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Sonntag, 22. Dezember 2019

518. »Reise ins Vorgestern«

Teil 518 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der »Erste Brief des Johannes«
entsteht.

Martin Luthers Bibelübersetzung als Gesamtausgabe erschien 1534, Piscators Bibelübersetzung folgte Jahrzehnte später, anno 1604. Die alten Bibelübersetzungen zu lesen, das ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Die alten Bibelübersetzungen können uns in Zeiten führen, zu denen ein ganz anderes Deutsch als heute gesprochen wurde. Schon sehr viel früher als das christliche Europa verfügte das syrische Christentum bereits über eine Bibelübersetzung, die »Peschitta« (englische Schreibweise: »Peshitta«). Die »Peschitta« –  in einer aramäischen Sprache verfasst –  war in Syrien weit verbreitet. (Was gern vergessen wird: Jesus sprach einen aramäischen Dialekt und nicht Griechisch oder gar Lateinisch.)

Sprachwissenschaftler haben die alte Form des Syrischen der »Peschitta« als einen »östlichen Zweig des Aramäischen« erkannt. Als Ort der Entstehung steht einwandfrei der syrische Raum fest. Umstritten freilich ist, wann die »Peschitta« zum ersten Mal als greifbarer Text vorlag. Bücher in unserem Sinne gab es damals noch nicht, vermutlich kursierten einzelne biblische Bücher aus der Bibel bevor die »Peschitta« komplett vorlag. Die Anfänge ihrer Entstehung reichen, darin scheinen sich die meisten Experten einig zu sein, bis ins erste nachchristliche Jahrhundert zurück.

Aber wann wurden die Texte schriftlich fixiert? Die Peschitta-Texte des »Neuen Testaments« sollen schon Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus entstanden sein, wie manche Experten meinen.  Oder sind sie jünger? Wurden sie erst Mitte des vierten nachchristlichen Jahrhunderts niedergeschrieben (1)?

Wir müssen bedenken, dass Jesus selbst und seine Jünger davon ausgingen, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorstand. Jesus würde, das glaubten die ersten Christen, noch zu Lebzeiten zumindest einiger der Jünger wieder erscheinen und als Messias die Menschen richten. Warum sollte man da noch dicke Bücher über Jesus und sein Wirken schreiben? Jesus würde doch schon bald wieder vom Himmel zur Erde hinab steigen! Am ehesten hat man wohl wichtige Worte Jesu schriftlich festgehalten, und zwar vermutlich in der Sprache Jesu. Das war Aramäisch. Vermutlich waren das Sammlungen von Zitaten, aber keine Biographien.

Für Christen der »Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien« und der »Assyrischen Kirche des Ostens« ist die »Peschitta« die Standardversion der »Heiligen Schrift« schlechthin. George Mamishisho Lamsa (*1892; †1975) hat die »Peschitta« ins Englische übertragen. Der führende Experte auf dem Gebiet dieser viel zu wenig beachteten Übersetzung erklärt uns (2): »Der Ausdruck Peshitta bedeutet klar, einfach, aufrichtig und wahr, das heißt, das Original«. Eine andere Übersetzung des Terminus »Peschitta« lautet: »einfach zu verstehen«.

Foto 2: Ein Peschitta-Text (Ausschnitt).

 Mit anderen Worten: Die »Peschitta« soll die ursprünglichste Bibelübersetzung sein, verfasst in klarer, nicht verschnörkelter Sprache. Das soll sie von diversen anderen syrischen Übersetzungen unterscheiden, die in den ersten Jahrhunderten nach Jesu Geburt entstanden. Die »Peschitta« will nicht umschreiben, sondern den Text in seiner Schlichtheit ohne Verfälschungen vermitteln. Bietet sie wirkliche Authentizität?

In der Theologie gibt es, vorsichtig formuliert, eine starke Tendenz: Die vier nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes benannten Evangelien haben als authentischer als andere zu gelten. Deshalb werden die vier Evangelien, die ins »Neue Testament« aufgenommen wurden, gern älter, die »Peschitta« und die »verbotenen« Evangelien der Gnosis gern jünger gemacht. Je fundamentalistischer ein Theologe denkt, desto stärker ist seine Abneigung gegen Texte außerhalb der Bibel. Dabei zeigt es sich immer wieder, dass die »Peschitta« manchmal sehr viel genauer und unverfälschter ist als modernere Übersetzungen. Beispiel: die Sache mit der »Heiligen Dreifaltigkeit«. Für christliche Theologen ist die Lehre von der »Heiligen Dreifaltigkeit« fester Bestandteil des christlichen Glaubens. Der »Katechismus der katholischen Kirche« (3) bezeichnet die »Trinitätslehre« als (4) »zentrales Mysterium des Glaubens« und führt aus (5): »Das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit ist das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens und Lebens. Es ist das Mysterium des inneren Lebens Gottes, der Urgrund aller anderen Glaubensmysterien und das Licht, das diese erhellt. Es ist in der ›Hierarchie der Glaubenswahrheiten‹ die grundlegendste und wesentlichste.«

Nicht wirklich erhellend geht es weiter: »›Die ganze Heilsgeschichte ist nichts anderes als die Geschichte des Weges und der Mittel, durch die der wahre einzige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – sich offenbart, sich mit den Menschen, die sich von der Sünde abwenden, versöhnt und sie mit sich vereint‹.«

Foto 3: Erster Brief des Johannes
in einer Vulgata-Handschrift
aus dem 13. Jahrhundert.


Auf dem 2. Konzil von Konstantinopel im Jahre 553 n.Chr. (unter dem Vorsitz von Eutychius, Patriarch von Konstantinopel) wurde verlautbart, dass sich ein einziger Gott in drei Personen zu erkennen gebe. Auf der 11. Synode von Toledo anno 675 wurde erklärt: »Der Vater  ist dasselbe wie der Sohn, der Sohn dasselbe wie der Heilige Geist, nämlich von Natur ein Gott.« Dann vergingen wieder Jahrhunderte, bis anno 1215 auf dem »4. Konzil im Lateran« definiert wurde: »Jede der drei Personen ist jene Wirklichkeit, das heißt göttliche Substanz, Wesenheit und Natur.«

In der sakralen Kunst gibt es zahlreiche Darstellungen der »Heiligen Dreifaltigkeit«.  Freilich stiften Gemälde wie das von Guiard des Moulins (*1251; †1322) eher für Verwirrung, werden da doch Gottvater, Sohn und Heiliger Geist als drei separate Wesen dargestellt. Selten sind Darstellungen der Trinität wie jene im idyllischen Urschalling (Prien) am Chiemsee. Das wirklich bemerkenswerte Fresko, wichtiger Teil einer figurenreichen Wand- und Deckenbemalung aus dem 14. Jahrhundert, wurde in der unteren Spitze eines Gewölbezwickels angebracht. Der unbekannte Künstler hat versucht, die Lehre von der Dreifaltigkeit darzustellen: Gottvater, Gottsohn und Heiliger Geist als ein Wesen. In Urschalling entstand so ein seltsam anmutendes Wesen mit einem Unterleib, aus dem drei Oberkörper wachsen, umhüllt von einem Mantel. Kurios: der Heilige Geist von Urschalling ist ohne Zweifel eine Frau (6).

Problematisch ist, dass es weder im »Alten Testament«, noch im »Neuen Testament« einen Hinweis auf die Dreifaltigkeit zu geben scheint. Steht also nichts in der Bibel über die Trinität? Oder doch? Noch im 19. Jahrhundert gab es in fast allen Bibelübersetzungen ein klares Bekenntnis zur »Trinität«. Im »Ersten Brief von Johannes« (7) scheint ein wenig versteckt die »Dreifaltigkeit« aufzutauchen. Selbst in der sonst von mir sehr geschätzten, da präzisen »Piscator Bibel« von 1684 wird fabuliert: »Denn drey sind, die da zeugen im himmel, der Vatter, das Wort, und der Heilige Geist; und diese dry sind eins.«

Mit dem »Wort« soll Jesus gemeint sein, das ergibt dann die Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist… »und diese drey sind eins.« Ein Blick in die »Peschitta« bringt Klarheit! Da fehlt, wie im griechischen »Neuen Testament« der Vers über die »drei, die eins sind«. Mit anderen Worten: Es handelt sich bei dem Vers, der die Dreifaltigkeit beweisen soll, um einen späteren Einschub, um eine Verfälschung des Originals.  Offensichtlich sahen sich Vertreter der Trinität genötigt, diesen »Beweis« zu fabrizieren, um einen biblischen Beleg für die Dreifaltigkeitslehre zu schaffen.

