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Samstag, 25. Juli 2020

Gute Reise, Inge!

Nachruf »Ingeborg Diekmann«...

Ingeborg Diekmann
(*16.11.1928; †22.07.2020)
Foto: Ingeborg Diekmann
in der Atacamawüste
im Norden Chiles.

Sonntag, 19. Juli 2020: Wie jeden Sonntag seit Jahrzehnten rufe ich Ingeborg in Bremen an. Wir plaudern über dies und das. Wir kommen auf unsere Reisen zu den geheimnisvollsten Stätten unserer Erde zu sprechen. Inge hat die Welt bereist. Sie war auf allen meinen Reisen dabei, die ich für kleine Gruppen organisiert habe. Wann wir uns wohl wiedersehen, fragt Inge. Beim nächsten Seminar in Bremen, Anfang März 2021 vielleicht? Bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg, die wir schon manches Mal gemeinsam besucht haben? Hoffentlich gibt es 2021 wieder Karl-May life in Bad Segeberg. 2020 fallen die Festspiele Corona zum Opfer.

Ingeborg Diekmann in der Stadt der
»Wolkenmenschen« (Kuelap, Peru)
Inge hat meinen Sonntagsblog von Nummer 1 an gelesen. Sie fragt, wann ich ihr denn die nächste Folge schicken werde. Am Mittwoch, verspreche ich ihr. Inge freut sich sehr.

Mittwoch, 22.Juli 2020: Ich drucke Folge Nr. 549, wie immer doppelt, für Inge aus. Damit sie’s besser lesen kann in Schriftgröße 16. Der Briefträger nimmt meinen Brief für Inge mit. Folge 549 geht auf die Reise. Er wird wohl am Donnerstag oder Freitag ankommen. Dann wird mich Inge anrufen und wir werden über den Artikel sprechen.

Ingeborg Diekmann in einer der Höhlen der Osterinsel.
Eine weitere Folge entsteht: Nr. 565.. »Das Wüten des Golems«. Schließich ist der Text fertig. Ich speichere ihn mit den »eingebauten« Fotos ab. »Das Wüten des Golems« wird am Sonntag, den 15. November 2020 in meinem Sonntagsblog erscheinen.

Zur Kontrolle schaue ich mir an, wie der Beitrag aussehen wird. »Kann man so lassen!«… denke ich. Da klingelt das Telefon. Es ist Inges »Seniorenwohnpark«. Inge lebt dort. Man teilt mir mit: Inge ist gerade gestorben. Sie ist, versichert man mir, »friedlich eingeschlafen«… auf einem Stuhl in ihrer Wohnung sitzend, leicht nach vorn geneigt.

Ein Krankenlager, ein Leben auf der Pflegestation… das ist ihr erspart geblieben. Vor langsamem Siechtum hatte sie Angst. Das Schicksal hat es gut mit ihr gemeint. Leid zum Lebensende hat sie nicht heimgesucht. Still und leise ist sie gegangen. Ohne Schmerz.

Inge fotografiert
im Hinterhof von »Santo Domingo«
(Peru)
Ingeborg Diekmann, seit Jahrzehnten Mitglied der AAS, bereiste die Welt auf den Spuren der Astronautengötter: von Ägypten bis Vanuatu. Sie erkundete die Ruinen von Nan Madol (Mikronesien) und nahm am Jahresfest des John-Frum-Kults (Tanna) teil. Inge Diekmann ist am 22.7.2020 im 92. Lebensjahr sanft entschlafen.

Inge hat ihre letzte Reise, die größte und vielleicht doch kürzeste, angetreten, als ich Blog-Folge 565 abgeschlossen hatte. Nr. 565 wird am Sonntag, den 15. November 2020 erscheinen, einen Tag vor Inges 92. Geburtstag.

Ingeborg Diekmann wartet darauf, dass die
Tür zum Gepäckraum abgenommen wird, damit sie
aus luftiger Höhe ungehindert fotografieren kann...

Inge war zeitlebens aktiv und wissbegierig. Sie liebte es zu reisen und zu fotografieren. Die großen Rätsel unseres Planeten faszinierten sie, so wie mich. Das war die Basis unserer Freundschaft, die vor 40 Jahren ihren Anfang nahm. Wir waren immer wieder gemeinsam unterwegs, zuletzt in der Südsee. Wir erkundeten zum Beispiel die mysteriösen Ruinen von Nan Madol auf den künstlichen Inseln vor Temwen Island, einer Nebeninsel von Pohnpei im Archipel der Karolinen (politisch Föderierte Staaten von Mikronesien). Wir überflogen das Eiland in einer gecharterten Propellermaschine. Inge saß im »Gepäckraum« des kleinen Flugzeugs. Die Tür war abmontiert worden, so dass Inge aus luftiger Höhe ungehindert fotografieren konnte. Mutig war sie immer, die Inge.

Nan Madol aus der Luft.
Foto: Ingeborg Diekmann

Und nun hat Inge, um es poetisch auszudrücken, ihre »letzte Reise« angetreten. Oder ist es die erste »richtige Reise«, gar nicht zu vergleichen mit Reisen auf unserem kleinen Planeten? Ist sie unterwegs zu Orten, die man von keinem regulären Flugplatz aus erreichen kann? Wenn ja, dann wird sie alles spannend finden.

Walter-Jörg Langbein in den Ruinen
von Nan Madol.
Foto Ingeborg Diekmann.
Gute Reise, Inge! Und, wer weiß, vielleicht bis irgendwann irgendwo…. 

Ingeborg Diekmann bei der Jahresfeier des John-Frum-Kults.
(Die weißhaarige Dame im Hintergrund ist Inge.)



Inge in Copan (Honduras)

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Sonntag, 23. September 2018

453 »Der vergessene Kult«

Teil 453 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Das »Ding« sieht aus wie ein Flugzeug. Man sieht den klein geratenen »Propeller«. Rädchen hat das »Ding« aus. Das »Ding« ist ein Objekt der Verehrung: im Cargo-Kult der Südsee, ausgestellt im »Mystery Park« (umgenannt in »Jungfraupark«) in Interlaken.

Foto 1: Nachgebautes Flugzeug als Objekt der Verehrung.

Während meines Studiums der evangelischen Theologie in Erlangen wurde das Thema »Cargo-Kult« nur einmal kurz angeschnitten, und zwar als Negativbeispiel für eine vermeintlich »primitive« Form der Religion. Im Zentrum eines jeden »Cargo-Kults« steht, so hieß es, ein Messias. Die Anhänger glauben an seine Wiederkehr und an großen materiellen Reichtum, der dann angeblich ausbricht. Somit sei der Cargo-Kult im eigentlichen Sinne gar keine wirkliche Religion. In einer »anständigen Religion« geht es um Höheres, nicht um profanen, schnöden Mammon. Tatsächlich erhoffen sich aber Christen wie Moslems spätestens im Jenseits wahrlich physische Genüsse der paradiesischen Art, wenn sie nur dem »einzig wahren« Glauben huldigen. Für Moslems ist der einzig wahre Glaube natürlich der Islam, für Christen ist es das Christentum.

Der objektive Betrachter vermag da keinen Unterschied im Vergleich mit dem »Cargo-Kult« der Südsee zu erkennen. Cargo, das ist die Fracht, die sich Anhänger von »Cargo-Kulten« in der Südsee vom zurückkehrenden Gott John Frum erhoffen. So gesehen ist auch das Christentum ein »Cargo-Kult«.

Foto 2: Petrus am Hafen der Osterinsel.

Es ist immerhin Petrus, der Mann mit dem Schlüssel zum Himmelstor, der Jesus fragt, was denn seine treuen Jünger als Belohnung für ihre Rechtgläubigkeit erwarten dürften. Haben sie nicht alles aufgegeben, um Jesu Jünger werden zu können? Jesus prophezeit bei den Evangelisten Markus und Lukas (1) fast wortgleich recht reiche und profane Belohnungen, und zwar nicht für den fernen, nicht näher bestimmbaren »Sankt Nimmerleinstag«, sondern für die unmittelbar bevorstehende Zukunft. Wer Familie, Haus und Äcker aufgibt, um sich Jesus anzuschließen, der wird noch zu Lebzeiten »hundertfach empfangen ... Häuser, Brüder, Schwestern und Mütter und Äcker«, später als Zugabe noch »das ewige Leben«.

