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Sonntag, 2. Dezember 2018

463 »Böse Drachen, gute Drachen«

Teil 463 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: 2 Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche

Der »Bund Sankt Michael« informiert auf seiner Internetseite » Das christliche Kulturerbe des schützenden und bewahrenden Dienstes« (1) über »Symbole und Zeichen des schützenden Dienstes im Christentum« (2). Da lesen wir, kurz und bündig: »Drachen und Schlangen sind Symbole für das Böse, das alles Wertvolle sowie den Menschen und seine Seele bedroht, sowie für allgemeine Lebensbedrohung.« Wenn der Drachen so negativ gesehen wird, warum wurden dann in der Krypta der Abdinghofkirche gleich acht Drachen an einem Säulenkapitell verewigt?

Der Drachen ist in der christlichen Theologie ein Symbol für das Böse, das zu bekämpfen gilt. Drachentöter werden in der sakralen Kunst sehr häufig gezeigt: als Heroen, die böse Untiere besiegen. Belege für die böse Natur der Drachen finden sich im Alten Testament! Was selbst eifrigen Bibellesern meist verborgen bleibt: Im Alten Testament finden sich versteckte Hinweise auf Drachen aus uralten, vorbiblischen Zeiten. Ein Drachen wird gar namentlich genannt. Und der muss als böse angesehen worden sein, denn sonst hätte ihn Gott ja nicht vernichtet. Laut Bibel war dieser Drachen älter als die Schöpfung! Und er war nach Ansicht der Bibelautoren, böse!

Foto 2: Zwei der acht Drachen...

Im Buch Hiob (3) wird dieser Sachverhalt kurz angesprochen: »Durch seine Kraft hat er (Gott) das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« In der babylonischen Mythologie ist Rahab ein Meeresdrachen namens Tiamat. Tiamat aber war eine der ältesten Gottheiten überhaupt, nämlich die große Meeresgöttin. Als »Tehom« tritt die Meeresgöttin auch im »Alten Testament« auf, allerdings nur im hebräischen Original, nicht in den Übersetzungen der christlichen Interpreten. Die Übersetzer wussten mit der uralten Göttin nichts anzufangen. Sie ließen sie hinter Umschreibungen verschwinden.

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.« So, oder so ähnlich, werden für gewöhnlich die ersten Sätze des »Alten Testaments« übersetzt. Korrekter ist die berühmte »Elberfelder Bibel«: »Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer und Finsternis war über der Tiefe.« Auch die Schlachter-Übersetzung bietet Finsternis, die über der Tiefe lag... wie auch schon die legendäre lateinische Übersetzung fast zwei Jahrtausende früher von »abyssus«, also von »Abgrund« spricht. Im hebräischen Original finden wir »Tehom«. 

Das alttestamentarische »tehom« weist auf die babylonische Meeresgöttin Tiamat, Mutter aller Götter und Göttinnen, hin! Tiamat ist noch ein weiteres Mal im Schöpfungsbericht der Bibel verborgen. Wo es in Übersetzungen heißt »Und die Erde war wüst und leer!«, da steht im Hebräischen »Tohuwabohu«, »Tohu und Bohu«. Auch »Tohu« geht auf den Meeresdrachen Tehom zurück. Mit »Bohu« könnte das männliche Pendant Behom, der männliche Erdgott, gemeint sein.

Foto 3: Haben diese Drachen eine Aufgabe?

Uralt ist die Legende vom »Drachenkönig und seinen Söhnen« in China. Wann sie zum ersten Mal erzählt wurde, das vermag niemand zu sagen. Es gab sie schon sehr, sehr lange in China, ja eigentlich schon »immer«. Waren die neun Söhne des Drachenkönigs zunächst anonym, so bekamen sie in der Ming Dynastie ihre Namen. Damals, so überliefert es die Legende, wollte der Kaiser von seinem General wissen, wie denn die Namen dieser mysteriösen Wesen lauteten. Der General wusste es nicht, erfuhr aber, dass die Namen dem Volk durchaus vertraut seien. Also machte er sich auf die Suche und fragte das Volk aus.