 Foto 4: Darstellung der Dreifaltigkeit von Guiard
des Moulins
(15. Jahrhundert).


In heutigen Bibelübersetzungen wird man den fiktiven »Beweis« vergeblich suchen. Er wurde längst wieder gelöscht. Und – diese Feststellung ist sehr wichtig – in der »Peschitta« hat es diese Verfälschung nie gegeben. Der britische Physiker und Kosmologe Professor John Barrow (*1952) erklärte in einem Interview mit dem »ORF« (Österreich), seiner Meinung nach seien Zeitreisen »physikalisch prinzipiell möglich«. Der theoretische Physiker von der »University of Cambridge« John David Barrow verfasste zahlreiche Fachbücher wie (8) »Theorien für alles«, » Die Entdeckung des Unmöglichen« und »Das Buch der Universen«. Ob es freilich in der Praxis je zu Zeitreisen kommen wird, weiß auch der Wissenschaftler John David Barrow nicht.

In Gedanken sind Zeitreisen allerdings schon jetzt machbar. Die nötigen »Hilfsmittel« stehen uns schon seit geraumer Zeit zur Verfügung: Es sind Schriften wie das »Alte Testament« in diversen Übersetzungen, die »Peschitta« und die »Legenden der Juden«, die Louis Ginzberg (*1873; †1953) als sein unglaubliches Lebenswerk (9) zusammengetragen hat. Doch Vorsicht ist geboten! Je nachdem, welches Instrument man benutzt,  kann man bei jeder Reise zu ganz unterschiedlichen Bildern von der gleichen Zeitepoche kommen. Ein und dasselbe Ereignis kann immer wieder ganz anders beschrieben worden sein.

Mich persönlich hat in den vergangenen vierzig Jahren keine Reise so fasziniert wie die in die Welten von Mythen aus uralten Zeiten: in die Ära von Adam und Eva und darüber hinaus in weite, weite Gefilde der Vergangenheit. Und je länger ich über die Geheimnisse der Vergangenheit geschrieben habe, desto mehr überlasse ich es den Leserinnen und Lesern, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen. Anders als Theologen wähne ich mich nicht im Besitz der Wahrheit. Und schon gar nicht versuche ich, meinen Leserinnen und Lesern eine bestimmte Doktrin aufzunötigen. Sich selbst auf die Suche machen, das bringt uns alle weiter!

In den vergangenen vierzig Jahren habe ich dutzende Bücher geschrieben und veröffentlicht. Meine aktuellen Recherchen sind für mich die spannendsten überhaupt. Machen wir uns gemeinsam auf ins Gestern! Beginnen wir unsere Reise ins Vorgestern! 

Foto 5: Die Dreifaltigkeit
von Urschalling.
Fußnoten
(1) Aland, Kurt und andere (Herausgeber): »Novum Testamentum Graece«, 26. Auflage, Deutsche Bibelstiftung Stuttgart, 1981, S. 17
(2) »The Holy Bible from Ancient Eastern Manuscripts containing the Old and New Testaments translated from the Peshitta, the Authorized Bible of the Church of the East by George M. Lamsa«, Seite VII, A. J. Holman Company, Philadelphia, USA, 9. Auflage 1957
(3) »Katechismus der katholischen Kirche«, Taschenbuchausgabe, Wien 1993
(4) Ebenda, »Thematisches Register«, Seite 775, linke Spalte unten, Stichwort »Dreifaltigkeit«
(5) Ebenda, S. 93, Absatz 2 »Der Vater«, Nr. 234
(6) Wodtke-Werner. Verena: »Der Heilige Geist als weibliche Gestalt im christlichen Altertum und Mittelalter. Eine Untersuchung von Texten und Bildern«, Pfaffenweiler 1994
Siehe hierzu auch
Langbein, Walter: »Das Sakrileg und die Heiligen Frauen«, Berlin November 2004 und
Langbein, Walter-Jörg: »Als Eva noch eine Göttin war: Die Wiederentdeckung des Weiblichen in der Bibel – Verborgenes Wissen in biblischen Schriften, verbotenen Büchern und sakralen Kunstwerken«, Groß-Geruau 2015
(7) 1. Johannes Kapitel 5, Vers 7
(8) Barrow, John David: »Theorien für alles : die Suche nach der Weltformel«, 1994
Barrow, John David: »Die Entdeckung des Unmöglichen. Forschung an den Grenzen des Wissens«, Heidelberg 1999
Barrow, John David: »Das Buch der Universen«, Frankfurt am Main 2011
(9) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews« 6 Text-Bände und der Index-Band, veröffentlicht von der »Jewish Publication Society of America«, Philadelphia 1909–1938.

Foto 6: Piscator-Bibel
von 1684 (Frontispiz).
Zu den Fotos
Foto 1: Der »Erste Brief des Johannes« entsteht. Miniatur  in einer Vulgata-Handschrift aus dem 13. Jahrhundert. Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ein Peschitta-Text (Ausschnitt). Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Erster Brief des Johannes in einer Vulgata-Handschrift aus dem 13. Jahrhundert. Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Darstellung der Dreifaltigkeit von Guiard des Moulins (15. Jahrhundert).
Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Dreifaltigkeit von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Piscator-Bibel von 1684 (Frontispiz). Foto Walter-Jörg Langbein

519. »Sieben Erden«,
Teil 519 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29. Dezember 2019



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Sonntag, 19. Juli 2015

287 »Das Geheimnis des Bluttuchs«

Teil 287 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein




Das Kirchlein von Urschalling
Das Kirchlein wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Wann genau der Grundstein gelegt wurde, ist nicht bekannt. Vermutlich wurde es im späten 11. Jahrhundert irgendwo im »Nirgendwo« am Chiemsee gebaut. Im späten 12. Jahrhundert gewann es an Bedeutung, als die Grafen von Falkenstein eine Kapelle für ihre »Zweitburganlage« suchten und sich schließlich für »St. Jakobus« entschieden.

Der herrlichen Malereien wegen reiste ich nach Urschalling. Die Fresken entstanden im 12., 13. Und 14. Jahrhundert. Zwischen dem 17. Und dem 19. Jahrhundert wurden die wertvollen Fresken wiederholt übertüncht und überkleistert. Warum? Störte man sich an der Dominanz der Frauen in den altehrwürdigen Darstellungen? Anno 1923 jedenfalls wurden sie durch einen Zufall wiederentdeckt. 1940 wurde mit ersten Restaurierungsarbeiten begonnen. Weitere aufwändige Kampagnen wurden in den folgenden Jahrzehnten durchgeführt, die »St. Jakobus« zu einer wichtigen Kirche machten, deren Malereien man wie ein Buch lesen kann.

Die mysteriöse Trinität (Urschalling)
Geradezu ketzerisch mutet die Darstellung der »Heiligen Dreifaltigkeit« für manche Zeitgenossen an. Wird die mysteriöse »Trinität« doch als Wesen mit drei Oberkörpern dargestellt: Gottvater, Sohn Jesus und in der Mitte – als Frau! – der »Heilige Geist«. Man müsste also konsequenter Weise von der »heiligen Geistin« sprechen, die im »Neuen Testament« vom Himmel kommt und über Jesus kommt (1). Im »Wörterbuch der feministischen Theologie« (2) lesen wir:

»Eine Sondertradition … hat sich um den Heiligen Geist gebildet: Schon das alttestamentliche Wort für Geist, ›Ruach‹, wurde in der weiblichen Form gebraucht, auch als Taubensymbol, zugleich Erossymbol, das auch den Göttinnen Aphrodite und Innana zugeordnet war, ist weiblicher Natur.«
Diese »Heilige Geistin« hat mich nach Urschalling an den Chiemsee geführt. Bei meiner nächtlichen Ankunft am damals gänzlich unbeleuchteten »Bahnhof« wäre ich fast vom abrupt endenden, ungesicherten Bahnsteig gestürzt. Nach einer erholsamen Übernachtung in einer kleinen, rustikalen Pension stand ich dann am Morgen allein im Kirchlein und staunte über die noch erhaltene Bilderflut an Wänden und Decke.

