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Sonntag, 3. November 2019

511. »Als Adammu vom Himmel stieg«

Teil 511 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Schriftzeichen aus Ugarit


»Er hat die Idee von irgendwo gestohlen, alle Ideen sind gestohlen, denn es gibt so gut wie keine originellen Ideen in der Welt.«, sagte der amerikanische Schauspieler Burt Kwouk (*1930; †2016) im Interview (1). »Alles nur geklaut« heißt ein Lied er Leipziger Band »Die Prinzen« (2). In der christlichen Theologie wird schon sehr lange erforscht, ob uralte fremde Mythen in die Bibel eingeflossen sind. Um es salopp auszudrücken: Die Autoren des Alten Testaments haben sich bei sehr viel älteren Quellen bedient und geklaut.

Freilich empörten sich nicht wenige Theologen ob der Vorstellung, das Alte Testament könnte aus Versatzstücken älterer Kulturen zusammengebaut worden sein.

Ich kann mich an die eine oder die andere Diskussion an der »Friedrich Alexander Universität« zu Erlangen erinnern. Da wurde, besonders von einigen christlichen Theologen aus der arabischen Welt behauptet, die biblischen Texte seien erst einige Jahrtausende mündlich überliefert und erst sehr spät schriftlich festgelegt und in die Bibel aufgenommen worden. Die biblischen mündlichen Überlieferungen seien die ältesten, auch wenn es auf Keilschrifttafeln ältere, vergleichbare Texte gebe. N.D., evangelisch-lutherischer Theologe aus dem Libanon: »Die Beschreibung von der Sintflut im Alten Testament (3) wurde zunächst über Jahrtausende mündlich überliefert, bevor Moses sie schließlich aufgeschrieben. Die Sumerer haben die biblische mündliche Überlieferung gekannt, einfach übernommen und auf ihren Tafeln verewigt.« Mit anderen Worten: Nicht die Verfasser des Alten Testaments haben älteres Gedankengut geklaut, sondern Sumerer und Babylonier hätten fremde mündliche Überlieferung vereinnahmt.

Die niederländischen Theologen Prof. Marjo C. A. Korpel (*1958) und der emeritierte Theologieprofessor Johannes C. de Moor (*1935) kritisierten: »Nach unserer Meinung machten frühere Generationen von Gelehrten einen großen Fehler, wenn sie versuchten, die Bibel gegen die abscheuliche heidnische Welt zu schützen, indem sie  sie in ein wasserdichtes Fach steckten. Immer mehr Parallelen zwischen dem ›Alten Israel‹ und seinen nahöstlichen Nachbarn werden entdeckt.  Es wird vollkommen klar, dass keine Theologie einfach Konzepte, die für eine vollkommen andere Situation gedacht waren, auf unsere Zeit übertragen kann. Die Bibel von ihrer Welt zu isolieren, das führt unweigerlich zu einem weltfremden fundamentalistischen Typus des Glaubens.«

Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (5): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« Was die meisten emsigen Bibelleser nicht wissen: Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann (beginnen konnte?), das Meer aufgewühlt und »Rahab« getötet. Wer oder was aber war Rahab?

Verschiedene Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, »Rahab« sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Tatsächlich umschreibt der biblische Prophet Jesaja Rahab als Drachen. Jesaja Feuert Gott an  (6): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Der bedeutende Theologe Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) spürte die Quelle auf, aus der die biblischen Autoren das Material für den »biblischen« Drachen der Urzeit schöpften. In seinem Werk »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit« (7) verfolgt er eine Spur vom biblischen Gott gegen das Meeresmonster Rahab weit, weit zurück in die Vergangenheit. Im babylonischen Schöpfungsmythos »Enūma eliš« wurde er fündig. Ein Exemplar des mysteriösen Epos befand sich vor rund vier Jahrtausenden in der legendären Bibliothek des Aššurbanipal in Ninive.

Was im Alten Testament kurz und bündig abgehandelt wird, das wird im Mythos Jahrtausende früher ausführlich abgehandelt. Es wird in bildhaft-fantastischer Weise geschildert, wie einst die Erde geschaffen wurde. »Der Uranfängliche« (Apsû) und »die, die alle gebar« (Tiamat) sind die Hauptakteure eines vorzeitlichen Dramas. Seltsam: »Tiamat«, »die alle gebar«, war ein Monster, ein Meeresungetüm. In der Bibel ist Eva die, die alles gebar. War also Tiamat aus dem  Schöpfungsmythos »Enūma eliš« die Vorläuferin des Meeresmonsters Rahab und der Göttin Eva?

Wie wäre es mit einem Ausflug in die Welt des Films? Nehmen wir das »Erste Buch Mose« als ein Drehbuch für einen Film über »Die ersten Tage der Menschheit«! Da sind die Hauptakteure schnell aufgezählt: Gott, die »teuflische Schlange«, Adam und Eva. Die Verfilmung eines frommen Buches garantiert heute nicht mehr hohe Einnahmen an den Kinokassen. Lassen wir uns von einem der erfolgreichsten Blockbuster inspirieren! In »Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2« (8) kommt ein Riesenmonster zum Einsatz.

