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Sonntag, 2. Dezember 2018

463 »Böse Drachen, gute Drachen«

Teil 463 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: 2 Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche

Der »Bund Sankt Michael« informiert auf seiner Internetseite » Das christliche Kulturerbe des schützenden und bewahrenden Dienstes« (1) über »Symbole und Zeichen des schützenden Dienstes im Christentum« (2). Da lesen wir, kurz und bündig: »Drachen und Schlangen sind Symbole für das Böse, das alles Wertvolle sowie den Menschen und seine Seele bedroht, sowie für allgemeine Lebensbedrohung.« Wenn der Drachen so negativ gesehen wird, warum wurden dann in der Krypta der Abdinghofkirche gleich acht Drachen an einem Säulenkapitell verewigt?

Der Drachen ist in der christlichen Theologie ein Symbol für das Böse, das zu bekämpfen gilt. Drachentöter werden in der sakralen Kunst sehr häufig gezeigt: als Heroen, die böse Untiere besiegen. Belege für die böse Natur der Drachen finden sich im Alten Testament! Was selbst eifrigen Bibellesern meist verborgen bleibt: Im Alten Testament finden sich versteckte Hinweise auf Drachen aus uralten, vorbiblischen Zeiten. Ein Drachen wird gar namentlich genannt. Und der muss als böse angesehen worden sein, denn sonst hätte ihn Gott ja nicht vernichtet. Laut Bibel war dieser Drachen älter als die Schöpfung! Und er war nach Ansicht der Bibelautoren, böse!

Foto 2: Zwei der acht Drachen...

Im Buch Hiob (3) wird dieser Sachverhalt kurz angesprochen: »Durch seine Kraft hat er (Gott) das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« In der babylonischen Mythologie ist Rahab ein Meeresdrachen namens Tiamat. Tiamat aber war eine der ältesten Gottheiten überhaupt, nämlich die große Meeresgöttin. Als »Tehom« tritt die Meeresgöttin auch im »Alten Testament« auf, allerdings nur im hebräischen Original, nicht in den Übersetzungen der christlichen Interpreten. Die Übersetzer wussten mit der uralten Göttin nichts anzufangen. Sie ließen sie hinter Umschreibungen verschwinden.

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.« So, oder so ähnlich, werden für gewöhnlich die ersten Sätze des »Alten Testaments« übersetzt. Korrekter ist die berühmte »Elberfelder Bibel«: »Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer und Finsternis war über der Tiefe.« Auch die Schlachter-Übersetzung bietet Finsternis, die über der Tiefe lag... wie auch schon die legendäre lateinische Übersetzung fast zwei Jahrtausende früher von »abyssus«, also von »Abgrund« spricht. Im hebräischen Original finden wir »Tehom«. 

Das alttestamentarische »tehom« weist auf die babylonische Meeresgöttin Tiamat, Mutter aller Götter und Göttinnen, hin! Tiamat ist noch ein weiteres Mal im Schöpfungsbericht der Bibel verborgen. Wo es in Übersetzungen heißt »Und die Erde war wüst und leer!«, da steht im Hebräischen »Tohuwabohu«, »Tohu und Bohu«. Auch »Tohu« geht auf den Meeresdrachen Tehom zurück. Mit »Bohu« könnte das männliche Pendant Behom, der männliche Erdgott, gemeint sein.

Foto 3: Haben diese Drachen eine Aufgabe?

Uralt ist die Legende vom »Drachenkönig und seinen Söhnen« in China. Wann sie zum ersten Mal erzählt wurde, das vermag niemand zu sagen. Es gab sie schon sehr, sehr lange in China, ja eigentlich schon »immer«. Waren die neun Söhne des Drachenkönigs zunächst anonym, so bekamen sie in der Ming Dynastie ihre Namen. Damals, so überliefert es die Legende, wollte der Kaiser von seinem General wissen, wie denn die Namen dieser mysteriösen Wesen lauteten. Der General wusste es nicht, erfuhr aber, dass die Namen dem Volk durchaus vertraut seien. Also machte er sich auf die Suche und fragte das Volk aus.