Nur wenige Stunden ist die einstige Wehrkirche geöffnet, dabei könnte ich tagelang im kleinen Gotteshaus von Bild zu Bild wandern und versuchen, die gemalten Darstellungen wie ein Buch zu lesen. Während ein geschriebener Text immer nur eine Lesart zulässt, können Gemälde auch vieldeutig sein.  Die »Heilige Geistin« zwischen Jesus und Gottvater bietet reichlich Raum für  Spekulationen. Im Gewölbe des Chors… eine wirklich mysteriöse Dreifaltigkeit mit weiblichem Anteil.

Das Antlitz Jesu von Urschalling

An der Nordwestwand des Chorjochs, über einem Fenster, breitet eine junge Frau ein Tuch aus. Darauf ist das Antlitz Jesu zu sehen. Wie das Bildnis aufs Tuch kam, das erzählt eine uralte christliche Legende, die schon seit dem 6. Jahrhundert im Abendland kursierte. Veronika wollte sich, so die Legende, von einem Maler ein Bildnis Jesu auf einem Tuch anfertigen lassen. Unterwegs traf Veronika Jesus, erzählte ihm von ihrem Vorhaben. Jesus ließ sich das Tuch geben und als er es zurückreichte, war darauf sein Antlitz zu sehen. In einer späteren, dramatischeren Form der Legende entsteht das Bildnis, als der geschundene Jesus zur Hinrichtungsstätte getrieben wird. Entkräftet von der Last des Kreuzbalkens bricht Jesus zusammen, Veronika reicht  ihm das Tuch. Dankbar trocknet Jesus sein Gesicht… und hinterlässt darauf das Abbild seines Antlitzes.

»vera ikon« (Marktkirche Hannover)
An der Nordwand des Chorjochs von Urschalling sehen wir Veronika, die das »Schweißtuch« mit dem Gesicht Jesu hält. Sie selbst tritt in den Hintergrund, das »vera ikon«, das »wahre Bild«, wird uns entgegengehalten. In der Marktkirche von Hannover, ebenso dem Heiligen Jakobus geweiht, wird das Geschehen auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte plastisch dargestellt. Jesus wankt förmlich unter der Last des Kreuzes. Um ihn zu verspotten, hat man ihm einen goldenen Königsmantel umgehängt. So sollte demonstriert werden, dass die Römer niemanden ungestraft davonkommen ließen, der sich als König der Juden bezeichnete. Ein römischer Soldat geht voran, zerrt Jesus an einem Strick hinter sich her.

Hinter Jesus ist eine Frau zu sehen, die der Prozession des Schmerzes folgt. Ich vermute, dass Jesu Mutter Maria gemeint ist. Begleitet wird sie von einem Mann, von dem nur ein kleiner Teil des Kopfes zu sehen ist. Es könnte sich um den Lieblingsjünger Jesu, also vermutlich um Johannes, handeln. Die beiden werden von einem weiteren römischen Soldaten angeschrien. Vorn links im Bild kniet eine junge Frau. Sie hat soeben das »Schweißtuch« erhalten. Im Verlauf der Jahrzehnte habe ich so manche Darstellung dieser Szene gesehen, nirgendwo war das Abbild Jesu auf dem Tuch so plastisch herausmodelliert wie im Schnitzwerk des Altars in der Marktkirche von Hannover. 

Das blutige Antlitz im Tuch ist genauso dreidimensional geschnitzt wie die Gesichter aller Akteure.Man könnte meinen, im Tuch liege ein abgeschlagenes Haupt... Wollte der Künstler betonen, dass seine Darstellung besonders realistisch sein soll, die Wirklichkeit in allen Einzelheiten wiederspiegelt?

Das Antlitz im Tuch (Marktkirche Hannover)
Eine Frage stellt sich nun: Ist die Geschichte vom »Schweißtuch der Veronika« nur eine für den Gläubigen erfundene, rein fiktive Geschichte ohne jeden realen Hintergrund? Michael Hesemann, er studierte Geschichte, Kulturanthropologie, Germanistik und Journalistik, ist überzeugt: Die Legende hat einen realen Hintergrund! Es hat existiert und es existiert noch heute. Bekannt ist die Reliquie als das »Schweißtuch von Oviedo«, auch »Santo Sudario von Oviedo« genannt. Das blutverschmutzte Leinentuch wird in der Kathedrale San Salvador in Oviedo, Spanien, aufbewahrt.

Es ist mehr als verblüffend: Es gibt Blutspuren auf dem sogenannten Schweißtuch von Oviedo, die den Verletzungen durch die Dornenkrone Jesu Christi zuzuordnen sind. Und die stimmen exakt mit jenen überein, die auf mysteriösen Turiner Grabtuchs ebenfalls von der Dornenkrone verursacht wurden.

Sollte es sich beim Bluttuch von Oviedo wirklich um eine echte Reliquie handeln? Michael Hesemann ist in seinem umfangreichen Werk über »Das Bluttuch Christi« (3) mit kriminalistischem Spürsinn eine überzeugende Indizienkette gelungen, vom Kreuz von Golgatha über die Abnahme des toten Jesu vom Kreuz bis hin zur Grablegung. Demnach umhüllten das »Schweißtuch von Oviedo« und das »Turiner Grabtuch« vor rund zwei Jahrtausenden Gesicht und Körper Jesu. Und in der Tat: Die Flecken auf beiden Tüchern rühren von denselben Wunden her. Wissenschaftlich exakt konnte der Tod des Mannes rekonstruiert werden, bis hin zur Grablegung.

Michael Hesemann (4): »Beide Tücher umhüllten den toten Körper desselben Mannes – und dieser Mann muss Jesus Christus gewesen sein. Selbst sein Antlitz konnte wissenschaftlich rekonstruiert werden. Stumme Zeugen der Passion beginnen jetzt zu reden.«

Mir kommt ein Zitat von Ralph Waldo Emerson (1803-1882) in den Sinn: »Selbstaufopferung ist das wirkliche Wunder, aus dem alle anderen Wunder entspringen.« Aber der vermeintlich wissenschaftlich geschulte Zeitgenosse lehnt den Glauben an Wunder ab. Dabei hat niemand einen so festen Glauben wie der Agnostiker. Ein Agnostiker glaubt, dass sein wissenschaftliches Weltbild Wunder ausschließt. Schade, dass er nicht erkennt, wie eng sein geistiger Horizont ist. »Wunder stehen nicht im Gegensatz zur Natur, sondern nur im Gegensatz zu dem, was wir über die Natur wissen.«, formulierte der Heilige Augustinus.

Leider halten Agnostiker, ob sie es zugeben oder nicht, ihr Wissen für allumfassend. Sie haben ein Defizit an Selbstkritik und leiden an Fantasielosigkeit.