In höchst beeindruckender Weise zerlegt der Krake das Segelschiff »Black Pearl« in seine Einzelteile. Ein Seemonster hat das »Alte Testament« ja auch zu bieten: Rahab. Sehr viel actionreicher geht es im babylonischen Schöpfungsmythos »Enūma eliš« zu. Da wagt Göttin Tiamat den Aufstand gegen die mächtige Göttertriade Gottvater Anu, den göttlichen Sohn Ea und den göttlichen Enkel Marduk. Gewaltige Riesenschlangen kämpfen auf der Seite der Göttin. Göttin Tiamat, selbst ein Meeresmonster, wird vom mächtigen Gott Marduk besiegt und getötet. »Enūma eliš« geht ins Detail, bietet eine Fülle von Informationen, aus denen ein guter Drehbuchautor einen an Horroreffekten reichen Blockbuster zimmern kann.

Während der biblische Gott vor der Schöpfung nur Rahab zerschlagen muss, geht im Mythos »Enūma eliš« ein Götterkrieg der Schöpfung voraus. Prof. Dr. Hermann Gunkel informiert uns in seinem Werk »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit« über die Einzelheiten (9): »Dann erzählt der Mythus weiter, wie sich Tiamat, die ›Mutter der Götter‹, sammt den Mächten der Tiefe gegen die ›oberen Götter‹ ›empörte‹. … Im Folgenden wird nun der sich so entspinnende Krieg zwischen Tiamat und den Göttern erzählt.«

Auf der einen Seite kämpfen Anu und seine Getreuen, auf der anderen Seite Göttin Tiamat, einige weitere aufständische Götter und elf Monsterkreaturen, von Tiamat eigens für den Krieg der Götter geschaffen. Die Rebellen werden von Gott Quingu geführt. Götterkriege werden auch in jahrtausendealten Epen Indiens beschrieben. Sie wurden am Himmel ausgefochten, wobei Waffen zum Einsatz kamen, die gut in einen »STARWARS«-Film passen würden.

Seit Jahrtausenden sterben Menschen in unvorstellbarer Zahl in Kriegen. Das »Fußvolk« wird von den Staatsmännern geopfert, die selbst höchst selten im kriegerischen Gemetzel zu sehen sind. Unsägliches Leid bliebe den Menschen erspart, würden sich die irdischen Kriegstreiber so wie Gott Marduk verhalten. Marduk fordert Tiamat zum Duell. Ausgestattet ist er mit einem »Sichelschwert« und einem »Donnerkeil«. Bei dem »Donnerkeil« handelte es sich um einen doppelten Dreizack, vergleichbar mit der fürchterlichen Waffe von Gottvater Zeus. Sein Wagen wird von »furchtbaren Wesen« gezogen. Ob es an seinen Waffen lag, dass Marduk Tiamat besiegen konnte?

Der Gott der Bibel musste erst das Meeresmonster Rahab zerschmettern, um mit dem Akt der Schöpfung beginnen zu können. Genauso erging es Marduk! Erst nachdem das Meeresungeheuer Tiamat besiegt war, konnte er mit der Schöpfung anfangen. (11). Mit seinem »Sichelschwert« spaltete Marduk Tiamats Kopf, ihren Leib zerschnitt er in zwei Hälften. Daraus machte er das Universum. Sterne und Tiere werden geschaffen, da gibt es keine Unterschiede zwischen Enūma eliš und dem Alten Testament. Was aber die Erschaffung der ersten Menschen angeht, so bietet Enūma eliš eine vollkommen andere Story.

Der Anführer der Aufständischen, Gott Quingu, wird zum Hauptschuldigen erklärt und getötet. Aus seinem Blut lässt Marduk die ersten Menschen entstehen. Tafel VI des Enūma eliš lässt keinen Zweifel aufkommen: Die Menschen wurden als Sklaven für die Götter kreiert! Und wo bleibt Adam in der Geschichte? Finden sich Hinweise auf das Paradies in den uralten Texten von Ugarit?

Vor 2.400 Jahren trafen sich im Nordwesten des heutigen Syrien, im Stadtstaat Ugarit, Händler und Schriftkundige. Da wurden heute fantastisch anmutende Mythen erzählt. Ugarit war ein höchst bedeutsames Kulturzentrum. Und so entstand eine Bibliothek aus Keilschrifttafeln, die im Lauf der Jahrtausende verloren und in Vergessenheit gerieten.  Erst 1929, im Geburtsjahr meiner
Mutter Herty Gagel,  entdeckten französische Archäologen bei systematischen Ausgrabungen Keilschrifttafeln, von denen bis heute bei weitem nicht alle entziffert und übersetzt werden konnten. Man vermutet, dass in Ugarit, heute Raʾs Šamra, noch so manche Keilschrifttafel darauf wartet entdeckt zu werden. Was bis heute übersetzt werden konnte, ergibt ein lückenhaftes Mosaik. Wir erfahren eine ganz andere Geschichte von einem »Adammu« und von einem »Paradies« als die Bibel erzählt.