Wann der Drachenkönig wohl zum ersten Mal auftauchte? Das war schon viel früher, nämlich vor 6000 Jahren. Im Jahr 1970 fand man in einem Grab in der Nähe der Stadt Chifeng in der Inneren Mongolei in einem Grab eine Darstellung des Drachenkönigs, den die Entdecker Zhu Long nannten. Der Name rührt daher, dass einige Archäologen in dem mysteriösen Wesen einen Drachen (Long), andere ein Schwein (Zhu) sahen. Weil die Archäologen sich nicht auf einen Namen einigen konnten, verknüpften sie beide Bezeichnungen zu einem, zu Zhu Long. Autorenkollege und Chinaexperte Alexander Knörr schrieb mir per Mail (4): »Später dann fand man in weiten Teilen Chinas ähnliche Grabbeigaben, die alle, wie auch der erste Fund, aus der Zeit der Hong Shan Kultur und deren Ablegern stammten (9.000 bis 6.000 Jahre alt).«

Fotos 4 und 5: Sollen sie erschrecken oder behüten?

Wikipedia schreibt (5): »Das in der Mythologie Chinas häufig vorkommende Wesen (Drachen!) ist, im Gegensatz zu den europäischen Drachen, eher mit einer Gottheit als mit einem (böswilligen) Dämon zu vergleichen.« 

Ein heute noch sehr beliebter Drachenkönigssohn hatte eine spezielle Aufgabe zu erledigen. Er war – und ist –  dafür zuständig, dass die Geldströme nicht versiegen und das Einkommen ständig wächst. In China sieht man ihn als Statuette in Restaurants und anderen Geschäften. Um sich den Drachenkönigssohn gewogen zu machen, legt man Münzen um diese Statuetten. Das soll das Einkommen des Spenders steigern. Chinaexperte und Buchautor Alexander Knörr (6): »Die Schildkröte steht im Chinesischen immer für langes Leben. Sie soll in diesem Fall dem Besitzer der Figur ein langes Leben schenken, und der Sohn des Drachenkönigs ein gutes Einkommen bescheren.«

Wer genau hinsieht, wird bei »meinem« »Schildkrötendrachen« Münzen und »Schiffchen« mit einer Kugel darin erkennen. Alexander Knörr erklärte mir (7): »Bei den Schiffchen handelt es sich um eine frühe Form des chinesischen Münzgeldes. Das sogenannte Barrengeld. Während man alle normalen Einkäufe mit den runden, eckigen oder schwertförmigen Cash-Münzen bezahlte (deswegen auch der Name Cash für Geld), nahm man für größere Anschaffungen kleine Silberbarren in dieser speziellen Form.«

Foto 6: Chinesischer Schildkrötendrachen mit Münzen.

In der Welt der christlichen Symbolik haben Drachen wie die Schlange im Paradies eine negative Bedeutung, in der chinesischen Mythologie häufig eine positive. Wie sind die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche zu verstehen? »Paderborn.de« erklärt (9)»Das östliche Kapitell verfügt über den reichsten Schmuck. Das Tierkapitell zeigt acht Drachen mit geringeltem Hinterleib, Flügeln und einem kleinen Spitzbart am Kopf. Diese mythischen Drachen waren seit der Antike bis ins hohe Mittelalter Sinnbild für Naturkräfte, die hier vermutlich die Wasserquellen der Pader schützen sollten. Diese Schlangendrachen sind hier eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit.«

Im Blog »Museum in der Kaiserpfalz« (10) lesen wir etwas anderes (11): »Um die Paderquellen ranken sich Sagen und Legenden, u. a. die der Wasserdrachen. Die Krypta in der Abdinghofkirche besitzt ein Tierkapitell mit acht Drachen, welche als Metapher für die heilende Kraft der Natur die Paderquellen beschützt haben sollen und den Quellkeller bewohnen.«

Foto 7: Der Schatz des Schildkrötendrachen.

