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Sonntag, 13. Januar 2019

469 »Der Kaiser, Kelten und Gott Krodo«

Teil 469 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Tikal, Guatemala – Steile Stufenpyramiden

In den 1980-ern und 1990-ern war ein schweißtreibendes Abenteuer noch gestattet, das heute weitestgehend verboten ist. In Guatemala (Tikal) wie in Mexiko (Palenque) durfte man die eine oder die andere Pyramide besteigen. Die Stufen waren schmal, Treppen steil und der Weg nach oben höchst anstrengend. Und es war nicht ungefährlich. Ein Fehltritt hätte genügt, schon wäre man im wahrsten Sinne des Wortes abgestürzt. Die fantastischen Denkmäler überstanden die Jahrhunderte. Tikal entstand vom dritten bis ins 9. Jahrhundert. Als Karl der Große in Europa Heidentempel zerstören ließ, entstanden in Zentralamerika einige der schönsten Pyramiden: vergleichbar mit Treppen in den Himmel.

Treppen in den Himmel gibt es auch in zahllosen christlichen Gotteshäusern. In den 1980-ern und 1990-ern war ein schweißtreibendes Abenteuer noch gestattet, das heute weitestgehend verboten ist. In Guatemala (Tikal) wie in Mexiko (Palenque) durfte man die eine oder die andere Pyramide besteigen. Die Stufen waren schmal, Treppen steil und der Weg nach oben höchst anstrengend. Und es war nicht ungefährlich. Ein Fehltritt hätte genügt, schon wäre man im wahrsten Sinne des Wortes abgestürzt. Die fantastischen Denkmäler überstanden die Jahrhunderte. Tikal entstand vom dritten bis ins 9. Jahrhundert. Als Karl der Große in Europa Heidentempel zerstören ließ, entstanden in Zentralamerika einige der schönsten Pyramiden: vergleichbar mit Treppen in den Himmel.

Treppen in den Himmel gibt es auch in zahlrlosen christlichen Grotteshäusern, deren Türme den steilen Pyramiden von Mexiko und Guatemala nicht unähnlich in den Himmel ragen. Das Münster zu Hameln bietet einen wahrlich »himmlichen Blick«.

Foto 2: Blick vom Turm des Hamelner Münsters.

Wir schreiben das Jahr 780 n. Chr. Kaiser Karl der Große betreibt mit harter Hand die Christianisierung der Sachsen. Besonders verhasst sind ihm Denkmäler, die die alten heidnischen Götter zeigen und die offenbar immer noch von Gläubigen aufgesucht und verehrt werden. Anscheinend sah es der missionierende Kaiser als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, die Statuen der alten Götter zerstören zu lassen.

Folgt man Forstsekretär Julius Gottfried Eberhardt Leonhard, dann gab es für den frommen Kaiser allein auf diesem Gebiet viel zu tun. Vermeldet doch Leonhard anno 1825 in seinem Werk »Die Harzburg und ihre Geschichte« (1) eine Vielzahl von heidnischen Gottheiten, deren Heiligtümer Karl der Große zerstören lassen wollte. »Irmen«, nach Leonhard »Gott des Krieges und der Gerechtigkeitspflege«, muss dem mächtigen Herrscher ein Dorn im Auge gewesen sein. Ein Götze namens »Irmen« erfreute sich offenbar bei den »Heiden« großer Beliebtheit. Er wurde, so Leonhard (2) »zu Ehrensburg, jetzt Stadt Berge an der Lippe«, verehrt. Ein »Ehrensburg, jetzt Stadt Berge an der Lippe«, freilich kann ich nicht ausfindig machen. Wurde die Schreibweise ihres Namens neuerlich geändert?

Von »wikipedia« (3) erfahre ich, dass es im 8. Jahrhundert »in einiger Entfernung von der Eresburg, dem heutigen Obermarsberg« eine Irminsul gab. Sollte das die Stätte gewesen sein, an der laut Leonhard »Irmen« verehrt wurde? Wurde aus der »Ehrensburg« (Leonhard!) »Eresburg«? Das liegt, meine ich, nahe.

Fakt ist, dass Karl der Große just dort ein Kloster gründete. Es war weit verbreitet, einstmals heidnische heilige Plätze in christliche zu verwandeln. Wo zu heidnischen Zeiten ein Tempel stand, wurde von christlichen Missionaren so manches christliche Gotteshaus errichtet. Überliefert ist weiter, dass Karl der Große anno 772  eine Irminsul zerstören ließ. Umstritten ist allerdings bis heute, wo diese Säule zu Ehren des Irmen stand. Anno 863 vermeldete der Mönch Rudolf von Fulda in »De miraculis sancti Alexandri« (»Von den Wundern des heiligen Alexanders«):»

Foto 3: Der Ceibabaum
Sie verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe, den sie in ihrer Muttersprache ›Irminsul‹ nannten, was auf Lateinisch ›columna universalis‹ bedeutet, welche gewissermaßen das All trägt.« Die Legende von den Wundern des heiligen Alexanders wurde anno 863 im Kloster Fulda von Rdulf von Fulda begonnen und noch im 9. Jahrhundert von Meginhard niedergeschrieben.

Eine Säule die das All trägt? Diese Vorstellung war einst weit verbreitet. So stand bei den Mayas der Ceiba-Baum im Zentrum ihres Kosmos.

Einen Ceibabaum habe ich nie erklommen, wohl aber die eine oder andere Mayapyramide in Guatemala und Mexiko. Und wenn ich auf der obersten Plattform ankam, dann war ich erschöpft und verschwitzt wie in einer Sauna. In der Tat: Ich fühlte mich dort oben dem himmlischen Elysium bedeutend näher als unten bei den Pyramidenwächtern. Ganz ähnlich erging es mir, als ich bei sommerlicher Hitze den Turm des Münsters zu Hameln erstieg und schließlich die hölzerne Tür hochgewuchtet und ins Freie geklettert war. Der Blick auf das scheinbar sehr tief unter mir liegende Hameln war himmlisch. Die Weser war zu einem kleinen Rinnsal geschrumpft. Das nordeuropäische Pendant zum Weltenbaum der Mayas war Yggdrasil, die Weltesche, die ebenso den Kosmos verkörpert wie der Ceiba-Baum.

Solche Weltenbäume wurzelten in der Unterwelt und stützten den Himmel. Im Mithraskult gab es statt eines Baums eine achtteilige Leiter zwischen Erde und Himmel. Offensichtlich gab es unterschiedliche Variationen von Bildern, die alle einander ähnelten und für die Verbindung zwischen Erde und Himmel standen. Ob Weltesche Yggdrasil der Germanen, ob steile Stufenpyramide der Mayas oder der biblische »Turm zu Babel«, immer geht es um eine Verbindung zwischen Erde und Himmel. Und häufig geht es darum, dass man über diese Verbindung aus dem Himmel zur Erde und auch wieder von der Erde zurück in den Himmel gelangen kann. Ich darf an Jakobs Himmelsleiter erinnern (4): »Da hatte er einen Traum: Siehe, eine Treppe stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.«

Die »Royal Society Open Science« untersuchte Märchen und kam zu erstaunlichen Ergebnissen (5). Im Märchen »Jack und die Bohnenstange« klettert ein Junge eine wundersame Bohnenranke empor und gelangt schließlich in den Himmel. Dort hausen Riesen, denen Jack nur mit Mühe entkommt. Das  angesehene »Smithsonian Institute« (6) berichtete über die Forschungsergebnisse der »Royal Society Open Science«. Demnach wurzeln die Ursprünge vom Bohnenstangenmärchen weit in der grauen Vergangenheit, sind wohl 5.000 Jahre alt.