Wir lesen, dass es auf der Erde einst ein Paradies gab, genauer gesagt einen Weingarten oder Weinberg. Adam und Eva lustwandelten aber nicht zwischen den Weinstöcken. Von einem Sündenfall von Adam und Eva ist da auch nicht die Rede. Der Weingarten, auch Weinberg, war vielmehr den großen Göttern vorbehalten. Fast kommt es mir so vor, als wurden gestresste Götter zur Erholung in dieses Refugium geschickt. Offenbar naschten sie dann, um wieder zu Kräften zu kommen, von einem ganz besonderen Baum, den wir allerdings aus der biblischen Paradiesgeschichte kennen. Auch diesem Paradies wuchs der »Baum des Lebens«. Es scheint so, dass eben dieser Baum den Göttern nicht mehr zur Verfügung stand. Da musste eingegriffen werden!

Die Götter wählten einen aus ihren Reihen aus, den sie zur Erde sandten, um den »Baum des Lebens« für die Götter zurückzugewinnen. Der Auserwählte, der eher keine Lust hatte, die ihm gestellte Aufgabe zu meistern, war ein Gott Adammu (Adam?)!

Meine Interpretation bruchstückhafter Texte: Im »Baum des Lebens« hauste eine giftige Schlange. Beim »Baum des Lebens« angekommen, versuchte Gott Adammu, diese Schlange aus dem Baum zu entfernen, den mysteriösen Baum für die Götter wieder zugänglich zu machen. Das misslang gründlich. Adammu versagte. Er wurde von der Schlange gebissen. Unklar ist, ob Adammu starb, oder ob er nur seine Unsterblichkeit verlor. Die Vergiftung hatte, so führen niederländischen Theologen Korpel  und de Moor aus (13) »kosmische Konsequenzen«. So machte sich giftiger (?) Nebel breit, der das Sonnenlicht verdunkelte.

Sollte sich hinter der Mythologie von Adammu, der vom Himmel herab zur Erde stieg, von einer giftigen Schlange gebissen wurde und fast (?) starb und vom Nebel der das Sonnenlicht verdunkelte, eine kosmische Katastrophe verbergen?

Fußnoten
(1) Burt Kwouk im Interview mit Barry Littlechild, »The Cinema Museum«, 18.11.2010. Das Zitat lautet im Original: »He stole the idea from somewhere else, because all ideas are stolen, there are hardly any original ideas in the world.«
Zitat Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=Gl5f3mhkiV0 Stand 27.9.2019
Burt Kwouk, weltberühmter Darsteller des Cato in den »Pink Panther«-Filmen mit dem legendären Peter Sellers (*1925; †1980), bezog sich im Interview auf Blake Edwards (*1922; †2010)
(2) »Alles nur geklaut« ist das dritte Album der Leipziger Band »Die Prinzen« und wurde am 12. November 1993 veröffentlicht.
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 7, Verse 10-24 und 1. Buch Mose Kapitel 8, Verse 1-14
(4): Becking, Bob (Herausgeber): »Reflections on the Silence of God: A Discussion with Marjo Korpel and Johannes de Moor«, Leiden 2013, Zitate aus den Seiten 174+175
(5) Hiob Kapitel 26, Vers 12
(6) Jesaja Kapitel 51, Vers 9
(7) Gunkel, Hermann: »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit«, Göttingen 1895
(8) Originaltitel: »Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest«, etwa »Piraten der Karibik: Des toten Mannes Kiste/ Truhe« (2006)
(9) Gunkel, Hermann: »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit«, Göttingen 1895, Seite 22 (Hinweis: Das Zitat wurde buchstabengetreu übernommen, an der Rechtschreibung wurde nichts verändert.)
(10) Ebenda, Seite 23
(11) »Enūma eliš« IV.137-146
(12) Dietrich, Manfred u.a. (Hrsg.): »Die keilalphabetischen Texte aus Ugarit, Ras Ibn Hani und anderen Orten«, Münster 2013
(13) Korpel, Marjo C. A. und Moor, Johannes C. de: »Adam, Eve, and the Devil: A New Beginning«, 2., erweiterte Auflage, Sheffield 2015,  Seite 16., 13.+14. Zeile von oben


Illustrationen
Schriftzeichen aus Ugarit



512. »Als Adam und Eva Götter waren«,
Teil 512der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. November 2019


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Sonntag, 19. Oktober 2014

248 »Was geschah vor der Schöpfung? Ein ›Reisebericht‹


Teil 248 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein 

Gott als Weltenschöpfer. Archiv Langbein

Am 25. Oktober 2014 werde ich im Rahmen des »One-Day-Meetings« der »A.A.S.«-Gesellschaft in Bremen einen Vortrag halten: »Pyramiden, Monster, Fabelwesen – Von Cheops bis zum Dom in Paderborn«. Hier im Blog lesen Sie eine ausführlichere Fassung meines Vortrags, heute Teil 1!

Mein Vortrag markiert ein Jubiläum: 35 Jahre sind seit Erscheinen meines ersten Buches - »Astronautengötter« - vergangen.


»Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.«, proklamiert die Bibel. Wirklich? Nicht wirklich! Folgen Sie mir, liebe Leserinnen und Leser, auf einer Reise in die Zeit vor der Schöpfung! Die Bibel weiß Erstaunliches über das Davor zu berichten!

