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Sonntag, 9. Dezember 2018

464 »Drachen, Jungfrauen und ein himmlischer Fluss«

Foto 1: Drachentöter von Marienmünster.
Teil 464 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch, sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren, las mir als ich noch ein kleines Kind war, Märchen und gruselige Geschichten von Drachen vor. Edle Helden kämpften todesmutig gegen feuerspeiende Drachen, töteten sie und befreiten holde Jungfrauen aus ihren Klauen. Das Volk jubelte dann lautstark, wo die siegreichen Kämpfer auftauchten. Und natürlich bekam jeder Drachentöter die befreite Jungfrau, die sonst das Monster gefressen hätte, zur Frau. Manche bekamen dann noch zusätzlich vom königlichen Schwiegervater das halbe Königreich dazu.

Als ich in Erlangen Theologie studierte, erzählte mir ein arabischer Kommilitone ein Märchen. Ein König hatte drei Söhne, die in die Welt reisten, um sich zu bewähren. Einer der drei Männer gelangte in eine Stadt. Jeden Tag musste ein unschuldiges Mädchen einem siebenköpfigen Drachen ausgeliefert werden, damit die Bestie die Stadt verschonte. Das Untier hauste auf einem Berg nah bei einer Kapelle. Nun sollte des Königs Töchterlein dem Drachen ausgeliefert werden. Der wandernde Königssohn freilich wusste das zu verhindern, tötete den Drachen. Als Lohn bekam der Prinz die Tochter des Königs und wurde, als der König starb, selbst König.

In der Schweiz hörte ich von einem Märchen, das angeblich eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1420 schildert. Zwei riesige Drachen, so überliefert es das Märchen, hausten in unterirdischen Höhlen, in die man über einen Brunnenschacht gelangte. Die Drachen verbrachten dort den Winter, dann flogen sie wieder in die Welt hinaus.

In der Krypta der Kathedrale von Metz, Frankreich, ist eine Statuette eines Drachens zu sehen. Das Tier hat einen Namen: »Graoully«. Die Kreatur soll einst in einem römischen Amphitheater gehaust haben. Der Name »Graoully«, ursprünglich »Grauli«, soll auf das deutsche Wort »gräulich« zurückgehen. Braungräulich, so wird überliefert, waren die Schuppen des Monsters. Sie waren härter als jedes Schwert, heißt es, und so konnte der Drachen »Graoully« lange Zeit nicht besiegt werden. Erst im dritten Jahrhundert gelang es, so wird heute noch erzählt, dem Heiligen Clemens von Metz die Stadt vom Drachen zu befreien. Es gelang dem Kirchenmann, dem Untier eine Stola umzubinden und auf eine Insel im Fluss Seille zu bringen. Da tat sich die Erde auf, verschluckte den Drachen »Graoully«. Der Heilige Clemens wälzte auf das Loch einen mächtigen Felsbrocken, so dass der Drachen bis zum heutigen Tage nicht mehr ans Tageslicht zurückkehren konnte.

Foto 2: Drache Graoully von Horace Castelli

Noch im 19. Jahrhundert erinnerten sich die Bürger von Metz an den Bischof, der den Drachen besiegte. Zu Ehren des Kirchenmannes wurde Jahr für Jahr eine Prozession durchgeführt, bei der Nachbildungen von »Graoully« durch die Straßen getragen wurden. Horace Castelli (*1825;†1889) war wohl Augenzeuge einer solcher »Drachenprozession«. Bei ausgelassener Jahrmarkstimmung wurde eine Drachenfigur mit Flügeln von beachtlicher Größe durch die Straßen geschleppt, begleitet von Trommlern und Verkäufern von Lebensmitteln. Das Schauspiel lockte natürlich auch viele Neugierige an.

Ein behelmter Soldat reitet in der detailreichen Darstellung von Horace Castelli das Untier, das sein furchteinflößendes Maul aufreißt. Ein umsichtiger Mann besänftigt den Drachen, indem er ihm Backwaren in den Rachen kippt. Das Bild vom Drachen mit mächtigen Flügeln ist sehr alt. Es war schon in biblischen Zeiten bekannt. Was wenige wissen: Die biblische Schlange, die Eva zum Ungehorsam verleitet und das göttliche Verbot missachten lässt, war womöglich ein Drachen mit Flügeln. Nach dem biblischen Schöpfungsbericht verfügte die Schlange vom Paradies ursprünglich über Beine, heißt es doch ausdrücklich im Buch Genesis, zitiert nach der Lutherbibel von 2017 (1):

»Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.« Nur wenn die Schlange ursprünglich Beine hatte und »Gott der HERR« ihr die Beine nahm, macht dieser Vers Sinn. Denn ohne Beine hätte sie auch vor der Strafaktion auf dem Bauch kriechen müssen.