Manche unserer Märchen, so fasste »Science News« sind sehr viel älter als man gewöhnlich annimmt. Titel der »Science News«-Meldung (7): »Kein Ammenmärchen: Ursprünge einiger Geschichten reichen Jahrtausende zurück«. Untertitel (8): »Statistische Analyse von Sprachevolution hilft das Alter von erzählten Geschichten zu datieren«. Mit anderen Worten: Schon vor Jahrtausenden gab es Geschichten über Menschen, die von der Erde in den Himmel kletterten. Die »Irminsul« ist lediglich eine nur gut ein Jahrtausend altes Pendant zu sehr viel älteren »Säulen«, »Bäumen« oder »Leitern«.

Foto 4: Stand hier einst in luftiger Höhe die Irminsul?

Wo aber stand die letzte »Irminsul«? Bei der Eresburg? Oder auf einem der Externsteine? Standort Externsteine für die Irminsul ist durchaus denkbar. Weile doch Karl der Große anno 784 im Lipperland, um in der Stadt der Osterräder Weihnachten zu feiern. Von hier aus konnte der Herrscher bequem die Externsteine erreichen und die Irminsul zerstören lassen. Einer von der Wissenschaft stark angezweifelten Überlieferung zufolge soll Karl der Große damals versucht haben, den Brauch des Laufs der Feuerräder in Lügde abzuschaffen. Ihm sei der heute noch zelebrierte Brauch zu heidnisch gewesen. Da die Bevölkerung angeblich das Verbot des Kaisers nicht akzeptierte und die brennenden Räder von Anhöhen weiter ins Tal bis an die Emmer rollen ließen, sei aus dem heidnischen Feuerräderlauf der christliche Osterräderlauf geworden. Allerdings ist der Brauch für die Zeit Karls des Großen nicht nachweisbar.

Foto 5: Ein brennendes Rad rollt zu Tal (Osterräderlauf Lügde).

Heute findet der Osterräderlauf am Abend des Ostersonntag statt, gewöhnlich gegen 21 Uhr. Vielsagend war der Spruch, den anno 1985 eines der hölzernen Räder zierte: »Meine Ahnen sind die Kelten und Germanen, jetzt lauf ich in Christi Namen.«


Foto 6: Eines der Lügder Osterräder.

Schon im Jahre 780 soll Karl der Große im Harz von einem Gott namens Krodo alias Crodo erfahren haben. Zu seiner Empörung verehrten die Menschen diesen seltsamen Gott zutiefst und beteten sein Standbild an. Arglos die Heiden dem christlichen Herrscher mit, ihr Gott sei Krodo. Und ihr Denkmal stelle eben diesen Crodo dar. Empört soll Karl der Große ausgerufen haben: »Krodo ist euer Gott, der Krodo-Teufel!«

Foto 7: Krodo wird zerstört.

Eine Lithographie, etwa 1840 entstanden, zeigt wie Kaiser Karl »Die Zerstörung des Götzenbildes Crodo« beaufsichtigt. Mehrere recht muskulöse und spärlich bekleidete Männer rücken dem Krodo-Denkmal zuleibe. Die einen wollen ihn mit einem Seil vom Podest zerren, andere schwingen gleichzeitig schwere Hämmer, um die von den sächsischen Heiden verehrte Figur zu zertrümmern.


Zur Lektüre empfohlen:

Foto 8: Sehr lesenswert!

Vogler, Mike: »Rätsel der Geschichte«, eBook, Dresden 2014
Voglers Buch ist Teil 1 einer inzwischen auf 5 Bände angewachsenen Reihe. Das Werk ist sowohl als Taschenbuch als auch als eBook erhältlich!

Fußnoten
(1) Leonhard, Julius Gottfried Eberhardt: »Die Harzburg und ihre Geschichte«, Fleckeisensche Buchhandlung, Helmstedt 1825
(2) ebenda, Seite 23,Zeilen 11-13
(3) wikipedia, Stichwort »Irminsul«, Stand 05.12.2018
(4) 1. Buch Mose Kapitel 28, Vers 12
(5) https://www.smithsonianmag.com/smithsonianmag/fairy-tales-could-be-older-ever-imagined-180957882/
(6) https://www.sciencenews.org/article/no-fairy-tale-origins-some-famous-stories-go-back-thousands-years
(7) »No fairy tale: Origins of some famous stories go back thousands of years«
(8) »Statistical analysis of language evolution helps estimate storytelling dates«

Zu den Fotos
Foto 1: Tikal, Guatemala – Steile Stufenpyramiden, Treppen in den Himmel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick vom Turm des Hamelner Münsters. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: Der Ceibabaum, kosmischer Baum der Mayas. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Stand hier einst in luftiger Höhe die Irminsul? Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Ein brennendes Rad rollt zu Tal (Osterräderlauf Lügde). Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 6: Eines der Lügder Osterräder. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Krodo wird zerstört. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 8: Sehr lesenswert und zur Lektüre empfohlen! Foto Verlag.


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Sonntag, 30. Dezember 2018

467 »Der mysteriöse Jodutenstein, Gott Mars und die Mutter der Kälte«


Teil 467 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Bartholomäuskapelle
Sorgfältig befestigen einige Männer ein seltsames Bildnis an einer hohen Stange. Sie stellen die Stange auf, wie einen Mast. Hoch oben: ein Idol, so etwas wie ein Gott, vielleicht furchteinflößend. Und dann bewerfen die Menschen das mysteriöse Ding hoch auf dem Mast, immer wieder. So eine Szene könnte in einem Science-Fiction-Film zu sehen sein. Thema: Kurioser Kult auf einem fremden Planeten. Tatsache ist aber: Szenen wie die beschriebene haben sich auf Planet Erde abgespielt: im Hof eines altehrwürdigen Doms.

Nordöstlich der Bartholomäuskapelle, wenige Schritte vom Dom zu Paderborn entfernt, suchten Archäologen nach Hinweisen auf Vorgängerbauten. Das kleine Gotteshaus mit einer hervorragenden Akustik wurde um das Jahr 1017 (nur wenige Meter vom mächtigen Dom entfernt) errichtet. Warum ausgerechnet das sumpfige Quellgebiet der Pader als Baugrund gewählt wurde? Eine Erklärung: Das Gebiet galt schon bei den »Heiden« als heilig. Wo einst vielleicht eine Quellengöttin verehrt wurde, entstanden Dom und Kapelle.

Vermutlich existierte bereits vor der steinernen Bartholomäuskapelle ein hinfälligeres Kapellchen, womöglich vorwiegend aus Holz gebaut. Es brannte offenbar ab. Im Brandschutt fanden sich Reste einer mysteriösen Inschrift. Die Tafel war stark beschädigt, aber der Text, der einst auf dieser Tafel verewigt worden war, konnte mehr oder minder rekonstruiert werden: Karl der Große rühmte sich, einen »Drachen« besiegt zu haben. Wir dürfen annehmen, dass damit ein heidnischer Kult gemeint war, dessen Heiligtum einst vor dem Bau des Doms Gläubige in die Gefilde der Quellen von Paderborn lockte.

Foto 2: Karl der Große
Karl der Große war ja bekanntlich ein militanter Verfechter des Christentums, der heidnische Kultstätten zerstören ließ. Wem wurde im heidnischen Drachenheiligtum gehuldigt? Welche Göttin oder welcher Gott wurde verehrt? Wer im altehrwürdigen Domen nach Drachen sucht, wird fündig: zum Beispiel am den Kirchenbänken in der Krypta, die die Gläubigen zu Andacht und stillem Gebet laden.

