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Sonntag, 30. Dezember 2018

467 »Der mysteriöse Jodutenstein, Gott Mars und die Mutter der Kälte«


Teil 467 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Bartholomäuskapelle
Sorgfältig befestigen einige Männer ein seltsames Bildnis an einer hohen Stange. Sie stellen die Stange auf, wie einen Mast. Hoch oben: ein Idol, so etwas wie ein Gott, vielleicht furchteinflößend. Und dann bewerfen die Menschen das mysteriöse Ding hoch auf dem Mast, immer wieder. So eine Szene könnte in einem Science-Fiction-Film zu sehen sein. Thema: Kurioser Kult auf einem fremden Planeten. Tatsache ist aber: Szenen wie die beschriebene haben sich auf Planet Erde abgespielt: im Hof eines altehrwürdigen Doms.

Nordöstlich der Bartholomäuskapelle, wenige Schritte vom Dom zu Paderborn entfernt, suchten Archäologen nach Hinweisen auf Vorgängerbauten. Das kleine Gotteshaus mit einer hervorragenden Akustik wurde um das Jahr 1017 (nur wenige Meter vom mächtigen Dom entfernt) errichtet. Warum ausgerechnet das sumpfige Quellgebiet der Pader als Baugrund gewählt wurde? Eine Erklärung: Das Gebiet galt schon bei den »Heiden« als heilig. Wo einst vielleicht eine Quellengöttin verehrt wurde, entstanden Dom und Kapelle.

Vermutlich existierte bereits vor der steinernen Bartholomäuskapelle ein hinfälligeres Kapellchen, womöglich vorwiegend aus Holz gebaut. Es brannte offenbar ab. Im Brandschutt fanden sich Reste einer mysteriösen Inschrift. Die Tafel war stark beschädigt, aber der Text, der einst auf dieser Tafel verewigt worden war, konnte mehr oder minder rekonstruiert werden: Karl der Große rühmte sich, einen »Drachen« besiegt zu haben. Wir dürfen annehmen, dass damit ein heidnischer Kult gemeint war, dessen Heiligtum einst vor dem Bau des Doms Gläubige in die Gefilde der Quellen von Paderborn lockte.

Foto 2: Karl der Große
Karl der Große war ja bekanntlich ein militanter Verfechter des Christentums, der heidnische Kultstätten zerstören ließ. Wem wurde im heidnischen Drachenheiligtum gehuldigt? Welche Göttin oder welcher Gott wurde verehrt? Wer im altehrwürdigen Domen nach Drachen sucht, wird fündig: zum Beispiel am den Kirchenbänken in der Krypta, die die Gläubigen zu Andacht und stillem Gebet laden.

Heftigste Widersache Karls des Großen waren die heidnischen Sachsen, die recht widerspenstig waren und so gar nicht den christlichen Glauben annehmen mochten. Fromme Predigten waren offenbar nicht überzeugend genug. Lange nach Karl, genannt »der Große« (*wahrscheinlich 747 oder 748), fand am 11. Februar 1115 auf dem Lerchenfeld im Welfesholz (1) eine Schlacht statt: Feldmarschall Hoyer erlitt für Kaiser Heinrich V. eine Niederlage. Siegreich endete das blutige Gemetzel für das Heer, angeführt vorwiegend von sächsischen Fürsten wie Herzog Lothar von Süpplingenburg und Bischof Reinhard von Blankenburg.

Stolz errichteten die siegreichen Sachsen ein Denkmal. Wir wissen nicht wirklich, wie es ausgesehen hat. Angeblich soll auf einer Säule die Statue eines sächsischen Ritters in voller Rüstung gestanden haben. Angeblich trug der Ritter in seiner linken Hand einen Schild mit dem sächsischen Wappen und in der rechten Hand einen mächtigen Morgenstern. Mit diesem furchteinflößenden Mordwerkzeug soll er so manchen Sachsen niedergestreckt haben. So zumindest überliefert es die »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen«. In Band 1 dieses faszinierenden Werkes, »gesammelt und herausgegeben von Dr. Johann Georg Theodor Gräße«, anno 1855 im »Verlag von Schönfelds Buchhandlung« zu Dresden erschienen, finden wir einen kurzen Bericht (2) »Vom Abgott Jodute«.

