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Sonntag, 20. Januar 2019

470 »Mordgemetzel im Dom zu Goslar«

Teil 470 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Domvorhalle, Goslar
Ich war auf der Rückreise von einer Geburtstagsfeier. Spät am Abend startete »mein« Nahverkehrszug Richtung Heimat. Er hielt unzählige Male. Ich nickte immer wieder ein und wurde immer wieder wach. Wieder einmal kam »mein« Zug rumpelnd zum Stillstand. »Goslar, Goslar!«, wurde energisch ausgerufen. »Bitte zügig aussteigen!« Goslar? War da nicht etwas mit einem Dom? Kurz entschlossen stand ich auf, griff nach meinem Koffer und stieg aus. »Türen schließen!«, erklang die Stimme eines ungeduldigen Schaffners. Ich stand am Gleis, »mein Zug« fuhr weiter. Ob er die Verspätung wieder aufholen würde?

Am menschenleeren Bahnhofsvorplatz erwischte ich mit Mühe ein Taxi, das gerade in der Nacht verschwinden wollte. »Zum Dom!« instruierte ich den etwas verärgerten Fahrer. »Wollte gerade Feierabend machen!«, brummte er gähnend. Dann wiederholte er meine Worte, fast hämisch lachend. »Zum Dom? Der ist weg!« Seine Antwort irritierte mich doch stark. Nach einer kurzen Kunstpause fügte er hinzu: »Ich fahre Sie aber trotzdem hin!« Los ging’s.

Mir wurde eine erstaunliche Wegstrecke zuteil, den direkten Weg zum »Dom« schlug der geschäftstüchtige Fahrer nicht ein. Vom Bahnhof wurde ich auf die »82« chauffiert, sprich Goslar wurde weiträumig umfahren. Erst als die letzten Häuser von Goslar auftauchten, ging’s wieder Richtung Innenstadt. Die Titanen waren Riesen in Menschengestalt. Sie waren damals mächtige Götter, stolze Nachkommen der Göttin Gaia und des Uranos. Unter ihrem Anführer Kronos kämpften die göttlichen Riesen mit Zeus und einigen seiner Geschwister. Das geschah in der »Goldenen Ära«, lange bevor es Menschen gab. Im Epos »Titanomachia«, verfasst von Thamyris, wird wohl dieser Götterkrieg ausführlich beschrieben. Das Werk ging aber verloren. Vorbei an der »Kaiserpfalz« gelangten wir endlich auf den »Domplatz« und von da zur »Domvorhalle«.

Langweilig wurde mir freilich während der Fahrt nicht. Der Taxifahrer arbeitete an Wochenenden in einem Altenheim, studierte »nebenher« Philosophie und Journalismus und agierte an einer Laienbühne. Schauspielerisch war er ohne Zweifel recht begabt. Auf sehr eindrucksvolle, manchmal geradezu kinskihafte Weise (1) schilderte er mir in drastischen Worten das »Mordgemetzel im Dom zu Goslar«. Sam Peckinpah war leider nicht zugegen, sonst hätte ihn des Taxifahrers plastische Beschreibung des historischen Geschehens gewiss zu einem blutrünstigen Filmepos angeregt. Tote jedenfalls gab es genug.

Foto 2: Der Dom zu Worms
Das blutige Fest erinnert stark an das berühmte Nibelungenlied, an den Streit der edlen Damen vor dem Dom zu Worms und das grausame Ende im Rittersaal führt. Auch hier wird gestorben, weil man sich nicht darauf einigen konnte, wer im Rang höher steht. Meisterlich gestaltete »mein« Taxifahrer während der einsamen Fahrt durch die Nacht ein Hörspiel, in dessen Zentrum abgeschlagene Köpfe und andere Körperteile standen. Gestenreich unterstrich der Mime am Lenkrad die dramatischten Momente.

Doch zu den historischen Fakten: Weihnachten 1062 reiste Kaiser Heinrich IV. zu den Feierlichkeiten in seinem Geburtsort Goslar. Geladen waren der Bischof von Hildesheim und der Forstabt von Fulda. Wer würde auf welchem Platz im Dom sitzen? Wer hatte den höheren Rang? Vor allem: Wer durfte direkt neben dem Erzbischof von Mainz sitzen? Am Tag vor der Weihnachtsfeier sollte im Dom die Sitzordnung festgelegt werden. Im Dom kam es zwischen den Vertretern beider Parteien zunächst zu verbalen Auseinandersetzungen, die schnell zu Geschrei und Prügelei ausarteten. Herzog »Otto von Bayern« schlichtete. Am 17. Juni 1063, am Samstag vor Pfingsten, traf man sich wieder im Dom zu Goslar. Auf Wortgefechte verzichtete man weitestgehend, die Vertreter der Geistlichkeit schlugen mit Fäusten aufeinander ein und griffen beherzt zu den Waffen. Die Fuldaer attackierten die Hildesheimer mit brutaler Gewalt. Während die Domherren frommes Liedgut sangen, wurde im Dom gemetzelt. Der Kaiser , Heinrich IV, mahnte und befahl ein Ende des Tötens, aber niemand hörte auf ihn. Der hohe Herr floh in seinen Palast. Der Bischof von Hildesheim forderte die Seinen von der Kanzel herab lautstark dazu auf, Tapferkeit zu zeigen. Als Sieger gingen schließlich nach halbtägigem Morden die Hildesheimer hervor.

Der Sage nach sollen so viele Kämpfer schwer verletzt oder zu Tode gebracht worden sein, dass ihr Blut in Strömen zum Hauptportal hinaus auf den Domvorplatz floss. Das dürfte reichlich übertrieben sein. Wie viele Menschen tatsächlich nach der Schlacht im Dom tot aus dem Gotteshaus getragen wurden, das lässt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Mehrere Tote hat es wohl gegeben, auch mehrere Verletzte. Es muss sehr grausam zugegangen sein, denn in der Überlieferung wird der Teufel bemüht, der angeblich damals beim Stechen und Hauen zugegen war. Der Teufel, so die Sage, begnügte sich nicht mit schadenfrohem Zuschauen. Er stand den irdischen Kämpfern in nichts nach.

Foto 3: Gemetzel im Dom von Goslar

Satanas, so heißt es, sei begeistert gewesen ob der vielen Seelen, die er sich aus dem Dom holen konnte. Als der Höllenfürst freilich das Gotteshaus wieder verlassen wollte, gab es für ihn ein Problem. Durch den verbarrikadierten Ausgang konnte selbst der Teufel nicht entschwinden. Die Sage überliefert (2): Er (der Teufel) schlug wacker mit drein, und als der Sieg entschieden war, schwang er sich sichtbar empor, fuhr durch ein Loch des Kirchengewölbes in die Höhe.« Ein großes Loch sei entstand und habe sich viele Jahre nicht wieder schließen lassen. Erst nach diversen vergeblichen Versuchen verzweifelter Maurer konnte man nach längerer Zeit das »Teufelsloch« bis auf einen schmalen Spalt verschwinden lassen. Wie war das möglich? Es wurde, so die gruslige Überlieferung, eine schwarze Katze mit eingemauert. Außerdem kam eine Bibel als »Verschlussstein« zum Einsatz. Die Bibel sei noch viele Jahre zu sehen gewesen. Offensichtlich traute man einer Bibel geradezu magische Wirkung zu.

Zu den Fakten: Mitte des 11. Jahrhunderts wurde in Goslar die »Stiftskirche St. Simon und Judas« errichtet. Die Weihe nahm Erzbischof Hermann von Köln am 2. Juli 1051 vor. Die heute noch als kärglicher Rest des einst so stolzen Gotteshauses erhaltene nördliche Vorhalle wurde erst um das Jahr 1200 angebaut. 1819 bis 1822 wurde der Dom fast vollständig abgerissen. Erhalten blieb lediglich die Vorhalle, die es zu Zeit der »Teufelsschlacht« noch nicht gab.

