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Sonntag, 9. Dezember 2018

464 »Drachen, Jungfrauen und ein himmlischer Fluss«

Foto 1: Drachentöter von Marienmünster.
Teil 464 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch, sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren, las mir als ich noch ein kleines Kind war, Märchen und gruselige Geschichten von Drachen vor. Edle Helden kämpften todesmutig gegen feuerspeiende Drachen, töteten sie und befreiten holde Jungfrauen aus ihren Klauen. Das Volk jubelte dann lautstark, wo die siegreichen Kämpfer auftauchten. Und natürlich bekam jeder Drachentöter die befreite Jungfrau, die sonst das Monster gefressen hätte, zur Frau. Manche bekamen dann noch zusätzlich vom königlichen Schwiegervater das halbe Königreich dazu.

Als ich in Erlangen Theologie studierte, erzählte mir ein arabischer Kommilitone ein Märchen. Ein König hatte drei Söhne, die in die Welt reisten, um sich zu bewähren. Einer der drei Männer gelangte in eine Stadt. Jeden Tag musste ein unschuldiges Mädchen einem siebenköpfigen Drachen ausgeliefert werden, damit die Bestie die Stadt verschonte. Das Untier hauste auf einem Berg nah bei einer Kapelle. Nun sollte des Königs Töchterlein dem Drachen ausgeliefert werden. Der wandernde Königssohn freilich wusste das zu verhindern, tötete den Drachen. Als Lohn bekam der Prinz die Tochter des Königs und wurde, als der König starb, selbst König.

In der Schweiz hörte ich von einem Märchen, das angeblich eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1420 schildert. Zwei riesige Drachen, so überliefert es das Märchen, hausten in unterirdischen Höhlen, in die man über einen Brunnenschacht gelangte. Die Drachen verbrachten dort den Winter, dann flogen sie wieder in die Welt hinaus.

In der Krypta der Kathedrale von Metz, Frankreich, ist eine Statuette eines Drachens zu sehen. Das Tier hat einen Namen: »Graoully«. Die Kreatur soll einst in einem römischen Amphitheater gehaust haben. Der Name »Graoully«, ursprünglich »Grauli«, soll auf das deutsche Wort »gräulich« zurückgehen. Braungräulich, so wird überliefert, waren die Schuppen des Monsters. Sie waren härter als jedes Schwert, heißt es, und so konnte der Drachen »Graoully« lange Zeit nicht besiegt werden. Erst im dritten Jahrhundert gelang es, so wird heute noch erzählt, dem Heiligen Clemens von Metz die Stadt vom Drachen zu befreien. Es gelang dem Kirchenmann, dem Untier eine Stola umzubinden und auf eine Insel im Fluss Seille zu bringen. Da tat sich die Erde auf, verschluckte den Drachen »Graoully«. Der Heilige Clemens wälzte auf das Loch einen mächtigen Felsbrocken, so dass der Drachen bis zum heutigen Tage nicht mehr ans Tageslicht zurückkehren konnte.

Foto 2: Drache Graoully von Horace Castelli

Noch im 19. Jahrhundert erinnerten sich die Bürger von Metz an den Bischof, der den Drachen besiegte. Zu Ehren des Kirchenmannes wurde Jahr für Jahr eine Prozession durchgeführt, bei der Nachbildungen von »Graoully« durch die Straßen getragen wurden. Horace Castelli (*1825;†1889) war wohl Augenzeuge einer solcher »Drachenprozession«. Bei ausgelassener Jahrmarkstimmung wurde eine Drachenfigur mit Flügeln von beachtlicher Größe durch die Straßen geschleppt, begleitet von Trommlern und Verkäufern von Lebensmitteln. Das Schauspiel lockte natürlich auch viele Neugierige an.

Ein behelmter Soldat reitet in der detailreichen Darstellung von Horace Castelli das Untier, das sein furchteinflößendes Maul aufreißt. Ein umsichtiger Mann besänftigt den Drachen, indem er ihm Backwaren in den Rachen kippt. Das Bild vom Drachen mit mächtigen Flügeln ist sehr alt. Es war schon in biblischen Zeiten bekannt. Was wenige wissen: Die biblische Schlange, die Eva zum Ungehorsam verleitet und das göttliche Verbot missachten lässt, war womöglich ein Drachen mit Flügeln. Nach dem biblischen Schöpfungsbericht verfügte die Schlange vom Paradies ursprünglich über Beine, heißt es doch ausdrücklich im Buch Genesis, zitiert nach der Lutherbibel von 2017 (1):

»Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.« Nur wenn die Schlange ursprünglich Beine hatte und »Gott der HERR« ihr die Beine nahm, macht dieser Vers Sinn. Denn ohne Beine hätte sie auch vor der Strafaktion auf dem Bauch kriechen müssen.