Foto 3: Ein geflügelter Drache

Sehr viel ausführlicher ist die apokryphe Schrift »Apokalypse des Moses« (2): »Nachdem er mir dieses gesagt, sprach er in großem Zorn zur Schlange: Weil du dieses tatest als unerfreulich Werkzeug, indem du Arglose betörtest, so sei verflucht vor allem Vieh! Der Speise, die du aßest, sei beraubt! Friss Staub dein Leben lang! Kriech auf der Brust und auf dem Bauch, beraubt der Hände und Füße! Nicht Ohr, noch Flügel bleibe dir, nicht irgend eines deiner Glieder! In deiner Bosheit hast du sie damit berückt und es dahin gebracht, daß sie das Paradies verlassen müssen.«

Paul Rießler hat die »Apokalypse des Moses« in sein Standardwerk »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« (3) aufgenommen. Auch hier wird die Verwandlung der Schlange als Strafe Gottes beschrieben. Paul Rießler übersetzt (4): »Nicht Ohr, noch Flügel bleibe dir, nicht irgend eines deiner Glieder.«

Die Schlange hatte also nach der »Apokalypse des Moses« vor der Bestrafung durch Gott noch Hände, Füße und Flügel oder vier Beine und Flügel, danach nicht mehr. Hände, Füße und Flügel wurden ihr von Gott genommen. Mit anderen Worten: Vorher war die Schlange ein drachenartiges Wesen.

Wenn wir an die Gebrüder Jacob (*1785; †1863) und Wilhelm Grimm (*1786; †1859) denken, so fallen uns ihre »Kinder- und Hausmärchen« ein, die beide weltberühmt machten. Die Märchen erschienen von 1812 bis 1858. Die beiden Grimms waren aber auch, und das ist weniger bekannt, Sprachwissenschaftler und Volkskundler. Jacob Grimm, der als Begründer der deutschen Philologie und Altertumswissenschaft gilt, veröffentlichte anno 1835 einen wahren Meilenstein der Mythenforschung (5). Das Werk »Deutsche Mythologie« wurde 2007 erneut und komplett publiziert (6).

Foto 4: Darstellung eines Drachen, Künstler Lucas Jennis, frühes 17. Jahrhundert.

Jacob Grimm geht in seinem Werk über deutsche Mythologie (7) auch auf das Thema Drachen ausführlich ein. Er schreibt (8): »Die schlange kriecht oder ringelt sich auf dem boden, stehn ihr flügel zu gebot, so heißt sie drache, was ein undeutsches aus dem lat(einischen) draco, gr(iechischen) Δράκος (Drákos) stammendes, schon früh eingeführtes wort ist.« (Jacob Grimm bezeichnet Drachen als »undeutsches Wort«, damit meint er aus einer fremden Sprache entlehntes Fremdwort.)

Mit anderen Worten: Jacob Grimm entdeckte bei seinem Studium deutscher Mythologie einen direkten Zusammenhang zwischen Schlange und Drachen, der ja bereits im Schöpfungsbericht des Alten Testaments und ausführlicher in den Apokryphen des Alten Testaments beschrieben wurde. Leider findet sich im umfangreichen grimmschen Werk kein Hinweis auf die Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche. Auf der Homepage »paderborn.de« (9) findet sich ein interessanter Hinweis (10):»Diese mythischen Drachen waren seit der Antike bis ins hohe Mittelalter Sinnbild für Naturkräfte, die hier vermutlich die Wasserquellen der Pader schützen sollten. Diese Schlangendrachen sind hier eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit.«

