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Sonntag, 5. März 2017

372 »Vom Mönch, vom Wolf und von einem Sonnengott«

Teil  372 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Portal zur Nikolauskapelle
Mit Ingeborg Diekmann stehe ich vor dem Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle im Münster von Freiburg. Die Lichtverhältnisse sind etwas problematisch. Links sehen oder erahnen wir gespenstische Szenen: Eine merkwürdige Familie – Vater, Mutter, Kind – von Wesen mit Fischschwänzen und Kampfgetümmel zwischen einem Menschen und einem Monster und zwischen zwei Monstern. Mächtig dröhnt die Orgel durch das gewaltige Schiff des Münsters, die eigentlich eine Kathedrale ist.

Wir blicken durch die Gittertür in die Dunkelheit dahinter. Hier schloss sich einst die Nikolaus-Kapelle an. Rosa Enderle schreibt kurz und bündig in ihrem vorzüglichen Werk »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben« (1): »Das Kapellen-Innere war einst farbig ausgemalt und vom Licht durchflutet. Ein Rankenfries mit Lebenssymbolen durchzieht die ganze Kapelle.« Von der einstigen Farbenpracht ist nichts mehr geblieben. Aus der mysteriösen Kapelle ist ein Durchgangsraum geworden.

Wir wenden uns der rechten Seite zu. Auch hier gibt es niedrige Säulen mit Kapitellen, auch hier wurden mysteriöse Szenen in Stein verewigt, die so gar nicht in eine christliche Kirche passen. Aufschlussreich sind drei Buchstaben, die sorgsam in den glatt polierten Stein eingraviert wurden: »ABC«. Das Licht fällt von der Seite auf das Steinrelief, das knapp über Augenhöhe angebracht worden ist. Licht und Schatten lassen das Szenario geheimnisvoll erscheinen. Unter dem »ABC« sieht man einen Mönch in seiner Kutte. Er sitzt auf einem Schemel. In seiner rechten Hand hält der Mönch so etwas wie einen Stock. Ihm gegenübersitzt auf seinen Hinterläufen ein wilder Wolf, der die Zähne fletscht. Der Mönch hält dem Wolf so etwas wie eine Schiefertafel hin. Offenbar will er dem Tier die Kunst des Schreibens beibringen, droht ihm Strafe an. Auch der Wolf hat eine Pranke an der Schreibtafel. In der anderen hält er so etwas wie einen Griffel. Sehr aufmerksam ist »Schüler Wolf« freilich nicht. Er blickt vielmehr nicht in Richtung seines Lehrers, sondern über die Schulter in Richtung eines Schafs.

Foto 2: Die Wolfsschule. »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«

Auf dem nächsten Bild hat sich der Wolf dem Mönch zugewendet. Aber tut er das freiwillig? Zieht er das Raubtier an einem Riemen in seine Richtung? Der Wolf freilich hat andere Interessen als der Mönch. Hat er doch jetzt das Schaf gepackt, wohl um es gleich zu fressen. Bilder 1 und 2 nehmen Comicstrips vorweg, und das um viele Jahrhunderte. In Comicstrips werden Geschichten erzählt: als Folge von Einzelbildern. Am Portal zur einstigen Nikolaus-Kapelle erwartet man nun eigentlich, wie die Geschichte mit dem Mönch, dem Wolf und dem Schaft weiter geht. Das aber erfahren wir nicht. Bild 3 zeigt eine Szene aus einer ganz anderen Geschichte, aber aus welcher?

Foto 3: Die Wolfsschule und ein Löwenkampf.