Foto 3: Ein geflügelter Drache

Sehr viel ausführlicher ist die apokryphe Schrift »Apokalypse des Moses« (2): »Nachdem er mir dieses gesagt, sprach er in großem Zorn zur Schlange: Weil du dieses tatest als unerfreulich Werkzeug, indem du Arglose betörtest, so sei verflucht vor allem Vieh! Der Speise, die du aßest, sei beraubt! Friss Staub dein Leben lang! Kriech auf der Brust und auf dem Bauch, beraubt der Hände und Füße! Nicht Ohr, noch Flügel bleibe dir, nicht irgend eines deiner Glieder! In deiner Bosheit hast du sie damit berückt und es dahin gebracht, daß sie das Paradies verlassen müssen.«

Paul Rießler hat die »Apokalypse des Moses« in sein Standardwerk »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« (3) aufgenommen. Auch hier wird die Verwandlung der Schlange als Strafe Gottes beschrieben. Paul Rießler übersetzt (4): »Nicht Ohr, noch Flügel bleibe dir, nicht irgend eines deiner Glieder.«

Die Schlange hatte also nach der »Apokalypse des Moses« vor der Bestrafung durch Gott noch Hände, Füße und Flügel oder vier Beine und Flügel, danach nicht mehr. Hände, Füße und Flügel wurden ihr von Gott genommen. Mit anderen Worten: Vorher war die Schlange ein drachenartiges Wesen.

Wenn wir an die Gebrüder Jacob (*1785; †1863) und Wilhelm Grimm (*1786; †1859) denken, so fallen uns ihre »Kinder- und Hausmärchen« ein, die beide weltberühmt machten. Die Märchen erschienen von 1812 bis 1858. Die beiden Grimms waren aber auch, und das ist weniger bekannt, Sprachwissenschaftler und Volkskundler. Jacob Grimm, der als Begründer der deutschen Philologie und Altertumswissenschaft gilt, veröffentlichte anno 1835 einen wahren Meilenstein der Mythenforschung (5). Das Werk »Deutsche Mythologie« wurde 2007 erneut und komplett publiziert (6).

Foto 4: Darstellung eines Drachen, Künstler Lucas Jennis, frühes 17. Jahrhundert.

Jacob Grimm geht in seinem Werk über deutsche Mythologie (7) auch auf das Thema Drachen ausführlich ein. Er schreibt (8): »Die schlange kriecht oder ringelt sich auf dem boden, stehn ihr flügel zu gebot, so heißt sie drache, was ein undeutsches aus dem lat(einischen) draco, gr(iechischen) Δράκος (Drákos) stammendes, schon früh eingeführtes wort ist.« (Jacob Grimm bezeichnet Drachen als »undeutsches Wort«, damit meint er aus einer fremden Sprache entlehntes Fremdwort.)

Mit anderen Worten: Jacob Grimm entdeckte bei seinem Studium deutscher Mythologie einen direkten Zusammenhang zwischen Schlange und Drachen, der ja bereits im Schöpfungsbericht des Alten Testaments und ausführlicher in den Apokryphen des Alten Testaments beschrieben wurde. Leider findet sich im umfangreichen grimmschen Werk kein Hinweis auf die Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche. Auf der Homepage »paderborn.de« (9) findet sich ein interessanter Hinweis (10):»Diese mythischen Drachen waren seit der Antike bis ins hohe Mittelalter Sinnbild für Naturkräfte, die hier vermutlich die Wasserquellen der Pader schützen sollten. Diese Schlangendrachen sind hier eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit.«

Foto 5: Schlangendrachen, 17. Jahrhundert

Branko Čanak hat sich wie kaum ein anderer Zeitgenosse intensiv mit den geheimnisvollen Wesen in der Krypta der Abdinghofkirche beschäftigt. Er bezeichnet sie als (11) »Wasserdrachen, Hüter der Paderquellen und älteste Bewohner der Gegend«. Auch der lwl., der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, geht auf die geheimnisvollen Tiere in der Krypta ein (12) »Die Drachen sind, obgleich man sie als vermutete Hüter der Paderquellen an verschiedensten Orten der Stadt immer wieder findet, ein oft übersehenes Symboltier.« In der Tat: Es wird die Vermutung angestellt, dass die acht Drachen an dem Säulenkapitell die unterirdischen Paderquellen schützen sollen. Auch die Bezeichnung »Wasserdrachen« ist spekulativ, lässt sich nicht mit alten Dokumenten aus der Entstehungszeit der Krypta belegen. Wasserdrachen sind in China bekannt, werden in uralten Mythen beschrieben.

Foto 6: Chinesische Wasserdrachen.