Foto 4: Stechen und Hauen im Gotteshaus

Endlich war ich am Ziel angekommen, beim Dom der, so der Taxifahrer, »weg« war. Es war kalt, stockdunkel und begann auch noch zu regnen. Mein Taxifahrer deutete fast triumphierend auf die Domvorhalle. »Vom eigentlichen Dombau ist nichts mehr erhalten. Der alte Dom ist weg. Was Sie hier sehen, das ist ein, jüngerer Anbau. Man hat ihn zu Beginn des 19. Jahrhunderts stehenlassen, weil er angeblich die wertvollsten Schätze des Doms beherbergte.«

Da stand ich also im Regen, hastete auf zwei mit Eisengittern versperrte schmale Tore zu. Viel zu sehen war nicht. Über den Torbögen machte ich zwei Reihen von Nischen aus, die scheinbar steinerne Plastiken enthielten. »Die stehen,«, dachte ich »anders als ich, im Trockenen!« Bei näherem Hinsehen, ich war inzwischen völlig durchnässt, erkannte ich, dass es sich lediglich um insgesamt sechs Reliefs und zwei gemalte Bildnisse handelte. In der oberen Reihe identifizierte ich ohne Mühe in der Mitte Maria mit dem Jesusbaby. Rechts und links von ihr flankierten zwei gemalte Engel die Gottesmutter.

Foto 5: Der Krodoaltar im Dom
Näheres erklärt wikipedia (3): »Darunter in der Mitte der Apostel Matthias, der seit der Überführung von Reliquien aus Trier jahrhundertelang als Stadtpatron Goslars verehrt wurde und auf den Münzen der Stadt abgebildet war; zu seinen Seiten die Kirchenpatrone Simon und Judas; außen zwei Kaiser, von denen der linke, der ein Kirchenmodell trägt, als Heinrich III. identifiziert werden kann, während die Identität des rechten, der ein profanes Bauwerk hält, unsicher ist.«

Ich spähte durch die Eisenstangen der eisernen Gitter der beiden Portale hindurch, konnte aber nichts erkennen.

»Mein« Taxifahrer wartete noch, wurde aber langsam ungeduldig. »Wollen Sie hier bleiben? Wenn sie noch länger im Regen stehen möchten, nur zu. In mein Taxi lasse ich Sie dann aber nicht mehr einsteigen. Sie versauen mir ja sonst nur die Polster.« Ich folgte dem Wink mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl und ließ mich zum Bahnhof zurückbringen. Die Rückfahrt erfolgte auf direktem, also viel kürzeren Weg. Am Bahnhof angekommen hatte ich Glück. Nur wenige Minuten später konnte ich meine Fahrt fortsetzen. Zuhause stellte sich eine deftige Erkältung ein, die ich mit Unterstützung meiner Frau schon nach einer Woche bezwungen hatte.

Zuhause recherchierte ich weiter. Im Dom zu Goslar, so las ich immer wieder, wurde einst der Altar von Krodo (alias Crodo) aufbewahrt. Der Krodo-Altar sieht erstaunlich modern aus, wurde aber ohne Zweifel bereits im späten elften Jahrhundert ausschließlich aus Bronze angefertigt. Er soll der einzige erhaltene metallene Kirchenaltar der Romanik sein. Von innen ließ sich der metallene Kubus mit symmetrisch angebrachten runden Löchern beleuchten.

Foto 6: Der Krodoaltar im Museum
Getragen wird der schlichte Metallkasten von vier mysteriösen Gestalten an den Ecken. Bei den vier knienden Figuren könnte es sich um recht muskulöse Atlanten handeln. Mag sein, dass sie ursprünglich je einen Erdglobus trugen. Die Muskelprotze stammen offensichtlich aus dem Reich der griechisch-römischen Mythologie. Die Titanen waren Riesen in Menschengestalt. Sie waren damals mächtige Götter, stolze Nachkommen der Göttin Gaia und des Uranos. Unter ihrem Anführer Kronos kämpften die göttlichen Riesen mit Zeus und einigen seiner Geschwister. Das geschah in der »Goldenen Ära«, lange bevor es Menschen gab. Im Epos »Titanomachia«, verfasst von Thamyris, wird wohl dieser Götterkrieg ausführlich beschrieben. Das Werk ging aber verloren.

Der »Krodo-Altar« wurde irgendwann, spätestens beim Abbruch der Stiftskirche, entfernt. Heute befindet er sich im Goslaer Museum am »Museumsufer« (4).


Foto 7: Ohne Worte
Fußnoten
(1) Klaus Kinski (*1926; †1991)
(2) http://www.sagen.at/texte/sagen/deutschland/allgemein/gottschalck/teufelsschlacht.html (Stand 5.12.2018)
(3) Wikipedia-Artikel »Goslaer Dom« (Stand 5.12.2018)
(4) Goslaer Museum, An der Abzucht, Königstraße 1, 38640 Goslar, Tel. 05321 43394, E-Mail goslarer-museum@goslar.de (Stand 5.12.2018)

Zu den Fotos
Foto 1: Domvorhalle, Goslar. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Der Dom zu Worms. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Gemetzel im Dom von Goslar. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Stechen und Hauen im Gotteshaus (Ausschnitt von Foto 3).
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Krodoaltar im Dom.
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der Krodoaltar im Museum. Foto wikimedia commons Rabanus Flavus
Foto 7: Ohne Worte. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

471 »Die unendliche Geschichte der Religionen«,
Teil 471 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27. Januar 2019



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Sonntag, 24. April 2016

327 »Der Dolch der Götter«

327 »Der Dolch der Götter«,
Teil 327 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Eines der Gesichter eines »Phurba«

Endlich hatte ich einen Entschluss gefasst. Ich würde mein Studium der evangelischen Theologie abbrechen. Und das – auch wenn das manchen Zeitgenossen absurd vorkommen mag – aus Respekt vor dem christlichen Glauben. Da ich zentrale Lehren der christlichen Religion evangelisch-lutherischen Gepräges nicht mehr nachvollziehen konnte, durfte ich einfach nicht eben diese Lehre von der Kanzel predigen. Ich konnte einfach nicht Priester sein. Denn der Gläubige muss sich darauf verlassen können, dass ihm der Geistliche nicht einfach nur schöne Geschichten erzählt. Nur ein wirklich gläubiger Priester ist ein glaubwürdiger Priester. Nur dann kann er helfen.

Meinen  Entschluss teile ich einem befreundeten Geistlichen mit, der seine kleine Gemeinde in einem

Foto 2
Foto 3
kleinen Dörfchen im Oberfränkischen seelsorgerlich betreute. Nach Genuss »geistiger« Getränke erkundeten der Gottesmann und ich die »Unterwelt«. Ein Gang führte einst vom Pfarramt in die nahe gelegene dörfliche Kirche. Wer mochte wohl den Gang angelegt haben? Mein geistlicher Führer hatte eine interessante These parat.

In Deutschland und Österreich gab es einst hunderte, ja tausende von sogenannten »Schratzelgängen« oder »Schratzelhöhlen«. Weil sie extrem niedrig sind, man kann sich in ihnen in der Regel nur sehr gebückt oder gar nur kriechend fortbewegen, wurden sie einst den »Schratzeln«, also Zwergen, zugeschrieben. Wer sonst als Zwerge, so glaubte man, kann in dieser »Unterwelt« hausen?

Die Gänge sind oft der Regel 50 bis 60 Zentimeter »breit« und einen Meter bis 1,40 Meter »hoch«, manchmal deutlich niedriger. Verengungen machen ein Weiterkommen manchmal fast unmöglich. Wer an Platzangst leidet, sollte die Erkundung der Gänge anderen überlassen. Kriecht man schlangenartig durch so einen Gang, stößt man in der Regel irgendwann auf einen »Raum«, der etwas breiter und höher als der Gang selbst ist. Häufig ist so ein Raum mit »Sitzbänken« ausgestattet, die für normalgroße Menschen völlig ungeeignet sind. Zwerge könnten sich hier versammelt haben, unter der Erde. Probleme bereitet der Mangel an frischer Atemluft Zwergen wie normalwüchsigen Menschen.