Ich wiederhole... Wie beginnt die Geschichte von Gott in der Bibel? Die Antwort meinen selbst Atheisten zu kennen, die gewöhnlich die Bibel nicht lesen (1):

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.«

Mit diesen Worten wird die Bibel eingeleitet. Versteckt – und selbst Theologen oft unbekannt – im »Alten Testament« findet sich aber ein anderer Anfang der Geschichte von Gott. Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen. Bei Hiob steht (2): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.«    

Gott erschafft Behemoth und Leviathan.

Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann, das Meer aufgewühlt und Rahab getötet. Vor dem Beginn der biblischen Geschichte von Gott, wie sie das Alte Testament erzählt, war also Rahab. Wer oder was aber war Rahab?

Diverse Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, Rahab sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Und in der Tat: der Prophet Jesaja umschreibt Rahab als Drachen. Jesaja appelliert an Gott (3): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Adam
Bevor der Gott des Alten Testaments mit der eigentlichen Schöpfung anfangen konnte, musste er erst einmal den »Drachen« Rahab töten. Rahab existierte also schon bereits vor der Schöpfung. Verschweigt uns die Bibel da etwas? Der Schlüssel zum Geheimnis um Rahab findet sich gleich zu Beginn des Alten Testaments, allerdings muss man den Text gründlich im hebräischen Original untersuchen. In der Übersetzung heißt es wenig aussagekräftig (4): »Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.«. Übersetzt man das hebräische Original wörtlich, lautet der zweite Teil des Verses: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.« Tehom aber lässt sich auf uralte babylonische Mythologie zurückführen: auf die babylonische Gottheit Tiamat, die auch als Meeresdrachen bezeichnet wird. Ursprünglich aber war Tiamat die Meeresgöttin.

Die biblische Geschichte vom Kampf Gottes gegen Rahab ist eine Kopie einer älteren Vorlage.  Das Original steht in der babylonischen Geschichte von Gott: Schöpfergott Marduk muss erst Tiamat besiegen, damit er den Kosmos erschaffen kann. Jahwe, der biblische Gott, entspricht dem babylonischen Gott Marduk, Rahab ist die hebräische Variante der babylonischen Meeresgöttin Tiamat. In Rahab lebt also die Göttin des Meeres weiter. Das Alte Testament verdrängt weitestgehend die Erinnerung an die Göttin, die vor Jahwe geherrscht haben muss.

1. Fazit: Vor der Schöpfung

Eva
Der biblische Gott wird uns als der Schöpfer schlechthin vorgestellt. Wirklich? Die Bibel selbst bekundet, dass vor der vermeintlichen »Urschöpfung« etwas da war. Schwebte doch laut Bibel der Geist Gottes über dem Wasser, bevor sich Gott an die Arbeit machte. Gott schuf demnach also nicht aus dem Nichts, sondern fand schon etwas vor. Und: Die Bibel bekundet, dass es vor dem Gott des Alten Testaments schon andere Götter gab.

Kehren wir zu den Schöpfungen der Bibel zurück! Gott kreiert Adam und Eva. Wie entstand Eva? Eva, so heißt es bei Moses (5) wurde von den Göttern aus Adams Rippe erschaffen. Das sumerische Keilschriftzeichen für »Rippe« heißt »ti« - und bedeutet auch »Lebenskraft«, und die hat ihren Sitz in der Zelle. Entstand also Eva als Kunstprodukt, basierend auf Adams Genen?

Adam und Eva haben zwei Kinder, Kain und Abel. Kain ermordet Abel. Eva bekommt ein drittes Kind, Schet. Der Name Schet bietet einem weiteren interessanten Hinweis, der sich allerdings nur dann erschließt, wenn wir den Text im hebräischen Original lesen. Die gängigen Übersetzungen lauten etwa so (6): »Sie (Eva) gebar einen Sohn und nannte ihn Seth, denn gewährt hat mir Gott einen anderen Samen für Abel, welchen Kain erschlug.« In unseren gängigen Übersetzung scheint dieser Vers kaum brisante Information zu enthalten, wohl aber in der wortwörtlichen Übertragung: »Und sie nannte ihn Schet (zu Deutsch: Setzling), denn gegeben haben mir die Götter fremden Samen für Abel, welchen Kajin erschlug.« Seth oder »Setzling« war demnach das Produkt einer künstlichen Befruchtung durch die Götter!

Ein ähnlicher Vorgang der kompliziert-medizinischen Art wird in »Nala und Damayanti« beschrieben, in einer Episode aus dem wohl ältesten Epos der Menschheitsgeschichte, dem Mahabharata. Im Vidarbaland, so heißt es da, herrschte einst der große Bhima. Die Menschen bewunderten ihn ob seiner Klugheit. Sie bedauerten ihn, weil der so ersehnte Nachwuchs ausblieb. Davon vernahm der brahmanische Rsi, ein Vermittler zwischen der himmlischen und der irdischen Welt. Er ließ sich vom König und seiner Frau bei einem mehrtägigen Besuch im Königspalast genau mitteilen, wie man sich welchen Nachwuchs wünschte. Er notierte sorgsam die erhofften Eigenschaften der geplanten Kinder. Dann kehrte er in die himmlischen Gefilde zurück und unterbreitete den Erhabenen die ihm aufgetragenen Wünsche.
    
Adam und Eva von Urschalling.

