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Sonntag, 12. Juli 2020

547. »Von anderen Welten – in und über der Welt«

Teil 547 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1+ 2: Der mysteriöse Staffelberg
(Historische Aufnahmen).
Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein

Der vermeintlich wissenschaftlich denkende, jedem Aberglauben abholde Zeitgenosse hat ein simples Weltbild. Für ihn existiert hinter seinem »geistigen« Horizont nichts mehr. Unsere Altvorderen indes waren von Welten jenseits willkürlich gesteckter Grenzen überzeugt. Die Welten hinter der Welt freilich sind faszinierend und spannend, für den ängstlichen Menschen manchmal furchteinflößend. Und der vermeintlich aufgeklärte, oft aber nur engstirnige Mensch leugnet ihre Existenz.

Geboren und aufgewachsen bin ich im oberfränkischen Michelau am Main. Schon als Kind faszinierte mich der mysteriöse Staffelberg, den ich so manches Mal mit meinem Vater erwanderte und erkundete. Der Staffelberg im »Gottesgarten« am Obermain ist mit seinen 539 m über Normalnull weithin sichtbar.

Schon in der Jungsteinzeit (um 5000 v. Chr.) war er besiedelt, die Kelten errichteten vor rund 2.000 Jahren ihr wehrhaftes Oppidum Menosgada auf dem Hochplateau des Staffelbergs. Vermutlich gab es auch ein uraltes Heiligtum, auf dessen Fundamenten die »Adelgundiskapelle« errichtet wurde.

Der Sage nach ist in einer verborgenen Höhle tief im Inneren des Staffelbergs oder darunter ein gewaltiger Schatz von unermesslichem Wert versteckt. Nur alle hundert Jahre öffnet sich der Berg zu mitternächtlicher Stunde. Für genau eine Stunde gibt er dann den Weg zur Schatzhöhle frei. Genauer gesagt: Alle einhundert Jahre, so überliefert es die Sage, (1) »öffnet sich das Felsentor, um für eine Stunde allen Sonntagskindern Eintritt zu gewähren.«

Ein junger Schäfer, der tatsächlich an einem Sonntag geboren war, wusste von diesem Geheimnis des Staffelbergs. Dem jungen Mann war vor allem bekannt, dass es bald wieder soweit sein würde, dass sich der Staffelberg für eine Stunde auftun würde. Darauf wartete er, gespannt und geduldig zugleich, ganz in der Nähe des mysteriösen Berges. Dann geschah das Unfassbare wirklich (2):

»Die Johannisnacht war gekommen, es näherte sich die mitternächtliche Stunde. Da vernahm der Schäfer ein gewaltiges Dröhnen und Donnern und er fürchtete sich sehr. Doch er nahm allen Mut zusammen und lief auf den Staffelberg zu. Er sah den Berg weit aufgetan und es glänzte, glitzerte und schimmerte ihm entgegen.« Der Schäfer konnte sein Glück kaum fassen. Eilig ging er durch ein offenes Felsentor im Berg (3) »und spürte mit seinen Händen, daß seine Augen ihn nicht betrogen hatten. Gold, edles Gestein, Perlen und Silber lagen da in solchen Mengen, wie sie der Junge sein Lebtag noch nicht gesehen hatte.«

Jetzt vernahm das Sonntagskind eine laute, dröhnende Stimme. Er dürfe von den Schätzen so viel an sich nehmen, wie er nur wolle. Doch nur eine Stunde würde der Berg offen stehen, dann sollte sich das Felsentor wieder schließen. Wie von Sinnen und mit wachsender Gier, die seine Sinne trübte, stopfte sich der Schäfer die Taschen voll und vergaß darüber die Zeit (4): »Gerade als er sich noch einen funkelnden Edelstein einstecken wollte, hörte er eine Uhr schlagen. Wie gepeitscht lief der Schäfer dem Ausgang zu. Aber, oh weh, mit einem donnernden Getöse schloß sich der Berg. Kein Spalt war mehr zu sehen. Nach hundert Jahren, als sich der Staffelberg wieder in der Johannisnacht auftat, verließ ein uralter Mann mit leeren Taschen den Berg. Er brauchte keine Schätze mehr.«

Die Sage vom Schäfer im Staffelberg weist auf ein uraltes Weltbild hin. Verborgen und unsichtbar gibt es noch andere Welten jenseits der Grenzen unserer sichtbaren Welt. Der Zugang zu so einer geheimen Welt soll der mysteriöse Staffelberg sein. Bleiben wir im herrlichen Frankenland. Eine weitere Sage, auf die ich nun etwas ausführlicher eingehen möchte, berichtet von einem anderen »Felsentor« in eine andere Welt.

Foto 3: Blick ins Kleinziegenfelder Tal bei
Wallersberg (vor 1940). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

»Vor langer Zeit wohnte eine fleißige Magd mit ihrem Söhnchen bei einem Bauern in Wallersberg, dem Ort über der Weihersmühle. Es war gerade Sommer und die Ernte sollte eingebracht werden. Der Bauer, die Bäuerin, der Knecht und die Magd schickten sich an einem heißen Augusttag an, mit ihren Sensen und Sicheln aufs Feld zu gehen, um das Getreide zu schneiden. Um den Weg zum Acker abzukürzen, wählten sie einen schmalen Feldrain, der zwischen zwei Getreidefeldern lag. Der Bauer und die Knechte schritten schnell voran, während die Bäuerin und die Magd, der ihr fünfjähriges Knäblein gefolgt war, zwischen den hohen Getreidehalmen langsam vorankamen. Zumal der Kleine hin und wieder stehenblieb, um Kornblumen zu pflücken. Obwohl ihn die Mutter zur Eile aufforderte, blieb er immer zurück. Er konnte nicht genug von den prächtigen blauen Blumen bekommen. Schließlich hatte er einen Strauß, den er mit einer Hand nicht mehr umspannen konnte.«

So beginnt (5) die Sage »Der verschwundene Knabe von Wallersberg«. H. Barnickel hat sie 1936 in einem Manuskript festgehalten, das leider nie publiziert wurde. Elisabeth und Konrad Radunz haben den mysteriösen Text 60 Jahre später, 1996, veröffentlicht.

Wallersberg und Weihersmühle kenne ich gut. In meiner Jugend bin ich manches Mal im »Gasthof Forelle«, Weihersmühle, eingekehrt. Wallersberg liegt in einer Höhe von 453 m auf einer Hochebene am östlichen Rand des malerischen Kleinziegenfelder Tals. Heute leben hier wohl weniger als vierzig Menschen. Wandernd erkundete ich 1975 Wallersberg und Umgebung. Enttäuscht, ja ein wenig entsetzt, musste ich erfahren, dass bei der Sanierung der kleinen Kapelle von Wallersberg (»St. Katharina«, angeblich 1325 erbaut) ein Urnengrab zerstört wurde, das vor mehr als zwei Jahrtausenden angelegt worden war. Ein greiser Bauer, dem ein langes, arbeitsreiches Leben anzusehen war, versicherte mir, dass im Grab mehrere »tönerne Gefäße« gefunden worden seien, die achtlos weggeworfen wurden. »Das war doch alter Plunder! Wertloses Zeug, überhaupt nicht irgendwie schön!

Traurig erzählte mir der Greis, dass vor langer Zeit die Heilquelle bei der Kapelle, die einst viele Wallfahrer anlockte, versiegt sei. Schuld sei ein schwedischer Soldat. Der habe die kostbare Quelle vergiftet, weil er sich über die frommen Pilger geärgert habe. Kein einziger Pilger kam zu Schaden, so der alte Herr, weil die munter sprudelnde Quelle abrupt verstummte, kaum dass der böse Soldat Gift ins heilsame Wasser gegeben habe. Auch die Sage vom »verschwundenen Knaben« kannte der greise Herr.

