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Sonntag, 16. Dezember 2018

465 »Monster im Meer?«

Teil 465 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Branko Čanak glaubt, dass die acht Drachen in der Gruft der Abdinghofkirche eine äußerst nützliche Tätigkeit ausüben. Die geheimnisvollen Wesen in der Krypta der Abdinghofkirche sind seiner Meinung nach (1) »Wasserdrachen, Hüter der Paderquellen und älteste Bewohner der Gegend«.

Jahrtausende älter ist Drachen Mušḫuššu (vermutlich Musch-chusch-schu ausgesprochen) aus dem uralten Reich der Sumerer. Eine schöne Darstellung dieser Kreatur zierte einst das legendäre Ištar-Tor, das heute im Pergamon-Museum, Berlin, bestaunt werden kann.

Foto 1: Drachen Mušḫuššu

Hesekiel siedelt Drachen auch im Wasser an, nämlich »im Meer«. Gab es Monster im Meer? Und er hebt im Vergleich die gewaltige Stärke der Meeresdrachen hervor. In der unrevidierten Lutherbibel von 1545 lesen wir (2): »Du Menschenkind, mache eine Wehklage über Pharao, den König zu Ägypten, und sprich zu ihm: Du bist gleichwie ein Löwe unter den Heiden und wie ein Meerdrache und springest in deinen Strömen und trübest das Wasser mit deinen Füßen und machst seine Ströme trübe.«

Martin Buber (1925-1978) war ein weltweit geachteter österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph. Intensiv wie kein anderer Gelehrter setzte er sich mit den Schriften des »Tenach«, in unseren Gefilden als »Altes Testament« bekannt, auseinander. Wer ohne des Hebräischen kundig zu sein wissen möchte, wie die Texte des »Alten Testaments« im Hebräischen lauten, ist mit der buberschen Übersetzung (3) bestens beraten. Martin Buber war bemüht, die altehrwürdigen Texte so ins Deutsche zu übertragen, dass möglichst alle sprachlichen Besonderheiten erhalten blieben. Wie Buber in einem Interview erklärte, ging es ihm dabei nicht um die Untermauerung einer Lehre oder Theologie. Vielmehr wollte er, sinnbildlich gesprochen, ein Fenster zur Welt des »Tenach« aufstoßen. Buber übersetzt (4): »Du … warst … wie der Drache im Meer.«

Foto 2: 2 der 8 Drachen in der Krypa der Abdinghofkirche

 In der »Elberfelder Bibel« sucht man vergeblich nach dem Drachen, stattdessen wird da übersetzt: »…und doch warst du wie ein Seeungeheuer in den Meeren.« Eine Fußnote erklärt: »Gemeint ist das Krokodil im Nil.« Das glaube ich nicht! Denn es ist im Text, daran gibt es keinen Zweifel, vom »Meer« und nicht vom »Nil« die Rede. »Hoffnung für alle« verzichtet auf eine Fußnote und macht in der »Übersetzung« das »Meer« zum »Nil«, in dem sich tatsächlich Krokodile tummelten: »Doch du gleichst eher einem Krokodil im großen Fluss!« Ganz ähnlich verfährt die »Menge Bibel«: » … und (du) warst doch nur wie ein Krokodil im Nilstrom.« Vom Krokodil im Nil fabuliert auch die französische Version des »Alten Testaments«, »Bible du Semeur« (5).

»Schlachter 2000« belässt es beim Meer, lässt aber den Drachen verschwinden: » … und du warst wie ein Seeungeheuer in den Meeren.« Die Übersetzer der »Zürcher Bibel« haben wohl erkannt, dass der Nil kein Meer ist. Also verwandelten sie das Meer des Originaltextes verallgemeinernd in Wasser und machten aus dem Drachen wiederum ein Krokodil: »Und du warst wie das Krokodil im Wasser.« Die »Gute Nachricht Bibel« hat keine Angst vor dem Drachen und übersetzt mutig: »Von allen Königen warst du der größte, du Drachenungetüm im weiten Meer!« Auch in der »Neuen Evangelischen Übersetzung« finden wir wieder »unseren« Drachen, der sich freilich nicht mehr im Meer tummelt: »Ein Junglöwe unter den Völkern warst du, wie ein Drache in den Seen.«

Foto 3: Buch Hesekiel, Piscatorbibel 1684

Die »English Standard Version« belässt es beim Drachen in den Meeren: »But you are like a dragon in the seas;« (»Aber Du bist wie ein Drachen in den Meeren;«). Auch im englischsprachigen Raum ist man sich nicht einig. Die »New International Version« vermeldet: »You are like a monster in the seas.« (»Du bist wie ein Monster in den Meeren.«) Die »King James Version« schreckte vor dem Drachen zurück, wollte aber ein Nilkrokodil nicht in die Meere verfrachten und erklärte den Drachen geschwind zum Wal, genauergesagt sie vergleicht den Drachen mit einem Wal (6): »Du bist wie ein Wal in den Meeren.«

Drachen? Monster? Krokodil? Wal? Verlassen wir die widersprüchlichen Übersetzungen und wenden wir uns älteren Quellen zu. Hieronymus übersetzte von 382 bis 420 n.Chr. das »Alte Testament« neu ins Lateinische (»Biblia Latina«) (7). Im Lateinischen stoßen wir wieder auf den Drachen (8), zu Deutsch: »Du bist gleichgemacht … dem Drachen.« Älter noch ist die Übersetzung des hebräischen »Alten Testaments« ins Griechische. Die sogenannte »Septuaginta« gilt als die älteste durchgehende Übersetzung der Bibel ins Griechische. Die griechische Übersetzung des ursprünglich in Hebräisch verfassten Buches Hesekiel entstand vielleicht schon 250 v.Chr., spätestens 100 v.Chr. Und da steht an der entscheidenden Stelle klipp und klar »δράκων«, also Drachen.

Die griechische Septuaginta wurde für des Griechischen unkundige Leser wieder aus dem griechischen Original u.a. ins Deutsche übersetzt. Jetzt kommt wieder die »Drachenschlange« ins Spiel (9): » … Du warst wie die Drachenschlange im Meer.«

Foto 4: Hesekiel Kapitel 32, Vers 2, Piscatorbibel 1684

Johannes Piscator (* 27. März 1546 in Straßburg; † 26. Juli 1625 in Herborn), war ein elsässischer reformierter Theologe und Bibelübersetzer. Mit geradezu pedantischer Akribie übertrug Piscator 1602 bis 1604 die Texte des Alten und des Neuen Testaments aus den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch ins Deutsche seiner Zeit. Was seine Übersetzungen so wertvoll macht: Piscator hielt sich sehr viel strikter als Martin Luther an die Vorlagen.

Eine Neuauflage der »Piscator Bibel« zu einem erschwinglichen Preis ist überfällig. Für 2016 war eine eBook-Version der kompletten »Piscator Bibel« angekündigt. Noch (Stand 9. Mai 2019) ist diese Version des wichtigen Werkes aber nicht erschienen. Nach wie vor heißt es auf der Homepage des Sepher-Verlags, Herborn, sie werde »demnächst« erscheinen.

Erhältlich sind Altes Testament, Neues Testament und Apokryphe Schriften in der Übersetzung von Piscator als Faksimile Druck in mehreren Bänden schon heute. Der Preis ist im Hinblick auf den Arbeitsaufwand des Verlags sicher angemessen, liegt aber mit insgesamt über 1.000 Euro recht hoch. Mit etwas Glück findet man in Antiquariaten »Piscatorbibeln« aus dem 18. und 17. Jahrhundert zu ähnlichen, manchmal gar günstigeren Preisen. Piscators Übersetzung, erschienen 1684 in Bern, lautet (10): »Du bist gleich wie ein junger loew unter den Heyden: ja du bist wie ein wallfisch in den meeren und brichst herfuer und betruebest das wasser mit deinen fuessen und machst seine stroeme trueb.«

Foto 5: Ergänzung zu Hesekiel 32, 2 (Piscator 1736)

Seltsam: Der Drachen wird hier wieder zum »Walfisch in den Meeren«, wühlt aber mit seinen Füßen das Wasser auf und macht »Ströme trüb«. Ein Walfisch mit Füßen? Mag sein, dass es den Herausgebern von Piscators »Biblia« auffiel, das ein Wal ja doch wohl keine Füße hat. So wurde in der Ausgabe der Piscatorbibel von 1736 Vers 2 von Hesekiels 32. Kapitel um einen Kommentar ergänzt: »Es wird Pharao einem reissenden thier auf dem land, und einem grossen wasser=thier, (es seye ein cocodil oder meer=pferd) verglichen.