Wir sehen einen Kampf zwischen einem Mann und einem Löwen. Zwei Erklärungen für dieses Bild gibt es: »David kämpft mit dem Löwen!« und »Samson kämpft mit dem Löwen!« Einigkeit herrscht: Gerungen wird mit einem Löwen. Aber wer ist der wackere menschliche Kämpfer? Ist es etwa David?  Tatsächlich überliefert das Alte Testament ein Gespräch zwischen David und Saul (2): »David aber sprach zu Saul: Dein Knecht hütete die Schafe seines Vaters; und kam dann ein Löwe oder ein Bär und trug ein Schaf weg von der Herde, so lief ich ihm nach, schlug auf ihn ein und errettete es aus seinem Maul. Wenn er aber auf mich losging, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn tot.«

Eindeutig identifiziert ist damit aber die Kampfszene Mensch-Löwe nicht. Gibt es doch eine weitere kurze Beschreibung im Alten Testament, nämlich im Buch Richter (3): »So ging Simson hinab mit seinem Vater und seiner Mutter nach Timna. Und als sie kamen an die Weinberge von Timna, siehe, da kam ein junger Löwe brüllend ihm entgegen. Und der Geist des Herrn geriet über ihn, und er zerriss ihn, wie man ein Böcklein zerreißt, und hatte doch gar nichts in seiner Hand. Er sagte aber seinem Vater und seiner Mutter nicht, was er getan hatte.«

Foto 4: Mönch und Schüler Wolf.

Simson, der in manchen Bibelübersetzungen Samson heißt, wurde zur Symbolfigur mystisch-magischer Kraft. Er war eine Art biblischer »Superman« der als Vertreter Israels gegen die feindlichen Philister kämpfte. Simson, der in wütender Raserei eintausend Männer mit einem Eselsknochen erschlagen hatte (4), geriet in die Gefangenschaft der Erzfeinde. Die Philister beraubten ihn seiner märchenhaften Kraft, stachen ihm die Augen aus und zwangen ihn zu demütigender Arbeit. Mit Gottes Hilfe erstarkt Simson wieder und bringt eine Festhalle zum Einsturz. Er selbst und dreitausend Philister starben (5). Offenbar war Simson ursprünglich sehr viel mehr als nur ein muskelbepackter menschlicher Held, nämlich ein einstmals angebeteter Sonnengott. »Simson« ist die Verdeutschung des hebräischen Namens Schimschon, und der lässt sich übersetzen mit »von der Sonne«, aber auch »Kleine Sonne« oder »Sönnchen« übersetzen. Meine Vermutung: Weil Simsons Wirken als himmlischer Heros nicht in Vergessenheit geriet, degradierten ihn biblische Autoren vom Sonnengott zum menschlichen Superhelden. Seine Taten finden sich noch heute im Buch der Richter (6) ausführlich beschrieben. Samsons gewalttätiges Leben endete gewalttätig (7):

Foto 5: Der Wolf will das Schaff fressen.

»Das Haus aber war voller Männer und Frauen. Es waren auch alle Fürsten der Philister da, und auf dem Dach waren etwa dreitausend Männer und Frauen, die zusahen, wie Simson seine Späße trieb. Simson aber rief den Herrn an und sprach: Herr, denke an mich und gib mir Kraft, Gott, noch dies eine Mal, damit ich mich für meine beiden Augen einmal räche an den Philistern. Und er umfasste die zwei Mittelsäulen, auf denen das Haus ruhte, die eine mit seiner rechten und die andere mit seiner linken Hand, und stemmte sich gegen sie.  Und sprach: Ich will sterben mit den Philistern! Und er neigte sich mit aller Kraft. Da fiel das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das darin war, sodass es mehr Tote waren, die er durch seinen Tod tötete, als die er zu seinen Lebzeiten getötet hatte.«

Foto 6: Der Wolf hat das Schaf gepackt ...

Ich meine, dass man den Löwenbezwinger vom Fries am Eingang zur ehemaligen Nikolaus-Kapelle als Simson identifizieren kann. Überliefert uns doch das Buch der Richter Simsons Geheimnis. Da enthüllt der Kraftprotz der verführerischen Delila (8): »Wenn ich geschoren würde, so wiche meine Kraft von mir, sodass ich schwach würde und wie alle andern Menschen.« Auf dem Relief am Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle ist der Löwenbesieger mit sehr langen Haaren dargestellt, die ihm bis in die Kniekehlen gereicht haben dürften. »Ketzerische Frage«: Erinnert ein Relief im Münster zu Freiburg an einen alten Sonnengott, der in einen irdischen »Superman« verwandelt wurde? I m sogenannten Tympanon des Haupteingangs jedenfalls prangt ganz oben in der Spitze – eine Sonnenscheibe, als Symbol für den Sonnengott von einst?