Foto 4
Als »Lagerräume« sind die »Schratzelgänge«, auch »Erdställe« genannt, vollkommen ungeeignet. Selbst wenn die kleinen in die Gangsysteme integrierten »Räume« als Keller gedacht waren, warum hat man dann die Minitunnels zu diesen Räumen so angelegt, dass man meist auf allen Vieren oder gar auf dem Bauch kriechen muss, um ans Ziel zu kommen? Wollte man gar – zum Beispiel – einen Sack Kartoffeln aus so einem Schratzel-Raum holen, gestaltete sich das mehr als problematisch, weil man dabei nicht aufrecht gehen konnte.

Unklar ist auch, wann die ersten dieser Gänge angelegt wurden. Sie lassen sich nicht datieren. In einer »Schratzelhöhle« in Bad Zell (Oberösterreich) fanden sich Holzkohlereste, die auf die Zeit von 1030 n.Chr. bis 1210 n.Chr. datiert wurden. Ein »Erdstall« im bayrischen Höchermühle wurde auf Grund von Holzkohleresten auf die Zeit zwischen Ende des zehnten und Mitte des 11. Jahrhunderts angesetzt. Diese Funde lassen freilich keine Rückschlüsse auf die Entstehungszeit der Gänge zu. Sie verraten uns lediglich, dass vor rund einem Jahrtausend Menschen in der »Zwergen-Unterwelt« waren. Vielleicht um sie zu erkunden. Die Anlagen selbst können Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende älter sein. Welchem Zweck mögen sie wirklich gedient haben?

Nach intensivem Quellenstudium bin ich zur Überzeugung gekommen, dass die Gänge im Zusammenhang mit religiösem Brauchtum standen. Fakt ist, dass die Zugänge zu dieser »Unterwelt« häufig im Bereich von Kirchen liegen, in direkter Umgebung von Kirchen oder unter Kirchen. Bekanntlich wurden christliche Kirchen häufig auf heidnische Kultstätten gebaut. Verschiedene »Erklärungen« sind mir bei meinen Recherchen begegnet. Der Heimatforscher Anton Haschner spekulierte, dass es sich bei den Räumchen, zu denen Schratzelgänge führen, um »Seelenkammern« handelte, in denen die Seelen von Verstorbenen auf das »Jüngste Gericht« warten mussten (oder durften?). Eine andere Theorie besagt, dass es sich nur um symbolische Gräber gehandelt habe. Wenn nomadisierende Bevölkerungsgruppen umherzogen, sich wieder einmal niederließen, legten sie dann zu Ehren der zurückgelassenen Toten symbolische Gräber an?

Foto 5
An Filme wie »Die Rückkehr der lebenden Leichen« erinnert mich eine andere These. Demnach sollten die Totengeister in den »Schratzelhöhlen« verbleiben und nicht die Menschen in Angst und Schrecken versetzen.

Mein geistlicher Führer, der mir die Tür zur Unterwelt unter seinem Pfarramt geöffnet hatte, spekulierte: Einst gab es einen heidnischen Kult, zu dem der mysteriöse unterirdische Gang gehörte. Pfarramt und Kirche wurden auf die Zugänge zu den Schratzelhöhlen gebaut, um sie für das Christentum in Beschlag zu nehmen. Man habe schließlich zu christlichen Zeiten den einstigen »Erdstall« ausgebaut, um ihn nutzen zu können: als praktischen unterirdischen Weg vom Pfarrhaus zur Kirche und retour.

Nun war »mein« Geistlicher nicht nur ein emsiger Erkunder unterirdischer Gänge aus unbekannten Zeiten. Er suchte auch im Gotteshaus selbst, grub unter dem Mittelgang nach »Schätzen«, und er wurde fündig. Er fand ein kurioses »Ding«, etwa dreißig Zentimeter lang, aus sehr dunklem, hartem Holz geschnitzt, schmal und spitz zulaufend. Viele Jahre später stieß ich in Indien auf ein ganz ähnliches Objekt. Es ist ein »Phurba«. Der »Phurba« erinnert an einen dreiseitigen Dolch, ein Dolch der Götter. Dreiseitig ist der Griff, dreiseitig ist die Klinge. Er kam und kommt im Himalaya zum Einsatz. Besonders in Tibet wird er als heiliges Attribut wichtiger Götter angesehen. Senkrecht stehend wird der »Phurba« als »Achse der Welt« verstanden. Den Griff des »Phurba« zieren gewöhnlich drei Gesichter. Eines strahlt freudigen Optimismus aus, eines wirkt wütend oder traurig und das dritte macht einen ausgeglichenen Eindruck. Die drei Gesichter im Griff des Götterdolchs lassen uns natürlich sofort an die »Heilige Dreifaltigkeit« des Christentums denken. Die Trinität des Christentums freilich ist sehr viel älter. So ist aus vorchristlichen Zeiten eine Vielzahl von Götter-Triaden bekannt.

Foto 6: Das freundeliche Gesicht eines »Phurba«

Göttinnen-Triaden gab es im Heidentum bis in christliche Zeiten hinein. Offensichtlich waren die drei Göttinnen so stark im Volksglauben verwurzelt, dass es selbst emsigsten Missionaren und Bekämpfern des Heidentums nicht gelungen ist, sie aus dem Bewusstsein der Menschen zu verbannen. So wurden die heidnischen Drei-Göttinnen einfach »christianisiert« und durften forthin mit dem Segen der Kirche verehrt werden, als die drei Bethen. Die drei Bethen waren die vorchristliche Form der christlichen Trinität, bestehend aus Gott-Vater, Gott-Sohn und Heiligem Geist. In der uralten einstigen Wehrkirche von Urschalling (am Chiemsee gelegen) ziert bis heute eine rätselhafte Darstellung der christlichen Dreifaltigkeit die Decke. Sie hat einen Unterleib, doch der Oberleib spaltet sich auf in zwei Männer und eine Frau. Klar zu erkennen sind Gott-Vater als alter Mann mit Rauschebart, Gott-Sohn Jesus als junger Mann und dazwischen der »Heilige Geist« als Frau. Eine rein weibliche Triade findet sich noch heute im altehrwürdigen Dom zu Worms.


Foto 7: Schlecht gelaunter »Phurba«

In Delhi erklärte mir ein Angestellter eines kleinen Museums: »Der ›Phurba‹ geht auf den Hering zurück, mit dem man Zelte fest verankerte. Er sicherte also das Zelt, das Zuhause, und schützte so vor den Unbilden der Natur. Ohne die Phurba-Verankerung konnte ein Sturm leicht ein Zelt davontragen, die Bewohner Wind und Wetter ausliefern!«



Foto 8
Foto 9
Empfehlenswerte Literatur zum komplexen Thema der »Schratzel-Höhlen« oder »Erdställe«:

Kusch, Heinrich und Ingrid: »Tore zur Unterwelt/ Das Geheimnis der unterirdischen Gänge aus uralter Zeit«, Graz 2009
Kusch, Heinrich und Ingrid: »Versiegelte Unterwelt/ Das Geheimnis der Jahrtausende alten Gänge…«, Graz 2014

Zu den Fotos:

Alle Fotos (1-9) zeigen einen hölzernen »Phurba« aus Tibet. Alle Fotos Walter-Jörg Langbein

328 »Vom Nabel der Welt ins All«,
Teil 328 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.05.2016


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Sonntag, 31. August 2014

241 »Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«

Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Wer kennt diese geheimnisvolle Burg? Foto W-J.Langbein

Der »Heilige Nikolaus« verbreitete zu Beginn des vierten nachchristlichen Jahrhunderts das Christentum in Lykien (heute Türkei). Seine Erzfeindin, so wird überliefert, war die Göttin Diana. Allem missionarischen Eifer zum Trotz beteten die Menschen damals aber weiter zur Göttin. Besonders viele Gläubige pilgerten zum »Heiligen Baum« der Diana. Nikolaus ließ den Baum fällen und zerhacken, wahrscheinlich um zu beweisen, dass Diana keine Macht hatte. Das Fällen des heiligen Baums blieb folgenlos. Bischof Nikolaus bekam nicht den Zorn der Himmlischen zu spüren und starb irgendwann im vierten Jahrhundert.