Warum die Siegessäule Jodute genannt wurde? Wie dieser Name entstand, das ist bis heute umstritten. Eine Erklärung: Die kriegerischen Sachsen sollen vor einer Schlacht ihre Streitgefährten mit einem Schrei aufgefordert haben, gemeinsam gegen einen Feind ins Feld zu ziehen. Sie sollen »tiod-ute!«, »Zu den Waffen!«,  gebrüllt haben. Aus diesem »tiod-ute!« habe sich der Name »Jodute« entwickelt.

Foto 3: Stolz wie Hermann

»Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen« wiederum bietet eine ganz andere Erklärung (3)! Das Denkmal sei »Signum adjutorii« genannt worden, was zu Deutsch »Zeichen göttlicher Hilfe« heiße. Aus dem Lateinischen »adjutorii« hätten die Bauern »Jodutte« oder »Gedutte« gemacht, einfach weil sie das Lateinische nicht korrekt sprechen konnten. »Die Bauern beteten es an und meinten, dass sie durch die Hilfe von S(ankt). Jodutten den Streit gewonnen hätten.« Ich kann mir nicht vorstellen, dass selbst simpelste Gemüter ein Kriegerdenkmal für die Darstellung eines Gottes hielten. Das berühmte Hermannsdenkmal bei Detmold zeigt keinen Gott, sondern einen legendären Krieger.

Schlichte Touristen mögen heute glauben, dass »der Hermann« pünktlich um 12 Uhr das Schwert von einer Hand in die andere gibt, nicht aber, dass der eiserne Hermann (Foto 3) ein Gott sein soll. Meiner Meinung ist die lateinische Erklärung nicht sehr überzeugend. Vielmehr glaube ich, dass es einst eine Gottheit namens Jodutte gab, für die zum Dank ein Denkmal errichtet wurde. Wie dem auch sei: Noch Ende des 13. Jahrhunderts sollen unzählige Menschen zu  »Jodute« geströmt sein, so wie heute an sonnigen Sommertagen zum »Hermanns-Denkmal« im Teutoburger Wald.

Foto 4: Einer der Drachen im Dom zu Paderborn

Der Ort, wo der  Jodute stand, wurde bald zur Wallfahrtsstätte. Es muss sich bald ein solcher Rummel um das Monument entwickelt haben, dass sich Kaiser Rudolf von Habsburg empörte. Ihm war das Denkmal ein großes Ärgernis, erinnerte es doch an eine empfindliche Niederlage der Kaiserlichen und wohl auch an das Weiterleben des Heidentums nach der Christianisierung. Anno 1289 ließ er den (die?) Jodute entfernen. Sie wurde ins Kloster Wiederstedt geschafft. An ihrem alten Standort wurde eine Kapelle errichtet. In dieser Kapelle wiederum wurde bald ein »Bildstock« aufgestellt, der der »Jodute« recht ähnlich gesehen haben soll. Vielleicht war es gar die Originaljodute selbst?

Meiner Meinung nach kann es sich bei der Figur, die einst auf der Siegessäule stand, nicht um die profane Darstellung eines Kriegers in Rüstung gehandelt haben. Die Bevölkerung jedenfalls glaubte, dass die Jodute über wundersame Kräfte verfügte. Kranke und gesunde Wallfahrer strömten herbei um dem Bildstock ihre Reverenz zu erweisen. Sie begnügten sich freilich nicht, die Jodute zu verehren oder vielleicht zur Jodute zu beten. Die Wallfahrer versuchten, zumindest einen Splitter der Jodute als eine Art Reliquie mit nach Hause zu nehmen. So wurde die mysteriöse Darstellung stark beschädigt, sie schwand nach und nach dahin. Restauriert wurde das kleine Heiligtum offenbar nicht. Anno 1570 schließlich entfernte man den »Bildstock« aus der Kapelle.

Foto 5: Und noch ein Drache im Dom (unweit der Krypta!)