So geht es in der Sage weiter: Bauer und Bäuerin, Knecht und Magd machten sich an die Arbeit. Das Söhnchen der Magd aber erschien nicht. Die Bäuerin und die Magd bekamen Angst und eilten zurück. Sie nahmen den Weg, den sie gekommen waren, doch vom Knaben – keine Spur. Zurück zur Legende in der Fassung von H. Barnickel (6):

»Der Knabe aber war nicht zu sehen. Schließlich suchten alle Wallersberger den Fünfjährigen; der Bub jedoch war und blieb verschwunden. Jahre gingen ins Land. Im Dorf hat man oft von dem verschwundenen Knaben gesprochen. Nach genau zehn Jahren aber, als die Magd denselben Feldrain entlang ging wie damals, als sie ihr Kind verloren hatte, trat ihr an der Stelle, an der die meisten Kornblumen wuchsen, ein Jüngling entgegen. Es war ihr verschollener Bub. Auf die Frage der erschrockenen und doch überglücklichen Mutter, wie das alles zugegangen sei, erzählte ihr der Junge von einem seltsamen Erlebnis: ›Als ich mit meinem Kornblumenstrauß zu dir laufen wollte, stand ich ganz plötzlich vor einem großen Felsentor. Unter diesem war ein Mann, der mir freundlich zuwinkte.‹«

Die Kornblumen hatten das geheimnisvolle Felsentor geöffnet. Es zeigte sich, dass es der Eingang in eine andere Welt war, ins Jenseits. Immer wenn das Totenglöckchen erklang musste der Knabe das seltsame Tor öffnen, damit die Toten in die andere Welt eingehen konnten. Ihm war aber ausdrücklich verboten, den Toten nachzusehen. Als eines Tages der Pfarrer die Reise in die andere Welt antrat, da siegte die Neugier des Knaben. In der Sage kommt der Knabe zu Wort (7): »Da wollte ich doch schauen, wohin er gehen wollte und ich schaute ihm nach. Da sah ich eine große Stube, in der saßen alle die Bekannten, die ihm vorausgegangen waren und viele Leute, die ich nicht kannte.«

Der Sage nach gibt es im Staffelberg eine verborgene Welt voller Schätze. Der Sage nach gibt es in der Unterwelt von Wallersberg eine andere verborgene Welt, in der dumpf die Toten dahindämmern. Diese Vorstellung entspricht uraltem biblischen Glauben, der auch emsigen Bibellesern selten bekannt sein dürfte.

Foto 4: Die »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling.
Foto Walter-Jörg Langbein

Wer im »Alten Testament« die christliche Glaubenslehre vom Leben nach dem Tode sucht, wird nicht fündig. Wer gründlich liest, der entdeckt im »Alten Testament« eine Welt, vergleichbar mit jener unter Wallersberg. Im »Alten Testament« (8) wollte ein gewisser Korach aus dem Stamme Levi zusammen mit 250 Anhängern eine Revolution gegen Moses und Aaron anzetteln, ohne Erfolg freilich. Zur Strafe wurde er von Jahwe selbst in die Sheol-Welt verbannt. Die Erde zerriss (9) »und tat ihren Mund auf und verschlang sie mit ihren Sippen, mit allen Menschen, die zu Korach gehörten, und alle mit ihrer Habe. Und sie fuhren lebendig zu den Toten hinunter mit allem, was sie hatten und die Erde deckte sie zu. ... Und ganz Israel, das um sie war, floh vor ihrem Geschrei; denn sie dachten: dass uns die Erde nicht verschlinge.«

Die Sage »Der verschwundene Knabe von Wallersberg« sollte man nicht vorschnell belächeln. Sie bietet das gleiche Bild vom Jenseits wie das »Alte Testament«. Der »Wissenschaftliche Rat der Dudenredaktion« bringt es auf den Punkt (10): Gerade in den ältesten Büchern des »Alten Testaments« gibt es irgendwo in der Erde das Totenreich, Dort versammeln sich alle Toten, die frommen Gottgefälligen wie die bösen Sünder.

Die ältesten Jenseitsvorstellungen der Bibel sehen kein Leben nach dem Tode im christlichen Sinne vor. Alle Toten steigen am Ende des Lebens hinab ins Totenreich (11). Dort fristen alle Toten gemeinsam ganz im altorientalischen Geist eine wenig ansprechende schattenhafte Existenz in der Unterwelt, die als ein Land des Staubes bezeichnet wird (12). Wenig optimistisch klingt, was im Buch »Prediger« im »Alten Testament« zu lesen steht (13): »Im Totenreich, in das du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.« Im biblischen Buch »Hiob« geht es im »Jenseits« nicht minder deprimierend zu. Wer stirbt, der kommt (14) »ins Land der Finsternis und des Dunkels, ins Land, wo es stockfinster ist und dunkel ohne alle Ordnung, und wenn's hell wird, so ist es immer noch Finsternis.«

Was den Menschen im düsteren Totenreich erwartet, dass beschreibt der Psalmist in recht düsteren Farben (15): »Ich bin gerechnet zu denen, die in die Grube hinab fahren. Ich bin wie ein Mann, der keine Kraft hat, unter die Toten hingestreckt, wie Erschlagene, die im Grab liegen, derer du nicht mehr gedenkst. Denn sie sind von deiner Handabgeschnitten. Du hast mich in die tiefste Grube gelegt, in Finsternisse, in Tiefen.« Geradezu unappetitliche Aussichten drohen dem Dahingeschiedenen in der mehr als tristen Welt fern der Lebenden (16): »Gewürm wird dein Bett sein und Würmer deine Decke.«

Unweit des idyllischen Chiemsees wartet die kleine »St.-Jakobus-Kirche« auf Besucher. Im 12. Und 14. Jahrhundert entstanden herrliche Fresken, die allerdings zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert mehrfach übertüncht wurden. Erst anno 1923 wurden sie eher zufällig wieder entdeckt. 1940 begann man mit einer aufwändigen Freilegung. Im Abstand von Jahren wandten sich immer wieder Restaurateure den Kunstwerken zu, die so lange verdeckt waren, und legten noch so manches Bildnis frei.

Fotos 5 + 6: Jesus befreit die Toten aus dem düsteren Reich.
Wandmalerei in der »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling.
Fotos Walter-Jörg Langbein.


Interessant ist, wie die Vorstellung vom bedrückenden »Jenseits« im Christentum weiter lebt. Nur kommt jetzt Jesus, der Erlöser, und befreit die Menschen. Das Totenreich wird als monströses Fabelwesen dargestellt, das an eine Mischung aus Walfisch und Wolf erinnert. Jesus hat dem Monster das Maul aufgerissen und eine Maulsperre eingefügt, so dass die Hinabgestiegenen der geradezu höllischen Unterwelt entkommen können. Die stehen schnell Schlange, um der misslichen Situation zu entkommen. Das Maul freilich kann so schnell nicht zuschnappen.

Es sind Tote, die in der Sage vom verschwundenen Knaben von Wallersberg in einen Raum einziehen, so wie es Tote sind, die in der unterirdischen Scheol-Welt des »Alten Testaments« hausen. Es sind aber Lebende, die nach dem »Alten Testament« von der Erde entführt und »mit Haut und Haaren« in eine wiederum andere Welt, nämlich in himmlische Gefilde entrückt werden. Sie werden lebendig hinweg genommen. Dem biblischen Elia (17) bleibt der triste Aufenthalt in Scheol erspart. Mit einem feurigen Wagen wird er, so weiß es das »Alte Testament« zu berichten, wird er in den Himmel entrückt.