Die chinesische Mythologie kennt den Wasserdrachen nicht als Behüter von Quellen oder Flüssen, sie repräsentieren vielmehr die Gottheiten von Gewässern. Kurios: Auch im alten Indien repräsentieren Götter Flüsse. So wird die Flussgöttin Ganga mit dem gewaltigen Fluss Ganges gleichgesetzt. In Reliefs wie jenem von Mahalipuram (12m hoch, 33 m breit!) sieht man Ganga als schlangenartiges Wesen im himmlischen Fluss, zusammen mit ihrem ebenso schlangenartigen Partner, zur Erde kommen. Ganga schwimmt nicht im Fluss, sie ist der personifizierte Fluss. Die chinesischen Wasserdrachen haben wie die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche Bärte. Wohl ein Zufall…

Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch, sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren, las mir als ich noch ein kleines Kind war, Märchen und gruselige Geschichten von Drachen vor. Bis heute beschäftigen mich die Drachen. Sind es reine Fantasiewesen, die es nie gegeben hat? Oder schlummern in unseren Genen Erinnerungen an geheimnisvolle, furchteinflößende Kreaturen, die vor langer Zeit ausgestorben sind? Waren Drachen gut oder böse, göttlich oder teuflisch?

Foto 7: Mysteriöses Steinrelief mit Göttin Ganga


Fußnoten
(1) 1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 14
(2) »Apokalypse des Moses« Vers 26, zitiert nach Weidinger, Erich: »Die Apokryphen/ Verborgene Bücher der Bibel«, Augsburg 1999, Seite 43
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(3) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 138-155: »Apokalypse des Moses/ Adam und Eva«
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(4) ebenda, Kapitel 26, Seite 148 Mitte
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(5) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Göttingen 1835
(6) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Wiesbaden 2007
(7) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage, Berlin 1875-78
(8) ebenda, Band II, S. 573, Zeilen 15-18 von oben
(Rechtschreibung wie durchgehende Kleinschreibung wurde unverändert übernommen!)
(9) https://www.paderborn.de/index.php (Stand 10.10.2018)
(10) https://www.paderborn.de/tourismus-kultur/sehenswuerdigkeiten/Abdinghofkirche_Sehensw.php (Stand 10.10.2018)
(11) http://wasserdrachen-podcast.de/ (Stand 10.10.2018)
(12) https://www.lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=31724 (Stand 10.10.2018)

Foto 8
Zu den Fotos
Foto 1: Der Drachentöter von Marienmünster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Drache Graoully von Horace Castelli, 1872. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Ein geflügelter Drache, Darstellung etwa 1565.  Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Darstellung eines Drachen, Künstler Lucas Jennis, frühes 17. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Schlangendrachen, 17. Jahrhundert, Künstler eventuell Athanasius Kircher, ca. 1666. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Chinesische Wasserdrachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mysteriöses Steinrelief mit Göttin Ganga. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Götting Ganga kommt vom Himmel herab. Foto Walter-Jörg Langbein

465 »Monster im Meer?«,
Teil 465 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16.12.2018



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Sonntag, 10. September 2017

399 »Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«

Teil 1 »Birkenstein und Orte der Weisheit«,
Teil  399 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Fischbachau ist ein idyllischer Urlaubsort in Oberbayern. Er liegt an der malerischen Leitzach im Mangfallgebirge. Zwei sakrale Sehenswürdigkeiten gibt es, nämlich »Mariä Schutz« und das  »Martinsmünster«. Das »Martinsmünster« gilt als die besterhaltene romanische Basilika Südbayerns. »Mariä Schutz« ist vielleicht kunsthistorisch noch bedeutsamer, ist doch die »Alte Pfarrkirche« vielleicht nicht der älteste, aber der älteste unveränderte Kirchenbau Altbayerns.

Foto 1: Fischbachau im Winter.

Nach mehreren Regentagen Anfang Mai 2017 ist uns – mir und lieben Freunden aus dem Münchner Umland – der Wettergott mehr als gnädig. Nach heftigen Regenschauern von graublauem Himmel lacht die Sonne vom bayerisch-blauen Firmament. Einzelne weiße Wölkchen heben noch die herrliche Bläue des Himmels hervor. Und »Mariä Schutz« und das  »Martinsmünster« strahlen in blendendem Weiß förmlich miteinander um die Wette.

Aber uns zieht es zunächst einmal weiter gen Himmel, den Berg hinauf zum ehemaligen Kloster und der Klosterkapelle von Birkenstein. Man sieht nur mit dem Herzen gut, so heißt es. Dieses Wort trifft auf Birkenstein zu. Die Schönheit Birkensteins, seine mystische Atmosphäre, lässt sich weder fotografieren, noch in angemessene Worte fassen. Man muss Birkenstein und seine Geheimnisse einfach erleben!

