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Sonntag, 3. Januar 2021

572. »Burgruinen und Sagenwelten«

Teil 572 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Maria im Aehrenkleid«.
Gemälde von Hinrik Funhof
(um 1480).
Drei Lilien dienen in der Johannisnacht einem Sonntagskind als »Schlüssel«, um ein mysteriöses Felsentor zum Reich der Ährenkönigin zu öffnen. Im Lauf vieler Jahre hörte ich immer wieder eine Sage. Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch hat sie mir erzählt. Der Heimatforscher Konrad Radunz hat sie mir auch erzählt (1): Alle hundert Jahre hatte ein Sonntagskind in meiner oberfränkischen Heimat die Chance, in der Johannisnacht ein »Felsentor« am Staffelberg zu öffnen: mit Schlüsselblumen. Ein Sonntagskind konnte zur Geisterstunde in der Johannisnacht – mit Schlüsselblumen – das mysteriöse Tor im Berg öffnen und dann vom Schatz in der Welt hinter dem Steintor so viel mitnehmen wie es nur tragen konnte. Allerdings musste der vermeintliche Glückspilz zum letzten Glockenschlag um Mitternacht wieder am Felsentor stehen. »Vergiss das Wertvollste nicht!«, bekam so manches Sonntagskind zu hören. Damit war der Schlüsselblumenstrauß, kein Geschmeide aus Gold, gemeint, der den Einlass in den Berg ermöglichen würde. Ohne die Schlüsselblumen blieb das Tor versperrt, war ein Zurück in die Welt erst ein Jahrhundert später möglich. Erst dann würde sich das Felsentor wieder öffnen . Das aber vergaß wohl so manches Sonntagskind, weil die Gier nach Gold den Verstand raubte.

Sigrid Radunz erzählt in ihrem Büchlein »Der Staffelberg« so eine Sage (2): »Tief im Innern des Staffelberges ist in einer unzugänglichen Höhle ein großer Schatz verborgen. Alle hundert Jahre öffnet sich zu mitternächtlicher Stunde an Johanni der Berg und gibt für eine Stunde den Weg zu den unterirdischen Räumen frei. Doch nur Sonntagskindern ist es möglich, in das Berginnere zu schauen. Einmal wurde in einer solchen Nacht ein junger Schäfer durch ein donnerndes Dröhnen aufgeschreckt. Da er an einem Sonntag geboren war, konnte er den geöffneten Berg betreten. Angezogen und geblendet von den unermesslichen Reichtümern, die er vorfand, wurde er immer tiefer in den Berg gelockt. Ehe er sich seine Taschen voll Gold und Edelsteine stopfen konnte, war die kurze Frist von einer Stunde verstrichen. Mit einem Dröhnen schloss sich der Berg wieder und versperrte dem Schäfer den Weg ins Freie. Hundert Jahre lang musste er warten, bis sich der Berg wieder öffnete. Als alter Mann verließ er diese Stätte, seine Taschen leer, er brauchte keine Reichtümer mehr.«

Foto 2: Sigrid Radunz:
»Der Staffelberg«.
Lilien dienten als Schlüssel zum Felsentor der »Ährenkönigin«. Das Felsentor im Staffelberg ließ sich mit Schlüsselblumen alle 100 Jahre in der Johannisnacht öffnen (3). Wieso Schlüsselblumen? Die Kelten bauten vor mehr als zwei Jahrtausenden auf dem markanten Gipfelplateau des Staffelbergs hoch über dem Main einen massiv befestigten Siedlungsplatz, ein »oppidum« in der Sprache ihrer Feinde, der Römer. Sie nannten ihre Metropole »Menosgada«.

Für die Kelten hatte die »Schlüsselblume« magische Bedeutung. Schlüsselblumen wurden von ihren Priestern bei Kultritualen eingesetzt. Angeblich brauten aus Schlüsselblumen einen berauschenden Trank, der sie in andere Welten versetzte. So liegt es nahe, dass Kelten Schlüsselblumen als Schlüssel zu einem Felsentor im Staffelberg verstanden haben. Bei den Germanen hatte die Schlüsselblume auch eine Schlüsselfunktion: sie ermöglichte den Zugang in das Reich der Göttin Freya. Sie war bei den Germanen eine »Göttin der Fruchtbarkeit, des Frühlings, des Glücks und der Liebe« und sie lehrte die große Kunst der Zauberei. Sie ähnelt in verblüffender Weise der »Ährenkönigin«.

Von der Burgruine Nordeck zur Ruine Blankenhorn über Eibensbach (Ortsteil von Güglingen im Zabergäu, Landkreis Heilbronn in Baden-Württemberg). Die Herren von Neuffen haben das einst imposante Bauwerk im frühen 13. Jahrhundert errichten lassen. Am Rennweg war die Burg einige Zeit von strategischer Bedeutung. Im 15. Jahrhundert verfiel sie und diente im späten 15. Jahrhundert als Steinbruch.