Am 15. Februar 2004 nahm ich mit einer kleinen Reisegruppe in Tanna (Neue Hebriden, Inselstaat Vanuatu im Südwestpazifik) an der Jahresfeier des »John Frum Kults teil. Im Zentrum steht nach wie vor Gott John Frum, dabei ist auch vor Ort der irdische Ursprung der »John Frum«-Bewegung bekannt. Am Vorabend der Hauptfeier versammelten sich die Anhänger des »John-Frum«-Kults, musizierten und sagen bis zum Morgengrauen. Mit meiner kleinen Reisegruppe war ich dabei. Wir waren fast die einzigen Fremden, die sich zu den Festivitäten zu Ehren John Frums eingefunden haben. Wir verhielten uns zurückhaltend, durften an der religiösen Festivität teilnehmen. Alt und Jung wirkte mit, die Älteren ernster, die Jüngeren ausgelassener. Selbst Kinder tanzten mit.

Foto 3: Alt und Jung feiern ...

Kurz und bündig: Irgendwann vor 1940, vielleicht schon um 1910, besuchte ein Amerikaner Tanna. Er mag versprochen haben, irgendwann einmal wieder vorbeizuschauen, so wie das viele Reisende tun. Später erschienen US-Soldaten auf dem Eiland.  Viele hießen John mit Vornamen, stellten sich als »John from..«, also als »John aus ...« vor. Schon nannten die Insulaner sie alle »John Frum«. Die »John Frums« reisten wieder ab, die Soldaten zogen wieder in die Heimat zurück. Die Geschenke der US-Boys blieben aus. Man wartete auf die Wiederkehr der Erhabenen, die in großen Vögeln vom Himmel gekommen waren. Man freute sich auf die reichen Geschenke, die »John Frum« verteilen würde. Bislang vergeblich, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. So entstand ein Kult: Aus vielen Männern namens »John from…« wurde ein John Frum. Und der wurde zum Messias erhoben, auf dessen Wiederkehr man heute noch hofft. Die US-Truppen gehören auch heute noch zum Kult, allerdings nicht mehr die Originale.

Die US-»Frums« werden von Einheimischen dargestellt, und das mit großem Eifer. Die John-Frum-Anhänger marschieren mit geschulterten Holzgewehren im Gleichschritt auf und ab. Sie hissen Flaggen und salutieren. Sie sprechen in »Walkie Talkies« aus Holz.

Foto 4: .. und tanzen zu Ehren John Frums.

Sie bauen Flugzeuge nach, zur Erinnerung an die John Frums, die in solchen »Vögeln« zu Besuch kamen und die Menschen beschenkten. Der Kult verändert sich weiter. In unseren Tagen wird er zusehends christianisiert. So verwandelt sich der erwartete »heidnische« Messias John Frum in den christlichen Messias Jesus. Noch gibt es strikte Puristen, die nach alter Väter Sitte den John-Frum-Kult zelebrieren. Aber schon wird auf dem John-Frum-Jahresfest auch Jesus als Messias herbeigesehnt. Meiner Meinung nach ist es eine Frage der Zeit, bis aus dem John-Frum-Glauben eine christliche Sekte wird.

Wir stellen uns heute die Frage, wie es möglich ist, dass Soldaten offenbar von friedlichen Insulanern fernab der »Zivilisation« als göttliche Wesen gesehen wurden. In einem Zeitungsbericht über eine Fotoausstellung von Ingeborg Diekmann über unsere Studienreise zum John-Frum-Fest heißt es (3): »Sie tragen Fliegermontur. Ihre Sonnenbrillen blitzten in der gleißenden Sonne. Für die Einheimischen müssen sie wie Götter erscheinen, die Hilfsgüter bringen und versprechen, wieder zu kommen und sodann mit ihren Flugmaschinen wieder verschwinden. Die Eingeborenen warten bis heute auf die Wiederkehr der Besucher aus einer für sie ganz anderen Welt.«

Foto 5: Aufmarsch für John Frum…

Der John-Frum-Kult ist wichtig für die Prä-Astronautik, weil er uns in nachvollziehbarer Weise verdeutlicht, dass die von ihm propagierten Messias-Erwartungen nicht auf Fantasie, sondern auf Fakten beruhen. Die Erstkontakte mit den heute noch erwarteten »Messiassen« hat es real gegeben. Dabei ist der John-Frum-Kult nur einer von vielen. Der deutsche Theologe Dr. Friedrich Steinbauer schrieb eine Doktorarbeit zu eben diesem Thema, die auch als Buch erschien (4):

»Melanesische Cargo-Kulte«. Der Theologe weist 185 ähnliche Kulte nach. Der John-Frum-Kult ist wichtig für die Prä-Astronautik, weil er uns zeigt, wie wohl außerirdische Besucher vor Jahrtausenden gesehen wurden: Sie waren allmächtig, konnten also nur Götter sein. Seltsam: Leider werden auch heute noch amtliche Dokumente über den John-Frum-Kult von 1940 bis 1957 auf Tanna verfasst, unter Verschluss gehalten. (5) Warum eigentlich?

»Cargo-Kulte« haben sich in der Südsee bis heute gehalten. Sie werden auch heute weiter zelebriert. Sie mögen sich in den Riten und Ritualen unterscheiden, aber sie alle imitieren, was die Menschen einmal gesehen haben. Marschierende US-Soldaten wurden beobachtet, die Kultisten spielten mit feierlichem Ernst nach, was sie gesehen haben. Ihre Kinder und Kindeskinder blieben dem alten Kult treu und marschieren weiter, mit Holzlatten anstatt von Gewehren.

Foto 6: Abmarsch, Kinder inklusive.

Was selbst in besonders gut informierten Kreisen in Sachen »Cargo-Kulte« unbekannt ist: Vor 100 Jahren gab es auf der Osterinsel Überbleibsel eines ähnlichen Kults. An der Südküste der Osterinsel stand ein Haus, das man ehrfurchtsvoll »haré-a-té-atua« nannte: »Haus der Atua-Götter« oder »Haus des göttlichen Atua«. Das Haus war schilfgedeckt und gehörte zu einem Ritualplatz, der – vielleicht etwas erhöht – mit flachen Kieselsteinen gepflastert war. Noch vor 100 Jahren wusste man: Hier wurde den Göttern gehuldigt. Den Göttern? Welchen Göttern? »Sie kamen von weit, weit her, auf Schiffen! Sie hatten rosige Wangen und man sagte, es seien Götter!« Welche Götter?Zum Gedächtnis dieser Götter schüttete man längliche Erdhügel auf, die »miro-o-orne«, »Erdschiffe«, genannt wurden. Auf diesen »Erdschiffen«, von denen es einst mehrere auf der Osterinsel gab, wurde »zelebriert«. Wie? Wir wissen es nicht mehr. Hier versammelten sich die Einheimischen und führten Schauspiele auf. In der Regel gab es jeweils einen, der Befehle erteilte. Und dann war noch seine Mannschaft, die die Befehle ausführte. Der Ursprung dieser Feierlichkeiten liegt auf der Hand:

Da waren Männer mit rosiger Haut auf riesigen, Ehrfurcht einflößenden Schiffen erschienen. Ängstlich wurden die Schiffe beobachtet. Der Kapitän erteilte Befehle, die Mannschaft führte sie auf. Was die Einheimischen beobachtet hatten, wurde imitiert, nachgespielt. Vor 100 Jahren waren die alten Zeremonien noch bekannt. Da wurden in einem Versammlungsraum zwei, vielleicht drei Boote aufgebaut. Ihre Masten gingen durch die Decke. Die Akteure trugen bei der Zeremonie europäische Kleidung, die sie von den Besatzungen europäischer Schiffe als Geschenke erhalten hatten. Auf Tanne tragen die höherrangigen Darsteller Uniformteile oder amerikanische Kleidungsstücke, die man ihnen geschenkt hat.

Foto 7: Zuschauerinnen beobachten die John-Frum-Zeremonien.

Das »haré-a-té-atua« ist längst verschwunden. Die seltsamen Zeremonien sind weitestgehend vergessen. Katherine Routledge notierte vor 100 Jahren Erinnerungen an den Osterinsel-Kult. Die eine oder die andere Information erhielt ich von Einheimischen, zum Beispiel von einem Lehrer einer der örtlichen Schulen. Vor einem Jahrhundert erinnerte man sich noch an die vermeintlichen »Götter«, bei denen es sich allerdings um europäische Seefahrer handelte. Auch damals war schon viel von den alten Zeremonien in Vergessenheit geraten. Offenbar wurden alljährlich Feierlichkeiten abgehalten, für die eigens immer wieder neue Musikstücke komponiert wurden. Vor einem Jahrhundert gab es nur noch bruchstückhafte, vage Erinnerungen an den vergessenen Kult. Und doch können wir noch erahnen, um was es bei den Feierlichkeiten ging. Katherine Routledge bekam vor einem Jahrhundert noch gezeigt, wo die Götter verehrt und gepriesen wurden.