Per Zug ist Birkenstein von München aus zu erreichen. Man fährt Richtung Bayrischzell und steigt in Fischbachau aus. Von da aus geht es per Taxi oder zu Fuß weiter. Eine Stunde Fußweg muss man einkalkulieren. Bequemer ist die Anreise per PKW. Von München aus fährt man auf der Autobahn Richtung Salzburg. Man erlässt die Autobahn entweder bei der Ausfahrt Wayarn oder bei der Ausfahrt Irschenberg. Von da aus geht es nach Miesbach. Wunderschön ist die weitere Fahrt durch das wunderschöne Leitzachtal bis nach Fischbachau. Man kann aber auch Fischbachau über Schliersee erreichen. Den letzten Kilometer muss, nein darf man zu Fuß gehen, dann kommt man in Birkenstein an.

Anfang Mai 2017 drohte mein Besuch in Birkenstein auszufallen. Bedingt durch Straßensperrungen und Baustellen komme es in der Region zu Staus. Birkenstein müsse aus dem Programm genommen werden. Auf kleinen Nebensträßchen der idyllischen Art erreichten wir dann aber doch das Ziel, die mysteriöse Klosterkapelle.

Eigentlich könnte man sich tagelang in Fischbachau aufhalten, zahlreiche Hinweise auf uralten Volksglauben studieren. Der Bildstock des Heiligen Nepomuk zum Beispiel ist einen Besuch wert. 

Foto 2: Nepomuk von Fischbachau.
Johannes ne Pomuk, also Johannes aus Pomuk, Tschechien 1380 wurde zum Priester geweiht und Pfarrer an der Kirche St. Gallus in Prag. Sein energisches Auftreten für die Rechte der Kirche, seine mutige Haltung gegenüber dem König machte den konsequenten Theologen beim Volk beliebt. Er ließ sich, heißt es, den Mund nicht verbieten, worüber sich König Wenzel offenbar maßlos ärgerte. Zu allem Überfluss erkor sich die Königin Johannes ne Pomuk zum Beichtvater.

König Wenzel wollte nun von Nepomuk erfahren, was seine Ehefrau so an Sünden zu beichten Pflegte, aber auch unter schlimmster Folter bewahrte Nepomuk das Beichtgeheimnis. So starb er nach schlimmsten Qualen, so wird überliefert, als Märtyrer. Eine Legende schildert, fünf Sterne hätten der Königin gezeigt, wo der geschundene Leichnam des Priesters zu finden sei. Tatsächlich wurde der Körper Nepomuks gefunden und konnte beigesetzt werden. Angeblich wurden seine Gebeine und seine Zunge anno 1719 bei einer Graböffnung unversehrt vorgefunden. Zehn Jahre später wurde Johannes Nepomuk kanonisiert. Das »Zungenwunder« wurde als Zeichen des Himmels gesehen. Kein Wunder, dass Nepomuk zum Patron der Beichtväter wurde.

Eigentlich sollte man sich Zeit nehmen für Birkenstein und seine Klosterkapelle. Hand aufs Herz: Ich hätte mir mehr Zeit nehmen sollen für Birkenstein. Eigentlich sollte man nicht mit dem Auto anreisen, sondern als Pilger besuchen. Aber ich bin froh, überhaupt in Fischbachau und Birkenstein gewesen zu sein.

Wie ich vor Ort erfahren habe finden alljährlich 43 Fußwallfahrten nach Birkenstein statt. Manche haben schon eine sehr alte Tradition. So finden schon seit 1835 Fußwallfahrten von Obertaufkirchen bei Erding statt. Zwischenstation ist Tuntenhausen. Eine Wallfahrtskirche von Tuntenhausen ist bereits anno 1226 erstmals urkundlich erwähnt. Am späten Nachmittag des zweiten Tages erreichen die Pilger Birkenstein.

Foto 3: Der Verfasser in Birkenstein.

1470 bis 1480 wurde der Sakralbau durch eine größere Hallenkirche ersetzt, 1513 bis 1533 kamen die beiden markanten Doppeltürme hinzu. In den Jahren 1548 und 1584  setzten gewaltige Brände dem Gotteshaus zu. Die Kirche konnte aber wieder instand gesetzt werden. Der für heutige Zeitgenossen kuriose Name der Gemeinde Tuntenhausen  geht auf einen frühen Siedler namens Tunti oder Tunto zurück, der bereits im 8. Jahrhundert dokumentiert ist. Tuntenhausen ist also als »Befestigte Wohnanlage« oder «Burg« des Tunti/ Tunto zu verstehen.