Hinweise auf heidnische Drachen (Fotos 3, 4 und 5!) gibt es auch heute noch in der Krypta des Doms zu Paderborn. Spurlos verschwunden allerdings ist die Jodute von Paderborn. Von ihr will man offenbar in Kirchenkreisen heute überhaupt nichts mehr wissen.

Foto 6: Geschnitzte Drachen im Kampf (Dom zu Paderborn)

Zurück zur eingangs beschriebenen Szene! Jacob Grimm, der geradezu pedantische Erforscher deutscher Mythologie, berichtet von einem heute seltsam anmutenden Brauch, der im Domhof zu Paderborn zelebriert worden sein soll (4): »Im domhof zu Paderborn, da wo den (sic!) götze Jodute soll gestanden haben, wurde bis ins 16. Jahrhundert der tag dominica laetare etwas einem bilde gleich auf eine stange gesteckt, und von den vornehmsten des landes darnach mit prügeln geworfen, bis er nieder zur Erde fiel.« Jacob Grimm schreibt weiter (5): »War das bild abgeworfen, so trieben die kinder spott und spiel damit, und die adlichen feierten ein gastmal.«

Am 4. Fastensonntag wurde also im Domhof zu Paderborn »Götze Jodute« auf eine Stange gesteckt und mit »Prügeln« beworfen, und zwar so lang, bis das einst verehrte Idol zu Boden fiel. Der erste Wurf war der vornehmsten Familie vorbehalten, die dieses Privileg als große Ehre ansah. Lag Bode – vielleicht zertrümmert – am Boden, bedeutete das noch nicht das Ende der Schmähungen. Jetzt durften die Kinder mit der Figur spielen. Warum? Eine Vermutung liegt, meine ich, nahe: Noch im 15 und 16. Jahrhundert hatte »Götze Jodute« in Paderborn Anhänger. Für diese »Heiden« hatte so eine Götterfigur magische Kräfte. Ihnen sollte der Sieg über »Jodute« vor Augen geführt werden. Diesen Heiden sollte die Machtlosigkeit von »Jodute« vor Augen geführt werden, indem das einstige Idol verächtlich behandelt wurde. Nicht überliefert ist, wie erfolgreich auf diese Weise Noch-Heiden zum Christentum geführt wurden.

Foto 7: Gott Krodo
Karl, genannt »der Große« (*wahrscheinlich 747 oder 748) war es offensichtlich nicht gelungen, den Glauben an »Götze Jodute« auszulöschen. War er im Kampf gegen andere Gottheiten erfolgreicher? Dr. Johann Georg Theodor Gräße trug in seinem Werk »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen« eine Fülle von Hinweisen in Sachen heidnische Gottheiten zusammen. Im sächsischen »Marsburg«, so Dr. Gräße, verehrten die Sachsen Gott Mars. Der Gott hieß bei den Sachsen »Armesule«. Ein »Armesule« habe sich auch in Corvey befunden. Eine lateinische Inschrift erklärte: »In Vorzeiten bin ich der Sachsen Gott gewesen, mich hat angebetet das Volk Martis, welches pfleget die Spitze zu führen.« Offenbar handelte es sich um den führenden Stamm der Sachsen, der das Idol anbetete. Karl der Große hat es vernichtet.

Im Harz, zwischen Blocksberg und der Stadt Goslar, genoss der »Abgott Krodo« hohes Ansehen bei den Sachsen. Einer seiner Beinamen lautete »Mutter der Kälte«. Das lässt vermuten, dass Krodo ursprünglich eine heidnische Göttin war. Wie sonst wäre der Beiname »Mutter« zu erklären. Zu seiner Empörung bezeichneten die Sachsen Krodo als »Gott«, für Karl V. war er der »Krodo-Teufel«. Konsequenz: Nach Dr. Gräße hat Karl der Große auch Krodos Denkmal zerstören lassen.