Foto 5: Schlangendrachen, 17. Jahrhundert

Branko Čanak hat sich wie kaum ein anderer Zeitgenosse intensiv mit den geheimnisvollen Wesen in der Krypta der Abdinghofkirche beschäftigt. Er bezeichnet sie als (11) »Wasserdrachen, Hüter der Paderquellen und älteste Bewohner der Gegend«. Auch der lwl., der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, geht auf die geheimnisvollen Tiere in der Krypta ein (12) »Die Drachen sind, obgleich man sie als vermutete Hüter der Paderquellen an verschiedensten Orten der Stadt immer wieder findet, ein oft übersehenes Symboltier.« In der Tat: Es wird die Vermutung angestellt, dass die acht Drachen an dem Säulenkapitell die unterirdischen Paderquellen schützen sollen. Auch die Bezeichnung »Wasserdrachen« ist spekulativ, lässt sich nicht mit alten Dokumenten aus der Entstehungszeit der Krypta belegen. Wasserdrachen sind in China bekannt, werden in uralten Mythen beschrieben.

Foto 6: Chinesische Wasserdrachen.

Die chinesische Mythologie kennt den Wasserdrachen nicht als Behüter von Quellen oder Flüssen, sie repräsentieren vielmehr die Gottheiten von Gewässern. Kurios: Auch im alten Indien repräsentieren Götter Flüsse. So wird die Flussgöttin Ganga mit dem gewaltigen Fluss Ganges gleichgesetzt. In Reliefs wie jenem von Mahalipuram (12m hoch, 33 m breit!) sieht man Ganga als schlangenartiges Wesen im himmlischen Fluss, zusammen mit ihrem ebenso schlangenartigen Partner, zur Erde kommen. Ganga schwimmt nicht im Fluss, sie ist der personifizierte Fluss. Die chinesischen Wasserdrachen haben wie die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche Bärte. Wohl ein Zufall…

Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch, sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren, las mir als ich noch ein kleines Kind war, Märchen und gruselige Geschichten von Drachen vor. Bis heute beschäftigen mich die Drachen. Sind es reine Fantasiewesen, die es nie gegeben hat? Oder schlummern in unseren Genen Erinnerungen an geheimnisvolle, furchteinflößende Kreaturen, die vor langer Zeit ausgestorben sind? Waren Drachen gut oder böse, göttlich oder teuflisch?

Foto 7: Mysteriöses Steinrelief mit Göttin Ganga


Fußnoten
(1) 1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 14
(2) »Apokalypse des Moses« Vers 26, zitiert nach Weidinger, Erich: »Die Apokryphen/ Verborgene Bücher der Bibel«, Augsburg 1999, Seite 43
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(3) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 138-155: »Apokalypse des Moses/ Adam und Eva«
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(4) ebenda, Kapitel 26, Seite 148 Mitte
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(5) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Göttingen 1835
(6) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Wiesbaden 2007
(7) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage, Berlin 1875-78
(8) ebenda, Band II, S. 573, Zeilen 15-18 von oben
(Rechtschreibung wie durchgehende Kleinschreibung wurde unverändert übernommen!)
(9) https://www.paderborn.de/index.php (Stand 10.10.2018)
(10) https://www.paderborn.de/tourismus-kultur/sehenswuerdigkeiten/Abdinghofkirche_Sehensw.php (Stand 10.10.2018)
(11) http://wasserdrachen-podcast.de/ (Stand 10.10.2018)
(12) https://www.lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=31724 (Stand 10.10.2018)

Foto 8
Zu den Fotos
Foto 1: Der Drachentöter von Marienmünster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Drache Graoully von Horace Castelli, 1872. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Ein geflügelter Drache, Darstellung etwa 1565.  Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Darstellung eines Drachen, Künstler Lucas Jennis, frühes 17. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Schlangendrachen, 17. Jahrhundert, Künstler eventuell Athanasius Kircher, ca. 1666. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Chinesische Wasserdrachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mysteriöses Steinrelief mit Göttin Ganga. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Götting Ganga kommt vom Himmel herab. Foto Walter-Jörg Langbein

465 »Monster im Meer?«,
Teil 465 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16.12.2018



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Sonntag, 18. November 2018

461 »Acht Drachen mit geringeltem Hinterleib«

Teil 461 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Die Abdinghofkirche von Paderborn

Stündlich fährt eine S-Bahn von Hannover über Hameln, Bad Pyrmont, Lügde und Altenbeken direkt nach Paderborn. Die S5 fährt – Stand Herbst 2018 – von Gleis 1 fünf Minuten zur vollen Stunde (4 Uhr 55 bis 21 Uhr 55) und erreicht ihr Ziel nach einer Fahrzeit von 1 Stunde und 51 Minuten. Wer gut zu Fuß ist, kann vom Hauptbahnhof den Marsch zum Dom antreten. Wer es gern etwas bequemer hat, nimmt sich ein Taxi und lässt sich zur Abdinghofkirche, direkt beim Dom gelegen, kutschieren.

