Posts mit dem Label Staffelberg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Staffelberg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 17. Januar 2021

574. »Durch Felsentore in andere Welten«

Teil 574 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein
 

Wenn ich vor die Haustüre trete, sehe ich in einiger Entfernung den »Köterberg«. Hoch oben auf dem einstigen »Götterberg« ragen Beispiele heutiger »technischer Magie« in den Himmel. Für uns Heutige haben Funktürme und Sendeanlagen natürlich nichts mit Zauberei zu tun. Für Menschen, die vor wenigen Jahrhunderten lebten allerdings wäre heutige Technologie unbegreifbarer Zauber, vielleicht gar böses Teufelswerk. Für uns Heutige wiederum sind Berichte über Felsentore, die mit Magie geöffnet und geschlossen werden können, abergläubischer Unsinn. In die gleiche Kategorie ordnen wohl die meisten Zeitgenossen heute Blumen ein, die Felsentore öffnen. Aber sind mysteriös anmutende Beschreibungen in der Sagenwelt Hirngespinste, Ergebnisse einer uferlosen Fantasie? Oder steckt Wahrheit in den alten Sagen über den »kleinen Grenzverkehr« zwischen den Welten? Foto 1: Hoch oben auf dem

Foto 1: Hoch oben auf dem »Köterberg«...
Technische »Magie« heute. 

Es gehörte zu den Pflichten meines Großvaters Emil Langbein, im gesamten Dienstbereich in und um Michelau polizeiliche Präsenz zu zeigen. Auf langen Dienstgängen zu benachbarten Dörfern hörte sich Oberkommissar Langbein die kleinen und großen Sorgen der Landbevölkerung an. Wo er helfen konnte, tat er das gern. Die Menschen hatten Vertrauen zu ihm. Gern ließ er sich bei Dorffesten und Kirchweihen von den Älteren Sagen vortragen, die heute wahrscheinlich weitestgehend vergessen sind. Diese alten Überlieferungen interessierten mich sehr und so ließ ich mir einige mündlich tradierte Geschichten von meinem Großvater diktieren. Emsig notierte ich, was mein Großvater vorgetragen hat. Ein Beispiel: Beim Dörfchen Thelitz, südöstlich von Lichtenfels in einem Hügelland südlich des Mains gelegen erzählte ihm eine greise Bauersfrau eine Sage von der »Springwurz« (1): 

»Ein Bauer ärgerte sich über das laute und ausdauernde Hämmern eines Spechts unweit seiner Schlafkammer. Manchmal klopfte der Specht auch an Balken des einfachen Häuschens. Schließlich wurde es dem Bauern zu bunt. Er legte sich auf die Lauer und fand so heraus, in welchem Baumstamm der Specht seine Nisthöhle angelegt hatte. Als der Specht wieder einmal weggeflogen war, schleppte der Bauer eine hohe Leiter an den knorrigen Baum und kletterte mit Nägeln, Hammer und einem Brett bewaffnet empor. Er nagelte mit wuchtigen Schlägen das Brett vor den Eingang zur Behausung des Spechts. Zufrieden und nicht ohne Schadenfreude wartete der Bauer die Rückkehr des Spechts ab. Dieser freilich wusste sich zu helfen. Der Specht entfernte sich wieder und kehrte bald darauf mit einer Springwurzel zurück. Mit der Springwurzel im Schnabel flog der Specht seine Behausung an und wie von Zauberhand bewegt schnellte das vorgenagelte Brett in weitem Bogen zu Boden. ›Da ist Zauberei im Spiel!‹, dachte der Bauer nicht ohne Angst. Von nun an ließ er den Specht gewähren. Auf dem Sterbebett hörte der Bauer, dass er dem Specht die Springwurz hätte abluchsen können. Mit der magischen Pflanze hätte er Tore in eine andere Welt öffnen und unvorstellbare Schätze bergen können. Dazu aber war es zu spät.« 

Tatsächlich gilt in der Sagenwelt die »Springwurz« als magische Pflanze, die nur der Specht zu finden vermag. Die »Springwurz« kann, so heißt es, Verschlossenes wie ein Zauberschlüssel öffnen. Die Springwurz gilt seit Ewigkeiten als Zauberpflanze. Sie wurde schon von Eingeweihten im »Alten Indien« beschrieben, aber auch von Plinius im römischen Schrifttum und in hebräischen Werken über magische Wirkung von Pflanzen. König Salomo soll die Magie der Springwurz genutzt haben. Auf meinen Reisen habe ich immer wieder von der »Springwurz« gehört. Uneinigkeit herrschte dabei, ob es sich dabei um eine reale, existierende Pflanze handelt und wenn ja, um welche. 

Ist es »Salomons Siegel« aus der Familie der Spargelgewächse? Oder handelt es sich um eine Pfingstrosenart … oder um Johanniskraut? Ludwig Bechstein (*1801; †1860), ein deutscher Schriftsteller, Bibliothekar, Archivar und Apotheker, sammelte mit Begeisterung alte deutsche Sagen und Märchen. 1842 veröffentlichte er das Buch »Sagenschatz des Frankenlandes«. Seine wahrscheinlich wichtigste Publikation erschien erstmals 1845 in zwei Bänden: »Deutsches Märchenbuch«. War mir die »Springwurz« erstmals in der Sagenwelt meiner oberfränkischen Heimat begegnet, so verfolgte sie mich förmlich bis ins Weserbergland, wo ich seit vielen Jahren zuhause bin. Ludwig Bechstein hat die aufschlussreiche Sage vom Springwurz und dem Köterberg festgehalten (2): 

»Der Köterberg an der Landscheide des paderbornschen, corveyschen und lippeschen Gebietes mag wohl ehedem Götterberg geheißen haben. Viel erzählt von ihm die Sage; daß er innen voll Schätze sei, daß an seinem südlichen bewaldeten Fuße eine Harzburg gestanden habe, deren Reste noch zu sehen, und bei Zierenburg, zwei Stunden von ihr, eine Hünenburg. Öfters haben die Hünen, die auf diesen Burgen wohnten, mit Hämmern herüber- und hinübergeworfen. Einem Schäfer, der auf dem Köterberge seine Herde hütete, erschien eine reizende Jungfrau in königlicher Tracht, die trug in ihrer Hand die Springwurz, bot sie dem Schäfer dar und sagte: Folge mir! Da folgte ihr der Schäfer, und sie führte ihn durch eine Höhle in den Köterberg hinein, bis am Ende eines tiefen Ganges eine eiserne Türe das Weitergehen hemmte. ›Halte die Springwurz an das Schloß!‹ gebot die Jungfrau, und wie der Schäfer gehorchte, sprang die Pforte krachend auf. 