Elia wurde in den Himmel verschleppt. Er war lebendig. Noch zu Jesu Zeiten war offensichtlich die Überzeugung verbreitet, dass Elia jederzeit wieder aus den hohen Sphären des realen Himmels zur Erde zurückkehren kann. Jesus wurde von manchen Juden als der wiedergekommene Elia gesehen (18). Himmel wurde nicht als Aufenthaltsort der Toten verstanden.

Was heute so gut wie unbekannt ist: Die ersten Dampflokomotiven wurden im Volksmund in Anspielung an die Himmelfahrt des Elias »feuriger Elias« genannt. Streng theologisch gedacht darf man die Reise des Elias nicht als »Himmelfahrt« bezeichnen, wurde er doch in den Himmel entrückt. Man unterscheidet zwischen »assumptio«, »Aufnahme« in den Himmel, von »ascensio«, »Aufstieg«. In der Theologie gilt Jesus als der Einzige, der in den Himmel aufgestiegen ist (»Ascensio Domini«, »Aufstieg des Herrn«), Elia wurde aufgenommen.

Foto 7: Himmelfahrt Jesu (Ikone).
Foto Walter-Jörg Langbein.


Im rabbinischen Judentum verstand man den Himmel als den Aufenthaltsort Gottes und der Engel, der für die Menschen im Normalfall unerreichbar ist. Man trennte streng zwischen »Himmel« und »Paradies«. »Himmel« war in diesem Bild der hohe Raum über unseren Köpfen, also das All mit den Sternen. Das »Paradies« hingegen war ein idyllischer Ort, der für die Gottesfürchtigen reserviert war.

Fußnoten
(1) Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes«, Lichtenfels 1996, Seite 62, 5.+6. Zeile von oben (Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibreform angepasst.)
(2) Ebenda, 13.-17. Zeile von oben
(3) Ebenda, 17.+18. Zeile von oben
(4) Ebenda, 24.-30. Zeile von oben
(5) Ebenda, Seite 117, 1.-13. Zeile von oben
(6) Ebenda,  24.-34. Zeile von oben
(7) Ebenda, Seite118, 2.-5. Zeile von oben
Siehe auch Radunz, Elisabeth und Konrad: »Der Landkreis Lichtenfels in Geschichte und Geschichten«, 2. Auflage, Lichtenfels 1982
(8) 4. Buch Mose Kapitel 16
(9) 4. Buch Mose Kapitel 16 Verse 32 bis 34
(10) »Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion« (Herausgeber): »Duden, Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter.« 4. Auflage, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2007, Seite 1216.
(11) 1. Buch Mose Kapitel 25,Vers 8 und 1. Buch Mose Kapitel 35, Vers 29
(12) Psalm 28, Vers 30
(13) Prediger Kapitel 9, Vers 10
(14) Hiob Kapitel 10, Verse 21 und 22
(15) Psalm 88, Verse 5-7
(16) Jesaja Kapitel 14, Vers 11
(17) 2. Könige Kapitel 2, Verse 1-18
(18) Markus Kapitel 8, Vers 28, Matthäus Kapitel 11, Vers 14 und Kapitel 17, Verse 11 und 12

Zu den Fotos
Foto 1+ Foto 2: Der mysteriöse Staffelberg (Historische Aufnahmen). Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Blick ins Kleinziegenfelder Tal bei Wallersberg (vor 1940). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Die »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 + 6: Jesus befreit die Toten aus dem düsteren Reich. Wandmalerei in der »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Himmelfahrt Jesu (Ikone). Foto Walter-Jörg Langbein.



548. »Alles menschliche und göttliche Wissen«,
Teil 548 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19. Juli 2020


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Sonntag, 19. Juli 2015

287 »Das Geheimnis des Bluttuchs«

Teil 287 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein




Das Kirchlein von Urschalling
Das Kirchlein wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Wann genau der Grundstein gelegt wurde, ist nicht bekannt. Vermutlich wurde es im späten 11. Jahrhundert irgendwo im »Nirgendwo« am Chiemsee gebaut. Im späten 12. Jahrhundert gewann es an Bedeutung, als die Grafen von Falkenstein eine Kapelle für ihre »Zweitburganlage« suchten und sich schließlich für »St. Jakobus« entschieden.

Der herrlichen Malereien wegen reiste ich nach Urschalling. Die Fresken entstanden im 12., 13. Und 14. Jahrhundert. Zwischen dem 17. Und dem 19. Jahrhundert wurden die wertvollen Fresken wiederholt übertüncht und überkleistert. Warum? Störte man sich an der Dominanz der Frauen in den altehrwürdigen Darstellungen? Anno 1923 jedenfalls wurden sie durch einen Zufall wiederentdeckt. 1940 wurde mit ersten Restaurierungsarbeiten begonnen. Weitere aufwändige Kampagnen wurden in den folgenden Jahrzehnten durchgeführt, die »St. Jakobus« zu einer wichtigen Kirche machten, deren Malereien man wie ein Buch lesen kann.

Die mysteriöse Trinität (Urschalling)
Geradezu ketzerisch mutet die Darstellung der »Heiligen Dreifaltigkeit« für manche Zeitgenossen an. Wird die mysteriöse »Trinität« doch als Wesen mit drei Oberkörpern dargestellt: Gottvater, Sohn Jesus und in der Mitte – als Frau! – der »Heilige Geist«. Man müsste also konsequenter Weise von der »heiligen Geistin« sprechen, die im »Neuen Testament« vom Himmel kommt und über Jesus kommt (1). Im »Wörterbuch der feministischen Theologie« (2) lesen wir:

»Eine Sondertradition … hat sich um den Heiligen Geist gebildet: Schon das alttestamentliche Wort für Geist, ›Ruach‹, wurde in der weiblichen Form gebraucht, auch als Taubensymbol, zugleich Erossymbol, das auch den Göttinnen Aphrodite und Innana zugeordnet war, ist weiblicher Natur.«
Diese »Heilige Geistin« hat mich nach Urschalling an den Chiemsee geführt. Bei meiner nächtlichen Ankunft am damals gänzlich unbeleuchteten »Bahnhof« wäre ich fast vom abrupt endenden, ungesicherten Bahnsteig gestürzt. Nach einer erholsamen Übernachtung in einer kleinen, rustikalen Pension stand ich dann am Morgen allein im Kirchlein und staunte über die noch erhaltene Bilderflut an Wänden und Decke.

Nur wenige Stunden ist die einstige Wehrkirche geöffnet, dabei könnte ich tagelang im kleinen Gotteshaus von Bild zu Bild wandern und versuchen, die gemalten Darstellungen wie ein Buch zu lesen. Während ein geschriebener Text immer nur eine Lesart zulässt, können Gemälde auch vieldeutig sein.  Die »Heilige Geistin« zwischen Jesus und Gottvater bietet reichlich Raum für  Spekulationen. Im Gewölbe des Chors… eine wirklich mysteriöse Dreifaltigkeit mit weiblichem Anteil.

Das Antlitz Jesu von Urschalling

An der Nordwestwand des Chorjochs, über einem Fenster, breitet eine junge Frau ein Tuch aus. Darauf ist das Antlitz Jesu zu sehen. Wie das Bildnis aufs Tuch kam, das erzählt eine uralte christliche Legende, die schon seit dem 6. Jahrhundert im Abendland kursierte. Veronika wollte sich, so die Legende, von einem Maler ein Bildnis Jesu auf einem Tuch anfertigen lassen. Unterwegs traf Veronika Jesus, erzählte ihm von ihrem Vorhaben. Jesus ließ sich das Tuch geben und als er es zurückreichte, war darauf sein Antlitz zu sehen. In einer späteren, dramatischeren Form der Legende entsteht das Bildnis, als der geschundene Jesus zur Hinrichtungsstätte getrieben wird. Entkräftet von der Last des Kreuzbalkens bricht Jesus zusammen, Veronika reicht  ihm das Tuch. Dankbar trocknet Jesus sein Gesicht… und hinterlässt darauf das Abbild seines Antlitzes.