Die Erklärung unterschlägt also klammheimlich den Wal. Es ist überhaupt fraglich, ob zur Entstehungszeit des »Alten Testaments« der Wal überhaupt bekannt war. Falsch, mag der Bibelleser einwenden, kennen wir doch alle das nach Jona benannte »Büchlein« im »Alten Testament« und seine mysteriöse Geschichte. Jona weigert sich, als Gottes Prophet nach Ninive zu reisen und flieht per Schiff. Gott schickt einen Sturm, Jona bietet sich als Menschenopfer für Gott an. Die Seeleute akzeptieren und werfen Jona ins tosende Meer. Und dann verschluckt ein Wal den Jona? So kennt man das doch! Falsch!

Fotos 6 und 7: Blick in die Krypta der Abdinghofkirche, gestern und heute

Der unbekannte Verfasser des Jonas-Büchleins, benutzt immer die Umschreibung, »gadowl dag« im Hebräischen, zu Deutsch »großer Fisch«. So steht es auch in unseren Bibeln. Wikipedia freilich schreibt unter dem Stichwort »Jona« in der »Gliederung« vom »Wal« (11): »2,1–11: Im Meer, im Bauch des Wales«, erst später korrekt vom »großen Fisch«. Übrigens: Der Bericht vom biblischen Jona kann auf sehr viel älteren Quellen basieren: auf assyrischen und babylonischen. Der Vorläufer von Jona war offenbar Oannes, ein Mischwesen aus Fisch und Mensch. Oannes kam aus dem Meer und brachte, wie der babylonische Priester des Gottes Bel-Marduk Berossos im frühen 3. oder späteren Jahrhundert zu berichten wusste, den Menschen Kultur. Berossos gilt heute noch als einer der wichtigsten Priesterastronomen der Antike.

Foto 8: Ausschnitt aus Hesekiel Kap.32, Vers 2 (Piscatorbibel 1736)

Vom »Wal« zum »Drachen«: Beim »Drachen« scheint es sich um eine reale Kreatur gehandelt zu haben, das im Meer und an Land leben konnte. Was uns wieder zu den acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche bringt. Jacob Grimm berichtet in seinem monumentalen dreibändigen Werk »Deutsche Mythologie« (14), dass nach alter Mythologie Brunnen und Quelle »von dabei liegenden schlangen und drachen gehütet« wird.

Ist das die Aufgabe der acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche? Sind sie Hüter der Quellen, die einst in der Erde unter Paderborn sprudelten? Einst galten sie wohl als heilig. Einst mag es im Bereich des Doms und der Kaiserpfalz ein uraltes Quellheiligtum gegeben haben, das Karl der Große zerstören ließ. In unserer Zeit gelten Quellen nicht mehr als heilig. Schonungslos springen wir mit Quellen um. In Paderborn ist so manche Quelle für immer versiegt, als eine Tiefgarage angelegt wurde.

Fußnoten
(1) http://wasserdrachen-podcast.de/
(2) Hesekiel Kapitel 32, Vers 2. Das Lutherdeutsch wurde heutigem Sprachgebrauch angepasst. Siehe http://www.jesus-is-lord.com/germezek.htm (Stand 12.10.2018)
(3) »Die Schrift. Aus dem Hebräischen verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig«, 4 Bände, 2688 Seiten, Deutsche Bibelgesellschaft, 1. Auflage, 1992
»Die Schrift. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig«, mit Bildern von Marc Chagall , 1176 Seiten, GVH Wissenschaft & Gemeindepraxis, 1. Auflage Oktober 2007
(4) Buber, Martin und Rosenzweig, Franz: »Bücher der Kündung/ Neubearbeitete Ausgabe«, Köln 1966, S. 527, letzter Absatz unten
(5) » … au crocodile dans les flots.«
(6) » … and thou art as a whale in the seas.« (» ... und du bist wie ein Wal in den Meeren«
(7) https://www.bibel-online.net/geschichte/ (Stand 12.10.2018)
(8) Hesekiel Kapitel 32, Vers 2 im Latein der Vulgata: »Leoni gentium assimilatus es, et draconi qui est in mari, et ventilabas cornu in fluminibus tuis, et conturbabas aquas pedibus tuis, et conculcabas flumina earum.«
(9) »Spetuaginta Deutsch/ Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung«, Deutsche Bibelgesellschaft, 2. Verbesserte Auflage, Stuttgart 2010, Hesekiel Kapitel 32, Vers 2, Seite 1306, Spalte 2, rechts unten
(10) Piscatorbibel, Bern 1684. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen. Umlaute wurden mit einem hochgestellten e über dem Vokal wiedergegeben, also ein kleines e über dem o in low bedeutet löw. Die heute gebräulichen »Pünktchen« bei ä, ö und ü entwickelten sich aus dem hochgestellten e über a, o und e.

Foto 9: Hochgestelltes e über Vokalen statt ä, ö und ü

(11) https://de.wikipedia.org/wiki/Jona (Stand: 13.10.2018)
(12) Sie hierzu auch Gmirkin, Russell E.: »Berossus and Genesis, Manetho and Exodus: Hellenistic Histories and the Date of the Pentateuch«, New York/London 2006.
(13) Siehe hierzu »Dictionary of Dities and Demons in the Bible«, 2. gründlich überarbeitete Auflage, Lewiden, Boston und Köln 1999, Seite 265
(14) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage, Berlin 1875-78, Band I, S. 485, 2. Absatz von unten

Zu den Fotos

Foto 10:  Hesekiel Kapitel 32, Vers 2 (komplett), Piscatorbibel 1736

Foto 1: Drachen Mušḫuššu,Pergamonmuseum, Ischtartor, wikimedia commons, Foto hahaha
Foto 2: 2 der 8 Drachen in der Krypa der Abdinghofkirche. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Buch Hesekiel, Piscatorbibel 1684. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Hesekiel Kapitel 32, Vers 2, Piscatorbibel 1684. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Ergänzung zu Hesekiel 32, 2 (Piscator 1736). Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Blick in die Krypta der Abdinghofkirche, gestern und heute.
(Foto 6: Historische Aufnahme, Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto 7: Walter-Jörg Langbein)
Foto 8: Ausschnitt aus Hesekiel Kap.32, Vers 2 (Piscatorbibel 1736). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Hochgestelltes e über Vokalen statt ä, ö und ü. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10:  Hesekiel Kapitel 32, Vers 2 (komplett), Piscatorbibel 1736. Foto Walter-Jörg Langbein


»Professor Langdon und der Pfau«,
Teil 466 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.12.2018




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Sonntag, 2. Dezember 2018

463 »Böse Drachen, gute Drachen«

Teil 463 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: 2 Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche

Der »Bund Sankt Michael« informiert auf seiner Internetseite » Das christliche Kulturerbe des schützenden und bewahrenden Dienstes« (1) über »Symbole und Zeichen des schützenden Dienstes im Christentum« (2). Da lesen wir, kurz und bündig: »Drachen und Schlangen sind Symbole für das Böse, das alles Wertvolle sowie den Menschen und seine Seele bedroht, sowie für allgemeine Lebensbedrohung.« Wenn der Drachen so negativ gesehen wird, warum wurden dann in der Krypta der Abdinghofkirche gleich acht Drachen an einem Säulenkapitell verewigt?

