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Sonntag, 23. September 2018

453 »Der vergessene Kult«

Teil 453 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Das »Ding« sieht aus wie ein Flugzeug. Man sieht den klein geratenen »Propeller«. Rädchen hat das »Ding« aus. Das »Ding« ist ein Objekt der Verehrung: im Cargo-Kult der Südsee, ausgestellt im »Mystery Park« (umgenannt in »Jungfraupark«) in Interlaken.

Foto 1: Nachgebautes Flugzeug als Objekt der Verehrung.

Während meines Studiums der evangelischen Theologie in Erlangen wurde das Thema »Cargo-Kult« nur einmal kurz angeschnitten, und zwar als Negativbeispiel für eine vermeintlich »primitive« Form der Religion. Im Zentrum eines jeden »Cargo-Kults« steht, so hieß es, ein Messias. Die Anhänger glauben an seine Wiederkehr und an großen materiellen Reichtum, der dann angeblich ausbricht. Somit sei der Cargo-Kult im eigentlichen Sinne gar keine wirkliche Religion. In einer »anständigen Religion« geht es um Höheres, nicht um profanen, schnöden Mammon. Tatsächlich erhoffen sich aber Christen wie Moslems spätestens im Jenseits wahrlich physische Genüsse der paradiesischen Art, wenn sie nur dem »einzig wahren« Glauben huldigen. Für Moslems ist der einzig wahre Glaube natürlich der Islam, für Christen ist es das Christentum.

Der objektive Betrachter vermag da keinen Unterschied im Vergleich mit dem »Cargo-Kult« der Südsee zu erkennen. Cargo, das ist die Fracht, die sich Anhänger von »Cargo-Kulten« in der Südsee vom zurückkehrenden Gott John Frum erhoffen. So gesehen ist auch das Christentum ein »Cargo-Kult«.

Foto 2: Petrus am Hafen der Osterinsel.

Es ist immerhin Petrus, der Mann mit dem Schlüssel zum Himmelstor, der Jesus fragt, was denn seine treuen Jünger als Belohnung für ihre Rechtgläubigkeit erwarten dürften. Haben sie nicht alles aufgegeben, um Jesu Jünger werden zu können? Jesus prophezeit bei den Evangelisten Markus und Lukas (1) fast wortgleich recht reiche und profane Belohnungen, und zwar nicht für den fernen, nicht näher bestimmbaren »Sankt Nimmerleinstag«, sondern für die unmittelbar bevorstehende Zukunft. Wer Familie, Haus und Äcker aufgibt, um sich Jesus anzuschließen, der wird noch zu Lebzeiten »hundertfach empfangen ... Häuser, Brüder, Schwestern und Mütter und Äcker«, später als Zugabe noch »das ewige Leben«.

Am 15. Februar 2004 nahm ich mit einer kleinen Reisegruppe in Tanna (Neue Hebriden, Inselstaat Vanuatu im Südwestpazifik) an der Jahresfeier des »John Frum Kults teil. Im Zentrum steht nach wie vor Gott John Frum, dabei ist auch vor Ort der irdische Ursprung der »John Frum«-Bewegung bekannt. Am Vorabend der Hauptfeier versammelten sich die Anhänger des »John-Frum«-Kults, musizierten und sagen bis zum Morgengrauen. Mit meiner kleinen Reisegruppe war ich dabei. Wir waren fast die einzigen Fremden, die sich zu den Festivitäten zu Ehren John Frums eingefunden haben. Wir verhielten uns zurückhaltend, durften an der religiösen Festivität teilnehmen. Alt und Jung wirkte mit, die Älteren ernster, die Jüngeren ausgelassener. Selbst Kinder tanzten mit.

Foto 3: Alt und Jung feiern ...

Kurz und bündig: Irgendwann vor 1940, vielleicht schon um 1910, besuchte ein Amerikaner Tanna. Er mag versprochen haben, irgendwann einmal wieder vorbeizuschauen, so wie das viele Reisende tun. Später erschienen US-Soldaten auf dem Eiland.  Viele hießen John mit Vornamen, stellten sich als »John from..«, also als »John aus ...« vor. Schon nannten die Insulaner sie alle »John Frum«. Die »John Frums« reisten wieder ab, die Soldaten zogen wieder in die Heimat zurück. Die Geschenke der US-Boys blieben aus. Man wartete auf die Wiederkehr der Erhabenen, die in großen Vögeln vom Himmel gekommen waren. Man freute sich auf die reichen Geschenke, die »John Frum« verteilen würde. Bislang vergeblich, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. So entstand ein Kult: Aus vielen Männern namens »John from…« wurde ein John Frum. Und der wurde zum Messias erhoben, auf dessen Wiederkehr man heute noch hofft. Die US-Truppen gehören auch heute noch zum Kult, allerdings nicht mehr die Originale.