Foto 7: Mönch, Wolf und Schaf.
Wer Biblisches und Vorbiblisches in einen Topf wirft, handelt der wie ein Ketzer?
Oder wie einer, der den Quellen biblischer Überlieferungen auf den Grund geht? Wer etwa Jesus mit einer uralten Sonnengottheit in Verbindung bringt, verfälscht der da christlichen Glauben? Oder zeigt er auf, aus welchen Quellen das Urchristentum schöpfte? Zur Zeit Konstantin des Großen (274-337) wird Jesus in der frommen Kunst entweder als Mann mit kurzem oder mit lockigem Haar gezeigt. Er ist jugendlich, ja maskulin schön in diesen Darstellungen, die ganz offensichtlich von Bewunderern Jesu geschaffen wurden. Offenbar war man der Ansicht, dass Gottes Sohn auf Erden nur schön gewesen sein kann.

In jener Zeit kursierten zahlreiche bildliche Darstellungen von Göttern aus dem Mittelmeerraum. Sie werden gern in heldenhafter Pose dargestellt. Besonders beliebt war anscheinend der Sonnengott Helios. Offensichtlich gab es in der Götterwelt Konkurrenzdenken. Und Jesus wurde als Rivale angesehen. Jesus sollte natürlich nicht nachstehen, also schufen christliche Künstler Jesus als Helios im Sonnenwagen. In einem Grabmal ausgerechnet unter der Peterskirche legten Archäologen eine ansprechende künstlerische Arbeit frei. Sie vereint »heidnische« Götterwelt und christliches Missionsstreben. Also verewigte man Jesus als Apollo, der mit starker Hand seinen himmlischen Sonnenwagen durch die himmlischen Lüfte führt. Doch auch der heldenhafte Jesus verschwand wieder aus der Kunst und wich einem älteren Jesus, der mehr an einen sorgenvollen guten Hirten als einen olympischen Gott erinnert.

Foto 8: Wer kämpft da mit einem Löwen?

Tauchte vor rund einem Jahrtausend ein uralter Sonnengott im Fries des Eingangs zur einstigen Nikolaus-Kapelle wieder auf? Kam vorchristliches Glaubensgut – Sonnengott als Simson – wieder aus der Versenkung? Glaubenswelten haben oft sehr, sehr tiefe Wurzeln. Vermeintlich »neue« sakrale Bilder werden häufig immer wieder übernommen und überleben so manchen Wandel zu »neuen« Religionen!


Foto 9: »Superman« Simson mit langen Haaren.
Fußnoten
1) Enderle, Rosa: »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Freiburg 1987, S. 41.
Insgesamt sind vier Bände von »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben« im Verlag Schillinger, Freiburg, erschienen. Das Zitat stammt aus Band I
2) 1. Buch Samuel Kapitel 17, Verse 34 und 35
3) Richter Kapitel 14, Verse 5 und 6
4) Das Buch der Richter Kapitel 15, Vers 15
5) Das Buch der Richter Kapitel 16, Verse 27 und 29
6) Das Buch der Richter Kapitel 13-16
7) Das Buch der Richter Kapitel 16, Verse 27-30
8) Das Buch der Richter Kapitel 16, Vers 17


Zu den Fotos
Foto 10: Ein Engel hält eine Sonne im Tympanon.
Foto 1: Das Portal zur einstigen Nikolaus-Kapelle. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle, erschienen in  »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Band III, Schillinger
Verlag Freiburg i.Br., 1993, S. 23. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle. Telefonat: 30.11.2016, vormittags.
Foto 2: Die Wolfsschule. »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Band II Schillinger Verlag Freiburg i.Br. 1990, S. 8. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle. Telefonat: 30.11.2016, vormittags.
Foto 3: Die Wolfsschule und ein Löwenkampf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mönch und Schüler Wolf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Wolf will das Schaff fressen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der Wolf hat das Schaf gepackt ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mönch, Wolf und Schaf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Wer kämpft da mit einem Löwen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: »Superman« Simson mit langen Haaren. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ein Engel hält eine Sonne im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Sonne im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 11: Die Sonne im Tympanon.