Der Drachen ist in der christlichen Theologie ein Symbol für das Böse, das zu bekämpfen gilt. Drachentöter werden in der sakralen Kunst sehr häufig gezeigt: als Heroen, die böse Untiere besiegen. Belege für die böse Natur der Drachen finden sich im Alten Testament! Was selbst eifrigen Bibellesern meist verborgen bleibt: Im Alten Testament finden sich versteckte Hinweise auf Drachen aus uralten, vorbiblischen Zeiten. Ein Drachen wird gar namentlich genannt. Und der muss als böse angesehen worden sein, denn sonst hätte ihn Gott ja nicht vernichtet. Laut Bibel war dieser Drachen älter als die Schöpfung! Und er war nach Ansicht der Bibelautoren, böse!

Foto 2: Zwei der acht Drachen...

Im Buch Hiob (3) wird dieser Sachverhalt kurz angesprochen: »Durch seine Kraft hat er (Gott) das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« In der babylonischen Mythologie ist Rahab ein Meeresdrachen namens Tiamat. Tiamat aber war eine der ältesten Gottheiten überhaupt, nämlich die große Meeresgöttin. Als »Tehom« tritt die Meeresgöttin auch im »Alten Testament« auf, allerdings nur im hebräischen Original, nicht in den Übersetzungen der christlichen Interpreten. Die Übersetzer wussten mit der uralten Göttin nichts anzufangen. Sie ließen sie hinter Umschreibungen verschwinden.

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.« So, oder so ähnlich, werden für gewöhnlich die ersten Sätze des »Alten Testaments« übersetzt. Korrekter ist die berühmte »Elberfelder Bibel«: »Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer und Finsternis war über der Tiefe.« Auch die Schlachter-Übersetzung bietet Finsternis, die über der Tiefe lag... wie auch schon die legendäre lateinische Übersetzung fast zwei Jahrtausende früher von »abyssus«, also von »Abgrund« spricht. Im hebräischen Original finden wir »Tehom«. 

Das alttestamentarische »tehom« weist auf die babylonische Meeresgöttin Tiamat, Mutter aller Götter und Göttinnen, hin! Tiamat ist noch ein weiteres Mal im Schöpfungsbericht der Bibel verborgen. Wo es in Übersetzungen heißt »Und die Erde war wüst und leer!«, da steht im Hebräischen »Tohuwabohu«, »Tohu und Bohu«. Auch »Tohu« geht auf den Meeresdrachen Tehom zurück. Mit »Bohu« könnte das männliche Pendant Behom, der männliche Erdgott, gemeint sein.

Foto 3: Haben diese Drachen eine Aufgabe?

Uralt ist die Legende vom »Drachenkönig und seinen Söhnen« in China. Wann sie zum ersten Mal erzählt wurde, das vermag niemand zu sagen. Es gab sie schon sehr, sehr lange in China, ja eigentlich schon »immer«. Waren die neun Söhne des Drachenkönigs zunächst anonym, so bekamen sie in der Ming Dynastie ihre Namen. Damals, so überliefert es die Legende, wollte der Kaiser von seinem General wissen, wie denn die Namen dieser mysteriösen Wesen lauteten. Der General wusste es nicht, erfuhr aber, dass die Namen dem Volk durchaus vertraut seien. Also machte er sich auf die Suche und fragte das Volk aus.

Wann der Drachenkönig wohl zum ersten Mal auftauchte? Das war schon viel früher, nämlich vor 6000 Jahren. Im Jahr 1970 fand man in einem Grab in der Nähe der Stadt Chifeng in der Inneren Mongolei in einem Grab eine Darstellung des Drachenkönigs, den die Entdecker Zhu Long nannten. Der Name rührt daher, dass einige Archäologen in dem mysteriösen Wesen einen Drachen (Long), andere ein Schwein (Zhu) sahen. Weil die Archäologen sich nicht auf einen Namen einigen konnten, verknüpften sie beide Bezeichnungen zu einem, zu Zhu Long. Autorenkollege und Chinaexperte Alexander Knörr schrieb mir per Mail (4): »Später dann fand man in weiten Teilen Chinas ähnliche Grabbeigaben, die alle, wie auch der erste Fund, aus der Zeit der Hong Shan Kultur und deren Ablegern stammten (9.000 bis 6.000 Jahre alt).«

Fotos 4 und 5: Sollen sie erschrecken oder behüten?

Wikipedia schreibt (5): »Das in der Mythologie Chinas häufig vorkommende Wesen (Drachen!) ist, im Gegensatz zu den europäischen Drachen, eher mit einer Gottheit als mit einem (böswilligen) Dämon zu vergleichen.« 

Ein heute noch sehr beliebter Drachenkönigssohn hatte eine spezielle Aufgabe zu erledigen. Er war – und ist –  dafür zuständig, dass die Geldströme nicht versiegen und das Einkommen ständig wächst. In China sieht man ihn als Statuette in Restaurants und anderen Geschäften. Um sich den Drachenkönigssohn gewogen zu machen, legt man Münzen um diese Statuetten. Das soll das Einkommen des Spenders steigern. Chinaexperte und Buchautor Alexander Knörr (6): »Die Schildkröte steht im Chinesischen immer für langes Leben. Sie soll in diesem Fall dem Besitzer der Figur ein langes Leben schenken, und der Sohn des Drachenkönigs ein gutes Einkommen bescheren.«

Wer genau hinsieht, wird bei »meinem« »Schildkrötendrachen« Münzen und »Schiffchen« mit einer Kugel darin erkennen. Alexander Knörr erklärte mir (7): »Bei den Schiffchen handelt es sich um eine frühe Form des chinesischen Münzgeldes. Das sogenannte Barrengeld. Während man alle normalen Einkäufe mit den runden, eckigen oder schwertförmigen Cash-Münzen bezahlte (deswegen auch der Name Cash für Geld), nahm man für größere Anschaffungen kleine Silberbarren in dieser speziellen Form.«

Foto 6: Chinesischer Schildkrötendrachen mit Münzen.

In der Welt der christlichen Symbolik haben Drachen wie die Schlange im Paradies eine negative Bedeutung, in der chinesischen Mythologie häufig eine positive. Wie sind die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche zu verstehen? »Paderborn.de« erklärt (9)»Das östliche Kapitell verfügt über den reichsten Schmuck. Das Tierkapitell zeigt acht Drachen mit geringeltem Hinterleib, Flügeln und einem kleinen Spitzbart am Kopf. Diese mythischen Drachen waren seit der Antike bis ins hohe Mittelalter Sinnbild für Naturkräfte, die hier vermutlich die Wasserquellen der Pader schützen sollten. Diese Schlangendrachen sind hier eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit.«

Im Blog »Museum in der Kaiserpfalz« (10) lesen wir etwas anderes (11): »Um die Paderquellen ranken sich Sagen und Legenden, u. a. die der Wasserdrachen. Die Krypta in der Abdinghofkirche besitzt ein Tierkapitell mit acht Drachen, welche als Metapher für die heilende Kraft der Natur die Paderquellen beschützt haben sollen und den Quellkeller bewohnen.«

Foto 7: Der Schatz des Schildkrötendrachen.

Die Säule mit den acht Drachen befindet sich ganz in der Nähe des Altars. Sie ist, das ergab meine Messung, nur 1,80 Meter hoch. An allen vier Seiten der Bündelsäule befinden sich schmale Reliefstreifen (Breite jeweils etwa 50 cm, Höhe jeweils etwa 10 cm). Ganz eindeutig sind die acht Fabelwesen als Drachen zu erkennen. Geringfügige Beschädigungen stören den Gesamteindruck nicht. So sind einige kleine Risse auszumachen. Zu erkennen sind auch, wenn man genau hinschaut, kleine Ausbesserungen. So fehlen winzige Teile der Reliefs. Auch sind an manchen Stellen die Umrisse der Drachen nur noch zu erahnen, was meiner Meinung nach für ein sehr hohes Alter der Darstellungen spricht. Unverkennbar sind die spitzen Bärte der Drachen. Sollte es sich um männliche Drachen handeln? Betrachtet man die detailreichen in den Stein geritzten Zeichnungen sehr sorgsam, so erkennt man Hinweise auf »Schuppen«, passend zu reptilienhaften Drachen.

