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Sonntag, 13. Juli 2014

234 »Alte Götter, neue Götter, tote Götter…«


Teil 234 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der steinerne Koloss wendet dem Meer den Rücken zu und blickt ins Landesinnere. Warum? Warum starren die steinernen Kolosse – mit einer Ausnahme – nie aufs Meer hinaus? Sollten sie etwa Angst vor den Fluten gehabt haben? Galt ihre ganze Aufmerksamkeit der Besiedlung des Landes? Oder wollten sie demonstrieren, dass ihnen die Wassermassen herzlich gleichgültig waren? Wir wissen es nicht. Und die Osterinsulaner schweigen…

Der Riese schaut ins Land. Foto Ingeborg Diekmann

Die Besiedelung der Südsee vor Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden stellt eine gewaltige seefahrerische Leistung dar. Die winzigen Eilande in den schier unendlichen Weiten des Pazifik wirken verloren wie Sterne im gigantischen Universum. Mit berechtigter Bewunderung stellt Annie Francé-Harrar fest (1): »Es ist also sehr merkwürdig, daß man den alten Melanesiern und Polynesiern nicht mehr und nicht weniger zutraut, als die Eroberung des Stillen Ozeans, und das ist, an ihrer Zivilisation gemessen, eine unvergleichlich größerer Leistung, als alle europäischen Entdeckungsfahrten von Marco Polo bis Columbus zusammen.«

Das ist wohl wahr! Wenn man von einer europäischen Küste einfach gen Westen reist, kommt man zwangsläufig irgendwann an einer amerikanischen Küste an. Der amerikanische Kontinent ist nicht zu verfehlen. Wenn man aber von einem mikronesischen Eiland auf einem kleinen Floß in See sticht und sich gen Osten vorkämpft, dann grenzt es schon an ein Wunder, wenn die wagemutigen Seefahrer die winzige Osterinsel treffen. Man muss sich fragen, wie viele Expeditionen einst losgeschickt wurden und wie wenige wohl eine rettende Insel erreicht haben mögen! Wie viele dieser frühen Seefahrer mögen wohl in den Weiten des gar nicht immer so friedlichen, riesigen Pazifik umgekommen sein? So muss die Entdeckung und Besiedlung von Inseln im Pazifik von Polynesien aus als gewaltige Leistung angesehen werden.

Die »Entdeckung« der Südseeinseln durch »zivilisierte« Europäer war dank modernen Wissens um Navigation sehr viel einfacher, für die Bewohner der Eilande aber in der Regel eine Katastrophe. Die Vertreter der vermeintlich so viel höher stehenden modernen Zivilisationen gaben gern vor, dass den armen, unwissenden Heiden das segensreiche Christentum nahegebracht werden sollte. Annie Francé-Harrar konstatiert erschüttert (2): »Das alte Kolonialwort, daß dem Missionar der Händler, dem Händler der Soldat folgt, hat für die Südsee in weitestem Maße gegolten. Auflehnung gegen das oft ungeschickte und gewalttätige Vorgehen einzelner Missionsbrüder haben nicht selten das Eingreifen von Kriegsschiffen und den Tod vieler Farbigen (sic) nach sich gezogen. So geschah es zum Beispiel den Neukaldoniern, die 1862 aus Protest die Mission von Houagap belagerten (ohne freilich jemandem ein Leides zuzufügen) und denen aus ›Revanche‹ die Brigg ›Gazelle‹ dann alle Pflanzungen zerstörte, die Häuptlinge – auch jene, die sich ergaben – niederschoß, viele Kanaken ums Leben brachte und denen Land fortnahm, um es unter die europäischen Kolonisten zu verteilen.«

Osterinselidyll 19. Jahrhundert. Foto Archiv

In den vergangenen Jahrzehnten lernte ich auf meinen Reisen in Südamerika wie in der Südsee so manchen Missionar kennen. Speziell in Südamerika – zum Beispiel in Peru und Bolivien – setzen sich viele Geistliche für die Interessen der Ärmsten der Armen ein, was offenbar keineswegs bei den Vertretern der Amtskirchen nur auf Begeisterung stößt. In der Südsee – auf der Osterinsel, in Mikronesien und auf den Neuen Hebriden, zum Beispiel – überwog meiner Beobachtung nach die Verbreitung des christlichen Glaubens. Vordergründig betrachtet kann man derlei Bemühungen frommer Glaubensbrüder allenfalls belächeln, aber doch nicht negativ bewerten. Allerdings geht die Überzeugungsarbeit für das Christentum auf Kosten alter Glaubenswelten.

Es besteht die Gefahr, dass die »Heiden« ihre Wurzeln verlieren, der eigenen Kultur entfremdet werden. Dieser Prozess ist ein schleichender. Nicht selten wird der christliche Glaube im Gewand der einheimischen Kulte und Religionen angeboten. Im Bereich des mysteriösen »John-Frum-Kults« der Südsee etwa agieren christliche Missionare und deren Gehilfen recht effektiv. Sie bieten nicht etwa den Jesus des »Neuen Testaments« als Alternative zum verehrten »John Frum« an, sondern lassen als »John Frum« verkleidete Jesusse bei Zeremonien auftreten. So verschwinden die Unterschiede zwischen »John Frum« und »Jesus« und Anhänger von »John Frum« sind sehr viel geneigter, »Jesus Frum« anzunehmen.

Schon vor fast einem Jahrhundert monierte Annie Francé-Harrar arbeiten manche Missionare durchaus wissenschaftlich und publizieren interessante Werke über die Glaubenswelten alter Südseevölker. Aber, so Annie Francé-Harrar (3) »da sie wirklich und in allem ein Staat im Staate sind, der niemandem Rechenschaft gibt, so handeln sie nur nach ihren vorgeschriebenen Glaubensinteressen, die ihnen gebieten, das natürliche Eingeborenenleben von Grund auf zu ändern, die alten Künste und Gebräuche abzuschaffen, das Selbstbewußtsein des Farbigen zu brechen und ihm dem Dienst bei seinem ›weißen Bruder‹ geneigt zu machen.«

Alte, für die Südsee typische, religiös fundierte Kultur wurde zerstört. Das so entstandene Defizit wurde und wird aber durch neue Religionsformen oft nur vordergründig behoben. So entstand ein Mangel an Verbundenheit zu den eigenen Wurzeln. Auch erschienen die christlichen Missionare in der Südsee nicht immer als wirklich glaubwürdig, speziell dann nicht, wenn sich unterschiedliche christliche Gruppierungen – katholische, protestantische, amerikanische Sekten – untereinander bekämpften.

Bei meinem Besuch in Tahiti erfuhr ich, dass Ende des 19. Jahrhunderts nicht wenige, vormals hoch angesehene Einheimische nur den Suizid als Ausweg sahen. Die Missionsarbeit hat sich – polemisch ausgedrückt – als durchschlagender Erfolg erwiesen. Die alten Glaubenswelten waren gezielt ins Lächerliche gezogen, als Teufelswerk verurteilt und planmäßig zerstört worden. Die einst im alten Glauben tief verwurzelten »Heiden« standen vor dem Trümmerhaufen ihrer geistigen Welt. Sie waren zur Überzeugung gebracht worden, dass ihre alten Götter tot waren. Sie konnten aber die neuen Götter nicht als »Ersatz« akzeptieren.

Die berühmte christliche Dreifaltigkeit empfanden sie als drei neue Götter (Mehrzahl), die ihrem Leben keinen neuen Sinn gaben. (4)

In das Leben der Osterinsulaner griff die »christliche Welt« im 19. Jahrhundert vor allem in Gestalt von Sklavenhändlern ein, die einen Großteil der Bevölkerung verschleppten 1862 sollen rund 5 000 Osterinsulaner verschleppt und versklavt worden sein. Die Geknechteten starben unter unmenschlichen Bedingungen in großer Zahl. Die wenigen Überlebenden, die schließlich auf die heimatliche Osterinsel zurückkehren durften, brachten Epidemien mit, denen fast die gesamte Bevölkerung des Eilands zum Opfer fiel. Ironie des Schicksals: Die todbringende Heimkehr überlebender Sklaven erfolgte auf Betreiben der katholischen Geistlichkeit. Das Christentum hat so fast die gesamte Bevölkerung der Osterinsel ausgelöscht.