Beisetzung Jesu (Marktkirche Hannober)
Fußnoten

(1) Evangelium nach Markus, Kapitel 1, Vers 11, sowie Evangelium nach Lukas, Kapitel 3, Vers 22 und Evangelium, sowie Evangelium nach Matthäus Kapitel 3 Vers 17
(2) Gössmann, Elisabeth, Moltmann-Wendel u.a. (Hrsg.): »Wörterbuch der feministischen Theologie«, Gütersloh 1991, S. 239
(3) Hesemann, Michael: »Das Bluttuch Christi/ Wissenschaftler auf den Spuren der Auferstehung«, München 2010
(4) ebenda, Text auf dem Buchcover hinten

Zur Lektüre empfohlen:

Badde, Paul: »Das Grabtuch von Turin oder das Geheimnis der heiligen Bilder«,
München 2010

Hesemann, Michael: »Das Bluttuch Christi/ Wissenschaftler auf den Spuren der Auferstehung«, München 2010

Schlömer, Blandida Paschalis: »Il Volto della Parola GESÙ/ Jesus - Das Gesicht
des Wortes«, Teramo 2010

Siliato, Maria Grazia: »Und das Grabtuch ist doch echt/ Die neuen Beweise/
Das Turiner Grabtuch ist 2000 Jahre alt«, Lizenzausgabe, Augsburg 1998

288 »Widersprüchliches in den Evangelien in Sachen Auferstehung«
Teil 288 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.07.2015

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Sonntag, 15. Juni 2014

230 »Adam und Eva auf der Osterinsel«

»Das Paradiestor und seine Sphingen, Teil 5«,
Teil 230 der Serie

»Monstermauern, Mumien und Mysterien«

von Walter-Jörg Langbein


Das Kirchlein der Osterinsel. Foto: Walter-Jörg Langbein

Der Kontakt mit der christlich-zivilisierten Welt erwies sich für die Osterinsulaner als ganz und gar nicht segensreich. Durch eingeschleppte Krankheiten kam es auf dem einst paradiesischen Eiland in der Südsee zu Epidemien, der im 19. Jahrhundert fast die gesamte Bevölkerung zum Opfer fiel. Nur ein Bruchteil der ursprünglichen sakralen Mythologie blieb erhalten. Schwer zu entscheiden ist, was echte Osterinsel-Mythologie ist und was erst nach der Christianisierung an Glaubensgut entstand.

Im Zentrum der Osterinseltheologie standen Götter wie Make-Make, der ein Schöpfer von Leben gewesen sein muss. Make-Makes erste Kreation war – so heißt es im Mythos »Make-Make, der Schöpfer der Welt« (1) ein monströses Mischwesen: eine Kombination aus Make-Make und einem Vogelwesen mit Schnabel, Flügeln und Federn. Dieses Monster könnte so ausgesehen haben wie eines der Mischwesen vom Paradiestor am Dom zu Paderborn.

Make-Make in Stein graviert. Foto: Walter-Jörg Langbein

So ganz zufrieden war Make-Make mit dem Ergebnis dieses Experiments nicht. Er probierte weiter. Im dritten Anlauf (2) »befruchtete Make-Make das Loch eines Steines, in dem rote Erde war. Er mischte seinen Samen und die Erde und formte so den ersten Menschen.«

Als ich mit einem der örtlichen Geistlichen in der kleinen Kirche der Osterinsel über diese alte Überlieferung diskutierte, löste ich eine heftige Reaktion aus. Der Gottesmann war sichtlich empört und wetterte drauf los: »So ein sündiger Text zeigt doch, wie verderbt diese gottlosen Texte sind! Gott schafft durch das Wort. Er hat es nicht nötig, rote Erde mit seinem Samen zu verarbeiten und daraus einen Menschen, sozusagen Adam, zu fabrizieren!« Auf die erste Kreation des Gottes, das Mischwesen aus Make-Make und Vogel, wollte er auf gar keinen Fall eingehen. Dabei wimmelt es im Kirchlein auf der Osterinsel förmlich von Darstellungen von Mischwesen, die sehr wohl das erste Werk Make-Makes, ein Mischwesen mit den Zügen eines menschenähnlichen Gottes und eines Vogels, zeigen können.

Mischwesen Mensch-Gott-Vogel in der Kirche.
Foto W-J.Langbein

Mit seinem »Adam« war Make-Make zufrieden (3), »da der Mensch, den er eben geformt hatte, ihm ähnlich war und sprechen und denken konnte«. Die Parallelen zur biblischen Genesis sind offensichtlich: Der namenlose »Adam« der Osterinsel wird aus roter Erde geformt, der biblische Adam ebenso (4): »Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.«

Schon bei der Erschaffung des »Adams« der Osterinsel wird die Anlehnung an den Text der Genesis deutlich. Das gilt auch für die Erschaffung der ersten Frau nach der Osterinselmythologie. Lesen wir zunächst im »Alten Testament«:

Bibelillustration aus dem 15. Jahrhundert.
Foto Archiv W-J.Langbein

»Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.

Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch.

Und Gott der Herr baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.

Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.«

Adam und Eva am
Adam-und-Eva-Haus,
Höxter, Foto W-J.Langbein
In der Osterinselmythologie bleibt die erste Frau – wie der erste Mann – namenlos (6): »Nach einiger Zeit bemerkte er (Make-Make), dass … der von ihm geformte Mensch sich langweilte und sich einsam fühlte. Dies deuchte ihm nicht gut. Er schläferte ihn ein, legte sich zu ihm und befruchtete seine linke Rippe, so die Frau erschaffend.«

Auch die Schilderung der Erschaffung der ersten Frau durch Make-Make löste beim sittenstrengen christlichen Priester helle Empörung aus. Gott, so schrie er schließlich, sei kein sexuelles Wesen und schwängere weder Rippen noch rote Erde. Als ich gar nach dem ersten von Make-Make geschaffenen Wesen fragte, rastete der Gottesmann völlig aus: »Gott schuf Adam und Eva als erste Menschen und kein Monster vorher! Das ist eine heidnische Erfindung, um die Menschen in die Irre zu führen!« Woher er das denn so genau wisse? »So steht es in der Bibel! Im Schöpfungsbericht! Halten Sie sich an den Schöpfungsbericht und vergessen Sie diesen heidnischen Unglauben!«

Der Geistliche war inzwischen so von Zorn erfüllt, dass an eine Fortführung unseres Gesprächs vor dem Kirchlein der Osterinsel nicht zu denken war. Ob der Priester wusste, dass laut christlicher Bibel Gott erst eine göttliche Konkurrentin beseitigen musste, bevor er sich ans eigentliche Werk der Schöpfung machen konnte?

Versteckt – und selbst Theologen oft unbekannt – im »Alten Testament« findet sich aber ein anderer Anfang der Geschichte von Gott. Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (7): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« 

Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann, das Meer aufgewühlt und Rahab getötet. Vor dem Beginn der biblischen Geschichte von Gott, wie sie das Alte Testament erzählt, war also Rahab. Wer oder was aber war Rahab? Diverse Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, Rahab sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Und in der Tat: der Prophet Jesaja umschreibt Rahab als Drachen. Jesaja appelliert an Gott (8): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Adam und Eva in der kleinen Wehrkirche von Urschalling.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Bevor der Gott des Alten Testaments mit der eigentlichen Schöpfung anfangen konnte, musste er erst einmal den »Drachen« Rahab töten. Rahab existierte also schon bereits vor der Schöpfung. Verschweigt uns die Bibel da etwas? Der Schlüssel zum Geheimnis um Rahab findet sich gleich zu Beginn des Alten Testaments, allerdings muss man den Text gründlich im hebräischen Original untersuchen. In der Übersetzung heißt es wenig aussagekräftig (1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 2): »Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.«. Übersetzt man das hebräische Original wörtlich, lautet der zweite Teil des Verses: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.« Tehom aber lässt sich auf uralte babylonische Mythologie zurückführen: auf die babylonische Gottheit Tiamat, die auch als Meeresdrachen bezeichnet wird. Ursprünglich aber war Tiamat die Meeresgöttin.

Die biblische Geschichte vom Kampf Gottes gegen Rahab ist eine Kopie einer älteren Vorlage. Das Original steht in der babylonischen Geschichte von Gott: Schöpfergott Marduk muss erst Tiamat besiegen, damit er den Kosmos erschaffen kann. Jahwe, der biblische Gott, entspricht dem babylonischen Gott Marduk, Rahab ist die hebräische Variante der babylonischen Meeresgöttin Tiamat. In Rahab lebt also die Göttin des Meeres weiter. Das Alte Testament verdrängt weitestgehend die Erinnerung an die Göttin, die vor Jahwe geherrscht haben muss. Im biblischen Text wird aus der Göttin ein böser Drache, der von Jahwe zerhackt wird. Auf diese drastische Weise beschreibt der unbekannte Textautor die Verdrängung des Matriarchats durch das Patriarchat. Dass allerdings noch zu biblischen Zeiten, und das trotz Androhung der Todesstrafe, weiterhin Göttinnen verehrt und angebetet wurden, steht auf einem anderen Blatt!