Sollten die Quellen von Paderborn in heidnischen Zeiten als heilsam gegolten haben? Gab es einst in Paderborn ein heidnisches Quellheiligtum? Der Sage nach (12) wurden die Quellen einst von keinem Geringeren als vom höchsten Gott der heidnischen Sachsen, von Wotan alias Odin, geschaffen. Übrigens: Es gibt eine seltsame Parallele zwischen Jesus und Wotan! Nach christlichem Glauben ließ sich Jesus kreuzigen und vollzog damit ein Selbstopfer. Nach christlichem Verständnis brachte sich Gott als letztes Opfer selbst dar. So wie Jesus am Kreuz hing, so hängte sich Odin alias Wotan an den. Weltenbaum Yggdrasil.

Im »Geschichtsforum« (13) lesen wir im Kapitel »Paderborner Ortsnamen« (14): »Es gibt einige sagenhafte Hinweise auf den Fund heidnischer Opfergaben und die Quelle unter dem Gebäude der Kaiserpfalz gilt als heilig. Aber die Analyse von Sagen und Märchen hat bekanntlich ergeben, dass so ziemlich jedes Gewässer in der/den westgermanischen Religion/en als Zugang zum Jenseits galt.«»Böse« Drachen im Christentum, »gute Drachen« bei den »Alten Chinesen«.

Und welche Bedeutung haben die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche zu Paderborn?

Foto 8: Quellwasser unter der Kaiserpfalz.

Fußnoten
(1) https://bundsanktmichael.org/kultur/ (Stand 1.10.2018)
(2) https://bundsanktmichael.org/kultur/symbole-und-zeichen/ (Stand: 1.10.2018)
(3)  Buch Hiob Kapitel 26, Vers 12
(4) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 18.5.2016, 6 Uhr 45. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Long_(Mythologie) (Stand: 1.10.2018)
(6) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 29.1.2016
20 Uhr 29. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(7) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 12.5.2016, 15 Uhr 10. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(8) https://www.paderborn.de/index.php (Stand 1.10.2018)
(9) https://www.paderborn.de/tourismus-kultur/sehenswuerdigkeiten/Abdinghofkirche_Sehensw.php (Stand 1.10.2018) : »Abdinghofkirche St. Peter und Paul«, Stichwort »Krypta«
(10) https://www.kaiserpfalz-paderborn.de/blog
(11) https://www.kaiserpfalz-paderborn.de/blog/ganz-schoen-cool-der-unterirdische-quellkeller (Stand 1.10.2018)
(12) https://www.paderborn.de/veranstaltungen/events/sagen-legenden-erzaehlungen.php (Stand 1.10.2018)
(13) http://www.geschichtsforum.de/  (Stand 1.10.2018)
(14) http://www.geschichtsforum.de/thema/paderborner-ortsnamen.52493/ (Stand 1.10.2018)

Foto 9: Quellwasser unter altem Gemäuer (Kaiserpfalz)

Zu den Fotos:
Foto 1: 2 Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche. Foto/ Nachzeichnung Walter-Jörg Langbein
Foto 2: 2 der 8 Drachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Haben diese Drachen eine Aufgabe? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Sollen sie erschrecken oder behüten? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Chinesischer Schildkrötendrachen mit Münzen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Schatz des Schildkrötendrachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Quellwasser unter der Kaiserpfalz. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Quellwasser unter altem Gemäuer (Kaiserpfalz). Foto Walter-Jörg Langbein

464 »Drachen, Jungfrauen und ein himmlischer Fluss«,
Teil 464 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09.12.2018



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Sonntag, 5. Februar 2017

368 »Faust und Alexander der Große fahren in den Himmel«

Teil  368 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick ins Freiburger Münster
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Es ist Nacht. Sie liegen im Bett, können aber nicht schlafen. Sie wälzen sich ruhelos hin und her, denken über die Geheimnisse nach, die der unendliche Kosmos wohl zu bieten hat. So manches Buch haben Sie zu diesem spekulativen Thema schon gelesen. Plötzlich nehmen Sie ein gewaltiges Brausen wahr. Die Fensterläden werden auf und zu geschlagen. Auch Ihre Zimmertür wird wie von unsichtbarer Hand geöffnet und kracht wieder ins Schloss. Schließlich stehen Sie auf, gehen ans Fenster und blicken in die Nacht. Da sehen Sie es, ein fliegendes Ding, das sich vom Himmel herab senkt. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen der fliegende Apparat einen gehörigen Schrecken einjagt. Sie bekommen es mit der Angst zu tun, versuchen zu fliehen. Vergeblich! Irgendwie werden Sie in das Innere dieses »Dings« geschafft. Sie fliegen an Bord ins All, sehen schließlich aus großer Höhe Planet Erde tief unter sich. Sie erkennen die Erdteile. Eine Woche dauert Ihr ungewöhnliches Abenteuer. Am 8. Tag sind Sie wieder zuhause, Sie sind erschöpft und schlafen drei Tage.

Aus der UFO-Literatur sind Ihnen derlei Berichte natürlich bekannt. »Alien abductions«, also Entführungen durch Außerirdische, gehören schon seit Jahrzehnten zur UFO-Literatur. Prof. John E. Mack nahm derlei Berichte ernst und ging von realen Entführungen durch Außerirdische aus. Sein Buch zum Thema Entführungen sorgte weltweit für Aufsehen (1). Stellen Sie sich vor, Ihnen würde Ähnliches widerfahren. Würden Sie an Ihrem Verstand zweifeln? Oder würden Sie Ihr Erlebnis für eine echte Begebenheit halten – oder doch nur für einen »komischen Traum«? Ob die Lektüre von SF-Romanen oder von mehr oder minder seriöser UFO-Literatur zu Ihrem »Traum« geführt hat? Haben Sie vielleicht zu viele SF-Filme gesehen, die Entführungen durch Außerirdische zum Thema hatten? Oder haben Sie vielleicht doch so etwas wie eine Abduktion durch Außerirdische erlebt?

Foto 2: Fausts Himmelfahrt.

Anno 1587 erschien beim Frankfurter Verleger Johann Spies »Das Volksbuch vom Doctor Faust«. Von diesem Original soll nur ein einziges Exemplar erhalten geblieben sein. 1884 wurde, basierend auf dieser Rarität, eine »revidierte Fassung« veröffentlicht. Robert Petsch wiederum verdanken wir eine vollständige Neuausgabe vom »Volksbuch«, basierend auf der Erstausgabe von 1587. Fakt ist (2): »Seit dem ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts erregte an verschiedenen Stellen des deutschen Landes ein Mann großes Aufsehen, der sich geheimen Wissens und wunderbarer Kräfte rühmte und der sich mit seinem latinisierten Familiennamen Georgius Sabellicus, häufiger aber, wohl im Hinblick auf einen älteren Zauberer des Namens, Georg Faustus (›iunior‹) nannte. Er hatte eine mindestens halbgelehrte Bildung genossen und erhob wissenschaftliche Ansprüche.«

Das 25. Kapitel des Volksbuches vom Faust (3) trägt den Titel »Wie Doct. Faustus in das Gestirn hinauff gefahren«. Diverse Ausgaben des mysteriösen Volksbuches sind seither erschienen, freilich sind nicht alle komplett. Vollständig – und leichter zu finden – ist die seriöse Reclamausgabe von 2012. Liest man den Text, so  wie er Ende des 16. Jahrhunderts – 1587 – erschienen ist, so erkennt man – trotz gewisser Probleme mit der ungewohnten Sprache – die Schilderung eines fantastisch anmutenden Erlebnisses. Am ehesten lässt sich der über vier Jahrhunderte alte Text mit uns heute wohlbekannten Entführungsgeschichten vergleichen.

Foto 3: Faust konnte nicht schlafen ...