Ausgelöscht wurde auch weitestgehend die Geschichte eines mysteriösen Inselvolks, das einst – so wird es überliefert – aus dem Westen der Südsee Zuflucht auf der Osterinsel fand, weil die eigene Heimat in den Fluten der Südsee versank. Weitestgehend verdrängt und vergessen wurden die Erinnerungen an Götter und Göttinnen der Osterinsel. Die meisten Wissenden wurden einst als Sklaven verschleppt oder kamen bei Epidemien ums Leben. Und dennoch wurden noch Mythen überliefert, auswendig gelernt und weitergereicht. Ich bin davon überzeugt, dass es auch heute noch einzelne Eingeweihte auf der Osterinsel gibt, die Fremden gegenüber Stillschweigen wahren. Ob eines Tages die »sprechenden Hölzer« wieder zum Reden gebracht werden können?

Eines der »sprechenden Hölzer«. Foto wiki commons, gemeinfrei

Bischof Tepano Janssen interessierte sich in den 1860-er Jahren für die hölzernen Täfelchen mit geheimnisvollen Schriftzeichen. Bruder Eyraud sollte nun, vom Bischof beauftragt, möglichst viele der Schrifttäfelchen einsammeln. »Seine Bitte kam leider zu spät.«, stellt Jacek Machowski (5) fest. »Die fanatischen Missionare nämlich, die in diesen Tafeln einen Gegenstand heidnischen Kults entdeckt zu haben glaubten, hatten die Tafeln erbarmungslos vernichtet und sie unter anderem als Feuerholz in der Missionsküche verwandt.«

Vermutlich würde so manches Geheimnis der Osterinsel geklärt, wenn wir wieder den »sprechenden Hölzern« lauschen könnten. Angeblich dienten sie einst  beim Vortragen der alten Mythen und Sagen als Gedächtnisstütze. Nur Auserwählte sollen die Kunst beherrscht haben, die Botschaften der Holztafeln zu entschlüsseln. Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts soll es eine Schule gegeben haben, in der die Zeichen und ihre Bedeutung gelehrt wurden. Die Wissenden aber wurden in die Sklaverei verschleppt, starben unter den Lasten der Arbeit.. oder wurden von Krankheiten dahingerafft. Bedenkt man, dass aus unserer »zivilisierten Welt« nur Tod und Verderben aufs Eiland in der Südsee kamen, wäre es ein Wunder, wenn heutige Wissende uns »Zivilisierte« einweihen würden…..

Osterinselschrift... Foto wiki commons, gemeinfrei


Fußnoten

1) Francé-Harrar, Annie: »Südsee/ Korallen – Urwald – Menschenfresser«, Berlin 1928, S.143 Hinweis: Die Zitate werden, auch in der Orthografie, unverändert wiedergegeben und nicht nach Regeln der Rechtschreibreformen »korrigiert«. Unverändert übernommen wurden auch Begriffe, die der heutigen politischen »Korrektheit« nicht mehr entsprechen.
2) ebenda, S. 160
3) ebenda
4) ebenda, S. 161: ».. denn die alten Götter seien tot, und es hätte für sie keinen Sinn mehr zu   leben«.
5) Machowski, Jacek: »Insel der Geheimnisse/ Die Entdeckung und Erforschung der Osterinsel«, Leipzig 1968, S. 12

Wenn er nur sprechen könnte... Foto W-J.Langbein


Literaturempfehlungen

Bacon, Edward (Herausgeber): Versunkene Kulturen/ Geheimnis und Rätsel früher Welten, Volksausgabe, München 1970
Bahn, Paul und Flenley, John: Easter Island, Earth Island/ A message from our past for the future of our planet, London 1992
Barthel, Thomas S. et al.: 1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem Land des Hotu Matua/ Ausstellungskatalog, Mainz 1989
Berg, Eberhard: Zwischen den Welten/ Anthropologie der Aufklärung und das Werk Georg Forsters, Berlin 1982 (Die Osterinsel: Verschiedene Grade von Cultur S. 99-101)
Blumrich, Josef F.: Kasskara und die sieben Welten, Wien 1979
Brown, John Macmillan: The Riddle of the Paific, Honolulu, Hawaii, Nachdruck 1996
Diamond, Jared: Kollaps/ Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt 2011 (Teil 2/ Kapitel 2: Schatten über der Osterinsel, S. 103-154)
Felbermayer, Fritz: Sagen und Überlieferungen der Osterinsel, Nürnberg 1971
Francé-Harrar, Annie: Südsee/ Korallen – Urwald – Menschenfresser, Berlin 1928 (Osterinsel S. 143-152)
Heyerdahl, Thor: Aku-Aku/ Das Geheimnis der Osterinsel, Berlin 1972
Lee, Georgia: The Rock Art of Easter Island/ Symbols of Power, Prayers to the Gods, Los Angeles 1992
Machowski, Jacek: Insel der Geheimnisse/ Die Entdeckung und Erforschung der Osterinsel, Leipzig 1968


Ein steinernes Idol und Pferde am Strand. Foto W-J.Langbein


Mann, Peggy: Land of Mysteries, New York 1976
Métraux, Alfred: Ethnology of Easter Island, Honolulu, Hawaii, 1971
Orliac, Catherine und Michel: Mysteries of Easterisland, London 1995
Petersen, Richard: The Lost Cities of Cibola, Phoenix 1985 (Island of Mystery, chapter 10, pages 219 fff.)
Richter-Ushanas, Egbert: Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung Metoros und Ure Vaeikos, Bremen 2000
Rosasco, Jose Luis und Lira, Juan Pablo: Easter Island The Endless Enigma, Santiago 1991
Routledge, Katherine: The Mystery of  Easter Island, 1919, Nachdruck Kempton 1998
Winkel, Karl zum: Köpfe, Schlangen, Pyramiden in Lateinamerika/ Alte Kulturen von Mexiko bis zur Osterinsel, Heidelberg 2001


»Drei Göttinnen im Dom«,
Teil 235 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 20.7.2014



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Sonntag, 15. Juni 2014

230 »Adam und Eva auf der Osterinsel«

»Das Paradiestor und seine Sphingen, Teil 5«,
Teil 230 der Serie

»Monstermauern, Mumien und Mysterien«

von Walter-Jörg Langbein


Das Kirchlein der Osterinsel. Foto: Walter-Jörg Langbein

Der Kontakt mit der christlich-zivilisierten Welt erwies sich für die Osterinsulaner als ganz und gar nicht segensreich. Durch eingeschleppte Krankheiten kam es auf dem einst paradiesischen Eiland in der Südsee zu Epidemien, der im 19. Jahrhundert fast die gesamte Bevölkerung zum Opfer fiel. Nur ein Bruchteil der ursprünglichen sakralen Mythologie blieb erhalten. Schwer zu entscheiden ist, was echte Osterinsel-Mythologie ist und was erst nach der Christianisierung an Glaubensgut entstand.

Im Zentrum der Osterinseltheologie standen Götter wie Make-Make, der ein Schöpfer von Leben gewesen sein muss. Make-Makes erste Kreation war – so heißt es im Mythos »Make-Make, der Schöpfer der Welt« (1) ein monströses Mischwesen: eine Kombination aus Make-Make und einem Vogelwesen mit Schnabel, Flügeln und Federn. Dieses Monster könnte so ausgesehen haben wie eines der Mischwesen vom Paradiestor am Dom zu Paderborn.

Make-Make in Stein graviert. Foto: Walter-Jörg Langbein

So ganz zufrieden war Make-Make mit dem Ergebnis dieses Experiments nicht. Er probierte weiter. Im dritten Anlauf (2) »befruchtete Make-Make das Loch eines Steines, in dem rote Erde war. Er mischte seinen Samen und die Erde und formte so den ersten Menschen.«

Als ich mit einem der örtlichen Geistlichen in der kleinen Kirche der Osterinsel über diese alte Überlieferung diskutierte, löste ich eine heftige Reaktion aus. Der Gottesmann war sichtlich empört und wetterte drauf los: »So ein sündiger Text zeigt doch, wie verderbt diese gottlosen Texte sind! Gott schafft durch das Wort. Er hat es nicht nötig, rote Erde mit seinem Samen zu verarbeiten und daraus einen Menschen, sozusagen Adam, zu fabrizieren!« Auf die erste Kreation des Gottes, das Mischwesen aus Make-Make und Vogel, wollte er auf gar keinen Fall eingehen. Dabei wimmelt es im Kirchlein auf der Osterinsel förmlich von Darstellungen von Mischwesen, die sehr wohl das erste Werk Make-Makes, ein Mischwesen mit den Zügen eines menschenähnlichen Gottes und eines Vogels, zeigen können.