Der Überlieferung nach sann damals Diana auf Rache. Sie entwickelte eine heimtückische Waffe, »griechisches Feuer«. Als »fromme Frau« verkleidet sprach Diana Pilger an, die sich auf der Reise nach Myrna zum Grab des Nikolaus befanden. Sie gab den Christen ein »heiliges Öl« mit und bat, die Pilger mögen doch damit die Wände der Kirche bestreichen. Was sie nicht wussten: Bei der vermeintlich frommen Gabe handelte es sich um griechisches Feuer. Die »Salbung« durch die Pilger hätte die Kirche in Flammen aufgehen lassen. So wäre das große christliche Heiligtum zerstört worden, wenn nicht – so überliefert es die heilige Legende weiter – Bischof Nikolaus posthum und als Geisterscheinung die Pilger auf See gewarnt hätte. Der Gottesmann klärte die Pilger auf, schüttete das vermeintlich heilige Öl ins Meer… Stichflammen loderten zum Himmel auf. In »Geheimnisvolles Worms« von Ulrike Schäfer lesen wir (1):

Teuflische Göttin. Foto: W-J.Langbein
                                               
»Wie schwer es der heilige Nikolaus hatte, sich gegen die alten Götter durchzusetzen, zeigt ein verblüffendes Relief, das sich außen über dem Portal der Nikolauskapelle befindet. Da werden Gläubige auf dem Weg zum Grab des Nikolaus in Bari von einer Dämonin angehalten, die angeblich ein Weihegeschenk mitgeben will. In Wirklichkeit ist es aber Teufelswerk, wie Nikolaus selbst seinen Verehrern kundtut. Die Göttin Diana oder Dana wollte sich nämlich rächen, weil der fromme Mann ihr Heiligtum zerstört hatte.«

An der Südseite des Doms findet sich über dem Portal zur Nikolauskapelle eben diese Szene. Diana wird schwebend in der Luft dargestellt, wenig göttlich, sondern als Teufelin mit Brüsten. Diana – ihr Kult war in vorchristlichen Zeiten weit verbreitet – wurde als »Himmelskönigin« angebetet. Ihr christliches Pendant ist heute Maria, Jesu Mutter, die »Himmelskönigin« des christlichen Katholizismus. Diana war eine dreifache Göttin, Mondjungfrau, Mutter allen Lebens und Zerstörerin.

Es mutet kurios an, dass Diana am Nikolausportal als hässliche Teufelin gezeigt wird, während in der Nikolauskapelle selbst bis auf den heutigen Tag die »drei Bethen« verehrt und angebetet werden. Die drei Bethen sind nichts anderes als die dreifache Göttin Diana in christlichem Gewand! Wahrscheinlich geht unser Wort »beten« auf die Verehrung der drei heiligen Bethen zurück. Als deren Kult nicht wirklich ausgelöscht werden konnte, wurden die heidnischen Göttinnen einfach in christliche Heilige verwandelt…

So wie Nikolaus das Heiligtum der Diana zerstörte, so verwüstete Karl der Große mit fanatischem Eifer heidnische Kultplätze. So soll er bei den Externsteinen einen vorchristlichen Kultplatz verwüstet und das zentrale Heiligtum – die Irmin-Säule – zerstört haben. Vergeblich versuchte der christliche Herrscher, den heidnischen Ritus des Feuerräderlaufs zu verbieten. Er wird heute noch zelebriert, gerät aber immer mehr zu einem touristischen Spektakel, umgeben von Feuerwerk, Jahrmarktsgeschrei und Budenzauber.

Brücke zum einstigen Heidenheiligtum.

Anno 784, so heißt es, feierte Karl der Große Weihnachten in »Villa Liuhidi«, nahe der Skidrioburg. »Villa Liuhidi« wird heute mit Lügde in Verbindung gebracht. Wo einst Karl der Große in einem kleinen Holzkirchlein gebetet haben soll, da steht heute die eindrucksvolle Kilianskirche. Die Skidrioburg wird heute mit der Herlingsburg identifiziert. Und die dürfte schon in vorchristlichen Zeiten entstanden sein. Die Herlingsburg (2) »ist auf einem freistehenden Bergplateau gelegen und zählt zu den ältesten Wallburgen in der Region. Die Burg wurde in den folgenden Jahrhunderten von den dort siedelnden Menschen als Fluchtburg und später in den Sachsenkriegen Karls des Großen als Wehranlage zur Kontrolle der Verkehrswege genutzt.«

Von meinem Heimatdorf am »Köterberg«, der einst wohl »Götterberg« hieß, ist es nicht weit an den (künstlich angelegten) Schieder-Stausee. Von Glashütte aus geht’s zu Fuß bergan. Noch im späten 19. Jahrhundert soll die Herlingsburg auf einem kahlen Berg gethront haben. Landwirtschaftlich – im Sinne von Feldanbau – konnte der Berg nicht genutzt werden, aber angeblich sollen Rinder durch emsiges Trampeln jeden Baumwuchs verhindert haben.

Berg der Herlingsburg im 19. Jahrhundert. Archiv Langbein

Heute ist der Berg der Herlingsburg dicht bewaldet... und steil wie eh‘ und je! Das macht sich bei mir schon nach einer halben Stunde deutlich bemerkbar. Um 8 Uhr morgens bin ich am 7. Juni 2014 in Glashütte aufgebrochen. Um 8 Uhr 30 scheint meine Kameratasche eine alchemistische Transformation durchgemacht zu haben. Dem gefühlten Gewicht nach zu urteilen hat sie sich in einen massiven Bleiklumpen verwandelt.

Nicht wirklich leichter fühlt sich der Anstieg, als die schmale geteerte Straße zum Waldweg wird. Zum Glück hat meine Frau ausreichend Wasser dabei. Ich lege immer wieder eine kleine Pause ein und trinke. Meine Frau eilt, flink wie eine Gämse, voraus und erkundet den weiteren Weg. Ich denke an angreifende Krieger, die sich vor Jahrtausenden die Anhöhe hinauf kämpfen mussten. Sie mussten jeden Moment damit rechnen, von oben angegriffen zu werden. Und ihre Ausrüstung war ganz gewiss sehr viel schwerer als meine. Ich konnte ja auf jegliche Form der Bewaffnung verzichten, musste auch weder Schild noch Schwert tragen. Und der Waldweg von heute war sicherlich – trotz der Steile – sehr viel besser begehbar als der Anstieg durchs Unterholz.

Hinweistafeln »Zur Herlingsburg« gibt es einige wenige. Ein paar mehr würden die Suche nach dem Ziel wesentlich erleichtern. Munter plaudert meine Frau. Sie erzählt mir von der Legende der zwei Brüder. Ich zitiere die Version von Hagemeier (3):

»Auf der Burg lebten einest zwei Brüder, die, ihren Göttern treu ergeben, tapfer gegen den christlichen Frankenkönig Karl kämpften. Im Kampf gegen die Eindringlinge waren sie zwar vereint, im Herzen jedoch trennte sie ein unritterlicher Hass gegeneinander. Der Grund für diese Rivalität war ein schönes Sachsenmädchen, das sie beide sehr lieb hatten und begehrten. Die Liebe zu dem Mädchen hatte sie zu Todfeinden gemacht. Während eines Heerzuges gegen die Sachsen belagerte Karl der Große nun die Skidrioburg und konnte sie lange nicht einnehmen, weil sie so fest gebaut und tapfer von Sachsen verteidigt wurde. Als nun das Weihnachtsfest nahte, ließ der König die beiden Brüder einladen, mit ihm gemeinsam Weihnachten zu feiern. Sie kamen der Einladung nach und hörten zum ersten Mal die frohe Botschaft von der Geburt des Heilands und von der Liebe Gottes. Dadurch wurde ihr Herz so ergriffen, dass sie sich versöhnten und auch den Kampf gegen Karl und den christlichen Glauben aufgaben.«

Unterwegs zur »Burg«. Foto W-J.Langbein

Die Bezeichnung »Herlingsburg« ist irreführend. Wer die 334 Meter zum Berggipfel erklommen hat, der kann enttäuscht werden. Von einer »Burg« ist dort oben nichts zu erkennen. Eine »Burg«, so wie wir sie uns vielleicht vorstellen, hat es dort oben nie gegeben. Folgerichtig finden sich auch keine Mauerreste, geschweige denn steinerne Tore oder Türme mit Zinnen. Einst gab es oben auf dem heute wegen der Bewaldung kaum zu erkennenden »kuppelförmigen Hochfläche« (4) eine Wallanlage. Angreifende Feinde mussten den Berg hinauf stürmen, wobei sie immer wieder Gräben und Erdwälle überwinden mussten. Die Verteidiger der »Burg« waren im Vorteil, konnten – zum Beispiel – vorbereitete Felsbrocken gegen die Angreifer anrollen lassen. Oder sie ließen einen Steinregen auf die Feinde niederprasseln.