Die US-»Frums« werden von Einheimischen dargestellt, und das mit großem Eifer. Die John-Frum-Anhänger marschieren mit geschulterten Holzgewehren im Gleichschritt auf und ab. Sie hissen Flaggen und salutieren. Sie sprechen in »Walkie Talkies« aus Holz.

Foto 4: .. und tanzen zu Ehren John Frums.

Sie bauen Flugzeuge nach, zur Erinnerung an die John Frums, die in solchen »Vögeln« zu Besuch kamen und die Menschen beschenkten. Der Kult verändert sich weiter. In unseren Tagen wird er zusehends christianisiert. So verwandelt sich der erwartete »heidnische« Messias John Frum in den christlichen Messias Jesus. Noch gibt es strikte Puristen, die nach alter Väter Sitte den John-Frum-Kult zelebrieren. Aber schon wird auf dem John-Frum-Jahresfest auch Jesus als Messias herbeigesehnt. Meiner Meinung nach ist es eine Frage der Zeit, bis aus dem John-Frum-Glauben eine christliche Sekte wird.

Wir stellen uns heute die Frage, wie es möglich ist, dass Soldaten offenbar von friedlichen Insulanern fernab der »Zivilisation« als göttliche Wesen gesehen wurden. In einem Zeitungsbericht über eine Fotoausstellung von Ingeborg Diekmann über unsere Studienreise zum John-Frum-Fest heißt es (3): »Sie tragen Fliegermontur. Ihre Sonnenbrillen blitzten in der gleißenden Sonne. Für die Einheimischen müssen sie wie Götter erscheinen, die Hilfsgüter bringen und versprechen, wieder zu kommen und sodann mit ihren Flugmaschinen wieder verschwinden. Die Eingeborenen warten bis heute auf die Wiederkehr der Besucher aus einer für sie ganz anderen Welt.«

Foto 5: Aufmarsch für John Frum…

Der John-Frum-Kult ist wichtig für die Prä-Astronautik, weil er uns in nachvollziehbarer Weise verdeutlicht, dass die von ihm propagierten Messias-Erwartungen nicht auf Fantasie, sondern auf Fakten beruhen. Die Erstkontakte mit den heute noch erwarteten »Messiassen« hat es real gegeben. Dabei ist der John-Frum-Kult nur einer von vielen. Der deutsche Theologe Dr. Friedrich Steinbauer schrieb eine Doktorarbeit zu eben diesem Thema, die auch als Buch erschien (4):

»Melanesische Cargo-Kulte«. Der Theologe weist 185 ähnliche Kulte nach. Der John-Frum-Kult ist wichtig für die Prä-Astronautik, weil er uns zeigt, wie wohl außerirdische Besucher vor Jahrtausenden gesehen wurden: Sie waren allmächtig, konnten also nur Götter sein. Seltsam: Leider werden auch heute noch amtliche Dokumente über den John-Frum-Kult von 1940 bis 1957 auf Tanna verfasst, unter Verschluss gehalten. (5) Warum eigentlich?

»Cargo-Kulte« haben sich in der Südsee bis heute gehalten. Sie werden auch heute weiter zelebriert. Sie mögen sich in den Riten und Ritualen unterscheiden, aber sie alle imitieren, was die Menschen einmal gesehen haben. Marschierende US-Soldaten wurden beobachtet, die Kultisten spielten mit feierlichem Ernst nach, was sie gesehen haben. Ihre Kinder und Kindeskinder blieben dem alten Kult treu und marschieren weiter, mit Holzlatten anstatt von Gewehren.

Foto 6: Abmarsch, Kinder inklusive.