Die Säule mit den acht Drachen befindet sich ganz in der Nähe des Altars. Sie ist, das ergab meine Messung, nur 1,80 Meter hoch. An allen vier Seiten der Bündelsäule befinden sich schmale Reliefstreifen (Breite jeweils etwa 50 cm, Höhe jeweils etwa 10 cm). Ganz eindeutig sind die acht Fabelwesen als Drachen zu erkennen. Geringfügige Beschädigungen stören den Gesamteindruck nicht. So sind einige kleine Risse auszumachen. Zu erkennen sind auch, wenn man genau hinschaut, kleine Ausbesserungen. So fehlen winzige Teile der Reliefs. Auch sind an manchen Stellen die Umrisse der Drachen nur noch zu erahnen, was meiner Meinung nach für ein sehr hohes Alter der Darstellungen spricht. Unverkennbar sind die spitzen Bärte der Drachen. Sollte es sich um männliche Drachen handeln? Betrachtet man die detailreichen in den Stein geritzten Zeichnungen sehr sorgsam, so erkennt man Hinweise auf »Schuppen«, passend zu reptilienhaften Drachen.

Sollten die Quellen von Paderborn in heidnischen Zeiten als heilsam gegolten haben? Gab es einst in Paderborn ein heidnisches Quellheiligtum? Der Sage nach (12) wurden die Quellen einst von keinem Geringeren als vom höchsten Gott der heidnischen Sachsen, von Wotan alias Odin, geschaffen. Übrigens: Es gibt eine seltsame Parallele zwischen Jesus und Wotan! Nach christlichem Glauben ließ sich Jesus kreuzigen und vollzog damit ein Selbstopfer. Nach christlichem Verständnis brachte sich Gott als letztes Opfer selbst dar. So wie Jesus am Kreuz hing, so hängte sich Odin alias Wotan an den. Weltenbaum Yggdrasil.

Im »Geschichtsforum« (13) lesen wir im Kapitel »Paderborner Ortsnamen« (14): »Es gibt einige sagenhafte Hinweise auf den Fund heidnischer Opfergaben und die Quelle unter dem Gebäude der Kaiserpfalz gilt als heilig. Aber die Analyse von Sagen und Märchen hat bekanntlich ergeben, dass so ziemlich jedes Gewässer in der/den westgermanischen Religion/en als Zugang zum Jenseits galt.«»Böse« Drachen im Christentum, »gute Drachen« bei den »Alten Chinesen«.

Und welche Bedeutung haben die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche zu Paderborn?

Foto 8: Quellwasser unter der Kaiserpfalz.

Fußnoten
(1) https://bundsanktmichael.org/kultur/ (Stand 1.10.2018)
(2) https://bundsanktmichael.org/kultur/symbole-und-zeichen/ (Stand: 1.10.2018)
(3)  Buch Hiob Kapitel 26, Vers 12
(4) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 18.5.2016, 6 Uhr 45. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Long_(Mythologie) (Stand: 1.10.2018)
(6) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 29.1.2016
20 Uhr 29. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(7) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 12.5.2016, 15 Uhr 10. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(8) https://www.paderborn.de/index.php (Stand 1.10.2018)
(9) https://www.paderborn.de/tourismus-kultur/sehenswuerdigkeiten/Abdinghofkirche_Sehensw.php (Stand 1.10.2018) : »Abdinghofkirche St. Peter und Paul«, Stichwort »Krypta«
(10) https://www.kaiserpfalz-paderborn.de/blog
(11) https://www.kaiserpfalz-paderborn.de/blog/ganz-schoen-cool-der-unterirdische-quellkeller (Stand 1.10.2018)
(12) https://www.paderborn.de/veranstaltungen/events/sagen-legenden-erzaehlungen.php (Stand 1.10.2018)
(13) http://www.geschichtsforum.de/  (Stand 1.10.2018)
(14) http://www.geschichtsforum.de/thema/paderborner-ortsnamen.52493/ (Stand 1.10.2018)

Foto 9: Quellwasser unter altem Gemäuer (Kaiserpfalz)

Zu den Fotos:
Foto 1: 2 Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche. Foto/ Nachzeichnung Walter-Jörg Langbein
Foto 2: 2 der 8 Drachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Haben diese Drachen eine Aufgabe? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Sollen sie erschrecken oder behüten? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Chinesischer Schildkrötendrachen mit Münzen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Schatz des Schildkrötendrachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Quellwasser unter der Kaiserpfalz. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Quellwasser unter altem Gemäuer (Kaiserpfalz). Foto Walter-Jörg Langbein