Mischwesen Mensch-Gott-Vogel in der Kirche.
Foto W-J.Langbein

Mit seinem »Adam« war Make-Make zufrieden (3), »da der Mensch, den er eben geformt hatte, ihm ähnlich war und sprechen und denken konnte«. Die Parallelen zur biblischen Genesis sind offensichtlich: Der namenlose »Adam« der Osterinsel wird aus roter Erde geformt, der biblische Adam ebenso (4): »Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.«

Schon bei der Erschaffung des »Adams« der Osterinsel wird die Anlehnung an den Text der Genesis deutlich. Das gilt auch für die Erschaffung der ersten Frau nach der Osterinselmythologie. Lesen wir zunächst im »Alten Testament«:

Bibelillustration aus dem 15. Jahrhundert.
Foto Archiv W-J.Langbein

»Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.

Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch.

Und Gott der Herr baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.

Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.«

Adam und Eva am
Adam-und-Eva-Haus,
Höxter, Foto W-J.Langbein
In der Osterinselmythologie bleibt die erste Frau – wie der erste Mann – namenlos (6): »Nach einiger Zeit bemerkte er (Make-Make), dass … der von ihm geformte Mensch sich langweilte und sich einsam fühlte. Dies deuchte ihm nicht gut. Er schläferte ihn ein, legte sich zu ihm und befruchtete seine linke Rippe, so die Frau erschaffend.«

Auch die Schilderung der Erschaffung der ersten Frau durch Make-Make löste beim sittenstrengen christlichen Priester helle Empörung aus. Gott, so schrie er schließlich, sei kein sexuelles Wesen und schwängere weder Rippen noch rote Erde. Als ich gar nach dem ersten von Make-Make geschaffenen Wesen fragte, rastete der Gottesmann völlig aus: »Gott schuf Adam und Eva als erste Menschen und kein Monster vorher! Das ist eine heidnische Erfindung, um die Menschen in die Irre zu führen!« Woher er das denn so genau wisse? »So steht es in der Bibel! Im Schöpfungsbericht! Halten Sie sich an den Schöpfungsbericht und vergessen Sie diesen heidnischen Unglauben!«

Der Geistliche war inzwischen so von Zorn erfüllt, dass an eine Fortführung unseres Gesprächs vor dem Kirchlein der Osterinsel nicht zu denken war. Ob der Priester wusste, dass laut christlicher Bibel Gott erst eine göttliche Konkurrentin beseitigen musste, bevor er sich ans eigentliche Werk der Schöpfung machen konnte?

Versteckt – und selbst Theologen oft unbekannt – im »Alten Testament« findet sich aber ein anderer Anfang der Geschichte von Gott. Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (7): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« 

Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann, das Meer aufgewühlt und Rahab getötet. Vor dem Beginn der biblischen Geschichte von Gott, wie sie das Alte Testament erzählt, war also Rahab. Wer oder was aber war Rahab? Diverse Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, Rahab sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Und in der Tat: der Prophet Jesaja umschreibt Rahab als Drachen. Jesaja appelliert an Gott (8): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Adam und Eva in der kleinen Wehrkirche von Urschalling.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Bevor der Gott des Alten Testaments mit der eigentlichen Schöpfung anfangen konnte, musste er erst einmal den »Drachen« Rahab töten. Rahab existierte also schon bereits vor der Schöpfung. Verschweigt uns die Bibel da etwas? Der Schlüssel zum Geheimnis um Rahab findet sich gleich zu Beginn des Alten Testaments, allerdings muss man den Text gründlich im hebräischen Original untersuchen. In der Übersetzung heißt es wenig aussagekräftig (1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 2): »Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.«. Übersetzt man das hebräische Original wörtlich, lautet der zweite Teil des Verses: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.« Tehom aber lässt sich auf uralte babylonische Mythologie zurückführen: auf die babylonische Gottheit Tiamat, die auch als Meeresdrachen bezeichnet wird. Ursprünglich aber war Tiamat die Meeresgöttin.

Die biblische Geschichte vom Kampf Gottes gegen Rahab ist eine Kopie einer älteren Vorlage. Das Original steht in der babylonischen Geschichte von Gott: Schöpfergott Marduk muss erst Tiamat besiegen, damit er den Kosmos erschaffen kann. Jahwe, der biblische Gott, entspricht dem babylonischen Gott Marduk, Rahab ist die hebräische Variante der babylonischen Meeresgöttin Tiamat. In Rahab lebt also die Göttin des Meeres weiter. Das Alte Testament verdrängt weitestgehend die Erinnerung an die Göttin, die vor Jahwe geherrscht haben muss. Im biblischen Text wird aus der Göttin ein böser Drache, der von Jahwe zerhackt wird. Auf diese drastische Weise beschreibt der unbekannte Textautor die Verdrängung des Matriarchats durch das Patriarchat. Dass allerdings noch zu biblischen Zeiten, und das trotz Androhung der Todesstrafe, weiterhin Göttinnen verehrt und angebetet wurden, steht auf einem anderen Blatt!

»Jesus«-Statue in der Osterinsel-Kirche.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Auf der Osterinsel erinnern geheimnisvolle Steinzeichnungen noch an das Mensch-Gott-Vogel- Mischwesen, das Make-Make erschaffen haben soll. Wer das kleine christliche Gotteshaus der Osterinsel besucht, kann seltsame Darstellungen finden. An allen Ecken und Enden begegnet uns die »heidnische« Mythologie, die mehr oder minder dezent verchristianisiert wurde. Der mysteriös-legendäre Vogelmensch, dessen ursprüngliche Bedeutung längst in Vergessenheit geraten ist, findet sich als »Heiliger Geist« auf dem Haupt eines grimmig dreinblickenden Jesus. Der unbekannte Künstler ließ Gesichtszüge von Make-Make in die Holzstatuette einfließen. Wer die Jesus-Figur in der Kirche genauer betrachtet, erkennt die starr dreinblickenden Glotzaugen von Make-Make wieder, die so häufig in Brocken von Vulkangestein eingraviert worden sind.

Oft fand ich nur die stilisierten Augen Make-Makes in den porösen Stein geritzt, kaum noch zu erkennen, im Lauf der Jahrhunderte stark verwittert. Auch in den Schriftzeichen der Osterinselschrift entdeckt man monströse Mischwesen. Leider konnte bis heute, allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, die Schriftzeichen der Osterinsel nicht entziffert werden. Unzählige Schrifttafeln aus Holz wurden im Rahmen der Christianisierung als Teufelszeug verbrannt. Wie viele in Verstecken erhalten geblieben sind, wir wissen es nicht. Wie viele Schrifttafeln in Depots kleiner Museen oder in Privatsammlungen exzentrischer Millionäre ruhen mögen, wir wissen es auch nicht. Wir wissen aber, dass durch die Christianisierung uraltes Glaubensgut der Osterinsulaner gezielt verdrängt wurde. Nur noch einzelne Sätze in der Ursprache der Osterinsel sind erhalten geblieben, die heute nicht mehr übersetzt werden können.

Himmel über der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein

So soll Make-Make zu Adam und Eva der Osterinsel gesagt haben: »Vivinavivina hakapiro e ahue.« Was diese in unseren Ohren wohlklingenden Worte einst bedeutet haben? Sie können leider nicht mehr übersetzt werden…. Erhalten sind lediglich seltsame Gravuren und Schnitzwerk aus alten Zeiten, so wie am Paradiestor des Doms zu Paderborn eingravierte Mischwesen aus uralten Mythen zu finden sind, die wahrlich alles andere als »christlichen« Ursprung haben. Wenn aber in christlicher Kunst »heidnisches« Gedankengut weiter lebt, was hat das zu bedeuten? Dass uralte »heidnische« Überlieferungen so stark waren, dass sie nicht einfach verboten werden konnten. Was im Gedächtnis der missionierten Völker fest verankert war, wurde manchmal christianisiert und in den Volksglauben integriert! Das geschah in Paderborn ebenso wie auf der Osterinsel.