Nun wandelten sie weiter, tief, tief in den Bergesschoß hinein, wohl bis in des Berges Mitte. Da saßen an einem Tische zwei Jungfrauen und spannen, und unterm Tische lag der Teufel, aber angekettet. Ringsum standen in Körben Gold und Edelsteine. Nimm dir, aber vergiß das Beste nicht! sprach die Jungfrau zum Schäfer; da legte dieser die Springwurz auf den Tisch, füllte sich die Taschen und ging. Die Springwurz aber ließ er auf dem Tische liegen. Wie er durch das Tor trat, schlug die Türe mit Schallen hinter ihm zu und schlug ihn hart an die Ferse. Mit Mühe entkroch der Schäfer der Höhle und freute sich am Tageslichte des gewonnenen Schatzes. Als er diesen überzählte, gedachte er sich den Weg wohl zu merken, um nach Gelegenheit noch mehr zu holen, allein wie er sich umsah, konnte er nirgend den Ein- oder Ausgang entdecken, durch den er gekommen war. Er hatte das Beste, nämlich das beste Stück zur Wiederkehr, die Springwurz, vergessen.« 

Bei der Burgruine Nordeck war es eine »Ährenkönigin«, die aus der anderen Welt in unsere Welt trat. Der »Schäfer vom Köterberg« hatte eine mysteriöse Begegnung mit einer »reizenden Jungfrau in königlicher Tracht«. Beide benützten Blumen zum öffnen des Felsentores in die andere Welt: die »Ährenkönigin« drei Lilien, die »Jungfrau in königlicher Tracht« die Springwurz. In einer anderen Sage, von der ich einige leicht voneinander abweichende Variationen hörte, öffnen Schlüsselblumen den Felseingang. Ein ähnliches Geheimnis hat Wallersberg, 453 m über dem Meeresspiegel auf einer Hochebene am östlichen Rand des malerischen Kleinziegenfelder Tals, gelegen. Hier sind es Kornblumen, die es einem Knaben ermöglichen, in eine fremde Welt hinter einem Felsentor zu gelangen. Nicht zu vergessen: Auch in den oberfränkischen Staffelberg kann man durch ein mysteriöses Tor gelangen, das sich alle 100 Jahre auftut.


 Foto 2: Auch der Staffelberg hat Geheimnisse

Andreas Motschmann, profunder Kenner nicht nur der Sagenwelt des Frankenlandes, fasst in seinem Traktat über »Brauchtum in Deutschland« zusammen (3): 

»Viele der alten Volkssagen sind sogenannte Erlösungssagen. Die Gemeinsamkeit dieser Sagenart liegt darin, dass sich beispielsweise am Johannistag – nur einmal im Jahr also – der Berg, beziehungsweise der Felsen öffnet und der Eintritt in die ›Anderswelt‹ gelingt. Dabei können nur an diesem Tage die dorthin Verbannten und so Eingeschlossenen von ihrem Schicksal erlöst werden. Der Zutritt gelingt oft nur mit einem symbolischen Schlüssel. Dieser ist meist eine ›Wunderblume‹, zum Beispiel eine Schlüsselblume, Springwurzel oder blühendes Farnkraut. Als Belohnung winken große Schätze. Geblendet vom plötzlichen Reichtum vergessen die Eindringlinge, trotz der Warnung: ›Vergiss das Beste nicht‹, das Wichtigste, eben den ›Schlüssel‹ wieder mitzunehmen, und damit ist die Chance vertan, die Verbannten zu erlösen.« Es gibt einen wahren Schatz an Sagen, die sich aber alle auf eine einzige Aussage kondensieren lassen: 

Es gibt neben unserer Welt eine andere, eine Parallelwelt. Schon die Philosophen der Antike dachten darüber nach, ob es eine oder mehrere Parallelwelten gibt. Was viele Zeitgenossen heute noch als Science-Fiction abtun, das wird von Quantenphysikern ernsthaft erörtert. Werner Heisenberg (*1901; †1976), einer der bedeutendsten Physiker überhaupt, erhielt 1932 Nobelpreis für die Begründung der Quantenmechanik. So verwundert es nicht, dass sich Heisenberg ausgiebig mit der Quantenphysik beschäftigte. Seine Umschreibung des Begriffs Quantenphysik lässt mich an die mysteriösen Hinweise in der Welt der Sagen über »Anderswelten« oder »Parallelwelten« denken (4): 

»Die Quantentheorie ist so ein wunderbares Beispiel dafür, daß man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, daß man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann.« Die geheimnisvollen Sagen, in denen Menschen von der einen Welt durch ein Felsentor in eine andere Welt und wieder retour gelangen können, sind das Bilder und Gleichnisse? Ist die Basis dieser märchenhaft anmutenden Sagen ein uraltes, längst in Vergessenheit geratenes Wissen von der Existenz von Parallelwelten? 

Der geniale Wissenschaftler Werner Heisenberg war davon überzeugt, dass es nur dann eine Weiterentwicklung zum Beispiel in der Physik geben kann, wenn altvertraute Wege verlassen werden (5): »Wirkliches Neuland in einer Wissenschaft kann wohl nur gewonnen werden, wenn man an einer entscheidenden Stelle bereit ist, den Grund zu verlassen, auf dem die bisherige Wissenschaft ruht, und gewissermaßen ins Leere zu springen. … Wenn wirkliches Neuland betreten wird, kann es aber vorkommen, daß nicht nur neue Inhalte aufzunehmen sind, sondern daß sich die Struktur des Denkens ändern muß, wenn man das Neue verstehen will. Dazu sind offenbar viele nicht bereit oder nicht in der Lage.«  

Fußnoten
(1) Nach meinen handschriftlichen Notizen vom Frühjahr 1979 wiedergegeben.
(2) Bechstein, Ludwig: »Deutsches Sagenbuch«, Meersburg und Leipzig 1930, S. 205-206. (Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(3) Motschmann, Andreas: »Brauchtum in Deutschland/ Sommersonnenwende in Deutschland/ Brauchtum, Wetterregeln und Volksagen um den Johannistag«. http://www.cca-bolivia.com/wp-content/uploads/2014/06/Sommersonnenwende-in-Deutschland.pdf (Stand 18.9.2020)
(4 ) Heisenberg, Werner: »Physik und Philosophie«, 7. Auflage, Stuttgart 2006, S. 17 (Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(5) Werner Heisenberg: »Der Teil und das Ganze«, Kapitel 6, »Aufbruch in das Neue Land«, 9. Auflage, München, Februar 2012, Seite 88. (Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
 

Zu den Fotos 

Foto 1: Hoch oben auf dem »Köterberg«... Technische »Magie« heute. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Auch der Staffelberg hat Geheimnisse. Foto Ansichtskarte (vor 1926). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
 

575. »Per Anhalter zu anderen Welten?«,
Teil 575 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24. Januar 2021  

 

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 3. Januar 2021

572. »Burgruinen und Sagenwelten«

Teil 572 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Maria im Aehrenkleid«.
Gemälde von Hinrik Funhof
(um 1480).
Drei Lilien dienen in der Johannisnacht einem Sonntagskind als »Schlüssel«, um ein mysteriöses Felsentor zum Reich der Ährenkönigin zu öffnen. Im Lauf vieler Jahre hörte ich immer wieder eine Sage. Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch hat sie mir erzählt. Der Heimatforscher Konrad Radunz hat sie mir auch erzählt (1): Alle hundert Jahre hatte ein Sonntagskind in meiner oberfränkischen Heimat die Chance, in der Johannisnacht ein »Felsentor« am Staffelberg zu öffnen: mit Schlüsselblumen. Ein Sonntagskind konnte zur Geisterstunde in der Johannisnacht – mit Schlüsselblumen – das mysteriöse Tor im Berg öffnen und dann vom Schatz in der Welt hinter dem Steintor so viel mitnehmen wie es nur tragen konnte. Allerdings musste der vermeintliche Glückspilz zum letzten Glockenschlag um Mitternacht wieder am Felsentor stehen. »Vergiss das Wertvollste nicht!«, bekam so manches Sonntagskind zu hören. Damit war der Schlüsselblumenstrauß, kein Geschmeide aus Gold, gemeint, der den Einlass in den Berg ermöglichen würde. Ohne die Schlüsselblumen blieb das Tor versperrt, war ein Zurück in die Welt erst ein Jahrhundert später möglich. Erst dann würde sich das Felsentor wieder öffnen . Das aber vergaß wohl so manches Sonntagskind, weil die Gier nach Gold den Verstand raubte.