»vera ikon« (Marktkirche Hannover)
An der Nordwand des Chorjochs von Urschalling sehen wir Veronika, die das »Schweißtuch« mit dem Gesicht Jesu hält. Sie selbst tritt in den Hintergrund, das »vera ikon«, das »wahre Bild«, wird uns entgegengehalten. In der Marktkirche von Hannover, ebenso dem Heiligen Jakobus geweiht, wird das Geschehen auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte plastisch dargestellt. Jesus wankt förmlich unter der Last des Kreuzes. Um ihn zu verspotten, hat man ihm einen goldenen Königsmantel umgehängt. So sollte demonstriert werden, dass die Römer niemanden ungestraft davonkommen ließen, der sich als König der Juden bezeichnete. Ein römischer Soldat geht voran, zerrt Jesus an einem Strick hinter sich her.

Hinter Jesus ist eine Frau zu sehen, die der Prozession des Schmerzes folgt. Ich vermute, dass Jesu Mutter Maria gemeint ist. Begleitet wird sie von einem Mann, von dem nur ein kleiner Teil des Kopfes zu sehen ist. Es könnte sich um den Lieblingsjünger Jesu, also vermutlich um Johannes, handeln. Die beiden werden von einem weiteren römischen Soldaten angeschrien. Vorn links im Bild kniet eine junge Frau. Sie hat soeben das »Schweißtuch« erhalten. Im Verlauf der Jahrzehnte habe ich so manche Darstellung dieser Szene gesehen, nirgendwo war das Abbild Jesu auf dem Tuch so plastisch herausmodelliert wie im Schnitzwerk des Altars in der Marktkirche von Hannover. 

Das blutige Antlitz im Tuch ist genauso dreidimensional geschnitzt wie die Gesichter aller Akteure.Man könnte meinen, im Tuch liege ein abgeschlagenes Haupt... Wollte der Künstler betonen, dass seine Darstellung besonders realistisch sein soll, die Wirklichkeit in allen Einzelheiten wiederspiegelt?

Das Antlitz im Tuch (Marktkirche Hannover)
Eine Frage stellt sich nun: Ist die Geschichte vom »Schweißtuch der Veronika« nur eine für den Gläubigen erfundene, rein fiktive Geschichte ohne jeden realen Hintergrund? Michael Hesemann, er studierte Geschichte, Kulturanthropologie, Germanistik und Journalistik, ist überzeugt: Die Legende hat einen realen Hintergrund! Es hat existiert und es existiert noch heute. Bekannt ist die Reliquie als das »Schweißtuch von Oviedo«, auch »Santo Sudario von Oviedo« genannt. Das blutverschmutzte Leinentuch wird in der Kathedrale San Salvador in Oviedo, Spanien, aufbewahrt.

Es ist mehr als verblüffend: Es gibt Blutspuren auf dem sogenannten Schweißtuch von Oviedo, die den Verletzungen durch die Dornenkrone Jesu Christi zuzuordnen sind. Und die stimmen exakt mit jenen überein, die auf mysteriösen Turiner Grabtuchs ebenfalls von der Dornenkrone verursacht wurden.

Sollte es sich beim Bluttuch von Oviedo wirklich um eine echte Reliquie handeln? Michael Hesemann ist in seinem umfangreichen Werk über »Das Bluttuch Christi« (3) mit kriminalistischem Spürsinn eine überzeugende Indizienkette gelungen, vom Kreuz von Golgatha über die Abnahme des toten Jesu vom Kreuz bis hin zur Grablegung. Demnach umhüllten das »Schweißtuch von Oviedo« und das »Turiner Grabtuch« vor rund zwei Jahrtausenden Gesicht und Körper Jesu. Und in der Tat: Die Flecken auf beiden Tüchern rühren von denselben Wunden her. Wissenschaftlich exakt konnte der Tod des Mannes rekonstruiert werden, bis hin zur Grablegung.

Michael Hesemann (4): »Beide Tücher umhüllten den toten Körper desselben Mannes – und dieser Mann muss Jesus Christus gewesen sein. Selbst sein Antlitz konnte wissenschaftlich rekonstruiert werden. Stumme Zeugen der Passion beginnen jetzt zu reden.«

Mir kommt ein Zitat von Ralph Waldo Emerson (1803-1882) in den Sinn: »Selbstaufopferung ist das wirkliche Wunder, aus dem alle anderen Wunder entspringen.« Aber der vermeintlich wissenschaftlich geschulte Zeitgenosse lehnt den Glauben an Wunder ab. Dabei hat niemand einen so festen Glauben wie der Agnostiker. Ein Agnostiker glaubt, dass sein wissenschaftliches Weltbild Wunder ausschließt. Schade, dass er nicht erkennt, wie eng sein geistiger Horizont ist. »Wunder stehen nicht im Gegensatz zur Natur, sondern nur im Gegensatz zu dem, was wir über die Natur wissen.«, formulierte der Heilige Augustinus.

Leider halten Agnostiker, ob sie es zugeben oder nicht, ihr Wissen für allumfassend. Sie haben ein Defizit an Selbstkritik und leiden an Fantasielosigkeit.


Beisetzung Jesu (Marktkirche Hannober)
Fußnoten

(1) Evangelium nach Markus, Kapitel 1, Vers 11, sowie Evangelium nach Lukas, Kapitel 3, Vers 22 und Evangelium, sowie Evangelium nach Matthäus Kapitel 3 Vers 17
(2) Gössmann, Elisabeth, Moltmann-Wendel u.a. (Hrsg.): »Wörterbuch der feministischen Theologie«, Gütersloh 1991, S. 239
(3) Hesemann, Michael: »Das Bluttuch Christi/ Wissenschaftler auf den Spuren der Auferstehung«, München 2010
(4) ebenda, Text auf dem Buchcover hinten

Zur Lektüre empfohlen:

Badde, Paul: »Das Grabtuch von Turin oder das Geheimnis der heiligen Bilder«,
München 2010

Hesemann, Michael: »Das Bluttuch Christi/ Wissenschaftler auf den Spuren der Auferstehung«, München 2010

Schlömer, Blandida Paschalis: »Il Volto della Parola GESÙ/ Jesus - Das Gesicht
des Wortes«, Teramo 2010

Siliato, Maria Grazia: »Und das Grabtuch ist doch echt/ Die neuen Beweise/
Das Turiner Grabtuch ist 2000 Jahre alt«, Lizenzausgabe, Augsburg 1998

288 »Widersprüchliches in den Evangelien in Sachen Auferstehung«
Teil 288 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.07.2015

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Sonntag, 16. März 2014

217 »Drei Heilige und ein Heidenstein«

Teil 217 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


St. Jakobus bei Nacht. Foto Walter-Jörg Langbein

Zu den mysteriösesten Kirchen Deutschlands zählt für mich St. Jakobus von Urschalling, am Chiemsee gelegen. Das kleine Gotteshaus birgt ein inzwischen recht bekanntes »ketzerisches« Geheimnis. Es ist eigentlich ein Sakrileg: Auf einem uralten sakralen Fresko wird der »Heilige Geist« dargestellt - ganz eindeutig als Frau! Es gibt im kleinen Kirchlein von Urschalling allerdings zwei weitere Rätsel…

Vollendet wurde das äußerlich unscheinbare Gotteshaus Ende des 12. Jahrhunderts, also vor weit mehr als acht Jahrhunderten. Der Turm dürfte sehr viel älter sein. Er stammt womöglich, zumindest in Teilen, aus der Römerzeit. Als die Römer längst abgezogen waren, blieb der Turm zurück. Er war als Zuflucht gedacht, im Falle von Überfällen durch Räuberbanden oder feindliche Truppen. Ob er je als »letzte Rettung« genutzt wurde, wir wissen es nicht. Später wurde das kleine Kirchenschiff an den Turm gesetzt und eine Verbindung geschaffen. St. Jakobus wurde von den Einheimischen als – wie St. Michael von Kirchbrak – als Wehrkirche angelegt.