»Jesus«-Statue in der Osterinsel-Kirche.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Auf der Osterinsel erinnern geheimnisvolle Steinzeichnungen noch an das Mensch-Gott-Vogel- Mischwesen, das Make-Make erschaffen haben soll. Wer das kleine christliche Gotteshaus der Osterinsel besucht, kann seltsame Darstellungen finden. An allen Ecken und Enden begegnet uns die »heidnische« Mythologie, die mehr oder minder dezent verchristianisiert wurde. Der mysteriös-legendäre Vogelmensch, dessen ursprüngliche Bedeutung längst in Vergessenheit geraten ist, findet sich als »Heiliger Geist« auf dem Haupt eines grimmig dreinblickenden Jesus. Der unbekannte Künstler ließ Gesichtszüge von Make-Make in die Holzstatuette einfließen. Wer die Jesus-Figur in der Kirche genauer betrachtet, erkennt die starr dreinblickenden Glotzaugen von Make-Make wieder, die so häufig in Brocken von Vulkangestein eingraviert worden sind.

Oft fand ich nur die stilisierten Augen Make-Makes in den porösen Stein geritzt, kaum noch zu erkennen, im Lauf der Jahrhunderte stark verwittert. Auch in den Schriftzeichen der Osterinselschrift entdeckt man monströse Mischwesen. Leider konnte bis heute, allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, die Schriftzeichen der Osterinsel nicht entziffert werden. Unzählige Schrifttafeln aus Holz wurden im Rahmen der Christianisierung als Teufelszeug verbrannt. Wie viele in Verstecken erhalten geblieben sind, wir wissen es nicht. Wie viele Schrifttafeln in Depots kleiner Museen oder in Privatsammlungen exzentrischer Millionäre ruhen mögen, wir wissen es auch nicht. Wir wissen aber, dass durch die Christianisierung uraltes Glaubensgut der Osterinsulaner gezielt verdrängt wurde. Nur noch einzelne Sätze in der Ursprache der Osterinsel sind erhalten geblieben, die heute nicht mehr übersetzt werden können.

Himmel über der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein

So soll Make-Make zu Adam und Eva der Osterinsel gesagt haben: »Vivinavivina hakapiro e ahue.« Was diese in unseren Ohren wohlklingenden Worte einst bedeutet haben? Sie können leider nicht mehr übersetzt werden…. Erhalten sind lediglich seltsame Gravuren und Schnitzwerk aus alten Zeiten, so wie am Paradiestor des Doms zu Paderborn eingravierte Mischwesen aus uralten Mythen zu finden sind, die wahrlich alles andere als »christlichen« Ursprung haben. Wenn aber in christlicher Kunst »heidnisches« Gedankengut weiter lebt, was hat das zu bedeuten? Dass uralte »heidnische« Überlieferungen so stark waren, dass sie nicht einfach verboten werden konnten. Was im Gedächtnis der missionierten Völker fest verankert war, wurde manchmal christianisiert und in den Volksglauben integriert! Das geschah in Paderborn ebenso wie auf der Osterinsel.



Fußnoten

1) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, S. 27
2) ebenda
3) ebenda, S. 28
4) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 7
5) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Verse 20-24
6) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, S. 27
7) Hiob Kapitel 26, Vers 12
8) Jesaja Kapitel 51, Vers 9

»Bibel, Götter, Monsterwesen«,
Teil 231 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22.06.2014

Sonntag, 23. Juni 2013

179 »Von Büchern aus Stein«

Teil 179 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Die Tempelwelt von Puri
Foto: W-J.Langbein
Puri, im indischen Bundesstaat Orissa gelegen, ist das Rom des Hinduismus. In der Küstenstadt wird kein Geringerer als Jagannath verehrt: der »Herr des Universums«. Ende Juni bis Anfang Juli – der genaue Termin hängt vom Mondkalender ab – wird ein großes Fest gefeiert. Statuen von Jagannath und seinen Geschwistern Balabhadra und Subhadra werden auf heiligen Wagen durch die Straßen gezogen ... und das mehrere Tage lang.

Unzählige Pilger strömen Jahr für Jahr nach Puri. Jeder versucht, und sei es auch nur kurz, beim Bewegen der Statuen behilflich zu sein. Besonderer Andrang herrscht bei den Seilen, an denen die Wagen vorwärts gezogen werden. Wer auf diese Weise den Göttern hilft, der hofft auf Gnade, sprich auf schnelleren Wechsel vom irdischen Diesseits ins unbeschreibliche Nirvana.

Immer wieder kommt es vor, dass sich besonders eifrige Pilger vor die Götterwagen werfen und überrollen lassen. Diese religiös motivierten Selbstmörder haben es besonders auf den Wagen von Jagannath selbst abgesehen. Sie glauben, dass ihr irdischer Leib zerquetscht und dass jeder so Dahingeschiedene durch den »Herrn des Universums« selbst vom irdischen Jammertal ins unfassbare »Nirvana« katapultiert wird. (1)

Jagannath und seine Geschwister Balabhadra (männlich) und Subhadra (weiblich) bilden eine Göttertriade. Kurios: Auch die christliche Trinität, bestehend aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist, setzt sich aus zwei männlichen und einem weiblichen Wesen zusammen. Ist doch »der« Heilige Geist ursprünglich ... eine »Heilige Geistin« (ruach im »Alten Testament«). Jagannath entspricht als »Herr des Universums« am ehesten »Elohim« (2) des »Alten Testaments«. Während allerdings eine bildliche Darstellung des Bibelgottes per Gebot streng verboten ist, gibt es von den indischen Göttern unzählige Skulpturen und Gemälde.

Supergott Jagannath - Foto: W-J.Langbein
Aus europäischer Sicht mag die typische Jagannath-Statue kurios anmuten. Sie wird meist aus dem Holz des Niembaumes geschnitzt, den die Hindus als heilig ansehen. Der Kopf des mächtigen Gottes ist überproportional groß. Die runden »Glotzaugen« erinnern an eine Brille. Bei allen Darstellungen von Jagannath fallen die bunten Farben auf. Beine fehlen ebenso wie Hände.

Warum Jagannath so unvollständig ausgeführt wird? Eine Erklärung fand ich in der Literatur nicht. Möglicherweise soll auf diese Weise verdeutlicht werden, dass Jagannath kein physisches Wesen im herkömmlichen Sinne ist. Er benötigt keine Beine, um sich fortzubewegen. Er erschafft das Universum ohne Hände, nur aus seiner geistigen Kraft. Mein Gesprächspartner in Sanchi stimmte mir zu: »Jagannath ist ein anderes Gesicht von Krishna, der schon als Baby Wunder bewirkte!«

Der »Jagannath-Tempel« in Puri ist ein gewaltiger Komplex. In seiner heutigen Form geht er auf Codaganga Anantavarman (1088-1160), Herrscher von Orissa, zurück. Er mag ältere Vorgänger gehabt haben. Für den mächtigen Regenten war Religion die wichtigste Stütze seiner Autorität. Gott Jagannath wurde zum eigentlichen Herrscher erklärt, der König selbst begnügte sich mit dem Amt des irdischen Stellvertreter Gottes. Wer es wagte, den irdischen Regenten zu kritisieren, der galt schon als Gotteslästerer. Ein Aufstand, eine Rebellion war dann ein Angriff auf den Gott des Universums, ein schlimmes Sakrileg. Rund vierhundert Jahre später vertrat Martin Luther die gleichen Lehren, nur im »christlichen Gewand«. Auch nach Luther ist der irdische Herrscher von göttlicher Autorität hienieden auf Erden. Als sich die Bauern gegen die unmenschliche Knechtschaft erhoben, war dies für Luther auch eine Art Sakrileg.