Foto 4: Wallfahrtskirche von Tuntenhausen

Zurück ins 21. Jahrhundert. Zurück in unsere Zeit des Lärms und der Hektik. Dank des Internets können wir schneller denn je an Informationen gelangen. Dank des Internets können wir weltweit Kontakte knüpfen, ohne auf Entfernungen achten zu müssen weltweit mit anderen Menschen sprechen. Ich weiß die Segnungen des Internets sehr zu schätzen, so wie ich auch den modernen Wissenschaften wirklich außerordentlich dankbar bin. Die faszinierenden Wissenschaften haben uns viele Fenster geöffnet, die uns unglaublich viel von der Wirklichkeit zeigen. Seit Jahrhunderten explodierte das Wissen auf Planet Erde geradezu. Und dank des Internets ist heute allgemein zugänglich, was noch vor wenigen Generationen nur von Wenigen eingesehen werden konnte, die Zugang zu den größten Bibliotheken ihrer Zeit hatten.

Je weiter die Pioniere der Wissenschaft vorankamen, je größer der von ihnen angehäufte Wissensschatz wurde, desto schneller wuchs die Spezialisierung. Und je größer das Messbare, heute schon wissenschaftlich erfassbare und überprüfbare Wissen wird, desto größer wird die Distanz zur Mystik. Ja alles was nicht irgendwie messbar ist, was sich nicht mittels wissenschaftlicher Formeln definieren lässt, scheint offiziell gar nicht existieren zu dürfen. Dabei gibt es doch schon seit Jahrzehnten intensive Bemühungen Mystik und Wissenschaft nicht als unvereinbar Gegensätzliches zu sehen.

Allen voran versuchte Bestsellerautor (1) Fritjof Capra (* 1. Februar 1939 in Wien), ein österreichisch-amerikanischer Physiker, Systemtheoretiker und Philosoph, mit einem ganzheitlich-systemischen Ansatz eine Verbindung zwischen östlicher Mystik und moderner Physik herzustellen. Versuchten Weise der letzten Jahrtausende, die Wahrheit hinter dem Vordergründigen zu erkennen, so gibt es seit Jahrzehnten ernsthafte Bemühungen, das Gemeinsame von Wissen und Geheimnis zu finden (2).

Foto5: Fritjof Capra.
Ich frage mich immer wieder, ob nicht die moderne Wissenschaft des scheinbar Faktischen, eine wesentliche menschliche Fähigkeit mehr und mehr verkümmern lässt? Ich meine die Fähigkeit des Spürens, des Erfühlens von einer letztlich noch unser Vorstellungsvermögen bei weitem überschreitenden Weisheit. Betreten wir damit die Welt der Religionen? Auf der einen Seite gibt es die strenge materialistische Schulwissenschaft. Auf der anderen Seite gibt es die Welt der großen Religionen, die zu mächtigen Institutionen geworden sind. Das freilich war alles andere als im Sinn der großen Weisen vergangener Jahrtausende (3).

Institutionalisierten Religion geht es freilich früher oder später nur noch um Macht. Um diese Macht umsetzen zu können, benötigen sie Menschen, die sich das Denken abnehmen lassen. Was sie nicht gebrauchen können, das sind Menschen, die versuchen, mit selbständigem Denken und Weisheit die Realität zu erfassen. Sie sehen die Dinge nicht, wie sie nach Meinung ihrer Vordenker gesehen werden müssen, sie wollen sich ein eigenes Bild machen. Solche Menschen entziehen sich der Macht von Wissenschaftlern wie von Geistlichen, die vorschreiben wollen, was zu glauben ist und was nicht.

Was ich mich seit vielen Jahren frage: Gibt es auf unserem Planeten Erde Orte, an denen Weisheit besser erspürt werden kann als an anderen Orten? Ich meine ja. Und ich bin davon überzeugt, dass solche Stätten seit Jahrtausenden bekannt sind. An solchen Orten hat man schon vor Jahrtausenden Menhire errichtet, geheimnisvolle Zeichen in Berghänge gekratzt, Tempel gebaut, die dann später von Vertretern der großen Religionen vereinnahmt wurden.


Foto 6: Einer der »alten Weisen«.