Nicht ganz klar ist, wann genau die ersten frommen Fresken angebracht wurden. Die ältesten sind vielleicht schon acht Jahrhunderte alt. Um 1550 wurden sie jedenfalls alle überputzt und übertüncht. Sie gerieten in Vergessenheit.

Die »Trinität« von Urschalling.
Foto Walter-Jörg Langbein
Als man die schmalen Fenster des Gotteshauses erweiterte, wurden – unwissentlich – herrliche Fresken aus uralten Zeiten beschädigt. Wieder entdeckt wurden sie erst anno 1923. Ein älterer Einwohner von Urschalling erklärte mir bei meinem Besuch, seine Urgroßmutter habe bei einer langweiligen Predigt an der Wand gekratzt. Etwas sei abgefallen und ein Gesicht zum Vorschein gekommen. Ob die kleine Anekdote der Wahrheit entspricht?

Ursprünglich waren alle Wände und die Decke im schönen Gotteshaus mit unzähligen religiösen Bildnissen flächendeckend geschmückt. Erst 1941/42, 1966 bis 1968 und 1980 bis 1991 wurden mit großem Aufwand Restaurierungen vorgenommen. Es zeigte sich, dass doch einige erhebliche Lücken in der Freskenmalerei klaffen. Zum Glück haben die Restauratoren aus Respekt vor den Originalen Leerstellen nicht neu bemalt. So sind die religiösen Malereien lückenhaft geblieben, aber unverfälschte Originale.

Etliche Jahrhunderte jünger als die dezente Freskenmalerei sind drei gekrönte Heiligenfiguren. Sie entstanden erst im 16. Jahrhundert, die drei heiligen Frauen. In ihrer Mitte erkennen wir sofort die Gottesmutter Maria. Sie sitzt auf einem Thron und hat das kleine Jesuskind auf dem Arm. Zu ihrer Rechten steht, ebenfalls mit einer Krone auf dem Haupt, steht die Heilige Katharina. Zur Linken Mariens machen wir die Heilige Barbara aus.

Die Heilige Katharina wird als Märtyrerin verehrt, und das sowohl von den katholischen, als auch von der Orthodoxen Kirche. Sie soll zur Zeit der Regentschaft von Caesar Maximus Daia (305-313 n.Chr.) für ihren Glauben gestorben sein. Katharina, Tochter des heidnischen Königs Costus aus Zypern, wurde – so weiß es die Überlieferung – von einem frommen Eremiten zum Christentum bekehrt. Kaiser Maximus ließ seine besten Gelehrten und Philosophen gegen Katharina antreten. Katharina aber gab ihren Glauben nicht auf. Sie argumentierte so überzeugend, dass ihre fünfzig Widersacher geschlossen zum Christentum übertraten. Der wütende Kaiser ließ sie zur Strafe auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Nusplingen St. Peter und Paul, Enthauptung Katharina
von Alexandrien . Foto  LepoRello (Wikipedia)

Der Kaiser war von Katharinas Standhaftigkeit und Intelligenz zutiefst beeindruckt. Wiederholt bot er ihr an, neben ihm auf dem Thron zu sitzen und als Herrscherin zu regieren. Doch Katharina lehnte das Angebot immer wieder ab, auch dann noch, als sie fürchterlichen Qualen ausgesetzt wurde. So wurde Katharina zunächst grausam gefoltert, dann zwölf Tage blutend und ohne Nahrung in ein finsteres Verließ gesperrt. Engel standen ihr – nach uralter Überlieferung – bei, versorgten ihre Wunden. Sie bereiteten sie auf ihren Tod als Märtyrerin vor.

Auch als Katharina mit grausamen Folterinstrumenten zu Tode gequält werden sollte, erhielt sie zunächst göttlichen Beistand. Als sie mit fürchterlichen Rädern zerstückelt werden sollte, betete die fromme Frau verzweifelt.  Ein Engel stieg vom Himmel herab und zerstörte die mit Nägeln und Sägen bestückten Räder mit solcher Gewalt, dass 4 000 gaffende Zuschauer auf der Stelle getötet wurden.

Katharina wurde dann aber doch mit einem Schwert enthauptet. Wieder ereignete sich ein Wunder. Aus ihren Wunden quoll kein Blut, sondern Milch. Engel trugen ihren geschundenen Leib auf den Berg Sinai im Heiligen Land und bestatteten sie. Erst ein halbes Jahrtausend später wurden ihre sterblichen Überreste gefunden. Und genau dort wurde das »Katharinenkloster« errichtet. Aus ihren Knochen, so heißt es, fließe heilsames Öl.

Enthauptung Barbaras,
Barbara Altar von Jerg Ratgeb in der
Stadtkirche Schwaigern,
1510 Schmelzle (talk  contribs)
Auch Barbara von Nikomedien soll sich – so überliefert es der alte Volksglauben – geköpft… vom eigenen Vater. Gerade zu Zeiten blutiger Christenverfolgungen im dritten Jahrhundert soll sich Barbara dem neuen Glauben zugewendet haben. Barbara, von mächtigen Männern heiß begehrt, wurde in einen Turm eingesperrt, bekannte sich aber weiter zum Christentum. Die Ärmste wurde gefoltert, um sie vom Christentum wieder abzubringen… 

Vergeblich. Wie Katharina bekam auch die Heilige Barbara zunächst göttlichen Beistand. Wie so häufig sollte Barbara aber nicht wirklich geholfen, ihr qualvolles Leiden sollte nur verlängert werden. Als ihr Vater sie eigenhändig töten  wollte, tat sich ein Felsspalt auf. Barbara konnte sich zunächst verbergen. Ein böser heidnischer Hirte allerdings verriet das Versteck. Zur Strafe verwandelte Gott den Mann in einen Mistkäfer.

Barbara aber konnte ergriffen werden. Sie wurde misshandelt, bis ihr die Haut in Fetzen vom Leibe hing. Ihre Brüste wurden abgeschnitten, Barbara wurde mit brennenden Fackeln gemartert… Wieder gab es vorübergehend Linderung. Ein himmlischer Bote tauchte auf und umhüllte ihren geschundenen Leib mit einem weißen Gewand. Jesus, der Heiland der Christen, soll selbst erschienen sein und ihre Wunden geheilt haben. Der himmlische Beistand aber zögerte ihr Ende nur hinaus. Wie Katharina wurde auch sie nicht gerettet, sondern vom eigenen Vater enthauptet. Der unerbittliche Mörder aber – so weiß die fromme Legende – überlebte seine Tochter nicht lange. Er wurde kurz nach seiner Tat dahingerafft: Ein Blitz traf ihn und verbrannte den Christenhasser.


Die Heilige Katharina von Urschalling links im Bild.
Die Heilige Barbara rechts im Bild.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Die Heilige Katharina wird häufig mit ihren Insignien Rad und Schwert dargestellt, weil sie mit dem Rad gepeinigt und mit dem Schwert enthauptet wurde. Die Heilige Barbara wird oft mit dem Turm verewigt, weil sie in einen Turm gesperrt wurde. Die Katharina von Urschalling hält stolz das tödliche Schwert in den Händen, die Heilige Barbara den Turm.