373 »Alexander fliegt in den Himmel«,
Teil  373 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 12.03.2017


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Sonntag, 31. August 2014

241 »Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«

Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Wer kennt diese geheimnisvolle Burg? Foto W-J.Langbein

Der »Heilige Nikolaus« verbreitete zu Beginn des vierten nachchristlichen Jahrhunderts das Christentum in Lykien (heute Türkei). Seine Erzfeindin, so wird überliefert, war die Göttin Diana. Allem missionarischen Eifer zum Trotz beteten die Menschen damals aber weiter zur Göttin. Besonders viele Gläubige pilgerten zum »Heiligen Baum« der Diana. Nikolaus ließ den Baum fällen und zerhacken, wahrscheinlich um zu beweisen, dass Diana keine Macht hatte. Das Fällen des heiligen Baums blieb folgenlos. Bischof Nikolaus bekam nicht den Zorn der Himmlischen zu spüren und starb irgendwann im vierten Jahrhundert.

Der Überlieferung nach sann damals Diana auf Rache. Sie entwickelte eine heimtückische Waffe, »griechisches Feuer«. Als »fromme Frau« verkleidet sprach Diana Pilger an, die sich auf der Reise nach Myrna zum Grab des Nikolaus befanden. Sie gab den Christen ein »heiliges Öl« mit und bat, die Pilger mögen doch damit die Wände der Kirche bestreichen. Was sie nicht wussten: Bei der vermeintlich frommen Gabe handelte es sich um griechisches Feuer. Die »Salbung« durch die Pilger hätte die Kirche in Flammen aufgehen lassen. So wäre das große christliche Heiligtum zerstört worden, wenn nicht – so überliefert es die heilige Legende weiter – Bischof Nikolaus posthum und als Geisterscheinung die Pilger auf See gewarnt hätte. Der Gottesmann klärte die Pilger auf, schüttete das vermeintlich heilige Öl ins Meer… Stichflammen loderten zum Himmel auf. In »Geheimnisvolles Worms« von Ulrike Schäfer lesen wir (1):

Teuflische Göttin. Foto: W-J.Langbein
                                               
»Wie schwer es der heilige Nikolaus hatte, sich gegen die alten Götter durchzusetzen, zeigt ein verblüffendes Relief, das sich außen über dem Portal der Nikolauskapelle befindet. Da werden Gläubige auf dem Weg zum Grab des Nikolaus in Bari von einer Dämonin angehalten, die angeblich ein Weihegeschenk mitgeben will. In Wirklichkeit ist es aber Teufelswerk, wie Nikolaus selbst seinen Verehrern kundtut. Die Göttin Diana oder Dana wollte sich nämlich rächen, weil der fromme Mann ihr Heiligtum zerstört hatte.«

An der Südseite des Doms findet sich über dem Portal zur Nikolauskapelle eben diese Szene. Diana wird schwebend in der Luft dargestellt, wenig göttlich, sondern als Teufelin mit Brüsten. Diana – ihr Kult war in vorchristlichen Zeiten weit verbreitet – wurde als »Himmelskönigin« angebetet. Ihr christliches Pendant ist heute Maria, Jesu Mutter, die »Himmelskönigin« des christlichen Katholizismus. Diana war eine dreifache Göttin, Mondjungfrau, Mutter allen Lebens und Zerstörerin.