Foto 8: Sehr lesenswert!
Literaturempfehlungen:

Garbe, Burckhard: »Die schönsten Sagen zwischen Harz und Weser«, Kassel 2002 (»Der Götze Krodo in Harzburg«, S.91-95)

Vogler, Mike: »Hexen, Teufel und Germanen/ Teufelsglaube und Hexenwahn als Folge der Christianisierung/ Beispielhaft verdeutlicht am altsächsischen Gott Krodo«, Leipzig 2012


Fußnoten
(1) Stadt Gerbstedt im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt
(2) Gräße, Dr. Johann Georg Theodor: »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen«, Dresden 1855, Seiten 27 und 28
(3) ebenda, Seite 28
(4) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und
     Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
     Berlin 1875-78, Band 3, Seite 7, Zeilen 10-14 von unten
(5) ebenda, Zeilen 6 und 7 von unten

Foto 9: Geschnitzte Drachen...
Zu den Fotos
Foto1: Die Bartholomäuskapelle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Karl der Große (Dürer). Foto gemeinfrei.
Foto 3: Stolz wie Hermann/ Das Hermannsdenkmal. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 4: Einer der Drachen im Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Und noch ein Drache im Dom (unweit der Krypta!). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Geschnitzte Drachen im Kampf (Dom zu Paderborn). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gott Krodo. Stilisierte, symbolische Darstellung. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Sehr lesenswert! Foto Verlag
Foto 9: Ein Besuch des Doms zu Paderborn lohnt sich! Foto Walter-Jörg Langbein

468 »Der Gott mit dem Fisch«,
Teil 468 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 06. Januar 2019




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Sonntag, 29. November 2015

306 »Das Medaillon und eine Göttin«

Teil 306 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Geboren« vor 100 Millionen Jahren...

Vor 150 Millionen Jahren: Wo heute der Hermann aus Metall sein Schwert gen Himmel reckt… wogt ein Meer. Am Grund sammeln sich seit Ewigkeiten Sedimente ab, die sich langsam verdichten. Im Raum Horn-Detmold verläuft ungefähr die Küste…. vor 150 Millionen Jahren.

Vor 100 Millionen Jahren haben sich die Ablagerungen in Sandstein verwandelt. Fachbezeichnung heute: Osningsandstein, »Geburtszeit« Erdzeitalter der Unterkeide. Die sandigen Ablagerungen deuten auf Küstennähe hin.

Vor 70 Millionen Jahren: Durch Bewegungen der Erdkruste wird der ursprünglich flach am Boden liegende Sandstein von der Horizontalen in die Senkrechte geschoben. Gewaltige tektonische Kräfte sind am Werk.  Der Sandstein wird nicht nur aufgestellt, das Gestein wird auch gebrochen und zerklüftet.

Foto 2: Drachenszene...  Foto 3: Drachenkopf

Vor 70 Millionen Jahren werden die nun senkrecht stehenden Steinmassen durch Wasser und Wind freigelegt. Die Externsteine entstehen, die Kräfte der Natur formen sie zu Steinsäulen.  Sie ragen bis zu vierzig Meter hoch aus dem Untergrund. Wasser dringt in die Steine ein, gefriert im Winter, sprengt mit Urgewalt Steinpartien unterschiedlicher Größe ab.

So entsteht vor rund 70 000 000 Jahren das bizarre Felsgebilde, das heute Millionen von Touristen anlockt…. Die Externsteine. So formen Naturgewalten ein steinernes Denkmal, das seit Jahrtausenden Menschen anlockt.

Vor rund 13 000 Jahren sind die Externsteine Ziel von Jägern und Sammlern. Sie benutzen den Bogen als Jagdwaffe und primitives Werkzeug aus Feuerstein. Ihre Steingeräte werden im 20. Jahrhundert bei Ausgrabungen bei den Externsteinen entdeckt. Feste Behausungen kennen diese Menschen der Ahrensburger Kultur noch nicht. Sie nutzen natürliche »Überdachungen« –  Felsüberhänge – als Wetterschutz. So finden sie bei den Externsteinen Unterschlupf, eine gewisse Sicherheit vor Unwettern. Zu fragen ist: Waren die Externsteine für die Steinzeitmenschen auch so etwas wie ein »Heiligtum«? Gab es vor 13 000 Jahren schon so etwas wie natürliche Höhlen in den Externsteinen, die später – wann? – zu einem Kammersystem erweitert wurden? Umstritten ist bis heute, wann diese Kammern genutzt wurden.