Innerhalb von vermutlich drei oder vier Generationen wurden aus europäischen Besuchern, die auf mächtigen Schiffen zum Eiland gekommen waren, »Götter«. Die »Erdschiffe« der Zeremonialplätze sind verschwunden. Und der Kult um  Götter, die einst auf Schiffen gekommen sind, wäre längst ganz aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden, wenn nicht … Nur weil vor 100 Jahren Katherine Routledge einige Erinnerungen an den Kult aufzeichnen konnte, wissen wir, dass es einst einen Kult um vermeintliche Götter auf der Osterinsel gab.

Der John-Frum-Kult ist wichtig für die Prä-Astronautik, weil er uns in nachvollziehbarer Weise verdeutlicht, dass die von ihm propagierten Messias-Erwartungen nicht auf Fantasie, sondern auf Fakten beruhen. Es zeigt sich immer wieder, dass Vertreter einer technologisch weiter entwickelten Zivilisation von Mitgliedern technologisch rückschrittlichen Zivilisationen  mit »Göttern« verwechselt wurden. Auf der Osterinsel wurden so Europäer auf Schiffen zu Göttern. Waren es einst Außerirdische, die vor Jahrtausenden mit Göttern verwechselt wurden und die bis heute in Religionen verehrt und angebetet werden?

Foto 8: Der hoch angesehene Leiter der Zeremonien.

Fußnoten
(1) Das Evangelium nach Markus Kapitel 10, Verse 29 und 30 und das Evangelium nach Lukas Kapitel 18, Verse 28-30
(2) Siehe hierzu Langbein, Walter-Jörg: Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments, München 2004, Kapitel „Prophetenworte: Auch Jesus irrte“, S. 195-200
(3) Bahr, Albrecht-Joachim: »Papyas zwischen Mauern aus Basalt«, »Die Norddeutsche«, 16.10.2004
(4) Steinbauer, Dr. Friedrich: »Melanesische Cargo-Kulte/ Neureligiöse Heilsbewegungen in der Südsee«, München 1971
(5) Lindstrom, Lamont: »Cargo Cult«, Hawaii 1993, S. 81 ff.
(6) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998, Seiten 239

Zu den Fotos
Foto 1: Nachgebautes Flugzeug als Objekt der Verehrung. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Petrus am Hafen der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Alt und Jung feiern ... - Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: .. und tanzen zu Ehren John Frums. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Aufmarsch für John Frum…. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Abmarsch, Kinder inklusive. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Zuschauerinnen beobachten die John-Frum-Zeremonien. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der hoch angesehene Leiter der Zeremonien. Foto Walter-Jörg Langbein

454 »Pueblo de los Muertos - Das Dorf der Toten…«,
Teil 454 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30.09.2018



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Sonntag, 3. April 2016

324 »John Frum und ein Gott im Dekolleté«

Teil 324 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Sie marschieren für John Frum

Die Anreise war eine Tortur: Frankfurt – Amsterdam –Tokio – Guam – Pohnpei – Kosrae – Honolulu – Sydney – Port Vila (Vanuatu) – Tanna. Nicht die Sehnsucht nach sandigen Südseestränden hat mich mit einigen wackeren Reisegefährten ins ferne Melanesien geführt. Es waren auch keine archäologischen Rätsel, die vor Ort zu ergründen waren. Es war ein geheimnisvoller Kult, der uns die weite Reise hat antreten lassen: der ominöse John-Frum-Kult lockte uns nach Tanna. Jedes Jahr wird diesem John Frum am 15. Februar gehuldigt.

Foto 2: Kinder marschieren für John Frum
Was wird da zelebriert? John Frum, eine Art »Messias« dessen Wiederkunft sehnlichst herbeigewünscht wird. Ist John Frum eine fiktive Person? Keineswegs. John Frum war wohl ein amerikanischer Soldat, der vor einigen Jahrzehnten das Eiland Tanna besucht hat, zusammen mit anderen amerikanischen Soldaten. Die Fremden konnten in mysteriösen Wundervögeln fliegen. Als mystische Fabelwesen sahen die Einheimischen Hubschrauber und Flugzeuge. Die Fremden formierten sich, marschierten auf und ab. Heute imitiert man das Gehabe der Soldaten. Wackere Einheimische machen nach, was die Soldaten vorexerzierten. Sie gehen mit einem geschulterten Stock oder Bambusrohr (als Gewehr-Imitation) auf und ab, sprechen in hölzerne kleine Kästchen (Imitationen von Walkie-Talkies) und malen sich seltsame Schriftzeichen auf den Rücken (als »USA« zu entziffern).

Die Begegnung mit dem John-Frum-Kult lässt mich Fragen stellen. Offenbar versuchen Vertreter einer technisch rückständigen Kultur Vertreter und Produkte einer technisch höher stehenden Kultur nachzuahmen, zu kopieren, und zwar ohne dass sie verstehen, was sie da imitieren. Sie sehen moderne Technologie, erfassen aber nicht, was da vor sich geht. Ein Gespräch von Walkie-Talkie zu Walkie-Talkie »identifizieren« sie aus ihrer Sicht als »Gebet«. Das technische Hilfsmittel, die moderne Waffe zum Beispiel, wird zum religiösen Kultobjekt. Nach wenigen Jahrzehnten kann man so eben noch Holzstangen und Bambusstäbe als Imitationen von Gewehren erkennen.

Was aber geschieht, wenn nicht Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte und Jahrtausende vergehen? Wird man dann immer noch verifizieren  können, was ursprünglich kopiert wurde? Oder wird man im Lauf der Zeit unverständlich gewordene Kopien von Kopien von Kopien einfach wegerklären und zu letztlich bedeutungsleeren magischen Spinnereien machen? Wird man dann vage Begriffe wie »religiöser Kult« verwenden, um zu verschleiern, was man nicht versteht?

Fotos 3 und 4 : »Roboter« von Tiahuanaco.

Auf meinen Reisen haben mich immer steinerne Zeugnisse aus uralten Zeiten angezogen. Eines meiner Lieblingsziele waren die Ruinen von Tiahuanaco, Bolivien. Sie geben der Fachwelt, wenn die Wissenschaftler ehrlich sind, harte Nüsse zum Knacken. Welche Meister der Ingenieurskunst haben in einer Höhe von fast 4300 Metern über dem Meeresspiegel auf der Altiplano-Ebene rätselhafte Gebäude errichtet? Wer oder was hat sie zerstört? Die Ruinen zählen zu den bedeutendsten Baudenkmälern der Weltgeschichte. Im Jahr 2000 wurden sie von der UNESCO zum wichtigen Bestandteil des Weltkulturerbes ernannt. Trotz dieser hohen Ehrung ist heute, Jahre später, immer noch nur etwa ein Prozent der einstigen Stadtanlage von Archäologen ausgegraben worden. Es fehlen die finanziellen Mittel.

Prof. Hans Schindler Bellamy (1901-1982) setzte sich intensiv mit Tiahuanaco und seinen Geheimnissen auseinander. Völlig unvoreingenommen erforschte er eine der interessantesten Stätten der Welt. Sein Werk »Built before the flood« (»Gebaut vor der Flut«) widmete der Gelehrte den Ruinen von Tiahuanaco. Bewundernd stellte er fest (1): »Die erstaunlichste Tatsache aber ist: Die Kultur von Tiahuanaco hat keine Wurzeln in diesem Raum! Sie ist weder dort aus unbedeutenden Anfängen heraus entstanden noch ist irgendwo anders ein solcher Ort des Ursprungs bekannt. Es mutet so an, als ob sie praktisch vollentwickelt »plötzlich erschien«.