464 »Drachen, Jungfrauen und ein himmlischer Fluss«,
Teil 464 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09.12.2018



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Sonntag, 1. Januar 2017

363 »Übergang zur Anderswelt«

Teil  363 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Im Vordergrund die Kaiserpfalz, im Hintergrund der Dom

Nur ein paar Schritte vom Eingang der »Bartholomäus-Kapelle« geht’s zum Eingang des Museums in der Kaiserpfalz. Hier hat Sachsenschlächter Karl der Große anno 776 einen Palast errichten lassen. Eine kräftig sprudelnde Wasserquelle bezog der Herrscher bei seinem Bauvorhaben natürlich mit ein. So war die Versorgung mit frischem Trinkwasser gewährleistet. Auf eine Kirche wollte der fromme Machtmensch nicht verzichten. So entstand neben dem weltlichen Palast ein relativ kleines Gotteshaus (Grundfläche 9 Meter x 20 Meter).

Karl der Große hasste Heidentum in jeder Form. Dem Machtpolitiker war klar, dass er rebellische Stämme am besten und wirkungsvollsten unterwerfen konnte, wenn er sie zur Aufgabe ihres alten Glaubens und zur Übernahme des christlichen Glaubens zwang. Ein schmerzhafter Dorn im Auge dürfte dem Regenten die Verehrung einer heiligen Quelle zu Paderborn gewesen sein. So vermerkte Georg Buschan in seinem Werk »Altgermanische Überlieferungen in Kult und Brauchtum der Deutschen« (1):

»Es wurde bereits an anderer Stelle erwähnt, daß in der Vorzeit Quellen mit der Verehrung von heiligen Pferden  in Verbindung standen. Eine solche heilige Quelle hat in germanischer Vorzeit auf dem Grund und Boden bestanden, wo der heutige Dom von Paderborn erbaut wurde. Die geschichtliche Überlieferung berichtet, daß Karl der Große diesen an der gleichen Stelle habe erbauen lassen, an der ein heidnisches Heiligtum gestanden habe, und die Legende fügt hinzu, daß unter ihm 500 Quellen entsprungen seien. Noch heute besteht als Erinnerung an den altgermanischen Kult der Brauch, daß die Fuhrleute ihre Pferde in die dortige Quelle, aus der seinerzeit Wodans heilige Rosse getränkt wurden, ziehen, da diese die wunderbare Eigenschaft besitzen soll, die Sehnen der Tiere zu stärken.«

Fotos 2 und 3: Interessante Führer zum Museum in der Kaiserpfalz

1964 wurden Spuren der alten Kaiserpfalz wieder entdeckt. Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe machten eine sensationelle Entdeckung. Unter meterhohem Schutt traten bei ihren Ausgrabungen große Teile der Kelleranlagen zutage. Und nicht nur das: Die über viele Jahrhunderte verschüttete Quelle konnte wiederbelebt werden.  Zu Zeiten Karls des Großen, also Ende des 8. Jahrhunderts, sprudelte sie wohl noch im Freien.

Im Jahr 1000 wütete ein Brand in Paderborn. Auch Karls Prachtbau wurde zerstört. Fünf Jahre später war es Bischof Meinwerk, der eine neue Pfalz bauen ließ. Im 13. Jahrhundert war der Palast baufällig, wurde wohl aufgegeben und stürzte irgendwann ein. Die Quelle verschwand unter Schutt und Trümmern. Sie versiegte. Heute sprudelt sie wieder die einst heilige Quelle – im Keller unter dem beeindruckenden »Museum in der Kaiserpfalz«.