Was selbst in besonders gut informierten Kreisen in Sachen »Cargo-Kulte« unbekannt ist: Vor 100 Jahren gab es auf der Osterinsel Überbleibsel eines ähnlichen Kults. An der Südküste der Osterinsel stand ein Haus, das man ehrfurchtsvoll »haré-a-té-atua« nannte: »Haus der Atua-Götter« oder »Haus des göttlichen Atua«. Das Haus war schilfgedeckt und gehörte zu einem Ritualplatz, der – vielleicht etwas erhöht – mit flachen Kieselsteinen gepflastert war. Noch vor 100 Jahren wusste man: Hier wurde den Göttern gehuldigt. Den Göttern? Welchen Göttern? »Sie kamen von weit, weit her, auf Schiffen! Sie hatten rosige Wangen und man sagte, es seien Götter!« Welche Götter?Zum Gedächtnis dieser Götter schüttete man längliche Erdhügel auf, die »miro-o-orne«, »Erdschiffe«, genannt wurden. Auf diesen »Erdschiffen«, von denen es einst mehrere auf der Osterinsel gab, wurde »zelebriert«. Wie? Wir wissen es nicht mehr. Hier versammelten sich die Einheimischen und führten Schauspiele auf. In der Regel gab es jeweils einen, der Befehle erteilte. Und dann war noch seine Mannschaft, die die Befehle ausführte. Der Ursprung dieser Feierlichkeiten liegt auf der Hand:

Da waren Männer mit rosiger Haut auf riesigen, Ehrfurcht einflößenden Schiffen erschienen. Ängstlich wurden die Schiffe beobachtet. Der Kapitän erteilte Befehle, die Mannschaft führte sie auf. Was die Einheimischen beobachtet hatten, wurde imitiert, nachgespielt. Vor 100 Jahren waren die alten Zeremonien noch bekannt. Da wurden in einem Versammlungsraum zwei, vielleicht drei Boote aufgebaut. Ihre Masten gingen durch die Decke. Die Akteure trugen bei der Zeremonie europäische Kleidung, die sie von den Besatzungen europäischer Schiffe als Geschenke erhalten hatten. Auf Tanne tragen die höherrangigen Darsteller Uniformteile oder amerikanische Kleidungsstücke, die man ihnen geschenkt hat.

Foto 7: Zuschauerinnen beobachten die John-Frum-Zeremonien.

Das »haré-a-té-atua« ist längst verschwunden. Die seltsamen Zeremonien sind weitestgehend vergessen. Katherine Routledge notierte vor 100 Jahren Erinnerungen an den Osterinsel-Kult. Die eine oder die andere Information erhielt ich von Einheimischen, zum Beispiel von einem Lehrer einer der örtlichen Schulen. Vor einem Jahrhundert erinnerte man sich noch an die vermeintlichen »Götter«, bei denen es sich allerdings um europäische Seefahrer handelte. Auch damals war schon viel von den alten Zeremonien in Vergessenheit geraten. Offenbar wurden alljährlich Feierlichkeiten abgehalten, für die eigens immer wieder neue Musikstücke komponiert wurden. Vor einem Jahrhundert gab es nur noch bruchstückhafte, vage Erinnerungen an den vergessenen Kult. Und doch können wir noch erahnen, um was es bei den Feierlichkeiten ging. Katherine Routledge bekam vor einem Jahrhundert noch gezeigt, wo die Götter verehrt und gepriesen wurden.

Innerhalb von vermutlich drei oder vier Generationen wurden aus europäischen Besuchern, die auf mächtigen Schiffen zum Eiland gekommen waren, »Götter«. Die »Erdschiffe« der Zeremonialplätze sind verschwunden. Und der Kult um  Götter, die einst auf Schiffen gekommen sind, wäre längst ganz aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden, wenn nicht … Nur weil vor 100 Jahren Katherine Routledge einige Erinnerungen an den Kult aufzeichnen konnte, wissen wir, dass es einst einen Kult um vermeintliche Götter auf der Osterinsel gab.

Der John-Frum-Kult ist wichtig für die Prä-Astronautik, weil er uns in nachvollziehbarer Weise verdeutlicht, dass die von ihm propagierten Messias-Erwartungen nicht auf Fantasie, sondern auf Fakten beruhen. Es zeigt sich immer wieder, dass Vertreter einer technologisch weiter entwickelten Zivilisation von Mitgliedern technologisch rückschrittlichen Zivilisationen  mit »Göttern« verwechselt wurden. Auf der Osterinsel wurden so Europäer auf Schiffen zu Göttern. Waren es einst Außerirdische, die vor Jahrtausenden mit Göttern verwechselt wurden und die bis heute in Religionen verehrt und angebetet werden?

Foto 8: Der hoch angesehene Leiter der Zeremonien.