Faust konnte nicht schlafen und grübelte vor sich hin. Er dachte über die Beschaffenheit des Firmaments nach, als er ein »ungestümes Brausen« hörte und ob eines gewaltigen Windes erschrak, der auf sein Haus »zuging«. Fensterläden und Kammertür wurden aufgeschlagen. »Darob ich nit ein wenig erschrack.« Faust vernahm »eine brüllende Stimm« und schaute schließlich aus dem Fenster. Was er da erblickte muss ihn schockiert haben: Ich »sahe einen Wagen mit zweyen Drachen herab fliegen, der war Hellischer Flammenweiß zu sehen.«


Foto 4: Fantasie oder Entführung durch Außerirdische...

Faust sah also ein Vehikel vom Himmel herab kommen, eine »Fuhr«, einen Wagen, getragen von zwei Drachen. Mit Grausen versuchte er, so heißt es weiter im Bericht, zu fliehen, doch vergeblich. Die fliegenden Drachen trugen ihn empor. Lautes Rauschen war zu vernehmen, Feuerströme waren zu sehen. Lesen wir da die Fantastereien eines unbekannten Schreiberlings? Oder liegt dem kuriosen Bericht vielleicht doch so etwas wie eine »Entführung durch Außerirdische« zugrunde? Lassen wir noch einmal Faust zu Wort kommen: »Je hoeher ich kame, je finsterer die Welt  war, unnd gedauchte mich nicht anders, als wenn ich vom hellen Sonnentag in ein finsters Loch fuehre. Sahe also vom Himmel herab in die Welt.«

Foto 5: Faust blickt aus dem All auf die Erde.

Lautes Rauschen und Feuerströme passen zur Beschreibung eines Fluges ins All – per Raumschiff. Völlig zutreffend ist auch der Hinweis, dass es immer finsterer wurde, je höher Faust empor – ins All – getragen wurde. Und schließlich wagte Faust aus der Schwärze des Himmels – aus dem All? – einen Blick auf die Erde. Aus einer Höhe von 47 Meilen, so verrät es der Text in den Worten Fausts, »da sahe ich viel Koenigreich, Fuerstenthumb unnd Wasser, also daß ich die ganze Welt, Asiam, Aphricam und Europam, gnugsam sehen kondte.«

Foto 6: Das Münster anno 1897.
Der gute Faust kam aus dem Staunen nicht heraus. Ein hilfreicher Geist musste ihm erklären, welche Länder und Reiche 47 Meilen unter ihnen zu sehen sind: »Sicilia, Polen, Dennmarck, Italia, Teutschland« und »Asiam, Aphricam Item, Persiam und Tartarey, Indiam und Arabiam«, »Pommern, Reussen und Preussen, desgleichen Polen, Teutschland, Ungern und Osterreich«. Die Länder wiederholen sich immer wieder in der Auflistung, als ob Faust in einem hoch fliegenden Raumschiff immer wieder die Erde umrundet hätte. Aus gewaltiger Höhe konnte Faust sehen, wo die Sonne schien und wo Unwetter ganze Landstriche heimsuchten. Erstaunt notierte Faust noch eine weitere Beobachtung: zwischen ihm und der Erdoberfläche gab es »das Gewuelcke«, also das »Gewölk«, »dick wie eine Mawer (Mauer)«. Aus dieser Wolkenschicht regnete es auf die Erde.

Das 25. Kapitel des Volksbuches vom Faust (3) trägt den Titel »Wie Doct. Faustus in das Gestirn hinauff gefahren«. Was ist mit dem »Gestirn« gemeint? Und darf, ja muss man »in das Gestirn« wörtlich nehmen? Ist also Faust nach oben, in große Höhe geflogen – in das »Gestirn« hinein? Könnte es sich um eine riesige Raumstation gehandelt haben, in die Faust entführt wurde? Poetisch mutet seine Rückkehr zur Erde an: »Im herab fahren sahe ich auff die Welt, die war wie der Dotter im Ey, und gedauchte mich die Welt were nicht einer Spannen lang, und das Wasser war zwey mal breiter anzusehen.«

Der Text aus dem Jahr 1587 ist nicht immer leicht zu verstehen. Sprache und Rechtschreibung wirken auf uns Heutige befremdlich. Ob der unbekannte Verfasser, der unter dem geheimnisumwitterten Namen zu Tinte und Feder gegriffen hat, überhaupt begriffen hat, was er uns mitzuteilen versuchte? Gut möglich ist es, dass der angebliche »Faust« gar nicht selbst erlebt hat, was wir da heute im 25. Kapitel im »Volksbuch vom Faust« lesen. Unbestritten ist: Es wurden ältere Quellen benutzt, wie zum Beispiel die mysteriöse Enzyklopädie »Elucidarium«. Eine isländische Fassung dieses Opus soll um 1200 entstanden sein, also lange vor Faustens Zeiten. Auch die »Schedelsche Weltchronik«, anno 1493 zu Nürnberg in einer deutschen und einer lateinischen Version erschienen, soll als eine Quelle gedient haben. Wie alt aber mögen die ältesten Quellen sein, aus denen für das Volksbuch geschöpft wurde?

Foto 7: Die Turmsilouette des Münsters.
Was mich aufhorchen ließ: Nach dem »Volksbuch vom Doctor Faust« dienten »zwey Drachen« als Antrieb für das mysteriöse Flugvehikel, das Faust »in das Gestirn hinauff« in die Dunkelheit (des Alls?) brachte. Und just dieses Szenario lockte mich in das altehrwürdige Münster von Freiburg im Breisgau. Da schleppen nämlich zwei Drachen keinen Geringeren als Alexander den Großen empor, ermöglichen ihm eine Himmelfahrt. Freilich bediente sich Alexander der Große einer List, die auch –  in vergleichbarer Form –  Lukas der Lokomotivführer anwandte. Alexander der Große machte sich auf in den Himmel, und das bei lebendigem Leibe, nicht als entleibte Seele in irgendwelche himmlischen Jenseits-Gefilde. Laut dem präzise ausgearbeiteten Relief am Eingang zur Nikolauskapelle im Münster zu Freiburg erlebte Alexander der Große eine Himmelfahrt wie Faust!

Besuchen wir gemeinsam das Freiburger Münster!


Fußnoten
1) Mack, John E.: »Abduction/ Human Encounters with Aliens«, Boston 1994.
Mack, John E.: »Entführt von Außerirdischen«, Essen 1995, Taschenbuchausgabe München 1997
2) Petsch, Robert (Hrsg.): »Das Volksbuch vom Doctor Faust/ Nach der ersten Ausgabe, 1587«, 2. Auflage, Halle a.S. 1911, S. VI
3) ebenda, S. 54-58
4) Füssel Stephan und Kreutzer, Hans Joachim (Hrsg.): »Historia von D. Johann Fausten/ Text des Druckes von 1587/ Kritische Ausgabe«, Reclam, Ditzingen, 2012, S.56-59

Foto 8: Himelfahrt von Alexander, genannt der Große. Foto Walter-Jörg Langbein

Zu den Fotos

Foto 1: Blick ins Freiburger Münster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Fausts Himmelfahrt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Faust konnte nicht schlafen ... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fantasie oder Entführung durch Außerirdische... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Faust blickt aus dem All auf die Erde. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Das Münster anno 1897. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Die Turmsilouette des Münsters. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Himmelfahrt von Alexander, genannt der Große. Foto Walter-Jörg Langbein

369 »Auf der Suche nach Alexanders Himmelfahrt«,
Teil  369 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 12.02.2017



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Sonntag, 29. November 2015

306 »Das Medaillon und eine Göttin«

Teil 306 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Geboren« vor 100 Millionen Jahren...

Vor 150 Millionen Jahren: Wo heute der Hermann aus Metall sein Schwert gen Himmel reckt… wogt ein Meer. Am Grund sammeln sich seit Ewigkeiten Sedimente ab, die sich langsam verdichten. Im Raum Horn-Detmold verläuft ungefähr die Küste…. vor 150 Millionen Jahren.