Die Heilige Margareta von Antiochien erlitt den Märtyrertod im Jahre 305 n.Chr. Sie soll von ihrer christlichen Amme erzogen und zum Christentum bekehrt worden sein. Ihr eigener Vater – so überliefert die fromme Legende – zeigte sie an und brachte sie vor Gericht. Der heidnische Richter begehrte die sehr attraktive junge Frau, wurde aber empört zurückgewiesen. So wurde sie einer Feuerfolter unterzogen und in siedendes Öl geworfen. Auf wundersame Weise überlebte sie diese mörderischen Torturen, was zu wahren Massentaufen führte. Doch auch Margareta musste schließlich sterben. Wie Katharina und Barbara wurde sie enthauptet.

Das weithin bekannte »Geheimnis« von Urschalling ist die »Dreifaltigkeit« mit einer »Heiligen Geistin« in der Mitte. Kaum beachtet ist ein zweites »Geheimnis«, eine rein weibliche Trinität. Barbara, Katharina und die Heilige Margareta von Antiochien bilden eine weibliche Trinität, eine weibliche Dreifaltigkeit innerhalb der berühmten »Vierzehn Nothelfer«. Eine weibliche Trinität formieren auch die drei »Heiligen« von Urschalling. Allerdings wurde Margareta durch Maria, die Gottesmutter, ersetzt.


Der »Heidenstein«, das
»dritte Geheimnis« von Urschalling.
Foto Dr. Wilfred Krause at de.wikipedia

Das dritte »Geheimnis« mutet sehr rätselhaft an. Im Mittelgang der St. Jakobus-Kirche steht so etwas wie ein steinerner Pilz. Der Fuß -  eine niedrige, moderne Säule. Sie könnte aus Beton sein.  Und darauf ruht ein uralter Stein - die Kappe des Pilzes. Die merkwürdige Säule mit dem Stein darauf wirken fast störend. Sie versperren teilweise den Weg zum Altar. Der runde Stein weist einen »Kreis« an der Oberseite auf, bestehend aus sechs sorgsam »gebohrten« Löchern, mit einer siebten Vertiefung in der Mitte.

Im Mittelgang der mysteriöse Stein.
Foto Dr. Wilfried Krause
at de.wikipedia

Was auch immer dieser runde Steinscheibe darstellen soll, christlich ist sie nicht. Wann entstand sie? Welchem Zweck diente sie? Im 19. Jahrhundert, so ergab mein Quellenstudium, hielt man sie für einen »keltischen Heidenstein«, was auch immer das bedeuten soll. Diese These ist heute mehr als umstritten. Der Stein, so erfuhr ich von einer außergewöhnlich gut informierten Expertin, stammt aus römischer Zeit. Vielleicht wurde er von römischen Soldaten als »Spielstein« verwendet.

Wie aber kam der »Heidenstein« in die christliche Kirche von Urschalling? Und warum? Jemand, vermutlich ein Pfarrer, ließ ihn – wahrscheinlich im 19. Jahrhundert –  hinter dem Altar einmauern. Warum? Warum wurde er nicht dort belassen? Warum wurde er aus der Mauer gerissen und dann an so zentraler Stelle im Mittelgang auf einem Säulenpodest angebracht, und zwar so, dass er nicht zu übersehen ist? Betritt man heute die Kirche und blickt Richtung Altar, dann sieht man zentral vor sich den »Heidenstein« und rechts vor sich die weibliche Trinität mit Maria, der Gottesmutter, im Mittelpunkt…..


»Drei Hasen«,
Teil 218 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,                         
von

Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 23.03.2014





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Sonntag, 14. August 2011

82 »Engel, Teufel und ein Wal«

Teil 82 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

St. Jakobus birgt so
manches Geheimnis
Foto: W-J.Langbein
St. Jakobus liegt im Dunkel der Nacht. Der weiße Putz erstrahlt im hellen Blitzlicht meines Fotoapparats. Ein 90-jähriger Greis überprüft, ob das immer noch wehrhafte Gotteshaus auch wirklich abgeschlossen ist. Einst bot es den Menschen Schutz bei Überfällen durch feindliche Truppen. Und in seinem Inneren gab es einen kostbaren Schatz, nicht aus Gold oder Silber, sondern aus Farbe.

Am Morgen schließt der greise Küster die Tür zu St. Jakobus auf. Ich betrete ein kleines Vorräumchen. Durch eine gläserne Tür kann ich ins Innere des Gotteshauses blicken. Sonnenlicht fällt durch schmale Fenster ins Innere, Finger aus Licht gleiten über die Wände. Die Farbenpracht der zahlreichen Bilder, vor vielen Jahrhunderten entstanden, beeindruckt mich. Die Farben sind die alten Originale! Auch wenn da und dort weiße Lücken klaffen, so sind doch unzählige Kunstwerke von ganz besonderem Reiz erhalten geblieben!

Biblische Szenen wurden von unbekannten Malern verewigt. Sie wirken auf uns seltsam vertraut ... und sind doch keineswegs immer so bibelkonform, wie man das eigentlich von christlichen Malereien erwartet. Wir alle kennen die Geschichte von Kain und Abel (1): Adam und Eva hatten zwei Söhne, Kain und Abel. Beide wollten Gott ein Opfer darbringen: Kain »von den Früchten des Feldes« und Abel »von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett«. Als Gott nur Abels Opfer annahm, erschlug Kain seinen Bruder.

Adam und Eva von Urschalling
Foto: W-J.Langbein
Bis heute ist unklar, warum Gott die Opfergaben von Kain, dem Ackermann, ablehnte. Lag es daran, dass Gott den Acker verfluchte, als er Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb? Verschmähte er Kains Ernteopfer, weil die Früchte vom verfluchten Acker stammten? Die Bibel gibt uns darüber keine Auskunft.

Wenn wir den biblischen Krimi von Kain und Abel lesen und mit den gemalten Illustrationen von Urschalling vergleichen ... dann fällt uns auf, dass der Künstler am Chiemsee Kain und Abel Gestalten zugesellte, die in der Bibel nicht vorkommen: Der fromme Abel bekommt einen Engel zur Seite gestellt, der Mörder Kain einen Teufel.

Was meist auch emsige Bibelleser nicht wissen: Einstmals war der »liebe Gott« gut und böse zugleich. Überspitzt ausgedrückt: Gott hatte eine teuflische Seite und zugleich die Charaktereigenschaften eines Engels. Gott war ursprünglich böse und gut zugleich. Der gut-böse Gott konnte durchaus sein Volk strafen, wenn ihm danach war. Ein besonders amüsant-pikanter Fall ... Gott veranlasst eine Volkszählung, um sein Volk zu piesacken. Bei Samuel (2) lesen wir: »Und der Zorn des Herrn entbrannte abermals gegen Israel, und er reizte David gegen das Volk und sprach: Geh’ hin, zähle Israel und Juda.«

Nun wird genau diese Geschichte in der Bibel ein zweites Mal erzählt, und zwar in den Chroniken. Hier heißt es (3): »Und der Satan stellte sich gegen Israel und reizte David, dass er Israel zählen ließe.« So banal die »Strafe« erscheinen mag, wichtig ist die Bedeutung der Veränderung der Geschichte: Erst war Gott der böse Strafende ... jetzt aber ist nicht mehr Gott die treibende Kraft, sondern Satan!