Der Sage nach hütete einst ein junger Mann seine Kühe unweit der Ruine Blankenhorn. Er fand eine Schlüsselblume, die er sich an den Hut steckte. Plötzlich lastete ein großes Gewicht auf dem Kopf des »Cowboys« aus Eibensbach. Die Schlüsselblume hatte sich in einen Schlüssel verwandelt. Gleichzeitig tauchte eine »Jungfrau in Weiß« auf und erklärte dem verblüfften Burschen, dass er mit dem Schlüssel eine verborgene Tür im Heuchelberg könne. Hinter dieser Tür werde er auf eine verborgene Welt voller Schätze stoßen. Er dürfe mitnehmen, so viel er wolle. Aber er müsse aufpassen, das Wertvollste nicht zu vergessen. Dreimal ermahnt ihn die »Jungfrau«, auf keinen Fall »das Beste« zurück zu lassen.

Genau aber das geschah. Im Goldrausch schleppte der junge Mann Kostbarkeiten ins Freie. Das »Beste«, nämlich den Schlüsselblumenschlüssel, ließ er in der Welt hinter dem Tor in den Berg liegen. Freilich hatte er mehr Glück als der Schäfer vom Staffelberg. Die Tür im Heuchelberg verschwand, als er gerade wieder einen Sack mit Gold nach draußen geschleppt hatte. Der Schäfer vom Staffelberg musste ein Jahrhundert warten, bis er den Berg wieder verlassen konnte. Der »Cowboy von Eibensbach« hatte schon Kostbarkeiten aus der Unterwelt geschleppt, als sich das Tor schloss. Er konnte seinen Reichtum behalten, nur der Rückweg zu weiteren Schätzen blieb ihm verwehrt. Vergeblich suchte er nach dem verschwundenen Eingang.

Holger Karsten Schmid weiß viel Erhellendes über die mystisch-magische Schlüsselblume zu berichten (4): »In der nordischen Mythologie, den nordischen Sagen und Legenden wurde die Schlüsselblume von Elfen, Nixen, Undinen und Najaden geliebt, bewacht und vom Frühlingsgott Baldur beschützt. Baldur bestrafte denjenigen, der eine Schlüsselblume ausriss. Die Schlüsselblume soll dem Zaubergarten der Muttergöttin Holle entstammen, man ordnet sie zudem der Freya, der Aphrodite oder der wunderschönen Venus zu. Im Laufe der Zeit schließlich wurde sie die Pflanze der Jungfrau Maria (Marienpflanze, sichtbar auf vielen religiösen Bildern) und des Petrus, sein Zeichen als Wächter des Himmelstores sowie als Frühlingsblume (Primula veris) mit der Auferstehung der Natur als Symbol für die Auferstehung Christi‘.«

Foto 3: Der mysteriöse Staffelberg, historische Aufnahme.

Holger Karsten Schmid führt weiter aus, dass heidnische Sagen vom Christentum übernommen und uminterpretiert wurden (5): »So sollen dem Heiligen Petrus seine Himmelsschlüssel entglitten und auf die Erde gefallen sein und dort sich in eine Schlüsselblume verwandelt haben, die nur Sonntagskinder entdecken könnten. … Die Schlüsseljungfrau tritt in verschiedenen Sagen auf, sie hat quasi die Schlüsselgewalt. … In einigen Sagen wird die Schlüsselblume als Schlüssel für einen Schatz oder Schatzkammern verwendet.«

Ich hatte das große Glück, das mir meine Urgroßmutter Hedwig Welsch, sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren, so manche Sage aus dem Oberfränkischen ans Herz legte. So ist mir die Sagenwelt um den mysteriösen Staffelberg, auf dem schon vor zwei Jahrtausenden die Kelten siedelten, wohlbekannt. Mich faszinierte die Vorstellung von Felsentoren, durch die man in eine geheimnisvolle Unterwelt gelangen konnte. Sehr spannend fand ich als Kind die Geschichte von der »Ährenkönigin«. Sollte man ins Reich dieser Sagengestalt gelangen können, dann musste man ja wohl nie wieder die Schulbank drücken. Vor allem, so überlegte ich mir, würde einem in der Welt hinter dem Felsentor der verhasste Turnunterricht erspart bleiben. So manches Mal erkundete ich den Staffelberg, am liebsten ohne elterliche Aufsicht, doch einen Eingang fand ich nie. Aber ich war ja auch kein Sonntagskind. Den Eingang zum Schloss der Ährenfrau suchte ich dann erst gar nicht.

Foto 4: Der Staffelberg – sagenumwoben.

Während meines Studiums der »Evangelischen Theologie« in Erlangen unterhielt ich mich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus dem In- und Ausland, die mit mir im gleichen Studentenwohnheim wohnten, über mein Lieblingsthema »Sagen der Welt«. Ob Schwabenland oder Schweden: überall scheint es uralte Sagen zu geben, die im Prinzip alle die gleiche Geschichte erzählen: Ein Mensch kommt in den Besitz einer Schlüsselblume, die steinerne Tore in Felswänden und Bergen öffnet. Manchmal findet ein Mensch so eine Blume mit wundersamen Kräften, manchmal bekommt er sie von einer holden Frauengestalt überreicht. Manchmal scheint es sich bei dem zauberhaften Wesen um eine heidnische Göttin zu handeln, manchmal wird aus heidnischem Glauben christliche Frömmigkeit.

