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Sonntag, 28. Oktober 2018

458 »Ein Pirat, Samson und Skelette«

Teil 458 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Edward Davis - Entdecker?
Der niederländische Seefahrer und Forschungsreisende Jakob Roggeveen (*1659; † 1729) gilt auch heute noch als der »Entdecker« der Osterinsel.  Er sichtete die mysteriöse Insel Ostern 1722 also, erblickte und taufte sie »Paaschen Eiland«, »Osterinsel«. Welcher Europäer wirklich als »Entdecker« gelten darf, das ist allerdings umstritten.

Lion Wafer war Wundarzt und Chirurg. Von 1680 bis 1688 begleitete er den berüchtigten englischen Seeräuber Edward Davis     auf  seinen abenteuerlichen Erkundungsfahrten und Beutezügen . Wafer benennt den Freibeuter als wahren Entdecker der Osterinsel. Davis soll schon im Jahre 1687 die Osterinsel erspäht haben, also Jahrzehnte vor Roggeveen. Allerdings hielt er sie für einen Zipfel des mysteriösen Kontinents im Pazifik, den es allerdings nicht gibt. Carl Friedrich Behrens freilich dürfte der erste Europäer gewesen sein, der die »Osterinsel« betreten hat.

Als die ersten Europäer die Osterinsel heimsuchten, da gab es bereits in Tamsweg im Salzbuerger Lumgau einen merkwürdigen alten Brauch. Tamsweg findet man in der südlichsten Ecke des Salzburger Landes. Der Bezirkshauptort liegt auf knapp über 1.024 m Seehöhe, zählt ca. 6.000 Einwohner und bietet seinen Besuchern reichlich weitgehend unberührte Natur. Wahrzeichen des malerischen Städtchens ist die Wallfahrtskirche St. Leonhard.

Zum Fronleichnams-Fest gibt es große Schauumzüge, an denen Gestalten aus der biblischen Geschichte sowie Sagen- und Heldenfiguren teilnehmen. Besonders imposant ist natürlich der Samson von Tamsweg, der immerhin 6,20 Meter in den Himmel ragt, vergleichbar mit so manch‘ steinernem »Kollegen« der Osterinsel. 1635 wurde der Samson von Tamsweg erstmals urkundlich erwähnt. Wann er erstmals umhergetragen wurde, niemand vermag das zu sagen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wollte die Kirche derlei Umzüge verbieten. Das Volk aber hielt am alten Brauch fest, trennte diplomatisch Weltliches von Kirchlichem und ließ den Riesen am Abend des Tages vor der kirchlichen Prozession und am Nachmittag nach der Prozession durch die Straßen tragen. Trotz seiner Größe von 6,20 m wiegt er »nur« 105 Kilogramm, kann also von einem Mann auf den Schultern getragen und manövriert werden. Folgenden interessanten Hinweis fand ich im Internet (1):

Foto 2: Der Riese Samson, Tamsweg
»Vermutlich leitet sich die Riesenfigur von den wesentlich älteren mythischen oder symbolischen Riesengestalten ab, welche die europäischen Urvölker einst bei ihren kultischen Flurumgängen herumzutragen pflegten.«

Immer, wenn ich auf Reisen bin, besuche ich örtliche Bibliotheken, auch private. Dabei habe ich schon so manche Entdeckung machen dürfen. Bei meinem ersten Besuch der »Osterinsel« hatte ich Gelegenheit in der Erstausgabe eines spannenden Buches über die ersten Europäer auf dem Eiland zu lesen. Erschienen ist das Werk 1891 (2). Es gehörte meinem Pensionswirt, einem behäbigen Polynesier. Geschrieben hat es William J. Thomson, der Titel lautet »Te Pito te Henua, or Easter Island«. William J. Thomson, der ohne Zweifel als seriöse Quelle gelten darf, zitiert da einen Bericht, den man sonst in der Literatur über die Osterinsel weitestgehend vergeblich sucht,  verfasst von Carl Friedrich Behrens. Der Rostocker Behrens (*1701; †1750) berichtet über Begegnungen mit Riesen auf der Osterinsel (3):