Sigrid Radunz erzählt in ihrem Büchlein »Der Staffelberg« so eine Sage (2): »Tief im Innern des Staffelberges ist in einer unzugänglichen Höhle ein großer Schatz verborgen. Alle hundert Jahre öffnet sich zu mitternächtlicher Stunde an Johanni der Berg und gibt für eine Stunde den Weg zu den unterirdischen Räumen frei. Doch nur Sonntagskindern ist es möglich, in das Berginnere zu schauen. Einmal wurde in einer solchen Nacht ein junger Schäfer durch ein donnerndes Dröhnen aufgeschreckt. Da er an einem Sonntag geboren war, konnte er den geöffneten Berg betreten. Angezogen und geblendet von den unermesslichen Reichtümern, die er vorfand, wurde er immer tiefer in den Berg gelockt. Ehe er sich seine Taschen voll Gold und Edelsteine stopfen konnte, war die kurze Frist von einer Stunde verstrichen. Mit einem Dröhnen schloss sich der Berg wieder und versperrte dem Schäfer den Weg ins Freie. Hundert Jahre lang musste er warten, bis sich der Berg wieder öffnete. Als alter Mann verließ er diese Stätte, seine Taschen leer, er brauchte keine Reichtümer mehr.«

Foto 2: Sigrid Radunz:
»Der Staffelberg«.
Lilien dienten als Schlüssel zum Felsentor der »Ährenkönigin«. Das Felsentor im Staffelberg ließ sich mit Schlüsselblumen alle 100 Jahre in der Johannisnacht öffnen (3). Wieso Schlüsselblumen? Die Kelten bauten vor mehr als zwei Jahrtausenden auf dem markanten Gipfelplateau des Staffelbergs hoch über dem Main einen massiv befestigten Siedlungsplatz, ein »oppidum« in der Sprache ihrer Feinde, der Römer. Sie nannten ihre Metropole »Menosgada«.

Für die Kelten hatte die »Schlüsselblume« magische Bedeutung. Schlüsselblumen wurden von ihren Priestern bei Kultritualen eingesetzt. Angeblich brauten aus Schlüsselblumen einen berauschenden Trank, der sie in andere Welten versetzte. So liegt es nahe, dass Kelten Schlüsselblumen als Schlüssel zu einem Felsentor im Staffelberg verstanden haben. Bei den Germanen hatte die Schlüsselblume auch eine Schlüsselfunktion: sie ermöglichte den Zugang in das Reich der Göttin Freya. Sie war bei den Germanen eine »Göttin der Fruchtbarkeit, des Frühlings, des Glücks und der Liebe« und sie lehrte die große Kunst der Zauberei. Sie ähnelt in verblüffender Weise der »Ährenkönigin«.

Von der Burgruine Nordeck zur Ruine Blankenhorn über Eibensbach (Ortsteil von Güglingen im Zabergäu, Landkreis Heilbronn in Baden-Württemberg). Die Herren von Neuffen haben das einst imposante Bauwerk im frühen 13. Jahrhundert errichten lassen. Am Rennweg war die Burg einige Zeit von strategischer Bedeutung. Im 15. Jahrhundert verfiel sie und diente im späten 15. Jahrhundert als Steinbruch.

Der Sage nach hütete einst ein junger Mann seine Kühe unweit der Ruine Blankenhorn. Er fand eine Schlüsselblume, die er sich an den Hut steckte. Plötzlich lastete ein großes Gewicht auf dem Kopf des »Cowboys« aus Eibensbach. Die Schlüsselblume hatte sich in einen Schlüssel verwandelt. Gleichzeitig tauchte eine »Jungfrau in Weiß« auf und erklärte dem verblüfften Burschen, dass er mit dem Schlüssel eine verborgene Tür im Heuchelberg könne. Hinter dieser Tür werde er auf eine verborgene Welt voller Schätze stoßen. Er dürfe mitnehmen, so viel er wolle. Aber er müsse aufpassen, das Wertvollste nicht zu vergessen. Dreimal ermahnt ihn die »Jungfrau«, auf keinen Fall »das Beste« zurück zu lassen.

Genau aber das geschah. Im Goldrausch schleppte der junge Mann Kostbarkeiten ins Freie. Das »Beste«, nämlich den Schlüsselblumenschlüssel, ließ er in der Welt hinter dem Tor in den Berg liegen. Freilich hatte er mehr Glück als der Schäfer vom Staffelberg. Die Tür im Heuchelberg verschwand, als er gerade wieder einen Sack mit Gold nach draußen geschleppt hatte. Der Schäfer vom Staffelberg musste ein Jahrhundert warten, bis er den Berg wieder verlassen konnte. Der »Cowboy von Eibensbach« hatte schon Kostbarkeiten aus der Unterwelt geschleppt, als sich das Tor schloss. Er konnte seinen Reichtum behalten, nur der Rückweg zu weiteren Schätzen blieb ihm verwehrt. Vergeblich suchte er nach dem verschwundenen Eingang.

Holger Karsten Schmid weiß viel Erhellendes über die mystisch-magische Schlüsselblume zu berichten (4): »In der nordischen Mythologie, den nordischen Sagen und Legenden wurde die Schlüsselblume von Elfen, Nixen, Undinen und Najaden geliebt, bewacht und vom Frühlingsgott Baldur beschützt. Baldur bestrafte denjenigen, der eine Schlüsselblume ausriss. Die Schlüsselblume soll dem Zaubergarten der Muttergöttin Holle entstammen, man ordnet sie zudem der Freya, der Aphrodite oder der wunderschönen Venus zu. Im Laufe der Zeit schließlich wurde sie die Pflanze der Jungfrau Maria (Marienpflanze, sichtbar auf vielen religiösen Bildern) und des Petrus, sein Zeichen als Wächter des Himmelstores sowie als Frühlingsblume (Primula veris) mit der Auferstehung der Natur als Symbol für die Auferstehung Christi‘.«

Foto 3: Der mysteriöse Staffelberg, historische Aufnahme.

Holger Karsten Schmid führt weiter aus, dass heidnische Sagen vom Christentum übernommen und uminterpretiert wurden (5): »So sollen dem Heiligen Petrus seine Himmelsschlüssel entglitten und auf die Erde gefallen sein und dort sich in eine Schlüsselblume verwandelt haben, die nur Sonntagskinder entdecken könnten. … Die Schlüsseljungfrau tritt in verschiedenen Sagen auf, sie hat quasi die Schlüsselgewalt. … In einigen Sagen wird die Schlüsselblume als Schlüssel für einen Schatz oder Schatzkammern verwendet.«

Ich hatte das große Glück, das mir meine Urgroßmutter Hedwig Welsch, sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren, so manche Sage aus dem Oberfränkischen ans Herz legte. So ist mir die Sagenwelt um den mysteriösen Staffelberg, auf dem schon vor zwei Jahrtausenden die Kelten siedelten, wohlbekannt. Mich faszinierte die Vorstellung von Felsentoren, durch die man in eine geheimnisvolle Unterwelt gelangen konnte. Sehr spannend fand ich als Kind die Geschichte von der »Ährenkönigin«. Sollte man ins Reich dieser Sagengestalt gelangen können, dann musste man ja wohl nie wieder die Schulbank drücken. Vor allem, so überlegte ich mir, würde einem in der Welt hinter dem Felsentor der verhasste Turnunterricht erspart bleiben. So manches Mal erkundete ich den Staffelberg, am liebsten ohne elterliche Aufsicht, doch einen Eingang fand ich nie. Aber ich war ja auch kein Sonntagskind. Den Eingang zum Schloss der Ährenfrau suchte ich dann erst gar nicht.