Puri ist für den Besucher seltsam fremd. Und doch fühlte ich mich wohl. Bei aller Turbulenz war doch eine ganz besondere Ruhe, ich möchte sagen Harmonie, zu spüren. Da schritt der offensichtlich bettelarme Pilger im schlichten Gewand gravitätisch wie ein Kaiser. Da knatterte ein Moped, da wartete geduldig ein Jeepfahrer in seinem Vehikel, bis eine dösende Kuh erwachte und den Weg freigab.

Geordnetes Chaos
Foto: W-J.Langbein
Da schob sich eine Fahrradrikscha ins Straßengetümmel. Dort ließ eine mit einem kleinen Motor laufende Rikscha einer greisen Marktfrau den Vortritt. In unseren Breiten wäre ein solch harmonisches Durcheinander nicht denkbar. Jeder Verkehrsteilnehmer würde auf sein unbestreitbares Recht pochen ... Es käme zu zahllosen Karambolagen. Warum geht es in Indiens Städten so viel friedlicher zu?

Und mitten im scheinbaren Chaos des Alltags ... thront seit rund 800 Jahren der heilige Jagannath-Tempel. Eine Fahne wehte stolz im Wind. Und ein gewaltiges, mit einfachen Mitteln errichtetes Gerüst umgibt den Haupttempel wie ein schützendes Netz. Mich hat der Tempel mit Gerüst an den legendären Turm zu Babel erinnert. Ob man im Lande Babylon auch mit solchen Gerüsten gearbeitet hat, auf denen Arbeiter bis in den Himmel empor steigen zu können scheinen? Wer hier zum Beispiel Steine über unzählige Leitern an die Spitze des Tempels tragen muss, der leistet Unglaubliches.

Ist es der Tempelkomplex, der Ruhe ausstrahlt? Der Tempel ist in Indien sehr viel mehr als ein »Gotteshaus« nach christlichem Verständnis. Er ist ein symbolisches Abbild des Universums. Der Tempel symbolisiert auch den Schöpfungsakt Brahmas, der aus dem ungeordneten Sein die geordnete Form gestaltete.

Im Zentrum des Universums ... des Seins ... befindet sich Brahma. Um diesen Kern legt sich die Welt der Götter, und zwar ringförmig. Die Götterwelt wiederum wird umschlossen von unserer Welt, in der wir leben. Am weitesten entfernt von Brahma ist der äußerste Bezirk. Hier haust die niedrigste und zugleich unheimlichste Gruppe: die der Gnome, Geister und Kobolde. »Am tiefsten in dieser Hierarchie stehen«, so heißt es in Henri Stierlins Werk »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains«, »die Kobolde, Gnome und Geister. Sie bewohnen, ohne Verbindung zu den Göttern und zu Brahma, die Randzone der konzentrisch um das Brahma geordneten Welten.«

Ein Buch in Stein - Foto: W-J.Langbein
Der Bauplan eines typischen südindischen Tempels bildet mathematisch exakt diesen Kosmos von Supergott Brahma, von Göttern, Menschen und Kobolden ab. Der Grundriss eines Tempels wird penibel auf dem Reißbrett entworfen. Der Bauplan wird in quadratischer Form angelegt und in sechzehn mal sechzehn gleichgroße Felder unterteilt.

Der Architekt hat exakte Zahlenangaben, nach denen er sich richten muss. Jede der »Welten« hat eine vorgegebene Größe ...

Das Allerheiligste, Brahma: 16 Felder
Welt der Götter, zweiter Ring: 84 Felder
Welt der Menschen, dritter Ring: 96 Felder
Welt der Kobolde, vierter Ring: 60 Felder

Formenreichtum eines
Buches in Stein
Foto: W-J.Langbein
Uralt ist das Geheimwissen um die göttliche Architektur. Vieles ist längst in Vergessenheit geraten, manches wurde gewiss falsch überliefert. Gesichert ist aber der Grundgedanke indischer Tempelbauweise: Der gesamte Kosmos trägt in sich einen göttlichen Plan. Aufgabe des Sthapati war es nun, das geheime Wissen um den Aufbau des Universums in Zahlen auszudrücken. Diese Zahlen wiederum wurden in geometrische Formen umgesetzt. Und nach diesen Formen wurden die Tempel gebaut! Der Eingeweihte konnte die uralten Bauten wie ein Buch lesen.
Es war die Aufgabe des Sthapati, das uralte Wissen in Stein zu verewigen. Papyrustexte, Palmblätter, Bücher, ja auch Disketten und CDs sind vergänglich. Stein überdauert Jahrtausende! Werden wir je die uralten Botschaften der indischen Tempelbauer wieder wie ein Buch lesen können?

Fußnoten
1 Kulke, Hermann: »Jagannātha-Kult und Gajapati-Königtum/ Ein Beitrag zur Geschichte religiöser Legitimation hinduistischer Herrschaft«, Wiesbaden 1979
2 »Elohim« ist ein Pluralbegriff und verweist eher auf einen alten Vielgötterglauben als auf den Eingottglauben der Bibel.
3 Stierlin, Henri (Herausgeber): »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains«, Band 9 der Reihe »Architektur der Welt«, herausgegeben von Henri Stierlin, Köln, ohne Jahresangabe, S. 55

>> Neue Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Der Vampir von Puri«,
Teil 180 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30.06.2013


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Sonntag, 31. Juli 2011

80 »Der Heilige Geist war eine Frau«

Teil 80 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

St. Jakobus bei Nacht
Foto: W-J.Langbein
In Prien bin ich spät am Abend des 24. November 2006 in die kleine Chiemgau-Bahn gestiegen. Vorschriftsmäßig, wie auf einem Blechschild gefordert, habe ich dem Lokomotivführer meinen Zielbahnhof mitgeteilt. Angehalten wird nur bei Bedarf. Auf die Minute stoppt der kleine Zug ächzend. Der freundliche Lokomotivführer eilt in Person herbei, und teilt mir mit, dass ich nun aussteigen muss. Ich bedanke mich, klettere aus dem Bähnchen ... und stehe Sekunden später in vollkommener Dunkelheit. Vorsichtig taste ich mich ins schwarze Nichts, bis ich auf einen festen Weg komme. In der Ferne sind Lichter zu erahnen. Ich mache mich auf den Weg. Irgendwann hält ein freundlicher Urschallinger im PKW, fragt mich nach meinem Ziel. Ich nenne den Namen »meines« Gasthofs. »Steigen'S ein, da fahr ich Sie hin!«

St. Jakobus frühmorgens
Foto: W-J.Langbein
Warum ich dann nach Urschalling gekommen bin, erkundigt sich der hilfsbereite Fahrer. »Wegen St. Jakobus ...« antworte ich. Das freut den stolzen Urschallinger. »Dann müssen Sie unbedingt das Bild vom Heiligen Geist anschau'n!« rät er mir. Ich nicke. Wegen eben dieses Bildes bin ich nach Urschalling gekommen.

Gegen Mitternacht habe ich mein Zimmer in einer gemütlichen Familienpension bezogen. Die freundliche Wirtin hat mir verraten, aus welchem Fenster ich blicken muss ... um St. Jakobus zu sehen. Ich schaue aus besagtem Fenster ... und starre in die pechschwarze Nacht. Ich wage ein Experiment, montiere das starke Blitzlicht auf meinem Fotoapparat und löse aus ....

Wie das Gotteshaus von Kirchbrak birgt St. Jakobus ein Geheimnis. Auf einem uralten sakralen Fresko wird der Heilige Geist ganz eindeutig als Frau dargestellt. Errichtet wurde das Gotteshaus zwischen 1160 und 1200 ... und zwar – wie St. Michael von Kirchbrak – als Wehrkirche. Nicht ganz klar ist, wann genau die ersten frommen Fresken angebracht wurden. Sie dürften vielleicht schon acht Jahrhunderte alt sein. Um 1550 jedenfalls wurden sie jedenfalls alle übertüncht, auch überputzt ... und gerieten in Vergessenheit.