»Wahrheitsgemäß könnte ich wohl sagen, dass diese Wilden von mehr als gigantischer Größe sind. Die Männer sind groß und breit, im Schnitt 3,65 Meter (4) groß. So erstaunlich es auch anmuten mag, aber der größte Mann unserer Besatzung konnte zwischen den Beinen dieser Kinder Goliaths hindurchgehen ohne auch nur den Kopf zu neigen. Die Frauen können nicht, was die Statur angeht, mit den Männern mithalten, da sie im Allgemeinen nicht größer als drei Meter sind.«


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Von diesen mysteriösen Riesen hörte ich einige Male bei meinen Besuchen auf der Osterinsel. Manche Erzähler sahen in Hinweisen auf Giganten, die angeblich im 18. Jahrhundert auf der Osterinsel gehaust haben sollen, unglaubwürdige Fantastereien. Charles Hoy Fort  (*1874; »1932) veröffentlichte 1919 sein erstes Buch, betitelt »Book of the damned«. Eine deutsche Übersetzung ließ leider viel zu lange auf sich warten. Der deutsche Titel lautet »Das Buch der Verdammten« (5). Das Werk kam erst 1995 auf den Markt. Fort interessierte sich brennend für die Welt der Wissenschaften.

Genauer gesagt: Mit Eifer suchte er Fakten, die  seiner Überzeugung nach von der Wissenschaft »unter den Teppich gekehrt« wurden. Er sammelte, was mit den herkömmlichen schulwissenschaftlichen Theorien nicht erklärbar war. Fort bezeichnete diese verhassten Fakten als »Verdammte«. Und zu diesen »Verdammten« zählte er die Riesen. Nach seiner Meinung lehnte die Wissenschaft die Existenz von Riesen ab, nach dem Motto: »Es kann nicht sein, was nicht sein darf!« (6)

Foto 3: Tod des Riesen Goliath

Manche Osterinsulaner lachten über die angebliche Existenz von Riesen auf der Osterinsel. Andere wiederum verwiesen mich auf Berichte, wonach es auf der Insel »Santa Catalina« an der Küste vor Los Angeles einst Riesen gegeben haben soll. Das Eiland ist 35 km lang, 13 km breit und weist eine Fläche von 194,2 km² auf, ist also geringfügig größer als die Osterinsel (Fläche 162,5 km². »Santa Catalina«  liegt etwa 35km südwestlich von San Pedro, Los Angeles und gehört zum Los Angeles County.

Foto 4: »Santa Catalina«-Insel, Foto NASA

Bereits um 8000 v. Chr. lebten Menschen auf »Santa Catalina«. Sehr alt sollen auch die Skelette von Riesen sein, die in großer Zahl auf der kleinen Insel entdeckt wurden. Das zumindest behauptete der Hobbyarchäologe Ralph Gidden (*1881, †1968), der von 1919 bis 1928 umfangreiche Grabungen vor Ort durchführte. Immer wieder, so Ralph Gidden, stieß er auf Skelette von Riesen. Die »kleineren« maßen angeblich nur 2,13 Meter, die größeren über 2,74 Meter. Eine Frage drängt sich auf: Wo sind die Skelette geblieben, die Ralph Gidden aus ihren Gräbern geholt haben will? 3.000 Skelette von Riesen sollen es gewesen sein. Und alle hatten angeblich sechs Finger an jeder Hand.

Der »Ogden Standard-Examiner«, Morgenzeitung von Ogden im Bundesstaat Utah, berichtete am 10. November 1929: »In verschiedenen Teilen der Insel wurden mehr als 3.000 Skelette gefunden, fast alle männlichen Skelette waren 2,13 Meter groß, ein anderes über 2,74 Meter.« Im Artikel wird ein vermutliches Alter von 3.000 Jahren angegeben.