Von den Himmlischen erhielt der RSI schließlich sogenannte Mädchen- und Knabenperlen. Sie wurden der Königin offensichtlich eingepflanzt – und die edle Dame war schwanger. Im Verlauf der nächsten Jahre gebar sie drei Knaben und drei Mädchen. Die vornehme Dame war, wie ihr Gemahl auch, begeistert: Die Kinder fielen allesamt genauso aus, wie man sich das gewünscht hatte.

2. Fazit: Genetische Schöpfung oder .. Wer oder was war Behemoth

Bibel und Mahabharata berichten unabhängig voneinander von Schöpfung von Leben. Nach unserem Kenntnisstand kann es sich dabei sehr wohl um wissenschaftlich-genetische Kreationen gehandelt haben. Und in der Bibel finden sich weitere Kreationen, die uns von den Theologen geflissentlich verschwiegen werden…

Adam von Urschalling
Bevor Make-Make sein erstes Menschenpaar kreiert, erschafft er ein Mischwesen: Nach seinem Spiegelbild schuf er es und verabreichte ihm noch die Attribute eines Vogels, Schnabel, Flügel, Federn. Wer glaubt, dass Adam und Eva die ersten von Gott fabrizierten Lebewesen waren, irrt. Vor den Tieren und vor den Menschen rief Gott den mysteriösen »Behemoth«. Im kleinen Bibelbuch Hiob (7) lesen wir: »Sieh‘ doch den Behemoth, den ich gemacht habe wie dich: Gras frisst er wie der Ochse. … Er ist der Erstling der Wege Gottes; der ihn gemacht hat, reichte ihm sein Schwert.« In manchen Bibelausgaben wird per Fußnote erklärt, bei dem Behemoth habe es sich um einen grasfressenden Landsaurier gehandelt.

Hiob beschreibt den Behemoth als unglaublich stark (8): »Sieh‘ doch, welche Kraft in seinen Lenden liegt und welche Stärke in seinen Bauchmuskeln! Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder, die Sehnen seiner Schenkel sind fest verflochten. Seine Knochen sind wie eherne Röhren, seine Gebeine wie Eisenstangen.«

Das klingt nach einem monströsen Tier. Aber was für ein Tier sollte gemeint sein? Ein Nilpferd vielleicht, oder ein Saurier? Wie ist der folgende Satz gemeint? »Er ist der Erstling der Wege Gottes; der ihn gemacht hat, reichte ihm sein Schwert.« Ein Blick in den hebräischen Text verschafft vielleicht Klarheit. Die wortgetreue Übersetzung lautet: »Er/Es war der Erstling der Wege von El (Gott), der machende war ihn/es, dass er/es herbeibringe sein Schwert.« El schuf also Behemoth, damit der ihm sein Schwert bringen würde? Wieso sollte Behemoth dem mächtigen Gott sein Schwert apportieren? Oder gab umgekehrt Gott dem Behemoth sein Schwert? Das vermutet Martin Buber, dessen Bibelverdeutschung hohes Ansehen genießt. Buber interpretiert übersetzend (9):

»Das ist der Erstling auf den Wegen des Gottesherrn, der es machte, reichte sein Schwertgebiß ihm.« Buber deutet also das »Schwert« als das besonders scharfe und gefährliche Gebiss des Monsters.

Völlig anders versteht Leopold Zunz den Vers. In seiner für jüdische Leser gedachten Übersetzung der Thora wird auch betont, dass Gott den Behemoth als Ersten schuf, aus dem Schwert aber wird ein Messer. Und das gehört weder Gott, noch dem Behemoth (10): »Er ist der Erstling des Werkes Gottes; wer ihn opfern will, mag sein Messer heranbringen.«  Dazu wäre wohl ein besonders starker Gläubiger erforderlich gewesen, der das monströse Lebewesen hätte mit einem Messer töten können.

Wiederum eine andere Übersetzung bietet »The Interlinear Hebrew-English Old Testament« (11), die auf wortgetreue Wiedergabe Wert legt. Da heißt es dann, dass Gott, der den Behemoth schuf, dem Monster mit seinem Schwert entgegentreten kann. Mit anderen Worten: Die Kreatur war so stark und furchteinflößend, dass ihm nur Gott selbst mit dem Schwert in der Hand begegnen konnte. Unbewaffnet wäre das Risiko für Gott selbst zu groß gewesen.

Eva von Urschalling
Je mehr Übersetzungen ich konsultiere, desto mehr Varianten finde ich: Mal bringt das Monster Gott sein Schwert, mal überreicht umgekehrt Gott der Kreatur sein Schwert. Mal soll der, der das Monster opfern möchte, sein Messer mitbringen. Und mal muss sich Gott selbst mit seinem Schwert bewaffnen, wenn er dem Behemoth begegnen möchte. Mal wird der Terminus »Schwert« mit den Schneidezähnen des Behemoth gleichgesetzt. Nach Luthers Übersetzung von 1545 attackiert Gott den Behemoth (12): Gott, »der jn gemacht hat/ der greifft jn an mit seinem schwert«. In neueren Ausgaben des »Alten Testaments« nach Luther heißt es Gott (13), »der ihn gemacht hat, der gab ihm sein Schwert«.