Fußnoten

1) Capra, Fritjof: »Das Tao der Physik/ Die Konvergenz von westlicher
     Wissenschaft und östlicher Philosophie«, Neuausgabe, Bern, München, Wien,
     1984
2) Davies, Paul: »Gott und die moderne Physik«, Vorwort von Hoimar von
     Ditfurth, München 1986
Talbot, Michael: »Mystik und neue Physik/ Die Entwicklung des kosmischen
     Bewusstseins«, München 1989
3) Bütler, Rene: »Die Mystik der Welt/ Quellen und Zeugnisse aus vier
     Jahrtausenden/ Ein Lesebuch der mystischen Weisheiten aus Ost und West«,
     Bern, München, Wien 1992
Läpple, Alfred: »Ketzer und Mystiker/ Extremisten des Glaubens/ Versuch einer
     Deutung«, München 1988


Foto 7: Der Regenbogen, ein Symbol.
Zu den Fotos
Foto 1: Fischbachau im Winter. Foto wikimedia commons/ Bbb.
Foto 2: Der Nepomuk von Fischbachau. Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ Rudolph Buch.
Foto 3: Der Verfasser in Birkenstein. Foto Heidi Stahl. Copyright Heidi Stahl.
Foto 4: Wallfahrtskirche von Tuntenhausen mit dem Wappen der Gemeinde. Foto Wikimedia commons Rufus46
Foto 5: Fritjof Capra. Foto Wikimedia commons Zenobia Barlow
Foto 6: Einer der »alten Weisen«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Regenbogen, ein Symbol. Foto Heidi Stahl


400 »Vom Staffelberg nach Birkenstein«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapellen«, Teil 2
Teil  400  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 17.09.2017


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Sonntag, 24. August 2014

240 »Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«


»Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«
Teil 240 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         

von Walter-Jörg Langbein


Wer einen Drachen sucht,
wird auch in Urschalling fündig ...

Das berühmte Nibelungenlied ist ein gewaltiges Heldenepos. Die vielleicht wichtigste Gestalt ist der hünenhafte Siegfried. Siegfried – er lebt als Sohn des Königspaares Siegmund und Sieglinde –  erfährt von einem geheimnisvollen Drachen. Das Untier haust in einer Höhle und bewacht einen gewaltigen Schatz, den »Hort der Nibelungen«. Was das Untier für Siegfried besonders anziehend macht: Angeblich macht das Blut des Drachens unverwundbar. Siegfried macht sich also auf die Reise, es gelingt ihm, das Monster zu töten und so badet er in seinem Lebenssaft. Tatsächlich wird er am ganzen Leibe unverwundbar, mit Ausnahme einer kleinen Stelle am Rücken. Im »dritten Abenteuer« lesen wir:

»Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt:
Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;
Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.
So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut.«

Generationen von Forschern haben gegrübelt, recherchiert und spekuliert, ob denn Siegfrieds Drachenkampf Ausgeburt reiner Fantasie sei. In der »Thidrekssage« wird sehr viel ausführlicher als im Nibelungenlied, wie ein gewisser Mime einem grässlichen Lindwurm den Auftrag erteilt, den jungen Sigfrid zu überfallen und zu töten. In der »Thidrekssage« hat dieses monströse Wesen einen Namen: Regen. Sigfrids Kampf mit dem Lindwurm oder Linddrachen wird gern mit dem Kampf des »Heiligen Michael« mit dem »Drachen« verglichen. (1)

Auch in Worms wurde ich
in Sachen Drachen fündig ...

Mich fasziniert die biblische Drachenmythologie schon seit Jahrzehnten. Im Buch Hiob wird der Drache erwähnt (2): »Bin ich denn das Meer oder der Drache, dass du eine Wache gegen mich aufstellst?« Psalm 91 beschreibt Drachen als eine Gefahr für jeden Menschen, der nicht von Gott selbst beschützt wird (3): »Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.« Jesaja (4) warnt vor einem »fliegenden Drachen«. An anderer Stelle (5) prophezeit Jesaja, dass Gott den Drachen töten wird. Und nochmal Jesaja (6): »Dies ist die Last für die Tiere des Südlandes: Im Lande der Trübsal und Angst, wo Löwe und Löwin, wo Ottern und feurige fliegende Drachen sind, da führen sie ihre Habe auf dem Rücken von Eseln und ihre Schätze auf dem Höcker von Kamelen zu dem Volk, das ihnen nichts nützen kann.«

Hesekiel siedelt Drachen im Meer an. Er beschreibt zwar nicht direkt derartige monströse Wesen, verwendet aber Drachen sehr anschaulich im Vergleich (7): »Du Menschenkind, stimm ein Klagelied an über den Pharao, den König von Ägypten, und sprich zu ihm: Du Löwe unter den Völkern, wie bist du dahin! Und doch warst du wie ein Drache im Meer und schnaubtest in deinen Strömen und rührtest das Wasser auf mit deinen Füßen und machtest seine Ströme trübe.«

In der »Apokalypse des Johannes« kommt der Drache immer wieder vor. Um einem Missverständnis vorzubeugen: »Apokalypse« wird heute gern grundsätzlich als »Weltuntergang« übersetzt. Tatsächlich aber bedeutet der biblische Begriff »Apokalypse« zunächst einmal nur »Offenbarung«. Sehr interessant ist der Hinweis (8), dass der Drache quasi göttliche Funktionen hat, sprich verehrt wird: »Und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen?«