Heftigste Widersache Karls des Großen waren die heidnischen Sachsen, die recht widerspenstig waren und so gar nicht den christlichen Glauben annehmen mochten. Fromme Predigten waren offenbar nicht überzeugend genug. Lange nach Karl, genannt »der Große« (*wahrscheinlich 747 oder 748), fand am 11. Februar 1115 auf dem Lerchenfeld im Welfesholz (1) eine Schlacht statt: Feldmarschall Hoyer erlitt für Kaiser Heinrich V. eine Niederlage. Siegreich endete das blutige Gemetzel für das Heer, angeführt vorwiegend von sächsischen Fürsten wie Herzog Lothar von Süpplingenburg und Bischof Reinhard von Blankenburg.

Stolz errichteten die siegreichen Sachsen ein Denkmal. Wir wissen nicht wirklich, wie es ausgesehen hat. Angeblich soll auf einer Säule die Statue eines sächsischen Ritters in voller Rüstung gestanden haben. Angeblich trug der Ritter in seiner linken Hand einen Schild mit dem sächsischen Wappen und in der rechten Hand einen mächtigen Morgenstern. Mit diesem furchteinflößenden Mordwerkzeug soll er so manchen Sachsen niedergestreckt haben. So zumindest überliefert es die »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen«. In Band 1 dieses faszinierenden Werkes, »gesammelt und herausgegeben von Dr. Johann Georg Theodor Gräße«, anno 1855 im »Verlag von Schönfelds Buchhandlung« zu Dresden erschienen, finden wir einen kurzen Bericht (2) »Vom Abgott Jodute«.

Warum die Siegessäule Jodute genannt wurde? Wie dieser Name entstand, das ist bis heute umstritten. Eine Erklärung: Die kriegerischen Sachsen sollen vor einer Schlacht ihre Streitgefährten mit einem Schrei aufgefordert haben, gemeinsam gegen einen Feind ins Feld zu ziehen. Sie sollen »tiod-ute!«, »Zu den Waffen!«,  gebrüllt haben. Aus diesem »tiod-ute!« habe sich der Name »Jodute« entwickelt.

Foto 3: Stolz wie Hermann

»Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen« wiederum bietet eine ganz andere Erklärung (3)! Das Denkmal sei »Signum adjutorii« genannt worden, was zu Deutsch »Zeichen göttlicher Hilfe« heiße. Aus dem Lateinischen »adjutorii« hätten die Bauern »Jodutte« oder »Gedutte« gemacht, einfach weil sie das Lateinische nicht korrekt sprechen konnten. »Die Bauern beteten es an und meinten, dass sie durch die Hilfe von S(ankt). Jodutten den Streit gewonnen hätten.« Ich kann mir nicht vorstellen, dass selbst simpelste Gemüter ein Kriegerdenkmal für die Darstellung eines Gottes hielten. Das berühmte Hermannsdenkmal bei Detmold zeigt keinen Gott, sondern einen legendären Krieger.

Schlichte Touristen mögen heute glauben, dass »der Hermann« pünktlich um 12 Uhr das Schwert von einer Hand in die andere gibt, nicht aber, dass der eiserne Hermann (Foto 3) ein Gott sein soll. Meiner Meinung ist die lateinische Erklärung nicht sehr überzeugend. Vielmehr glaube ich, dass es einst eine Gottheit namens Jodutte gab, für die zum Dank ein Denkmal errichtet wurde. Wie dem auch sei: Noch Ende des 13. Jahrhunderts sollen unzählige Menschen zu  »Jodute« geströmt sein, so wie heute an sonnigen Sommertagen zum »Hermanns-Denkmal« im Teutoburger Wald.

Foto 4: Einer der Drachen im Dom zu Paderborn

Der Ort, wo der  Jodute stand, wurde bald zur Wallfahrtsstätte. Es muss sich bald ein solcher Rummel um das Monument entwickelt haben, dass sich Kaiser Rudolf von Habsburg empörte. Ihm war das Denkmal ein großes Ärgernis, erinnerte es doch an eine empfindliche Niederlage der Kaiserlichen und wohl auch an das Weiterleben des Heidentums nach der Christianisierung. Anno 1289 ließ er den (die?) Jodute entfernen. Sie wurde ins Kloster Wiederstedt geschafft. An ihrem alten Standort wurde eine Kapelle errichtet. In dieser Kapelle wiederum wurde bald ein »Bildstock« aufgestellt, der der »Jodute« recht ähnlich gesehen haben soll. Vielleicht war es gar die Originaljodute selbst?

Meiner Meinung nach kann es sich bei der Figur, die einst auf der Siegessäule stand, nicht um die profane Darstellung eines Kriegers in Rüstung gehandelt haben. Die Bevölkerung jedenfalls glaubte, dass die Jodute über wundersame Kräfte verfügte. Kranke und gesunde Wallfahrer strömten herbei um dem Bildstock ihre Reverenz zu erweisen. Sie begnügten sich freilich nicht, die Jodute zu verehren oder vielleicht zur Jodute zu beten. Die Wallfahrer versuchten, zumindest einen Splitter der Jodute als eine Art Reliquie mit nach Hause zu nehmen. So wurde die mysteriöse Darstellung stark beschädigt, sie schwand nach und nach dahin. Restauriert wurde das kleine Heiligtum offenbar nicht. Anno 1570 schließlich entfernte man den »Bildstock« aus der Kapelle.

Foto 5: Und noch ein Drache im Dom (unweit der Krypta!)

Hinweise auf heidnische Drachen (Fotos 3, 4 und 5!) gibt es auch heute noch in der Krypta des Doms zu Paderborn. Spurlos verschwunden allerdings ist die Jodute von Paderborn. Von ihr will man offenbar in Kirchenkreisen heute überhaupt nichts mehr wissen.

Foto 6: Geschnitzte Drachen im Kampf (Dom zu Paderborn)

Zurück zur eingangs beschriebenen Szene! Jacob Grimm, der geradezu pedantische Erforscher deutscher Mythologie, berichtet von einem heute seltsam anmutenden Brauch, der im Domhof zu Paderborn zelebriert worden sein soll (4): »Im domhof zu Paderborn, da wo den (sic!) götze Jodute soll gestanden haben, wurde bis ins 16. Jahrhundert der tag dominica laetare etwas einem bilde gleich auf eine stange gesteckt, und von den vornehmsten des landes darnach mit prügeln geworfen, bis er nieder zur Erde fiel.« Jacob Grimm schreibt weiter (5): »War das bild abgeworfen, so trieben die kinder spott und spiel damit, und die adlichen feierten ein gastmal.«

Am 4. Fastensonntag wurde also im Domhof zu Paderborn »Götze Jodute« auf eine Stange gesteckt und mit »Prügeln« beworfen, und zwar so lang, bis das einst verehrte Idol zu Boden fiel. Der erste Wurf war der vornehmsten Familie vorbehalten, die dieses Privileg als große Ehre ansah. Lag Bode – vielleicht zertrümmert – am Boden, bedeutete das noch nicht das Ende der Schmähungen. Jetzt durften die Kinder mit der Figur spielen. Warum? Eine Vermutung liegt, meine ich, nahe: Noch im 15 und 16. Jahrhundert hatte »Götze Jodute« in Paderborn Anhänger. Für diese »Heiden« hatte so eine Götterfigur magische Kräfte. Ihnen sollte der Sieg über »Jodute« vor Augen geführt werden. Diesen Heiden sollte die Machtlosigkeit von »Jodute« vor Augen geführt werden, indem das einstige Idol verächtlich behandelt wurde. Nicht überliefert ist, wie erfolgreich auf diese Weise Noch-Heiden zum Christentum geführt wurden.