Wann der Drachenkönig wohl zum ersten Mal auftauchte? Das war schon viel früher, nämlich vor 6000 Jahren. Im Jahr 1970 fand man in einem Grab in der Nähe der Stadt Chifeng in der Inneren Mongolei in einem Grab eine Darstellung des Drachenkönigs, den die Entdecker Zhu Long nannten. Der Name rührt daher, dass einige Archäologen in dem mysteriösen Wesen einen Drachen (Long), andere ein Schwein (Zhu) sahen. Weil die Archäologen sich nicht auf einen Namen einigen konnten, verknüpften sie beide Bezeichnungen zu einem, zu Zhu Long. Autorenkollege und Chinaexperte Alexander Knörr schrieb mir per Mail (4): »Später dann fand man in weiten Teilen Chinas ähnliche Grabbeigaben, die alle, wie auch der erste Fund, aus der Zeit der Hong Shan Kultur und deren Ablegern stammten (9.000 bis 6.000 Jahre alt).«

Fotos 4 und 5: Sollen sie erschrecken oder behüten?

Wikipedia schreibt (5): »Das in der Mythologie Chinas häufig vorkommende Wesen (Drachen!) ist, im Gegensatz zu den europäischen Drachen, eher mit einer Gottheit als mit einem (böswilligen) Dämon zu vergleichen.« 

Ein heute noch sehr beliebter Drachenkönigssohn hatte eine spezielle Aufgabe zu erledigen. Er war – und ist –  dafür zuständig, dass die Geldströme nicht versiegen und das Einkommen ständig wächst. In China sieht man ihn als Statuette in Restaurants und anderen Geschäften. Um sich den Drachenkönigssohn gewogen zu machen, legt man Münzen um diese Statuetten. Das soll das Einkommen des Spenders steigern. Chinaexperte und Buchautor Alexander Knörr (6): »Die Schildkröte steht im Chinesischen immer für langes Leben. Sie soll in diesem Fall dem Besitzer der Figur ein langes Leben schenken, und der Sohn des Drachenkönigs ein gutes Einkommen bescheren.«

Wer genau hinsieht, wird bei »meinem« »Schildkrötendrachen« Münzen und »Schiffchen« mit einer Kugel darin erkennen. Alexander Knörr erklärte mir (7): »Bei den Schiffchen handelt es sich um eine frühe Form des chinesischen Münzgeldes. Das sogenannte Barrengeld. Während man alle normalen Einkäufe mit den runden, eckigen oder schwertförmigen Cash-Münzen bezahlte (deswegen auch der Name Cash für Geld), nahm man für größere Anschaffungen kleine Silberbarren in dieser speziellen Form.«

Foto 6: Chinesischer Schildkrötendrachen mit Münzen.

In der Welt der christlichen Symbolik haben Drachen wie die Schlange im Paradies eine negative Bedeutung, in der chinesischen Mythologie häufig eine positive. Wie sind die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche zu verstehen? »Paderborn.de« erklärt (9)»Das östliche Kapitell verfügt über den reichsten Schmuck. Das Tierkapitell zeigt acht Drachen mit geringeltem Hinterleib, Flügeln und einem kleinen Spitzbart am Kopf. Diese mythischen Drachen waren seit der Antike bis ins hohe Mittelalter Sinnbild für Naturkräfte, die hier vermutlich die Wasserquellen der Pader schützen sollten. Diese Schlangendrachen sind hier eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit.«

Im Blog »Museum in der Kaiserpfalz« (10) lesen wir etwas anderes (11): »Um die Paderquellen ranken sich Sagen und Legenden, u. a. die der Wasserdrachen. Die Krypta in der Abdinghofkirche besitzt ein Tierkapitell mit acht Drachen, welche als Metapher für die heilende Kraft der Natur die Paderquellen beschützt haben sollen und den Quellkeller bewohnen.«

Foto 7: Der Schatz des Schildkrötendrachen.