Daniel in der Löwengrube.
Dom zu Worms. Foto Langbein

Das Buch Daniel findet sich nur äußerst bruchstückhaft in unseren Bibelausgaben. Der ursprüngliche Daniel-Text freilich war sehr viel umfangreicher, wurde aber der frommen Christenheit nur auszugsweise zugemutet. Warum? In manchen Luther-Ausgaben (9) der Bibel finden sich in der Abteilung »Apokryphe Schriften« Fragmente der »Zusätze zu Daniel«. Sehr viel ausführlicher freilich ist die nach wie vor beste Ausgabe der »verbotenen Bücher der Bibel«, nämlich in der Ausgabe von Prof. Emil Kautzsch (10). Ich zitier aus Kautzsch (11): »An dem gleichen Orte war auch ein Drache; dem erwiesen die Babylonier göttliche Verehrung.« Der biblische Daniel wird zum Drachentöter wie der »Heilige Georg«. Doch während der frühchristliche Georg dem Untier wie ein fahrender Ritter zuleibe rückt, wendet Daniel eine kurios anmutende Tötungsart an.

Drachentod von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein

Der »Heilige Georg« ist uns aus zahllosen Darstellungen in christlichen Gotteshäusern bekannt. Hoch zu Ross rammt er dem Drachen einen Spieß in den Leib oder setzt dem Untier mit einem Schwert ein Ende. Mir kam allerdings der »Drachen« schon in meiner Kindheit oft nicht wie ein einem Horrorfilm entsprungenes Monster vor, sondern wie ein Fabelwesen aus dem Repertoire der »Augsburger Puppenkiste«. Im der kleinen Wehrkirche von Urschalling, am Chiemsee gelegen, fotografierte ich die spärlichen Reste eines Gemäldes. Eindeutig stellte es einen »Heiligen Georg« von beachtlicher Größe da, der hoch zu Ross einem eher kleinen »Drachen« in Hundegröße einen gewaltigen Spieß in den Leib rammt. Eine Heldentat sieht anders aus.


Drachentöter von Marienmünster.
Foto Langbein

In Marienmünster, wo ich für eine TV-Dokumentation gefilmt wurde, mutiert der Drachen zu einem weitestgehend »menschlichen« Teufel. Flügel am muskulösen Leib des sich windenden Sterbenden erinnern daran, dass der Teufel nach christlicher Tradition ein aus dem Himmel verbannter Engel war. Als satanisches Kennzeichen sind Hörner am Haupt des Teufels zu erkennen. Und in der Gesäßregion entspringt ein offensichtlich gewaltiger schlangenartiger Fortsatz, der jedem Lindwurm zur Ehre gereicht hätte. Im Dom zu Paderborn wiederum entdeckte ich in Holz geschnitzt einen Drachen, der eher als anmutig und graziös zu bezeichnen ist und ganz und gar nicht furchteinflößend auf mich wirkt.

Im Buch Daniel begegnen wird dem Vorgänger des »Heiligen Georg«. Der erledigt den Drachen nicht im ritterlichen Kampf, sondern als heimtückischer Fladen-Bäcker. Ausdrücklich bittet Daniel den König, den Drachen zu töten zu dürfen und schreitet dann perfide zur Tat (12): »Du aber, o König, gib mir die Erlaubnis, so will ich den Drachen ohne Schwert und Stab töten. Darauf nahm Daniel Pech, Fett und Haare, kochte sie zusammen und bereitete Fladen daraus und gab sie dem Drachen ins Maul. Nachdem der Drache sie gefressen hatte, zerbarst er.«  Wie gut, dass der »Heilige Martin« nicht auf derlei widerliche Fladen setzte. Drachen, die sich den Magen verderben und dann auch noch explodieren, sind kein ideales Bild für sakrale Kunst. Als Gemälde würden sie ekelhaft wirken, in Form von Statuen wären sie nicht darstellbar.

Was Daniel aber verdeutlicht: Der Drache steht für den »falschen« Glauben, der mit allen Mitteln vernichtet werden muss. In diesem Sinne hat sich Karl der Große (etwa 747 – 814 n.Chr.) als »Drachentöter« bewährt! Mit Gewalt bekämpfte er fanatisch vorchristliches Gedankengut, das sich bis in seine Zeit erhalten hatte. So war es vermutlich Karl der Große, der in Paderborn unweit des Doms einen heidnischen Tempel zerstören ließ. Reste einer Inschrift verweisen auf einen »Drachen«, dem dort die heidnischen Sachsen noch geopfert haben sollen. Offensichtlich ist es Karl dem Großen gelungen, den Drachenkult von Paderborn zu zerstören!