Foto 7: Gott Krodo
Karl, genannt »der Große« (*wahrscheinlich 747 oder 748) war es offensichtlich nicht gelungen, den Glauben an »Götze Jodute« auszulöschen. War er im Kampf gegen andere Gottheiten erfolgreicher? Dr. Johann Georg Theodor Gräße trug in seinem Werk »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen« eine Fülle von Hinweisen in Sachen heidnische Gottheiten zusammen. Im sächsischen »Marsburg«, so Dr. Gräße, verehrten die Sachsen Gott Mars. Der Gott hieß bei den Sachsen »Armesule«. Ein »Armesule« habe sich auch in Corvey befunden. Eine lateinische Inschrift erklärte: »In Vorzeiten bin ich der Sachsen Gott gewesen, mich hat angebetet das Volk Martis, welches pfleget die Spitze zu führen.« Offenbar handelte es sich um den führenden Stamm der Sachsen, der das Idol anbetete. Karl der Große hat es vernichtet.

Im Harz, zwischen Blocksberg und der Stadt Goslar, genoss der »Abgott Krodo« hohes Ansehen bei den Sachsen. Einer seiner Beinamen lautete »Mutter der Kälte«. Das lässt vermuten, dass Krodo ursprünglich eine heidnische Göttin war. Wie sonst wäre der Beiname »Mutter« zu erklären. Zu seiner Empörung bezeichneten die Sachsen Krodo als »Gott«, für Karl V. war er der »Krodo-Teufel«. Konsequenz: Nach Dr. Gräße hat Karl der Große auch Krodos Denkmal zerstören lassen.


Foto 8: Sehr lesenswert!
Literaturempfehlungen:

Garbe, Burckhard: »Die schönsten Sagen zwischen Harz und Weser«, Kassel 2002 (»Der Götze Krodo in Harzburg«, S.91-95)

Vogler, Mike: »Hexen, Teufel und Germanen/ Teufelsglaube und Hexenwahn als Folge der Christianisierung/ Beispielhaft verdeutlicht am altsächsischen Gott Krodo«, Leipzig 2012


Fußnoten
(1) Stadt Gerbstedt im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt
(2) Gräße, Dr. Johann Georg Theodor: »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen«, Dresden 1855, Seiten 27 und 28
(3) ebenda, Seite 28
(4) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und
     Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
     Berlin 1875-78, Band 3, Seite 7, Zeilen 10-14 von unten
(5) ebenda, Zeilen 6 und 7 von unten

Foto 9: Geschnitzte Drachen...
Zu den Fotos
Foto1: Die Bartholomäuskapelle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Karl der Große (Dürer). Foto gemeinfrei.
Foto 3: Stolz wie Hermann/ Das Hermannsdenkmal. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 4: Einer der Drachen im Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Und noch ein Drache im Dom (unweit der Krypta!). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Geschnitzte Drachen im Kampf (Dom zu Paderborn). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gott Krodo. Stilisierte, symbolische Darstellung. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Sehr lesenswert! Foto Verlag
Foto 9: Ein Besuch des Doms zu Paderborn lohnt sich! Foto Walter-Jörg Langbein

468 »Der Gott mit dem Fisch«,
Teil 468 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 06. Januar 2019




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Sonntag, 11. Dezember 2016

360 »Heilige Quellen«

Teil  360 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Das berühmte Hasenfenster

»Teuderi« war schon vor rund zwei Jahrtausenden eine volkreiche Stadt, eine von 69 Zentren Germaniens vermeldet der ägyptische Geograf Ptolemäus. Für acht germanische Stämme war Teuderi die wichtige Bundeshauptstadt. Aus Teuderi entwickelte sich im Lauf der Zeit Paderborn (1). Über die germanische Geschichte von Paderborn wissen wir so gut wie nichts. Gert Meier (2): »Nach offizieller Darstellung beginnt die Geschichte Paderborns mit Karl ›dem Großen‹. Hierher soll er während des Krieges gegen den Bund der Sachsen sechsmal Reichstage einberufen haben. Hier soll er bereits im Jahr 785 die erste Kirche in weiter Kirche gebaut und sich mit ›Papst‹ Leo III. getroffen haben.«

Warum aber zog es Karl den Großen in eine Sumpflandschaft? Morastig und sumpfig waren jene Gefilde nämlich in der Tat dank der unzähligen Quellen. Es ging ihn um die Unterwerfung der heidnischen Sachsen. Der christliche Herrscher hatte freilich weniger religiös-theologische Motive. Vielmehr wollte er die »Heiden« zu Untertanen machen. Deshalb galt es, ihnen den alten Glauben zu nehmen und einen neuen, den christlichen aufzuzwingen. Die »Heiden« wiederum waren von den zahlreichen Quellen auf engstem Raum angelockt worden. Sie siedelten nicht trotz der Quellen, die eine Besiedlung erschwerten, sondern wegen der Quellen.

Foto 3: Die Heilige Hera im Louvre
Dort haben sich – so wird vermutet – Anhängerinnen und Anhänger der Hera in morastigen, unwirtlichen Gefilden niedergelassen. Hera war die weibliche Vorläuferin der christlichen Trinität, in Gestalt von Hebe, Hera und Hekate. Die dreifaltige Hera war die Jungfrau des Frühlings, die Gebärende des Sommers und die Zerstörerin des Winters. Durch ein Bad im heiligen Quellwasser wurde aus der destruktiven Alten wieder die jungfräuliche Meid. Der ewige Zyklus konnte von Neuem beginnen. In mannigfaltiger Gestalt lebt Hera im Katholizismus unserer Tage weiter, als die »drei Bethen« oder »drei heiligen Madeln«. Zu Heras göttlichen Attributen gehörte der Pfau. Und der spielt in Paderborn eine herausragende Rolle. Das mysteriöse »Drei-Hasen-Fenster« lässt sich ganz in diesem Sinne interpretieren: So wie die drei Göttinnen bilden die drei Hasen einen Zyklus ohne Anfang und Ende, der sich immer dreht und dreht.

Aus dem heiligen Tier der Göttin Hera wurde – durch Verchristianisierung – ein Symbol für das ewige Leben. Und aus Wassermutter Hera im heidnischen Tempel, den wohl von Karl dem Großen zerstört wurde, wurde dann die jungfräuliche Gottesmutter Maria im christlichen Dom zu Paderborn.

Foto 4: Der Pfauenbrunnen
Zwei eindrucksvolle Exemplare des mysteriösen Tieres hat der Dom zu Paderborn zu bieten: den Pfau am Brunnen beim mysteriösen »Dreihasenfenster« und seinen »Kollegen« am Tor zur Krypta. Wer denkt da an die Römer, die den Pfau als heiligen Vogel der Göttin Juno übernommen haben. Juno galt als Göttin der Geburt und Königin der Göttinnen? Weil sich der Pfau als heiliges Tier offenbar nicht aus den Köpfen der Menschen vertreiben ließ, machte man ihn zu einem christlichen Wundertier. Anno 836 wurden die Gebeine des Heiligen Liborius nach Paderborn geschafft, angeführt von einem Pfau, der schließlich tot auf den Dom stürzte. Die Knochen des Heiligen hatten ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Schon im 8. Jahrhundert gab es in Paderborn ein Gotteshaus, das als »Kirche von eindrucksvoller Großartigkeit« gepriesen  wurde. Möglich, dass es schon damals eine Krypta unter dem Sakralbau gab. Vor Ort versicherte mir ein Geistlicher, dass diese »Unterwelt« schon vor mindestens 1100 Jahren geschaffen wurde.