Manchmal stammt die wundersame Schlüsselblume aus dem christlichen Himmel der Gottesmutter Maria, manchmal aus dem Zaubergarten einer heidnischen Göttin. Göttinnen wie Aphrodite, Freya , Holle und Venus ließen Schlüsselblumen in ihren Zaubergärten wachsen und gedeihen. In leicht voneinander abweichenden Variationen geht es immer um Tore in eine andere, für gewöhnlich verschlossene Welt. Wie schwer manchmal Christliches von Heidnischem zu unterscheiden ist, das zeigt die Ährenkönigin. Ganz ähnliche Darstellungen gibt es in der christlich-sakralen Kunst: »Maria als Fruchtbarkeitsgöttin mit Ährenkleid« (6). »Maria im Aehrenkleid«, um 1480 von Hinrik Funhof geschaffen, könnte auch die »Ährenkönigin« von Kulmbach zeigen, die hinter einem Felsentor in einem prächtigen Schloss wohnt. Wikipedia vermeldet (7): »Der Sinngehalt des Ährenkleides ist nicht eindeutig festzulegen.«

Fußnoten

(1) Archiv Walter-Jörg Langbein: Notizen des Verfassers Im Lauf vieler Jahre hörte ich immer wieder eine Sage. Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch hat sie mir erzählt. Der Heimatforscher Konrad Radunz hat sie mir auch erzählt. »Sagen in Sachen Staffelberg«.
(2) Radunz, Sigrid: »Der Staffelberg/ Wahrzeichen Frankens«. Lichtenfels/ Oberfranken, 2. Auflage 1989, Seite 18: »Sagen zum Staffelberg/ Der Schatz im Inneren des Berges«.
Siehe auch Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes«, Lichtenfels 1996, Seite 62: »Der Schäfer im Staffelberg«.
(3) »Sagenhafte Orte: In der Johannisnacht öffnen sich die Berge«, »Obermain-Tagblatt« https://www.obermain.de/lokal/obermain/art2414,658739?wt_ref=https%3A%2F%2Fwww.ecosia.org%2F&wt_t=1599984396682 (Stand 03.01.2021)
(4) Schmid, Holger Karsten: »Frau Holle, die Herrin der Disen und ihre spirituelle Initiation für die Anderswelt-Reise«, Norderstedt 2017, Seite 110
(5) Ebenda
(6) Wildauer, Simone: »Marienpflanzen/ Der geheimnisvolle Garten Marias in Symbolik, Heilkunde und Kunst«, Kapitel »Maria mit ihren Pflanzen in der Kunst«, Seiten 27-37, Zitat Seite 27, 25.+26. Zeile von oben
(7) »Maria im Ährenkleid«, wikipedia-Artikel. https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_im_%C3%84hrenkleid.
Stand 03.01.2021

Zu den Fotos
Foto 1: »Maria im Aehrenkleid«. Gemälde von Hinrik Funhof (um 1480). Foto wikimedia commons.
Foto 2: Sigrid Radunz: »Der Staffelberg«.
Foto 3: Der mysteriöse Staffelberg, historische Aufnahme.
Foto 4: Der Staffelberg – sagenumwoben. Foto Walter-Jörg Langbein


573. »Tunnel durch Raum und Zeit«,
Teil 573 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. Januar 2021



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Sonntag, 9. Dezember 2018

464 »Drachen, Jungfrauen und ein himmlischer Fluss«

Foto 1: Drachentöter von Marienmünster.
Teil 464 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch, sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren, las mir als ich noch ein kleines Kind war, Märchen und gruselige Geschichten von Drachen vor. Edle Helden kämpften todesmutig gegen feuerspeiende Drachen, töteten sie und befreiten holde Jungfrauen aus ihren Klauen. Das Volk jubelte dann lautstark, wo die siegreichen Kämpfer auftauchten. Und natürlich bekam jeder Drachentöter die befreite Jungfrau, die sonst das Monster gefressen hätte, zur Frau. Manche bekamen dann noch zusätzlich vom königlichen Schwiegervater das halbe Königreich dazu.

Als ich in Erlangen Theologie studierte, erzählte mir ein arabischer Kommilitone ein Märchen. Ein König hatte drei Söhne, die in die Welt reisten, um sich zu bewähren. Einer der drei Männer gelangte in eine Stadt. Jeden Tag musste ein unschuldiges Mädchen einem siebenköpfigen Drachen ausgeliefert werden, damit die Bestie die Stadt verschonte. Das Untier hauste auf einem Berg nah bei einer Kapelle. Nun sollte des Königs Töchterlein dem Drachen ausgeliefert werden. Der wandernde Königssohn freilich wusste das zu verhindern, tötete den Drachen. Als Lohn bekam der Prinz die Tochter des Königs und wurde, als der König starb, selbst König.

In der Schweiz hörte ich von einem Märchen, das angeblich eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1420 schildert. Zwei riesige Drachen, so überliefert es das Märchen, hausten in unterirdischen Höhlen, in die man über einen Brunnenschacht gelangte. Die Drachen verbrachten dort den Winter, dann flogen sie wieder in die Welt hinaus.