Es mutet kurios an, dass Diana am Nikolausportal als hässliche Teufelin gezeigt wird, während in der Nikolauskapelle selbst bis auf den heutigen Tag die »drei Bethen« verehrt und angebetet werden. Die drei Bethen sind nichts anderes als die dreifache Göttin Diana in christlichem Gewand! Wahrscheinlich geht unser Wort »beten« auf die Verehrung der drei heiligen Bethen zurück. Als deren Kult nicht wirklich ausgelöscht werden konnte, wurden die heidnischen Göttinnen einfach in christliche Heilige verwandelt…

So wie Nikolaus das Heiligtum der Diana zerstörte, so verwüstete Karl der Große mit fanatischem Eifer heidnische Kultplätze. So soll er bei den Externsteinen einen vorchristlichen Kultplatz verwüstet und das zentrale Heiligtum – die Irmin-Säule – zerstört haben. Vergeblich versuchte der christliche Herrscher, den heidnischen Ritus des Feuerräderlaufs zu verbieten. Er wird heute noch zelebriert, gerät aber immer mehr zu einem touristischen Spektakel, umgeben von Feuerwerk, Jahrmarktsgeschrei und Budenzauber.

Brücke zum einstigen Heidenheiligtum.

Anno 784, so heißt es, feierte Karl der Große Weihnachten in »Villa Liuhidi«, nahe der Skidrioburg. »Villa Liuhidi« wird heute mit Lügde in Verbindung gebracht. Wo einst Karl der Große in einem kleinen Holzkirchlein gebetet haben soll, da steht heute die eindrucksvolle Kilianskirche. Die Skidrioburg wird heute mit der Herlingsburg identifiziert. Und die dürfte schon in vorchristlichen Zeiten entstanden sein. Die Herlingsburg (2) »ist auf einem freistehenden Bergplateau gelegen und zählt zu den ältesten Wallburgen in der Region. Die Burg wurde in den folgenden Jahrhunderten von den dort siedelnden Menschen als Fluchtburg und später in den Sachsenkriegen Karls des Großen als Wehranlage zur Kontrolle der Verkehrswege genutzt.«

Von meinem Heimatdorf am »Köterberg«, der einst wohl »Götterberg« hieß, ist es nicht weit an den (künstlich angelegten) Schieder-Stausee. Von Glashütte aus geht’s zu Fuß bergan. Noch im späten 19. Jahrhundert soll die Herlingsburg auf einem kahlen Berg gethront haben. Landwirtschaftlich – im Sinne von Feldanbau – konnte der Berg nicht genutzt werden, aber angeblich sollen Rinder durch emsiges Trampeln jeden Baumwuchs verhindert haben.

Berg der Herlingsburg im 19. Jahrhundert. Archiv Langbein

Heute ist der Berg der Herlingsburg dicht bewaldet... und steil wie eh‘ und je! Das macht sich bei mir schon nach einer halben Stunde deutlich bemerkbar. Um 8 Uhr morgens bin ich am 7. Juni 2014 in Glashütte aufgebrochen. Um 8 Uhr 30 scheint meine Kameratasche eine alchemistische Transformation durchgemacht zu haben. Dem gefühlten Gewicht nach zu urteilen hat sie sich in einen massiven Bleiklumpen verwandelt.

Nicht wirklich leichter fühlt sich der Anstieg, als die schmale geteerte Straße zum Waldweg wird. Zum Glück hat meine Frau ausreichend Wasser dabei. Ich lege immer wieder eine kleine Pause ein und trinke. Meine Frau eilt, flink wie eine Gämse, voraus und erkundet den weiteren Weg. Ich denke an angreifende Krieger, die sich vor Jahrtausenden die Anhöhe hinauf kämpfen mussten. Sie mussten jeden Moment damit rechnen, von oben angegriffen zu werden. Und ihre Ausrüstung war ganz gewiss sehr viel schwerer als meine. Ich konnte ja auf jegliche Form der Bewaffnung verzichten, musste auch weder Schild noch Schwert tragen. Und der Waldweg von heute war sicherlich – trotz der Steile – sehr viel besser begehbar als der Anstieg durchs Unterholz.

