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Sonntag, 3. Januar 2021

572. »Burgruinen und Sagenwelten«

Teil 572 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Maria im Aehrenkleid«.
Gemälde von Hinrik Funhof
(um 1480).
Drei Lilien dienen in der Johannisnacht einem Sonntagskind als »Schlüssel«, um ein mysteriöses Felsentor zum Reich der Ährenkönigin zu öffnen. Im Lauf vieler Jahre hörte ich immer wieder eine Sage. Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch hat sie mir erzählt. Der Heimatforscher Konrad Radunz hat sie mir auch erzählt (1): Alle hundert Jahre hatte ein Sonntagskind in meiner oberfränkischen Heimat die Chance, in der Johannisnacht ein »Felsentor« am Staffelberg zu öffnen: mit Schlüsselblumen. Ein Sonntagskind konnte zur Geisterstunde in der Johannisnacht – mit Schlüsselblumen – das mysteriöse Tor im Berg öffnen und dann vom Schatz in der Welt hinter dem Steintor so viel mitnehmen wie es nur tragen konnte. Allerdings musste der vermeintliche Glückspilz zum letzten Glockenschlag um Mitternacht wieder am Felsentor stehen. »Vergiss das Wertvollste nicht!«, bekam so manches Sonntagskind zu hören. Damit war der Schlüsselblumenstrauß, kein Geschmeide aus Gold, gemeint, der den Einlass in den Berg ermöglichen würde. Ohne die Schlüsselblumen blieb das Tor versperrt, war ein Zurück in die Welt erst ein Jahrhundert später möglich. Erst dann würde sich das Felsentor wieder öffnen . Das aber vergaß wohl so manches Sonntagskind, weil die Gier nach Gold den Verstand raubte.

Sigrid Radunz erzählt in ihrem Büchlein »Der Staffelberg« so eine Sage (2): »Tief im Innern des Staffelberges ist in einer unzugänglichen Höhle ein großer Schatz verborgen. Alle hundert Jahre öffnet sich zu mitternächtlicher Stunde an Johanni der Berg und gibt für eine Stunde den Weg zu den unterirdischen Räumen frei. Doch nur Sonntagskindern ist es möglich, in das Berginnere zu schauen. Einmal wurde in einer solchen Nacht ein junger Schäfer durch ein donnerndes Dröhnen aufgeschreckt. Da er an einem Sonntag geboren war, konnte er den geöffneten Berg betreten. Angezogen und geblendet von den unermesslichen Reichtümern, die er vorfand, wurde er immer tiefer in den Berg gelockt. Ehe er sich seine Taschen voll Gold und Edelsteine stopfen konnte, war die kurze Frist von einer Stunde verstrichen. Mit einem Dröhnen schloss sich der Berg wieder und versperrte dem Schäfer den Weg ins Freie. Hundert Jahre lang musste er warten, bis sich der Berg wieder öffnete. Als alter Mann verließ er diese Stätte, seine Taschen leer, er brauchte keine Reichtümer mehr.«

Foto 2: Sigrid Radunz:
»Der Staffelberg«.
Lilien dienten als Schlüssel zum Felsentor der »Ährenkönigin«. Das Felsentor im Staffelberg ließ sich mit Schlüsselblumen alle 100 Jahre in der Johannisnacht öffnen (3). Wieso Schlüsselblumen? Die Kelten bauten vor mehr als zwei Jahrtausenden auf dem markanten Gipfelplateau des Staffelbergs hoch über dem Main einen massiv befestigten Siedlungsplatz, ein »oppidum« in der Sprache ihrer Feinde, der Römer. Sie nannten ihre Metropole »Menosgada«.

Für die Kelten hatte die »Schlüsselblume« magische Bedeutung. Schlüsselblumen wurden von ihren Priestern bei Kultritualen eingesetzt. Angeblich brauten aus Schlüsselblumen einen berauschenden Trank, der sie in andere Welten versetzte. So liegt es nahe, dass Kelten Schlüsselblumen als Schlüssel zu einem Felsentor im Staffelberg verstanden haben. Bei den Germanen hatte die Schlüsselblume auch eine Schlüsselfunktion: sie ermöglichte den Zugang in das Reich der Göttin Freya. Sie war bei den Germanen eine »Göttin der Fruchtbarkeit, des Frühlings, des Glücks und der Liebe« und sie lehrte die große Kunst der Zauberei. Sie ähnelt in verblüffender Weise der »Ährenkönigin«.