Foto 5: Avalon Bay, Catalina Island, Kalifornien

Wo aber sind die Skelette geblieben? Diese Frage muss immer wieder gestellt werden. Bekannt ist nur, dass Glidden seine gesamte Sammlung anno 1962 für 5.000 US-Dollar  verkauft hat, Skelette inklusive. Fünfzig Jahre später wurde angeblich im Archiv des »Catalina Island Museum« eine verstaubte Schachtel gefunden. Diese Schachtel soll diverse Dokumente, verfasst von Glidden, aber auch Fotos von Riesenskeletten enthalten haben. Ein gewisser L.A. Marzulli soll eines der Fotos analysiert haben und zum Ergebnis gekommen sein, dass da tatsächlich das echte Skelett eines Riesen zu sehen sei, der zu Lebzeiten 2,59 Meter groß war. Nach Marzulli habe eines der Skelette sechs Finger an jeder Hand gehabt. Offenbar war Mr. Marzulli von der Echtheit der Riesenfunde überzeugt.

Fakt ist, dass Ralph Gidden über Jahre hinweg von der »Heye Foundation« finanziell unterstützt wurde. Die Stiftung finanzierte die Ausgrabungen des engagierten Hobbyarchäologen. 1924 stellte die »Heye Foundation« die Zahlungen an Ralph Gidden komplett ein. Der aber benötigte natürlich Geld, um weitere Ausgrabungen durchführen zu können. So erschloss sich der emsige Ralph Gidden eine neue, die Einnahmequelle. Er eröffnete ein »Museum«, das allerdings eher einem Horrorkabinett als einem Museum nach heutigem Verständnis entsprach, und kassierte Eintrittsgelder. Reichtümer konnte er freilich so nicht anhäufen, die Einnahmen fielen wohl eher bescheiden aus.Fotos zeigen Ansammlungen von Skeletten oder von Skelettteilen, von Totenschädeln zwischen Tonwaren aus uralten Zeiten.

Foto 6: Ralph Glidden gräbt das Skelett eines Riesen aus

Ich habe wiederholt versucht, mit Archäologen unserer Zeit über Ralph Gidden und sein Museum zu unterhalten. Die meisten fühlten sich zu erhaben, um in die Niederungen eines solchen Themas hinab zu steigen. Einige wenige hatten nur Verachtung übrig für die Ausgrabungen auf »Santa Catalina«. Man müsse von Grabschändungen sprechen und die Zurschaustellung von Gebeinen von Ureinwohnern auf das Schärfste kritisieren. Dabei wird vergessen, dass die wissenschaftliche Archäologie bis heute nicht sehr viel pietätvoller mit Totengebeinen aus uralten Zeiten umgeht.

Ein Beispiel: In den Jahren von 1896 bis 1902 raubten Archäologen menschliche Gebeine aus Bestattungshöhlen von Hawaii. Sie gelangten in den Besitz des »Museums für Völkerkunde«, Dresden, und wurden wie Tonwaren oder Holzschnitzereien ausgestellt. Pietät sieht anders aus! Ab 2010 gehörten die Skelette zu den »Staatlichen Kunstsammlungen Dresden«. Erst 2017 wurden sie nicht mehr als archäologische Fundobjekte, nicht mehr als Gegenstände, sondern als »verstorbene menschliche Individuen« angesehen. Sie wurden nach mehr als einem Jahrhundert an Vertreter des Ursprungslandes zurückgegeben (7).Ich muss wieder fragen: Gab es wirklich diese Riesen-Skelette? Gibt es sie noch? Wo werden sie aufbewahrt? 