In der Krypta der Kathedrale von Metz, Frankreich, ist eine Statuette eines Drachens zu sehen. Das Tier hat einen Namen: »Graoully«. Die Kreatur soll einst in einem römischen Amphitheater gehaust haben. Der Name »Graoully«, ursprünglich »Grauli«, soll auf das deutsche Wort »gräulich« zurückgehen. Braungräulich, so wird überliefert, waren die Schuppen des Monsters. Sie waren härter als jedes Schwert, heißt es, und so konnte der Drachen »Graoully« lange Zeit nicht besiegt werden. Erst im dritten Jahrhundert gelang es, so wird heute noch erzählt, dem Heiligen Clemens von Metz die Stadt vom Drachen zu befreien. Es gelang dem Kirchenmann, dem Untier eine Stola umzubinden und auf eine Insel im Fluss Seille zu bringen. Da tat sich die Erde auf, verschluckte den Drachen »Graoully«. Der Heilige Clemens wälzte auf das Loch einen mächtigen Felsbrocken, so dass der Drachen bis zum heutigen Tage nicht mehr ans Tageslicht zurückkehren konnte.

Foto 2: Drache Graoully von Horace Castelli

Noch im 19. Jahrhundert erinnerten sich die Bürger von Metz an den Bischof, der den Drachen besiegte. Zu Ehren des Kirchenmannes wurde Jahr für Jahr eine Prozession durchgeführt, bei der Nachbildungen von »Graoully« durch die Straßen getragen wurden. Horace Castelli (*1825;†1889) war wohl Augenzeuge einer solcher »Drachenprozession«. Bei ausgelassener Jahrmarkstimmung wurde eine Drachenfigur mit Flügeln von beachtlicher Größe durch die Straßen geschleppt, begleitet von Trommlern und Verkäufern von Lebensmitteln. Das Schauspiel lockte natürlich auch viele Neugierige an.

Ein behelmter Soldat reitet in der detailreichen Darstellung von Horace Castelli das Untier, das sein furchteinflößendes Maul aufreißt. Ein umsichtiger Mann besänftigt den Drachen, indem er ihm Backwaren in den Rachen kippt. Das Bild vom Drachen mit mächtigen Flügeln ist sehr alt. Es war schon in biblischen Zeiten bekannt. Was wenige wissen: Die biblische Schlange, die Eva zum Ungehorsam verleitet und das göttliche Verbot missachten lässt, war womöglich ein Drachen mit Flügeln. Nach dem biblischen Schöpfungsbericht verfügte die Schlange vom Paradies ursprünglich über Beine, heißt es doch ausdrücklich im Buch Genesis, zitiert nach der Lutherbibel von 2017 (1):

»Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.« Nur wenn die Schlange ursprünglich Beine hatte und »Gott der HERR« ihr die Beine nahm, macht dieser Vers Sinn. Denn ohne Beine hätte sie auch vor der Strafaktion auf dem Bauch kriechen müssen.


Foto 3: Ein geflügelter Drache

Sehr viel ausführlicher ist die apokryphe Schrift »Apokalypse des Moses« (2): »Nachdem er mir dieses gesagt, sprach er in großem Zorn zur Schlange: Weil du dieses tatest als unerfreulich Werkzeug, indem du Arglose betörtest, so sei verflucht vor allem Vieh! Der Speise, die du aßest, sei beraubt! Friss Staub dein Leben lang! Kriech auf der Brust und auf dem Bauch, beraubt der Hände und Füße! Nicht Ohr, noch Flügel bleibe dir, nicht irgend eines deiner Glieder! In deiner Bosheit hast du sie damit berückt und es dahin gebracht, daß sie das Paradies verlassen müssen.«

Paul Rießler hat die »Apokalypse des Moses« in sein Standardwerk »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« (3) aufgenommen. Auch hier wird die Verwandlung der Schlange als Strafe Gottes beschrieben. Paul Rießler übersetzt (4): »Nicht Ohr, noch Flügel bleibe dir, nicht irgend eines deiner Glieder.«

Die Schlange hatte also nach der »Apokalypse des Moses« vor der Bestrafung durch Gott noch Hände, Füße und Flügel oder vier Beine und Flügel, danach nicht mehr. Hände, Füße und Flügel wurden ihr von Gott genommen. Mit anderen Worten: Vorher war die Schlange ein drachenartiges Wesen.

Wenn wir an die Gebrüder Jacob (*1785; †1863) und Wilhelm Grimm (*1786; †1859) denken, so fallen uns ihre »Kinder- und Hausmärchen« ein, die beide weltberühmt machten. Die Märchen erschienen von 1812 bis 1858. Die beiden Grimms waren aber auch, und das ist weniger bekannt, Sprachwissenschaftler und Volkskundler. Jacob Grimm, der als Begründer der deutschen Philologie und Altertumswissenschaft gilt, veröffentlichte anno 1835 einen wahren Meilenstein der Mythenforschung (5). Das Werk »Deutsche Mythologie« wurde 2007 erneut und komplett publiziert (6).

Foto 4: Darstellung eines Drachen, Künstler Lucas Jennis, frühes 17. Jahrhundert.