Von der Burgruine Nordeck zur Ruine Blankenhorn über Eibensbach (Ortsteil von Güglingen im Zabergäu, Landkreis Heilbronn in Baden-Württemberg). Die Herren von Neuffen haben das einst imposante Bauwerk im frühen 13. Jahrhundert errichten lassen. Am Rennweg war die Burg einige Zeit von strategischer Bedeutung. Im 15. Jahrhundert verfiel sie und diente im späten 15. Jahrhundert als Steinbruch.

Der Sage nach hütete einst ein junger Mann seine Kühe unweit der Ruine Blankenhorn. Er fand eine Schlüsselblume, die er sich an den Hut steckte. Plötzlich lastete ein großes Gewicht auf dem Kopf des »Cowboys« aus Eibensbach. Die Schlüsselblume hatte sich in einen Schlüssel verwandelt. Gleichzeitig tauchte eine »Jungfrau in Weiß« auf und erklärte dem verblüfften Burschen, dass er mit dem Schlüssel eine verborgene Tür im Heuchelberg könne. Hinter dieser Tür werde er auf eine verborgene Welt voller Schätze stoßen. Er dürfe mitnehmen, so viel er wolle. Aber er müsse aufpassen, das Wertvollste nicht zu vergessen. Dreimal ermahnt ihn die »Jungfrau«, auf keinen Fall »das Beste« zurück zu lassen.

Genau aber das geschah. Im Goldrausch schleppte der junge Mann Kostbarkeiten ins Freie. Das »Beste«, nämlich den Schlüsselblumenschlüssel, ließ er in der Welt hinter dem Tor in den Berg liegen. Freilich hatte er mehr Glück als der Schäfer vom Staffelberg. Die Tür im Heuchelberg verschwand, als er gerade wieder einen Sack mit Gold nach draußen geschleppt hatte. Der Schäfer vom Staffelberg musste ein Jahrhundert warten, bis er den Berg wieder verlassen konnte. Der »Cowboy von Eibensbach« hatte schon Kostbarkeiten aus der Unterwelt geschleppt, als sich das Tor schloss. Er konnte seinen Reichtum behalten, nur der Rückweg zu weiteren Schätzen blieb ihm verwehrt. Vergeblich suchte er nach dem verschwundenen Eingang.

Holger Karsten Schmid weiß viel Erhellendes über die mystisch-magische Schlüsselblume zu berichten (4): »In der nordischen Mythologie, den nordischen Sagen und Legenden wurde die Schlüsselblume von Elfen, Nixen, Undinen und Najaden geliebt, bewacht und vom Frühlingsgott Baldur beschützt. Baldur bestrafte denjenigen, der eine Schlüsselblume ausriss. Die Schlüsselblume soll dem Zaubergarten der Muttergöttin Holle entstammen, man ordnet sie zudem der Freya, der Aphrodite oder der wunderschönen Venus zu. Im Laufe der Zeit schließlich wurde sie die Pflanze der Jungfrau Maria (Marienpflanze, sichtbar auf vielen religiösen Bildern) und des Petrus, sein Zeichen als Wächter des Himmelstores sowie als Frühlingsblume (Primula veris) mit der Auferstehung der Natur als Symbol für die Auferstehung Christi‘.«

Foto 3: Der mysteriöse Staffelberg, historische Aufnahme.

Holger Karsten Schmid führt weiter aus, dass heidnische Sagen vom Christentum übernommen und uminterpretiert wurden (5): »So sollen dem Heiligen Petrus seine Himmelsschlüssel entglitten und auf die Erde gefallen sein und dort sich in eine Schlüsselblume verwandelt haben, die nur Sonntagskinder entdecken könnten. … Die Schlüsseljungfrau tritt in verschiedenen Sagen auf, sie hat quasi die Schlüsselgewalt. … In einigen Sagen wird die Schlüsselblume als Schlüssel für einen Schatz oder Schatzkammern verwendet.«