Vor 100 Millionen Jahren haben sich die Ablagerungen in Sandstein verwandelt. Fachbezeichnung heute: Osningsandstein, »Geburtszeit« Erdzeitalter der Unterkeide. Die sandigen Ablagerungen deuten auf Küstennähe hin.

Vor 70 Millionen Jahren: Durch Bewegungen der Erdkruste wird der ursprünglich flach am Boden liegende Sandstein von der Horizontalen in die Senkrechte geschoben. Gewaltige tektonische Kräfte sind am Werk.  Der Sandstein wird nicht nur aufgestellt, das Gestein wird auch gebrochen und zerklüftet.

Foto 2: Drachenszene...  Foto 3: Drachenkopf

Vor 70 Millionen Jahren werden die nun senkrecht stehenden Steinmassen durch Wasser und Wind freigelegt. Die Externsteine entstehen, die Kräfte der Natur formen sie zu Steinsäulen.  Sie ragen bis zu vierzig Meter hoch aus dem Untergrund. Wasser dringt in die Steine ein, gefriert im Winter, sprengt mit Urgewalt Steinpartien unterschiedlicher Größe ab.

So entsteht vor rund 70 000 000 Jahren das bizarre Felsgebilde, das heute Millionen von Touristen anlockt…. Die Externsteine. So formen Naturgewalten ein steinernes Denkmal, das seit Jahrtausenden Menschen anlockt.

Vor rund 13 000 Jahren sind die Externsteine Ziel von Jägern und Sammlern. Sie benutzen den Bogen als Jagdwaffe und primitives Werkzeug aus Feuerstein. Ihre Steingeräte werden im 20. Jahrhundert bei Ausgrabungen bei den Externsteinen entdeckt. Feste Behausungen kennen diese Menschen der Ahrensburger Kultur noch nicht. Sie nutzen natürliche »Überdachungen« –  Felsüberhänge – als Wetterschutz. So finden sie bei den Externsteinen Unterschlupf, eine gewisse Sicherheit vor Unwettern. Zu fragen ist: Waren die Externsteine für die Steinzeitmenschen auch so etwas wie ein »Heiligtum«? Gab es vor 13 000 Jahren schon so etwas wie natürliche Höhlen in den Externsteinen, die später – wann? – zu einem Kammersystem erweitert wurden? Umstritten ist bis heute, wann diese Kammern genutzt wurden.

Fotos 4 und 5: Das Kammersystem im Externstein...

Wann wurden erstmals in der Kuppelkammer – in der Skizze gelb markiert – Feuer entfacht und warum? Geschah dies im 1. Jahrtausend vor Christus oder später? Wurden Tote verbrannt? Oder hatten die ersten Feuer profanere Zwecke? Brachte man den Stein durch massive Befeuerung förmlich zum »Glühen«, um ihn dann mit Wasser abzuschrecken? Erweiterte man auf diese Weise die Kuppelgrotte? Durch den Kälteschock platzt heißes Gestein ab…

Welchem Zweck diente das »Blutloch« –  in der Skizze rot markiert? Diente es der Luftzufuhr für die Feuer in der Kuppelkammer? Entstand das mysteriöse Relief des »Wächters« – 2 im Skizzenplan – in vorchristlichen Zeiten oder erst später? Hatte das rätselhafte »Kreuzabnahmerelief« – 4 im Skizzenplan – einen vorchristlichen Vorläufer, der umgearbeitet wurde?

Foto 6: Das Kreuzabnahmerelief mit Autor Langbein

Unbestreitbar aber sind das Kammersystem (inklusive Kuppelkammer!), das Wächterrelief und das Kreuzabnahmerelief künstlich, von Menschenhand geschaffen. Schriftliche Quellen gibt es nicht. In alten Märchen wird immer wieder eine Verbindung zwischen Externsteinen und dem Teufel hergestellt. Meiner Überzeugung nach ist das ein deutlicher Hinweis auf heidnisches Brauchtum, das von christlichen Missionaren »verteufelt« wurde.

Heidnischen Ursprungs ist auch ganz ohne Zweifel das Medaillon, das vor 1822 an einem der Externsteine gefunden wurde. Es zeigt eine weibliche Gestalt, die fast vollkommen von einer sehr schmalen Mondsichel eingerahmt wird. Am Kopf trägt sie eine weitere, kleine Sichel. Die Frau – Göttin oder Priesterin – zeigt ihre geöffneten Hände. Betet sie? Segnet sie? Die kleine  Mondsichel am Kopf könnte auf die Venus hindeuten. Mond… Venus… Göttin oder Priesterin auf einem Medaillon… deutlicher können Hinweise auf einen vorchristlichen Kult kaum ausfallen! Die kleine Venussichel befindet sich hinter dem Haupt der mysteriösen weiblichen Gestalt. Es handelt sich also auf keinen Fall um auf dem Haupt sitzende Hörner!

Fotos 7, 8 und 9: Das Medaillon mit der »Göttin«

Leider konnte ich zum geheimnisvollen Bildnis nichts Näheres in Erfahrung bringen, außer dass es vor 1822 an einem der Externsteine gefunden wurde. Das Medaillon wird auch als »Kupferplakette« bezeichnet. Aus christlicher Sicht könnte man das Medaillon als Anspielung auf die Offenbarung des Johannes (1) verstehen.

In der »Elberfelder« Übersetzung lesen wir: »Und ein großes Zeichen erschien im Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, und der Mond war unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.« Die »Neue Genfer Übersetzung« formuliert leicht abgewandelt: »Nun war am Himmel etwas Außergewöhnliches und Bedeutungsvolles zu sehen: eine Frau, die mit der Sonne bekleidet war; unter ihren Füßen war der Mond, und auf dem Kopf trug sie eine Krone aus zwölf Sternen.«

Die »Frau« ist auf dem Medaillon ebenso zu sehen wie »der Mond zu ihren Füßen«, Sonne und Sterne freilich sucht man vergeblich. Interessant ist, dass in der Offenbarung des Johannes auf das Erscheinen eines Drachens hingewiesen wird (2):

»Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.«

Foto 10: Mondsichel, Venus und »Göttin«

Von der Theologie wird diese Beschreibung gern auf Maria, die Gottes-Mutter, bezogen, deren Kind – Jesus – vom Teufel bedroht werden würde. Der Drache findet sich auf dem Relief der Externsteine, unter der Darstellung der »Kreuzabnahme«. Aber ist es wirklich der Drache im christlichen Sinne? Oder interpretieren wir ein heidnisches Bild um? Wir können ein Buch lesen und die Botschaft der Buchstaben, Worte und Sätze erschließen sich uns. Bilder aber bieten sehr viel Platz für Spekulationen. Bildliche Darstellungen christlicher Geschichten aus dem »Neuen Testament« verstehen wir nur, weil wir die Geschichten bereits kennen. Ohne Kenntnis der Evangelien wären die bildlichen Darstellungen unverständlich. Heidnische Bilder können also völlig falsch verstanden werden, wenn wir sie nach christlichem Verständnis interpretieren!

Fotos 11 und 12: Rücken und Beine des Drachens

Mir stellt sich immer wieder eine Frage: Betrachten wir das Medaillon und das Kreuzabnahme-Relief voreingenommen durch eine christliche Brille? Sehen wir voreilig Christliches, wo Heidnisches gezeigt wird, weil wir christliche Bilder im Kopf haben? Etwas Drachenartiges darf nach christlicher Weltsicht nur als Teufel gesehen werden. Sind wir beim Betrachten viel stärker von unseren christlichen Wurzeln beeinflusst als wir ahnen, ja als uns lieb ist?

Sollen wir Christliches erkennen, wo ursprünglich Heidnisches gemeint war? Ist die »Drachenszene« unter der »Kreuzabnahme« von einem sehr viel älteren heidnischen Bild-Relief überig geblieben?