Foto 7: Die Osterinsel aus dem All
Fußnoten
(1) https://www.meinbezirk.at/lungau/leute/samsonumzug-d1740229.html (Stand 26.8.2018)
(2) Thomson, William J.: »Te Pito te Henua, or Easter Island«, Washington 1891
(3) Ebenda, S. 462. Die Originalausgabe von Thomson liegt mir leider nicht mehr vor. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein. Siehe auch Schoch, Robert M.: »Die vergessene Zivilisation/ Die Bedeutung der Sonneneruptionen in Vergangenheit und Zukunft«, eBook-Ausgabe, Ancient Mail Verlag Werner Betz, 1. Auflage. Groß Gerau Juli 2014 (Kapitel 5 »Te Pito Te Henua«, Unterkapitel »Legenden von Riesen«.)
Schoch gibt ein Zitat von Thomson wieder. William J. Thomson schreibt im Kapitel »Personal Appearance of the Natives«: »Behrens solemnly states that a boat came off to the ship steered by a single man, a giant 12 feet high, etc. He afterwards observes, ›with truth I might say that these savages are all of more than gigantic size. The men are tall and broad in proportion, averaging 12 feet in height. Surprising as it may appear, the tallest men on board of our ship could pass between the legs of these children of Goliath without bending the head. The women can not compare in stature with the men, as they are commonly not above 10 feet high.‹«
(4) 12 Fuß bei Thomson
(5) Fort, Charles Hoy: »Das Buch der Verdammten«, Frankfurt am Main 1995
Zur Lektüre empfohlen sind auch die übrigen Werke Forts.
Fort, Charles: »New Lands«, New York 1923/ Übersetzung »Neuland«, Frankfurt am Main 1996
Fort, Charles: »Lo!«, New York 1931/ Übersetzung »Da!«, Frankfurt am Main 1997
Fort, Charles: »Wild Talents«, New York 1932/ Übersetzung »Wilde Talente«, Frankfurt am Main 1997»Astronauten, Taucher, Fabelwesen?«

Foto 8
(6) Siehe hierzu Fort, Charles Hoy: »Das Buch der Verdammten«, Frankfurt am Main 1995, Seite 210, Zeilen 8-10 von oben
(7) https://www.skd.museum/presse/2017/freistaat-sachsen-gibt-menschliche-gebeine-aus-museum-fuer-voelkerkunde-dresden-an-hawaii-zurueck/ (Stand 25.08.2018)

Zu den Fotos
Foto 1: Edward Davis - Entdecker? Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Der Riese Samson, Tamsweg im Lungau, Foto wikimedia commons.
Foto 3: David und Goliath von Osmar Schindler, 1888, gemeinfrei.
Foto 4: »Santa Catalina«-Insel, Foto NASA, Foto gemeinfrei.
Foto 5: Avalon Bay, Catalina Island, Kalifornien, U.S.A., wikimedia commons.
Foto 6: Ralph Glidden gräbt das Skelett eines Riesen aus, Foto vor 1928. 
Foto 7: Die Osterinsel aus dem All. Foto NASA. Foto gemeinfrei. 
Foto 8: Wenn er nur reden könnte... Foto Walter-Jörg Langbein

459 »Geheimnisvolle Mythen: Artus, Gilgamesch und eine Göttin«,
Teil 459 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 04.11.2018

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Sonntag, 5. März 2017

372 »Vom Mönch, vom Wolf und von einem Sonnengott«

Teil  372 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Portal zur Nikolauskapelle
Mit Ingeborg Diekmann stehe ich vor dem Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle im Münster von Freiburg. Die Lichtverhältnisse sind etwas problematisch. Links sehen oder erahnen wir gespenstische Szenen: Eine merkwürdige Familie – Vater, Mutter, Kind – von Wesen mit Fischschwänzen und Kampfgetümmel zwischen einem Menschen und einem Monster und zwischen zwei Monstern. Mächtig dröhnt die Orgel durch das gewaltige Schiff des Münsters, die eigentlich eine Kathedrale ist.