Hinweistafeln »Zur Herlingsburg« gibt es einige wenige. Ein paar mehr würden die Suche nach dem Ziel wesentlich erleichtern. Munter plaudert meine Frau. Sie erzählt mir von der Legende der zwei Brüder. Ich zitiere die Version von Hagemeier (3):

»Auf der Burg lebten einest zwei Brüder, die, ihren Göttern treu ergeben, tapfer gegen den christlichen Frankenkönig Karl kämpften. Im Kampf gegen die Eindringlinge waren sie zwar vereint, im Herzen jedoch trennte sie ein unritterlicher Hass gegeneinander. Der Grund für diese Rivalität war ein schönes Sachsenmädchen, das sie beide sehr lieb hatten und begehrten. Die Liebe zu dem Mädchen hatte sie zu Todfeinden gemacht. Während eines Heerzuges gegen die Sachsen belagerte Karl der Große nun die Skidrioburg und konnte sie lange nicht einnehmen, weil sie so fest gebaut und tapfer von Sachsen verteidigt wurde. Als nun das Weihnachtsfest nahte, ließ der König die beiden Brüder einladen, mit ihm gemeinsam Weihnachten zu feiern. Sie kamen der Einladung nach und hörten zum ersten Mal die frohe Botschaft von der Geburt des Heilands und von der Liebe Gottes. Dadurch wurde ihr Herz so ergriffen, dass sie sich versöhnten und auch den Kampf gegen Karl und den christlichen Glauben aufgaben.«

Unterwegs zur »Burg«. Foto W-J.Langbein

Die Bezeichnung »Herlingsburg« ist irreführend. Wer die 334 Meter zum Berggipfel erklommen hat, der kann enttäuscht werden. Von einer »Burg« ist dort oben nichts zu erkennen. Eine »Burg«, so wie wir sie uns vielleicht vorstellen, hat es dort oben nie gegeben. Folgerichtig finden sich auch keine Mauerreste, geschweige denn steinerne Tore oder Türme mit Zinnen. Einst gab es oben auf dem heute wegen der Bewaldung kaum zu erkennenden »kuppelförmigen Hochfläche« (4) eine Wallanlage. Angreifende Feinde mussten den Berg hinauf stürmen, wobei sie immer wieder Gräben und Erdwälle überwinden mussten. Die Verteidiger der »Burg« waren im Vorteil, konnten – zum Beispiel – vorbereitete Felsbrocken gegen die Angreifer anrollen lassen. Oder sie ließen einen Steinregen auf die Feinde niederprasseln.

Waren die Angreifer erst einmal oben angelangt, galt es wiederum einen Graben zu überwinden. Darauf folgte ein Erdwall, gekrönt von einer Palisade aus Baumstämmen. Vom Graben ist heute nichts mehr zu sehen, die Palisade aus Baumstämmen ist natürlich schon seit vielen Jahrhunderten verschwunden, und der einst beeindruckende Erdwall? Der unvorbereitete Wanderer übersieht ihn leicht. Wer ihn aber ersucht, erkennt ihn noch, auch wenn er zwischen Bäumen kaum auszumachen ist. Am und auf dem Wall stehen Bäume. Wanderer trifft man hier oben nicht sehr häufig an. Dabei lohnt es sich, nach den Überbleibseln der »Herlingsburg« zu suchen… in einem Waldgebiet, das manchmal märchenhaft, manchmal unheimlich düster, manchmal lichtdurchflutet unsere Fantasie anregt.

Reste eines Wallstücks. Foto Langbein

Einst gab es im Inneren der Wallanlage einen Brunnen. Leider wurde er schon vor vielen Jahrzehnten bei unsachgemäßen Ausgrabungen – so versicherte mir ein Heimatforscher vor Ort – zerstört. Wie lange die »Herlingsburg« als Zuflucht für die heimische Bevölkerung genutzt wurde? Wir wissen es nicht. Wann genau die Wallanlage erbaut wurde, auch das wissen wir nicht wirklich.