So manches Mal bin ich im Verlauf der Jahre in die Unterwelt hinab gestiegen. In unterirdischen Gefilden haben die Quellen ihren Ursprung, die schon von den »Heiden« verehrt wurden. Die unterirdischen Quellen wurden verchristianisiert, so manche fromme Legende rankt sich um das heilige Wasser. Heidnische Überlieferungen ließen sich offensichtlich nicht ausrotten, also stülpte man ihnen ein »christliches Gewand« über (3):

Foto 5: Der Pfau an der Krypta

»Es kam einmal in den heißesten Tagen des August ein Bettler nach Paderborn und flehte um Gottes Willen um einen kühlenden Trunk. Aber, sei es Zufall oder Hartherzigkeit, der Arme ward an allen Türen abgewiesen und konnte nirgends einen Trunk erhalten. So ward es Mittag und immer heißer und der Arme hatte sich immer noch nicht laben können. So schleppte er sich endlich bis zum Jesuitenkollegium hin, allein er war viel zu schwach, um die hohen Treppen zu erklimmen und die geistlichen Herren um eine Erquickung anzuflehen.

Fotos 6 und 7: Pfauenbrunnen und 3-Hasen
Da gewahrte er im Hofe das Muttergottesbild, er hob zu ihm seine zitternden Hände und rief mit kläglicher Stimme: ›Maria, du Heilige, schaffe meiner glühenden Zunge Labung oder lass mich hier sterben!‹ Siehe, da kam plötzlich silberhelles, kaltes Wasser aus den Brüsten der Muttergottes hervor, der müde Greis labte sich und ging, die heilige Jungfrau preisend, von dannen. Die Väter Jesuiten aber hatten alles gesehen und beeilten sich, das wunderbare Wasser aufzufangen, auch ließen sie an der Stelle nachgraben, viele hundert Fuß tief, aber der heilige Quell war längst wieder versiegt und einen anderen fanden sie nicht. So ließen sie endlich die Arbeit liegen, der Brunnen ward nach und nach verschüttet, das Steingeländer zerfiel und verwitterte und heute sieht man kaum noch einige Spuren desselben.«

Fromme Legenden ranken sich deutschlandweit um das heilige Wasser aus den Tiefen der Erde. So soll es dort, wo heute der Ammersee Touristen aus aller Herren Länder anlockt, einst ein saftiges Feuchtgebiet gegeben haben. Das einst üppig gedeihende Moos wurde von drei Jungfrauen gehegt und gepflegt. So begeistert diese heilige weibliche Dreifaltigkeit auch tätig war, die Arbeit wurde ihnen doch zu schwer.  So sprachen sie schließlich den Wunsch aus, das morastige Gebiet möge doch zum See werden. Ihr Wunsch ging in Erfüllung und so entstand der Ammersee (4).

Foto 8: Die Krypta

Zurück nach Paderborn! Hunderte heilige Quellen soll es einst im Raum Paderborn gegeben haben. Wie ich dank eigener Recherche vor Ort weiß,  plätschert auf dem einen oder anderen privaten Grundstück in einigen Metern Tiefe noch die eine oder die andere einst heilige Quelle. Nahe dem Dom sprudeln auch heute noch die östlichen Quellen und speisen die Dielenpader und die Rothobornpader. Die Augenquelle ist auch heute noch aktiv: unter dem Gebäude der Stadtbibliothek. Auch die Maspernpader ist bis heute nicht versiegt, dank ihrer emsig Wasser spendenden Quelle. Sie liegt etwas abseits, nämlich unweit des historischen Stadtwalls. Der Name der Quelle – Maspernpader – geht auf die kleine Siedlung »Villa Aspethera« zurück, die bereits anno 1036 urkundlich erwähnt wurde. Anno 1200 wurde sie Teil der rapide wachsenden Stadt Paderborn.


Im Laufe der Jahrzehnte habe ich viele mysteriöse Stätten auf unserem Planeten besucht. Die geheimnisvollsten hatte ich ursprünglich in fernen Gefilden vermutet. Die mystischsten Stätten freilich fand ich vor der sprichwörtlichen Haustür: unter der Erde. Es waren Krypten unter den ältesten Kirchen Deutschlands von Bamberg bis Paderborn und es waren unterirdische Quellen, unter dem einstigen Schloss Karls des Großen in Paderborn.


Foto 9: Blick in die Krypta

1959 erschien Rudolf Pörtners Bestseller »Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit«. Mit dem Fahrstuhl geht es zwar nicht zu Krypten von Kirchen oder zu den einst heiligen Quellen von Paderborn. Zu Fuß benötigt man aber auch nur einige Sekunden, um unsere lärmende und hektische Zeit zu verlassen und in die geheimnisvolle Atmosphäre längst vergangener Tage einzutauchen. Mein Rat: Sausen Sie nicht wie so viele Touristen von einer Attraktion zur anderen. Haken Sie nicht so  viele Kirchen und Kapellen in möglichst kurzer Zeit ab, nehmen Sie sich Zeit!

Foto 10: Drei-Hasen-Fenster-Motiv

Erleben Sie bewusst einzelne uralte Monumente und deren Atmosphäre. Nehmen Sie sich Zeit, schreiten Sie Treppen hinab, lassen Sie den lauten Alltag hinter sich und erleben sie die fast märchenhafte Stille uralter Zeiten. Wenn Sie es zulassen, dann kann es Ihnen so vorkommen, als ob da unten im Schoß von Mutter Erde die Zeit vor Jahrtausenden stehengeblieben. Genießen Sie die Stille.


Fußnoten
1) Meier, Gert: »Die frühgeschichtliche Vernetzung der Paderquellen (=Dom von Paderborn) mit den Externsteinen«, erschienen in »Efodon-Synesis« Nr. 5/ 2006, S. 15-20
2) ebenda, Seite 15 oben
3) Grässe, Johann Th. : »Sagenbuch des Preußischen Staats«, Glogau 1868
4) Panzer, Friedrich: »Bayerische Sagen und Bräuche«, München 1848

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Das berühmte Hasenfenster. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 3: Die Heilige Hera im Louvre, wikimedia commons Aavindraa
Foto 4: Der Pfauenbrunnen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Pfau an der Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Pfauenbrunnen und 3-Hasen. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Blick in die Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Drei-Hasen-Fenster-Motiv. Foto Walter-Jörg Langbein

361 »Gargoylen und Monster in der Unterwelt«
Teil  361 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.12.2016




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Sonntag, 19. Juni 2016

335 »Spurensuche«

Teil 335 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Karl der Große, Kilians-Kirche Lügde

Wir leben in Europa, das einst »christliches Abendland« genannt wurde. Und so sind die Wurzeln unserer Kultur christliche, auch wenn unsere Gesellschaft eine weitestgehend säkularisierte ist. »Väter« Europas sind Regenten wie Konstantin der Große (275-337 n.Chr.) und Karl der Große. Kaiser Konstantin machte die antike Stadt zu seiner Hauptresidenz. Die Hagia Sophia war, was manche lieber vergessen wollen, einst eine prachtvolle christliche Basilika. Nach der Eroberung durch osmanische Truppen wurde eine Moschee daraus. Der Krieger Faith Sultan Mehmet ließ den Kolossalbau wieder restaurieren und wandelte ihn in eine Moschee um. Karl der Große machte das Reich zu einem straff organisierten Imperium. Er war Militärstratege und hat sich auch Bildung und Kultur aufs Panier geschrieben. Mit einer starken christlichen Kirche versuchte er, das Bildungsniveau anzuheben.

Foto 2: Konstantin der Große

Im Laufe meiner Reisen durch Deutschland habe ich neben herrlichen alten Kirchen und Kapellen immer wieder auch beklagenswerte Zustände erlebt. Auch in abgelegenen Regionen gab es bemerkenswerte Kirchlein und Kapellen, die dringend renoviert werden müssten. Aber offenbar fehlt es da am Geld. Auf meinen Reisen durch Deutschland, speziell durch Bayern, stieß ich auf Spuren eines Erbes, dessen Wurzeln in vorchristliche Zeiten reichen. Es bedarf schon detektivischen Spürsinns, um sie zu entdecken.