Die Säule mit den acht Drachen befindet sich ganz in der Nähe des Altars. Sie ist, das ergab meine Messung, nur 1,80 Meter hoch. An allen vier Seiten der Bündelsäule befinden sich schmale Reliefstreifen (Breite jeweils etwa 50 cm, Höhe jeweils etwa 10 cm). Ganz eindeutig sind die acht Fabelwesen als Drachen zu erkennen. Geringfügige Beschädigungen stören den Gesamteindruck nicht. So sind einige kleine Risse auszumachen. Zu erkennen sind auch, wenn man genau hinschaut, kleine Ausbesserungen. So fehlen winzige Teile der Reliefs. Auch sind an manchen Stellen die Umrisse der Drachen nur noch zu erahnen, was meiner Meinung nach für ein sehr hohes Alter der Darstellungen spricht. Unverkennbar sind die spitzen Bärte der Drachen. Sollte es sich um männliche Drachen handeln? Betrachtet man die detailreichen in den Stein geritzten Zeichnungen sehr sorgsam, so erkennt man Hinweise auf »Schuppen«, passend zu reptilienhaften Drachen.

Sollten die Quellen von Paderborn in heidnischen Zeiten als heilsam gegolten haben? Gab es einst in Paderborn ein heidnisches Quellheiligtum? Der Sage nach (12) wurden die Quellen einst von keinem Geringeren als vom höchsten Gott der heidnischen Sachsen, von Wotan alias Odin, geschaffen. Übrigens: Es gibt eine seltsame Parallele zwischen Jesus und Wotan! Nach christlichem Glauben ließ sich Jesus kreuzigen und vollzog damit ein Selbstopfer. Nach christlichem Verständnis brachte sich Gott als letztes Opfer selbst dar. So wie Jesus am Kreuz hing, so hängte sich Odin alias Wotan an den. Weltenbaum Yggdrasil.

Im »Geschichtsforum« (13) lesen wir im Kapitel »Paderborner Ortsnamen« (14): »Es gibt einige sagenhafte Hinweise auf den Fund heidnischer Opfergaben und die Quelle unter dem Gebäude der Kaiserpfalz gilt als heilig. Aber die Analyse von Sagen und Märchen hat bekanntlich ergeben, dass so ziemlich jedes Gewässer in der/den westgermanischen Religion/en als Zugang zum Jenseits galt.«»Böse« Drachen im Christentum, »gute Drachen« bei den »Alten Chinesen«.

Und welche Bedeutung haben die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche zu Paderborn?

Foto 8: Quellwasser unter der Kaiserpfalz.

Fußnoten
(1) https://bundsanktmichael.org/kultur/ (Stand 1.10.2018)
(2) https://bundsanktmichael.org/kultur/symbole-und-zeichen/ (Stand: 1.10.2018)
(3)  Buch Hiob Kapitel 26, Vers 12
(4) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 18.5.2016, 6 Uhr 45. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Long_(Mythologie) (Stand: 1.10.2018)
(6) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 29.1.2016
20 Uhr 29. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(7) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 12.5.2016, 15 Uhr 10. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(8) https://www.paderborn.de/index.php (Stand 1.10.2018)
(9) https://www.paderborn.de/tourismus-kultur/sehenswuerdigkeiten/Abdinghofkirche_Sehensw.php (Stand 1.10.2018) : »Abdinghofkirche St. Peter und Paul«, Stichwort »Krypta«
(10) https://www.kaiserpfalz-paderborn.de/blog
(11) https://www.kaiserpfalz-paderborn.de/blog/ganz-schoen-cool-der-unterirdische-quellkeller (Stand 1.10.2018)
(12) https://www.paderborn.de/veranstaltungen/events/sagen-legenden-erzaehlungen.php (Stand 1.10.2018)
(13) http://www.geschichtsforum.de/  (Stand 1.10.2018)
(14) http://www.geschichtsforum.de/thema/paderborner-ortsnamen.52493/ (Stand 1.10.2018)

Foto 9: Quellwasser unter altem Gemäuer (Kaiserpfalz)