Foto 4: Der Staffelberg – sagenumwoben.

Während meines Studiums der »Evangelischen Theologie« in Erlangen unterhielt ich mich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus dem In- und Ausland, die mit mir im gleichen Studentenwohnheim wohnten, über mein Lieblingsthema »Sagen der Welt«. Ob Schwabenland oder Schweden: überall scheint es uralte Sagen zu geben, die im Prinzip alle die gleiche Geschichte erzählen: Ein Mensch kommt in den Besitz einer Schlüsselblume, die steinerne Tore in Felswänden und Bergen öffnet. Manchmal findet ein Mensch so eine Blume mit wundersamen Kräften, manchmal bekommt er sie von einer holden Frauengestalt überreicht. Manchmal scheint es sich bei dem zauberhaften Wesen um eine heidnische Göttin zu handeln, manchmal wird aus heidnischem Glauben christliche Frömmigkeit.

Manchmal stammt die wundersame Schlüsselblume aus dem christlichen Himmel der Gottesmutter Maria, manchmal aus dem Zaubergarten einer heidnischen Göttin. Göttinnen wie Aphrodite, Freya , Holle und Venus ließen Schlüsselblumen in ihren Zaubergärten wachsen und gedeihen. In leicht voneinander abweichenden Variationen geht es immer um Tore in eine andere, für gewöhnlich verschlossene Welt. Wie schwer manchmal Christliches von Heidnischem zu unterscheiden ist, das zeigt die Ährenkönigin. Ganz ähnliche Darstellungen gibt es in der christlich-sakralen Kunst: »Maria als Fruchtbarkeitsgöttin mit Ährenkleid« (6). »Maria im Aehrenkleid«, um 1480 von Hinrik Funhof geschaffen, könnte auch die »Ährenkönigin« von Kulmbach zeigen, die hinter einem Felsentor in einem prächtigen Schloss wohnt. Wikipedia vermeldet (7): »Der Sinngehalt des Ährenkleides ist nicht eindeutig festzulegen.«

Fußnoten

(1) Archiv Walter-Jörg Langbein: Notizen des Verfassers Im Lauf vieler Jahre hörte ich immer wieder eine Sage. Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch hat sie mir erzählt. Der Heimatforscher Konrad Radunz hat sie mir auch erzählt. »Sagen in Sachen Staffelberg«.
(2) Radunz, Sigrid: »Der Staffelberg/ Wahrzeichen Frankens«. Lichtenfels/ Oberfranken, 2. Auflage 1989, Seite 18: »Sagen zum Staffelberg/ Der Schatz im Inneren des Berges«.
Siehe auch Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes«, Lichtenfels 1996, Seite 62: »Der Schäfer im Staffelberg«.
(3) »Sagenhafte Orte: In der Johannisnacht öffnen sich die Berge«, »Obermain-Tagblatt« https://www.obermain.de/lokal/obermain/art2414,658739?wt_ref=https%3A%2F%2Fwww.ecosia.org%2F&wt_t=1599984396682 (Stand 03.01.2021)
(4) Schmid, Holger Karsten: »Frau Holle, die Herrin der Disen und ihre spirituelle Initiation für die Anderswelt-Reise«, Norderstedt 2017, Seite 110
(5) Ebenda
(6) Wildauer, Simone: »Marienpflanzen/ Der geheimnisvolle Garten Marias in Symbolik, Heilkunde und Kunst«, Kapitel »Maria mit ihren Pflanzen in der Kunst«, Seiten 27-37, Zitat Seite 27, 25.+26. Zeile von oben
(7) »Maria im Ährenkleid«, wikipedia-Artikel. https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_im_%C3%84hrenkleid.
Stand 03.01.2021

Zu den Fotos
Foto 1: »Maria im Aehrenkleid«. Gemälde von Hinrik Funhof (um 1480). Foto wikimedia commons.
Foto 2: Sigrid Radunz: »Der Staffelberg«.
Foto 3: Der mysteriöse Staffelberg, historische Aufnahme.
Foto 4: Der Staffelberg – sagenumwoben. Foto Walter-Jörg Langbein


573. »Tunnel durch Raum und Zeit«,
Teil 573 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. Januar 2021



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 13. Dezember 2020

569. »Das wäre eine armselige Wissenschaft…«

Teil 569 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien« von Walter-Jörg Langbein, erscheint am 13. Dezember 2020
 
Foto 1: »Hochschloss Pähl«,
Gemälde vom Meister der Pollinger Tafeln (um 1440).

Am Himmel schwebt ein Engel. Menschen Blicken zu ihm auf. Sie staunen. Vielleicht sind sie auch ängstlich. Entstanden ist das Gemälde um 1440. Ein wahrer Könner hat es geschaffen, nämlich der Meister der Pollinger Tafeln. Die stolze Burganlage rechts oben konnte man identifizieren. Es ist das »Hochschloss« von »Pähl im Pfaffenwinkel«. 

Das heutige »Pähl im Pfaffenwinkel« im oberbayerischen Landkreis Weilheim-Schongau entstand anno 1818 als in den Urkunden benannte Gemeinde. Bereits 1782 wurden bei Pähl erste archäologische Untersuchungen uralter Hügelgräber durchgeführt. Einige entstanden um das Jahr 450 v.Chr., die älteren stammen angeblich aus dem 15. Jahrhundert v.Chr. 

Mit einer Spezialdrohne wurden aufschlussreiche Fotos von der Region erstellt, die eine 3D-Karte ermöglichten. Rund 900 Luftaufnahmen des Geländes wurden dabei mit einer geeichten Photogrammetriekamera aufgenommen. Die Fotos wurden inzwischen in ein präzises digitales Geländemodell (DGM) umgewandelt. Damit war nicht nur die Grundlage für eine genaue Kartierung des Bodendenkmals geschaffen, es konnte auch ein digitales Geländemodell erarbeitet werden. Deutlich zu erkennen sind bis heute unerforschte Hügelgräber. Es soll ausgeschlossen werden, dass die uralten Sakralstätten zum Beispiel beim Ausbau des Straßennetzes beschädigt oder gar zerstört werden. 

Unklar und umstritten ist, wann »Pähl im Pfaffenwinkel« ursprünglich und unter welchem Namen auch immer gegründet wurde. Nach einer alten Sage gab es einst eine große Stadt, die sich bis nach Pähl erstreckte, die vor Jahrhunderten ausgestorben und verschwunden sei. Die alte Überlieferung mag ein Körnchen Wahrheit zu bieten haben (2). Verschiedene Forscher vertraten offenbar im 19. Jahrhundert die These, bei Pähl handele es sich um eine Fortführung des römischen »Urusa«. Nach Prof. Dr. Ludwig Steinberger existiert die wohl älteste Schreibweise von »Pähl« als »Pouile« und »Poule«. Nach Dr. Steinberger steckt in diesem Namen das lateinische Wort »bovile«, zu Deutsch »Rindergehege«. 