Waren die Angreifer erst einmal oben angelangt, galt es wiederum einen Graben zu überwinden. Darauf folgte ein Erdwall, gekrönt von einer Palisade aus Baumstämmen. Vom Graben ist heute nichts mehr zu sehen, die Palisade aus Baumstämmen ist natürlich schon seit vielen Jahrhunderten verschwunden, und der einst beeindruckende Erdwall? Der unvorbereitete Wanderer übersieht ihn leicht. Wer ihn aber ersucht, erkennt ihn noch, auch wenn er zwischen Bäumen kaum auszumachen ist. Am und auf dem Wall stehen Bäume. Wanderer trifft man hier oben nicht sehr häufig an. Dabei lohnt es sich, nach den Überbleibseln der »Herlingsburg« zu suchen… in einem Waldgebiet, das manchmal märchenhaft, manchmal unheimlich düster, manchmal lichtdurchflutet unsere Fantasie anregt.

Reste eines Wallstücks. Foto Langbein

Einst gab es im Inneren der Wallanlage einen Brunnen. Leider wurde er schon vor vielen Jahrzehnten bei unsachgemäßen Ausgrabungen – so versicherte mir ein Heimatforscher vor Ort – zerstört. Wie lange die »Herlingsburg« als Zuflucht für die heimische Bevölkerung genutzt wurde? Wir wissen es nicht. Wann genau die Wallanlage erbaut wurde, auch das wissen wir nicht wirklich.

Im Inneren der Anlage wurden mehrere Grabanlagen entdeckt, unter einer Humusschicht. Tote wurden  in steinernen Särgen beigesetzt. Klaus Zetzsche weiß zu berichten (5): »Als nun eins (ein Grab) analysiert wurde, kam die bisher schönste, geöffnete Grabanlage von vier Meter Länge zutage. Sie enthielt eine sogenannte Steinkiste. Die Grababdeckplatte bestand aus einer acht Zentimeter dicken Sandsteinplatte, die von einer Sandsteinschicht unter dem Grabe herrührte und abgespalten war.«

Wie viele solche Steinsarggräber mag es einst gegeben haben? Wie viele möge noch unentdeckt unter dem Waldboden schlummern? Eine Hinweistafel zeigt, wie so eine Begräbnisstätte aufgebaut war, allerdings verborgen im Erdreich. Wie mag die Religion der Menschen damals ausgesehen haben? Glaubten sie an die Auferstehung der Toten, wenn man sie nur möglichst sicher für die Ewigkeit verwahrte? Wurden besonders wichtige Tote möglichst dem Himmel nah beigesetzt? Glaubte man, sie würden wieder auferstehen, so wie die Natur immer wieder aus der Starre des Winters erwachte?

Der Berg der »Herlingsburg« hat schon vor Jahrtausenden Menschen angezogen. Berggipfel waren ja oft den Göttern vorbehalten. Auf Berggipfeln gab es Heiligtümer. Und auf Berggipfeln wurden Tote rituell beigesetzt, so auch im Inneren der »Herlingsburg«. Da wurden einst Totenrundhäuser über Grabstellen errichtet: Nach sorgsamen archäologischen Untersuchungen geschah dies etwa zwei Jahrtausende vor Christus. Jünger sind große Erdhügel. Scherbenfunde wiederum weisen auf 800 nach Christus hin. Man muss also davon ausgehen, dass der Berg der »Herlingsburg« vor mindestens vier Jahrtausenden als »heilig« angesehen wurde und Jahrtausende als »heiliger Berg« gegolten hat, von der Jungsteinzeit bis in die Zeit Karls des Großen.

Rekonstruktion eines Grabes auf einem Info-Schild.

Ich bin nach intensivem Studium der wissenschaftlichen Literatur zur »Herlingsburg« zur Überzeugung gekommen, dass es dort oben schon ein altes Heiligtum gegeben hat, bevor die Wallanlage gebaut wurde. Welche Riten vor Jahrtausenden abgehalten wurden? Wir wissen es nicht. Gab es Pilger, die vor Jahrtausenden Sonnwendfeiern zelebrierten? Begrüßte man den Frühling? Im Christentum wurden ja heidnische Frühlingsfeste – etwa auf dem Brocken – im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt. Einst trafen sich die Menschen auf Bergeshöhen, um zu feiern: Wenn die Sonne wieder stieg und wenn sich der Winter verabschiedete, die Natur aus der Starre der Kälte erwachte. Klaus Zetzsche (6): »So kam es beispielsweise, dass das große Frühlingsfest auf dem Brocken zu einem Meeting des Teufels und der Hexen abgestempelt wurde, die am ersten Mai dort zusammenkamen. Da aber das Volk weiterhin mit größter Zähigkeit an dem Fest der Lebensfreude festhielt, legte man die beiden großen Kirchenfeste, nämlich Ostern und Pfingsten, in seine Nähe und zog somit das alte Brauchtum einfach auseinander, so daß der ganze heidnische Charakter dadurch abgeschwächt wurde.«

Aber auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus lebt einstiges, einstmals heidnisches Brauchtum fort… zum Beispiel, wenn am Ostersonntag abends die Feuerräder von Lügde zu Tal rollen…

Osterräderlauf, uraltes heidnisches Brauchtum hat überlebt!

ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein


Fußnoten:

1) Schäfer, Ulrike: »Geheimnisvolles Worms«, Gudensberg-Gleichen, 2003, S. 8
2) Hagemeier, Hubertus: Sagenhaftes Lipperland/ Sagen und Legenden, Erfurt
     2012, S. 118
3) ebenda
4) Zetzsche, Klaus: »Das sagen uns die Externsteine«, Köln-Seeberg 1983/84/85, S. 123
5) ebenda, S. 132
6) ebenda, S. 137

»Ein totes Pferd und eine Göttin«
Teil 242 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 07.09.2014


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Sonntag, 24. August 2014

240 »Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«


»Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«
Teil 240 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         

von Walter-Jörg Langbein


Wer einen Drachen sucht,
wird auch in Urschalling fündig ...

Das berühmte Nibelungenlied ist ein gewaltiges Heldenepos. Die vielleicht wichtigste Gestalt ist der hünenhafte Siegfried. Siegfried – er lebt als Sohn des Königspaares Siegmund und Sieglinde –  erfährt von einem geheimnisvollen Drachen. Das Untier haust in einer Höhle und bewacht einen gewaltigen Schatz, den »Hort der Nibelungen«. Was das Untier für Siegfried besonders anziehend macht: Angeblich macht das Blut des Drachens unverwundbar. Siegfried macht sich also auf die Reise, es gelingt ihm, das Monster zu töten und so badet er in seinem Lebenssaft. Tatsächlich wird er am ganzen Leibe unverwundbar, mit Ausnahme einer kleinen Stelle am Rücken. Im »dritten Abenteuer« lesen wir:

»Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt:
Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;
Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.
So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut.«

Generationen von Forschern haben gegrübelt, recherchiert und spekuliert, ob denn Siegfrieds Drachenkampf Ausgeburt reiner Fantasie sei. In der »Thidrekssage« wird sehr viel ausführlicher als im Nibelungenlied, wie ein gewisser Mime einem grässlichen Lindwurm den Auftrag erteilt, den jungen Sigfrid zu überfallen und zu töten. In der »Thidrekssage« hat dieses monströse Wesen einen Namen: Regen. Sigfrids Kampf mit dem Lindwurm oder Linddrachen wird gern mit dem Kampf des »Heiligen Michael« mit dem »Drachen« verglichen. (1)

Auch in Worms wurde ich
in Sachen Drachen fündig ...