Kain opfert Früchte
des Feldes
Foto W-J.Langbein
Anders ausgedrückt: Das Böse des Gut-Bösen Gottes wird von Gott abgetrennt und zum bösen Satan. Versuchen wir uns in einer Begriffserklärung: Unser Wort »Teufel« hat eine griechische Wurzel, nämlich »diabolos«. »Diabolos« wiederum ist die Übersetzung des hebräischen »STN« oder – mit Vokalen versehen – »Satan« . Satan alias »Luzifer« wurde im »Alten Testament« ursprünglich sehr positiv gesehen. Er wird bei Hesekiel (4) in höchsten Tönen gelobt: »Du bist ein reines Siegel, voller Weisheit und über alle Maßen schön, du bist im Garten der Götter mit allerlei Edelsteinen geschmückt ... und warst ohne Tadel in deinem Tun von dem Tage an, da du geschaffen warst.« Der »Teufel« war also ursprünglich ein Engel ... und zwar ein sehr guter! Wie viele andere Engel gehörte er zum unmittelbaren Hofstaat Gottes.

Abel opfert Tierisches
Foto: W-J.Langbein
In der Geschichte von Hiob (5) wird Satan schon böser, aber durchaus im Einvernehmen mit Gott selbst. Gott hat wieder einmal sein »Gefolge« (6) um sich versammelt, da wird eine kritische Frage aufgebracht. Ob wohl der fromme Hiob gottesfürchtig bleiben wird, wenn es ihm schlecht geht? Wer wie die sprichwörtliche Made im Speck lebt, kann leicht fromm den Blick zum Himmel heben ... Es kommt nach kurzem Disput zwischen Gott und dem Engel Satan zu einer Art Wette: Gott gestattet es Satan, Hiob und seinen Angehörigen schlimmstes Leid zuzufügen. Armut, Elend und Tod lassen aber Hiob nicht von seinem unerschütterlichen Glauben abrücken. Gott – der Gute – behält recht. Der böse Engel – Satan – hat sich geirrt. Ausbaden musste es ... der fromme Hiob!

Wer die Bibel mit detektivischem Spürsinn, wer ihre versteckten Botschaften erkennt, der weiß: Vom einst gut-bösen Gott spaltete sich das Böse ab. Gott wurde zum nur-noch-guten Gott ... und Satan alias Luzifer wurde zum Bösen. Für ihn war kein Platz mehr im Himmel. Die Konsequenz war der Höllensturz aus dem Himmel. Und so sagt Jesus – wir finden das Wort bei Lukas (6): »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.« Und so entstanden zwei polare Mächte: Gott und die guten Engel einerseits ... und Teufel und die bösen Engel andererseits. Dem aus dem Himmel gefallenen Engel Satan wurde ein böser Hofstaat beigestellt, aber nur in der Theologie. Diese seltsame, aber irgendwo auch logische Entwicklung wird in Urschalling sehr deutlich gemacht ... der »böse« Kain hat einen Teufel auf seiner Seite, der gute Abel einen Engel. So versuchte man sich »theologisch« die Welt zu erklären: Gott ist gut, aber es gibt dennoch das Böse auf Erden ... weil das Böse (der Teufel) den Menschen in Versuchung führen darf. Das Böse scheint oft zu obsiegen ... aber spätestens nach dem jüngsten Gericht siegt das Gute.

Jesus, der Wal und
zwei Teufel
Foto: W-J.Langbein
In Urschalling wird der Sieg des Guten über das Böse in einem für heutige Betrachter skurril anmutenden Freskogemälde: Wir sehen einen riesigen Walfisch mit weit aufgerissenem Maul. Er kann es nicht mehr schließen, weil Jesus sein Kreuz zwischen die Kiefer des Monsterwesen gestemmt hat. Aus dem Rachen des Wals steigen Menschen, ganz voran Johannes der Täufer (mit Heiligenschein) gefolgt von Adam und Eva. Die Bedeutung des Bildes aus christlicher Sicht: Jesus ist für die Menschen gestorben. Er hat durch seinen Tod und durch seine Auferstehung – so sieht es der Christ – die Menschheit gerettet. Nach dem »Jüngsten Gericht« folgt für die Gerechten das ewige Leben.

Im Kirchenführer »Urschalling« heißt es zum Wal-Bild (7): »Im Zeichen des Kreuzes werden sie (die Menschen) nun befreit, aus der Knechtschaft Satans herausgeführt in das neue Leben mit dem Auferstandenen beim Vater.« Auf dem Haupt des Wals von Urschalling steht, heute nur noch schlecht zu erkennen, Satan mit Klauenfüßen und spitzem Schwanz. Ein weiteres teuflisches Monster, mit Horn und Klauenpranke, schaut grinsend aus dem Maul des Wals. Wie ein sicherer Verlierer ... sieht es für mich nicht aus.

Urschalling vermittelt uns ein mittelalterliches Bild von der Welt, in der wir leben. Der Mensch wird vom Teufel bedroht, der vom Himmel gefallen ist ... und im Jenseits lockt das Paradies. Bei allem Respekt vor religiösen Weltbildern ... Unser Planet Erde wird von einem höchst irdischen und selbstgemachten »Teufel« bedroht! Und wir können nicht auf einen fernen Sankt Nimmerleinstag warten, bis wird von himmlischen Mächten von dieser Gefahr befreit werden! Wir müssen selbst tätig werden und eine höchst irdisch-reale »Bombe« entschärfen, bevor sie den gesamten Erdball zur Hölle macht!

Wir müssen so schnell wie möglich alles tun, damit das irdische Leben nicht durch ein künftiges globales Fukushima ausgelöscht wird. Religiöser Fundamentalismus welcher Art auch immer wird uns bei dieser Mammutaufgabe nicht helfen, ganz im Gegenteil!

Buchtipp:

Fußnoten
1: Das Erste Buch Mose Kapitel 4, Verse 1-16
2: Das zweite Buch Samuel Kapitel 24, Vers 1
3: Das erste Buch der Chronik Kapitel 21, Vers 1
4: Der Prophet Hesekiel Kapitel 28, Verse 12-15
5: Das Buch Hiob Kapitel 1, Verse 6-12
6: Das Evangelium nach Lukas Kapitel 10, Vers 18
7: Brugger, Walter und Bahnmüller, Lisa: »Urschalling«, Raublung, 3. Auflage 2003, S. 28

»Die Monstermauer von Ollantaytambo«,
Teil 83 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21.08.2011

Sonntag, 7. August 2011

81 »Die Heilige Geistin und Maria Magdalena«

Teil 81 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Abraham deutet auf die Dreifaltigkeit
Foto: W-J.Langbein
Einige Stunden verbrachte ich kurz vor Weihnachten in der St. Jakobus-Kirche von Urschalling. Mich stimmten die zum Teil starken Beschädigungen der uralten religiösen Gemälde traurig. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass missliebige Darstellungen bewusst beschädigt und zum Teil unkenntlich gemacht wurden. Im wehrhaften Gotteshaus scheint die Zeit seit Jahrhunderten stehengeblieben zu sein.

Die immer noch üppigen Reste der Wandmalereien zogen mich in ihren Bann. Ich versuchte, die farbenfrohen Gemälde unvoreingenommen, ja mit den Augen eines »Heiden« zu sehen und ich wurde fündig! Ich entdeckte die »Heilige Geistin« und Maria Magdalena beim letzten Abendmahl Christi, wieder einmal!

Kaiser Konstantin fürchtete zu Beginn des vierten nachchristlichen Jahrhunderts um die Stabilität in seinem Imperium. Ein einheitlicher Glaube sollte das Volk einen. Kaiser Konstantin entschied sich für das Christentum und ordnete anno 325 das »Erste Konzil von Nicäa« an. Ein gemeinsames Glaubensbekenntnis sollte jegliche christlich-religiöse Meinungsverschiedenheit schon im Keim ersticken. 318 Bischöfe einigten sich nach hitzigsten Diskussionen auf das »Glaubensbekenntnis«. Es wurde der Glaube durchgesetzt, dass Jesus wie Gott Vater »wahrer Gott« sei. Auf einen »Heiligen Geist« oder gar auf die »Heilige Dreifaltigkeit« wird in keiner Silbe eingegangen (1). Erst gegen Ende des vierten Jahrhunderts wurde der »Heilige Geist« als fester Bestandteil in die Bibel aufgenommen.