Fotos 4 und 5: Das Kammersystem im Externstein...

Wann wurden erstmals in der Kuppelkammer – in der Skizze gelb markiert – Feuer entfacht und warum? Geschah dies im 1. Jahrtausend vor Christus oder später? Wurden Tote verbrannt? Oder hatten die ersten Feuer profanere Zwecke? Brachte man den Stein durch massive Befeuerung förmlich zum »Glühen«, um ihn dann mit Wasser abzuschrecken? Erweiterte man auf diese Weise die Kuppelgrotte? Durch den Kälteschock platzt heißes Gestein ab…

Welchem Zweck diente das »Blutloch« –  in der Skizze rot markiert? Diente es der Luftzufuhr für die Feuer in der Kuppelkammer? Entstand das mysteriöse Relief des »Wächters« – 2 im Skizzenplan – in vorchristlichen Zeiten oder erst später? Hatte das rätselhafte »Kreuzabnahmerelief« – 4 im Skizzenplan – einen vorchristlichen Vorläufer, der umgearbeitet wurde?

Foto 6: Das Kreuzabnahmerelief mit Autor Langbein

Unbestreitbar aber sind das Kammersystem (inklusive Kuppelkammer!), das Wächterrelief und das Kreuzabnahmerelief künstlich, von Menschenhand geschaffen. Schriftliche Quellen gibt es nicht. In alten Märchen wird immer wieder eine Verbindung zwischen Externsteinen und dem Teufel hergestellt. Meiner Überzeugung nach ist das ein deutlicher Hinweis auf heidnisches Brauchtum, das von christlichen Missionaren »verteufelt« wurde.

Heidnischen Ursprungs ist auch ganz ohne Zweifel das Medaillon, das vor 1822 an einem der Externsteine gefunden wurde. Es zeigt eine weibliche Gestalt, die fast vollkommen von einer sehr schmalen Mondsichel eingerahmt wird. Am Kopf trägt sie eine weitere, kleine Sichel. Die Frau – Göttin oder Priesterin – zeigt ihre geöffneten Hände. Betet sie? Segnet sie? Die kleine  Mondsichel am Kopf könnte auf die Venus hindeuten. Mond… Venus… Göttin oder Priesterin auf einem Medaillon… deutlicher können Hinweise auf einen vorchristlichen Kult kaum ausfallen! Die kleine Venussichel befindet sich hinter dem Haupt der mysteriösen weiblichen Gestalt. Es handelt sich also auf keinen Fall um auf dem Haupt sitzende Hörner!

Fotos 7, 8 und 9: Das Medaillon mit der »Göttin«

Leider konnte ich zum geheimnisvollen Bildnis nichts Näheres in Erfahrung bringen, außer dass es vor 1822 an einem der Externsteine gefunden wurde. Das Medaillon wird auch als »Kupferplakette« bezeichnet. Aus christlicher Sicht könnte man das Medaillon als Anspielung auf die Offenbarung des Johannes (1) verstehen.

In der »Elberfelder« Übersetzung lesen wir: »Und ein großes Zeichen erschien im Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, und der Mond war unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.« Die »Neue Genfer Übersetzung« formuliert leicht abgewandelt: »Nun war am Himmel etwas Außergewöhnliches und Bedeutungsvolles zu sehen: eine Frau, die mit der Sonne bekleidet war; unter ihren Füßen war der Mond, und auf dem Kopf trug sie eine Krone aus zwölf Sternen.«

Die »Frau« ist auf dem Medaillon ebenso zu sehen wie »der Mond zu ihren Füßen«, Sonne und Sterne freilich sucht man vergeblich. Interessant ist, dass in der Offenbarung des Johannes auf das Erscheinen eines Drachens hingewiesen wird (2):

»Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.«

Foto 10: Mondsichel, Venus und »Göttin«

Von der Theologie wird diese Beschreibung gern auf Maria, die Gottes-Mutter, bezogen, deren Kind – Jesus – vom Teufel bedroht werden würde. Der Drache findet sich auf dem Relief der Externsteine, unter der Darstellung der »Kreuzabnahme«. Aber ist es wirklich der Drache im christlichen Sinne? Oder interpretieren wir ein heidnisches Bild um? Wir können ein Buch lesen und die Botschaft der Buchstaben, Worte und Sätze erschließen sich uns. Bilder aber bieten sehr viel Platz für Spekulationen. Bildliche Darstellungen christlicher Geschichten aus dem »Neuen Testament« verstehen wir nur, weil wir die Geschichten bereits kennen. Ohne Kenntnis der Evangelien wären die bildlichen Darstellungen unverständlich. Heidnische Bilder können also völlig falsch verstanden werden, wenn wir sie nach christlichem Verständnis interpretieren!

Fotos 11 und 12: Rücken und Beine des Drachens

Mir stellt sich immer wieder eine Frage: Betrachten wir das Medaillon und das Kreuzabnahme-Relief voreingenommen durch eine christliche Brille? Sehen wir voreilig Christliches, wo Heidnisches gezeigt wird, weil wir christliche Bilder im Kopf haben? Etwas Drachenartiges darf nach christlicher Weltsicht nur als Teufel gesehen werden. Sind wir beim Betrachten viel stärker von unseren christlichen Wurzeln beeinflusst als wir ahnen, ja als uns lieb ist?

Sollen wir Christliches erkennen, wo ursprünglich Heidnisches gemeint war? Ist die »Drachenszene« unter der »Kreuzabnahme« von einem sehr viel älteren heidnischen Bild-Relief überig geblieben?

Wurde das »Kreuzabnahme-Relief« aus einem älteren, heidnischen Bildnis erarbeitet? Wurde ein heidnisches Motiv mit Hammer und Meißel umgestaltet, retuschiert sozusagen? Unzählige Male stand ich vor dem Kreuzabnahmerelief. Je nach Sonnenstand verändern sich die Bilder. Die Konturen des »Drachenmotivs« unter dem Kreuzbild sind seltsam verschwommen. Der Drache wendet uns anscheinend seinen Rücken zu. Seine Beine und kräftigen Füße sind noch am besten zu erkennen…

Foto 13: »Mini-Hermann«

Fußnoten

(1) »Offenbarung des Johannes« Kapitel 12, Vers 1

(2) »Offenbarung des Johannes« Kapitel 12, Verse
3 und 4, zitiert nach Bibel-Ausgabe »Luther 1984«



Zu den Fotos:

Fotos 1, 2 und 3: Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Barbara Kern
Fotos 7, 8, 9 und 10: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11, 12 und 13: Walter-Jörg Langbein



307 »Nikolaus und die goldenen Äpfel«,
Teil 307 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.12.2015



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Sonntag, 22. November 2015

305 »Rätselraten um eine Schlacht«

Teil 305 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Hermann alias Arminius
»Schade, dass Sie gleich weiter müssen…«, bedauert der wortgewandte Touristenführer seine Schäflein. »Oder wollen Sie doch noch ein paar Stündchen warten? Um 18 Uhr erfolgt der berühmte Schwertwechsel! Dann nimmt Hermann sein Schwert in die andere Hand!« Unglaubliches Staunen, gelangweilte Gleichgültigkeit und müde Geistesabwesenheit sind die Reaktionen der gemischten Gruppe. Ob es wirklich je jemand dem Touristenführer abnimmt, dass der Hermann, ein riesiges Denkmal in Metallhülle, sein Schwert von der einen in die andere Hand wandern lässt?