Foto 4: Blick in die Bartholomäus-Kapelle

Es lohnt sich, das Museum neben der Bartholomäus-Kapelle zu besuchen. Wer nicht genügend Zeit für die zahlreichen Ausstellungsstücke hat, der sollte unbedingt in den Keller unter der Kaiserpfalz steigen. Er misst zehn mal sieben Meter. In der Mitte steht ein mächtiger Pfeiler. Eine Tür führte in einen angrenzenden Raum. Hier unten, unter der Pfalz, unter dem Niveau des Doms, kann man immer noch die Verehrung heiliger Quellen erahnen, ja erfühlen. Die stetig sprudelnde Quelle füllt die mysteriöse Unterwelt mit Wasser. Bis zu einer Höhe von eineinhalb Metern steht es im unterirdischen Gewölbe. Dezente Scheinwerfer unter der Wasseroberfläche lassen es in geheimnisvollem Türkis schimmern. Dabei ist es glasklar. Trinken sollte man es freilich in unseren Tagen nicht mehr. Wenn es draußen anhaltend regnet, dann führt das Quellwasser schlammige Anteile mit. Muffigen Geruch hatte ich erwartet, aber nicht angetroffen. Das Quellwasser steht aber auch nicht, es fließt aus dem Keller durch eine Maueröffnung ins Paderquellgebiet.

Foto 5: Treppe in die Unterwelt

Es lohnt sich, zunächst eine Treppe hinab in die »Unterwelt« zu steigen, dann einem schmalen Gang zu folgen. Und plötzlich steht man auf einem schmalen Vorsprung und blickt in den Quellkeller. Die Atmosphäre ist nicht wirklich zutreffend zu beschreiben. Karl der Große hat vermutlich vor mehr als 1200 Jahren aus dieser Quelle getrunken. Dabei dürfte es Karl nicht vordergründig um frisches Wasser gegangen sein. Er wollte vielmehr ein altes Quellheiligtum zur Wasserversorgung umfunktionieren. Wo einst – und wohl noch zu Karls Zeiten – Heiden kultische Handlungen verrichteten, entstand ein christliches Zentrum: die Pfalz des christlichen Herrschers nebst Kapelle und Kirche. Wasser spielte beim Bau von Kirchen und Klöstern immer eine wichtige Rolle (2).

Foto 6: Hier geht's zum Quellkeller

Priester wie Klosterbrüder wollten ja auch trinken. In vorchristlichen Zeiten freilich hatten Quellen eine tiefere, sprich religiöse Bedeutung. Heilige Göttinnen spendeten Wasser. Quellen waren Geschenke der Göttinnen und Göttinnen wurden in Quellheiligtümern verehrt. Die Archäologin Marija Gimbutas kommt zur Erkenntnis, dass die Heiligkeit lebenspendenden Wassers bereits in vorgeschichtlichen Zeiten für die Menschen fester Bestandteil ihres »heidnischen« Glaubens war. Gibutjas schreibt (3): »Die Mythen um Brunnen und warme Quellen lassen sich nicht vom Kult der lebenspendenden Göttin trennen. In der griechischen, römischen, keltischen und baltischen Überlieferung ist immer wieder von Göttinnen und Nymphen die Rede, die mit bestimmten Flüssen, Quellen und Brunnen in Verbindung stehen.«

Heidnische Quellheiligtümer wurden christianisiert, sprich überbaut. Alte Überlieferungen deuten darauf hin, dass die Quellen von Paderborn schon in vorchristlichen Zeiten von religiöser Bedeutung waren. Der Dom von Paderborn wurde auf derlei heilige Quellen gebaut. Und eine der Heiligen Quellen sprudelt noch heute im Keller der Pfalz beim Dom zu Paderborn. Just dort kam ich mit einem alten katholischen Geistlichen ins Gespräch, der mir bei einigen meiner zahlreichen Besuche der mysteriösen Stätten von Paderborn schon mehrfach begegnet war. »Haben Sie nicht neulich in der Krypta des Doms fotografiert?«, wollte der freundliche alte Herr von mir wissen. Ich bejahte. »Was interessiert Sie denn so besonders in der Krypta?«

Foto 7: Im Gewölbe des Quellkellers

Nach kurzem Zögern antwortete ich: »Die seltsamen Schnitzwerke an den Bankenden!« Der Geistliche riet mir: »Besuchen Sie doch auch die Krypta in der Abdinghof-Kirche«. Die sei ungefähr so alt wie der Dom. Und auch da gebe es an steinernen Säulenkapitellen ganz ähnliche Darstellungen. »Einige der Darstellungen erinnern doch sehr an Drachen!«, trug ich kundig vor. »Aber was haben diese Fabelwesen mit christlichen Gotteshäusern zu tun?« Erstaunliches sollte ich aus dem Mund des geistlichen erfahren. »Thales aus Milet (4) behauptete, Ursprung und Ende des Alls sei das Wasser. Wächter des Wassers waren die Drachen! Das ist altes heidnisches Glaubensgut, das zu Zeiten von Karl dem Großen keineswegs vergessen war! In der Krypta der Abdinghofkirche finden Sie Darstellungen von diesen Drachen!«