Fußnoten

1) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, S. 27
2) ebenda
3) ebenda, S. 28
4) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 7
5) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Verse 20-24
6) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, S. 27
7) Hiob Kapitel 26, Vers 12
8) Jesaja Kapitel 51, Vers 9

»Bibel, Götter, Monsterwesen«,
Teil 231 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22.06.2014

Sonntag, 9. März 2014

216 »Maria-Mama, Pacha-Mama«

Teil 216 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


»Das ist Götzendienst! Primitiver Aberglaube! Da wird das Heiligste in den Schmutz gezogen!« Der junge Mann schimpfte. Wütend deutete er auf die bunte Puppe, die am Spiegel des wendigen kleinen Busses baumelte. »Und wie das aussieht! Als hinge sie am Galgen!« Ich betrachtete die kleine Figur etwas genauer. »Sie steht auf einer Mondsichel. Ich glaube, das soll die Gottesmutter Maria sein!« Der junge Peruaner schüttelte empört den Kopf. »Ob Maria-Mama oder Pacha-Mama ... Es gehört sich nicht, das Heilige so lächerlich darzustellen!«

Ruinen von Pachacamac heute. Foto Walter-Jörg Langbein

Wir waren unterwegs von Lima ins Tal des Rio Lurin – zum Heiligtum von Pachacámac. Ein älterer Mitreisender empörte sich. »Unerhört, die Gottesmutter Maria als Götze zu bezeichnen! Götzendienst haben die Inkas betrieben, als sie diese unsägliche Pacha-Mama angebetet haben!«

Nur vierzig Kilometer kurz war die Strecke von der Metropole Lima nach Pachacamac. Sie schien sich trotz recht guter Straßenverhältnisse schier endlos hinzuziehen. Und obwohl die Aircondition im kleinen Bus längst ihren Geist aufgegeben hatte, herrschte trotz sommerlich-heißer Temperaturen eine eisige Atmosphäre im wendigen Vehikel.

Zeremonialstraße von Pachacamac?
Foto Walter-Jörg Langbein

»Junger Mann!«, herrschte der ältere, gut gekleidete Herr den Peruaner an. »Ihr Heimatland ist doch längst zum wahren, zum katholischen Glauben bekehrt worden! Wie können Sie da so die Gottesmutter beleidigen?« Ärgerlich, aber auch mitleidvoll schüttelte der junge Mann aus Peru seinen Kopf. »Aber ich beleidige doch nicht die Mutter Gottes. Diese Götzenfigur würdigt das Heilige herab! Das Heilige hat kein Gesicht, es darf nicht in Form einer lächerlich baumelden Figur gedemütigt werden!«

Beim nächsten Halt an einer Tankstelle mitten im Niemandsland untersuchten die beiden Kontrahenten gemeinsam die kleine Figur am Spiegel. Sie konnten sich nicht einigen. Sollte nun Maria dargestellt werden oder Pacha-Mama?

Der junge Peruaner versuchte einen Kompromiss: »Ob es sich bei dieser merkwürdigen Darstellung um die Gottesmutter des katholischen Glaubens handelt … oder um Pacha-Mama, das ist doch gleichgültig!« Das wiederum empörte den älteren Herrn noch mehr. »Das ist übelstes Heidentum, schlimmste Ketzerei! Man darf doch nicht Maria gleichsetzen mit dieser ..., dieser Pacha-Mama!« In Pachacamac angekommen, kletterten die beiden Streithähne aus dem Bus und stapften in unterschiedliche Richtungen davon. Ich verlor sie aus den Augen.

Ruinen von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Pachacamac wurde ausnahmsweise nicht von den spanischen Plünderern und Marodeuren verwüstet. Die uralte heilige Stätte lag wohl schon weitestgehend in Ruinen, als sie von den Inkas entdeckt wurde. Die Inkas bauten auf alten Fundamenten »neue« Gebäude. Nach meinen Recherchen war den Inkas (1450-1550 n.Chr.) sehr wohl bekannt, dass Pachacamac einst ein Orakel beherbergte. Ja vermutlich bestand dieses Orakel sogar noch zu Zeiten der Inkas, als eine Art Delphi von Peru, auch wenn damals Pachacamac weitestgehend in Trümmern lag. Die Inka sollen sogar das Orakel von Pachacamac befragt haben, als die Spanier das Land immer brutaler und konsequenter ausplünderten. Das Orakel hat wohl versagt und nicht vor den Spaniern gewarnt.

Der Sonnentempel von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Woran glaubten die Erbauer von Pachacamac? Wir wissen es nicht. Heute »kennen« wir einen »Sonnentempel«, einen »Mondtempel«, einen »Pachacamac-Tempel«. Pachacamac war der große Schöpfergott zu Zeiten der Inkas. Perfide Bibelübersetzer bezeichneten den biblischen Schöpfergott Jahwe-Elohim als Pachacamac. Sie ersetzten Jahwe in einigen Ausgaben der Bibel durch Pachacamac. So sollte der Glaube an Pachacamac verdrängt werden. Es sollte den Pachacamac-Anhängern leichter gemacht werden, zum christlichen Glauben zu wechseln. Der alte, »heidnische« Glaube sollte verdrängt werden.

Der  Mondtempel von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Das aber gelang, wenn überhaupt, nur bedingt. Der Gott der Bibel trat für viele Nachkommen der stolzen Inkas nicht an die Stelle von Pachacamac, sondern an seine Seite. Und »Maria-Mama« wurde nicht die neue »Pacha-Mama«. Auch heute noch existieren beide im Volksglauben nebeneinander her. Allerdings ist für viele »Inka-Katholiken« Pacha-Mama eher das weibliche Gegenstück zum biblischen Jahwe. Sie wird als die weibliche Göttin, das heilige Weibliche, als »Göttin Kosmos« verehrt. Ihr ist das Leben auf Erden in all seinen Formen zu verdanken. Sie ist, wie die biblische Eva, »Mutter allen Lebens«.

Kultfigur vonPachacamac.
Foto: W-J.Langbein
Pacha-Mama kann man nicht bildlich darstellen, nicht als Heiligenfigur verehren. Es gibt Kultplätze aus uralten Zeiten, die heute nur noch Eingeweihten vertraut sind. Pacha-Mama ist das alles umfassende Göttliche, personifizierte Ausgleich zwischen »Himmel« und »Hölle«. Nichts ist für die Nachkommen der Inka nur gut oder nur böse. Übrigens: Der biblische Gott des »Alten Testaments« war ursprünglich auch gut und böse zugleich. Er wurde aber schließlich getrennt, in einen »guten Gott« und in den »Teufel«.

Die Inkas tolerierten ältere Glaubensvorstellungen. Da sie einen »Sonnen-« und einen »Mondtempel« in Pachacamac erneuerten, muss man davon ausgehen, dass einst in der ursprünglichen Kultstätte Göttin und Gott verehrt und angebetet wurden, die dann Pacha-Mama und Pachacamac genannt wurden.

Die Geschichte der christlichen Missionierung ist nicht unbedingt von Milde und Toleranz geprägt. »Heidnische« und andere Religionen wurden nicht selten mit Feuer und Schwert bekämpft. Letztlich führte diese rigorose Politik nur bedingt zum Ziel. Denn heute bestehen uralte »heidnische« Glaubensformen weiter neben den neuen, christlichen. So wird eben Pacha-Mama neben Maria-Mama oder Mama-Maria verehrt. Auch wenn das in Rom geleugnet wird, vor Ort toleriert der katholische Klerus weitestgehend dieses Nebeneinander. Wiederholt wurde ich Zeuge, wie katholische Geistliche an »heidnischen« Zeremonien mitwirkten.

Tanzen zu Ehren von »John Frum«. Foto: Walter-Jörg Langbein

Diese Methode kenne ich aus eigener Anschauung: Verdrängung durch Anpassung ...