Fußnoten
(1) Das Evangelium nach Markus Kapitel 10, Verse 29 und 30 und das Evangelium nach Lukas Kapitel 18, Verse 28-30
(2) Siehe hierzu Langbein, Walter-Jörg: Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments, München 2004, Kapitel „Prophetenworte: Auch Jesus irrte“, S. 195-200
(3) Bahr, Albrecht-Joachim: »Papyas zwischen Mauern aus Basalt«, »Die Norddeutsche«, 16.10.2004
(4) Steinbauer, Dr. Friedrich: »Melanesische Cargo-Kulte/ Neureligiöse Heilsbewegungen in der Südsee«, München 1971
(5) Lindstrom, Lamont: »Cargo Cult«, Hawaii 1993, S. 81 ff.
(6) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998, Seiten 239

Zu den Fotos
Foto 1: Nachgebautes Flugzeug als Objekt der Verehrung. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Petrus am Hafen der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Alt und Jung feiern ... - Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: .. und tanzen zu Ehren John Frums. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Aufmarsch für John Frum…. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Abmarsch, Kinder inklusive. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Zuschauerinnen beobachten die John-Frum-Zeremonien. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der hoch angesehene Leiter der Zeremonien. Foto Walter-Jörg Langbein

454 »Pueblo de los Muertos - Das Dorf der Toten…«,
Teil 454 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30.09.2018



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Sonntag, 6. März 2016

320 »Der Engel auf dem Feuerstrahl«

Teil 320 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Textauszug »Buch Tobit«. Bibel/Apokryphe 1606

Kürzlich wurde ich von zwei »Zeugen Jehovas« besucht. Bevor die beiden auch nur einen Versuch unternehmen konnten, mich zu bekehren, lenkte ich das Gespräch auf die Thematik »Astronautengötter«. »Sie glauben also, dass wir in der Vorzeit von Außerirdischen besucht wurden?«, fragte mich einer der Herren. Ich bejahte. »Streng genommen sind ja die biblischen Engel Außerirdische!«, wandte der andere Missionar ein. Engel – außerirdische Besucher aus dem Kosmos? Ein Gedanke, der in Kreisen der »Prä-Astronautik« schon seit Jahrzehnten diskutiert wird …

Tempelturm von Thanjavur
Im indischen Thanjavur entdeckte ich eine ganze Reihe von Engeldarstellungen. Thanjavur, von den englischen Eroberern zu Tanjore verfremdet, liegt im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu im Delta des Kaveri-Flusses. Die einstige Hauptstadt des Chola-Reiches war schon im 9. Jahrhundert politisch wie religiös recht bedeutsam. Besonders viele Besucher lockt der Brhadisvara-Tempel an, der vor einem guten Jahrtausend entstand. Vor Ort munkelte man, das gewaltige Bauwerk sei womöglich mit Hilfe von »Engeln« entstanden. Von Indiens »Engeln« zu biblischen Himmelsboten.

Alle Jahre zur Weihnachtszeit schmücken Weihnachtsengel unsere Wohnstuben. Auf Weihnachtsmärkten treten junge Frauen in wallenden Gewändern auf, mit langem Lockenhaar und mächtigen Flügeln auf dem Rücken. Sie sind aus dem Weihnachtstrubel unserer Zeit nicht mehr wegzudenken. Weihnachtsengel sind christlichen Ursprungs?!! Irrtum! Nachdem Gott Adam und Eva aus dem Paradies geworfen hatte, setzte er »Cherubim« als Wächter ein. Diese mythologischen Wesen aus der babylonischen Welt hatten zwar Flügel, waren aber ursprünglich keine Engel. Engel kommen auch im Alten Testament vor. Aber da haben die himmlischen Wesen keine Flügel. Nach biblischem Verständnis leben sie im Himmel und sprechen häufig direkt aus den luftigen Höhen zu Menschen. Ein Beispiel aus dem Pentateuch (1): »Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortet: Hier bin ich...Und der Engel des Herrn rief Abraham abermals vom Himmel her…«

Engel von Thanjavur
Manchmal kamen auch Engel direkt aus himmlischen Gefilden zur Erde herab. Da sie keine Flügel hatten, war der Weg zwischen den Welten, folgt man dem biblischen Text, recht beschwerlich, wie wir wiederum dem Pentateuch entnehmen können (2): »Und ihm (Jakob) träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.«