Foto 2: Pähl im Pfaffenwinkel (17. Jahrhundert).

Wurden also zu Zeiten der Römer in der Region des heutigen »Pähl im Pfaffenwinkel« Rinder gehalten? War ein römisches Kastell der Vorläufer von »Pähl«? Weniger profan ist eine andere Erklärung für den Ursprung des Namens »Pähl«! Ich glaube, dass im Ortsnamen die Göttin oder ein Gott weiterlebt, nämlich Pales, Göttin oder Gott des Viehs (3). Pales wurde bei den römischen Bauern hoch verehrt. An ihrem Fest wurden Dufthölzer angezündet. Es wurde gebetet und gesungen. Bekannt ist, dass Marcus Atilius Regulus († um 250 v. Chr.), ein römischer Politiker und Feldherr während des Ersten Punischen Krieges, einen Pales-Tempel stiftete. Wahrscheinlich wurde der Palatinus (Palatin) in Rom nach Pales benannt. Am 21. April fand die Parilia oder Palilia statt, ein Reinigungsfest, das von Hirten gefeiert wurde. Am 21. April wurde der Legende nach Rom gegründet. 

Die Parilia- oder Palilia-Festivitäten waren friedlich. Blutige Opfergaben wurden der Gottheit keine dargebracht, sondern Gersten- oder Hirsekuchen und Milch. Feuerzeremonien fanden statt. Man sprang durch brennendes Stroh, um sich zu reinigen. Auch als Laie erkennt man, dass die Kirche »St. Laurentius« in Pähl auf einer natürlichen Festung erbaut wurde. Nur wenig menschliche Eingriffe waren erforderlich, um das Gotteshaus gegen die damals modernsten Waffen sicher zu machen. Wo heute das »Hochschloss« steht, da ragte womöglich ein »burgus« der Römer in den Himmel. Eine Kette von »burgi« wurde von den Römern im dritten Jahrhundert n.Chr. angelegt. Tag und Nacht wachten römische Soldaten und beobachteten von den Türmen aus den Grenzverlauf. Von »burgus« zu »burgus« kommunizierte man mit einem Signalsystem. Tauchten irgendwo Feinde auf, konnten dort in kurzer Zeit römische Soldaten zusammengezogen werden, um einen feindlichen Angriff abzuwehren (4). Intensives Quellenstudium in Bibliotheken brachte mir mehr Verwirrung als Klarheit. 

War nun das »Hochschloss« von Pähl auf der Ruine einer römischen Festungsanlage errichtet worden? Granitblöcke von riesenhaften Ausmaßen sollen im Schloss verarbeitet worden sein. Sie stammen womöglich aus dem Schutt der einstigen römischen Festung, wenn es denn so etwas wie eine Festung als Vorgängerbau gab. Gesichert ist das nicht. Sind die Steinblöcke womöglich sehr viel älter als das Schloss? Angeblich wurden römische Münzen und eine Osiris-Statuette im Schutt des »Hochschlosses« gefunden. Münzen und eine Götterstatuette in der Mülldeponie der Zeit? Eine Burg auf der zerfallenen Ruine eines einst stolzen Bauwerks? Wir halten uns für so wichtig. 

Foto 3: »Hochschloss Pähl«,
Gemälde vom Meister der Pollinger Tafeln (um 1440).

Wir sehen nur uns selbst und erkennen nicht, dass die Menschheit auch nichts anderes ist als eine bescheidene Blüte auf einem gewaltigen Berg zur Unkenntlichkeit zerfallener Vergangenheit. Wir halten uns gern für die Krone der Schöpfung, ob wie sie für das Ergebnis göttlichen Wirkens oder einer unendlichen Folge von Zufällen halten. Wir sind so mächtig stolz auf unsere »Intelligenz« und horten angesichts einer vermeintlichen oder wirklichen Corona-Pandemie Toilettenpapier. Wir glauben, alles im Griff zu haben und streiten darüber, ob die Erderwärmung existiert oder nicht und ob sie, falls es sie gibt, ein Naturphänomen oder Folge menschlichen Handelns ist. Wir sind stolz auf die zahlreichen Erkenntnisse über die Wirklichkeit, die der Mensch mit unermüdlichem Forschergeist gewinnen konnte. Und doch leugnen wir die Existenz eines erheblichen Teils der Realität, weil sie unseren Horizont weit übersteigt. Wer sich mit den Grenzbereichen unseres Wissens auseinandersetzt, wird gern verächtlich als »Grenzwissenschaftler« bezeichnet. 

Foto 4: Gottheit »Pales« um 1730.

Dabei konstatierte schon Justus Freiherr von Liebig (*1803; †1873) sehr zutreffend: »Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.« Und Thomas Carlyle (*1795; †1881) stellte fest: »Das wäre eine armselige Wissenschaft, die die große, tiefe, geheiligte Unendlichkeit des Nichtwissens vor uns verbergen wollte, über welcher alle Wissenschaft wie bloßer oberflächlicher Nebel schwimmt.« Albert Schweitzer (*1875; †1965) erkannte: »Die Wissenschaft, richtig verstanden, heilt den Menschen von seinem Stolz; denn sie zeigt ihm seine Grenzen.« Verstehen wir Wissenschaft richtig oder leugnen wir unsere engen Grenzen? Beharren wir auf unserem Stolz? Dr. Fritz Fenzl (*1952), er studierte unter anderem Germanistik und Katholische Theologie an der »Ludwig-Maximilians-Universität München«, hat über zwanzig spannende Sachbücher verfasst (5). Darin geht es um Wirklichkeiten, die viele Zeitgenossen nicht zur Kenntnis nehmen wollen. 

Dr. Fenzl, der am » Städtischen Thomas-Mann-Gymnasium« in München katholische Religion und Deutsch unterrichtet, spürt seit über vier Jahrzehnten Aspekte der Wirklichkeit auf, die unser nur scheinbar fundiertes Weltbild infrage stellen. In seinem umfangreichen Werk schildert er ganz besondere Orte, die seiner Überzeugung nach schon zu allen Zeiten von Menschen aufgesucht wurden, die Heilung oder Wundersames erfahren woll(t)en.

Foto 5: Klosterruine tom Roden (bei Corvey)
Dr. Fenzls Sachbücher sind Reiseführer der ganz besonderen Art. Sie sind unverzichtbar für jeden, der mysteriöse Stätten aufsuchen möchte, von denen es in Deutschland nicht wenige gibt. Dr. Fenzl beschreibt zahlreiche uralte heilige Orte (6) »und erklärt, wie auch in unserer Zeit die besondere Energie dort für jeden wahrnehmbar wird.