Tanna, Südsee: 1940 wurde Gott John Frum verehrt. Der »Sohn Gottes« hauste angeblich unter dem Vulkan des Yasur-Vulkans. Der religiöse Kult wurde massiv bekämpft, aber vergeblich. 1952 wurden Mitglieder der Glaubensgemeinschaft ins Gefängnis geworfen. Fünf Jahre später formierte sich ganz offiziell die »John-Frum-Religion«. Ein halbes Jahrhundert später nehmen christlich orientierte Gruppen am »John-Frum-Fest«, wie ich selbst vor Ort beobachten konnte, teil. Offensichtlich versucht man, den Gottes-Sohn John Frum mit Jesus zu identifizieren.  Den Einheimischen soll eingeredet werden, dass der wirkliche John rum kein anderer als Jesus, der christliche Gottessohn ist! Dabei lautete doch eines der zentralen Gebote des »heidnischen« John Frum: »Glaubt nicht den christlichen Missionaren! Bleibt bei euren alten Bräuchen!«

Aus »John Frum« soll Jesus werden. Foto: Walter-Jörg Langbein

Teil 217 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von
Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 16.03.2014



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Sonntag, 13. Oktober 2013

195 »Der Hebel Gottes«

Teil 195 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Höllenfeuer auf dem Grund des Meeres
Foto: wiki commons NOAA National Science Foundation

Liegt die Gefahr, die die Erde bedroht ... auf dem Grund des Pazifik? Unterseeisch grummelt es gewaltig. Wir verdrängen gern die Gefahr. Wir wollen gar nicht wissen, dass auf dem Meeresgrund Zeitbomben ticken, die alles Leben auf der Erde auslöschen können. Nach uralten Überlieferungen waren es »Apokalypsen«, die die Gestalt von Planet Erde prägten ...

Es ist kurios, dass Heyerdahl mit seinem Versuch scheiterte, eine Statue aus dem Vulkangestein meißeln zu lassen. Das ist in der Öffentlichkeit nicht bekannt. Viele Zeitgenossen, die sich für die Osterinsel interessieren, glauben aber, dass Thor Heyerdahl experimentell bewiesen habe, wie leicht so ein Steinkoloss aus dem Fels geschlagen, transportiert und aufgerichtet werden könne.

Wir nehmen unbewusst die äußere Gestalt der Erde als unveränderlich und gleichbleibend wahr. Das liegt an der Kurzlebigkeit des Menschen. Lange galt in der wissenschaftlichen Welt die Lehre vom »Fixismus«: Es galt die These,  dass die Erdkruste fest mit dem Untergrund verbunden ist. Die Lehre vom »Mobilismus« indes geht von einer  horizontalen Bewegung der Erdkruste aus, Alfred Lothar Wegener (1880-1930) ging davon aus, dass unser Globus einst ganz anders aussah als heute. Seiner Überzeugung nach, die in der Welt der Wissenschaft zunächst fachübergreifend abgelehnt, heute aber allgemein anerkannt wird, gab es einst einen riesigen Urkontinent, der auseinanderbrach. Die einzelnen Teile schwammen wie Inseln auseinander, wie Kuchenbrocken auf einer zähflüssigen Suppe.

Anders formuliert: Der Urkontinent war ein ineinandergefügtes Puzzle. Die einzelnen Puzzleteile brachen auseinander und drifteten voneinander weg. Seltsamerweise wird in der Schulwissenschaft bis heute weitestgehend nur eine horizontale Verschiebung von Landmassen akzeptiert, eine vertikale (nach unten und oben) aber abgelehnt. Deshalb gibt es im heutigen Weltbild der Wissenschaft keinen Platz für ein Atlantis im Atlantik oder im Pazifik. Uralte Überlieferungen, etwa der Hopi-Indianer, bezeugen ein ganz anderes Erd-/Weltbild. Demnach kann an der einen Stelle eine Landmasse absinken, wodurch an anderer Stelle eine Landmasse emporgehoben wird. Demnach gab es auch Bewegungen von Landmassen nach oben und unten. 

Die Kontinente vor dem Auseinanderdriften nach Wegener
Foto: wiki commons


Nicht bekannt ist, dass geheime Dokumente Beweise für die Existenz eines »Atlantis der Südsee« enthalten. Als Thor Heyerdahl 1955 und 1956 auf der Osterinsel intensiv Ausgrabungen durchführte, kam er vorübergehend in den Besitz der mysteriösen Notizen. Er durfte sie aber nicht behalten, sondern musste sie wieder zurückgeben. Heyerdahl fertigte zum Glück Kopien an. Im Jahr 1963 durfte der französische Osterinselforscher Francis Mazière ebenfalls geheime Aufzeichnungen über die Geschichte der Osterinsel studieren. Auch er erhielt die Dokumente nur leihweise. Wo sind die Unterlagen geblieben, die von einer gewaltigen Katastrophe zu berichten wissen, die sich in der Südsee ereignet hat? Trotz intensiver Recherche gelang es mir bislang nicht, die Dokumente aufzuspüren. Wurden sie inzwischen vernichtet? Werden sie noch auf der Osterinsel versteckt, vielleicht in einer der Höhlen? Gelangten die Unterlagen in ein chilenisches Museum, wo sie irgendwo in den Archiven schlummern? Oder wurden sie von einem reichen Sammler erstanden, der sie nur für sich allein behalten möchte?
    
Die russischen Gelehrten Prof. Dr. Fjodor Petrowitsch Krendeljow und Dr. phil. Aleksandr Michailowitsch Kondratow zitierten erstmals 1980 explosives Material aus den geheimen Unterlagen, die Jahrzehnte zuvor Heyerdahl zur Verfügung gestanden hatten in  ihrem Buch »Die Geheimnisse der Osterinsel« (1). Eine Übersetzung ins Deutsche erschien 1987 in Moskau und Leipzig. Es wurde in diesen geheimen Überlieferungen der Osterinsel ganz eindeutig von einem Atlantis der Südsee gesprochen. Da heißt es zum Beispiel (2):
    
»Der Jüngling Tea Waka sagte: ›Unsere Erde war früher ein großes Land, ein sehr großes Land.‹ Kuukuu fragte ihn: ›Aber warum wurde das Land klein?’‹ Tea Waka antwortete: ›Uwoke senkte seinen Stab darauf. Er senkte seinen Stab auf die Gegend Ohio.‹«
    
Nach der mythischen Tradition der Südsee gab es einst ein großes Königreich in der Südsee. Uwoke, ein mächtiger Gott des Erdbebens berührte mit einem »Stab« das Land. Große Teile davon versanken. Übrig blieb, so wissen es die alten Überlieferungen, die Osterinsel. Weiter heißt es in Heyerdahls Kopien, zitiert bei Krendeljow und Kondratow (3):

Land versinkt ... Land taucht wieder auf ...
 Foto: W-J. Langbein

    
»Es erhoben sich Wellen, und das Land ward klein. Der Stab Uwokes zerbrach am Berg Puku-puhipuhi. Von nun an wurde es Te-Pito-o-te-Henua, der Nabel der Erde genannt.«
 
In einer anderen Überlieferung, ebenfalls in den Aufzeichnungen Thor Heyerdahls vor dem Vergessen bewahrt, heißt es: »Kuukuu sagte zu ihm: ›Früher war diese Erde groß.‹ Der Freund Tea Waka sagte: ›Diese Gegend nennt sich Ko-te-To-monga-o-Tea-Waka.‹

Ariki Hotu Matua fragte: ›Warum versank das Land?‹ ›Uwoke machte das; er versenkte das Land‹ antwortete Tea Waka. ›Von nun an wurde das Land Te-Pito-o-te-Henua genannt.« Te-Pito-o-te-Henua bedeutet »Nabel der Welt«.
    
Heyerdahls Kopien der geheimen Überlieferungen belegen: Die Osterinsel war einst ein Teil des »Atlantis der Südsee«. Das uralte Reich ging in einer gewaltigen Naturkatastrophe unter. Die Osterinsel blieb als kleiner Rest des einstigen Landes (Kontinents?) bestehen. Ein Kontinent versank fast vollständig, nur einige Inseln blieben übrig, die noch heute aus dem Pazifik ragen.
     
»Rapa Nui«, so erfahren wir aus heutigen Reiseführern, sei der polynesische Name der Osterinsel. Aber was bedeutet der Name? Dr. Emil Reche verfasste eines der Standardwerke über die Südsee: »Polynesien«. Ausführlich geht der sprachwissenschaftlich geschulte Weltreisende auf die Osterinsel ein (4):

 »Der Name der Insel ›Rapa Nui‹«, so klärt er auf, »bedeutet ›Weite Fläche‹, was doch heute ganz gewiss nicht auf die kleine felsige Insel zutrifft. Unter diesem Namen ist aber die Insel allen Polynesiern bis nach der Hawaii-Gruppe und bis nach Neuseeland bekannt.« Dr. Emil Reche schlussfolgert, dass die Osterinsel also einmal tatsächlich groß gewesen sein muss. Oder genauer: Die kleine Osterinsel, so wie wir sie heute kennen, war einmal ein Teil eines großen Reichs im Pazifik.
    