Wir blicken durch die Gittertür in die Dunkelheit dahinter. Hier schloss sich einst die Nikolaus-Kapelle an. Rosa Enderle schreibt kurz und bündig in ihrem vorzüglichen Werk »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben« (1): »Das Kapellen-Innere war einst farbig ausgemalt und vom Licht durchflutet. Ein Rankenfries mit Lebenssymbolen durchzieht die ganze Kapelle.« Von der einstigen Farbenpracht ist nichts mehr geblieben. Aus der mysteriösen Kapelle ist ein Durchgangsraum geworden.

Wir wenden uns der rechten Seite zu. Auch hier gibt es niedrige Säulen mit Kapitellen, auch hier wurden mysteriöse Szenen in Stein verewigt, die so gar nicht in eine christliche Kirche passen. Aufschlussreich sind drei Buchstaben, die sorgsam in den glatt polierten Stein eingraviert wurden: »ABC«. Das Licht fällt von der Seite auf das Steinrelief, das knapp über Augenhöhe angebracht worden ist. Licht und Schatten lassen das Szenario geheimnisvoll erscheinen. Unter dem »ABC« sieht man einen Mönch in seiner Kutte. Er sitzt auf einem Schemel. In seiner rechten Hand hält der Mönch so etwas wie einen Stock. Ihm gegenübersitzt auf seinen Hinterläufen ein wilder Wolf, der die Zähne fletscht. Der Mönch hält dem Wolf so etwas wie eine Schiefertafel hin. Offenbar will er dem Tier die Kunst des Schreibens beibringen, droht ihm Strafe an. Auch der Wolf hat eine Pranke an der Schreibtafel. In der anderen hält er so etwas wie einen Griffel. Sehr aufmerksam ist »Schüler Wolf« freilich nicht. Er blickt vielmehr nicht in Richtung seines Lehrers, sondern über die Schulter in Richtung eines Schafs.

Foto 2: Die Wolfsschule. »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«

Auf dem nächsten Bild hat sich der Wolf dem Mönch zugewendet. Aber tut er das freiwillig? Zieht er das Raubtier an einem Riemen in seine Richtung? Der Wolf freilich hat andere Interessen als der Mönch. Hat er doch jetzt das Schaf gepackt, wohl um es gleich zu fressen. Bilder 1 und 2 nehmen Comicstrips vorweg, und das um viele Jahrhunderte. In Comicstrips werden Geschichten erzählt: als Folge von Einzelbildern. Am Portal zur einstigen Nikolaus-Kapelle erwartet man nun eigentlich, wie die Geschichte mit dem Mönch, dem Wolf und dem Schaft weiter geht. Das aber erfahren wir nicht. Bild 3 zeigt eine Szene aus einer ganz anderen Geschichte, aber aus welcher?

Foto 3: Die Wolfsschule und ein Löwenkampf.

Wir sehen einen Kampf zwischen einem Mann und einem Löwen. Zwei Erklärungen für dieses Bild gibt es: »David kämpft mit dem Löwen!« und »Samson kämpft mit dem Löwen!« Einigkeit herrscht: Gerungen wird mit einem Löwen. Aber wer ist der wackere menschliche Kämpfer? Ist es etwa David?  Tatsächlich überliefert das Alte Testament ein Gespräch zwischen David und Saul (2): »David aber sprach zu Saul: Dein Knecht hütete die Schafe seines Vaters; und kam dann ein Löwe oder ein Bär und trug ein Schaf weg von der Herde, so lief ich ihm nach, schlug auf ihn ein und errettete es aus seinem Maul. Wenn er aber auf mich losging, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn tot.«

Eindeutig identifiziert ist damit aber die Kampfszene Mensch-Löwe nicht. Gibt es doch eine weitere kurze Beschreibung im Alten Testament, nämlich im Buch Richter (3): »So ging Simson hinab mit seinem Vater und seiner Mutter nach Timna. Und als sie kamen an die Weinberge von Timna, siehe, da kam ein junger Löwe brüllend ihm entgegen. Und der Geist des Herrn geriet über ihn, und er zerriss ihn, wie man ein Böcklein zerreißt, und hatte doch gar nichts in seiner Hand. Er sagte aber seinem Vater und seiner Mutter nicht, was er getan hatte.«

Foto 4: Mönch und Schüler Wolf.