Im Inneren der Anlage wurden mehrere Grabanlagen entdeckt, unter einer Humusschicht. Tote wurden  in steinernen Särgen beigesetzt. Klaus Zetzsche weiß zu berichten (5): »Als nun eins (ein Grab) analysiert wurde, kam die bisher schönste, geöffnete Grabanlage von vier Meter Länge zutage. Sie enthielt eine sogenannte Steinkiste. Die Grababdeckplatte bestand aus einer acht Zentimeter dicken Sandsteinplatte, die von einer Sandsteinschicht unter dem Grabe herrührte und abgespalten war.«

Wie viele solche Steinsarggräber mag es einst gegeben haben? Wie viele möge noch unentdeckt unter dem Waldboden schlummern? Eine Hinweistafel zeigt, wie so eine Begräbnisstätte aufgebaut war, allerdings verborgen im Erdreich. Wie mag die Religion der Menschen damals ausgesehen haben? Glaubten sie an die Auferstehung der Toten, wenn man sie nur möglichst sicher für die Ewigkeit verwahrte? Wurden besonders wichtige Tote möglichst dem Himmel nah beigesetzt? Glaubte man, sie würden wieder auferstehen, so wie die Natur immer wieder aus der Starre des Winters erwachte?

Der Berg der »Herlingsburg« hat schon vor Jahrtausenden Menschen angezogen. Berggipfel waren ja oft den Göttern vorbehalten. Auf Berggipfeln gab es Heiligtümer. Und auf Berggipfeln wurden Tote rituell beigesetzt, so auch im Inneren der »Herlingsburg«. Da wurden einst Totenrundhäuser über Grabstellen errichtet: Nach sorgsamen archäologischen Untersuchungen geschah dies etwa zwei Jahrtausende vor Christus. Jünger sind große Erdhügel. Scherbenfunde wiederum weisen auf 800 nach Christus hin. Man muss also davon ausgehen, dass der Berg der »Herlingsburg« vor mindestens vier Jahrtausenden als »heilig« angesehen wurde und Jahrtausende als »heiliger Berg« gegolten hat, von der Jungsteinzeit bis in die Zeit Karls des Großen.

Rekonstruktion eines Grabes auf einem Info-Schild.

Ich bin nach intensivem Studium der wissenschaftlichen Literatur zur »Herlingsburg« zur Überzeugung gekommen, dass es dort oben schon ein altes Heiligtum gegeben hat, bevor die Wallanlage gebaut wurde. Welche Riten vor Jahrtausenden abgehalten wurden? Wir wissen es nicht. Gab es Pilger, die vor Jahrtausenden Sonnwendfeiern zelebrierten? Begrüßte man den Frühling? Im Christentum wurden ja heidnische Frühlingsfeste – etwa auf dem Brocken – im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt. Einst trafen sich die Menschen auf Bergeshöhen, um zu feiern: Wenn die Sonne wieder stieg und wenn sich der Winter verabschiedete, die Natur aus der Starre der Kälte erwachte. Klaus Zetzsche (6): »So kam es beispielsweise, dass das große Frühlingsfest auf dem Brocken zu einem Meeting des Teufels und der Hexen abgestempelt wurde, die am ersten Mai dort zusammenkamen. Da aber das Volk weiterhin mit größter Zähigkeit an dem Fest der Lebensfreude festhielt, legte man die beiden großen Kirchenfeste, nämlich Ostern und Pfingsten, in seine Nähe und zog somit das alte Brauchtum einfach auseinander, so daß der ganze heidnische Charakter dadurch abgeschwächt wurde.«

Aber auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus lebt einstiges, einstmals heidnisches Brauchtum fort… zum Beispiel, wenn am Ostersonntag abends die Feuerräder von Lügde zu Tal rollen…

Osterräderlauf, uraltes heidnisches Brauchtum hat überlebt!

ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein


Fußnoten:

1) Schäfer, Ulrike: »Geheimnisvolles Worms«, Gudensberg-Gleichen, 2003, S. 8
2) Hagemeier, Hubertus: Sagenhaftes Lipperland/ Sagen und Legenden, Erfurt
     2012, S. 118
3) ebenda
4) Zetzsche, Klaus: »Das sagen uns die Externsteine«, Köln-Seeberg 1983/84/85, S. 123
5) ebenda, S. 132
6) ebenda, S. 137

»Ein totes Pferd und eine Göttin«
Teil 242 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 07.09.2014


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