Innenansicht der
»Bibel für die Armen«
Foto: W-J.Langbein
Als man die schmalen Fenster des Gotteshauses erweiterte, beschädigte man – unwissentlich – herrliche Fresken aus uralten Zeiten. Die Kunstwerke wurden erst 1923 zufällig wieder entdeckt. Ein älterer Einwohner von Urschalling erklärte mir, seine Urgroßmutter habe bei einer langweiligen Predigt an der Wand gekratzt... da sei Putz abgefallen und ein Gesicht sei zu erkennen gewesen. Ob die kleine Anekdote der Wahrheit entspricht?

1941/42, 1966 bis 1968 und 1980 bis 1991 wurden mit großem Aufwand Restaurierungen vorgenommen. Es zeigte sich, dass doch einige erhebliche Lücken in der Freskenmalerei klaffen. Ursprünglich waren alle Wände und die Decke im schönen Gotteshaus mit unzähligen religiösen Bildnissen flächendeckend geschmückt. Die Fehlstellen haben die Restauratoren aus Respekt vor den Originalen nicht neu bemalt. So gibt es da und dort weiße Stellen ... aber man weiß, dass man nur die echten Kunstwerke, keine modernen Nachtempfindungen sieht.

Zweimal wurde das Gotteshaus, die einstige Kapelle, mit Fresken geschmückt: zum ersten Mal wohl schon um 1175 bis 1200, zum zweiten Mal um 1390. Mag sein, dass die ersten Gemälde nur für die erlauchten Familie der Hirnsberger gedacht waren. 1390 ließ der letzte Spross der adeligen Hirnsberger so etwas wie eine gemalte Bibel für die Armen schaffen.

Jesus betet im Garten
Gethsemane
Foto: W-J.Langbein
Unter einem Rundbogen wird in zehn Bilder – wie in einem Comic-Strip – die zentrale Geschichte des »Neuen Testaments« erzählt. Da die Bildergeschichte für ein Publikum ohne Lesekenntnisse gedacht war, musste auf jegliche Schrift verzichtet werden. Leider hat man just in diesen farbenprächtigen Bilderbogen ein Fenster eingebaut, so dass an den Malereien erhebliche Beschädigungen entstanden. Heute ist noch gut zu erkennen, wie prachtvoll das Gesamtbild einst war, das so brachial behandelt wurde ...Wir sehen im »Laienschiff« der Kirche Jesus auf einem Esel in Jerusalem einreiten, auch wenn das Bild stark beschädigt ist. Wir erleben Jesus beim »letzten Abendmahl«, das auch als Fragment ein »Sakrileg« erkennen lässt.

Im Garten Gethsemane betet der verzweifelte Jesus. Wen oder was betet er an? Nach der Bibel bat Jesus Gottvater, ihm doch die Kreuzigung zu ersparen. Auf dem Bild von Urschalling scheint Jesus zu so etwas wie einem auf einer Sockel stehenden Skulptur zu sprechen. Leider ist nur noch ein kleiner Teil des Gesichts erhalten ... und ein Stück von einem Fuß einer Statuette.


Kuss des Verräters
Foto: W-J.Langbein
Gut zu erkennen ist der verräterische Kuss des Judas. Judas hat auf diese Weise – wie wir aus dem biblischen Bericht wissen – den römischen Soldaten die Person Jesu verraten. Mit massiver Waffengewalt sind die Römer angerückt, um den barfüßigen Jesus zu ergreifen.

Seltsam: Einer der römischen Soldaten trägt ein Schild... und darauf ist ein Fisch zu sehen, das Geheimzeichen der jungen Christenheit. Als die ersten Christen verfolgt wurden, gaben sie sich untereinander durch ein kleines Fischzeichen zu erkennen. I-CH-T-Y-S ist das griechische Wort für Fisch. Die einzelnen Buchstaben wurden als Abkürzungen für ein Bekenntnis zu Jesus verstanden: Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser, im Griechischen: I-esus, CHristus, Theos, hYos Soter. Sollte der Häscher als heimlicher Christ geoutet werden? Oder lautet die versteckte Botschaft so: »Durch die Verhaftung Jesu leiteten die Römer das Ende Jesu ein. Es kam zum Verhör, zum Prozess und zur Hinrichtung. Gottvater wollte seinen Sohn zur Rettung der Menschheit opfern. Die Römer gehörten also zum göttlichen Heilsplan.«

Bild für Bild erzählt der »sakrale Comic« die zentrale Geschichte des »Neuen Testaments« weiter: Jesus wird vor den Hohepriester geschleppt, er wird gedemütigt und gegeißelt (fast völlig zerstörte Bilder) und gekreuzigt. Schließlich sieht man ihn zwischen den beiden Verbrechern am Kreuz ... und – auf Bild 10 der Reihe – wird sein Leichnam in einen Sarg gelegt.

Es ist zu vermuten, dass im Zeitraum vieler Jahrhunderte diese zehn Bilder von unzähligen Geistlichen für die Gemeinde im Gotteshaus predigend erklärt wurden. Für die einfache Bevölkerung waren solche religiöse Darstellungen kostbarkeiten des Glaubens. Die Bildergeschichte wird wohl als anschauliche Illustration für so manche Predigt gedient haben!

Was aber mögen frühere Prediger zum mysteriösesten aller Bilder im Gotteshaus gesagt haben? Wenn man beim sonntäglichen Gottesdienst Richtung Altar blickt, dann übersieht man es leicht. Der gewählte Platz ist durchaus logisch, nämlich im »Himmel«. Das ungewöhnliche Bildnis wurde hoch oben im Gewölbe des Chors angebracht: ein »ketzerisches« Bild von der Dreifaltigkeit! Es zeigt ganz eindeutig Gottvater und Gott Sohn und dazwischen den Heiligen Geist.

Der Heilige Geist war
eine Frau
Foto: W-J.Langbein
Gottvater (mit weißem Haar und Bart), Gott Sohn (mit wallendem Haupthaar und Bart in jugendfrischen Farben) und Heiliger Geist haben strahlende Heiligenscheine... Und »der« Heilige Geist ist ganz eindeutig... als Frau dargestellt. Die »Heilige Geistin« hat eindeutig sehr feminine Gesichtszüge und feminine Körperformen. Der Busen ist dezent angedeutet. Gottvater und Gott Sohn haben die »Heilige Geistin« in ihre Mitte genommen. Beide greifen ihr, sagen wir.., an die Schulter.

Im Kirchenführer »Urschalling« (1) heißt es: »Faszinierend, wie der Meister versuchte, dieses letzte und tiefste Geheimnis der Offenbarung darzustellen: die Einheit im Körper mit zwei Händen, bekleidet mit einem Hauptgewand und einem umhüllenden Mantel; die Dreiheit in den Häuptern und dem darauf verteilten göttlichen Nimbus mit je einem Hauptstrahl; zur Rechten Gott Vater, zur Linken Christus, in der Mitte ganz frauenhaft der Heilige Geist.«

In der einstigen Wehrkirche von Urschalling wird »der« Heilige Geist ganz eindeutig als Frau gezeigt, ein scheinbar ketzerisch-anstößiges Bild! Tatsache ist aber: Ursprünglich war der »Heilige Geist« wirklich weiblich!

Empfohlene Lektüre
Walter-Jörg Langbein: Maria Magdalena

Fußnote
Brugger, Walter und Bahnmüller, Lisa: »Urschalling«, Raubling, 3. Auflage 2003, S. 12

»Die Heilige Geistin und Maria Magdalena«,
Teil 81 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 07.08.2011

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Die Bibel - Buch der Bücher oder kollektive Flüsterpost?