Zu den Fotos:
Foto 1: 2 Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche. Foto/ Nachzeichnung Walter-Jörg Langbein
Foto 2: 2 der 8 Drachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Haben diese Drachen eine Aufgabe? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Sollen sie erschrecken oder behüten? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Chinesischer Schildkrötendrachen mit Münzen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Schatz des Schildkrötendrachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Quellwasser unter der Kaiserpfalz. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Quellwasser unter altem Gemäuer (Kaiserpfalz). Foto Walter-Jörg Langbein

464 »Drachen, Jungfrauen und ein himmlischer Fluss«,
Teil 464 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09.12.2018



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Sonntag, 7. Dezember 2014

255 »Ketzerisches von einem Theologen«

»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 4«
Teil 255 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Die Hände des greisen Theologen zitterten. Es kostete ihn viel Kraft, den schweren Folianten aus dem Regal zu ziehen. Er wuchtete den kostbaren Band auf  den niedrigen Tisch und schlug zielsicher eine Seite auf. Mit knochiger Hand deutete er auf eine handkolorierte Abbildung. »Uraltes Wissen wird seit Ewigkeiten von Generation zu Generation weitergereicht, allen Zensoren zum Trotz!«

Nach einer kurze Pause setze der alte Herr fort: »Die Altvorderen glaubten, dass Gott oder die Götter über die Kraft der Magie verfügten und so die schrecklichsten Wesen schaffen konnten!  Mit der christlichen Theologie war natürlich ein solches Gottesbild nicht mehr vereinbar!«

Schöpfung nach Koberger. Foto Archiv W-J.Langbein

Mit einer fahrigen Handbewegung brachte er mich zum Schweigen. »Die Schöpfung Gottes war viel umfangreicher als uns das geschriebene Wort der biblischen Schriften glauben machen möchte. Es gab sicher auch deutliche Hinweise auf andere Kreaturen wie den Behemoth im ›Alten Testament‹, aber die wurden von eifrigen Zensoren gelöscht! Und doch wurde verbotenes Wissen weitergegeben!«

Wie das denn geschehen sei, warf ich fragend ein. »Meist haben begnadete Künstler vermeintlich nur biblische Texte illustriert. Und dabei mehr gezeigt als die Zensoren erkannt haben. In Drucken Kobergers aus dem späten 15. Jahrhundert sei die Schöpfung Gottes zu sehen gewesen, wie Eva aus der Seite Adams geschaffen worden sei, meinte der altehrwürdige ehemalige Professor der Theologie in seiner kleinen Wohnung im fränkischen Nürnberg.

Seite aus einer Koberger Bibel. Foto W-J.Langbein
»Da waren, oft innig fein und klein, während des Schöpfungsakts andere Lebewesen präsent, in den Meeren, zum Beispiel. Das waren die Drachen der Urzeit!« Der gelehrte Mann schlurfte wieder zu einem Bücherregal, das unter der Last dickleibiger Bände zusammenzubrechen drohte. »Haben Sie schon von Abt St. Brendanus gehört?« Stolz antwortete ich: »Brendan lebte Ende des fünften Jahrhunderts nach Christus, starb um 580. Manche behaupten, dass er ein Jahrtausend vor Kolumbus Amerika entdeckt hat, in einem erstaunlich kleinen Boot, zusammen mit einigen Mönchen aus seinem Kloster.«

Der alte Herr öffnete einen weiteren Folianten. »Ja, das stimmt! Im Mittelalter hat sich die gelehrte Welt intensiv mit den Seereisen des  Odysseus aus Irland beschäftigt. Mitte des vierzehnten Jahrhunderts entstanden – vermutlich im Böhmischen – Zeichnungen zu Brendans…«