Ich hatte das große Glück, das mir meine Urgroßmutter Hedwig Welsch, sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren, so manche Sage aus dem Oberfränkischen ans Herz legte. So ist mir die Sagenwelt um den mysteriösen Staffelberg, auf dem schon vor zwei Jahrtausenden die Kelten siedelten, wohlbekannt. Mich faszinierte die Vorstellung von Felsentoren, durch die man in eine geheimnisvolle Unterwelt gelangen konnte. Sehr spannend fand ich als Kind die Geschichte von der »Ährenkönigin«. Sollte man ins Reich dieser Sagengestalt gelangen können, dann musste man ja wohl nie wieder die Schulbank drücken. Vor allem, so überlegte ich mir, würde einem in der Welt hinter dem Felsentor der verhasste Turnunterricht erspart bleiben. So manches Mal erkundete ich den Staffelberg, am liebsten ohne elterliche Aufsicht, doch einen Eingang fand ich nie. Aber ich war ja auch kein Sonntagskind. Den Eingang zum Schloss der Ährenfrau suchte ich dann erst gar nicht.

Foto 4: Der Staffelberg – sagenumwoben.

Während meines Studiums der »Evangelischen Theologie« in Erlangen unterhielt ich mich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus dem In- und Ausland, die mit mir im gleichen Studentenwohnheim wohnten, über mein Lieblingsthema »Sagen der Welt«. Ob Schwabenland oder Schweden: überall scheint es uralte Sagen zu geben, die im Prinzip alle die gleiche Geschichte erzählen: Ein Mensch kommt in den Besitz einer Schlüsselblume, die steinerne Tore in Felswänden und Bergen öffnet. Manchmal findet ein Mensch so eine Blume mit wundersamen Kräften, manchmal bekommt er sie von einer holden Frauengestalt überreicht. Manchmal scheint es sich bei dem zauberhaften Wesen um eine heidnische Göttin zu handeln, manchmal wird aus heidnischem Glauben christliche Frömmigkeit.

Manchmal stammt die wundersame Schlüsselblume aus dem christlichen Himmel der Gottesmutter Maria, manchmal aus dem Zaubergarten einer heidnischen Göttin. Göttinnen wie Aphrodite, Freya , Holle und Venus ließen Schlüsselblumen in ihren Zaubergärten wachsen und gedeihen. In leicht voneinander abweichenden Variationen geht es immer um Tore in eine andere, für gewöhnlich verschlossene Welt. Wie schwer manchmal Christliches von Heidnischem zu unterscheiden ist, das zeigt die Ährenkönigin. Ganz ähnliche Darstellungen gibt es in der christlich-sakralen Kunst: »Maria als Fruchtbarkeitsgöttin mit Ährenkleid« (6). »Maria im Aehrenkleid«, um 1480 von Hinrik Funhof geschaffen, könnte auch die »Ährenkönigin« von Kulmbach zeigen, die hinter einem Felsentor in einem prächtigen Schloss wohnt. Wikipedia vermeldet (7): »Der Sinngehalt des Ährenkleides ist nicht eindeutig festzulegen.«

Fußnoten

(1) Archiv Walter-Jörg Langbein: Notizen des Verfassers Im Lauf vieler Jahre hörte ich immer wieder eine Sage. Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch hat sie mir erzählt. Der Heimatforscher Konrad Radunz hat sie mir auch erzählt. »Sagen in Sachen Staffelberg«.
(2) Radunz, Sigrid: »Der Staffelberg/ Wahrzeichen Frankens«. Lichtenfels/ Oberfranken, 2. Auflage 1989, Seite 18: »Sagen zum Staffelberg/ Der Schatz im Inneren des Berges«.
Siehe auch Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes«, Lichtenfels 1996, Seite 62: »Der Schäfer im Staffelberg«.
(3) »Sagenhafte Orte: In der Johannisnacht öffnen sich die Berge«, »Obermain-Tagblatt« https://www.obermain.de/lokal/obermain/art2414,658739?wt_ref=https%3A%2F%2Fwww.ecosia.org%2F&wt_t=1599984396682 (Stand 03.01.2021)
(4) Schmid, Holger Karsten: »Frau Holle, die Herrin der Disen und ihre spirituelle Initiation für die Anderswelt-Reise«, Norderstedt 2017, Seite 110
(5) Ebenda
(6) Wildauer, Simone: »Marienpflanzen/ Der geheimnisvolle Garten Marias in Symbolik, Heilkunde und Kunst«, Kapitel »Maria mit ihren Pflanzen in der Kunst«, Seiten 27-37, Zitat Seite 27, 25.+26. Zeile von oben
(7) »Maria im Ährenkleid«, wikipedia-Artikel. https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_im_%C3%84hrenkleid.
Stand 03.01.2021