Der Name »Abdinghofkirche« entstand erst im 13. Jahrhundert und lässt sich vom lateinischen »curia abbatis«, »Hof des Abts«, herleiten. Der »Abdinghof« war also der »Hof des Abts«. Mit anderen Worten: Die Ländereien gehörten dem Abt.

Foto 2: Bischof Meinwerk
Der Legende nach geht die Gründung der doppeltürmigen Abdinghofkirche auf Bischof Meinwerk von Paderborn (*um 975; †1036) zurück. Angeblich plante der Kleriker Großes. Vier bedeutende Kirchen im Stadtgebiet von Paderborn sollten die Eckpunkte eines riesigen Kreuzes ergeben. Den Mittelpunkt sollte im Zentrum der Dom markieren. An den vier Enden des Kreuzes sollten vier Klöster stehen. Allerdings kam es nur zur Gründung von zwei der vier geplanten Klöster: »St.Peter und Paul« (Abdinghofkirche) im Westen und das Kanonikerstift »St. Peter und Andreas« (Busdorfkirche/ Foto 3) im Osten. Angeblich wollte Bischof Meinwerk in seiner Stadt den »christlichen Erdkreis« darstellen.

Neuere archäologische Ausgrabungen (Foto 4) allerdings widerlegen die fromme Legende, Bischof Meinwerk habe den Grundstein des Abdinghofklosters gelegt. Nach aktuellem Kenntnisstand dürfte das Kloster erst einige Jahrzehnte nach Bischof Meinwerks Tod gegründet worden sein.

Die Geschichte des Abdinghofklosters weist Höhen und Tiefen auf. Fast ein Jahrtausend Geschichte könnten Bände füllen. Drei Spotlights sollen etwas Licht ins Dunkel der Vergangenheit bringen. Als menschenverachtende Periode muss die Zeit der Hexenprozesse bezeichnet werden. Der Hexenwahn wütete auch im Umfeld des Abdinghofklosters. Nüchtern stellt »historicum.net« fest (1): »Zwischen circa 1510 und 1702 sind Hexenprozesse gegen 260 Personen nachweisbar. Sie endeten in mindestens 204 Fällen mit der Hinrichtung oder dem Tod in der Haft, in 18 Fällen mit der Freilassung, der Ausgang der restlichen Verfahren ist unklar. 

Der Anteil der Frauen liegt bei rund 70 %. Kinder wurden nur vereinzelt angeklagt.« Besonders unrühmlich tat sich aus heutiger Sicht der Paderborner Theologieprofessor Bernhard Löper in den Jahren zwischen 1656 und 1659 hervor. Der Exorzist löste eine wahre Hexenjagd aus, um seine persönlichen Gegner zu bekämpfen (2).

Foto 3: Die Busdorfkirche von Paderborn

Anno 1803 wurde die Abdinghof-Abtei im Rahmen der Säkularisation aufgelöst. In den altehrwürdigen Klostergebäuden wirkten von nun an keine frommen Mönche mehr. Die Räumlichkeiten dienten dem preußischen Infanterie Regiment »Friedrich von Hessen« als Kaserne. Anno 1806 zog das Regiment ab, napoleonische Truppen rückten nach und verwandelten die Kirche in ein Futtermagazin und Pferdestall. 

Anno 1945 wurden die Abdinghofkirche und das Abdinghofkloster massiv von den Verbänden der »USAAF« bombardiert. Militärische Bedeutung hatten diese Ziele nicht. Uraltes Kulturgut wurde gezielt bombardiert. Hitlers »Deutsches Reich« war längst besiegt, als am 22. und 27. März 1945 eine Luftmine und Brandbomben Abdinghofkirche und Abdinghofkloster trafen und die sakralen Gebäude weitestgehend zerstörten.

Foto 4: Hier (Pfeile) haben Archäologen gegraben.