St. Brendans Fabelwesen... Foto Archiv W-J.Langbein

Der Theologe deutete auf eine fleckige Zeichnung. »Sie können den Druck ruhig in die Hand nehmen…«, ermutige mich der Professor Emeritus. »Es ist eine Reproduktion,  kein Original!« Aufmerksam studierte ich die Skizze. »Das Original dürfte 1350, vielleicht 1360 entstanden sein!«, höre ich den einstigen Theologieprofessor mit brüchiger Stimme erklären. »Was sehen Sie?« Ich zögere, druckse herum. »Da ist ein, ein... Fabelwesen abgebildet. Es hat den Hinterleib eines Löwen, auch die Hinterbeine eines Löwen. Das Vorderteil passt nicht so recht dazu. Da sind Flügel, Beine und Kopf eines Greifvogels. Die Ohren passen wieder nicht so recht zum mächtigen Schnabel…«

Damals hatte ich keine Ahnung, dass ich Jahrzehnte später am Paradiestor zu Paderborn ganz ähnliche Kreaturen entdecken würde, Mischwesen aus dem Horrorkabinett eines mythologischen Frankenstein der Vorgeschichte, die so gar nicht in einen christlichen Zusammenhang zu passen schienen. Heute weiß ich, dass viele, ja unzählige Kuriosa und Monstrositäten in und an christlichen Gotteshäusern zu finden sind. Man muss nur bereit sein, sie zu sehen, sonst übergeht man sie allzuleicht.

»Und wie nennt man diese Kreatur?« Ich zögerte. »Es könnte sich um den Vogel Greif handeln…« Der Greis nickte. »Aber was sind Namen? Schall und Rauch! Jahrtausende alte Überlieferungen berichten von monströsen Wesen, die einst von den Göttern geschaffen wurden. Dazu gehörte einst auch der Vogel Greif!« Ich machte wohl ein in den Augen des Gelehrten unpassendes Gesicht.

Fabelwesen von Paderborn, Sphinx oder Pergasus?
Foto W-J.Langbein

»Sie müssen sich vom Gedanken verabschieden, dass die sogenannte heidnische Welt von der christlichen abgelöst wurde und spurlos verschwand! Uraltes heidnisches Wissen lebte in christlicher Kunst weiter, bis in unsere Tage! Diese Kunstwerke wären von christlichen Bilderstürmern schon längst vernichtet worden, hätte man die heidnischen Darstellungen nicht auch christlich interpretieren können! Vergessen Sie aber einfach die Erklärungen wie ›Flügel des Glaubens‹, ›Stärke Jesu‹ oder › Macht der Kirche‹!«

Jahrzehnte sind seit jenem Gespräch mit dem Professor in Nürnberg vergangen. Immer wenn ich den Dom zu Paderborn besuche, muss ich daran zurückdenken, besonders auch an die alten Drucke aus vergangenen Jahrhunderten! Der »Vogel Greif« aus Illustrationen zum Reisebericht des Heiligen Brendan ähnelt der einen oder der anderen Kreatur vom Relief am Paradiestor zu Paderborn. Dort gibt es unterschiedliche »Mischungen« unterschiedlichster Tierarten, Wesen mit Stierkopf , Menschenkopf, Schafs- oder Eselskopf, aber auch solche mit Vogelköpfen, die in der Literatur als »Vogel Greif« bezeichnet werden.  Zumindest eine der Kreaturen vom Paradiesportal hat Pferdehufe… und erinnert somit an den mystischen Pegasus aus der griechischen Mythologie. Pegasos war nach alter Überlieferung ein Wundertier und hat »mit seinem Hufschlag die Quelle Hippokrene auf dem Musenberg Helikon« (1) geöffnet.

Stier oder Stierpferd von Paderborn.
Foto W-J.Langbein

Ein solcher Pegasus passt sehr gut nach Paderborn, steht doch der beeindruckende Dom auf einigen der wichtigsten Quellen der Pader. Eben diese Quellen des Flüsschens Pader haben ja dem Ort den Namen gegeben! Älter als der heutige Dom ist die sogenannte »Bartholomäus-Kapelle«, wenige Meter vom »roten Tor« entfernt. Zuvor hat es hier ein heidnisches Heiligtum gegeben, das auf Befehl des unsäglichen Karl, der Große genannt, zerstört wurde. Reste einer vorchristlichen Inschrift weisen darauf hin, dass da einem »Drachen« Pferdeopfer dargebracht wurden. Wir sind auf Spekulationen angewiesen. Wurde in Paderborn ursprünglich eine weibliche Quellgottheit verehrt und angebetet? Der Drache steht gewöhnlich für die ins Negative gezerrte Göttin, die vor den patriarchalischen Herrschern den Himmel regierte.