Zu den Fotos
Foto 1: »Maria im Aehrenkleid«. Gemälde von Hinrik Funhof (um 1480). Foto wikimedia commons.
Foto 2: Sigrid Radunz: »Der Staffelberg«.
Foto 3: Der mysteriöse Staffelberg, historische Aufnahme.
Foto 4: Der Staffelberg – sagenumwoben. Foto Walter-Jörg Langbein


573. »Tunnel durch Raum und Zeit«,
Teil 573 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. Januar 2021



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Sonntag, 10. Juli 2016

338 »Die Göttin auf dem Berg«

Teil 338 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick auf den Staffelberg

Meine ersten Erkundungen führten mich in jugendlichen Jahren zum Staffelberg bei Staffelstein. Als Kind hoffte ich, den einen oder den anderen »Querkeles«-Zwerg beobachten zu können. Aus der eher schmuddeligen und häufig von Besuchern verunreinigten Höhle hatten sich die kleinen Wesen wohl längst zurückgezogen. Meine Urgroßmutter hatte mir so manche Sage erzählt, von den Staffelberg-Zwergen, wie emsig sie einst den Menschen halfen und ihnen schwere Arbeiten abnahmen. In Sagen wird auch überliefert, dass die Querkele heilkundig waren und bei der Pflege von Kranken halfen.

Die Leibspeise der Querkele waren die fränkische Spezialität schlechthin, nämlich rohe Kartoffelklöße. Gelegentlich stibitzten sie den einen oder den anderen Kloß. Die klugen Hausfrauen gingen stillschweigend darüber hinweg. Eine geizige Frau indes versuchte, derlei harmlosen Mundraub zu unterbinden. Das kränkte die Querkele sehr und sie zogen sich aus den Behausungen der Menschen zurück. Ob sie sich noch am Staffelberg aufhielten? 

Als Bub durchstöberte ich manches Mal die bewaldeten Hänge des Staffelbergs. Ich kroch durch Gestrüpp, krabbelte manche Böschung hinauf. Ich bekam aber weder irgendwelche Spuren der kleinen Wesen, noch einen Querkele selbst zu sehen. Besonders intensiv erkundete ich die Westflanke des Staffelbergs, dem sich der Würzburger Weihbischof Söllner anno 1654 nur ehrfurchtsvoll zu nähern wagte. »Dieser Berg ist ein heiliger Berg. Ich bin nicht würdig, ihn mit Schuhen zu besteigen.«, soll der Kirchenmann einst gesagt haben.

Besonders interessant fand ich die Erkundung des Staffelbergs von Staffelstein aus. Von der Victor-von-Scheffel-Straße aus ging‘s am Friedhof vorbei, steil hinauf auf den Staffelberg. Leider fand ich kein einziges Querkele. Über die Reste der einstigen Wallanlage, von den Kelten vor rund zwei Jahrtausenden angelegt, kroch ich suchend umher. Eingänge zu Höhlen fand ich keine.

Foto 2: Der Eremit Valentin vom Staffelberg

Auf einer meiner jugendlichen Erkundungstouren begegnete mir ein freundlicher, bärtiger älterer Herr, der mit einer spitzen Metallstange im Boden stocherte. Der Mann hätte wohl Karl May als Vorbild für eine seiner Fantasiegestalten dienen können. Er trug eine Art Kutte, er ähnelte darin Valentin Mühe, der von 1913 bis 1925 als Eremit Valentin auf dem Staffelberg lebte. 1925 erkrankte er schwer und verließ den Staffelberg. Ausschlaggebend für seinen Entschluss, seine bescheidene Klause zu verlassen, mag auch die üble Verschmutzung des einst heiligen Bergs gewesen sein. Besonders an hohen kirchlichen Feiertagen wie Ostern strömten die Menschen in Scharen auf den Berg und Bruder Valentin verzweifelte, weil er seinen Berg nicht ausreichend schützen konnte. 1925 verliert sich jede Spur des frommen Mannes.