Jacob Grimm geht in seinem Werk über deutsche Mythologie (7) auch auf das Thema Drachen ausführlich ein. Er schreibt (8): »Die schlange kriecht oder ringelt sich auf dem boden, stehn ihr flügel zu gebot, so heißt sie drache, was ein undeutsches aus dem lat(einischen) draco, gr(iechischen) Δράκος (Drákos) stammendes, schon früh eingeführtes wort ist.« (Jacob Grimm bezeichnet Drachen als »undeutsches Wort«, damit meint er aus einer fremden Sprache entlehntes Fremdwort.)

Mit anderen Worten: Jacob Grimm entdeckte bei seinem Studium deutscher Mythologie einen direkten Zusammenhang zwischen Schlange und Drachen, der ja bereits im Schöpfungsbericht des Alten Testaments und ausführlicher in den Apokryphen des Alten Testaments beschrieben wurde. Leider findet sich im umfangreichen grimmschen Werk kein Hinweis auf die Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche. Auf der Homepage »paderborn.de« (9) findet sich ein interessanter Hinweis (10):»Diese mythischen Drachen waren seit der Antike bis ins hohe Mittelalter Sinnbild für Naturkräfte, die hier vermutlich die Wasserquellen der Pader schützen sollten. Diese Schlangendrachen sind hier eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit.«

Foto 5: Schlangendrachen, 17. Jahrhundert

Branko Čanak hat sich wie kaum ein anderer Zeitgenosse intensiv mit den geheimnisvollen Wesen in der Krypta der Abdinghofkirche beschäftigt. Er bezeichnet sie als (11) »Wasserdrachen, Hüter der Paderquellen und älteste Bewohner der Gegend«. Auch der lwl., der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, geht auf die geheimnisvollen Tiere in der Krypta ein (12) »Die Drachen sind, obgleich man sie als vermutete Hüter der Paderquellen an verschiedensten Orten der Stadt immer wieder findet, ein oft übersehenes Symboltier.« In der Tat: Es wird die Vermutung angestellt, dass die acht Drachen an dem Säulenkapitell die unterirdischen Paderquellen schützen sollen. Auch die Bezeichnung »Wasserdrachen« ist spekulativ, lässt sich nicht mit alten Dokumenten aus der Entstehungszeit der Krypta belegen. Wasserdrachen sind in China bekannt, werden in uralten Mythen beschrieben.

Foto 6: Chinesische Wasserdrachen.

Die chinesische Mythologie kennt den Wasserdrachen nicht als Behüter von Quellen oder Flüssen, sie repräsentieren vielmehr die Gottheiten von Gewässern. Kurios: Auch im alten Indien repräsentieren Götter Flüsse. So wird die Flussgöttin Ganga mit dem gewaltigen Fluss Ganges gleichgesetzt. In Reliefs wie jenem von Mahalipuram (12m hoch, 33 m breit!) sieht man Ganga als schlangenartiges Wesen im himmlischen Fluss, zusammen mit ihrem ebenso schlangenartigen Partner, zur Erde kommen. Ganga schwimmt nicht im Fluss, sie ist der personifizierte Fluss. Die chinesischen Wasserdrachen haben wie die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche Bärte. Wohl ein Zufall…

Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch, sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren, las mir als ich noch ein kleines Kind war, Märchen und gruselige Geschichten von Drachen vor. Bis heute beschäftigen mich die Drachen. Sind es reine Fantasiewesen, die es nie gegeben hat? Oder schlummern in unseren Genen Erinnerungen an geheimnisvolle, furchteinflößende Kreaturen, die vor langer Zeit ausgestorben sind? Waren Drachen gut oder böse, göttlich oder teuflisch?

Foto 7: Mysteriöses Steinrelief mit Göttin Ganga


Fußnoten
(1) 1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 14
(2) »Apokalypse des Moses« Vers 26, zitiert nach Weidinger, Erich: »Die Apokryphen/ Verborgene Bücher der Bibel«, Augsburg 1999, Seite 43
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(3) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 138-155: »Apokalypse des Moses/ Adam und Eva«
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(4) ebenda, Kapitel 26, Seite 148 Mitte
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(5) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Göttingen 1835
(6) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Wiesbaden 2007
(7) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage, Berlin 1875-78
(8) ebenda, Band II, S. 573, Zeilen 15-18 von oben
(Rechtschreibung wie durchgehende Kleinschreibung wurde unverändert übernommen!)
(9) https://www.paderborn.de/index.php (Stand 10.10.2018)
(10) https://www.paderborn.de/tourismus-kultur/sehenswuerdigkeiten/Abdinghofkirche_Sehensw.php (Stand 10.10.2018)
(11) http://wasserdrachen-podcast.de/ (Stand 10.10.2018)
(12) https://www.lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=31724 (Stand 10.10.2018)

Foto 8
Zu den Fotos
Foto 1: Der Drachentöter von Marienmünster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Drache Graoully von Horace Castelli, 1872. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Ein geflügelter Drache, Darstellung etwa 1565.  Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Darstellung eines Drachen, Künstler Lucas Jennis, frühes 17. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Schlangendrachen, 17. Jahrhundert, Künstler eventuell Athanasius Kircher, ca. 1666. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Chinesische Wasserdrachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mysteriöses Steinrelief mit Göttin Ganga. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Götting Ganga kommt vom Himmel herab. Foto Walter-Jörg Langbein