In der Übersetzung des »Alten Testaments« ins Griechische, in der »Septuaginta« geht das Schwert vollkommen verloren (14): »Dies ist der Anfang der Schöpfung des Herrn, gemacht um von seinen Boten verspottet zu werden.« In einer Fußnote wird erklärt, dass es sich bei den »Boten« um »Engel« handele. Demnach wurde Behemoth geschaffen, damit die Engel über ihn lachen können. Völlig anders lautet eine Textvariante nach der »Elberfelder Bibel« (15): »Er ist gemacht zum Gewalthaber seiner Gefährten.« Das geschaffene Wesen wäre also so etwas wie ein »Leittier«.

Angaben zu den Fotos

»Gott als Weltenschöpfer«: Französische Bibelillustration, frühes 15. Jahrhundert, gemeinfrei, Archiv Langbein
»Gott erschafft Behemoth und Leviathan« : William Blage, erstes Viertel des 18. Jahrhunderts, gemeinfrei, Archiv Langbein
»Adam« und »Eva«: »Adam und Eva Haus« Höxter, Fotos Walter-Jörg Langbein
»Adam und Eva von Urschalling«, »Adam von Urschalling« und »Eva von Urschalling«: Fotos Walter-Jörg Langbein



Fußnoten

Kain von Urschalling
1)  1. Buch Mose Kapitel 1, Verse 1-3
2)  Hiob Kapitel 26, Vers 12
3)  Jesaja Kapitel 51, Vers 9
4) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 2
5) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 21
6) 1. Buch Mose, Kapitel 25, Vers 4
7) Hiob, Kapitel 40, Verse 15 und 19
8) ebenda, Verse 16-18
9) »Die Schrift/ Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig«, Band 4, Heidelberg, 4. Verbesserte Auflage der neubearbeiteten Ausgabe von 1962, S. 336
10) »Die vierundzwanzig Bücher der Heiligen Schrift/ Übersetzt von Leopold Zunz«, Basel 1980, S. 616
11) »The Interlinear Hebrew-English Old Testament«, Grand Rapids, USA, 1987, S. 344

12) »Die gantze Heilige Schrifft Deudsch«, Wittenberg 1545, zitiert in der Schreibweise Luthers

Abel von Urschalling
13) Hiob, Kapitel 40, Vers 19, zitiert aus: »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers«, Stuttgart 1915

14) »Septuaginta Deutsch/ Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung«, Stuttgart, 2. Verbesserte Auflage 2010

15) Hiob, Kapitel 40, Vers 19, zitiert aus: »Die Heilige Schrift/ Aus dem Grundtext übersetzt/ Elberfelder Bibel revidierte Fassung«, Wuppertal und Zürich, 4. Sonderausgabe 1995
 
»Vom biblischen Behemoth und anderen Monstern«,
Teil 249 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26.10.2014


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Sonntag, 24. August 2014

240 »Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«


»Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«
Teil 240 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         

von Walter-Jörg Langbein


Wer einen Drachen sucht,
wird auch in Urschalling fündig ...

Das berühmte Nibelungenlied ist ein gewaltiges Heldenepos. Die vielleicht wichtigste Gestalt ist der hünenhafte Siegfried. Siegfried – er lebt als Sohn des Königspaares Siegmund und Sieglinde –  erfährt von einem geheimnisvollen Drachen. Das Untier haust in einer Höhle und bewacht einen gewaltigen Schatz, den »Hort der Nibelungen«. Was das Untier für Siegfried besonders anziehend macht: Angeblich macht das Blut des Drachens unverwundbar. Siegfried macht sich also auf die Reise, es gelingt ihm, das Monster zu töten und so badet er in seinem Lebenssaft. Tatsächlich wird er am ganzen Leibe unverwundbar, mit Ausnahme einer kleinen Stelle am Rücken. Im »dritten Abenteuer« lesen wir:

»Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt:
Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;
Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.
So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut.«

Generationen von Forschern haben gegrübelt, recherchiert und spekuliert, ob denn Siegfrieds Drachenkampf Ausgeburt reiner Fantasie sei. In der »Thidrekssage« wird sehr viel ausführlicher als im Nibelungenlied, wie ein gewisser Mime einem grässlichen Lindwurm den Auftrag erteilt, den jungen Sigfrid zu überfallen und zu töten. In der »Thidrekssage« hat dieses monströse Wesen einen Namen: Regen. Sigfrids Kampf mit dem Lindwurm oder Linddrachen wird gern mit dem Kampf des »Heiligen Michael« mit dem »Drachen« verglichen. (1)

Auch in Worms wurde ich
in Sachen Drachen fündig ...