Wurde das »Kreuzabnahme-Relief« aus einem älteren, heidnischen Bildnis erarbeitet? Wurde ein heidnisches Motiv mit Hammer und Meißel umgestaltet, retuschiert sozusagen? Unzählige Male stand ich vor dem Kreuzabnahmerelief. Je nach Sonnenstand verändern sich die Bilder. Die Konturen des »Drachenmotivs« unter dem Kreuzbild sind seltsam verschwommen. Der Drache wendet uns anscheinend seinen Rücken zu. Seine Beine und kräftigen Füße sind noch am besten zu erkennen…

Foto 13: »Mini-Hermann«

Fußnoten

(1) »Offenbarung des Johannes« Kapitel 12, Vers 1

(2) »Offenbarung des Johannes« Kapitel 12, Verse
3 und 4, zitiert nach Bibel-Ausgabe »Luther 1984«



Zu den Fotos:

Fotos 1, 2 und 3: Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Barbara Kern
Fotos 7, 8, 9 und 10: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11, 12 und 13: Walter-Jörg Langbein



307 »Nikolaus und die goldenen Äpfel«,
Teil 307 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.12.2015



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Sonntag, 22. Februar 2015

266 »Tod und Leben«

Teil 266 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom anno 1939
Es regnet in Strömen, die Straße glänzt. Eine elegant gekleidete Dame hastet über das Pflaster. Ihr Schirm, den sie aufgespannt hat, wehrt sich wacker gegen den offenbar starken Wind. Im Hintergrund sind man – recht klein – weitere Passanten, die dem Regen trotzen. Rechts vorn steht ein Mann, vielleicht ein Polizist. Er blickt zur Dame. Und links im Bild erkennt man das Portal des Doms zu Bremen.

Die Aufnahme entstand am 16. April 1939. Seit einigen Jahren sind die Nationalsozialisten an der Macht. Noch ist Frieden im »Deutschen Reich«. Japan führte allerdings schon seit Monaten einen erbitterten Krieg gegen die Sowjetunion um den Grenzverlauf. In Asien sterben Soldaten der »Kaiserlich Japanischen Armee« und der »Nationalrevolutionären Armee der Republik China«. Wer den »Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg« ausgelöst hat, das ist bis heute umstritten.

Zurück zum Dom von Bremen. Bereits anno 1638 stürzte der Südturm ein. Dombaumeister Ernst Erhardt stellt in seinem »Handbuch und Führer« (1) fest: »Wenige Jahrzehnte später wurde die Spitze des Südturms und ein Teil des Kirchendaches durch Brand zerstört. Seit jener Zeit war die ehemals stolze und stattliche Kathedrale der bremischen Erzbischöfe dem Verfall anheim gegeben, der immer weiter fortschritt und bis in die neuere Zeit dauerte.

Ein Teil der Westseite lag in Trümmern, große Flächen der ehemals fest gefügten Mauern hatte das Wetter arg zerfressen, die Portale waren zerstört, Bildwerke abgemeißelt. So bot im Westen die Kirche in ihrer Verstümmelung und Verwitterung einen unerfreulichen Anblick. Aber auch an den übrigen Seiten schritt der Verfall … fort. .. Im Inneren waren die Gewölbe durch das Ausweichen der Mauern sehr schadhaft geworden, und deckten mehrere Anstriche die alten Malereien. Die vielen Schäden, die das Gebäude in den letzten Jahrhunderten durch Feuer und Menschenhand erlitten hatte, wurden entweder gar nicht oder nur notdürftig beseitigt. Endlich, im Jahre 1888, begann eine großartige Wiederherstellung des Domes in all seinen Teilen.«

Bis zum Abschluss der Arbeiten im Jahre 1901 mussten astronomische 2 800 000 Mark fast ausschließlich von der Bremer Bürgerschaft aufgebracht werden. Um den Dom zu sichern, mussten intensive Stützungsarbeiten am Fundament vorgenommen werden. Dabei wurden die als »verschollen« geltenden Gebeine von Erzbischof Liemar (verstorben 1101 n.Chr.) wieder entdeckt.

Am 16. April 1939 entstand ein Foto in Bremen. Es zeigt zur Linken den Dom, bevor er Jahre später unmittelbar vor Kriegsende massiv von den Alliierten bombardiert und wieder beschädigt, ja teilweise zerstört wurde. (Foto 1) Man erahnt die Figuren von David, Moses, Petrus und Paulus mehr als dass man sie wirklich erkennt. Und zu ihren Füßen nimmt man die metallenen Fassadenfiguren wahr. Sie stammen aus der Zeit der massiven Renovierungs- und Neubaumaßnahmen am Dom, wurden also gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen, und zwar vom Bildhauer Küsthardt (2).

Schlange beißt Adler. Detail. Foto W-J.Langbein

Im Verhältnis zum rund tausendjährigen Dom sind sie also recht jung. Der Künstler, von dem keinerlei erklärende Kommentare zu den mysteriösen Monster- oder Fabeltieren vorliegen, war offensichtlich ein Kenner uralter Mythologie.

So verwendete er Symbole wie die Schlange, die das Christentum von sehr viel älteren Kulturen übernommen hatte. Die Schlange vom Dom zu Bremen ist freilich mehr Drachenmonster als das uns vertraute Reptil. Das Bremer Exemplar hat sogar Zähne im Maul, um bei Angriffen richtig zubeißen zu können. Bildhauer Küsthardt setzte die Schlange als das Symbol für das Böse ein, während die Schlange im Vorderen Orient allgemein sehr angesehen war und als personifizierte Weisheit und Erleuchtung verehrt wurde.

Schlange mit Zähnen. Detail. Foto W-J.Langbein

Die biblische Schlange versprach Adam und Eva die Unsterblichkeit der Götter. In Indien ließ sich der Schlangenkönig Vasuki herab, als Quirl zu dienen, wenn der mythische Milchozean geschlagen werden musste, um den Unsterblichkeitstrank herzustellen. Der Wunsch, wie die Götter zu werden, wurde zum Verhängnis von Adam und Eva. Bestraft wurde die Schlange, weil sie Eva verführt hatte. Gott nahm dem Reptil die Beine. Eva musste von nun an unter Schmerzen gebären und Adam im Schweiße seines Angesichts schuften. In der christlichen Plastik vor dem Dom zu Bremen kämpft der Adler (Symbol für das Christentum) gegen die böse Schlange (Symbol für das Böse). Noch aber ist der Kampf nicht entschieden. Das Reptil ist zwar nieder gerungen, greift aber noch an, verbeißt sich in der Pranke des Adlers.

Das Quirlen mit der Schlange Vasuki

Wenn Sie den Dom zu Bremen besichtigen, nehmen Sie sich Zeit für die von den meisten Besuchern kaum beachteten metallenen Fassadenfiguren, die ebenerdig auf Besucher warten. Ein sehr plastisch dargestellter Kampf ist besonders interessant und rätselhaft. Suchen Sie die mittlere Figur, es ist Karl der Große. Sie finden den Regenten mittig zwischen David und Moses zur linken Seite und Petrus und Paulus zur rechten Seite. Auch Karl der Große steht, so wie seine »Kollegen« rechts und links auf kurzen Sandsteinsäulen. Die Säule von Karl dem Großen steht auf einem Podest mit einem so gar nicht christlich wirkenden Kampfgetümmel. Da ist wieder der Löwe, mit mächtigem, imposantem Haupt. Der König der Tiere hat sich im Hals eines undefinierbaren Monsters verbissen, das einen Schrei ausstößt. Noch ist dieses Wesen mit schuppigem Leib – ein Drache mag es sein – nicht besiegt.

Kampf auf Leben und Tod. Foto W-J.Langbein

Am Boden aber liegt eine seltsame Kreatur mit säulenartigem, zerbrochenem Leib. Mit einer Pranke stützt sich der Löwe auf dem Hals des besiegten und zerstörten Dings auf. Das Haupt des unterlegenen Wesens ist menschlich, doch ist das Gesicht von Stahlen umgeben.