Foto 5 : Zentralmotiv Sonnentor Tiahuanaco
Immer wieder magisch angezogen hat mich das Sonnentor von Tiahuanaco (2). Wen oder was stellt die zentrale Gestalt dar, die so präzise in den Stein graviert wurde? Und was hält dieses eigenartige Wesen in den Händen? Und was hat es mit den mysteriösen steinernen Statuen auf sich, die einst  zu  einem Gebäudekomplex  hoch oben auf dem Altiplano Boliviens gehörten? Die Bauwerke sind längst zu Ruinen zerfallen. Die Statuen wirken fremdartig, erinnern eher an Roboter als an Menschen. Auch die steinernen Kolosse halten etwas in den Händen. Zu Beginn des 3. Jahrtausends nach Christus erinnern uns diese seltsamen Gebilde an Waffen, ja an Laserwaffen, wie wir sie aus »Star Wars«-Filmen zu Genüge kennen. Sollten die Menschen vor Jahrtausenden derlei fantastische Waffen gesehen haben?

Gehörten die zur Ausstattung von Besuchern aus dem All? Oder wurden die Menschen vor Jahrtausenden mit Robotern konfrontiert, die über modernste Waffen verfügten? Ist das Wesen vom »Sonnentor« ein Beispiel von missverstandener Technologie? Versuchten die Künstler etwas darzustellen, was sie nicht verstehen konnten? Und wurden die Bilder im Lauf der Jahrhunderte oder Jahrtausende immer diffuser, wenn Kopien älterer Kunstwerke geschaffen wurden? Wusste man schließlich nur, dass die »Götter« geheimnisvolle Objekte in den Händen hielten, die als fürchterliche Waffen eingesetzt wurden?

Foto 6: Die »Roboter« von Tula/ Tollan
Nicht weniger mysteriös sind die steinernen Kolosse von Tula (3). Tula, früher Tollan, war die Hauptstadt der Tolteken. Tula liegt nur etwa fünfundsechzig Kilometer nordwestlich des heutigen Mexico City. Die steinernen Statuen tragen seltsame Kästen auf der Brust. Ihre Arme haben sie seitlich am Körper angelegt. Und in den Händen halten sie, ja was? Waffen? Man fühlt sich heute beim Betrachten dieser steinernen Monumente an Roboter mit Laserwaffen erinnert. Geht dem heutigen Betrachter zu schnell die Fantasie durch? 

Oder können wir heute erkennen, was den Künstlern einfach nur rätselhaft war? Können wir gedanklich rekonstruieren, was durch Kopieren verfälscht worden ist? Können wir erahnen, ob sich hinter Details auf rätselhaften Kunstwerken aus uralten Zeiten fantastische technische Details verbergen?
    
Fotos  7 und 8. Die »Roboter« von Tula tragen »Kästen« auf der Brust

Im November 1996 war ich mit Freunden in Indien unterwegs. Ich bemerkte einmal, dass unsere örtliche Reiseleiterin eine kleine goldene Figur am Hals trug. »Das ist der göttliche Vajrasattva-Buddha!«, erklärte sie mir. »Dieser Buddha hat einen Lichtkörper, er kann aber einen feinstofflichen Leib annehmen, wenn er zum Beispiel einem Yogi erscheinen möchte.« Ich versuchte durch Nachfragen zu ergründen, was ein Vajrasattva-Buddha ist. »Er ist göttlich, hat den Vajra als Wesen!«, erfuhr ich und begriff nichts. Fast ein wenig mitleidig hielt mir die Reiseleiterin die kleine goldene Figur entgegen. Sie trug einen fünfzackigen kronenartigen Kopfschmuck, in der linken Hand eine Glocke und in der rechten Hand einen Vajra. »Die Glocke bedeutet die Vereinigung von Gegensätzen, der Vajra steht für Mitgefühl!«

Foto 9: So einen Gott trug die Reiseleiterin
Ich muss wohl einen eher begriffsstutzigen Eindruck erweckt haben. So erfuhr ich nur noch, dass die Glocke (»Ghanta«) weiblich und der »Vajra« männlich ist. »Im Namen Vajrasattva steckt natürlich der Vajra!«, erfuhr ich noch, dann verschwand die kleine goldene Figur wieder im schützenden Dekolleté der jungen Dame.

Wenn vor Jahrtausenden »Götter« das »Alte Indien« besuchten, können wir dann heute noch identifizieren, welche Originale kopiert und wieder kopiert wurden? Können wir verstehen, was Götterstatuen an »Symbolen« tragen? Versuchen wir es überhaupt? Viel zu häufig verfahren wir doch nach dem Motto »Es kann nicht sein, was nicht sein darf!« (5) Akzeptieren wir vorschnell religiöse »Erklärungen« für Objekte, bei denen es sich letztlich nur um Kopien von Kopien von Kopien technischer Gerätschaften gehandelt haben mag? In der wissenschaftlichen Literatur neigt man dazu, geheimnisvolle Objekte schnell mit dem Etikett »Kultgegenstand« zu versehen. Und schon hat etwas einen Namen, was niemand zu erklären vermag. Schon ist wieder eine ungelöste Frage beantwortet, auch wenn letztlich nach wie vor nichts verstanden wird.

Fußnoten


(1) Schindler Bellamy, Hans: »Tiahuanaco und das Sonnentor«, Beitrag zu Fiebag, Peter und Fiebag, Johannes: »Aus den Riefen des Alls«, Tübingen 1985, S. 191-196, Zitat S. 195
(2) Siehe hierzu auch Posnansky, Arthur: »Tihuanacu – The Cradle of American Man«, Volumes I, II, III, IV, in 2 Folianten, New York 1945 und La Paz 1957
(3) Siehe hierzu auch Prem, Hanns J. und Dyckerhoff, Ursula: »Das alte Mexiko/ Geschichte und Kultur der Völker Mesoamerikas«, München 1986
(4) Siehe hierzu auch Däniken, Erich von: »Die Götter waren Astronauten/ Eine zeitgemäße Betrachtung alter Überlieferungen«, Kapitel 3 und 4, München, 1.Auflage 2001
(5) Das Zitat lautet vollständig: »Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf.«  Es ist dem Gedicht »Die unmögliche Tatsache« von Christian Morgenstern (* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn) entnommen.Das Gedicht schildert, wie Palmström bei einem Autounfall ums Leben kommt. Palmström entdeckt dann aber, dass an der Unfallstelle keine Auto hätte fahren dürfen. Also leugnet er seinen eigenen Tod und lebt weiter, »weil nicht sein kann, was nicht sein darf«.

Zu den Fotos:

Foto 10: Rückseite des Sonnentors

Foto 1: Sie marschieren für John Frum. USA steht auf ihren Rücken. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Kinder marschieren für John Frum. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4  : Roboter von Tiahuanaco Archiv Langbein/ Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5 : Zentralmotiv Sonnentor Tiahuanaco/ Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Die »Roboter« von Tula/ Tolan. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 7 und 8 : Die Roboter von Tula/ Tollan tragen »Kästen« auf der Brust. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 9: So einen Gott trug die Reiseleiterin/ Das Original: Vergoldete Statue des Buddha Vajrasattva mit einem Vajra in der rechten und einer Glocke in der linken Hand wiki commons Robert Aichinger
Foto 10: Sonnentor Rückseite nach E. George Squier 1877


325 »Buddha und die Laser-Waffe«,
Teil 325 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 10.04.2016

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Sonntag, 9. März 2014

216 »Maria-Mama, Pacha-Mama«

Teil 216 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


»Das ist Götzendienst! Primitiver Aberglaube! Da wird das Heiligste in den Schmutz gezogen!« Der junge Mann schimpfte. Wütend deutete er auf die bunte Puppe, die am Spiegel des wendigen kleinen Busses baumelte. »Und wie das aussieht! Als hinge sie am Galgen!« Ich betrachtete die kleine Figur etwas genauer. »Sie steht auf einer Mondsichel. Ich glaube, das soll die Gottesmutter Maria sein!« Der junge Peruaner schüttelte empört den Kopf. »Ob Maria-Mama oder Pacha-Mama ... Es gehört sich nicht, das Heilige so lächerlich darzustellen!«

Ruinen von Pachacamac heute. Foto Walter-Jörg Langbein

Wir waren unterwegs von Lima ins Tal des Rio Lurin – zum Heiligtum von Pachacámac. Ein älterer Mitreisender empörte sich. »Unerhört, die Gottesmutter Maria als Götze zu bezeichnen! Götzendienst haben die Inkas betrieben, als sie diese unsägliche Pacha-Mama angebetet haben!«

Nur vierzig Kilometer kurz war die Strecke von der Metropole Lima nach Pachacamac. Sie schien sich trotz recht guter Straßenverhältnisse schier endlos hinzuziehen. Und obwohl die Aircondition im kleinen Bus längst ihren Geist aufgegeben hatte, herrschte trotz sommerlich-heißer Temperaturen eine eisige Atmosphäre im wendigen Vehikel.