Mich fasziniert die biblische Drachenmythologie schon seit Jahrzehnten. Im Buch Hiob wird der Drache erwähnt (2): »Bin ich denn das Meer oder der Drache, dass du eine Wache gegen mich aufstellst?« Psalm 91 beschreibt Drachen als eine Gefahr für jeden Menschen, der nicht von Gott selbst beschützt wird (3): »Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.« Jesaja (4) warnt vor einem »fliegenden Drachen«. An anderer Stelle (5) prophezeit Jesaja, dass Gott den Drachen töten wird. Und nochmal Jesaja (6): »Dies ist die Last für die Tiere des Südlandes: Im Lande der Trübsal und Angst, wo Löwe und Löwin, wo Ottern und feurige fliegende Drachen sind, da führen sie ihre Habe auf dem Rücken von Eseln und ihre Schätze auf dem Höcker von Kamelen zu dem Volk, das ihnen nichts nützen kann.«

Hesekiel siedelt Drachen im Meer an. Er beschreibt zwar nicht direkt derartige monströse Wesen, verwendet aber Drachen sehr anschaulich im Vergleich (7): »Du Menschenkind, stimm ein Klagelied an über den Pharao, den König von Ägypten, und sprich zu ihm: Du Löwe unter den Völkern, wie bist du dahin! Und doch warst du wie ein Drache im Meer und schnaubtest in deinen Strömen und rührtest das Wasser auf mit deinen Füßen und machtest seine Ströme trübe.«

In der »Apokalypse des Johannes« kommt der Drache immer wieder vor. Um einem Missverständnis vorzubeugen: »Apokalypse« wird heute gern grundsätzlich als »Weltuntergang« übersetzt. Tatsächlich aber bedeutet der biblische Begriff »Apokalypse« zunächst einmal nur »Offenbarung«. Sehr interessant ist der Hinweis (8), dass der Drache quasi göttliche Funktionen hat, sprich verehrt wird: »Und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen?«

Daniel in der Löwengrube.
Dom zu Worms. Foto Langbein

Das Buch Daniel findet sich nur äußerst bruchstückhaft in unseren Bibelausgaben. Der ursprüngliche Daniel-Text freilich war sehr viel umfangreicher, wurde aber der frommen Christenheit nur auszugsweise zugemutet. Warum? In manchen Luther-Ausgaben (9) der Bibel finden sich in der Abteilung »Apokryphe Schriften« Fragmente der »Zusätze zu Daniel«. Sehr viel ausführlicher freilich ist die nach wie vor beste Ausgabe der »verbotenen Bücher der Bibel«, nämlich in der Ausgabe von Prof. Emil Kautzsch (10). Ich zitier aus Kautzsch (11): »An dem gleichen Orte war auch ein Drache; dem erwiesen die Babylonier göttliche Verehrung.« Der biblische Daniel wird zum Drachentöter wie der »Heilige Georg«. Doch während der frühchristliche Georg dem Untier wie ein fahrender Ritter zuleibe rückt, wendet Daniel eine kurios anmutende Tötungsart an.

Drachentod von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein

Der »Heilige Georg« ist uns aus zahllosen Darstellungen in christlichen Gotteshäusern bekannt. Hoch zu Ross rammt er dem Drachen einen Spieß in den Leib oder setzt dem Untier mit einem Schwert ein Ende. Mir kam allerdings der »Drachen« schon in meiner Kindheit oft nicht wie ein einem Horrorfilm entsprungenes Monster vor, sondern wie ein Fabelwesen aus dem Repertoire der »Augsburger Puppenkiste«. Im der kleinen Wehrkirche von Urschalling, am Chiemsee gelegen, fotografierte ich die spärlichen Reste eines Gemäldes. Eindeutig stellte es einen »Heiligen Georg« von beachtlicher Größe da, der hoch zu Ross einem eher kleinen »Drachen« in Hundegröße einen gewaltigen Spieß in den Leib rammt. Eine Heldentat sieht anders aus.


Drachentöter von Marienmünster.
Foto Langbein

In Marienmünster, wo ich für eine TV-Dokumentation gefilmt wurde, mutiert der Drachen zu einem weitestgehend »menschlichen« Teufel. Flügel am muskulösen Leib des sich windenden Sterbenden erinnern daran, dass der Teufel nach christlicher Tradition ein aus dem Himmel verbannter Engel war. Als satanisches Kennzeichen sind Hörner am Haupt des Teufels zu erkennen. Und in der Gesäßregion entspringt ein offensichtlich gewaltiger schlangenartiger Fortsatz, der jedem Lindwurm zur Ehre gereicht hätte. Im Dom zu Paderborn wiederum entdeckte ich in Holz geschnitzt einen Drachen, der eher als anmutig und graziös zu bezeichnen ist und ganz und gar nicht furchteinflößend auf mich wirkt.

Im Buch Daniel begegnen wird dem Vorgänger des »Heiligen Georg«. Der erledigt den Drachen nicht im ritterlichen Kampf, sondern als heimtückischer Fladen-Bäcker. Ausdrücklich bittet Daniel den König, den Drachen zu töten zu dürfen und schreitet dann perfide zur Tat (12): »Du aber, o König, gib mir die Erlaubnis, so will ich den Drachen ohne Schwert und Stab töten. Darauf nahm Daniel Pech, Fett und Haare, kochte sie zusammen und bereitete Fladen daraus und gab sie dem Drachen ins Maul. Nachdem der Drache sie gefressen hatte, zerbarst er.«  Wie gut, dass der »Heilige Martin« nicht auf derlei widerliche Fladen setzte. Drachen, die sich den Magen verderben und dann auch noch explodieren, sind kein ideales Bild für sakrale Kunst. Als Gemälde würden sie ekelhaft wirken, in Form von Statuen wären sie nicht darstellbar.

Was Daniel aber verdeutlicht: Der Drache steht für den »falschen« Glauben, der mit allen Mitteln vernichtet werden muss. In diesem Sinne hat sich Karl der Große (etwa 747 – 814 n.Chr.) als »Drachentöter« bewährt! Mit Gewalt bekämpfte er fanatisch vorchristliches Gedankengut, das sich bis in seine Zeit erhalten hatte. So war es vermutlich Karl der Große, der in Paderborn unweit des Doms einen heidnischen Tempel zerstören ließ. Reste einer Inschrift verweisen auf einen »Drachen«, dem dort die heidnischen Sachsen noch geopfert haben sollen. Offensichtlich ist es Karl dem Großen gelungen, den Drachenkult von Paderborn zu zerstören!

In einer Gruft von Worms wurde
ein Drache gefunden ... aus Stoff.

Folgen wir der Spur des Drachen. Sie führt uns zur biblischen Schöpfung, oder genauer … in die Zeit vor der biblischen Kreation. Denn was selbst emsige Bibelleser nicht wissen: Laut Bibel gab es vor der Schöpfung durch Gott … die Göttin. Und diese geheimnisvolle Geschichte wird im Text des »Alten Testaments« beschrieben. Dabei meinen wir doch genau zu wissen, was die Bibel über den Anfang der Schöpfung schreibt! Auch Atheisten meinen den einfachen Sachverhalt zu kennen, ob sie nun selten oder nie in der Bibel lesen! So beginnt die Bibel (13):

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.«

Eher harmlos wirkt der Drache von Paderborn.