Seine ungewöhnlichen Ausflugstipps zeigen, dass sich hinter der scheinbaren Idylle oft okkulte Mächte verbergen, alte keltische Kultstätten noch immer als Heilplätze wirken und der Aufenthalt an Kraftorten die Menschen beeinflusst.« 

Sind es solche Kraftorte, die die Menschen schon seit Urzeiten angelockt haben: von den Externsteinen im Teutoburger Wald bis hin zum Staffelberg im Oberfränkischen, vom Urschallung am Chiemsee bis hin zur Klosterruine tom Roden bei Höxter, von der St. Christophorus Kirche von Wilschdorf (Dresden) bis zum Freiburger Münster? Howard Phillips Lovecraft fragte (7): 

Foto 6: Blick ins
Freiburger Münster
»Doch was überhaupt ist das Leben und was ist der Lebenssinn? Mit welchem Recht geht der Mensch so willkürlich von der eigenen Wichtigkeit in der Schöpfung aus?« Ich glaube, unser Leben bekommt Sinn, wenn wir unsere Welt in allen ihren Aspekten, auch den mysteriösesten, erforschen. Wenn der Mensch wichtig sein will, dann muss er versuchen, seine Stellung in der Schöpfung zu finden. Voraussetzung dafür ist es aber, die Vielseitigkeit der Schöpfung auch jenseits unseres engen Horizonts zu erkennen und zumindest zu erahnen. Dr. Fenzl kann uns dabei eine große Hilfe sein!  

Fußnoten
(1) Lovecraft, Howard Phillips (*1890; †1937): »Gegen die Religion/ Atheistische Schriften«, Leipzig Juli 2020 (Einmalige Vorzugausgabe limitiert auf 250 Stück), Seite 60, 13.-10. Zeile von unten
(2) Schmidtner, Andreas: »Geschichte von Raisting«, Weilheim 1886, S. 2-8
(3) Prescendi, Francesca : »Pales«, »Der Neue Pauly« Band 9, Stuttgart 2000.
(4) Fischer, Thomas: »Die Römer in Deutschland«, Stuttgart 1999
(5) Dr. Fenzls Bücher sind alle empfehlenswert. Vier habe ich ausgewählt, die jeder Suchende lesen sollte.
Fenzl, Dr. Fritz: »Keltenkulte in Bayern. Spurensuche an Kraftorten«, München 2003
Fenzl, Dr. Fritz: »Magische Orte in Bayern«, Rosenheim 2004
Fenzl, Dr. Fritz: »Magische Kraftorte in Bayern«, Rosenheim 2014
Fenzl, Dr. Fritz: »Magische Kraftorte in Franken« Rosenheim 2014
(6) Fenzl, Dr. Fritz: »Magische Wege und Orte in Bayern«, München 2007, Klappentext, Rückseite des Buches

(7) Lovecraft, Howard Phillips (*1890; †1937): »Gegen die Religion/ Atheistische Schriften«, Leipzig Juli 2020 (Einmalige Vorzugausgabe limitiert auf 250 Stück), Seite 60, 13.-10. Zeile von unten  

Foto 7: Die geheimnisvollen Externsteine
im Teutoburger Wald.

Zu den Fotos
Foto 1: »Hochschloss Pähl«, Gemälde vom Meister der Pollinger Tafeln (um 1440). Gemeinfrei. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 2: Pähl im Pfaffenwinkel (17. Jahrhundert). Gemeinfrei. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: »Hochschloss Pähl«, Gemälde vom Meister der Pollinger Tafeln (um 1440). Gemeinfrei. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.

Foto 4: Gottheit »Pales« um 1730. Gemeinfrei. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Klosterruine tom Roden. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Blick ins Freiburger Münster. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Die geheimnisvollen Externsteine im Teutoburger Wald.
Foto: Walter-Jörg Langbein



570. » «,
Teil 570 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 20. Dezember 2020
 

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 12. Juli 2020

547. »Von anderen Welten – in und über der Welt«

Teil 547 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1+ 2: Der mysteriöse Staffelberg
(Historische Aufnahmen).
Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein

Der vermeintlich wissenschaftlich denkende, jedem Aberglauben abholde Zeitgenosse hat ein simples Weltbild. Für ihn existiert hinter seinem »geistigen« Horizont nichts mehr. Unsere Altvorderen indes waren von Welten jenseits willkürlich gesteckter Grenzen überzeugt. Die Welten hinter der Welt freilich sind faszinierend und spannend, für den ängstlichen Menschen manchmal furchteinflößend. Und der vermeintlich aufgeklärte, oft aber nur engstirnige Mensch leugnet ihre Existenz.

Geboren und aufgewachsen bin ich im oberfränkischen Michelau am Main. Schon als Kind faszinierte mich der mysteriöse Staffelberg, den ich so manches Mal mit meinem Vater erwanderte und erkundete. Der Staffelberg im »Gottesgarten« am Obermain ist mit seinen 539 m über Normalnull weithin sichtbar.

Schon in der Jungsteinzeit (um 5000 v. Chr.) war er besiedelt, die Kelten errichteten vor rund 2.000 Jahren ihr wehrhaftes Oppidum Menosgada auf dem Hochplateau des Staffelbergs. Vermutlich gab es auch ein uraltes Heiligtum, auf dessen Fundamenten die »Adelgundiskapelle« errichtet wurde.

Der Sage nach ist in einer verborgenen Höhle tief im Inneren des Staffelbergs oder darunter ein gewaltiger Schatz von unermesslichem Wert versteckt. Nur alle hundert Jahre öffnet sich der Berg zu mitternächtlicher Stunde. Für genau eine Stunde gibt er dann den Weg zur Schatzhöhle frei. Genauer gesagt: Alle einhundert Jahre, so überliefert es die Sage, (1) »öffnet sich das Felsentor, um für eine Stunde allen Sonntagskindern Eintritt zu gewähren.«

Ein junger Schäfer, der tatsächlich an einem Sonntag geboren war, wusste von diesem Geheimnis des Staffelbergs. Dem jungen Mann war vor allem bekannt, dass es bald wieder soweit sein würde, dass sich der Staffelberg für eine Stunde auftun würde. Darauf wartete er, gespannt und geduldig zugleich, ganz in der Nähe des mysteriösen Berges. Dann geschah das Unfassbare wirklich (2):

»Die Johannisnacht war gekommen, es näherte sich die mitternächtliche Stunde. Da vernahm der Schäfer ein gewaltiges Dröhnen und Donnern und er fürchtete sich sehr. Doch er nahm allen Mut zusammen und lief auf den Staffelberg zu. Er sah den Berg weit aufgetan und es glänzte, glitzerte und schimmerte ihm entgegen.« Der Schäfer konnte sein Glück kaum fassen. Eilig ging er durch ein offenes Felsentor im Berg (3) »und spürte mit seinen Händen, daß seine Augen ihn nicht betrogen hatten. Gold, edles Gestein, Perlen und Silber lagen da in solchen Mengen, wie sie der Junge sein Lebtag noch nicht gesehen hatte.«

Jetzt vernahm das Sonntagskind eine laute, dröhnende Stimme. Er dürfe von den Schätzen so viel an sich nehmen, wie er nur wolle. Doch nur eine Stunde würde der Berg offen stehen, dann sollte sich das Felsentor wieder schließen. Wie von Sinnen und mit wachsender Gier, die seine Sinne trübte, stopfte sich der Schäfer die Taschen voll und vergaß darüber die Zeit (4): »Gerade als er sich noch einen funkelnden Edelstein einstecken wollte, hörte er eine Uhr schlagen. Wie gepeitscht lief der Schäfer dem Ausgang zu. Aber, oh weh, mit einem donnernden Getöse schloß sich der Berg. Kein Spalt war mehr zu sehen. Nach hundert Jahren, als sich der Staffelberg wieder in der Johannisnacht auftat, verließ ein uralter Mann mit leeren Taschen den Berg. Er brauchte keine Schätze mehr.«

Die Sage vom Schäfer im Staffelberg weist auf ein uraltes Weltbild hin. Verborgen und unsichtbar gibt es noch andere Welten jenseits der Grenzen unserer sichtbaren Welt. Der Zugang zu so einer geheimen Welt soll der mysteriöse Staffelberg sein. Bleiben wir im herrlichen Frankenland. Eine weitere Sage, auf die ich nun etwas ausführlicher eingehen möchte, berichtet von einem anderen »Felsentor« in eine andere Welt.