Zeremonialstraße von Pachacamac?
Foto Walter-Jörg Langbein

»Junger Mann!«, herrschte der ältere, gut gekleidete Herr den Peruaner an. »Ihr Heimatland ist doch längst zum wahren, zum katholischen Glauben bekehrt worden! Wie können Sie da so die Gottesmutter beleidigen?« Ärgerlich, aber auch mitleidvoll schüttelte der junge Mann aus Peru seinen Kopf. »Aber ich beleidige doch nicht die Mutter Gottes. Diese Götzenfigur würdigt das Heilige herab! Das Heilige hat kein Gesicht, es darf nicht in Form einer lächerlich baumelden Figur gedemütigt werden!«

Beim nächsten Halt an einer Tankstelle mitten im Niemandsland untersuchten die beiden Kontrahenten gemeinsam die kleine Figur am Spiegel. Sie konnten sich nicht einigen. Sollte nun Maria dargestellt werden oder Pacha-Mama?

Der junge Peruaner versuchte einen Kompromiss: »Ob es sich bei dieser merkwürdigen Darstellung um die Gottesmutter des katholischen Glaubens handelt … oder um Pacha-Mama, das ist doch gleichgültig!« Das wiederum empörte den älteren Herrn noch mehr. »Das ist übelstes Heidentum, schlimmste Ketzerei! Man darf doch nicht Maria gleichsetzen mit dieser ..., dieser Pacha-Mama!« In Pachacamac angekommen, kletterten die beiden Streithähne aus dem Bus und stapften in unterschiedliche Richtungen davon. Ich verlor sie aus den Augen.

Ruinen von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Pachacamac wurde ausnahmsweise nicht von den spanischen Plünderern und Marodeuren verwüstet. Die uralte heilige Stätte lag wohl schon weitestgehend in Ruinen, als sie von den Inkas entdeckt wurde. Die Inkas bauten auf alten Fundamenten »neue« Gebäude. Nach meinen Recherchen war den Inkas (1450-1550 n.Chr.) sehr wohl bekannt, dass Pachacamac einst ein Orakel beherbergte. Ja vermutlich bestand dieses Orakel sogar noch zu Zeiten der Inkas, als eine Art Delphi von Peru, auch wenn damals Pachacamac weitestgehend in Trümmern lag. Die Inka sollen sogar das Orakel von Pachacamac befragt haben, als die Spanier das Land immer brutaler und konsequenter ausplünderten. Das Orakel hat wohl versagt und nicht vor den Spaniern gewarnt.

Der Sonnentempel von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Woran glaubten die Erbauer von Pachacamac? Wir wissen es nicht. Heute »kennen« wir einen »Sonnentempel«, einen »Mondtempel«, einen »Pachacamac-Tempel«. Pachacamac war der große Schöpfergott zu Zeiten der Inkas. Perfide Bibelübersetzer bezeichneten den biblischen Schöpfergott Jahwe-Elohim als Pachacamac. Sie ersetzten Jahwe in einigen Ausgaben der Bibel durch Pachacamac. So sollte der Glaube an Pachacamac verdrängt werden. Es sollte den Pachacamac-Anhängern leichter gemacht werden, zum christlichen Glauben zu wechseln. Der alte, »heidnische« Glaube sollte verdrängt werden.

Der  Mondtempel von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Das aber gelang, wenn überhaupt, nur bedingt. Der Gott der Bibel trat für viele Nachkommen der stolzen Inkas nicht an die Stelle von Pachacamac, sondern an seine Seite. Und »Maria-Mama« wurde nicht die neue »Pacha-Mama«. Auch heute noch existieren beide im Volksglauben nebeneinander her. Allerdings ist für viele »Inka-Katholiken« Pacha-Mama eher das weibliche Gegenstück zum biblischen Jahwe. Sie wird als die weibliche Göttin, das heilige Weibliche, als »Göttin Kosmos« verehrt. Ihr ist das Leben auf Erden in all seinen Formen zu verdanken. Sie ist, wie die biblische Eva, »Mutter allen Lebens«.

Kultfigur vonPachacamac.
Foto: W-J.Langbein
Pacha-Mama kann man nicht bildlich darstellen, nicht als Heiligenfigur verehren. Es gibt Kultplätze aus uralten Zeiten, die heute nur noch Eingeweihten vertraut sind. Pacha-Mama ist das alles umfassende Göttliche, personifizierte Ausgleich zwischen »Himmel« und »Hölle«. Nichts ist für die Nachkommen der Inka nur gut oder nur böse. Übrigens: Der biblische Gott des »Alten Testaments« war ursprünglich auch gut und böse zugleich. Er wurde aber schließlich getrennt, in einen »guten Gott« und in den »Teufel«.

Die Inkas tolerierten ältere Glaubensvorstellungen. Da sie einen »Sonnen-« und einen »Mondtempel« in Pachacamac erneuerten, muss man davon ausgehen, dass einst in der ursprünglichen Kultstätte Göttin und Gott verehrt und angebetet wurden, die dann Pacha-Mama und Pachacamac genannt wurden.

Die Geschichte der christlichen Missionierung ist nicht unbedingt von Milde und Toleranz geprägt. »Heidnische« und andere Religionen wurden nicht selten mit Feuer und Schwert bekämpft. Letztlich führte diese rigorose Politik nur bedingt zum Ziel. Denn heute bestehen uralte »heidnische« Glaubensformen weiter neben den neuen, christlichen. So wird eben Pacha-Mama neben Maria-Mama oder Mama-Maria verehrt. Auch wenn das in Rom geleugnet wird, vor Ort toleriert der katholische Klerus weitestgehend dieses Nebeneinander. Wiederholt wurde ich Zeuge, wie katholische Geistliche an »heidnischen« Zeremonien mitwirkten.

Tanzen zu Ehren von »John Frum«. Foto: Walter-Jörg Langbein

Diese Methode kenne ich aus eigener Anschauung: Verdrängung durch Anpassung ...

Tanna, Südsee: 1940 wurde Gott John Frum verehrt. Der »Sohn Gottes« hauste angeblich unter dem Vulkan des Yasur-Vulkans. Der religiöse Kult wurde massiv bekämpft, aber vergeblich. 1952 wurden Mitglieder der Glaubensgemeinschaft ins Gefängnis geworfen. Fünf Jahre später formierte sich ganz offiziell die »John-Frum-Religion«. Ein halbes Jahrhundert später nehmen christlich orientierte Gruppen am »John-Frum-Fest«, wie ich selbst vor Ort beobachten konnte, teil. Offensichtlich versucht man, den Gottes-Sohn John Frum mit Jesus zu identifizieren.  Den Einheimischen soll eingeredet werden, dass der wirkliche John rum kein anderer als Jesus, der christliche Gottessohn ist! Dabei lautete doch eines der zentralen Gebote des »heidnischen« John Frum: »Glaubt nicht den christlichen Missionaren! Bleibt bei euren alten Bräuchen!«

Aus »John Frum« soll Jesus werden. Foto: Walter-Jörg Langbein

Teil 217 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von
Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 16.03.2014



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Sonntag, 26. Juni 2011

75 »Wenn der Vulkan im Paradies brüllt...«

Teil 75 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Eingang zum Port Resolution Club
Foto: Ingeborg Diekmann
Alle Jahre wieder feiern die Menschen auf der Südseeinsel Tanna, Vanuatu, das John-Frum-Fest. An diesem Tag, davon sind sie überzeugt, wird ihr Gott John Frum vom Himmel herabsteigen und seine Anhänger reich beschenken. Dann werden die Gläubigen endlich in den Genuss des üppigen Luxus kommen, den bislang die Weißen für sich allein beanspruchen. Um den John-Frum-Kult hautnah zu erleben, reiste ich mit einer kleinen Gruppe – Leserinnen und Leser meiner Bücher – in die Südsee, ins Reich Vanuatu, auf das Eiland Tanna. Untergebracht waren wir im »Port Resolution Club«. Luxus durften wir nicht erwarten, hieß es doch im hauseigenen Faltblatt nüchtern: »Der Port Resolution Club ist sehr einfach ausgestattet. Er liegt in einem tropischen Garten mit Blick auf die Bucht und den Yasur Vulkanberg. Hier gibt es nur eine Dusche (kein heißes Wasser), aber Toilette sowie Elektrizität.«

Dusche,
Waschgelegenheit,
Toilette
Foto I. Diekmann
Süßwasser ist auf Tanna eine Kostbarkeit. So sammelt man das Regenwasser, speichert es in Tonnen. Regenwasser ist Hauptgetränk Nummer 1 auf der Insel, mit Regenwasser wäscht man sich, duscht man und betreibt das WC. Für unsere Gruppe gab es zwischen unseren Bungalows eine Dusche (im Bild ganz links), eine Waschgelegenheit (mit Spiegel, im Bild in der Mitte) und ein Regenwasser-WC.