»Das Hermannsdenkmal…«, rattert der Touristenführer weiter, »hat eine Gesamthöhe von 53,46 Metern, die Figur des Hermann selbst misst stolze 26,57 Meter. Bis zur Errichtung der Freiheitsstaue in Amerika war der Hermann die höchste Statue der westlichen Welt! Den rechten Arm hat Hermann emporgestreckt. Er hält darin ein eisernes Schwert… Länge sieben Meter. Gewicht 550 Kilogramm. Krupp hat die riesige Waffe gestiftet! Links hält Hermann ein mächtiges Schild zu seiner Verteidigung. Höhe zehn Meter!«

Das Hermannsdenkmal ist eines der beliebtesten Touristenziele Deutschlands. Es dürfte eines der bekanntesten Denkmäler Europas sein. Errichtet wurde es zur Erinnerung an die »Schlacht im Teutoburger Wald«. Im Jahre 9 des Herrn besiegten germanische Stämme unter Führung des Arminius, alias Hermann, eine an Zahl weit überlegene römische Armee. Die römische Niederlage beeinflusste die weitere Geschichte Europas. Die Römer verzichteten darauf, ihr Imperium über den Rhein nach Osten auszudehnen.

Foto 2: Zeitgenössische Darstellung des Sockels

Ernst von Bandel verfolgte das Projekt »Hermannsdenkmal« gegen alle möglichen Widerstände über Jahrzehnte. Es gab immer wieder bittere Rückschläge, auch der Bau des Denkmals selbst verlief nicht ohne Unterbrechungen. 1838 wurde nach gründlicher Vorbereitung mit dem Bau des monumentalen Denkmals begonnen. Für das Denkmal – schon für den mächtigen Sockel – benötigte man Baumaterial. Also nutzte man den Jahrtausende alten Ringwall als »Steinbruch«.

Die Finanzierung machte immer wieder Probleme. So wurde das »deutsche Volk« 1840 in einem Spendenaufruf gebeten, sich an den immensen Kosten zu beteiligen.

Foto 3: Eine der zahllosen Spendenlisten

1872 waren endlich die einzelnen Teile des Denkmals fertig. Sie wurden nach Detmold auf den Teutberg geschafft. Ernst von Bandel zog in ein bescheidenes Blockhaus vor Ort und organisierte die Errichtung eines gewaltigen Holzgerüsts zum Hochziehen der einzelnen Bauelemente des Denkmals. Anno 1875, am 16. August,  wurde das Denkmal schließlich eingeweiht, am 25. September 1876 verstarb Ernst von Mandel, nur wenige Monate nach Vollendung seines Lebenstraums.

Umstritten ist bis heute, ob das Denkmal an der richtigen Stelle steht, ob die legendäre Varus-Schlacht wirklich bei Detmold stattfand. Gern wird von interessierten Kreisen behauptet, die legendäre Varus-Schlacht habe gar nicht bei Detmold stattgefunden, sondern in Kalkriese bei Bramsche im Osnabrücker Land. Als »Beweise« wird auf Münzfunde hingewiesen. Und in der Tat wurden 627 Münzen geborgen, zum Teil mit der Prägung »VAR«. Diese Münzen stammen aus den Jahren 7 bis 9 nach Christus. Verschwiegen wird von den »Kalkriese-Fans« allerdings die Tatsache, dass in Kalkriese auch »Asse«-Münzen aus der Zeit von 12 n.Chr. bis 14 n.Chr. ans Tageslicht kamen.

Vermutlich handelt es sich bei den »Beweisen« für Kalkriese als Ort der »Hermannsschlacht« um Spuren eines anderen Gemetzels. Die Besatzung des römischen Nordlagers Tulifurdum war auf dem Rückzug und wurde wohl um 14 oder 15 n.Chr. in Kalkriese in einen Hinterhalt gelockt und vernichtend geschlagen.

Foto 4: Siegreicher Hermann
Die Behauptung, die Varus-Schlacht habe bei Kalkriese stattgefunden und nicht bei Detmold scheint sich mehr und mehr als Publicity-Gag zu erweisen…. Zweck: Hunderttausende, ja Millionen von Touristen, die bisher nach Detmold strömen, sollen nach Kalkriese umgeleitet werden. So kritisiert der Historiker Peter Kehne (1), Hannover, dass eine vage »Interpretationsmöglichkeit« von PR-Spezialisten »durch ständige Repetition zu einer angeblichen ›Gewissheit‹ und damit schon Kalkriese zur ›historischen Tatsache‹« hochgejubelt wird.