Der Mann mit der Kutte erklärte mir, dass er nach einem »Brunnenschacht der Kelten« suche. Er habe schon das »gesamte Plateau« überprüft, aber keinen Hinweis gefunden. Vielleicht habe man ja die Adelgundis-Kapelle über dem Brunnenschacht gebaut. Tatsächlich soll bereits um das Jahr 800 ein kleines Gotteshaus auf den Resten eines »heidnischen Kultbaus« errichtet worden sein. 1419 wird die »Adelgundiskapelle« erstmals urkundlich erwähnt. Ob es sich dabei um die Kapelle aus dem Jahr 800 handelte, bleibt unklar.

Foto 3: Befestigungsmauer Staffelberg.

Sicher ist, dass es vor rund zwei Jahrtausenden auf dem Staffelberg das keltische Oppidum Menosgada gegeben hat, eine stark befestigte Anlage, geschützt durch ein komplexes System aus Wällen, die den gesamten Staffelberg umschlossen. Dank archäologischer Ausgrabungen konnte die Schutzmauer um das Plateau des Staffelbergs in einem kleinen Teilstück rekonstruiert werden, und das bis in kleinste Details! Vermutlich waren es keltische »Adlige«, die im 5. Und 6. Jahrhundert auf der Hochfläche – 350 Meter lang und 125 Meter breit – siedelten. Die imposante Schutzmauer war immerhin fünf Meter breit und drei Meter hoch. Paul und Sylvia Botheroyd merken in ihrem beachtenswerten Werk »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten« an (1): 

»Im Nordosten ließen sie die Mauer sogar doppelt anlegen. Die Häuser der Siedlung waren teilweise an die Mauer angebaut; der Herr hatte den Funden nach Töpfer und Schmiede in seinen Diensten stehen – Keramik, Bronzenadeln und – anhänger und einige sehr hübsche Fibeln, eine als Pferdchen gearbeitet, gehören dazu. Das Eingangstor zu dieser Burg dürfte an der Stelle gelegen haben, wo der moderne Weg das Plateau erreicht.«

Damit nicht genug! Weiter unten am Staffelberg wurde eine weitere Stadtmauer errichtet – 3000 Meter lang. Ein fast fünfzehn Meter breiter Erdwall wurde aufgeschüttet, riesige Mengen Holz wurden für eine sechs Meter hohe Bohlenwand benötigt. Bevor anrückende Feinde Wall und Holzbohlenwand angehen konnten, mussten sie erst einen zehn Meter breiten Graben überwinden. Übrigens war der Graben über weite Strecken nicht einfach nur ausgehoben, sondern in den Fels geschlagen worden. Der Arbeitsaufwand für das Oppidum auf dem Staffelberg war immens!

Darf man davon ausgehen, dass es innerhalb der Keltenstadt auch ein Heiligtum gegeben hat? Konkrete Hinweise oder gar definitive Spuren hat man freilich in der Keltenmetropole auf dem Staffelberg nicht gefunden. Wilfried Menghin weist in seinem empfehlenswerten Werk »Kelten, Römer und Germanen/ Archäologie und Geschichte in Deutschland« darauf hin (2), dass die mysteriösen Viereckschanzen, auch »Keltenschanzen« genannt, wie die Keltenstädte gleichen Einflüssen unterliegen. Er spricht von »religiös-architektonischem Einfluss«.

Foto 4: Oppidum Manching

Die Befestigungsanlagen der Kelten auf Bergen wie dem Staffelberg sind um einiges älter als die »Vierecksschanzen«. So sind keltische Befestigungsanlagen auf dem Staffelberg schon ab etwa 600 v.Chr. nachweisbar. Auch auf dem »flachen Land« schufen die Kelten Oppida. Das Oppidum von Manching (bei München, unweit von Ingolstadt gelegen) wurde einige Jahrhunderte vor den Schanzen gebaut und erreichte enorme Ausmaße für die damalige Zeit. In der zweiten Hälfte des 2. Vorchristlichen Jahrhunderts lebten bis zu 10.000 Menschen in der Anlage. Die mächtige Stadtbefestigung – eine »Monstermauer« mit einer Länge von über sieben Kilometern! Eine Rekonstruktion der zentralen Siedlungsfläche des Oppidums Manching im Keltenmuseum zu Manching lässt staunen, wie zivilisiert die Kelten schon gewesen sein müssen. Ihre Städte waren präzise geplant und wie auf dem Reißbrett gebaut. »Primitive« waren da nicht am Werk!