In der Tat: Elektrizität stand zur Verfügung: so lang das Stromaggregat lief. Gegen 20 Uhr gab es Abendessen (meist, ja eigentlich immer Reis). Danach wünschte uns der Wirt »Good Night!« und wir eilten so schnell wir konnten in unsere Bungalows. Gegen 20 Uhr 15 wurde der dröhnende Benzinmotor abgestellt, der »Port Resolution Club« versank in Dunkelheit. Untergebracht waren wir in »acht Bungalows nach einheimischem Stil« ... sehr spartanisch, in auf Pfählen stehenden Holzhütten, mit einer Art Schilf gedeckt und dünnen, ja sehr dünnen Wänden. Einzige Möbelstücke waren ein Bett und ein Nachttischchen mit einer Kerze. Über jedem Bett war ein Moskitonetz angebracht, das ungebetene Blutsauger fernhalten sollte.

Luxus gab es aber auch: Jeder Bungalow hatte eine eigene überdachte Veranda. Wer grünes Südseeparadies erleben wollte, konnte sich auf seine Veranda setzen ... und paradiesischen Frieden erleben, den kein noch so teures 5-Sterne-Hotel zu bieten vermag. Wer den sterilen Hyperluxus moderner 5-Sterne-Hotels wünscht, wird ihn auf Tanna vergeblich suchen. Wer aber exotische Urwaldnächte förmlich spüren möchte, dem kann ich den »Port Resolution Club« nur wärmstens empfehlen. Zwei Stunden dauert in etwa in Fahrt im »Hotelbus« vom kleinen Flughafen zum »Port Resolution Club«.

Veranda vor der Hütte
Foto: W-J.Langbein
Ich kann mich an meine erste Nacht im Urwaldbungalow lebhaft erinnern ...
Ermüdet von anstrengenden Exkursionen dämmere ich vor mich hin. Sanft schlafe ich ein ... Doch etwas weckt mich: Ein dumpfes Rumpeln und Pumpeln, begleitet von beunruhigenden Vibrationen, die meine hölzerne Bettstatt sanft schütteln. Völlig zutreffend heißt es im Faltblatt: »Das Rumoren und Glühen des Yasur-Vulkans macht die Bungalows wahrlich spektakulär.« Ein »rotes Glühen« hat schon anno 1774 James Cook nach Tanna gelockt. Cook hatte es auf See nächtens zufällig »in den Wolken« beobachtet, war diesem geheimnisvollen Zeichen gefolgt und schließlich in einer Bucht östlich des Vulkans an Land gegangen. Cook wollte den Vulkanberg besteigen, wurde aber von den Einheimischen daran gehindert. Sie glaubten nämlich, dass dort die Seelen der Verstorbenen hausen.

361 Meter ist er hoch, der Yasur Vulkan. Seit mindestens 800 Jahren ist er aktiv, rumort und rumpelt vor sich hin. Statistisch gesehen gibt es alle drei Minuten eine Eruption. Dann spuckt der Yasur glühende Lavaklumpen in die Höhe ... aus einem seiner drei Schlote im Hauptkrater. Der misst in unseren Tagen dreihundert Meter im Durchmesser und einhundert Meter in der Tiefe. Weil der Vulkan in wirklich sehr kurzen Abständen – und das regelmäßig – spuckt ... gewöhnt man sich sehr schnell an das Rumoren ... Tag und Nacht.

Aufstieg zum Vulkan
Foto: W-J.Langbein
Vielversprechend heißt es im Faltblatt unseres »Clubs«: »Die Spitze des Kraters kann leicht zu Fuß (zehn Minuten Weg) erreicht werden und das atemberaubende Erlebnis von Lava, die hunderte Meter hoch in die Luft geschleudert wird, glühend in der hereinbrechenden Nacht, das Rumoren und die Explosionen, die Vibrationen des Bodens ... werden unvergesslich bleiben.«

Wir nahmen auf Tanna nicht nur an der Jahresfeier des John-Frum-Kults bei, wir besuchten auch den Yasur-Vulkan. Das heißt, wir fuhren von unserem »Port Resolution Club« mit einem kleinen Bus so nah wie möglich an den Vulkankegel heran. Die letzten 300 Meter legten wir zu Fuß zurück. Der Anstieg erwies sich als anstrengender als gedacht. Die sommerlichen Temperaturen, gepaart mit sehr hoher Luftfeuchtigkeit, machten den kleinen Gang schnell zu einem Marsch in einer Sauna.

Wir folgten einem schmalen Trampelpfad, vorbei an erstarrten Lavaklumpen unterschiedlicher Größe. 2010 entwickelte der Vulkan so heftige Reaktivitäten, dass es zu gefährlich war, sich dem Krater zu nähern. Das Besteigen des feuerspeienden Berges wurde 2010 vorübergehend verboten.

Wir erstiegen den Vulkankegel ... und spürten bald die Wärme des unterirdischen Feuers an den Füßen. Wir setzten uns am Rand des Kraters nieder und warteten den Abend ab. Ein herrlicher Blick aufs nahe Meer wurde uns gegönnt ... doch unsere Aufmerksamkeit war mehr auf den Vulkan gerichtet.

Blick aufs Meer vom Vulkan
Foto: W-J.Langbein
Als gut vorbereiteter Reiseleiter weiß ich, was wir hier vor Ort erwarten können ... »Das laute Rumpeln und Pumpeln, das wir Tag und Nacht hören, wird nicht unbedingt von Lava-Eruptionen verursacht. Man spricht von strombolianischen Eruptionen. Es sammeln sich im Inneren des Vulkans Gasblasen, die dann in regelmäßigen Abständen explodieren. Dabei wird meist nur wenig Lava gefördert. Die meisten Lavafragmente, die in die Luft geschleudert werden, sind oft nur tennisballgroß.« Trotzdem möchte wohl niemand von einem solchen »kleinen« Batzen, der emporkatapultiert wird und aus mehreren hundert Metern Höhe zurückfällt, getroffen werden.

»Wir müssen die Dunkelheit abwarten!« betont unser örtlicher Guide. »Bei Tag sieht man zu wenig ... Wir müssen natürlich Glück haben ... Emporgeworfene Brocken sieht man meist wegen des begleitenden Qualms nicht. Und wenn so ein Klumpen an der falschen Stelle niederschlägt, kann man kaum ausweichen.« Es würden aber nur höchst selten Besucher getroffen, versichert er uns. »Wie beruhigend!« meint sarkastisch ein Mitreisender.

Asche-Lava-Regen
Foto: Ingeborg Diekmann
Zunächst werden die aufsteigenden Staubwolken vom Sonnenlicht des Abends rötlich angestrahlt, dann verwandeln sie sich in eher düstere schwarze Wolken ... und bei Dunkelheit erkennt man schließlich die rotglühende Lava, die in den Himmel schießt und – abkühlend – wieder herabfällt. In der Regel folgt auf eine besonders heftige Gasexplosion fast feuerwerksartig ein wahrer Sprühregen glühender Punkte, die wie Sternschnuppen in den Himmel sausen.

Manche Batzen schlagen unangenehm nah von uns ein. Hautnah erlebten wir, spürten wir Vulkanismus live ... in relativ schwacher Form. Wir können uns aber etwas besser ein Bild machen, wie verheerend der Ausbruch eines Supervulkans sein muss! Wenn der Vulkan im Paradies brüllt, dann kann dies Unheil ankündigen wie die Trompeten der Apokalypse. Ist es ein Zufall, dass der Weltuntergang der Bibel deutlich an vulkanische Kataklysmen erinnert?

Als ich zu später Stunde bei völliger Dunkelheit mit meinen Reisebegleitern vom Yasur-Vulkan zurück ins Südseeparadies stolpere ... muss ich an den »Feuerring des Pazifiks« denken! Was man leicht verdrängt: Vulkanismus ist im Pazifik nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Der Pazifik ist alles andere als ein »friedlicher« oder »stiller Ozean«. Ganz im Gegenteil, der Name täuscht! Die seismische Zone um jenes Meer herum, das wir uns als Idyll vorstellen, wird als »Feuerring« bezeichnet.