Auf der Osterinsel selbst ist das Eiland unter dem melodisch klingenden Namen »Pito te henua« bekannt: »Nabel der Welt« oder – so lautet einen andere Übersetzung – »Ende des Landes«. Das heißt, dass die Osterinsel einst Teil einer wesentlich größeren Landmasse war. Das heutige »Rapa Nui« (die Osterinsel) war ein Teil der einst riesigen Insel, die Osterinsel war ein kleiner Teil eines großen Ganzen, sie lag einst am Rand.

Eine Frage gilt es zu beantworten: Entstand die Osterinsel als Resultat von unterseeischen Vulkanausbrüchen? Oder geschah die Katastrophe an Land? Ließen Vulkanausbrüche überirdisch Berge entstehen, die dann erst  bei einer Katastrophe weitestgehend im Meer versunken sind?
    
Einst unternahmen die Ureinwohner Neuseelands regelmäßige Reisen zur Osterinsel. Sie starteten von »Waiho« aus. Eine der Sandwich-Inseln heißt ebenfalls »Waiho«, was so viel wie »weggehen«, »verlassen« oder »aufgeben« bedeutet. Dr. Reche analysiert exakt sprachwissenschaftlich:

Kosmische Lehrmeister unterrichteten
die Hopi-Indianer über Erde und Kosmos. Foto: W-J.Langbein


»›Waiho‹ ist gleichbedeutend mit dem samoanischen ›vaiso‹, wobei ›va‹ = ›Zwischenraum‹ und ›iso‹ = ›seine Sache als verloren aufgeben‹ bedeutet. ›Vaiso‹ oder maorisch ›Waiho‹ ist also der als verloren aufgegebene Zwischenraum, wobei jedoch ›Zwischenraum‹ nicht anders verstanden werden kann als der vom Land eingenommene Zwischenraum. Waiho auf Neuseeland und das heutige ›Rapa-nui‹ sind also die Endpunkte dessen, was man inzwischen als verloren aufgegeben hat, dessen Wiederauftauchen aus den Meeresfluten man vielleicht noch lange erhofft hat, bis man es als verloren aufgegeben hat. Dieses Land reichte also von Neuseeland bis Pito te henua, dem ›Ende des Landes‹, also bis zur Osterinsel.«

Uralt ist das Wissen der Hopi-Indianer. White Bear Fredericks, damals angesehener Stammesältester, diktierte dem ehemaligen NASA-Ingenieur Josef Blumrich (1913-2002) den »Erdmythos der Hopi-Indianer«. Die umfangreichen Überlieferungen erschienen 1979 als Buch unter dem Titel »Kasskara und die sieben Welten« (5). Damit wurde White Bears  reicher Wissensschatz erstmals in gedruckter Form publiziert.

Nach den Hopi-Indianern gab es einst im Pazifik einen Kontinent namens »Kasskara«. Und der versank bei einer gewaltigen Katastrophe in den Fluten des Meeres. Überliefert ist eine Erklärung: Während weite Regionen im Pazifik absanken, wurden zum Ausgleich im Osten von Kasskara andere Regionen weit emporgehoben. Reine Fantasie? Ganz und gar nicht!

Die Zyklopenstadt Tiahuanaco hatte einst einen Hafen.
Foto: Ingeborg Diekmann

Wiederholt besuchte ich die uralten Ruinen von Tiahuanaco,  die an der Grenze zwischen Bolivien und Peru liegt – in einer Höhe von gut 4.000 Metern. Hier oben entdeckten Wissenschaftler Hinweise auf ... maritimes Leben. Ausgrabungen förderten erstaunliche Fossilien zutage, die nicht in die Hochanden gehören, sondern ans Meer: etwa von Schellfisch und anderem Getier ...  aus dem Meer. Selbst die »fliegenden Fische«, deren Fossilien ausgegraben wurden, dürften wohl kaum in die Hochanden geflattert sein.

Tiahuanaco – in einer Höhe von 4.000 Metern – muss einst eine Hafenstadt mit massiven Hafenanlagen gewesen sein. Eine ganze Flotte hatte hier einst Platz! Wie kann eine Hafenstadt von einst in eine Höhe von 4.000 Metern über dem Meeresspiegel gelangt sein? Meine Vermutung: Unvorstellbare Kräfte müssen am Werk gewesen sein, als das »Atlantis der Südsee« versank ... und die einstige Hafenstadt Tiahuanaco emporgehoben wurde.

Eine Erklärung für das extreme Emporsteigen der einstigen Hafenstadt ins Hochgebirge findet sich in der Mythologie der Osterinsel. Verantwortlich ist nach der Überlieferung von Rapa Nui der Gott der Zerstörung (6):

»Früher war das Land Rapa Nui so groß und ausgedehnt wie das heutige Festland. Aber Uoke … hatte darüber eine große Macht. Er hob und senkte es, wann er Lust hatte. Zu diesen Erdbewegungen verwendete er einen Hebel. Wenn er Rapa Nui hob, reichte seine Oberfläche bis zum Festland Puku Puhipuhi. Eines Tages, als Uoke sich damit vergnügte, einen Teil Rapa Nuis zu senken, um das Festland  zu heben, brach der Hebel. Rapa Nui, das sich in diesem Augenblick unten befand, blieb klein, nur die Berge ragten aus dem Meer hervor, während das Festland groß blieb, da es sich oben befand. So entstand diese Insel (die Osterinsel, der Verfasser), und sie wurde zu dieser Zeit ›Te Pito Te Henua‹, das ist ›Der Nabel der Welt‹ genannt.«

Den Menschen waren vor Jahrhunderten, ja vor Jahrtausenden die naturwissenschaftlichen Hintergründe kosmischer Katastrophen unbekannt. Naturgewalten vermochten sie nicht wissenschaftlich zu erklären. Naturgesetze im wissenschaftlichen Sinn waren unbekannt. Erklärungen wurden gesucht und gefunden.  Schreckliche Geschehnisse wie Naturkatastrophen galten als das Wirken »göttlicher Mächte«.

In der Mythologie der Osterinsulaner wurde »der Stab Uwokes« oder »der Blitz Make Makes« für den Untergang des Kontinents in der Südsee verantwortlich gemacht. In der Volksüberlieferung wurde eine religiöse Ursache der Katastrophe gesucht und gefunden: Ein Gott schlägt das Atlantis der Südsee und es wird zum großen Teil versenkt. Betrachtet man diese Aussagen mit heutigem Wissensstand, dann wird wahrscheinlich, dass in der Südsee ein Vulkanausbruch unvorstellbaren Ausmaßes die Katastrophe ausgelöst haben dürfte. Platons Atlantis könnte einem gewaltigen Himmelskörper zum Opfer gefallen sein, der im Atlantik aufschlug.

Der Ring des Todes im Pazifik ...
Foto: wiki commons, United States Geological Survey


Fakt ist: Der gesamte Pazifikraum ist ein Hort extremer Gefahr. Ein Gürtel von unterseeischen Vulkanen kann jederzeit zu Kataklysmen ungeahnten Ausmaßes führen ... zur nächsten Apokalypse, die alles Leben auf Erden bedroht.

Was mag zum Verschwinden des »Atlantis der Südsee« geführt haben? Mag sein, dass ein Himmelskörper aus dem All wie eine Bombe im Meer einschlug. Vielleicht brach auch ein unterseeischer Vulkan aus. Wie auch immer: Gewaltige Magmamassen wurden in die Atmosphäre geschleudert. Die Konsequenzen für die Erde waren sehr drastisch: Es entstand so etwas wie ein riesiger Sonnenschirm aus Magma und sonstiger emporgeschossener Materie, sodass eine unnatürliche Dunkelheit ausbrach. Und eine Sintflut suchte die Erde heim. Sie verwüstete das Land, tötete Mensch und Tier.