Mit diesen Worten wird die Bibel eingeleitet. Versteckt – und selbst Theologen oft unbekannt – im »Alten Testament« findet sich aber ein anderer Anfang der Geschichte von Gott. Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (14): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.«    

Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann, das Meer aufgewühlt und Rahab getötet. Vor dem Beginn der biblischen Geschichte von Gott, wie sie das Alte Testament erzählt, war also Rahab. Wer oder was aber war Rahab? Diverse Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, Rahab sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Und in der Tat: der Prophet Jesaja umschreibt Rahab als Drachen. Jesaja appelliert an Gott (15): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Bevor der Gott des Alten Testaments mit der eigentlichen Schöpfung anfangen konnte, musste er erst einmal den »Drachen« Rahab töten. Rahab existierte also schon bereits vor der Schöpfung. Verschweigt uns die Bibel da etwas? Der Schlüssel zum Geheimnis um Rahab findet sich gleich zu Beginn des Alten Testaments, allerdings muss man den Text gründlich im hebräischen Original untersuchen. In der Übersetzung heißt es wenig aussagekräftig (16): 

»Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.«. Übersetzt man das hebräische Original wörtlich, lautet der zweite Teil des Verses: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.« Tehom aber lässt sich auf uralte babylonische Mythologie zurückführen: Auf die babylonische Gottheit Tiamat, die auch als Meeresdrachen bezeichnet wird. Ursprünglich aber war Tiamat die Meeresgöttin.

Drache von Worms. Rekonstruktion 1


Nach Jahrzehnten der Forschung habe ich keinen Zweifel mehr: Der Drache aus christlichen Darstellungen ist eine Chiffre für die Zentralfigur sehr viel älterer Religionen, für die Göttin! Es lohnt sich nach diesem uralten Symbol zu suchen – in unseren Kirchen! Übrigens, ich wurde auch in Worms fündig! In einem uralten Bischofsgrab wurde ein schon arg zerfallenes Stück Stoff gefunden, das einst einen hohen christlichen Würdenträger geschmückt haben mag. Zu erkennen ist nach wie vor, was einst auf der Textile prangte….ein Drache. Mir stand ein schlechtes Foto von dem Drachen zur Verfügung. Ich habe versucht, die geheimnisvolle Kreatur zeichnerisch zu rekonstruieren….

 
Drache von Worms. Rekonstruktion 2


ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein 
Zeichnerische Rekonstruktionen des Drachen von Worms: Langbein

Fußnoten

1) Zum möglichen historischen Hintergrund des Nibelungenlieds hat sich sehr ausführlich Heinz Ritter-Schaumburg geäußert. Empfehlenswert ist die Lektüre von Heinz Ritter-Schaumburg: »Sigfrid ohne Tarnkappe«, München 1990 und, vom gleichen Verfasser: » Die Nibelungen zogen nordwärts«, 5. Auflage, München 1981

2) Buch Hiob, Kapitel 7, Vers 12
3) Psalm 91, Vers 13
4) Jesaja 14, Vers 29
5) Jesaja 27, Vers 1
6) Jesaja 30, Vers 6
7) Hesekiel 32, Vers 2
8) Offenbarung 13, Vers 4

9) »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers/ Neu durchgesehen nach dem vom deutschen Evangelischen Kirchenausschuß genehmigten Text«, Stuttgart 1915, »Anhang: Die apokryphischen Bücher«, »11. Vom Drachen zu Babel«, S. 133 und 134

10) Kautzsch, E.: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, »Erster Band: Die Apokryphen des Alten Testaments«, Tübingen 1900, S. 172-S.193
11) ebenda, S.191
12) ebenda, S. 191
13) 1. Buch Mose Kapitel 1, Verse 1-3
14) Hiob Kapitel 26, Vers 12
15) Jesaja Kapitel 51, Vers 9
16) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 2

»Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«,
Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.08.2014

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Sonntag, 17. August 2014

239 »Drei Heilige Frauen und eine Teufelin!«

Teil 239 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 17.08.2014

Die drei Heiligen Bethen. Foto Langbein
Die drei heiligen Jungfrauen vom Dom zu Worms stammen aus einem Kloster »Maria Magdalena«. Warum hat man sie in die Nikolauskapelle des Doms geschafft? »Wer aber waren die Drei Bethen, die in der Taufkapelle des Doms noch heute in Stein gehauen zu sehen sind?«, fragt Franjo Terhart (1). Dass die drei Bethen sehr gut in das große »Gotteshaus« passen, liegt auf der Hand. Wurde doch die Stadt Worms nach einer der drei holden Wesen benannt. Franjo Terhart bestätigt (2): »Schließlich verdankt die Stadt einer von ihnen, nämlich der Borbeth ihren Namen. (Aus Borbetomagus wurde über Wormazfelt schließlich der heutige Stadtname.)« Zur Erinnerung: »Borbetomagus« bedeutet »Stadt oder Ort der Borbet«.

Mindestens genauso interessant wie die Heilige Borbeth ist ihre Gefährtin »Wilbeth«. Dieser in unseren Ohren ungewohnt klingende Name geht auf das englische Wort »wheel«, auf das Rad zurück. Alljährlich wird noch heute in Lügde ein alter heidnischer Brauch zelebriert, der allerdings leider immer mehr als Attraktion eines lärmenden Rummels Touristen anlocken soll. Die in Lügde zu Tal rollenden brennenden Feuerräder symbolisieren den Mond. Das »wheel« im Namen Wilbeth« weist darauf hin, dass die »christliche« Wilbeth ursprünglich eine heidnische Mondgöttin war!

Die Heilige Borbeth. Foto Langbein

Die drei Bethen, so legt Richard Fester überzeugend dar (3), waren einst Göttinnen, Sinnbilder des ewigen Lebens und der Wiedergeburt. Für den Heidelberger Forscher Hans C. Schöll, Verfasser des wichtigen Werkes »Die Drei Ewigen« (4), waren Ambeth, Wilbeth und Borbeth Muttergöttinnen, die Erde, Mond und Sonne verkörperten. Die weibliche Dreifaltigkeit aus »heidnischen« Zeiten finden im Christentum ihre Entsprechung in den »drei Bethen«.

Besonders interessant: »Wilbeth«, die einstige Mondgöttin! Richard Fester (5): »Wilbeth ist also eine göttliche Mondmutter, die in die Zeiten steinzeitlichen Mütterglaubens und Mütterrechts zurückreicht und zurückweist. Ihre Stelle im christlichen Kult übernahm oftmals die ›Muttergottes auf der Mondsichel‹, ein Motiv, das sich schon im alten Kreta, 3 000 Jahre zuvor, findet.« Deshalb steht die Muttergottes im Dom zu Paderborn fast verschämt auf der Mondsichel, deshalb findet sich zu Füßen der Maria von Guadalupe die Mondsichel: weil Maria in die Rolle der »heidnischen« Muttergöttin geschlüpft ist!

Im Sommer 2014 erlebte ich, wie fromme Pilgerinnen gedankenverloren im Gebet versunken den »drei Bethen« huldigten. Ob vielen der Gottesdienstbesucher bei den Andachten in der Nikolauskapelle vor den »drei Bethen« bewusst ist, wie lange schon die Drei verehrt und angebetet wurden? Wenn Theologie eine wirklich wichtige Aufgabe hat, dann diese: Sie muss die Wurzeln der eigenen religiösen Überzeugungen erkunden. Leider gibt es für fanatische Anhänger unterschiedlichster Religionen nur den eigenen, den angeblich wahren Glauben. Bevor dieser jeweils einzig anerkannte Glaube – von Religionsgründern und Propheten – verkündet wurde, darf es keine wahre Religion gegeben haben. Wir haben nur eine echte Chance, zum Frieden aller über die Grenzen der Religionen hinaus zu kommen: Die Erkenntnis, dass alle Religionen sehr viel ältere gemeinsame Wurzeln haben!

Die Heilige Wilbeth. Foto Langbein

Es beeindruckt mich zutiefst, wie vielen Muttergöttinnen ich auf meinen Reisen begegnet bin – von Malta bis Mexiko, von Perus Pachamama bis zu Paderborns Maria. Offensichtlich gibt es uralte religiöse Bilder, die seit Jahrtausenden leben. Es ist tragisch, dass es zu Religionskriegen kam, bei denen gemetzelt und gemordet wurde. Es ist kein Zeichen menschlichen Mitgefühls, wie viel Leid verursacht wurde und wird, weil für Fanatiker nur der eigene Glaube gilt, der »fremde« Glaube bekämpft wird!