Foto 5: Das Heidetraenk Oppidum

Das »Heidetränk Oppidum«, bei Oberursel im Taunus gelegen, gilt als eine der wichtigsten Anlagen dieser Art von ganz Europa. Dieses bedeutsame Oppidum, etwas jünger als die wehrhaften Keltensiedlungen vom Staffelberg oder Manching, ist kaum von Keltenschanzen (etwa Herlingsburg!) zu unterscheiden.

Nach Erkundung mehrerer Oppida und Keltenschanzen komme ich zur Überzeugung, dass die mysteriösen »Schanzen« kleinere Abbildungen der älteren Keltenstädte (Oppida) sind. Umstritten ist, ob es sich bei den Keltenschanzen ausschließlich um landwirtschaftliche Höfe von Kelten oder ausschließlich um Tempelanlagen handelte. Vermutlich gibt es für geschätzte 20.000 bis 40.000 Keltenschanzen nicht eine einheitliche Erklärung. Bei manchen mag es sich um kleine befestigte Tempel, bei anderen um ebenfalls befestigte Höfe mit Wohngebäuden, Stallungen und Tempeln gehandelt haben. »Eingefriedete heilige Bezirke« weisen nach Ausgrabungen »tiefe Kultschächte«, »Opferfeuerstellen« und »hölzerne Umgangstempel« auf.

Foto 6: Der Staffelberg...

Der Mann mit Kutte, der mir an einem Steilhang des Staffelbergs begegnete, stocherte mit einer Metallstange im Boden herum. Warum er das tat? Ich fragte natürlich. Auf diese Weise wolle er, erklärte er mir geduldig, die verfüllte Öffnung eines »Opferschachts« finden. Vergeblich. Ob es je im Oppidum vom Staffelberg einen »Opferschacht« gegeben hat? Intensive Ausgrabungskampagnen wären erforderlich, doch es fehlt das nötige Geld!

Sollte die Überlieferung der Wahrheit entsprechen, wonach die Adelgundis-Kapelle auf den Resten eines heidnischen Tempels gebaut wurde? Das kleine Gotteshaus ist der Heiligen Adeldgundis geweiht. Die heilige Aldegundis soll tatsächlich gelebt haben (* um 630 in Coulsore, Frankreich; † 684, 695 oder 700). Sie gehört zu den Nothelferinnen und ist für Katholiken himmlische Anlaufstelle bei Krankheit und Todesgefahr. Ihr Gedenktag ist der 30. Januar. Am 1. Februar wird die Heilige Brigitte von Irland gefeiert. Zufall?

Foto 7: Heiligenhäuschen der Adelgundis

»Das Namensfest der hl. Adelgundis liegt in verdächtiger Nähe zum 1. Februar, dem Geburtstag der heiligen Brigitte von Irland, die damit das keltische Fest Imbolc, den Frühlingsanfang, christianisierte. Interessanterweise befindet sich die heilige Brigida unter den 16 Nothelfern, die in der Kapelle mitverehrt werden.«, lesen wir bei Paul und Sylvia Botheroyd (3).

Und jetzt wird es spannend. Weiter: »Die irische Brigid ist ursprünglich eine uralte, vermutlich schon vorkeltisch verehrte Feuer-, Sonnen- und Muttergöttin. Das sonnenüberflutete Bergplateau hoch über dem Maintal wäre an sich ein passender Ort für die Verehrung einer lichten Gottheit.«

Wer also hinauf auf das Plateau des Staffelbergs wandert, der tritt eine weite Reise in die Vergangenheit an: zu den Kelten und zur Göttin auf dem Berg, die schon lange vor den Kelten verehrt wurde.