Interessanterweise werden auch bei den Mayas exakt diese beiden Naturphänomene geschildert. Im Popol Vuh, der Bibel der Mayas, heißt es: »Darum verdunkelte sich das Antlitz der Erde, und es begann ein schwarzer Regen, Tagregen, Nachtregen.«

Der 21.12.2012 ist vergangen, ohne dass der Weltuntergang ausgebrochen ist. Eine weltweite Apokalypse ist aber jederzeit möglich. Sie wird eines Tages auch über unseren Planeten hereinbrechen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann ...

Die nächste Katastrophe kommt bestimmt. Foto: W-J.Langbein


Lesen Sie zu diesem Thema: Walter-Jörg Langbein 2012

Fußnoten
1  Krendeljow, Prof. Dr. Fjodor Petrowitsch und Kondratow, Dr. phil. Aleksandr
     Michailowitsch:  »Die Geheimnisse der Osterinsel«, Moskau und Leipzig 1987,  
     Seiten 108-110
2 ebenda, S. 109
3 ebenda
4 Reche, Dr.phil. Emil: »Polynesien«, Leipzig 1936, S.25-28
5 Blumrich, Josef F.: »Kasskara und sie sieben  Welten/ White Bear erzählt den
     Erdmythos der Hopi-Indianer« Düsseldorf, Wien 1979
6 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
     Nürnberg o. J., S. 28

»Der Gott der Zerstörung«
Teil 196 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 20.10.2013



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Sonntag, 18. Oktober 2009

Geheimnisse der Osterinsel

Teil III der Serie
»Das Atlantis der Südsee«
von Walter-Jörg Langbein


»Nan Madol«, fast 100 künstliche Inseln im Pazifik, lassen uns nach wie vor staunen. Sind die kaum bekannten mysteriösen, wirklich monsterhaften Ruinen aus uralten Zeiten vielleicht monumentale Reste des versunkenen Atlantis der Südsee?

Gibt es für diese Annahme Belege? Ich fand sie auf der geheimnisvollsten Insel unseres Planeten, auf der Osterinsel. Das mysteriöse Eiland ist das wohl abgelegenste Flecken unseres Planeten. Die gigantischen Steinstatuen haben ihre Heimat weltberühmt gemacht. Auf der einsamen Osterinsel herrscht eine seltsame Atmosphäre, die sich nicht wirklich in Worte fassen lässt. Es ist, als sei die Zeit auf der Osterinsel vor vielen Jahrhunderten stehen geblieben.

Im Steinbruch, wo die Osterinselkolosse aus dem Vulkan geschlagen wurden, meint man förmlich die Künstler hören zu können. Halbfertige Statuen hängen noch im Vulkan, fertige wurden nur wenige Meter transportiert, andere wiederum hat man schon quer über die ganze Insel transportiert. Wer auch immer die riesigen Standbilder schuf, hat von heute auf morgen die Arbeit unterbrochen und nicht wieder aufgenommen. Warum? Hat eine gewaltige Katastrophe das »Projekt Riesenstatuen« abrupt beendet?

Der frühe Weltreisende und Forscherautor Ernst von Hesse-Wartegg besuchte auch die Osterinsel. In höchstem Maße beeindruckt hielt er kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt«, dass die schweigenden Riesen von »unbekannten Schöpfern« gemeißelt wurden und »wahrscheinlich zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gezählt werden müssen. Ob die Kolosse tatsächlich so alt sind? Widersprüchlich sind die Aussagen über die Motive der Bildhauer der Osterinsel. Einerseits heißt es, sie hätten aus Mangel an Holz zu Stein als Material greifen müssen, um sich künstlerisch zu verwirklichen. Andererseits stand ihnen dann angeblich Holz in Hülle und Fülle zur Verfügung, um die beeindruckenden Kunstwerke zu transportieren.

Ein weiteres Rätsel der Osterinsel ist die Urheimat ihrer Bevölkerung. Woher kamen die Menschen, die das Inselchen besiedelten?

Schriftliche Überlieferungen in Buchform gibt es keine... wohl aber seit ewigen Zeiten mündlich weitergereichte Erzählungen. Allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz ist es bis heute nicht gelungen, die »sprechenden Hölzer« der Osterinsel zum Reden zu bringen. Die hölzernen Schrifttäfelchen sind nach wie vor nicht entziffert worden. Werden wir sie je wie ein Buch lesen können?

Das Geheimnis der mysteriösen Zeichen wurde von Generation zu Generation nur wenigen würdigen Insulanern enthüllt und so weiter gereicht. Ob es heute noch Osterinsulaner gibt, die die uralte Schrift verstehen? Wenn ja, dann behalten sie ihr Wissen für sich und weihen uns »Zivilisierte« nicht ein. Das darf nicht verwundern! Kontakte mit der sogenannten »zivilisierten Welt« brachten der Osterinsel im Verlauf der letzten Jahrhunderte nur Schlechtes:

Viele Insulaner wurden in die Sklaverei verschleppt. Schlimme Krankheiten wurden auf die friedliche Insel gebracht, so dass die Bevölkerung fast vollständig dahingerafft wurde. Zeitweise war die Osterinsel quasi Privatbesitz von Viehfarmern. Und immer wieder trachteten vermeintliche »kultivierte« Besucher, den Menschen der Osterinsel fremde Lebensweisen aufzuzwingen und ihre Religion zu zerstören.

Heute – und ich weiß das von meinen Besuchen auf der Osterinsel – besinnen sich die Menschen wieder ihrer Wurzeln. Die fast in Vergessenheit geratene Sprache der Insel, das Rapanui, wird wieder verstärkt gesprochen. Der Stolz auf die eigene Geschichte wächst. Man möchte nicht »zivilisiert« werden und wehrt sich gegen Überfremdung durch Touristen. So gab es Anfang September 2009 Unruhen auf der Osterinsel. Die gigantische Landebahn, auf der Spaceshuttles landen können, wurde besetzt. Etwa zwei Tage lang konnten keine Flugzeuge landen oder starten. Deutlich zu spüren ist die Skepsis vieler Einheimischer gegenüber der viel gerühmten modernen Zivilisation.

Die Situation der Osterinsulaner ist dabei alles andere als einfach: Das Eiland ist vollkommen abhängig vom chilenischen »Mutterland«. So gut wie alles, was man zum Leben braucht, muss vom südamerikanischen Festland her eingeflogen werden. Ob die Osterinsel jemals wirklich unabhängig werden kann?

Uralte Überlieferungen besagen, dass die Urbewohner der Osterinsel einst in grauer Vorzeit von der Fremde einwanderten. Sie lebten ursprünglich auf Maori Nui Nui, zu Deutsch »Groß Maori«. Dort regierte König Taenen Arei, der alles andere als ein leichtes Amt hatte. Die Existenz der Insel Maori Nui Nui stand auf dem Spiel. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis Maori Nui Nui von Naturgewalten zerstört sein würde. Dann würden alle Bewohner sterben. Maori Nui Nui würde wie ein Atlantis der Südsee im Meer versinken!

In dieser schweren Zeit übernahm Taenen Areis Sohn, Hotu Matua, die Regierungsgewalt. Er ließ die tüchtigsten Seefahrer als Kundschafter ausschwärmen. Gab es denn nirgendwo eine Insel, die die Katastrophe überdauern würde? Die Männer kehrten aber immer wieder enttäuscht von ihren gefährlichen Missionen zurück. Es schien kein Eiland in erreichbarer Nähe zu geben, auf das die Bewohner von Maori Nui Nui hätten fliehen können. Ein trauriges Schicksal stand dem ganzen Volk bevor. Der Tod aller schien nicht mehr abgewendet werden zu können!


Im letzten Augenblick griff ein fliegendes himmlisches Wesen ein, der mächtige Gott Make Make. Er stieg vom Himmel herab, ergriff den Priester Hau Maka und transportierte ihn - wie den biblischen Hesekiel - durch die Lüfte. Auf einem fernen, unbewohnten Eiland setzte er ihn ab. Make Make erklärte dem Priester, wie man von seiner alten Heimat zur neuen Insel gelangen konnte. Er warnte vor gefährlichen Felsenriffen und wies auf Vulkane hin. Er zeigte ihm eine Kuriosität: »weiches Gestein«. Nach der Überlieferung betrat der Geistliche neugierig eben dieses »weiche Gestein«. Seine Füße hinterließen Spuren darin. Vermutlich handelte es sich um noch nicht ganz erstarrte Lava.