Foto 3: Blick ins Kleinziegenfelder Tal bei
Wallersberg (vor 1940). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

»Vor langer Zeit wohnte eine fleißige Magd mit ihrem Söhnchen bei einem Bauern in Wallersberg, dem Ort über der Weihersmühle. Es war gerade Sommer und die Ernte sollte eingebracht werden. Der Bauer, die Bäuerin, der Knecht und die Magd schickten sich an einem heißen Augusttag an, mit ihren Sensen und Sicheln aufs Feld zu gehen, um das Getreide zu schneiden. Um den Weg zum Acker abzukürzen, wählten sie einen schmalen Feldrain, der zwischen zwei Getreidefeldern lag. Der Bauer und die Knechte schritten schnell voran, während die Bäuerin und die Magd, der ihr fünfjähriges Knäblein gefolgt war, zwischen den hohen Getreidehalmen langsam vorankamen. Zumal der Kleine hin und wieder stehenblieb, um Kornblumen zu pflücken. Obwohl ihn die Mutter zur Eile aufforderte, blieb er immer zurück. Er konnte nicht genug von den prächtigen blauen Blumen bekommen. Schließlich hatte er einen Strauß, den er mit einer Hand nicht mehr umspannen konnte.«

So beginnt (5) die Sage »Der verschwundene Knabe von Wallersberg«. H. Barnickel hat sie 1936 in einem Manuskript festgehalten, das leider nie publiziert wurde. Elisabeth und Konrad Radunz haben den mysteriösen Text 60 Jahre später, 1996, veröffentlicht.

Wallersberg und Weihersmühle kenne ich gut. In meiner Jugend bin ich manches Mal im »Gasthof Forelle«, Weihersmühle, eingekehrt. Wallersberg liegt in einer Höhe von 453 m auf einer Hochebene am östlichen Rand des malerischen Kleinziegenfelder Tals. Heute leben hier wohl weniger als vierzig Menschen. Wandernd erkundete ich 1975 Wallersberg und Umgebung. Enttäuscht, ja ein wenig entsetzt, musste ich erfahren, dass bei der Sanierung der kleinen Kapelle von Wallersberg (»St. Katharina«, angeblich 1325 erbaut) ein Urnengrab zerstört wurde, das vor mehr als zwei Jahrtausenden angelegt worden war. Ein greiser Bauer, dem ein langes, arbeitsreiches Leben anzusehen war, versicherte mir, dass im Grab mehrere »tönerne Gefäße« gefunden worden seien, die achtlos weggeworfen wurden. »Das war doch alter Plunder! Wertloses Zeug, überhaupt nicht irgendwie schön!

Traurig erzählte mir der Greis, dass vor langer Zeit die Heilquelle bei der Kapelle, die einst viele Wallfahrer anlockte, versiegt sei. Schuld sei ein schwedischer Soldat. Der habe die kostbare Quelle vergiftet, weil er sich über die frommen Pilger geärgert habe. Kein einziger Pilger kam zu Schaden, so der alte Herr, weil die munter sprudelnde Quelle abrupt verstummte, kaum dass der böse Soldat Gift ins heilsame Wasser gegeben habe. Auch die Sage vom »verschwundenen Knaben« kannte der greise Herr.

So geht es in der Sage weiter: Bauer und Bäuerin, Knecht und Magd machten sich an die Arbeit. Das Söhnchen der Magd aber erschien nicht. Die Bäuerin und die Magd bekamen Angst und eilten zurück. Sie nahmen den Weg, den sie gekommen waren, doch vom Knaben – keine Spur. Zurück zur Legende in der Fassung von H. Barnickel (6):

»Der Knabe aber war nicht zu sehen. Schließlich suchten alle Wallersberger den Fünfjährigen; der Bub jedoch war und blieb verschwunden. Jahre gingen ins Land. Im Dorf hat man oft von dem verschwundenen Knaben gesprochen. Nach genau zehn Jahren aber, als die Magd denselben Feldrain entlang ging wie damals, als sie ihr Kind verloren hatte, trat ihr an der Stelle, an der die meisten Kornblumen wuchsen, ein Jüngling entgegen. Es war ihr verschollener Bub. Auf die Frage der erschrockenen und doch überglücklichen Mutter, wie das alles zugegangen sei, erzählte ihr der Junge von einem seltsamen Erlebnis: ›Als ich mit meinem Kornblumenstrauß zu dir laufen wollte, stand ich ganz plötzlich vor einem großen Felsentor. Unter diesem war ein Mann, der mir freundlich zuwinkte.‹«

Die Kornblumen hatten das geheimnisvolle Felsentor geöffnet. Es zeigte sich, dass es der Eingang in eine andere Welt war, ins Jenseits. Immer wenn das Totenglöckchen erklang musste der Knabe das seltsame Tor öffnen, damit die Toten in die andere Welt eingehen konnten. Ihm war aber ausdrücklich verboten, den Toten nachzusehen. Als eines Tages der Pfarrer die Reise in die andere Welt antrat, da siegte die Neugier des Knaben. In der Sage kommt der Knabe zu Wort (7): »Da wollte ich doch schauen, wohin er gehen wollte und ich schaute ihm nach. Da sah ich eine große Stube, in der saßen alle die Bekannten, die ihm vorausgegangen waren und viele Leute, die ich nicht kannte.«

Der Sage nach gibt es im Staffelberg eine verborgene Welt voller Schätze. Der Sage nach gibt es in der Unterwelt von Wallersberg eine andere verborgene Welt, in der dumpf die Toten dahindämmern. Diese Vorstellung entspricht uraltem biblischen Glauben, der auch emsigen Bibellesern selten bekannt sein dürfte.

Foto 4: Die »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling.
Foto Walter-Jörg Langbein

Wer im »Alten Testament« die christliche Glaubenslehre vom Leben nach dem Tode sucht, wird nicht fündig. Wer gründlich liest, der entdeckt im »Alten Testament« eine Welt, vergleichbar mit jener unter Wallersberg. Im »Alten Testament« (8) wollte ein gewisser Korach aus dem Stamme Levi zusammen mit 250 Anhängern eine Revolution gegen Moses und Aaron anzetteln, ohne Erfolg freilich. Zur Strafe wurde er von Jahwe selbst in die Sheol-Welt verbannt. Die Erde zerriss (9) »und tat ihren Mund auf und verschlang sie mit ihren Sippen, mit allen Menschen, die zu Korach gehörten, und alle mit ihrer Habe. Und sie fuhren lebendig zu den Toten hinunter mit allem, was sie hatten und die Erde deckte sie zu. ... Und ganz Israel, das um sie war, floh vor ihrem Geschrei; denn sie dachten: dass uns die Erde nicht verschlinge.«

Die Sage »Der verschwundene Knabe von Wallersberg« sollte man nicht vorschnell belächeln. Sie bietet das gleiche Bild vom Jenseits wie das »Alte Testament«. Der »Wissenschaftliche Rat der Dudenredaktion« bringt es auf den Punkt (10): Gerade in den ältesten Büchern des »Alten Testaments« gibt es irgendwo in der Erde das Totenreich, Dort versammeln sich alle Toten, die frommen Gottgefälligen wie die bösen Sünder.