Foto 3: Die Herlingsburg

Unweit meines Heimatdorfs Niese am »Köterberg«, der einst wohl »Götterberg« hieß, gibt es die Spuren der Herlingsburg. Wer ob dieses Namens mächtige Mauern einer Burgruine erwartet, wird freilich maßlos enttäuscht sein. Vom (künstlich angelegten) Schieder-Stausee führte mich der Weg weiter nach Glashütte. Von da an aus ging‘s per pedes bergan. Alten Quellen zufolge soll die Herlingsburg noch im späten 19. Jahrhundert auf einem kahlen Berg gethront haben. Landwirtschaftlich – im Sinne von Feldanbau – konnte der Berg nicht genutzt werden, aber angeblich sollen Rinder durch emsiges Trampeln jeden Baumwuchs verhindert haben. Die landwirtschaftliche Nutzung immer größerer Flächen führte deutschlandweit zur Zerstörung solcher Anlagen. Man nennt sie zutreffender »Keltenschanzen«.

Foto 4: So sieht eine typische Keltenschanze aus

Folgen Sie mir auf einer ganz besonderen Spurensuche, nach den Überbleibseln unseres keltischen Erbes! Vielleicht – und das erachte ich als wünschenswert – suchen und finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, in Ihrer Heimat auch derlei Keltenschanzen.

Im Nordbayrischen findet sich, 2200 Meter südwestlich von der Gemeinde Hainsbach, Landkreis Straubing-Bogen, im »Biburger Holz« so eine Spur. Der Name »Biburg-Gingkofen« lässt aufhorchen. Die »Burg« deutet auf eine Keltenschanze hin. Von »Schanze 2« ist freilich kaum etwas übrig geblieben. Der einst stolze Wall ist weitestgehend abgetragen, vom Schutzgraben ist kaum noch etwas zu sehen. Nach meinen Unterlagen ist er nur an manchen Stellen nur noch 80 Zentimeter tief.

Foto 5: Teil eines Walls ...
Was dürfen wir uns unter einer »Keltenschanze« vorstellen? Bei Wikipedia gibt es eine gute Definition: »Als Viereckschanze oder Keltenschanze bezeichnet man die vor allem in Süddeutschland anzutreffenden Reste eines quadratischen, manchmal auch rechteckigen Areals mit umlaufendem Wall und Graben. Ihre Deutung ist noch nicht abschließend geklärt. Durch neuere Untersuchungen ist jedoch gesichert, dass manche der Viereckschanzen dauerhaft bewohnte keltische Gutshöfe oder Mittelpunkt einer ländlichen Gemeinde waren. Andererseits ist nicht ausgeschlossen, dass die Kelten auch ihre Kultstätten mit viereckigen Einfriedungen umgaben. Für die meisten Viereckschanzen liegen keine oder nur spärliche Untersuchungen vor, so dass allgemeine Aussagen über ihren Zweck noch nicht möglich sind.«

Es ist schon mehr als bedauerlich, dass die meisten dieser Anlagen so gut wie nicht wissenschaftlich erforscht wurden. Noch beklagenswerter ist freilich, dass sich die meisten in einem kläglichen Zustand befinden oder vollkommen verschwunden sind. Waren es einst hunderte oder gar tausende?

Folgen Sie mir bitte nach Oberbayern in den Landkreis Ebersberg, in die Gemeinde Forstinning. 400 Meter nordwestlich des Örtchens gab es einst eine Keltenschanze. Nach einer alten Flurkarte war sie anno 1855 noch vollständig erhalten. Im Jahr 1907 war nur noch ein Teil, nämlich die Osthälfte vorhanden. Und die wurde im Verlauf der letzten einhundert Jahre vollkommen zerstört. Wikipedia merkt an, dass die Keltenschanze (1) »allerdings durch landwirtschaftliche Bodenbearbeitung nahezu eingeebnet ist.« Und weiter: »Im Ortsteil Sempt wurde von einem Bauern ein bronzenes Widderfigürchen aus der Keltenzeit gefunden, welches in der prähistorischen Staatssammlung in München verwahrt wird.«

Foto 6: ... der Herlingsburg
Der Ortsteil von Forstinning, wo einst die Kelten wirkten, heißt heute »Aitersteinering«. Sollte das auf einen »alten Steinring« zurückgehen, der einst die keltische Anlage umgab? Eine Bushaltestelle gibt’s in der »Keltenstraße«. Ansonsten gibt s nur spärliche Erinnerungen an die Erbauer der Schanze. So gut wie nichts ist erhalten geblieben!

Ich gebe es zu: Wer in unseren Gefilden nach den Überbleibseln von Keltenschanzen suchen will, der benötigt häufig detektivischen Spürsinn und wird immer wieder enttäuscht sein, weil von den einstigen Anlagen und ihren Geheimnissen so gut wie nichts mehr zu finden, also auch nichts zu fotografieren ist!

Klaus Schwarz hat zwei fundamentale Werke zum Thema Keltenschanzen verfasst, die man mit Fug Recht als die vollständigsten Standardwerke bezeichnen darf. Bereits 1959 erschien sein (2) »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns – Pläne und Karten«. 2007 wurde der Textband zum voluminösen Atlas nachgereicht (3). Der Atlas hat derart gewaltige Ausmaße, dass man ihn nur auf einer stabilen Unterlage lesen sollte. Leider ist das wichtige Opus nicht mehr nachgedruckt worden und heute nur noch selten antiquarisch zu beziehen. Wer sich auf Spurensuche begeben und Keltenschanzen vor Ort erkunden möchte, ist mit Klaus Schwarz bestens beraten.

So hörte ich schon während meines Studiums in Erlangen in den späten 1970-ern von einer Keltenschanze in der Gemeinde Laufen. Ich hätte mir die Reise sparen können. Vor Ort erklärte man mir, man wisse ja gar nicht, ob es »Am Doppelloh-Feld« wirklich jemals eine Keltenschanze gegeben hat. Schwarz stellt fest (5): »Mutmaßliche Viereckschanze. Im Gelände sind keine Spuren einer Schanze erkennbar, auch liegen keine Nachrichten über ihre ehemalige Existenz vor.

Klarer sind die Verhältnisse in der Gemeinde Reisbach (6): Da ist auch nichts mehr zu sehen, man weiß aber, wo es einst etwas zu sehen gegeben hat! Klaus Schwarz berichtet (7): »Die Schanze ist vollständig verschleift, das Gelände wird nach mündlicher Mitteilung des Besitzers seit etwa 1880 überackert. Die Schanze läßt sich heute nur auf Grund dieser Nachricht  und mit Hilfe der ältesten Flurkarte von 1820 sowie der Geländesituation südlich des Weilers lokalisieren. Größe, regelmäßiger Grundriß und Orientierung, sprechen dafür, daß es sich um eine spätkeltische Viereckschanze gehandelt hat.«

Es ist traurig um unser keltisches Erbe bestellt!