Verblüffend ist die Ähnlichkeit zwischen der heidnischen Brigid und der christlichen Maria. Die heidnische Göttin gilt auch als die »Lichtjungfrau«, als »die vom Strahlenkranz Umgebene«. Brigid löst als Göttin des Frühlings die Mächte der winterlichen Kälte ab. Und Maria hat am 2. Februar auch einen ganz besonderen, christlichen Feiertag: »Mariä Lichtmess«. Nach mosaischem Gesetz darf ein neugeborener Knabe frühestens nach vierzig Tagen in den Tempel gebracht und vorgezeigt werden. Warum erst nach 40 Tagen? Weil nach dem Gesetz des Alten Testaments eine Frau nach der Geburt eines Buben 40 Tage als unrein galt (4). Durch die Geburt eines Mädchens allerdings wurde sie nach diesem Verständnis mehr beschmutzt, und galt doppelt so lang als »unrein«.

Das ist der biblische Ursprung des Fests von Mariae Lichtmess am 2. Februar, als Ersatz für das heidnische Frühlingsfest. Am 2. Februar beginnt nach dem uralten Bauernkalender das neue Jahr. Das erstarrte Leben erwacht wieder. Ist nicht das Ziel jeder Religion, die Angst vor dem Tod zu nehmen, vor der ewigen Kälte eines schwarzen Nichts?

Foto 8: Der heilige Berg bei Staffelstein
Fußnoten

Foto 9
1) Botheroyd, Paul und Sylvia: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«, München 1989, Kapitel Staffelstein, S. 193-196, Zitat S. 194
2) Menghin, Wilfried: »Kelten, Römer und Germanen/ Archäologie und Geschichte in Deutschland«, Lizenzausgabe, Augsburg 1994, S. 127
3) Botheroyd, Paul und Sylvia: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«, München 1989, Kapitel Staffelstein, S. 193-196, Zitat S. 194
4) 3. Buch Mose Kapitel 12, Verse 2-4: »Sag zu den Israeliten: Wenn eine Frau niederkommt und einen Knaben gebiert, ist sie sieben Tage unrein, wie sie in der Zeit ihrer Regel unrein ist. Am achten Tag soll man die Vorhaut des Kindes beschneiden und dreiunddreißig Tage soll die Frau wegen ihrer Reinigungsblutung zu Hause bleiben. Sie darf nichts Geweihtes berühren und nicht zum Heiligtum kommen, bis die Zeit ihrer Reinigung vorüber ist.«
5) 3. Buch Mose Kapitel 12, Vers 5: »Wenn sie ein Mädchen gebiert, ist sie zwei Wochen unrein wie während ihrer Regel. Sechsundsechzig Tage soll sie wegen ihrer Reinigungsblutung zu Hause bleiben.«



10. Juli 2016: Während ich letzte Vorbereitungen für meine Reise nach Bad Segeberg am 13. Juli 2016 treffe , flattert mir eine hochaktuelle Meldung auf den Schreibtisch: Archäologen haben im Allgäu eine sensationelle Entdeckung gemacht! In Jengen, im Ostallgäu gelegen, wurden 4000 Jahre alte Gräber entdeckt. Bei Ausschachtungen für eine Tiefgarage  stieß man auf mehrere Skelette, Schmuck und Objekte aus Bronze. Unklar ist, wann mit den Bauarbeiten begonnen werden kann. Vorher müssen sorgsame archäologische Untersuchungen vorgenommen werden. Zuständig ist der aus Kaufbeuren stammenden Archäologe Marcus Simm.


 Zu den Fotos

Foto 1: Blick auf den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eremit Valentin in seiner Klause. Foto Archiv Langbein
Foto 3: Befestigungsmauer Staffelberg. Foto commons Janericloebe
Foto 4: Oppidum Manching. Foto wikimedia commons Mößbauer
Foto 5: Heidetraenk Oppidum. wikimedia commons Rabalotoff
Foto 6: Der Staffelberg... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Heiligenhäuschen der Adelgundis vom Staffelberg. Foto wikipedia commons Janericloebe.
Foto 8: Der heilige Berg bei Staffelstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Rätselhafte keltische Münze, etwa 2.-3. Jahrhundert vor Christus


339 »Karl May und die Pyramide«,
Teil 339 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 17.07.2016


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