staatlichen Kunstsammlungen Dresden«. Erst 2017 wurden sie nicht mehr als archäologische Fundobjekte, nicht mehr als Gegenstände, sondern als »verstorbene menschliche Individuen« angesehen. Sie wurden nach mehr als einem Jahrhundert an Vertreter des Ursprungslandes zurückgegeben (7).Ich muss wieder fragen: Gab es wirklich diese Riesen-Skelette? Gibt es sie noch? Wo werden sie aufbewahrt? 

Foto 7: Die Osterinsel aus dem All
Fußnoten
(1) https://www.meinbezirk.at/lungau/leute/samsonumzug-d1740229.html (Stand 26.8.2018)
(2) Thomson, William J.: »Te Pito te Henua, or Easter Island«, Washington 1891
(3) Ebenda, S. 462. Die Originalausgabe von Thomson liegt mir leider nicht mehr vor. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein. Siehe auch Schoch, Robert M.: »Die vergessene Zivilisation/ Die Bedeutung der Sonneneruptionen in Vergangenheit und Zukunft«, eBook-Ausgabe, Ancient Mail Verlag Werner Betz, 1. Auflage. Groß Gerau Juli 2014 (Kapitel 5 »Te Pito Te Henua«, Unterkapitel »Legenden von Riesen«.)
Schoch gibt ein Zitat von Thomson wieder. William J. Thomson schreibt im Kapitel »Personal Appearance of the Natives«: »Behrens solemnly states that a boat came off to the ship steered by a single man, a giant 12 feet high, etc. He afterwards observes, ›with truth I might say that these savages are all of more than gigantic size. The men are tall and broad in proportion, averaging 12 feet in height. Surprising as it may appear, the tallest men on board of our ship could pass between the legs of these children of Goliath without bending the head. The women can not compare in stature with the men, as they are commonly not above 10 feet high.‹«
(4) 12 Fuß bei Thomson
(5) Fort, Charles Hoy: »Das Buch der Verdammten«, Frankfurt am Main 1995
Zur Lektüre empfohlen sind auch die übrigen Werke Forts.
Fort, Charles: »New Lands«, New York 1923/ Übersetzung »Neuland«, Frankfurt am Main 1996
Fort, Charles: »Lo!«, New York 1931/ Übersetzung »Da!«, Frankfurt am Main 1997
Fort, Charles: »Wild Talents«, New York 1932/ Übersetzung »Wilde Talente«, Frankfurt am Main 1997»Astronauten, Taucher, Fabelwesen?«

Foto 8
(6) Siehe hierzu Fort, Charles Hoy: »Das Buch der Verdammten«, Frankfurt am Main 1995, Seite 210, Zeilen 8-10 von oben
(7) https://www.skd.museum/presse/2017/freistaat-sachsen-gibt-menschliche-gebeine-aus-museum-fuer-voelkerkunde-dresden-an-hawaii-zurueck/ (Stand 25.08.2018)

Zu den Fotos
Foto 1: Edward Davis - Entdecker? Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Der Riese Samson, Tamsweg im Lungau, Foto wikimedia commons.
Foto 3: David und Goliath von Osmar Schindler, 1888, gemeinfrei.
Foto 4: »Santa Catalina«-Insel, Foto NASA, Foto gemeinfrei.
Foto 5: Avalon Bay, Catalina Island, Kalifornien, U.S.A., wikimedia commons.
Foto 6: Ralph Glidden gräbt das Skelett eines Riesen aus, Foto vor 1928. 
Foto 7: Die Osterinsel aus dem All. Foto NASA. Foto gemeinfrei. 
Foto 8: Wenn er nur reden könnte... Foto Walter-Jörg Langbein

459 »Geheimnisvolle Mythen: Artus, Gilgamesch und eine Göttin«,
Teil 459 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 04.11.2018

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