Für gläubige Christen sind Engel ganz besondere Wesen. Seit Jahrhunderten werden sie in der abendländischen Kunst meist als sehr attraktiv und menschlich gezeigt. Nicht selten sind es sehr hübsche junge Frauen. Und immer haben Engel mächtige Flügel am Rücken. Die Engel der Bibel aber haben mit den Engeln der Kunst und unzähliger kitschiger Darstellungen der letzten Jahrhunderte nichts zu tun. Es sind auch keine Frauen, sondern immer Männer, und zwar ohne Flügel. Sie haben eine prosaische Funktion: Botschaften von Gott werden übermittelt. Diese Funktion wird deutlich, wenn wir im Hebräischen nachlesen. Mal’ach steht da in der »Biblia Hebraica«, Engel heißt es viele Male in den Übersetzungen. Wortgetreu übersetzt heißt bedeutet der Ausdruck schlicht und einfach »Bote«.

Zurück zum »Alten Testament«: Gott betreut zwei Boten mit der Aufgabe, Lot von der bevorstehenden Zerstörung von Sodom und Gomorra zu warnen (3). Lot empfängt die beiden Herren höflich, bietet ihnen die orientalische Gastfreundschaft an. Die ging zu biblischen Zeiten sehr weit. Als lüsterne Männer von Sodom die Fremden offensichtlich sexuell belästigen wollten, offerierte ihnen Lot als Ersatz seine jungfräulichen Töchter. Die Boten schlugen die unverschämten Sodomiten mit Blindheit und retten Lot und seine Familie.

Ähnlich prosaisch ist das Buch Hiob. Engel werden dort schlicht als »Mittler« (4) bezeichnet. Solche Verbindungsleute zwischen Himmel und Erde hießen bei den Hopi-Indianern Nordamerikas Katchinas, bei den Alten Indern Sris.

Nochmal... Ein Engel von Thanjavur
Engel ist in unserem Sprachgebrauch nicht zuletzt durch den Missbrauch des heiligen Weihnachtsfestes durch manchmal unerträglichen Kommerz inzwischen fast schon negativ belastet. Im Hebräisch des Alten Testaments heißt es einfach Mal’ach, im Griechisch des Neuen Testaments »aggelos«. Auch »aggelos« bedeutet verdeutscht Bote. Flügellos bewegten sich auch die Boten Gottes in der Welt des Neuen Testaments. Sie besuchten gelegentlich menschliche Familien, manchmal um zu erkunden, ob denn auch die christliche Nächstenliebe im täglichen Leben praktiziert wurde. Dabei fielen die himmlischen Wesen überhaupt nicht auf, können sich also im Aussehen nicht von Menschen unterschieden haben. So heißt es im Brief an die Hebräer (5): »Bleibet fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein, vergesset nicht; denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.«

Gehen wir einmal von der These aus, Engel seien kosmische Besucher gewesen, die für »Gott« als »Boten« unterwegs waren. Nutzten diese Wesen Weltraumtechnik? Und gibt es Hinweise auf eine solche Technik im »Alten Testament«?

Im »Buch Richter« (6) erfahren wir Interessantes über »Engel«. Offenbar verzehrten sie keine Menschenkost. Und es gibt – ganz konkret –  einen Hinweis auf die Rückreise eines Engels in die himmlischen Gefilde (7): »Aber der Engel des HERRN (8) sprach zu ihm: Warum fragst du nach meinem Namen, der doch geheimnisvoll ist? … Manoach aber und seine Frau sahen zu. Und als die Flamme aufloderte vom Altar gen Himmel, fuhr der Engel des HERRN auf in der Flamme des Altars.«  Ein Engel, der auf einer Flamme gen Himmel fährt? Sollten da Erinnerungen an kosmische Besucher aus dem All mitschwingen? Ein Engel, der auf einer Flamme gen Himmel fliegt, wer denkt da in unserem Zeitalter der Raumfahrt nicht an eine Rakete und ihren »Flammenantrieb«?

Auch ein Engel von Thanjavur
In Kreisen der »Prä-Astronautik« sucht man nach Hinweisen auf vorgeschichtliche Besuche von außerirdischen Astronauten auf Planet Erde. Sehr bekannt sind die Ausführungen des NASA-Ingenieurs Josef Blumrich (*1913-†2002). Der Raumfahrtexperte wollte Dänikens Interpretation von Hesekiel-Sichtungen als Begegnungen mit außerirdischer Technologie widerlegen. Er wurde vom Saulus zum Paulus. 1973 erschien sein viel beachtetes und heiß diskutiertes Werk »Da tat sich der Himmel auf/ Die Raumschiffe des Propheten Ezechiel und ihre Bestätigung durch modernste Technik« (9).