Simson, der in manchen Bibelübersetzungen Samson heißt, wurde zur Symbolfigur mystisch-magischer Kraft. Er war eine Art biblischer »Superman« der als Vertreter Israels gegen die feindlichen Philister kämpfte. Simson, der in wütender Raserei eintausend Männer mit einem Eselsknochen erschlagen hatte (4), geriet in die Gefangenschaft der Erzfeinde. Die Philister beraubten ihn seiner märchenhaften Kraft, stachen ihm die Augen aus und zwangen ihn zu demütigender Arbeit. Mit Gottes Hilfe erstarkt Simson wieder und bringt eine Festhalle zum Einsturz. Er selbst und dreitausend Philister starben (5). Offenbar war Simson ursprünglich sehr viel mehr als nur ein muskelbepackter menschlicher Held, nämlich ein einstmals angebeteter Sonnengott. »Simson« ist die Verdeutschung des hebräischen Namens Schimschon, und der lässt sich übersetzen mit »von der Sonne«, aber auch »Kleine Sonne« oder »Sönnchen« übersetzen. Meine Vermutung: Weil Simsons Wirken als himmlischer Heros nicht in Vergessenheit geriet, degradierten ihn biblische Autoren vom Sonnengott zum menschlichen Superhelden. Seine Taten finden sich noch heute im Buch der Richter (6) ausführlich beschrieben. Samsons gewalttätiges Leben endete gewalttätig (7):

Foto 5: Der Wolf will das Schaff fressen.

»Das Haus aber war voller Männer und Frauen. Es waren auch alle Fürsten der Philister da, und auf dem Dach waren etwa dreitausend Männer und Frauen, die zusahen, wie Simson seine Späße trieb. Simson aber rief den Herrn an und sprach: Herr, denke an mich und gib mir Kraft, Gott, noch dies eine Mal, damit ich mich für meine beiden Augen einmal räche an den Philistern. Und er umfasste die zwei Mittelsäulen, auf denen das Haus ruhte, die eine mit seiner rechten und die andere mit seiner linken Hand, und stemmte sich gegen sie.  Und sprach: Ich will sterben mit den Philistern! Und er neigte sich mit aller Kraft. Da fiel das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das darin war, sodass es mehr Tote waren, die er durch seinen Tod tötete, als die er zu seinen Lebzeiten getötet hatte.«

Foto 6: Der Wolf hat das Schaf gepackt ...

Ich meine, dass man den Löwenbezwinger vom Fries am Eingang zur ehemaligen Nikolaus-Kapelle als Simson identifizieren kann. Überliefert uns doch das Buch der Richter Simsons Geheimnis. Da enthüllt der Kraftprotz der verführerischen Delila (8): »Wenn ich geschoren würde, so wiche meine Kraft von mir, sodass ich schwach würde und wie alle andern Menschen.« Auf dem Relief am Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle ist der Löwenbesieger mit sehr langen Haaren dargestellt, die ihm bis in die Kniekehlen gereicht haben dürften. »Ketzerische Frage«: Erinnert ein Relief im Münster zu Freiburg an einen alten Sonnengott, der in einen irdischen »Superman« verwandelt wurde? I m sogenannten Tympanon des Haupteingangs jedenfalls prangt ganz oben in der Spitze – eine Sonnenscheibe, als Symbol für den Sonnengott von einst?