465 »Monster im Meer?«,
Teil 465 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16.12.2018



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Sonntag, 17. September 2017

400 »Vom Staffelberg nach Birkenstein«

400 »Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 2
Teil  400  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick in die Adelgundis-Kapelle, etwa 1900

»Die Wanderkirche«, so lautet eine interessante Sage zur Entstehungsgeschichte der Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg. Aufgezeichnet haben sie Elisabeth und Konrad Radunz (1): »Die Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg sollte ursprünglich an einem anderen Ort entstehen, auf dem eine Stunde nordöstlich gen Langheim zu gelegenen ›Alten Staffelberg‹. Engel sollen zur nächtlichen Zeit immer wieder das zum Bau Benötigte auf den ›Neuen Staffelberg‹ ob Staffelstein überführt haben. Die heilige Adelgundis habe dadurch ihren Willen kundgeben wollen, die ihr geweihte Kirche an der Stelle errichtet zu sehen, so sie nun steht.«

Meine Urgroßmutter mütterlicherseits, Hedwig Welsch (2), erzählte mir vor vielen Jahren eine andere Version der »Adelgundis-Legende«. Demnach sollte auf dem »Alten Staffelberg« eine Kapelle errichtet werden. Dort begann man auch mit den Bauarbeiten. Man trug Steine zusammen, schaffte Sand auf den »Alten Staffelberg« und sorgte für ausreichend Holz für ein Gerüst. Als man am nächsten Tag die Arbeiten fortsetzen wollte, staunte man nicht schlecht. Alles war verschwunden. Sollten Diebe am Werk gewesen sein? Und so war man gezwungen, wieder neu anzufangen. Doch auch in der zweiten Nacht verschwanden alle Baumaterialien.

Foto 2: Meine Urgroßeltern Hedwig und Lorenz Welsch, etwa 1957

Diebe freilich waren nicht am Werk, sondern Engel. Die himmlischen Gesellen wirkten im Auftrag der heiligen Adelgundis, die ihre Kapelle an anderer Stelle gebaut sehen wollte, nämlich auf dem Staffelberg. Engel waren es, die alles vom »Alten Staffelberg« auf den Staffelberg geschafft hatten.  Als nun die Engel merkten, dass sich die Menschen von ihrem Plan nicht abbringen ließen, griffen sie zu einer List. Sie warteten, bis der Rohbau des kleinen Gotteshauses auf dem »Alten Staffelberg« fertig gestellt war.

Foto 3: Die Adelgundiskapelle vom Staffelberg, historische Aufnahme, vor 1914

Dann schafften sie ihn in einem Stück durch die Lüfte an den heutigen Standort. Jetzt erst begriffen die Menschen, was geschehen war. Sie vollendeten den Rohbau der »Adelgundis-Kapelle« zum ansehnlichen kleinen Gotteshaus. Dabei zeigte ihnen ein Rabe, wo sie den für den Putz benötigten Sand auf dem Staffelberg finden konnten: in einer Höhle im Staffelberg, wo die Querkele, ein fleißiges Zwergenvolk, hausten. Meine Urgroßmutter war sich nicht sicher, ob die Querkele – wohl abgeleitet von Zwergchen – damals noch in der Höhle lebten. Vielleicht halfen sie den Menschen bei der Sandgewinnung, waren die rührigen Zwerge doch stets äußerst hilfsbereit.

Die Legende von der »Wanderkirche« erinnert an eine uralte Überlieferung: da geht es um den Transport der Loreto-Kapelle aus dem Heiligen Land nach Italien. Engel sollen das winzige »Wohnhaus« aus Nazareth nach Italien geschafft haben. Es heißt in der Überlieferung, dass Maria in dieser höchst bescheidenen Bleibe mit Mann Joseph und Sohn Jesus lebte.

Anno 1244, der 5. Kreuzzug war gescheitert, bangte man um die für die Christenheit höchst bedeutsame Stätte. Man befürchtete, dass das »Heilige Haus« Marias von den muslimischen Streitkräften zerstört werden würde. Also musste es in Sicherheit gebracht werden. Einer Überlieferung nach wurde es durch die Lüfte transportiert, und zwar von Engeln. Die Geschichte erinnert an die »Luftreise« der Adelgundis-Kapelle. Freilich war die zurückzulegende Wegstrecke für die Adelgundis-Kapelle deutlich kürzer.

So fantastisch die Rettung des Heiligen Hauses auch anmuten mag, das kleine, im italienischen Loreto hoch verehrte Gebäude muss einst im »Heiligen Land« gestanden haben. Das kann als gesichert gelten! Das »Heilige Haus« von Loreto stand ganz eindeutig einst im Heiligen Land, und zwar vor einer Höhle, die wohl auch als zusätzlicher Wohnraum genutzt wurde.