In einer Gruft von Worms wurde
ein Drache gefunden ... aus Stoff.

Folgen wir der Spur des Drachen. Sie führt uns zur biblischen Schöpfung, oder genauer … in die Zeit vor der biblischen Kreation. Denn was selbst emsige Bibelleser nicht wissen: Laut Bibel gab es vor der Schöpfung durch Gott … die Göttin. Und diese geheimnisvolle Geschichte wird im Text des »Alten Testaments« beschrieben. Dabei meinen wir doch genau zu wissen, was die Bibel über den Anfang der Schöpfung schreibt! Auch Atheisten meinen den einfachen Sachverhalt zu kennen, ob sie nun selten oder nie in der Bibel lesen! So beginnt die Bibel (13):

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.«

Eher harmlos wirkt der Drache von Paderborn.

Mit diesen Worten wird die Bibel eingeleitet. Versteckt – und selbst Theologen oft unbekannt – im »Alten Testament« findet sich aber ein anderer Anfang der Geschichte von Gott. Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (14): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.«    

Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann, das Meer aufgewühlt und Rahab getötet. Vor dem Beginn der biblischen Geschichte von Gott, wie sie das Alte Testament erzählt, war also Rahab. Wer oder was aber war Rahab? Diverse Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, Rahab sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Und in der Tat: der Prophet Jesaja umschreibt Rahab als Drachen. Jesaja appelliert an Gott (15): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Bevor der Gott des Alten Testaments mit der eigentlichen Schöpfung anfangen konnte, musste er erst einmal den »Drachen« Rahab töten. Rahab existierte also schon bereits vor der Schöpfung. Verschweigt uns die Bibel da etwas? Der Schlüssel zum Geheimnis um Rahab findet sich gleich zu Beginn des Alten Testaments, allerdings muss man den Text gründlich im hebräischen Original untersuchen. In der Übersetzung heißt es wenig aussagekräftig (16): 

»Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.«. Übersetzt man das hebräische Original wörtlich, lautet der zweite Teil des Verses: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.« Tehom aber lässt sich auf uralte babylonische Mythologie zurückführen: Auf die babylonische Gottheit Tiamat, die auch als Meeresdrachen bezeichnet wird. Ursprünglich aber war Tiamat die Meeresgöttin.

Drache von Worms. Rekonstruktion 1


Nach Jahrzehnten der Forschung habe ich keinen Zweifel mehr: Der Drache aus christlichen Darstellungen ist eine Chiffre für die Zentralfigur sehr viel älterer Religionen, für die Göttin! Es lohnt sich nach diesem uralten Symbol zu suchen – in unseren Kirchen! Übrigens, ich wurde auch in Worms fündig! In einem uralten Bischofsgrab wurde ein schon arg zerfallenes Stück Stoff gefunden, das einst einen hohen christlichen Würdenträger geschmückt haben mag. Zu erkennen ist nach wie vor, was einst auf der Textile prangte….ein Drache. Mir stand ein schlechtes Foto von dem Drachen zur Verfügung. Ich habe versucht, die geheimnisvolle Kreatur zeichnerisch zu rekonstruieren….

 
Drache von Worms. Rekonstruktion 2


ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein 
Zeichnerische Rekonstruktionen des Drachen von Worms: Langbein

Fußnoten

1) Zum möglichen historischen Hintergrund des Nibelungenlieds hat sich sehr ausführlich Heinz Ritter-Schaumburg geäußert. Empfehlenswert ist die Lektüre von Heinz Ritter-Schaumburg: »Sigfrid ohne Tarnkappe«, München 1990 und, vom gleichen Verfasser: » Die Nibelungen zogen nordwärts«, 5. Auflage, München 1981

2) Buch Hiob, Kapitel 7, Vers 12
3) Psalm 91, Vers 13
4) Jesaja 14, Vers 29
5) Jesaja 27, Vers 1
6) Jesaja 30, Vers 6
7) Hesekiel 32, Vers 2
8) Offenbarung 13, Vers 4

9) »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers/ Neu durchgesehen nach dem vom deutschen Evangelischen Kirchenausschuß genehmigten Text«, Stuttgart 1915, »Anhang: Die apokryphischen Bücher«, »11. Vom Drachen zu Babel«, S. 133 und 134

10) Kautzsch, E.: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, »Erster Band: Die Apokryphen des Alten Testaments«, Tübingen 1900, S. 172-S.193
11) ebenda, S.191
12) ebenda, S. 191
13) 1. Buch Mose Kapitel 1, Verse 1-3
14) Hiob Kapitel 26, Vers 12
15) Jesaja Kapitel 51, Vers 9
16) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 2

»Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«,
Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.08.2014

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