Foto 7: Mönch, Wolf und Schaf.
Wer Biblisches und Vorbiblisches in einen Topf wirft, handelt der wie ein Ketzer?
Oder wie einer, der den Quellen biblischer Überlieferungen auf den Grund geht? Wer etwa Jesus mit einer uralten Sonnengottheit in Verbindung bringt, verfälscht der da christlichen Glauben? Oder zeigt er auf, aus welchen Quellen das Urchristentum schöpfte? Zur Zeit Konstantin des Großen (274-337) wird Jesus in der frommen Kunst entweder als Mann mit kurzem oder mit lockigem Haar gezeigt. Er ist jugendlich, ja maskulin schön in diesen Darstellungen, die ganz offensichtlich von Bewunderern Jesu geschaffen wurden. Offenbar war man der Ansicht, dass Gottes Sohn auf Erden nur schön gewesen sein kann.

In jener Zeit kursierten zahlreiche bildliche Darstellungen von Göttern aus dem Mittelmeerraum. Sie werden gern in heldenhafter Pose dargestellt. Besonders beliebt war anscheinend der Sonnengott Helios. Offensichtlich gab es in der Götterwelt Konkurrenzdenken. Und Jesus wurde als Rivale angesehen. Jesus sollte natürlich nicht nachstehen, also schufen christliche Künstler Jesus als Helios im Sonnenwagen. In einem Grabmal ausgerechnet unter der Peterskirche legten Archäologen eine ansprechende künstlerische Arbeit frei. Sie vereint »heidnische« Götterwelt und christliches Missionsstreben. Also verewigte man Jesus als Apollo, der mit starker Hand seinen himmlischen Sonnenwagen durch die himmlischen Lüfte führt. Doch auch der heldenhafte Jesus verschwand wieder aus der Kunst und wich einem älteren Jesus, der mehr an einen sorgenvollen guten Hirten als einen olympischen Gott erinnert.

Foto 8: Wer kämpft da mit einem Löwen?

Tauchte vor rund einem Jahrtausend ein uralter Sonnengott im Fries des Eingangs zur einstigen Nikolaus-Kapelle wieder auf? Kam vorchristliches Glaubensgut – Sonnengott als Simson – wieder aus der Versenkung? Glaubenswelten haben oft sehr, sehr tiefe Wurzeln. Vermeintlich »neue« sakrale Bilder werden häufig immer wieder übernommen und überleben so manchen Wandel zu »neuen« Religionen!


Foto 9: »Superman« Simson mit langen Haaren.
Fußnoten
1) Enderle, Rosa: »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Freiburg 1987, S. 41.
Insgesamt sind vier Bände von »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben« im Verlag Schillinger, Freiburg, erschienen. Das Zitat stammt aus Band I
2) 1. Buch Samuel Kapitel 17, Verse 34 und 35
3) Richter Kapitel 14, Verse 5 und 6
4) Das Buch der Richter Kapitel 15, Vers 15
5) Das Buch der Richter Kapitel 16, Verse 27 und 29
6) Das Buch der Richter Kapitel 13-16
7) Das Buch der Richter Kapitel 16, Verse 27-30
8) Das Buch der Richter Kapitel 16, Vers 17


Zu den Fotos
Foto 10: Ein Engel hält eine Sonne im Tympanon.
Foto 1: Das Portal zur einstigen Nikolaus-Kapelle. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle, erschienen in  »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Band III, Schillinger
Verlag Freiburg i.Br., 1993, S. 23. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle. Telefonat: 30.11.2016, vormittags.
Foto 2: Die Wolfsschule. »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Band II Schillinger Verlag Freiburg i.Br. 1990, S. 8. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle. Telefonat: 30.11.2016, vormittags.
Foto 3: Die Wolfsschule und ein Löwenkampf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mönch und Schüler Wolf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Wolf will das Schaff fressen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der Wolf hat das Schaf gepackt ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mönch, Wolf und Schaf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Wer kämpft da mit einem Löwen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: »Superman« Simson mit langen Haaren. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ein Engel hält eine Sonne im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Sonne im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 11: Die Sonne im Tympanon.




373 »Alexander fliegt in den Himmel«,
Teil  373 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 12.03.2017


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