Was von der »PR-Fraktion Kalkriese« gern verschwiegen wird: Der Engpass bei Kalkriese, wo angeblich Varus und seine drei Legionen besiegt worden sein sollen, der ist einfach zu klein, bietet zu wenig Platz. Für mich ist es ein Fakt: Kalkriese kommt als Varus-Hermann-Schlachtfeld eher nicht infrage.

Foto 5: Ernst von Badel um 1875
Wo genau das große Gemetzel im Jahr 9 n.Chr. stattgefunden hat, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Beim Streit um die Identifizierung dieses Orts geht es wenigen seriösen Historikern um geschichtliche Wahrheit und  vielen  eifirg wettstreitenden Tourismus- Managern um Millionen. Millionen von Touristen bringen Millionen von Euros…

Übrigens: Ernst von Bandel war mit der Wahl des Orts für das Hermanns-Denkmal  nicht wirklich einverstanden. Ernst von Bandel hätte den riesengroßen »Hermann« lieber bei den Externsteinen gesehen. Unklar ist, ob von Bandel wusste, dass beim Bau seines Denkmals eine mächtige germanische Wallburg aus eindeutig vorchristlichen Zeiten zerstört wurde.

Noch im frühen 19. Jahrhundert soll die imposante Wallanlage – wohl vergleichbar mit der Herlingsburg –  deutlich zu erkennen gewesen sein. Die – ich wiederhole – vorchristliche germanische Burg wurde zerstört, um das »Hermannsdenkmal« zur Erinnerung an eine Schlacht zu bauen, von der niemand wirklich weiß, wo sie stattgefunden hat.

Deutliche Indizien weisen aber mehr auf den Teutoburger Wald hin als auf Kalkriese. Varus verlegte anno 9 n.Chr. seine Truppen vom Sommerlager – vermutlich im Großraum Hameln – ins Winterlager an den Rhein. Vom vermuteten Sommerlager an den Rhein hätte der direkte Weg in die Region des heutigen Detmold geführt. Irgendwo hier muss zur berühmten Schlacht gekommen sein…. Vom Sommerlager aus ins Winterlager wäre der Weg über Kalkriese ein unnötiger Umweg gewesen. Kein Argument lässt sich  für einen  solchen längeren Weg
finden.

Foto 6: Unermüdlicher Hermann
Ein »guter Kandidat« für die Varusschlacht ist das sogenannte »Winfeld«. Hier wurden Waffen und Münzen gefunden. Fand also hier das legendäre Gemetzel statt? Das »Winfeld« überzeugt mich jedenfalls mehr als »Kalkriese«. Das »Winfeld« liegt bei Horn, unweit der Externsteine. Ernst von Bandel wollte ja sein Hermannsdenkmal bei den Externsteinen errichtet sehen, konnte sich aber nicht durchsetzen. Also akzeptierte er den Standort bei Detmold. An einem Streit um den genauen Platz für das Monument sollte sein Projekt nicht scheitern! (2)

Wer meint, die alte Germanenburg fiel der Zerstörung ausschließlich  im 19. Jahrhundert zum Opfer, der irrt. Im »Führer zu archäologischen Denkmälern« heißt es (3) in Band 11 (»Der Kreis Lippe II): »Die etwa 11 Hektar große Innenfläche der der Grotenburg ist durch die Gaststätte, Parkplätze und Wegführung in Verbindung mit dem Hermannsdekmal weitestgehend zerstört oder versiegelt.«

                                                                                                  Fußnoten

Foto 7: Mini-Hermann vor der Tür
1) Kaifer, G. (Hrsg.): »Hermann Denkmal/ Naturpark Teutoburger Wald Wald«, Bad Salzuflen 2004, S. 27
2) ebenda, S. 26
3) Hohenschwert, Friedrich (Bearbeitung): »Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland/ Band 11/ Der Kreis Lippe II«, Stuttgart 1985, S. 140

Zu den Fotos...

Fotos 1, 4, 6 und 7: Walter-Jörg Langbein. Fotos 2, 3 und 5: Archiv Langbein


306 »Das Medaillon und eine Göttin«
Teil 306 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 29.11.2015


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