Fußnoten

Foto 7: Das Standardwerk von Schwarz
1) Wikipedia-Artikel, Stichwort »Forstinning«
2) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns – Pläne und Karten«, München 1959
3) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007
4) Gemeinde Laufen, Landkreis Berchtesgadener Land, Oberbayern
5) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 33, Artikel »20a Biburg«
6) ebenda, Seite 53, Artikel »46a Biberg«
7) ebenda, rechte Spalte, Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht nach den Regeln der Rechtschreibreform angepasst





 Zu den Fotos

Foto 8: Buchcover mit Keltensiedlung
Foto 1: Karl der Große, Kilians-Kirche Lügde, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Konstantin der Große, Foto wiki commons/ UserJean-Pol Grandmont
Foto 3: Die Herlingsburg, Emil Zeiß 1863, Archiv Langbein
Foto 4: So sieht eine typische Keltenschanze aus. Foto Archiv Langbein
Foto 5: Teil eines Walls ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: ... der Herlingsburg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Buchcover Schwarz. Sehr empfehlenswertes Werk! Siehe Literatur!
Foto 8: Buchcover Wieland. Sehr empfehlenswertes Werk! Siehe Literatur!
Foto 9: Von Bäumen »erobert« ...  Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 10: ... Wallanlage der Herlingsburg. Foto Walter-Jörg Langbein



Literatur zum Themenkreis »Kelten« 

Teil 1

Foto 9: Von Bäumen »erobert« ...
Anonymus: Die Kelten/ Europas Volk der Eisenzeit/ Untergegangene Kulturen,
     Amsterdam 1995            
Anonymus: Magische Welt der Kelten, Bindlach 2005
Badewannenmeditationen: Magische Welt der Kelten, Bindlach 2005
Barnes, Ian: Der große historische Atlas der Kelten, Wien 2009
Bernhardi, Anne: Die Kelten/ Verborgene Welt der Barden und Druiden,
     Hildesheim 2010
Bernstein, Martin: Kultstätten Römerlager und Urwege/ Archäologische
     Ausflüge von der Steinzeit bis zum Mittelalter in Oberbayern, München 1996
     (Keltenschanze von Holzhausen, S. 58-68)
Böckl, Manfred: Von Alraunhöhlen und Seelenvögeln/ Keltische Sagen aus
     Altbayern, Dachau 2007
Botheroyd, Sylvia und Paul: Lexikon der keltischen Mythologie, München
     1996
Botheroyd, Sylvia und Paul: Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten,
     München 1989
Brunaux, Jean-Louis: Druiden/ Die Weisheit der Kelten, Stuttgart 2009
Concannon, Maureen: The Sacred Whore/ Sheela Goddess of the Celts,
     Neuauflage, Doughcloyne 2005
Cowan, Tom: Die Schamanen von Avalon/ Reisen in die Anderswelt der Kelten,
     München, 2. Auflage 1999
Dannheimer, Hermann und Gebhard, Rupert (Hrsg.): Das keltische
     Jahrtausend, Mainz 1993
Derungs, Kurt (Herausgeber): Keltische Frauen und Göttinnen/ Matriarchale
     Spuren bei Kelten, Pikten und Schotten, Bern 1995
Edel, Momo: Die Kelten/ Europas spirituelle Kindheit, Saarbrücken 2005
Geise, Gernot L.: Das keltische Nachrichtensystem, Peiting 2002
Geise, Gernot L.: Keltenschanzen und ihre verborgenen Funktionen,
     Hohenpeißenberg, 10. Auflage, 2014
Foto 10: ... Wallanlage der Herlingsburg

Göttner-Abendroth, Heide: Fee Morgane – Der Heilige Gral/ Die großen
     Göttinnenmythen des keltischen Raumes, Taunusstein 2005
Gschlössl, Roland: Im Schmelztiegel der Religionen/ Göttertausch bei Kelten,
     Römern und Germanen, Mainz 2006
Gunst, Reinhard: Der Himmel der Kelten, Göppingen 2014
Habiger-Tuczay, Christa: Magie und Magier im Mittelalter, München 1992
      (Magie der Kelten, S.165-175)
Haffner, Alfred (Hrsg.): Heiligtümer und Opferkulte der Kelten, Stuttgart 1995
Henze, Usch: Die Merowinger/ Eine historische und spirituelle Spurensuche,  
     Saarbrücken 2010 (siehe Kapitel Atlantisches Europa!)
Higgins, Godfrey: The Celtic Druids or An Attempt to shew, that the Druids
     were the priests of oriental colonies who emerged from India And were the
     introducers of the first or Cadmean system of letters and the builders of
     Stonehenge, of Carnac, and of other cyclopean works, in Asia and Europe,
     London 1829
Kaminski, Heinz: Die Götter des Landes Vestfalen/ Der Wormbacher Tierkreis
     –  Schlüssel zur Keltisch-Germanischen Kultstätte, Fredeburg 1988
Klein, Thomas F.: Wege zu den Kelten/ 100 Ausflüge in die Vergangenheit,
     Stuttgart 2004

336 »Das verschwundene Schloss«,
Teil 336 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.06.2016



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Sonntag, 14. Juni 2015

282 »Mönch und Monster«

Teil 282 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Dom von Verden bei Nacht

Bei den Maya hatte der Ceiba-Baum eine ganz besondere, religiös-mythologische Bedeutung. Als Weltachse verband er den Himmel mit der Unterwelt. Die Krone des Baums versinnbildlichte die himmlischen Gefilde, das Wurzelwerk unter der Erde die Unterwelt.

Die Weltachse der alten Germanen war die Weltesche Yggdrasil. In der Krone lebten die Götter, unterirdisch hausten bei den Wurzeln Schlangen und Drachen. Schlangen und Drachen sind auch in der christlichen Kunst. Mich faszinieren diese Fabelwesen schon viele Jahre. Wenn ich sakrale Bauten besuche, achte ich auch und besonders auf Schlangen und Drachen…. Im Reich der Mayas ebenso wie in christlichen Kirchen Europas.

Zweimal, jeweils zur Tag- und Nachtgleiche, findet in Chichen Itza ein phänomenales Schauspiel aus Licht und Schatten statt: Eine Himmelsschlange steigt gemächlich die Stufen einer Pyramide vom Himmel zur Erde herab und klettert wieder in die himmlischen Regionen empor. Während bei den Maya die Himmelsschlange Quetzalcoatl eine positive Lichtgestalt war, galt und gilt sie im Christentum als teuflisches Wesen. Meiner Meinung nach lebt in der »bösen« Schlange der Bibel eine sehr viel ältere, positive Gottheit weiter.

Foto 3: Der Mönch lächelt milde...

Wiederholt wurde ich im Verlauf der letzten Jahre auf eine angeblich besonders interessante Schlangendarstellung hingewiesen, die von Steinmetzen schon vor Jahrhunderten für den Dom zu Verden an der Aller geschaffen wurde. So recherchierte ich und wurde nicht fündig. Ich studierte Kirchführer, nirgendwo gab es Abbildungen oder Beschreibungen von Schlangen im Verdener Dom. Relativ ausgiebig wurde in der Literatur eine Urkunde erwähnt, die angeblich die Gründung des Bistums Verden im Jahr 786 dokumentiert. Besagtes Dokument, so steht da geschrieben, gehe auf Karl den Großen selbst zurück. Inzwischen gilt die Urkunde als Fälschung, die erst Mitte des 12. Jahrhunderts fabriziert wurde.