Wilbeth, die göttliche Mondmutter, führt uns weit zurück in die Vergangenheit… und sie ist im Katholizismus heute noch präsent: Aus der Wilbeth wurde die Fir’pet, die der gläubige Katholik heute noch als »Fürbitterin« kennt. Die »Fürbitterin« hat heute einen festeren Glauben im religiösen Brauchtum als in der vermeintlich wissenschaftlichen Theologie, nämlich als Maria. Es sind aber nicht in erster Linie theologische Dispute, die an theologischen Hochschulen ausgefochten werden, die den hilfesuchenden Menschen im Glauben Rückhalt geben. Das mehr oder minder intellektuelle Gedankengut wissenschaftlicher Theologie wird vom gläubigen Volk so gut wie überhaupt nicht zur Kenntnis genommen und sicher kaum verstanden.

Im Zentrum: Isis oder Maria?
Mit Horus oder Jesus. Foto Langbein

Man mag zum Volksglauben stehen wie man will, viele Menschen in Not finden in den Gotteshäusern Trost, und das allen Skandalen zum Trotz. Schon vor Jahrtausenden spendete die Muttergöttin Isis im Reich der Pharaonen Trost. Darstellungen von Göttin Isis, die sie mit ihrem Sohn Horus zeigen, erinnern in verblüffender Weise an Himmelsgöttin Maria mit ihrem Sohn Jesus. Isis und Horus wurden von griechischen und römischen Künstlern noch zu christlichen Zeiten verewigt. Christliche Künstler wurden zu Darstellungen von Himmelsgöttin Maria mit dem Jesusknaben inspiriert. Würde ein Isis-Gläubiger heute eine christliche Kirche betreten, er würde in den zahlreichen Gemälden und figürlichen Darstellungen von Maria »seine« Isis und in Jesus »seinen« Horus erkennen und – nach seiner Art – beten.

Wenn aber Gläubige aus dem »Alten Ägypten« und Christen unserer Tage in Ehrfurcht vor Isis/ Maria verstummen könnten, sollte es dann nicht auch möglich sein, dass heute Menschen muslimischen und Menschen christlichen oder jüdischen Glaubens in wirklichem Frieden miteinander leben? Die Frage ist nur, ob das wirklich erwünscht ist!

So wie heute Millionen von Christen nach Lourdes pilgern, um zu Maria zu beten, in der Hoffnung, von Krankheit geheilt zu werden, so mag einst die mysteriöse Steinzeitinsel Malta so etwas wie ein Pilgerort gewesen sein. Unzählige Tempel aus gigantischen Steinmonstern  finden sich da auf engstem Raum. Wahrhaftige Monstermauern trotzen seit Jahrtausenden der Zeit, sie würden auch King Kong mühelos Paroli bieten können. Auf Malta wurden vor vier bis sechs Jahrtausenden 22 riesige Tempel gebaut. Bis zu zwanzig Tonnen wiegen die gewaltigen Kalksteinquader, die damals scheinbar mühelos bewegt und aufeinander getürmt werden konnten. Tief unter der Erde wurde die »schlafende Dame« verehrt und angebetet. Lockte die Steinzeit-Maria vor Jahrtausenden Pilger aus ganz Europa an, so wie das heute noch die Himmelskönigin Maria tut?

Die Kreuzkirche auf dem Kalvarienberg. Foto Langbein

Auf meinen Reisen durch die Welt zu den großen Rätseln unseres Planeten begegneten mir immer wieder bewegende Zeugnisse des Glaubens an Heilige Mütter. So stieg ich voller Erwartung von Bad Tölz auf den »Kalvarienberg«. Fromme Pilger reisen aus aller Welt an, um den Kalvarienberg von Bad Tölz zu besteigen, wobei sie die verschiedenen Stationen von Jesu Leidensweg abschreiten, die kunstvoll dargestellt wurden. Diese Form der Frömmigkeit ist mir, ich gebe es zu, fremd. Mich lockte auch nicht in erster Linie der herrliche Blick ins Isartal, sondern die »Krone von Tölz«. 1718 ließ der Zollbeamte Friedrich Nockher sieben Wegkapellen errichten, dann die »Heilige Stiege«. 1735 entstand der »Golgathahügel«, gefolgt von der »Kreuzigungsgruppe« und der »Heiligen Stiege«. Die »Heilige Treppe« stand erst im Freien, wurde dann aber mit einem Gotteshaus überbaut.
 
Im zweiten Raum des heutigen Gotteshauses steht der Besucher vor einer breiten Holztreppe. Rechts und links davon führen steinerne Treppen nach oben. Die mittlere Treppe, so informiert uns eine Schrifttafel, wurde »nach dem Muster der wahren heiligen Stiege zu Rom hier errichtet und durch Einlegung mehrerer heiliger Reliquien eingeweiht«. Deshalb soll die »Heilige Stiege« nur »von den Schriftgläubigen ... nur kniend hinaufgebetet werden.« Die seitlichen Treppen sind für profanere Besuche bestimmt.

Die Heilige Stiege. Foto Walter-Jörg Langbein

Auch in Bad Tölz soll unser Augenmerk auf die himmlischen Gefilde gelenkt werden. Und seit Jahrzehnten folgt die christliche Theologie, so wie sie in den Kirchen gepredigt wird, mehr und mehr dem Volksglauben. So wird nach und nach aus Maria, der Mutter Jesu eine mächtige Himmelskönigin. Der Weg von der im »Neuen Testament« eher unscheinbaren Randfigur Maria zur »Himmelskönigin« ist weit, länger und steiler als die »Heilige Stiege« auf dem Kalvarienberg. In der Kalvarienbergkirche findet sich so manche Maria als Himmelskönigin, wie in jedem katholischen Gotteshaus. Doch steht im krassen Gegensatz zur hohen, ja heiligen Frau Maria die Frau als böse gegenüber.

Nikolaus im Portal. Foto Walter-Jörg Langbein

Besonders  deutlich zeigt dies das Portalbild der Nikolauskapelle. In der Mitte steht riesenhaft der »Heilige Nikolaus«. Was genau dargestellt wird, ist umstritten. Zur Linken des Nikolaus sind drei Menschen vom Tod bedroht. Der Henker hat schon sein Schwert aus der Scheide gezogen und setzt zum tödlichen Hieb an. Der »Heilige Nikolaus« –  mit Bischofsstab – rettet die Bedrohten. Steht er drei zu Unrecht zum Tode Verurteilten bei? Auf der anderen Seite erkennen wir ein Boot auf dem Meere. Mehrere Pilger sitzen im kleinen Schiffchen. Über ihnen schwebt der Teufel, der einen mächtigen Pfahl in das Boot rammt. Eine »Nikolaus-Legende« weiß zu  berichten, dass einst fromme Pilger vom Teufel bedroht wurden. Er wollte ihr Schiffchen versenken.

Eine andere Version der Legende besagt, dass der Teufel die frommen Pilger vom rechten Weg abbringen wollte, indem er sie bat, ein kostbares Geschenk am Ziel ihrer Reise abzulegen. Wieder wissen wir heute nicht mehr genau, was die kunstvolle Steinschnitzerei genau darstellen soll. Unübersehbar aber sind die weiblichen Attribute des Teufels. Der Teufel am Dom zu Worms wird ganz eindeutig als Frau dargestellt. Das ist die unüberbrückbare Diskrepanz: Die Frau als Heilige (Maria) einerseits…. und die Frau als Teufelin andererseits.

Die Teufelin vom Nikolaus. Foto Walter-Jörg Langbein



Fußnoten

1) Terhart, Franjo: »Magische Bretagne«, Dortmund 2006, S. 220, rechte Spalte, Zeilen 5 bis 8 von unten
2) ebenda, rechte Spalte, Zeilen 1 bis 5 von unten
3) Fester, Richard: »Die Steinzeit liegt vor deiner Tür/ Ausflüge in die Vergangenheit«, München 1981, siehe Kapitel »Die Muttergöttin unserer Ahnen«, Seiten 173-189
4) Jena 1936
5) Fester, Richard: »Die Steinzeit liegt vor deiner Tür/ Ausflüge in die Vergangenheit«, München 1981, S. 186

»Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«,
Teil 240 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 24.08.2014


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