Ein großer Teil der vulkanischen Aktivitäten unseres Planeten spielt sich auf dem Meeresboden im Pazifik ab. Der Geologe H.W. Mennard schätzte vor einem halben Jahrhundert, dass es am Boden des Pazifiks rund 10.000 bereits erloschene oder noch aktive Vulkane gibt. Die Osterinsel ist also ein Kind des vulkanischen Pazifiks. Aus erdgeschichtlicher Sicht brodelt es nicht gelegentlich, sondern ständig im Pazifik. Vulkane entstehen, schieben sich aus dem Erdinneren durchs Wasser. Vulkankegel wachsen empor. Viele erreichen nicht die Wasseroberfläche. Andere schießen über die Wellen hinaus, verschmelzen miteinander. Entstand so vor vielen Jahrtausenden das Atlantis der Südsee, als ein vulkanischer Kontinent in den Weiten des Meeres? Und verschwand dieser Kontinent wieder ... als Folge weiterer Katastrophen auf dem Meeresgrund?

Nach altem Glauben versammeln sich hier
die Totengeister -  Foto: W-J.Langbein
Unter dem Pazifik ticken gewaltige Zeitbomben. Jederzeit kann ein Supervulkan auf dem Meeresboden ausbrechen. Eine Kettenreaktion kann angestoßen werden, die weitere schlummernde Vulkane förmlich explodieren lässt. Schlimmste Seebeben können die Folge sein... Tsunamis, die weite Teile Süd- und Zentralamerikas, ja Nordamerikas verwüsten können, drohen. Eine Apokalypse, die unseren Globus – und damit die Menschheit – in einen Abgrund reißt, ist möglich ... Sie kann ihren Anfang im Pazifik nehmen!

Und wenn natürliche Kataklysmen – wie in Fukushima – zum Beispiel ein Atomkraftwerk verwüsten, dann ist eine Apokalypse möglich, die den biblischen Bericht vom Ende der Zeit bei weitem in den Schatten stellt! »2012« steht symbolisch für realistischen Horror, der jederzeit unseren Planeten zu einem höllischen Höllenpfuhl verwandeln kann.

Meine Prognose: Das Jahr 2012 wird verstreichen, der Weltuntergang wird ausbleiben. Rasch wird die ominöse Jahreszahl in Vergessenheit geraten. Neue Weltuntergangstermine werden publik gemacht werden. Vielleicht wird Nostradamus bemüht, vielleicht werden angebliche Prophezeiungen der Mayas aus dem Hut gezaubert ... Wir täten aber gut daran, die wahre Bedeutung von »2012« zu erkennen, die wahre Botschaft der Mayas zu verstehen ...

Zu diesem brandaktuellen Thema habe ich mein 30. und wichtigstes Buch geschrieben: »2012 – Endzeit und Neuanfang/ Die Botschaft der Mayas« (1).

Fußnote und Literaturempfehlung
Langbein, Walter-Jörg:
»2012/ Endzeit und Neuanfang – Die Botschaft der Mayas«, München 2009


»Was flog da über Golgatha?«,
Teil 76 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 03.07.2011


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Sonntag, 11. Juli 2010

26 »John Frum und ketzerische Gedanken über die Göttin«

Teil 26 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Auch am Abend ist es noch schwül. Die drückende Hitze macht das Atmen schwer... die hohe Luftfeuchtigkeit lässt die Kleidung am Körper kleben. Ich stehe in einer großen Gruppe von Anhängern des John-Frum-Kults. Wir beobachten die Jahresfeierlichkeiten der Glaubensgemeinschaft. Die Menschen sind fröhlich und doch auch ernst. Unsere kleine Gesellschaft wird vorbehaltlos aufgenommen. Wir, in der aus unserer Sicht exotischen Südsee, sind hier die Exoten. Wir sind hier die »Heiden«. Es wäre erfreulich, wenn wir in unseren Gefilden Fremde so freundlich behandelt würden... wie uns das in der Südsee widerfahren ist!

»Die Kirche hat einen guten Magen, hat ganze Länder aufgefressen, und doch noch nie sich übergessen.« So lässt Goethe Mephistopheles im Faust (Faust 1, Spaziergang) sagen. Viele Jahrhunderte bedeutete Kirchenpolitik irdisches Machtstreben. Möglichst viele fremde Länder galt es zu erobern und mit dem eigenen Glauben zu beglücken.

Die Zeiten haben sich geändert. Aber nach wie vor wird missioniert. Nach wie vor will jede Kirche die Zahl der eigenen Gläubigen erhöhen. Aber oft ist in fernen Gefilden ein eigener Glaube heimisch, den man dort nicht so gern aufgeben möchte. Da hat das Christentum eine wirksame Methode entwickelt. Heute werden Andersgläubige nicht mehr wahlweise zwangsgetauft oder als Ketzer verbrannt.

Wie ein Chamäleon passt die Kirche den eigenen Glauben dem fremden an, wo sie den fremden Glauben nicht verdrängen kann. Auf Tann wird ein Messias »John Frum« verehrt. Christliche Missionare machen aus John Frum den christlichen Messias Jesus... und hoffen, dass so der ursprüngliche Messias nach und nach vergessen wird.

Gern verlachen gerade christliche Kritiker den John-Frum-Kult. Gehe er doch eindeutig auf den Besuch von amerikanischen Soldaten auf Tanna zurück. Nicht bestritten werden kann die militärische Prägung der John-Frum-Feierlichkeiten. Da wird militärisch marschiert, da werden Fahnen gehisst und durch Strammstehen geehrt.

Die »Uniformen« der gewöhnlichen John-Frum-Jünger sind eher schlicht und ohne Pomp. Die Männer tragen mehr oder minder einheitliche Hosen von mehr oder minder ähnlicher Farbe. Sie gehen mit energischen Schritten barfuß und mit bloßem Oberkörper um den Festplatz. Die Zuschauer harren geduldig am Rand des Zeremonialplatzes aus. Einige suchen Schatten in schilfgedeckten Unterständen. Alkohol trinkt niemand. Alle bleiben nüchtern.

Eine Ausnahme in Sachen Kleidung stellt der Chief der Jahresfeier dar: Er trägt eine geradezu imposante Uniform, stets würdevoll und ernst dreinblickend. Eine breite Schärpe schmückt die breite Brust, an der Orden auszumachen sind.

Was uns merkwürdig vorkommen mag: Warum wurde aus dem US-Soldaten »John Frum« so etwas wie eine Messiasgestalt, auf die die Anhänger des Kults heute noch warten?

Der Journalist Albrecht Joachim Bahr beschrieb die ersten Kontakte von Tanna-Bewohnern mit Flugzeugpiloten im 20. Jahrhundert so: »Sie tragen Fliegermontur. Ihre Sonnenbrillen blitzen in der gleißenden Sonne. Für die Einheimischen müssen sie wie Götter erscheinen, die Hilfsgüter bringen und versprechen, wiederzukommen und sodann mit ihren Flugmaschinen wieder verschwinden. Die Eingeborenen warten bis heute auf die Wiederkehr der Besucher aus einer ganz anderen Welt.«

Der »John-Frum-Kult« entstand keineswegs aus dem Nichts, als amerikanische Soldaten zu den Menschen von Tanna kamen. Gewiss, eine religiöse Bewegung wurde um 1940 unter dem Namen »John-Frum-Kult« bekannt. Die Regierung verbot den Glauben zunächst. Christliche Missionare bekämpften ihn wütend. Konkurrenz, die sich großer Beliebtheit erfreute, empörte die Vertreter jener Religion, die sich Toleranz und Nächstenliebe auf die wehenden Fahnen geschrieben haben. 1952 wurden Anhänger der John-Frum-Bewegung ins Gefängnis gesteckt. Dessen ungeachtet wurde fünf Jahre später ganz offiziell die »John-Frum-Glaubensgemeinschaft« gegründet. Erst 1957 bekam eine alte religiöse Bewegung nur ihren neuen Namen... »John-Frum-Religion«.

In der Südsee muss es einen uralten Glauben gegeben haben, in dessen Zentrum ein hilfreicher, den Menschen wohlgesonnener Gott stand. Er kam offenbar in uralten Zeiten zur Erde und verabschiedete sich wieder... nicht ohne zu versprechen, dereinst wieder zu kommen. So hielt man im 18. Jahrhundert Kapitän James Cook für einen göttlichen »John Frum« als er am 13. April 1769 mit seinem Schiff »Endeavour« vor Tahiti ankerte. Damals glaubten die Einheimischen, Gott Rongo sei zurückgekehrt. Einst habe sie Rongo mit seinem Wolkenschiff besucht... und nun sei er wieder erschienen.