Fotos 4 und 5: Sonnenuhr bei Nacht

Ich recherchierte gründlich, erfuhr viel Interessantes über Verden und seinen Dom, aber nichts über Schlangendarstellungen im und am Gotteshaus. Doch dann stieß ich in den Weiten des Internets auf ta-dip, die private Homepage von Reinhold Kriegler mit dem Themenschwerpunkt »Sonnenuhren« (1). Auf dieser umfangreichen Seite geht Reinhold Kriegler auch auf den Dom zu Verden und eine mysteriöse Sonnenuhr ein. Kriegler konstatiert da (2):

»Ich hatte vor etlichen Jahren die Verdener Sonnenuhren fotografiert. Damals noch mit Film. Für ta-dip hatte ich dann die Papierabzüge gescannt und diese eingestellt. Nun war ich am 17. Juli 2013 abermals dort. Ich bedaure es so sehr, daß niemand die absolut einzigartige Qualität dieser mittelalterlichen Sonnenuhr, getragen von einem sanft lächelnden Mönch erkennt!«

Fotos 6 und 7: Sonnenuhr bei Tag

Krieglers kurze Beschreibung machte mich neugierig. Krieglers Fotos faszinierten mich. Diese mysteriöse Sonnenuhr musste ich persönlich in Augenschein nehmen. Also fuhr ich nach Verden. Abends führte mich mein Weg gleich zum Dom. Da stand ich vor dem »Haupteingang«, der sich hinter einer großen hölzernen Tür verbirgt. Ich wandte mich nach rechts, umrundete den hinter massiven Mauern liegenden Kreuzgarten. So kam ich an den Glockenturm. Jetzt ging’s nach links, etwas mehr als dreißig Meter weiter war ich am Ziel.

In der Dunkelheit des Abends beeindruckt mich die geschickt von einem Scheinwerfer angestrahlte Sonnenuhr. Da ist ein stehendes menschliches Wesen zu sehen, das offensichtlich zum Teil erheblich beschädigt wurde. Der Kutte nach zu urteilen kann es sich um einen Mönch handeln. Vor seiner Brust trägt der Geistliche etwas. Es kommt mir so vor, als würde der Mönch ein Buch lesen. Ist das der Fall? Wohl eher nicht. Meine Taschenlampe kommt zum Einsatz. Ich erkenne etwas mehr als im Scheinwerferlicht. Es ist kein Buch, was der Mönch (?) da vor sich hin hält, dem Betrachter förmlich entgegenstreckt, sondern das Zifferblatt einer Sonnenuhr.

Foto 8: Der Mönch steht auf...?
Der Mönch steht auf irgendetwas, das heißt: er stand, denn seine Beine fehlen. Wurden sie mutwillig abgeschlagen? Oder fielen sie dem Zahn der Zeit zum Opfer? Worauf hat der Mann mit der Sonnenuhr einst gestanden? Im Schein der Taschenlampe versuche ich, Einzelheiten auszumachen.  Da sind Beine oder Füße zu erkennen, ein mächtiger Leib wie der eines Löwen und so etwas wie eine Schlange. Wieder sind erhebliche Schäden auszumachen, die eine klare Identifikation der Tiere unmöglich machen. Am nächsten Tag bin ich in aller Frühe wieder vor Ort.

Voller Spannung schraube ich meine Kamera (Nikon D3300) auf eine Teleskopstange, schiebe die Stange nach oben, bis die Kamera in Höhe des Mönchs eigentlich vorzügliche Fotos direkt von vorn und ohne perspektivische Verzerrung liefern könnte. Sie tut es aber nicht, der Fernauslöser verweigert seinen Dienst. Trotzdem gelingen mir per Teleobjektiv (Nikon D800E) interessante Aufnahmen, vom  Mönch und von den Fabelwesen zu seinen Füßen. Das heißt: Füße hat der steinerne Mann ja keine mehr. Man kann aber eher erahnen als sehen, wo sie einst standen.

Foto 9: Löwe ohne Kopf?

Vom Betrachter aus links imponiert ein vierbeiniges Wesen mit mächtigem Leib. Das Haupt fehlt leider völlig. Am Ende seines Schweifs hat das Tier eine Quaste. Es dürfte sich also wohl um einen Löwen handeln. Und der kämpft, ja mit wem? Mit seinen Pranken umklammert der Löwe etwas Langes, Schlangenartigs. Nur eine Schlange ist es wohl nicht, eher der stark beschädigte Schweif des zweiten Tieres. Ist es ein Drache, ein Lindwurm vielleicht? Schuppig ist sein Leib jedenfalls, was zum Drachen oder Lindwurm passen würde. Reckt das schuppige Tier den schlanken Hals gen Himmel? Ein Kopf ist nicht auszumachen.


Foto 10: Schuppentier mit Sattel?

Auf dem »Rücken« des Schuppentieres liegt etwas Undefinierbares, eine Art Decke (?) oder gar Sattel? Was es auch sein mag, es ist deutlich vom schuppigen Leib abgegrenzt, und zwar durch eine gezackte Linie. Spekulieren wir: Da kämpfen ein Löwe und ein Drache gegeneinander. Symbolisieren sie verschiedene Gruppierungen im Heidentum, auf denen triumphierend der Mönch als Stellvertreter für das Christentum steht? Der Mann Gottes lächelt milde, sanft. Warum? Weil er sich überlegen fühlt? Oder ist er wissend, eingeweiht? Steht für ihn das Christentum auf seinen heidnischen Vorläufern? Ersetzt die »neue« Religion die »alte« nicht, sondern baut auf ihr auf?

Wir wissen, dass der Dom zu Verden just dort errichtet wurde, wo einst eine heidnische Kultanlage Gläubige anlockte, wo auch Gericht abgehalten wurde. Sind die Monsterwesen unter dem Mönch eine Anspielung auf das Heidentum?

Wie lang mögen Christentum und Heidentum nebeneinander konkurrierend bestanden haben? Wurde die angeblich auf Karl den Großen zurückgehende Urkunde gefälscht, um die Gründung weit zurück in die Vergangenheit zu legen?

Sollte so das Christentum in Verden älter gemacht werden als es war… und die »Heidenzeit« weiter zurück in die Vergangenheit gedrängt werden?

Foto 11: Im Dom zu Verden, Blick zur Orgel

Warum findet sich in keinem von mir studierten Buch über Verden und den Dom eine Beschreibung der geheimnisvollen Sonnenuhr? Warum gab es am üppig bestückten Karten- und Schriftenstand im Dom unter den diversen Ansichtskarten vom Dom keine einzige von der Sonnenuhr? Nüchtern stellt die »Sonnenuhr-Bibel« von Dr. Hugo Philipp zur Sonnenuhr von Verden fest: »Gravur auf Platte, welche von einer Figur getragen wird, Werkstoff: Naturstein, entstanden vermutlich 1300, Stil: gotisch, Zustand mangel(haft)«

Fakt ist: Der Mönch und die Monster mit der Sonnenuhr… ein mysteriöses Kunstwerk von beachtlichem Alter … ist in seiner Art einzigartig. Etwas Vergleichbares gibt es nicht. Warum wird es dann so stiefmütterlich behandelt?

Foto 12: Im Dom zu Verden, Blick zum Altar
   
Fußnoten

(1) http://www.ta-dip.de/sonnenuhren.html

(2) http://www.ta-dip.de/sonnenuhren/sonnenuhren-aus-nah-und-fern/niedersachsen/sonnenuhren-in-verden.html

(3) Philipp, Hugo et al: »Sonnenuhren/ Deutschland und Schweiz«, Stuttgart 1994
(Das Werk enthält keine Seitenangaben, ist nach Postleitzahlen geordnet. Die
Sonnenuhr von Verden findet sich unter »27283 Verden Ni(edersachsen)«

DANK

Herrn Roland Kriegler möchte ich  recht herzlich für die interessante Korrespondenz danken! Seine Homepage ist sehr interessant! Ein Besuch lohnt sich allemal!


Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Dom zu Verden bei Nacht. Im rechten Foto habe ich die Sonnenuhr gelb markiert.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Ein Mönch lächelt milde. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Sonnenuhr bei Nacht. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Sonnenuhr bei Tag. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Mönch steht auf..? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Löwe ohne Kopf? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Schuppentier mit Sattel? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Im Dom zu Verden, Blick zur Orgel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Im Dom zu Verden, Nlick zum Altar. Foto Walter-Jörg Langbein


283 »Der Ritt auf zwei Eseln«,
Teil 283 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 21.06.2015



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