Die einstigen Klostergebäude aber extrem verwüstet und mussten 1952 abgerissen werden. Am 8. Mai 1945 endete der Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs. Das Bombardement von Paderborn hatte Ende des Krieges keine Berechtigung mehr. »Die Welt« urteilt (3): »Zu dieser Zeit ging es längst nicht mehr darum, mit den Angriffen eine Entscheidung herbeizuführen. Militärisch hatte Hitler-Deutschland schon längst verloren.« Evangelische wie katholische Christen unterstützten die fachkundigen Arbeitskräfte, so dass der Wiederaufbau zügig voranschritt. Am 17. März 1951 konnte die Kirche, am 25. Dezember 1957 die Krypta wiedereingeweiht werden.

111 Minuten benötigt die S5 von Hannover nach Paderborn. Wenige Minuten benötigt man, um in die »Unterwelt« hinab zu steigen. Von beiden Seitenschiffen aus führen Treppen hinab. Die Krypta des Gotteshauses ist meiner Meinung nach sehr viel wichtiger als beispielsweise das erst 2008 vom Axel Kebernik gestaltete Lesepult mit den Darstellungen der Apostel Paulus und Petrus an der Vorderseite. Die neuzeitlichen Figuren wirken älter als sie sind: Sie wurden sakralen Kunstwerken aus dem 19. Jahrhundert nachempfunden.

Der legendenhaften Überlieferung nach wurde die Krypta (zu Deutsch die »Verborgene«) der Abdinghofkirche am 2. Januar 1023 von Bischof Meinwerk dem Märtyrer Stephanus geweiht. Stephanus gilt als erster Märtyrer der Christenheit. Er wurde um das Jahr 40, also wenige Jahre nach der Kreuzigung Jesu, wegen seines Glaubens zu Tode gesteinigt. Aber stammt die Stephanus-Krypta auch von Bischof Meinwerk? Ließ der legendäre Kirchenmann wirklich den unterirdischen Raum komplett neu anlegen? Wohl kaum!

Mich fasziniert die »Stephanus-Krypta« mehr noch als der Dom zu Paderborn. Wann ich immer nach Paderborn komme, steige ich in die verborgene Welt hinab. Besonders krass ist der Kontrast an Markttagen, wenn man aus dem Getümmel von tausenden von Besuchern in die wohltuende Stille der Krypta gelangt. Die Krypta wurde als dreischiffige Halle mit Tonnengewölben angelegt. Auffällig sind die durchaus Vertrauen erweckenden Säulen. An der Südseite gibt es drei Vierpasssäulen, an der Nordseite zwei weitere Vierpasssäulen. Ich rate jedem Besucher dieser mystischen Unterwelt: Nehmen Sie sich ausreichend Zeit. Setzen Sie sich erst einmal in einer der Bänke und lassen sie die förmlich greifbare Stille auf sich wirken. Kommen Sie erst ein wenig zur Ruhe. Ihre Augen gewöhnen sich dann auch an das Halbdunkel des unterirdischen Raums.
Foto 5: Die Abdinghofkirche
Der Überlieferung nach wurde der Sarkophag von Bischof Meinwerk am 5. Juni 1036 in einer Nische der Krypta aufgestellt. 1958 wurde der steinerne Sarg in die Busdorfkirche, Paderborn, überführt. Unklar ist, wann die Krypta angelegt wurde. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde sie nicht erst für die Abdinghofkirche angelegt. Wir wissen, dass die einstige Abteikirche einen Vorgängerbau hatte. Fakt ist: Anno 1000 n.Chr. machte ein großer Stadtbrand einen Neubau des Gotteshauses erforderlich. Der Vorgängerbau und der Vor-Vorgängerbau dürften bereits über eine Krypta verfügt haben, die wohl kleiner war als die heute noch erhaltene. Häufig liest man, die Arbeiten an der Krypta hätten im frühen 11. Jahrhundert begonnen. Ich halte es für sehr viel wahrscheinlicher, dass damals umgebaut und erweitert wurde.

Schon einige Jahre gab es Pläne, im Boden der Krypta einen Heizkörper einzubauen. Doch bevor man diese Annehmlichkeit für Besucher des Gotteshauses schaffen konnte, mussten Archäologen ans Werk. Sie sollten die Unterwelt unter der Unterwelt erkunden, bevor man mit dem Einbau der Heizung beginnen konnte. Es sollten ja keine Hinweise auf Vorgängerbauten beschädigt oder gar zerstört werden. Anno 2014 stießen Archäologen  im Auftrag des LWL (Landschaftsverband Westfalen-Lippe) unter dem Boden der »heutigen« Krypta auf Reste einer älteren Krypta. Und dabei gruben die Archäologen nur einen Meter tief. Was sie wohl in noch größerer Tiefe entdeckt hätten?