Abraham und die Dreifaltigkeit
Foto: W-J.Langbein
In der Bibel gibt es aber keinen einzigen wirklichen Hinweis auf die »Heilige Trinität«. Selbst der fast schon fundamentalistische Theologe M.R.DeHaan muss in seinem Werk »508 Answers to Bible Questions« (ohne Ortsangabe 1982) zugeben: »Es gibt nicht einen Vers in der Bibel, der aussagt, dass Gott eine Dreifaltigkeit, bestehend aus drei Personen, ist.« Damit vertritt er an den Universitäten keineswegs eine Außenseiterposition, sondern die allgemein akzeptierte wissenschaftliche Lehrmeinung. Auch der Theologe Karl-Heinz Ohlig kommt zum gleichen Ergebnis. 1999 brachte er es in seinem Buch »Ein Gott in drei Personen?« (Mainz 1999) auf den Punkt. Die Lehre von der Dreifaltigkeit »besitzt keinerlei biblische Grundlage«.

Vertreter der Geistlichkeit aber waren schon oft vollkommen anderer Ansicht als die Vertreter einer wissenschaftlichen Theologie ... und sie wurden schon immer fündig, wenn es galt, eine Glaubenswahrheit in den Schriften der Bibel zu entdecken. Angeblich gibt es Hinweise auf die Dreifaltigkeit schon im »Alten Testament«. So wird im »Ersten Buch Mose« (2) beschrieben, dass Abraham von drei Männern besucht wurde. Die Herrn prophezeiten dem verdutzten greisen Abraham, seine Frau werde demnächst ein Kind gebären. Eindeutig ist von drei Männern die Rede (3). Wenn Abraham tatsächlich von der göttlichen Dreifaltigkeit besucht worden sein sollte ... bewirtete dann der greise Mann Gott Vater, Gott Sohn (also Jesus!) und Heiligen Geist?

Die »Heilige
Geistin«
Foto:
W.-J.Langbein
Im Deckengemälde von St. Jakobus zu Urschalling wird jedenfalls behauptet, dass dem Abraham schon die Dreifaltigkeit begegnet ist. Abraham hält in seiner Rechten ein Schriftband. Da heißt es in lateinischer Sprache: »Abraham sieht drei und betet einen an.« Mit der linken Hand deutet Abraham auf die Dreifaltigkeit. Die aber besteht ganz eindeutig aus zwei Männern (Gott Vater und Gott Sohn) und einer Frau. Im sakralen Bildnis von Urschalling ist ganz eindeutig eine »Heilige Geistin« zu sehen!

Unbestreitbar ist das hebräische »Ruach« (»Geist«/ »Hauch« Gottes!) weiblich. Bekanntestes Symbol für den »Heiligen Geist« des »Neuen Testaments« ist die Taube. So heißt es im »Evangelium nach Markus« (4): »Und alsbald, als er (Jesus) von dem Wasser heraufstieg, sah er die Himmel sich teilen und den Geist wie eine Taube auf ihn hernieder fahren.« Im Evangelium nach Matthäus (5) wird die Geschichte von der Taube bestätigt: »Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.«

Eine christliche Erfindung ist die göttliche Taube keineswegs! Eine der ältesten Gottheiten überhaupt ist Ischtar. Ischtar, die höchste weibliche Gottheit, steht für Geburt, Leben, Lust und Leiden und Tod. Ihr Symbol : die Taube! Ich behaupte: Aus der einst mächtigen Göttin aus uralten Zeiten wurde der weibliche »Heilige Geist« des »Neuen Testaments«. Im Bildnis von St. Jakobus zu Urschalling lebt Jahrtausende alter Glaube fort!

Nicht erst seit Dan Browns Weltbestseller »Das Sakrileg« faszinieren mich Darstellungen des »letzten Abendmahls« Jesu. Auch in der St. Jakobus-Kirche zu Urschalling gibt es eine Darstellung davon. Auch wenn das Fresko leider allenfalls noch zur Hälfte besteht, ist das Bildnis doch mehr als aufschlussreich. Vor dem kleinen Wandgemälde stehend erinnerte ich mich an die Worte des »Evangeliums nach Johannes« (6):

Johannes
schmiegt sich
an die Brust Jesu
Foto:
 W-J.Langbein
»Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus liebhatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte.« Kurz darauf wird wiederholt: »Da lehnte er (der Lieblingsjünger) sich an die Brust Jesu.« Ich betrachtete sorgsam das Abendmahlsfragment von Urschalling. Sofort erkannte ich Jünger Johannes. Jünger Johannes war somit eindeutig identifiziert.

Simple Logik: Da sich Lieblingsjüner Johannes – wie im »Evangelium nach Johannes« beschrieben – an Jesu Brust schmiegt, kann er nicht gleichzeitig auch noch neben Jesus stehen. Und neben Jesus ist deutlich eine recht feminine Gestalt zu sehen ... bei der es sich definitiv nicht um den jugendlichen Johannes mit weichen Gesichtszügen handeln kann. Wer ist die junge Frau mit langen Haaren, die so mütterlich eine Hand auf Johannes' Schulter legt? Meine Meinung: Maria Magdalena, die Frau, die Jesus nach den verbotenen Evangelien mehr liebte als die männlichen Jünger. Mir erscheint diese Interpretation sehr viel wahrscheinlicher zu sein als die Schultheologie!

Mich fasziniert das »Sakrileg« von Urschalling mehr als die Fiktionen von Dan Brown! Dan Browns »Sakrileg« schlug ein wie eine Bombe, löste wegen »ketzerischer Aussagen« weltweit Proteste aus. Als dann Browns Zig-Millionenseller auch noch verfilmt wurde, heizte das die Diskussion nochmals an.

Wer ist die Frau neben Jesus?
Foto W-J.Langbein
Aber leider wandte sich die Weltöffentlichkeit schon bald wieder anderen Themen zu. Bald schon wurden wieder andere »heiße Eisen« kurzfristig angefasst und schnell wieder fallengelassen. Doch das »Sakrileg« war und bleibt real. Es geht um Maria Magdalena, die Apostelin der Apostel, die intimste Bekannte Jesu, vielleicht sogar Jesu Frau!

Neben der offiziellen christlichen Lehre gibt es schon seit fast zwei Jahrtausenden verbotenes Glaubensgut. Ketzer wurden blutig verfolgt, gemartert und getötet. Gab es aber dennoch so etwas wie ein verborgenes Christentum, das Maria Magdalena als Jesu Partnerin anerkannte? Nach Jahrzehnten der intensiven Forschung bin ich davon überzeugt.

Anhänger der verbotenen Lehren lebten gefährlich. Schmuggelten Eingeweihte ihr verbotenes Wissen getarnt in christliche Kunstwerke wie Leonardo da Vincis Abendmahl, das Abendmahl von Kirchbrak und das Abendmahl von Urschalling?


Abendmahl von Urschalling
Foto: Walter-Jörg Langbein
Fußnoten
1: »Wir glauben an einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Und an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der als einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist, das heißt aus dem Wesen des Vaters. Gott vom Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt und nicht geschaffen.«
2: 1. Buch Mose Kapitel 18, Verse 1-15
3: ebenda, Kapitel 18, Vers 2
4: Evangelium nach Markus Kapitel 1, Vers 10
5: Evangelium nach Matthäus Kapitel 3, Vers 16
6: Evangelium nach Johannes Kapitel 13, Verse 23-25




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»Engel, Teufel und ein Wal«,
Teil 82 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14.08.2011


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