Fotos 4 und 5: Loreto-Kirche und Heiliges Haus. Foto/copyright Reinhard Habeck

Eine andere Loreto-Kapelle lockt auch heute noch zahlreiche Pilger nach Birkenstein. Birkenstein bei Fischbachau ist ein wirklich mystischer Ort. Die Kapelle Birkenstein, anno 1710 errichtet, ist eine maßstabsgetreue Nachbildung des »Heiligen Hauses« von Nazareth. Johann Mayr der Ältere war der Baumeister der Loreto-Kapelle von Birkenstein. Anno 1735 brach ein Brand aus, das kleine Gotteshaus wurde erheblich beschädigt. Es wurde renoviert und bekam 1760 eine neue, recht prachtvolle Ausstattung. Die Kirchweihe erfolgte erst am 5. August 1786 durch Ludwig Joseph von Welden, dem Fürstbischof von Freising.

Im Zentrum der Kapelle steht ein Gnadenbild Marias mit dem Jesuskind. 92 Engel wurden von Künstlerhand verewigt. An den Seitenwänden versammeln sich die zwölf Apostel. Büsten stellen die Verwandten Marias dar. Fast schon erdrückend wirkt die Flut von Votivtafeln aus dem späten 18. Jahrhundert. Sie wurden von Gläubigen gestiftet, die sich auf diese Weise für den himmlischen Beistand in Zeiten der Not bedanken wollten. Viele, sehr viele Gläubige waren und sind davon überzeugt, dass ihnen Maria geholfen hat, als sie in Notsituationen die »Gottesmutter« anriefen. So ist Birkenstein bis heute ein Ort lebender Marienverehrung und der Dankbarkeit.  Noch heute kommen Pilger nach Birkenstein, um gemeinsam mit einem Priester die Heilige Messe zu feiern.

Foto 6: Birkenstein um 1900.
Bei meinem Besuch der Loreto-Kapelle von Birkenstein im Mai 2017 las ein katholischer Priester eine Messe. Dicht gedrängt hatten sich zahlreiche Pilger und Einheimische in dem kleinen Gotteshaus eingefunden. Fromme Choräle erklangen, Gebete wurden gesprochen. Über den Gläubigen breitet sich  in hellen Blautönen der gemalte Nachthimmel aus. Weiße Sterne strahlen vom künstlichen Firmament. Sie formieren sich zu – wie ich meine – fiktiven Sternbildern.  Sterne bilden eine Krone, andere– deutlich zu erkennen – die Buchstaben »IHS«. IH sind griechische Großbuchstaben, gefolgt vom großen lateinischen S.

Diese »Abkürzung« steht für den Namen Jesu in griechischen Großbuchstaben  - Ι Η Σ Ο Υ Σ. 

Zu sehen ist, klar erkennbar, Maria als Himmelskönigin mit Sternenkrone. Neben der Mutter Jesu steht, ja springt munter umher, ein Einhorn. Einhorn wie Maria sind als »Sternbilder« dargestellt. Mir scheint, dass das Einhorn hin zu Maria flieht. Der Überlieferung nach konnte kein Jäger ein Einhorn zur Strecke bringen. Das Fabeltier unterwarf sich nur einer Jungfrau. Zeigt das Himmelsgewölbe in der Kapelle von Birkenstein Jungfrau Maria als Beschützerin des Einhorns? In der christlichen Kunst symbolisiert das mythologische Einhorn die »Reinheit der Jungfrau Maria«.

Freilich ist das Symbol Einhorn älter als das Christentum. Für die Römer stand es für keine Geringere als die Mondgöttin Diana. Diana war aber auch die Göttin der Jagd und der Geburt. Sie wurde als Beschützerin der Frauen und Mädchen verehrt. Sie gehörte zur Crème de la Crème des griechischen Götterhimmels, zu den zwölf wichtigsten Gottheiten. Auf der anderen Seite Marias spielen fischartige Wesen. Sollten das vielleicht Delphine sein, denen nachgesagt wurde, seebrüchige Matrosen ans Rettende Ufer zu schaffen? Immer wieder stellt sich die Frage: Wieso finden sich immer wieder Darstellungen aus heidnischen Mythen in christlichen Kirchen?

Foto 7: »IHS«, Rom, um 1650.

Im Kloster Corvey sah ich Darstellungen, künstlerisch unterschiedlich ausgearbeitet, thematisch aber durchaus verwandt. Allerdings sind die deutlich älteren Malereien von Corvey im Lauf der Jahrhunderte weitestgehend verblasst und mussten mühsam und schonend »rekonstruiert« werden. Dabei verzichtete man bewusst darauf, fehlende Partien zu ergänzen. In Corvey ist mehr zu erahnen als wirklich zu erkennen. Da steht zum Beispiel auf dem Schwanz einer mythologischen Bestie eine hünenhafte Gestalt. Sie ist mit einem Lendenschurz bekleidet, mit Schild und Speer bewaffnet. Der wackere Kämpfer, der es mit dem furchteinflößenden Monster aufnimmt, könnte Odysseus sein. Was aber hat »Odysseus versus Monster« in einem christlichen Gotteshaus zu suchen?