Rongo, so wird überliefert, gehörte einer göttlichen Trinität an: Rongo, Rangi und Papa. »Rangi« war Vater Himmel, »Papa« war »Mutter Erde« und »Rongo« war der göttliche Sohn.

Am Abend löste sich die Veranstaltung langsam auf. Eine Gruppe von teilweise noch kleinen Kindern und Jugendlichen marschierte in die Dunkelheit. Der John-Frum-Kult soll überleben... Dafür wollen die führenden Männer und Frauen dieser religiösen Bewegung sorgen...

Bei strömendem Regen trat ich die »Rückreise« vom Festplatz von Tanna zu meinem »Urwaldbungalow« an... zu nächtlicher Stunde. Nach einem glutheißen Tag und einem kaum kühleren Abend schaukelte der alte Pickup über die marode »Straße« durch die Nacht. Es regnete... immer stärker. Die Scheinwerfer tasteten sich wie zu kurz geratene schwächliche Finger durch die Dunkelheit. Ich stand auf der glitschigen Ladefläche und hielt mich krampfhaft fest. Ein orkanartiges Gewitter setzte ein. Es goss wie aus gewaltigen Kübeln und wenige Minuten später war ich bis auf die Haut durchnässt. Ich genoss die Abkühlung... und den abenteuerlichen Transport.

Die Fahrt zog sich hin. In Kilometern gemessen war die Entfernung bescheiden. Aber bei den erbärmlichen Straßenverhältnissen und dem schauderhaften Wetter wurde daraus eine größere Reise. Wir kamen wir nur sehr langsam voran.

In den Monaten vor meiner Reise in die Südsee hatte ich unzählige Werke über die dortigen Religionen, Mythen und Mysterien gelesen. In jener Nacht kamen mir verblüffende Gedanken...

Rongo bedeutet in der Maori-Sprache: Frieden! Wie sich doch die Bilder ähneln: »Rongo« alias »Frieden« entspricht Jesus, dem göttlichen Sohn, der den Menschen Frieden bringen wollte. Gott Rongo war aber nicht das »Original«. Ihm vorausgegangen war ist Karaperamun. Karaperamun soll einst das erste Leben hervorgebracht gebracht haben. Zu Ehren von Karaperamun tanzten seine Anhänger... so wie »John Frum« auch heute noch in Tänzen gehuldigt wird.

Es lohnt sich, über die christliche Trinität (»Dreifaltigkeit«) nachzudenken.
Sie ist um Jahrtausende älter als das Christentum. Erst seit dem fünften nachchristlichen Jahrhundert wird sie als reine »Männergruppe« angesehen. Fakt ist: Das biblische Dreiergespann Gott, Sohn und Heiliger Geist hatte Vorläufer: In der uralten sumerischen Religion wird die Götterhierarchie durch ein Dreigespann, bestehend aus An, Enlil und Enki, angeführt.

Die Priesterschaft im babylonisch-assyrischen Raum übernahm die göttlichen Drei als Anu, Ellil und Ea. Auch die alten Ägypter verehrten ein göttliches Dreigespann: Osiris, Isis und Horus.

Bei den Römern dominierten zunächst Jupiter, Mars und Quirinus. Und in den ältesten indischen Texten, in den so genannten Veden, bestimmen Agni, Vayu und Surya die kosmischen wie die irdischen Geschicke. Selbst im Buddhismus sind eindeutig vergleichbare Strukturen zu erkennen.

Im christlichen Volksglauben allerdings wird die Dreifaltigkeit, die niemand wirklich zu verstehen vermag, als eine fromme Lehre christlichen Ursprungs gesehen. Gegen diesen Irrglauben geht die Kirche allerdings nicht vor...und das, obwohl es in der Theologie keinen Zweifel daran gibt, dass die Trinität weit älter als die Bibel ist. Mehr noch: Die wissenschaftliche Theologie lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass in der Bibel selbst die Trinitätslehre gar nicht vorkommt!

So muss der Theologe M.R. De Haan in seinem Werk »508 Answers to Bible Questions« (ohne Ortsangabe 1982) zugeben: »Es gibt keinen Vers in der Bibel, der aussagt, dass Gott eine Dreifaltigkeit ist, bestehend aus drei Personen.« Damit vertritt er keine moderne Außenseiterposition, sondern die allgemeine wissenschaftliche Lehrmeinung, die auch der Theologe Karl-Heinz Ohlig teilt. 1999 brachte er es in seinem Buch »Ein Gott in drei Personen?« (Mainz 1999) auf den Punkt. Kurz und bündig: Die Lehre von der Dreifaltigkeit »besitzt keinerlei biblische Grundlage«.

Ihren Ursprung hat die Lehre von der Dreifaltigkeit in uralten Zeiten... als Göttinnen Himmel und Erde beherrschten. Zu Zeiten des Matriarchats gab es Göttinnen-Triaden. Damals bestand die Dreifaltigkeit aus drei Göttinnen. Über alle Grenzen der Kulturen hinweg gab es sie. Mannigfaltig sind ihre Namen: Ereshkigal, Inanna und Nana zum Beispiel. Die drei Göttinnen wurden vor Jahrtausenden von den alten Sumerern verehrt und angebetet.

Auf Tanna hat die Göttin »Papa« (»Mutter Erde«) überlebt. Die christliche Trinitä besteht aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist. Was kaum jemand weiß: der »Heilige Geist« war ursprünglich weiblich. Was kaum jemand weiß: In einer uralten christlichen Kirche... wird die Dreifaltigkeit dargestellt als Gottvater, Gottsohn und als eine Frau.

Unweit von Prien am Chiemsee liegt das Dörfchen Urschalling. Der ländliche Weiler bietet im kleinen Kirchlein eine echte Sensation. Errichtet wurde das Gotteshaus zwischen 1160 und 1200.


Nicht ganz klar ist, wann die frommen Fresken angebracht wurden. Um 1550 jedenfalls wurden sie jedenfalls übermalt... und erst 1923 zufällig wieder entdeckt. Im Verlauf der Jahrhunderte wurden einige von ihnen stark beschädigt oder ganz zerstört, als die kleinen Fenster vergrößert wurden.

Warum wurden die kostbaren Malereien übertüncht? Als ein »Sakrileg« wurde wohl die »heilige Dreifaltigkeit« hoch oben im Gewölbe erachtet: Da wurde vor mehr als einem halben Jahrtausend eine seltsame »Gestalt« verewigt, bestehend aus einem Unterkörper und drei Oberkörpern. Das Wesen hat nur zwei Hände und ein Übergewand, aber drei ganz unterschiedliche Oberkörper. Man erkennt rechts »Gott Vater« mit weißem Bart, links Jesus mit blondem Bart und – in der Mitte – den »Heiligen Geist«. Und der »Heilige Geist« ist eindeutig als Frau dargestellt: mit weichen weiblichen Formen, langem femininen Haaren und vollem Busen.

Auf Tanna erkannte ich: Religionen sind nichts Statisches. Sie verändern sich ständig gehen ineinander über. Glaubensinhalte sind nicht auf alle Ewigkeiten fixiert. Sie sind stetigem Wandel unterworfen. Einst herrschten Göttinnen am Himmel. Mit dem Monotheismus kam der Herrschergott. Und doch leben die Göttinnen weiter: im uralten Südseeglauben als »Mutter Erde«, im Christentum als »Heiliger Geist«, der eigentlich eine »Geistin« war!

Quellen:
Andia, Ysabel de und Hofrichter, Peter Leander: »Der Heilige Geist
im Leben der Kirche«, Innsbruck 2005

Bahr, Albrecht-Joachim: »Papayas zwischen Mauern und Basalt«, »Die
Norddeutsche«, 16.10.2004

Haan, M.R. De: »508 Answers to Bible Questions«, ohne Ortsangabe, 1982

Hahn, Udo: »Heiliger Geist«, Gütersloh 2001

Ohlig, Karl-Heinz: »Ein Gott in drei Personen«, Mainz, Luzern 1999

Schneider, Herbert: »Das franziskanische Verständnis des Wirkens
des Heiligen Geistes in Kirche und Welt«, Mönchengladbach
2006

»Das Geheimnis des Götterbergs«,
Teil 27 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 18.7.2010

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