Make Make, der fliegende Gott, unterrichtete den Priester noch im Gebrauch von Schilfrohr, etwa für den Hausbau, zeigte ihm eine Bucht, die als natürlicher Hafen geradezu ideal war, und flog ihn wieder durch die Lüfte in seine alte Heimat zurück. Hau Maka verstand nicht, was ihm widerfahren war. Konnte es denn etwas anderes als ein Traum gewesen sein? Wohl kaum! Fliegende Götter, die Menschen durch die Lüfte transportieren... die durfte es damals wohl ebenso wenig geben... wie in unseren Tagen UFOs. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, musste der Gottesmann also geträumt haben! Aufgeregt berichtete er seinem König.

Der Regent griff nach dem sprichwörtlichen Strohhalm. Er wählte sofort die sieben besten Kundschafter aus. Sie wurden genau instruiert, wo nach dem Traum die fremde Insel zu finden war. Und just dort entdeckten die sieben wackeren Seemänner tatsächlich eine menschenleere Insel. Sie war die perfekte neue Heimat. Kaum war dem König die frohe Botschaft übermittelt worden, befahl der den Massenexodus seines gesamten Volkes. Die gesamte Bevölkerung von Maori Nui Nui zog um und erreichte problemlos ein relativ kleines Eiland, ihre neue Heimat - die Osterinsel.

König Hotu Matua sandte Kundschafter aus, die erst einmal die Insel in Augenschein nehmen sollten. Dabei stießen die Männer immer wieder auf Spuren, die der Priester bei seinem »Traumbesuch« hinterlassen hatte. Ganz offensichtlich war der Mann wirklich, sprich körperlich und nicht nur im Geiste, vom fliegenden Gott Make Make befördert worden. Offensichtlich hatte er das exotische Inselchen wirklich betreten.

Ich muss eine der zentralen Fragen wiederholen: Wo lag diese geheimnisvolle Urheimat der Osterinsulaner? Was war dieses Maori Nui Nui überhaupt? Bleiben wir bei der mündlichen Tradition. Die alte Mythologie der Osterinsel – über viele Generationen mündlich überliefert - erinnert daran, dass das rätselhafte Eiland einstmals zu einem Kontinent gehörte, der größtenteils im Meer versank: »Der Jüngling Tea Waka sagte: ›Unsere Erde war früher ein großes Land, ein sehr großes Land.‹ Kuukuu fragte ihn: ›Aber warum wurde das Land klein?‹ Tea Waka antwortete: ›Uwoke senkte seinen Stab darauf. Er senkte seinen Stab auf die Gegend von Ohio. Es erhoben sich Wellen, und das Land ward klein. Von nun an wurde es Te-Pito-o-te-Henua, der Nabel der Erde genannt.‹‹‹

In einer anderen Überlieferung, die uraltes Wissen bis in unsere Tage vor dem Vergessen bewahrt, heißt es: »Kuukuu sagte zu ihm: ›Früher war diese Erde groß.‹ Der Freund Tea Waka sagte: ›Diese Gegend nennt sich Ko-te-To-monga-o-Tea-Waka.‹ Ariki Hotu Matua fragte: ›Warum versank das Land?‹ ›Uwoke machte das; er versenkte das Land‹, antwortete Tea Waka. ›Von nun an wurde das Land Te-Pito-o-te-Henua genannt.‹ Te-Pito-o-te-Henua, ›Nabel der Welt‹!« Für den Ethnographen John Macmillan Brown war der Sachverhalt eindeutig. Seiner Meinung nach gab es einst westlich von Südamerika einen riesigen Kontinent, der in den Fluten des Meeres versank. Er schreibt: »Die Osterinsel ist der Überrest eines Atlantis der Südsee, das durch eine Naturkatastrophe weitgehend zerstört wurde.«

Kann man mythologische Überlieferungen wie jene der Südsee ernst nehmen, darf man sie als verlässliche Quelle heranziehen? Darf man alten »Märchen« Glauben schenken? Mündliche Überlieferungen sind bis heute die einzigen greifbaren Zeugnisse, die von der uralten Geschichte der Osterinsel berichten. Mit der Frage nach der Glaubwürdigkeit der uralten Überlieferungen hat sich kaum jemand so intensiv auseinandergesetzt wie Dr. Fritz Felbermayer. Felbermayer fasste die Ergebnisse seiner langjährigen wissenschaftlichen Studien vor Ort in dem Buch »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel« zusammen. Als Auszeichnung wurde ihm der Orden »De Merito de Jose Miguel Carrera« verliehen. Als einziger Ausländer holte man ihn in den »Rat chilenischer Geschichte«.

Ich habe vor nunmehr 35 Jahren, am 25. August 1974, Dr. Felbermayer interviewt: »Kann man die Überlieferungen über das Eingreifen Make Makes in die menschlichen Geschicke für bare Münze nehmen? Wurden die Osterinsulaner wirklich vom versinkenden Atlantis der Südsee auf die Osterinsel evakuiert?«

Dr. Fritz Felbermayer antwortete: »Es ist meine felsenfeste Überzeugung, dass diese Überlieferung eine absolut wahre Begebenheit beschreibt. Von den alten Insulanern wird diese Tatsache so klar und ohne Zögern wiedererzählt, und immer in derselben Weise. Es werden Namen genannt, die einfach nicht erfunden wurden. So konnte ich diese Begebenheiten ohne jeden Zusatz aufschreiben. Im Vorwort meines Buches habe ich auf eine Sache hingewiesen, die Sie lesen müssen: ›Wenn derjenige, der gerade erzählte, sich irrte oder auch nur einige wenige Worte änderte, die an sich ohne Bedeutung waren, so protestierten die anderen Zuhörer so lange, bis der Sprecher die Worte genauso wiedergab, wie sie die Vorfahren berichteten.‹«

Für Dr. Felbermayer gab es keinen Zweifel: Die Osterinselmythen sind ebenso wahr wie Homers Hinweise auf Troja. Dr. Felbermayer: »Auch König Hotu Matua ist bestimmt keine ›Sagengestalt‹, sondern ein Mann, der wirklich gelebt hat und sein Volk auf die Osterinsel brachte. Reale Historie ist auch die Geschichte von Make Make, von den sieben Seefahrern, vom Exodus von ›Maori Nui Nui‹ auf die Osterinsel.« Dr. Felbermayer weiter: »Ich halte diese Überlieferung für wahr! Wir können sicher sein, dass die Fahrt stattfand!«

Es gab also ein »Atlantis der Südsee«, das in einer apokalyptischen Katastrophe versank. Die Ruinenstadt von »Nan Madol« und die steinernen Kolosse der Osterinsel erinnern mahnend an ein Unglück unvorstellbaren Ausmaßes. Aber es geht nicht nur um die Vergangenheit unseres Planeten. Die Zukunft steht auf dem Spiel. Die Monsterwellen unserer Tage rufen das Entsetzen aus uralten Tagen in Erinnerung. Sie mahnen aber auch: Weltweite Apokalypsen können sich jederzeit wiederholen. Gewaltige Katastrophen werden über die Erde hereinbrechen: nach erdgeschichtlichen Maßstäben wird das schon sehr bald geschehen. Wer warnend die Stimme erhebt, wird gern als »Schwarzseher« lächerlich gemacht. Aber macht es denn Sinn, den Kopf aus Angst vor apokalyptischen Ereignissen in den Sand zu stecken?

In den Kinos der Welt macht Roland Emmerich 2012 zum heiß diskutierten Thema. Die Vergangenheit von Planet Erde kann sehr wohl phantastischer als jede Fiktion gewesen sein. Und so spektakulär Emmerich 2012 auch zeichnet.... seine Visionen sind realistischer als uns lieb sein mag!

Vorankündigung: Am Samstag, den 24. Oktober 2009 werde ich einen Vortrag auf dem Jahrestreffen der »Forschungsgesellschaft für Archäologie, Astronautik und SETI« (»A.A.S.«) in Magdeburg halten. Am Tag darauf, am Sonntag, den 25.Oktober, und am Sonntag, den 1.November 2009, wird das Manuskript im Blog zu lesen sein.
Abb.: Walter-Jörg Langbein im Steinbruch der Osterinselriesen
Alle Abbildungen: Copyright Walter-Jörg Langbein

Das neueste Buch von Walter-Jörg Langbein: 2012 - Endzeit und Neuanfang
Teil I der Serie lesen
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