Neugierige Kinder gab es zu allen Zeiten. Aufgeschlossene Naturen, die, abends am Feuer sitzend, den Geschichten der Alten mit glänzenden Augen lauschten. Heute mag das ein wenig anders sein: Das Feuer ist dem Fernseher, das unmittelbare Erzählen dem Sich-Berieseln-Lassen gewichen, aber dies ändert nichts an den menschlichen Grundeigenschaften der Neugier und Sensationslust.
"Ja, ich habe diesen Markus noch gekannt, welcher diesen Jesus noch gekannt hat", mag 70 Jahre nach Beginn unserer Zeitrechnung ein alter Mann zu seinen Enkeln gesagt haben. "DAS war eine Geschichte, sag ich Euch! Markus hat erzählt, Jesus konnte sogar Kranke wieder gesund machen. Die sind einfach wieder aufgestanden, ganz ohne Medizin. Nur weil Jesus es so wollte. Ich weiß nicht mehr alle Einzelheiten, aber da soll auch einer gewesen sein, der hatte eine schwere Bindehautentzündung. Jesus hat ihm die Hand aufgelegt und gut war's."Und der alte Mann erzählt weiter:
"Dieser Jesus muss echt ein Teufelskerl gewesen sein! Der hat der Obrigkeit richtig eingeschenkt. Alleine, wie er all die Geldwechsler mit der Peitsche aus dem Tempel gejagt hat ..."

Viele Abende vergehen auf diese Weise: Der Alte erzählt von Markus' Erlebnissen mit Jesus, die Kinder hören zu. All die Geschichten hinterlassen natürlich einen gewaltigen Eindruck auf sie.

Jahre später beschließt einer der Jungen, inzwischen selbst ein Mann geworden, die Erzählungen seines Großvaters niederzuschreiben. Genau erinnern kann er sich nicht mehr an alle Einzelheiten, doch er ist klug und phantasiebegabt und hat das, was man heute als "ungeheures dramatisches Talent" bezeichnen würde.

Was hat Opa gesagt?, überlegt er. Da war doch einer, der hatte es mit den Augen. Und Jesus hat ihn geheilt. Ja, ich glaube: blind war der, hat Opa damals erzählt.

"Evangelium nach Markus" benennt er sein Werk.

Er ist sehr stolz darauf und genießt dank seiner herausragenden Arbeit bei der jungen Christengemeinde ein hohes Ansehen. Beliebt ist es unter anderem auch wegen der wortgewaltigen, gleichnishaften Sprache seines Verfassers, die allerdings auch zu verschiedensten Interpretationen einlädt.

Um das Werk angesichts von Verfolgung und Feindseligkeiten der Umwelt vor der Zerstörung zu bewahren, beschließt man, es mehrmals abzuschreiben. Dabei hat man es ausgesprochen eilig, da man nie weiß, ob die Römer nicht morgen schon Ernst machen. Im Schutze der Nacht, beim fahlen Flackern eines kleinen Talglichtes, sitzen die Kopisten und arbeiten fieberhaft. Dass bei dieser Vorgehensweise etliche Übertragungsfehler und Verwechslungen nicht ausbleiben: Was soll's! Das Werk als Ganzes ist für die nachfolgenden Generationen gesichert und wird die schlimmen Zeiten überdauern, denkt man beruhigt.




Die Zeiten vergehen. Das Blatt scheint sich zu wenden. Der Zerfall des Römischen Reiches und seines Heidentums schreitet unaufhaltsam voran, das Christentum beginnt seinen Siegeszug.

Nun ist es an der Zeit, die Glaubensinhalte zu definieren und in einer Heiligen Schrift festzuhalten.
Streit setzt ein:

Welche der überlieferten Texte sind würdig, in den Kanon aufgenommen zu werden?

180 Jahre n. Chr. schließlich schaffte es die junge Amtskirche, sich fürs Erste darauf zu einigen, die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes in die Heilige Schrift aufzunehmen. Hinzu kamen die Apostelgeschichte des Lukas, die zehn Paulusbriefe, der 1. und 2. Timotheusbrief, der Titusbrief und die Apokalypse des Johannes.

All diese Schriften, die auf ähnliche Weise wie das oben schon beschriebene Evangelium nach Markus entstanden waren, sollten nun die theoretische Grundlage bilden, nach der sich fürderhin die Welt gestalten würde.

Bei dieser Auswahl sollte es nicht bleiben: Die Bibel wurde über Jahrhunderte immer wieder verändert. Abgeschrieben. Übersetzt. Alles in allem wird man zu dem Schluss kommen: Die Bibel stellt eine Art "Kollektiver Flüsterpost" dar: Sie besteht aus Geschichten, von Unbekannten nach Hörensagen aufgeschrieben, beständig weitergegeben, und bei jeder Weitergabe verändert.

Die Bibel: Das Buch der Widersprüche

Hieraus resultieren ihre Widersprüche. Teilweise unüberbrückbare Brüche. Die Gestalt des Jesus (selbst sein Name ist falsch überliefert: Als jüdischer Rabbi trug er den Namen Yehoshuah) kommt im Buch der Bücher höchst uneinheitlich daher: War er Pazifist oder ein cholerischer Draufgänger? Stammte er wirklich aus Nazareth? Begab er sich gar auf schamanische Reisen und huldigte damit Kulten, die im heutigen Verständnis als "heidnisch" angesehen würden? Von wem wurde er zum Tode verurteilt: Von den Juden? Oder nicht doch von den damaligen Machthabern: Den Römern?

War Jesus ein duldsamer Mensch? Oder eher ein Choleriker, so wie in diesem Video?


Die Bibel hat auf alle Fragen eine Antwort: Und diese lautet in jedem Fall: Ja!

Tatsächlich lassen sich für jede Behauptung als auch für deren Gegenteil Belege in der Bibel finden. So gesehen stellt sie ein Buch dar, das aufgrund seiner logischen Fehler jedem nur halbwegs verantwortungsbewussten Lektor die Tränen in die Augen treiben und ihn veranlassen würde, vorsorglich lieber die Frührente anzustreben.

Das alles wäre noch nicht so schlimm, wenn man die Bibel als das ansehen würde, was sie tatsächlich ist: Eine gigantische Sammlung spannender Geschichten. Ein Sagenbuch aus der frühen Kinderstube des Neuzeitmenschen.





Doch sie ist weit mehr: Sie ist über nun schon Jahrtausende zur Richtschnur des Handelns ganzer Völker geworden. Diente als Legitimation gigantischer Grausamkeiten: Auf ihrer Grundlage wurden im Zuge der "Entdeckung" Amerikas ganze Völker ausgelöscht. "Heilige Kreuzzüge", die den "einzig wahren Glauben" in die Welt tragen sollten und doch nichts als menschenunwürdige Schlachtfeste waren, wurden mit ihr begründet. Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit feierten fröhliche Urständ, weil Bibelzitate dies angeblich rechtfertigten. Noch heute dient sie, gerade in den Entwicklungsländern, als scharfe Waffe gegen eigenständiges Denken und "minderwertige" Kulturen und hilft, durch rigide Moralvorschriften und Abwertung des weiblichen Geschlechts die Geburtenrate hoch, die Armut groß und das Elend unvorstellbar zu halten.

Zeit für ein paar klare Gedanken!

Würden Sie es für eine gute Idee halten, ein beliebiges Märchenbuch aus dem Regal Ihrer Kinder zu nehmen und dessen Inhalt zur Maxime Ihres Handelns zu machen? Und dabei vielleicht noch darauf achten, dass das Buch auch "wörtlich" ausgelegt werden müsse?
Nein!, sagen Sie?
Dennoch tut die Menschheit seit fast 2000 Jahren genau das. Mit, wie wir alle wissen, verheerenden Folgen.


In seinem "Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments" legt Walter-Jörg Langbein den Finger auf die Wunde. In klaren Analysen zeigt er die Widersprüchlichkeit des "Buches der Bücher" auf und beweist, dass unser sicher geglaubtes Wissen über Jesus und die Grundlagen der christlichen Religion auf eher tönernen Füßen steht.

Es ist deshalb ein absolut empfehlenswertes Buchfür jeden, der mehr über die Hintergründe und die (erstaunlich wenigen!) gesicherten historischen Fakten wissen möchte.

Die Einordnung dieser Erkenntnisse sei dann jedem selbst überlassen.

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Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments
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