Hörner am Kopf, Hufe an den Füßen. Foto W-J.Langbein

Der mythologische Pegasos hat die heilige Quelle Hippokrene geöffnet, so heißt es. In Paderborn soll es Wodan alias Wotan alias Odin gewesen sein, der einst die Quellen der Pader zum Sprudeln brachte. »Wie das Wunderpferd Pegasus hat auch das magische Pferd Wotans, Sleipnir, heilige Quellen aufgetan! Sie sehen also, dass die Geschichte Paderborns weit ins Heidentum zurückreicht!«, erfuhr ich von meinem gelehrten Gesprächspartner, der als Professor staubtrockene lutherische Theologie gelehrt hatte.  Seine Gedanken über verdrängtes Wissen aus uralten Quellen behielt er sonst strikt für sich.

Mein Gesprächspartner, ein einst angesehener Kirchenhistoriker, händigte mir ein altes Schwarzweißfoto einer auf einem Thron sitzenden »Madonna« aus. Außerdem gab er mir einen handgeschriebenen Bericht zum Lesen, der im Ersten Weltkrieg verfasst worden war (2). Demnach befand sich vor rund einem Jahrtausend im Vorgängerbau des Doms zu Paderborn eine Heiligenfigur der besonderen Art. Die »Mutter Gottes«, die auch eine ägyptische Muttergottheit darstellen könnte, war aus Lindenholz geschnitzt und trug ursprünglich eine »Bekleidung aus Metall«. Irgendwann wurde die Metallhülle, warum auch immer, entfernt. Offenbar war diese verschwundene Hülle mit Nägeln an der Heiligenfigur befestigt, deren Spuren vor rund einem Jahrhundert noch zu erkennen waren.

Foto Archiv W-J.Langbein
 Untersuchungen jüngeren Datums indes ergaben, dass die Holzfigur bunt bemalt war, sie war dann – vermutlich beim Brand des Doms anno 1058 –  einem Feuer ausgesetzt und wurde dann mit vergoldetem Kupferblech umhüllt. Die goldglänzende Außenhülle wurde allerdings wahrscheinlich schon bald wieder entfernt.

Sollte eine »heidnische« Göttin als Vorbild für die fast lebensgroße Marienfigur gedient haben? Ja wurde womöglich ein vorchristliches Göttinnenbild in eine den christlichen Theologen genehme Maria umgestaltet? Vor Jahrzehnten, als ich evangelisch-lutherische Theologie studierte, hielt ich derlei Gedanken für ketzerisch. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, dass es in christlichen Kirchen nur christliche Kunst gab. Nach und nach aber dämmerte es mir, dass die junge christliche Kirche mit Vorliebe Bilder der heidnischen Konkurrenz übernahm, um so größere Chancen bei den Anhängerinnen und Anhängern der älteren Kulte zu haben. Gerade in der frühen Geschichte der christlichen Kirche war die Entwicklung des Christentums zur größten Weltreligion alles andere als selbstverständlich. Die religiöse Geschichte der Welt hätte einen völlig anderen Verlauf nehmen können.

Wer offenen Auges durch die Kirchen Europas geht, entdeckt vieles, was man an solchen Orten wirklich nicht erwartet….

Ausblick auf Folge 256... Foto Langbein
Fußnoten

1) Biedermann, Hans: »Knaurs Lexikon der Symbole«, München 1989, siehe Stichwort »Pegasus«, S. 327 rechts unten
2) Handschriftliche Kopie eines Untersuchungsberichts, unbekannter Verfasser,
1916 oder 1917 erschienen. Das Manuskript liegt dem Verfasser leider nicht mehr vor.




»Odysseus und das Monster ... in der Kirche« 
»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 5«
Teil 256 der Serie 
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 14.12.2014



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