Fotos 8 und 9: Geheimnisvolle »Unterwelt«
Wasser, so der Geistliche, sei ein universales »Sinnbild« für die Göttin. Die Urgöttin habe alles aus sich hervorgebracht, habe alles geboren. »Das ›Wasser‹ steht für die ›Urmutter‹, aus der alles hervorgeht. Drachen hüten das Geheimnis des Wassers…« Joseph Campbell (1904-1987) schreibt im ersten Band seines monumentalen Werkes (5) über »Die Masken Gottes« (6): »Das Wasser überträgt die Kraft der Göttin; aber gleichermaßen ist sie es, die das Geheimnis des Wassers personifiziert, das Wasser der Geburt und der Auflösung – sei es des Einzelnen oder des Weltalls.«

Barbara Hutzl-Ronge, 1963 in Österreich geboren, lebt als freischaffende Autorin in Zürich. Sie gilt als eine der profundesten Kennerinnen alpiner Sagen, christlicher Legenden sowie vorchristlicher Mythen und Symbole. Sie hat sich intensiv mit der mythologischen Bedeutung von Quellen auseinandergesetzt und ein fundamentales Werk zur spannenden Thematik verfasst (7), betitelt »Quellgöttinnen, Flußheilige, Meerfrauen«. Sie schreibt (8): »Die Verehrung von Quellen kommt bei den KeltInnen besondere Bedeutung zu. Wie andere Völker auch verehrten die KeltInnen Göttinnen aus Dank für das kostbare Wasser. Darüber hinaus waren sie überzeugt, Quellen stellten den Übergang und somit die wichtigste Kontaktstelle zur Anderswelt dar. Die Quellverehrung läßt sich in keltisch besiedeltem Gebiet bis in frühgeschichtliche Zeit belegen.«

Foto 10: Geheimnisvoll leuchtet das Wasser

Unzählige Heiligenlegenden berichten, wie zum Beispiel die drei heiligen Jungfrauen auf wundersame Weise in Zeiten schrecklicher Dürre erquickendes Wasser aus der Erde sprudeln lassen (9). Karl Weinhold merkt sachkundig an (10): »Wo ein kirchliches Wunder das Wasser hervorruft, tritt die Naturmythe ganz zurück.« Die einst hochverehrten Quellgöttinnen wurden von der theologischen Obrigkeit nicht mehr geduldet. Da sie sich nicht einfach per Dekret aus dem Volksglauben verbannen ließen, wurden sie degradiert (11): »Sie wurden zu Truden und Hexen herabgedrückt, die ihre Versammlungen an den Quellen halten. Oder gar … zu schwarzen Heiden.«

Im kryptaartigen Quellkeller  mit seinen Gewölben, die sich im Wasser spiegeln, würden unsere keltischen Vorfahren so etwas wie einen Übergang in jenseitige Welten sehen. Auf mich machte die Stätte einen mystisch-geheimnisvollen Eindruck, den ich nicht in Worte kleiden kann. Dort unten würde es mich nicht übermäßig wundern, wenn ich plötzlich einem leibhaftigen lebenden Zeitgenossen Karls des Großen gegenüberstünde. Der Raum regt zum Nachdenken wie zum Träumen an.

Foto 11: Aus dieser Quelle trank Karl der Große

Die Ausführungen des alten Herrn im Quellkeller unter dem Kaiserpalast waren alles andere als typisch christlich, also recht interessant. So machte ich mich im Keller der Abdinghofkirche auf die Suche nach Drachen. Es dauerte etwas, denn die Lichtverhältnisse sind bescheiden. Ich wurde aber trotzdem fündig: in verschiedene Säulenkapitelle wurden sie von unbekannten Künstlern eingeschnitzt. Die »Drachen« sind nicht wirklich dreidimensional gestaltet, sie sind flach und erinnern mich an die Scharrbilder Englands. Auch da wurden einst Drachenbilder – allerdings riesengroß – geschaffen. Man hat Gras und Erdreich abgetragen bis man darunter auf weißen Kalkstein stieß und so wurden Konturen von Riesen, Pferden und auch Drachen sichtbar. Die »Drachen« von Paderborn wie jene aus Südengland wirken stilisiert.