Mich fasziniert die biblische Drachenmythologie schon seit Jahrzehnten. Im Buch Hiob wird der Drache erwähnt (2): »Bin ich denn das Meer oder der Drache, dass du eine Wache gegen mich aufstellst?« Psalm 91 beschreibt Drachen als eine Gefahr für jeden Menschen, der nicht von Gott selbst beschützt wird (3): »Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.« Jesaja (4) warnt vor einem »fliegenden Drachen«. An anderer Stelle (5) prophezeit Jesaja, dass Gott den Drachen töten wird. Und nochmal Jesaja (6): »Dies ist die Last für die Tiere des Südlandes: Im Lande der Trübsal und Angst, wo Löwe und Löwin, wo Ottern und feurige fliegende Drachen sind, da führen sie ihre Habe auf dem Rücken von Eseln und ihre Schätze auf dem Höcker von Kamelen zu dem Volk, das ihnen nichts nützen kann.«

Hesekiel siedelt Drachen im Meer an. Er beschreibt zwar nicht direkt derartige monströse Wesen, verwendet aber Drachen sehr anschaulich im Vergleich (7): »Du Menschenkind, stimm ein Klagelied an über den Pharao, den König von Ägypten, und sprich zu ihm: Du Löwe unter den Völkern, wie bist du dahin! Und doch warst du wie ein Drache im Meer und schnaubtest in deinen Strömen und rührtest das Wasser auf mit deinen Füßen und machtest seine Ströme trübe.«

In der »Apokalypse des Johannes« kommt der Drache immer wieder vor. Um einem Missverständnis vorzubeugen: »Apokalypse« wird heute gern grundsätzlich als »Weltuntergang« übersetzt. Tatsächlich aber bedeutet der biblische Begriff »Apokalypse« zunächst einmal nur »Offenbarung«. Sehr interessant ist der Hinweis (8), dass der Drache quasi göttliche Funktionen hat, sprich verehrt wird: »Und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen?«

Daniel in der Löwengrube.
Dom zu Worms. Foto Langbein

Das Buch Daniel findet sich nur äußerst bruchstückhaft in unseren Bibelausgaben. Der ursprüngliche Daniel-Text freilich war sehr viel umfangreicher, wurde aber der frommen Christenheit nur auszugsweise zugemutet. Warum? In manchen Luther-Ausgaben (9) der Bibel finden sich in der Abteilung »Apokryphe Schriften« Fragmente der »Zusätze zu Daniel«. Sehr viel ausführlicher freilich ist die nach wie vor beste Ausgabe der »verbotenen Bücher der Bibel«, nämlich in der Ausgabe von Prof. Emil Kautzsch (10). Ich zitier aus Kautzsch (11): »An dem gleichen Orte war auch ein Drache; dem erwiesen die Babylonier göttliche Verehrung.« Der biblische Daniel wird zum Drachentöter wie der »Heilige Georg«. Doch während der frühchristliche Georg dem Untier wie ein fahrender Ritter zuleibe rückt, wendet Daniel eine kurios anmutende Tötungsart an.

Drachentod von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein

Der »Heilige Georg« ist uns aus zahllosen Darstellungen in christlichen Gotteshäusern bekannt. Hoch zu Ross rammt er dem Drachen einen Spieß in den Leib oder setzt dem Untier mit einem Schwert ein Ende. Mir kam allerdings der »Drachen« schon in meiner Kindheit oft nicht wie ein einem Horrorfilm entsprungenes Monster vor, sondern wie ein Fabelwesen aus dem Repertoire der »Augsburger Puppenkiste«. Im der kleinen Wehrkirche von Urschalling, am Chiemsee gelegen, fotografierte ich die spärlichen Reste eines Gemäldes. Eindeutig stellte es einen »Heiligen Georg« von beachtlicher Größe da, der hoch zu Ross einem eher kleinen »Drachen« in Hundegröße einen gewaltigen Spieß in den Leib rammt. Eine Heldentat sieht anders aus.


Drachentöter von Marienmünster.
Foto Langbein

In Marienmünster, wo ich für eine TV-Dokumentation gefilmt wurde, mutiert der Drachen zu einem weitestgehend »menschlichen« Teufel. Flügel am muskulösen Leib des sich windenden Sterbenden erinnern daran, dass der Teufel nach christlicher Tradition ein aus dem Himmel verbannter Engel war. Als satanisches Kennzeichen sind Hörner am Haupt des Teufels zu erkennen. Und in der Gesäßregion entspringt ein offensichtlich gewaltiger schlangenartiger Fortsatz, der jedem Lindwurm zur Ehre gereicht hätte. Im Dom zu Paderborn wiederum entdeckte ich in Holz geschnitzt einen Drachen, der eher als anmutig und graziös zu bezeichnen ist und ganz und gar nicht furchteinflößend auf mich wirkt.

Im Buch Daniel begegnen wird dem Vorgänger des »Heiligen Georg«. Der erledigt den Drachen nicht im ritterlichen Kampf, sondern als heimtückischer Fladen-Bäcker. Ausdrücklich bittet Daniel den König, den Drachen zu töten zu dürfen und schreitet dann perfide zur Tat (12): »Du aber, o König, gib mir die Erlaubnis, so will ich den Drachen ohne Schwert und Stab töten. Darauf nahm Daniel Pech, Fett und Haare, kochte sie zusammen und bereitete Fladen daraus und gab sie dem Drachen ins Maul. Nachdem der Drache sie gefressen hatte, zerbarst er.«  Wie gut, dass der »Heilige Martin« nicht auf derlei widerliche Fladen setzte. Drachen, die sich den Magen verderben und dann auch noch explodieren, sind kein ideales Bild für sakrale Kunst. Als Gemälde würden sie ekelhaft wirken, in Form von Statuen wären sie nicht darstellbar.