Tür zum Dom. Foto W-J.Langbein
Niemand schien sich für die Portalfiguren zu interessieren, an denen doch jeder Besucher des Doms vorbeigehen muss. Lange Zeit hatte ich vergeblich nach Literatur zu den geheimnisvollen Tierfiguren vor dem Dom gesucht. Ich habe mir Kirchenführer, Reiseführer, Abhandlungen über Kirchen und Dome besorgt. Niemand ging auf die doch recht großen Tierplastiken ein. Nach langem Recherchieren wurde ich endlich fündig. Ich fand in einem Antiquariat »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, 1921 in Bremen erschienen. Ernst Erhardt, Dombaumeister in Bremen von 1897 bis 1901 hat es verfasst. Erhardt geht, wenn auch nur kurz, auf die Metallfiguren ein, auch auf die interessanteste Darstellung an der Domfront (4):

»Die Karl den Großen tragende Säule ruht auf einem den Drachen überwältigenden Löwen, am Boden liegt ein zertrümmertes Götzenbild. Diese Darstellung deutet auf die durch Karl begonnene und durchgeführte Niederwerfung und Bekehrung der heidnischen Sachsen hin.« Ernst Erhardt bezeichnet das zertrümmerte Ding wohl richtig als besiegten Götzen, verzichtet aber auf Vermutungen, um welchen »Götzen« es sich wohl handeln mag. Eine Vermutung liegt mehr als nur nahe. Auf einer verzierten Säule saß einst ein Haupt mit Strahlen. Es dürfte sich bei dem »Götzen« also doch wohl um eine Sonnengottheit handeln.

Sterbendes Monster im Griff des Löwen. Foto W-J.Langbein

Dr. Ingrid Weibezahn fragt (5): »Was hat es aber mit dem Kopf mit Strahlenkranz auf sich, der zu Füßen von Karl dem Großen niedergestreckt liegt, hinter sich ein Ungeheuer, das von einem Löwen an der Kehle gepackt wird? Schon oft wurden wir von Dombesuchern mit Fragen zu dieser Szene bestürmt und konnten bisher nie eine passende Antwort geben.« Sie schildert in ihrem Artikel »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst« schließlich, wie sie dank eines Zufalls und mit detektivischem Spürsinn den »Götzen« identifizieren konnte.

Kurz gefasst: Vielleicht diente dem Bildhauer Küsthardt ein Gemälde von Alfred Rethel als Vorlage, das Karl den Großen zeigt, der soeben die Irminsul gestürzt hat. Vielleicht nahm sich der Künstler auch  ein Fresko aus dem Aachener Rathaus zum Vorbild. Wie dem auch sei: Die Irminsul wird als Statue mit einer Säule als Leib und einem Haupt mit Sonnen-Strahlenkranz dargestellt. Sie ist beim Sturz zerbrochen. Das Haupt liegt vor dem Leib, auch einige der »Sonnenstrahlen« sind abgeplatzt.

Zerbrochenes Götzenbild. Foto W-J.Langbein

Alfred Rethel (1816-1859) erinnert Dr. Ingrid Weibezahn an (5) »eine Überlieferung, nach der Karl der Große im Jahr 772 unweit der Eresburg im Sauerland ein Baum(?)heiligtum der Sachsen zerstört haben soll. Hier war nun der lang gesuchte ikonographische Zusammenhang: Ein Löwe als Symbol für die Stärke Karls (oder des Christentums, was hier quasi gleichbedeutend ist) zerfleischt ein heidnisches Ungeheuer, das Götzenbild mit dem Strahlenkranz (ein Bildnis des Germanengottes Baldur??) liegt bereits zerbrochen davor.«


Der Hinweis auf Baldur ist nicht nur interessant, sondern brisant! Baldur, auch Balder genannt, war der Sohn eines Gottes. Der Vater opferte den Sohn. Der Sohn stieg hinab in den Leib der Mutter Hel, in die Unterwelt. Aus der Unterwelt würde der göttliche Sohn zur Götterdämmerung wieder empor auf die Erde steigen. So wie Balders göttlicher Vater Odin, so opferte der biblische Gott-Vater seinen Sohn Jesus. Und so wie Balder hinab ins Totenreich stieg, so fuhr auch Jesus hinab ins Reich der Toten, nur um wieder aufzuerstehen. (6)

Haupt des Sonnengötzen. Foto W-J.Langbein

Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass es so etwas wie einen Urglauben gibt, der in mehr oder minder variierenden Versionen zum Grundstock verschiedener Religionen wurde. Es gibt zweifelsohne den immer wieder auftauchenden »Messias«, den Retter. So wie die Natur in der Trocken oder Winterzeit scheinbar »stirbt«, so akzeptiert der »Messias« seine Opferrolle bereitwillig. So wie die Vegetation, und somit die Voraussetzung für jegliches Leben dahinschwindet, so kündigt sich auch der Opfertod des Messias an. Natürlich haben unsere Vorfahren den Zusammenhang zwischen Sonne und Leben in allen möglichen Formen erkannt. Natürlich haben sie den Sonnenzyklus verstanden, sie wussten von den Sommersonnenwenden. Am 21. Juni – zur Sommersonnenwende – steht die Sonne in ihrem Zenit, um dann tagtäglich an Kraft zu verlieren. So ist es kein Zufall, dass Balder als Sonnengott am 21. Juni getötet wird. Zur Wintersonnenwende wächst die Kraft der Sonne wieder, die »Wiederauferstehung« des Lebens – beginnend mit der kleinsten Pflanze – kündigt sich an. So ist es auch kein Zufall, dass fast genau zur Wintersonnenwende die Geburt von Jesus zelebriert wird.

Goldener Glanz der Sonne... Foto Walter-Jörg Langbein

So gab es die Opferung des Messias parallel zum »Sterben« der Natur und die »Auferstehung« des Messias parallel zum Wiedererstehen der Natur. Nach magischem Denken muss der Messias getötet werden, damit er zu neuem Leben erwachen kann… und mit ihm die Natur. Die Opferung des Messias hat seine Auferstehung zur Folge. Die Natur kann – nach magischem Denken – nur zu neuem Leben erwachen, wenn der Messias getötet wird, um wieder aufzuerstehen. Jesu Opfertod, Jesu Abstieg in die Unterwelt und neuerliche Auferstehung sind die christliche Version uralter Kulte um Sonnenkulte. Nach wie vor feiert man im Christentum zyklisch und alle Jahre wieder Geburt Jesu, Leben und Sterben Jesu, Auferstehung Jesu… Dieser Zyklus wiederholt sich immer wieder, Jahr für Jahr, so wie die Natur auch Jahr für Jahr »geboren wird«, »lebt«, »stirbt«, um wieder aufzuerstehen. Allerdings hat man im Christentum die Beziehung zwischen Messias und Natur vergessen oder verdrängt. Es geht offiziell nur noch um Leben und Auferstehung des Menschen, was durch Opfertod und Rückkehr des Messias ins Reich der Lebenden erst möglich wird.


Dank

Dr. Götz Ruempler, wohl einer der besten Kenner des Doms von Bremen, war äußerst hilfreich. Er nannte wichtige Quellen und schickte mir Fotokopien wichtiger Artikel. Ein herzliches Dankeschön geht an Dr. Ruempler! Ich möchte aber betonen, dass meine Gedanken zum Dom nicht mit Dr. Ruempler abgesprochen worden sind.

Paulus am Dom. Foto W-J.Langbein
Zu den Fotos:

(1) Das Foto entstand am 16. April 1939. Fotograf: unbekannt. Auf der Rückseite ist handschriftlich das Datum der Aufnahme vermerkt sowie der Hinweis »Portal des Doms u. Börse in Bremen (regnerisch)«.
(2) Das Quirlen mit der Schlange Vasuki wiki commons/ gemeinfrei

Alle übrigen Fotos stammen vom Verfasser. Das Copyright liegt wie immer bei Walter-Jörg Langbein!

Fußnoten

1) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 4 (Die Schreibweise wurde nicht der heutigen angepasst, sondern belassen!)
2) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
3) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 5
4) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 5
5) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
6) Siehe hierzu Waddell, Augustine: »Tibetian Buddhism«, New York 1972

267 »Mumien und eine geheimnisvolle Unterwelt«
Teil 267 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.03.2015



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