Foto 12: Drache oder Pferd?

Die Riesendrachen von England erinnern manchmal an Pferde. Das mag daran liegen, dass die Riesenbilder im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder überarbeitet wurden. Waren es Kelten, die stilisierte Drachen in Riesengröße in den Boden scharrten? Hatten die Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche keltische Vorbilder?


Fußnoten
1) Buschan, Georg: »Altgermanische Überlieferungen in Kult und Brauchtum der Deutschen«, München 1936, S.114, Zeilen 4-16 von oben
2) Legler, Rolf: »Tempel des Wassers/ Brunnen und Brunnenhäuser in den
Klöstern Europas«, Stuttgart 2005
3) Gimbutjas, Marija: »Die Sprache der Göttin«, 2. Auflage, Frankfurt 1996, S. 43
4) Thales von Milet, * um 624 v. Chr.; † um 547 v. Chr.
5) Campbell, Joseph: »Die Masken Gottes«, 4 Bände, München 1996
6) Campbell, Joseph: »Mythologie der Urvölker/ Die Masken Gottes«, Basel 1991, Seite 82, Zeilen 1-3 von unten
7) Hutzl-Ronge, Barbara: »Quellgöttinnen, Flußheilige, Meerfrauen«, München 
     2002
8) ebenda, Seite 32 ganz oben, 1 Druckfehler wurde korrigiert, ansonsten habe ich die Rechtschreibung unverändert übernommen, also nicht der Rechtschreibreform angepasst. So blieb das altehrwürdige ß erhalten.
9) Göttner-Abendroth, Heide (Hrsg.): »Mythologische Landschaft Deutschland«,
     Bern 1999, Weinhold, Karl: »Die Verehrung der Quellen«, Seiten 14-36
10) ebenda, Seite 15, Zeilen 21 und 20 von unten
11) ebenda, Seite 19, Zeilen 8-6 von unten

Foto 13: Der Legende nach steht der Dom auf einer Heiligen Quelle

Zur weiterführenden Lektüre empfohlen:

Wolfgang Bauer, Wolfgang und Sergius Golowin, Golowin: »Heilige Quellen,
     Heilende Brunnen«, Saarbrücken 2009
Göttner-Abendroth, Heide: »Mythologische Landschaft Deutschland«, Bern
     1999
Muthmann, Friedrich: »Mutter und Quelle. Studien zur Quellenverehrung im
     Altertum und im Mittelalter«, Basel  und Mainz 1975
Näsström, Britt-Marie und Teegen, Wolf-Rüdiger: »Quellheiligtümer und
     Quellkult«, erschienen in: »Reallexikon der Germanischen Altertumskunde«, 2.
     Auflage., Band 24, S. 15–29 Berlin und New York 2003

Foto 14: Blick zum Dom, bei Regen.

Zu den Fotos

Foto 1: Im Vordergrund die Kaiserpfalz, im Hintergrund der Dom. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 2 und 3: Interessante Führer zum Museum in der Kaiserpfalz. Archiv Langbein.
Foto 4: Blick in die Bartholomäus-Kapelle
Foto 5: Treppe in die Unterwelt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Hier geht's zum Quellkeller. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Im Gewölbe des Quellkellers. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Geheimnisvolle »Unterwelt«. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Geheimnisvoll leuchtet das Wasser. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Aus dieser Quelle trank Karl der Große. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Drache oder Pferd? Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Der Legende nach steht der Dom auf einer Heiligen Quelle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 14: Blick zum Dom, bei Regen. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 15: Der Dom vor 100 Jahren. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 15: Der Dom vor 100 Jahren

364 »Vom Ochsenkopf zur unverwüstbaren Maria«,
Teil  364 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.01.2017



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