Hesekiels Kontakte ereigneten sich etwa 500 v.Chr. Zwei bis drei Jahrhunderte zuvor soll es laut »Buch Tobit« (auch »Buch Tobias« genannt) Kontakte mit einem Engel namens Rafael gegeben haben. Das »Buch Tobit« sucht man im hebräischen Kanon des »Alten Testaments« vergeblich, man findet es aber in der griechischen Bibel (»Spetuaginta«) und in der lateinisch-sprachigen Version des »Alten Testaments« (»Vulgata«). In evangelischen Bibelausgaben wird das Buch zu den »Apokryphen«, also zu den »verborgenen Schriften«, gezählt.

Engel Rafael stellt sich wie folgt vor (10): »Ich bin Rafaël, einer der sieben Engel, die vor Gottes Thron stehen und seiner strahlenden Herrlichkeit nahe kommen dürfen.« Rafaël, einer der engsten Vertrauten Gottes, erteilt Ratschläge und lehrt medizinische Kenntnisse.  Schließlich hat er seine göttlichen Aufträge erledigt und macht sich wieder auf die Heimreise: in den Himmel, zu Gott (11): »›Ich gehe jetzt wieder zu dem, der mich gesandt hat. Preist ihn vor allen Menschen und macht seine Taten bekannt. Und schreibt alles auf, was ihr erlebt habt!‹ Dann kehrte Rafaël in den Himmel zurück. Als die beiden vom Boden aufstanden, sahen sie ihn nicht mehr. Sie priesen Gott und sangen ihm Loblieder und dankten ihm, dass er so Großes für sie getan hatte und dass ihnen sogar ein Engel Gottes erschienen war.«

Klarer in ihrer Aussage ist die griechische Ausgabe des »Alten Testaments«, die »Septuaginta«, was die Art der Heimkehr in die himmlischen Gefilde angeht (12): »Siehe, ich steige empor zu dem, der mich gesandt hat. Schreibet alles auf, was euch geschehen ist! Und er stieg empor.«

Wer oder was waren die »Engel«, die zwischen Himmel und Erde pedelten? Wie ist es zu verstehen, wenn es heißt, dass sie in den Himmel emporstiegen, die in einer Flamme emporfuhren? Ist es zu gewagt, einen raumfahrttechnischen Hintergrund zu vermuten?


Fußnoten

(1) Das erste Buch Mose Kapitel 22, Verse 11 und 15
(2) Siehe hierzu: Das erste Buch Mose Kapitel 28, Verse 10-19, zitiert habe ich Vers 12
(3) Siehe: Das erste Buch Mose Kapitel 19
(4) Das Buch Hiob Kapitel 33, Vers 23
(5) Der Brief an die Hebräer Kapitel 13, Verse 1 und 2
(6) Buch Richter Kapitel 13
(7) Buch Richter Kapitel 13, Verse 18 und 20
Textauszug Buch Tobit, Bibel/Apokryphe 1606
(8) Im »Alten Testament« erscheinen verschiedene Namen für Gott. Der hebräische Terminus »Jahweh« galt als ganz besonders heilig und durfte zeitweise im Alten Israel nicht ausgesprochen werden. Stand »Jahweh«  im Text, so wurde in der Synagoge das hebräische Wort für Herr ausgesprochen. Besonders in älteren Ausgaben deutscher Bibelübersetzungen erscheint dann in Großbuchstaben HERR.
(9) Blumrich, Josef F.: »Da tat sich der Himmel auf. Die Raumschiffe des Propheten Ezechiel und ihre Bestätigung durch modernste Technik«,  Düsseldorf und Wien, März 1973
(10) »Buch Tobit« Kapitel 12, Vers 15, Übersetzung »Gute Nachricht Bibel«
(11) »Buch Tobit« Kapitel 12, Verse 20-22, Übersetzung »Gute Nachricht Bibel«
(12) »Buch Tobit« Kapitel 12, Vers 20, zitiert aus »Septuaginta Deutsch/ Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung«, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart/Zweite, verbesserte Auflage«, Stuttgart 2010

Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein

321 »Götter, Engel, Laserwaffen«,
Teil 321 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 13.03.2016



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