Um heidnische Mythologie in christlichen Gotteshäusern zu erklären, bringen Theologen gern ein hilfreiches Zauberwort ins Spiel, nämlich die Allegorie. Das klingt dann auch so schön wissenschaftlich.  Der Begriff » Allegorie« geht auf das altgriechische »allegoria«, zu Deutsch »verschleierte Sprache«, zurück.

Interpretiert man ein Bild allegorisch, dann bedeutet es etwas ganz anderes als es auf den ersten Blick darzustellen scheint.  Man kann auf diese Weise auch Bilder, die in vorchristlichen Zeiten erschaffen wurden, durchaus christlich interpretieren.

Ja man kann letztlich jede Darstellung nach eigenem Gutdünken verstehen. Warum aber hat man Christliches scheinbar »heidnisch« dargestellt? Warum griff man auf Mythologisches zurück? Warum hat man nicht christliche »Originale« geschaffen? Und wer sollte die Aussagen solcher Bilder verstehen?

Die mythologischen Malereien unter der Westempore des Johanneschores im Westwerk von Corvey sind etwa1200 Jahre alt, die an der Decke der Loreto-Kapelle von Birkenstein sind deutlich jünger. Sie entstanden rund 900 Jahre später.

Aus dem mythologisch-heidnischen Kampf des Odysseus gegen ein monströses Fabelwesen wird so der »Heiligen Georg« versus »Satan« oder Jesus als Sieger über das Böse. Am Himmel von Birken stein hebt ein Krieger sein Schwert zum Schlag gegen einen mächtigen Riesenvogel mit beeindruckenden, weit ausgebreiteten Flügeln.

Fotos 8 und 9: Kloster Corvey, Odysseus im Kampf mit Monstern

Legenden und Sagen – wie die von der Adelgundis-Kapelle vom Staffelberg oder jene vom »Heiligen Haus« Mariens – sind wie Nachrichten aus einer fremden Welt. Sie enthalten gewiss Fantasie, aber auch Fakten. Legenden und Sagen – sie gehören zum Erbe, das uns unsere Vorfahren hinterlassen haben. Wir sollten es schätzen und schützen! Was über Jahrhunderte hinweg mündlich überliefert wurde, darf nicht in Vergessenheit geraten.

Fußnoten
1) Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser
     Landes«, Lichtenfels 1996, S. 63
2) Nach der Erzählung meiner Urgroßmutter Hedwig Welsch, geborene Engel,  
    aufgezeichnet. Sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren. Mein 
    Urgroßvater Lorenz Welsch verstarb bereits m 10.06.1958 im Alter von 79  
    Jahren.

Weiterführende Literatur »Oberfranken«
Abels, Björn-Uwe: Selten und schön/ Archäologische Kostbarkeiten aus der
     Vor- und Frühgeschichte Oberfrankens, Lichtenfels 2007
Dippold, Günter: Kloster Banz/ Natur, Kultur, Architektur, Staffelstein 1991
Lutz, Dominik: Basilika Vierzehnheiligen/ Symphonie in Licht und Farbe, 3.
     Auflage, Staffelstein 1990


Sehr empfehlenswerte Lektüre »Bayern«
Foto 10: Birkenstein um 1903.
Fenzl, Fritz: Wunder in Bayern/ Orte der Kraft und Quellen der Heilung,
     Waldkirchen, 2. Auflage 2004
Fenzl, Fritz: Wunderwege in Bayern/ Magische Stätten und Überlebenspfade,
     München 2002
Fenzl, Fritz: Keltenkulte in Bayern/ Spurensuche an Kraftorten, München 2003
Fenzl, Fritz: Orte der Liebe in Bayern, München 2006
Fenzl, Fritz: Magische Kirchen in München/ Dreiecks-Wege zum Geheimnis/
     Gute und böse Orte, München 2006
Fenzl, Fritz: Magische Wege und Orte in Bayern, München 2007
Fenzl, Fritz: Heilige in Bayern – Himmlische Lebenshilfe, München 2008
Fenzl, Fritz: Heilige Orte in Bayern, München 2008
Fenzl, Fritz: Der Teufelstritt/ Magische Geschichten und Rundgänge zu
     Sagenorten in München, München, Neuauflage 2008
Fenzl, Fritz: Höllensturz/ Magie und Mythos in Bayern, Rosenheim 2009
Fenzl, Fritz: Sagen und Mythen aus Bayern, München 2009

Fenzl, Fritz: Magische Kraftorte in Bayern, Rosenheim 2014



Zu den Fotos
Foto 1: Blick in die Adelgundis-Kapelle, etwa 1900 . Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Urgroßeltern Hedwig und Lorenz Welsch. Foto vermutlich Walter Langbein sen.
Foto 3: Die Adelgundiskapelle vom Staffelberg, historische Aufnahme, vor 1914.  Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Loreto-Kirche und Heiliges Haus. Foto/copyright Reinhard Habeck
Foto 6: Birkenstein um 1900. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: »IHS«, Rom, um 1650. Foto wikimedia commons
Fotos 8 und 9: Kloster Corvey, Odysseus im Kampf mit Monstern. Original und Nachzeichnung. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Birkenstein um 1903. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


401 »Hape Kerkeling, falsche Bibelübersetzungen und Birkenstein«,»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 3 
Teil  401  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 24.09.2017



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