Was Daniel aber verdeutlicht: Der Drache steht für den »falschen« Glauben, der mit allen Mitteln vernichtet werden muss. In diesem Sinne hat sich Karl der Große (etwa 747 – 814 n.Chr.) als »Drachentöter« bewährt! Mit Gewalt bekämpfte er fanatisch vorchristliches Gedankengut, das sich bis in seine Zeit erhalten hatte. So war es vermutlich Karl der Große, der in Paderborn unweit des Doms einen heidnischen Tempel zerstören ließ. Reste einer Inschrift verweisen auf einen »Drachen«, dem dort die heidnischen Sachsen noch geopfert haben sollen. Offensichtlich ist es Karl dem Großen gelungen, den Drachenkult von Paderborn zu zerstören!

In einer Gruft von Worms wurde
ein Drache gefunden ... aus Stoff.

Folgen wir der Spur des Drachen. Sie führt uns zur biblischen Schöpfung, oder genauer … in die Zeit vor der biblischen Kreation. Denn was selbst emsige Bibelleser nicht wissen: Laut Bibel gab es vor der Schöpfung durch Gott … die Göttin. Und diese geheimnisvolle Geschichte wird im Text des »Alten Testaments« beschrieben. Dabei meinen wir doch genau zu wissen, was die Bibel über den Anfang der Schöpfung schreibt! Auch Atheisten meinen den einfachen Sachverhalt zu kennen, ob sie nun selten oder nie in der Bibel lesen! So beginnt die Bibel (13):

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.«

Eher harmlos wirkt der Drache von Paderborn.

Mit diesen Worten wird die Bibel eingeleitet. Versteckt – und selbst Theologen oft unbekannt – im »Alten Testament« findet sich aber ein anderer Anfang der Geschichte von Gott. Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (14): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.«    

Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann, das Meer aufgewühlt und Rahab getötet. Vor dem Beginn der biblischen Geschichte von Gott, wie sie das Alte Testament erzählt, war also Rahab. Wer oder was aber war Rahab? Diverse Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, Rahab sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Und in der Tat: der Prophet Jesaja umschreibt Rahab als Drachen. Jesaja appelliert an Gott (15): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Bevor der Gott des Alten Testaments mit der eigentlichen Schöpfung anfangen konnte, musste er erst einmal den »Drachen« Rahab töten. Rahab existierte also schon bereits vor der Schöpfung. Verschweigt uns die Bibel da etwas? Der Schlüssel zum Geheimnis um Rahab findet sich gleich zu Beginn des Alten Testaments, allerdings muss man den Text gründlich im hebräischen Original untersuchen. In der Übersetzung heißt es wenig aussagekräftig (16): 

»Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.«. Übersetzt man das hebräische Original wörtlich, lautet der zweite Teil des Verses: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.« Tehom aber lässt sich auf uralte babylonische Mythologie zurückführen: Auf die babylonische Gottheit Tiamat, die auch als Meeresdrachen bezeichnet wird. Ursprünglich aber war Tiamat die Meeresgöttin.

Drache von Worms. Rekonstruktion 1


Nach Jahrzehnten der Forschung habe ich keinen Zweifel mehr: Der Drache aus christlichen Darstellungen ist eine Chiffre für die Zentralfigur sehr viel älterer Religionen, für die Göttin! Es lohnt sich nach diesem uralten Symbol zu suchen – in unseren Kirchen! Übrigens, ich wurde auch in Worms fündig! In einem uralten Bischofsgrab wurde ein schon arg zerfallenes Stück Stoff gefunden, das einst einen hohen christlichen Würdenträger geschmückt haben mag. Zu erkennen ist nach wie vor, was einst auf der Textile prangte….ein Drache. Mir stand ein schlechtes Foto von dem Drachen zur Verfügung. Ich habe versucht, die geheimnisvolle Kreatur zeichnerisch zu rekonstruieren….

 
Drache von Worms. Rekonstruktion 2


ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein 
Zeichnerische Rekonstruktionen des Drachen von Worms: Langbein

Fußnoten

1) Zum möglichen historischen Hintergrund des Nibelungenlieds hat sich sehr ausführlich Heinz Ritter-Schaumburg geäußert. Empfehlenswert ist die Lektüre von Heinz Ritter-Schaumburg: »Sigfrid ohne Tarnkappe«, München 1990 und, vom gleichen Verfasser: » Die Nibelungen zogen nordwärts«, 5. Auflage, München 1981

2) Buch Hiob, Kapitel 7, Vers 12
3) Psalm 91, Vers 13
4) Jesaja 14, Vers 29
5) Jesaja 27, Vers 1
6) Jesaja 30, Vers 6
7) Hesekiel 32, Vers 2
8) Offenbarung 13, Vers 4

9) »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers/ Neu durchgesehen nach dem vom deutschen Evangelischen Kirchenausschuß genehmigten Text«, Stuttgart 1915, »Anhang: Die apokryphischen Bücher«, »11. Vom Drachen zu Babel«, S. 133 und 134

10) Kautzsch, E.: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, »Erster Band: Die Apokryphen des Alten Testaments«, Tübingen 1900, S. 172-S.193
11) ebenda, S.191
12) ebenda, S. 191
13) 1. Buch Mose Kapitel 1, Verse 1-3
14) Hiob Kapitel 26, Vers 12
15) Jesaja Kapitel 51, Vers 9
16) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 2

»Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«,
Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.08.2014

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