Die ältesten Jenseitsvorstellungen der Bibel sehen kein Leben nach dem Tode im christlichen Sinne vor. Alle Toten steigen am Ende des Lebens hinab ins Totenreich (11). Dort fristen alle Toten gemeinsam ganz im altorientalischen Geist eine wenig ansprechende schattenhafte Existenz in der Unterwelt, die als ein Land des Staubes bezeichnet wird (12). Wenig optimistisch klingt, was im Buch »Prediger« im »Alten Testament« zu lesen steht (13): »Im Totenreich, in das du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.« Im biblischen Buch »Hiob« geht es im »Jenseits« nicht minder deprimierend zu. Wer stirbt, der kommt (14) »ins Land der Finsternis und des Dunkels, ins Land, wo es stockfinster ist und dunkel ohne alle Ordnung, und wenn's hell wird, so ist es immer noch Finsternis.«

Was den Menschen im düsteren Totenreich erwartet, dass beschreibt der Psalmist in recht düsteren Farben (15): »Ich bin gerechnet zu denen, die in die Grube hinab fahren. Ich bin wie ein Mann, der keine Kraft hat, unter die Toten hingestreckt, wie Erschlagene, die im Grab liegen, derer du nicht mehr gedenkst. Denn sie sind von deiner Handabgeschnitten. Du hast mich in die tiefste Grube gelegt, in Finsternisse, in Tiefen.« Geradezu unappetitliche Aussichten drohen dem Dahingeschiedenen in der mehr als tristen Welt fern der Lebenden (16): »Gewürm wird dein Bett sein und Würmer deine Decke.«

Unweit des idyllischen Chiemsees wartet die kleine »St.-Jakobus-Kirche« auf Besucher. Im 12. Und 14. Jahrhundert entstanden herrliche Fresken, die allerdings zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert mehrfach übertüncht wurden. Erst anno 1923 wurden sie eher zufällig wieder entdeckt. 1940 begann man mit einer aufwändigen Freilegung. Im Abstand von Jahren wandten sich immer wieder Restaurateure den Kunstwerken zu, die so lange verdeckt waren, und legten noch so manches Bildnis frei.

Fotos 5 + 6: Jesus befreit die Toten aus dem düsteren Reich.
Wandmalerei in der »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling.
Fotos Walter-Jörg Langbein.


Interessant ist, wie die Vorstellung vom bedrückenden »Jenseits« im Christentum weiter lebt. Nur kommt jetzt Jesus, der Erlöser, und befreit die Menschen. Das Totenreich wird als monströses Fabelwesen dargestellt, das an eine Mischung aus Walfisch und Wolf erinnert. Jesus hat dem Monster das Maul aufgerissen und eine Maulsperre eingefügt, so dass die Hinabgestiegenen der geradezu höllischen Unterwelt entkommen können. Die stehen schnell Schlange, um der misslichen Situation zu entkommen. Das Maul freilich kann so schnell nicht zuschnappen.

Es sind Tote, die in der Sage vom verschwundenen Knaben von Wallersberg in einen Raum einziehen, so wie es Tote sind, die in der unterirdischen Scheol-Welt des »Alten Testaments« hausen. Es sind aber Lebende, die nach dem »Alten Testament« von der Erde entführt und »mit Haut und Haaren« in eine wiederum andere Welt, nämlich in himmlische Gefilde entrückt werden. Sie werden lebendig hinweg genommen. Dem biblischen Elia (17) bleibt der triste Aufenthalt in Scheol erspart. Mit einem feurigen Wagen wird er, so weiß es das »Alte Testament« zu berichten, wird er in den Himmel entrückt.

Elia wurde in den Himmel verschleppt. Er war lebendig. Noch zu Jesu Zeiten war offensichtlich die Überzeugung verbreitet, dass Elia jederzeit wieder aus den hohen Sphären des realen Himmels zur Erde zurückkehren kann. Jesus wurde von manchen Juden als der wiedergekommene Elia gesehen (18). Himmel wurde nicht als Aufenthaltsort der Toten verstanden.

Was heute so gut wie unbekannt ist: Die ersten Dampflokomotiven wurden im Volksmund in Anspielung an die Himmelfahrt des Elias »feuriger Elias« genannt. Streng theologisch gedacht darf man die Reise des Elias nicht als »Himmelfahrt« bezeichnen, wurde er doch in den Himmel entrückt. Man unterscheidet zwischen »assumptio«, »Aufnahme« in den Himmel, von »ascensio«, »Aufstieg«. In der Theologie gilt Jesus als der Einzige, der in den Himmel aufgestiegen ist (»Ascensio Domini«, »Aufstieg des Herrn«), Elia wurde aufgenommen.

Foto 7: Himmelfahrt Jesu (Ikone).
Foto Walter-Jörg Langbein.


Im rabbinischen Judentum verstand man den Himmel als den Aufenthaltsort Gottes und der Engel, der für die Menschen im Normalfall unerreichbar ist. Man trennte streng zwischen »Himmel« und »Paradies«. »Himmel« war in diesem Bild der hohe Raum über unseren Köpfen, also das All mit den Sternen. Das »Paradies« hingegen war ein idyllischer Ort, der für die Gottesfürchtigen reserviert war.

Fußnoten
(1) Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes«, Lichtenfels 1996, Seite 62, 5.+6. Zeile von oben (Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibreform angepasst.)
(2) Ebenda, 13.-17. Zeile von oben
(3) Ebenda, 17.+18. Zeile von oben
(4) Ebenda, 24.-30. Zeile von oben
(5) Ebenda, Seite 117, 1.-13. Zeile von oben
(6) Ebenda,  24.-34. Zeile von oben
(7) Ebenda, Seite118, 2.-5. Zeile von oben
Siehe auch Radunz, Elisabeth und Konrad: »Der Landkreis Lichtenfels in Geschichte und Geschichten«, 2. Auflage, Lichtenfels 1982
(8) 4. Buch Mose Kapitel 16
(9) 4. Buch Mose Kapitel 16 Verse 32 bis 34
(10) »Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion« (Herausgeber): »Duden, Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter.« 4. Auflage, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2007, Seite 1216.
(11) 1. Buch Mose Kapitel 25,Vers 8 und 1. Buch Mose Kapitel 35, Vers 29
(12) Psalm 28, Vers 30
(13) Prediger Kapitel 9, Vers 10
(14) Hiob Kapitel 10, Verse 21 und 22
(15) Psalm 88, Verse 5-7
(16) Jesaja Kapitel 14, Vers 11
(17) 2. Könige Kapitel 2, Verse 1-18
(18) Markus Kapitel 8, Vers 28, Matthäus Kapitel 11, Vers 14 und Kapitel 17, Verse 11 und 12

Zu den Fotos
Foto 1+ Foto 2: Der mysteriöse Staffelberg (Historische Aufnahmen). Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Blick ins Kleinziegenfelder Tal bei Wallersberg (vor 1940). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Die »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 + 6: Jesus befreit die Toten aus dem düsteren Reich. Wandmalerei in der »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Himmelfahrt Jesu (Ikone). Foto Walter-Jörg Langbein.



548. »Alles menschliche und göttliche Wissen«,
Teil 548 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19. Juli 2020


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)