Ein Archäologe, der auch heute noch für die Kirche arbeitet, versicherte mir, dass im 11. Jahrhundert beim Wiederaufbau der abgebrannten Abdinghofkirche zumindest erhebliche Teile einer sehr viel älteren Ringkrypta zerstört wurden. Einige der Säulen, die heute kaum das Interesse eiliger Besucher auf sich lenken, könnten deutlich älter sein. 

Foto 6: Blick in die Krypta der Abdinghofkirche

Ring-Krypten gibt es heute so gut wie gar nicht mehr. Die älteste befand sich im Vorgängerbau des heutigen Petersdoms, in »Alt-St.Peter«, anno 324 von Konstantin dem Großen über dem vermuteten Grab des hl. Petrus errichtet. Die Ringkrypta wird auf das Jahr 590 datiert. Seltenes Beispiel:  die St.-Luzi-Kirche in Chur, Schweiz. Als Besonderheit der ehemaligen Klosterkirche gelten ihre beiden Krypten. Eine echte Rarität ist die karolingische Ringkrypta aus dem 8. Jahrhundert. Die zweite Krypta ist wesentlich jünger. Die romanische Hallenkrypta stammt aus dem 12. Jahrhundert. Die karolingische Krypta wurde als halbrunder, tonnengewölbter Gang angelegt. In seinen Wänden wurden Nischen eingelassen, vermutlich für die Gebeine von Heiligen oder bedeutenden Vertretern der hohen Geistlichkeit. Doch zurück nach Paderborn. Wann mag die Ringkrypta von Paderborn entstanden sein, auf deren Reste man erst vor wenigen Jahren stieß?

Foto 7: Der Altar in der Krypta der Abdinghofkirche

Und welche Teile der ältesten Krypta sind bis heute erhalten geblieben? Paderborn.de macht auf ein geradezu fantastisches Kuriosum in der Krypta aufmerksam. Direkt beim Altar der Krypta befindet sich eine Säule mit einer mehr als mysteriösen Darstellung auf dem Kapitell. Zum Glück kann der interessierte Betrachter die vier Seiten auf dem Kapitell in Augenhöhe genau studieren. Was sieht man da? Paderborn.de beschreibt den Sachverhalt sehr präzise und zutreffend (4):

»Das Tierkapitell zeigt acht Drachen mit geringeltem Hinterleib, Flügeln und einem kleinen Spitzbart am Kopf. Diese mythischen Drachen waren seit der Antike bis ins hohe Mittelalter Sinnbild für Naturkräfte, die hier vermutlich die Wasserquellen der Pader schützen sollten. Diese Schlangendrachen sind hier eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit.«

Fotos 8a und 8b: Zwei der acht Drachen

Fußnoten
(1) https://www.historicum.net/de/themen/hexenforschung/lexikon/alphabetisch/p-z/ (Stand 21. September 2018)
(2) Decker, Rainer: »Die Hexenverfolgungen im Hochstift Paderborn«, in: »Westfälische Zeitschrift« 128 (1978) S. 315-356.
(3) https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article140674954/So-zerstoerten-Bomben-deutsche-Staedte-eine-Bilanz.html (Stand 21. September 2018)
(4) https://www.paderborn.de/tourismus-kultur/sehenswuerdigkeiten/Abdinghofkirche_Sehensw.php (Stand 21. September 2018)

Zu den Fotos
Foto 1: Die Abdinghofkirche von Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Bischof Meinwerk. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Busdorfkirche. Foto Walter-Jörg Langbein Foto 4: Hier wurde von Archäologen gegraben. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Hier (Pfeile) haben Archäologen gegraben, bevor die Heizung eingbeuat wurde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Blick in die Abdinghofkirche. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Blick in die Krypta der Abdinghofkirche. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Altar in der Krypta der Abdinghofkirche. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8a und 8b: Zwei der acht Drachen. Fotos Walter-Jörg Langbein

462 »Mysteriöse Pflanzen und gefährliche Drachen«,
Teil 462 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25.11.2018



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